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Der Engel in der Hosentasche

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. 1. Kapitel
  8. 2. Kapitel
  9. 3. Kapitel
  10. 4. Kapitel
  11. 5. Kapitel
  12. 6. Kapitel
  13. 7. Kapitel
  14. 8. Kapitel
  15. 9. Kapitel
  16. 10. Kapitel
  17. 11. Kapitel
  18. 12. Kapitel
  19. 13. Kapitel
  20. 14. Kapitel
  21. 15. Kapitel
  22. 16. Kapitel
  23. 17. Kapitel
  24. 18. Kapitel
  25. 19. Kapitel
  26. 20. Kapitel
  27. 21. Kapitel
  28. 22. Kapitel

Über die Autorin

Ilene Cooper ist Kinderbuchredakteurin bei dem US-amerikanischen Magazin »Booklist«. Sie hat bereits über dreißig Romane, Bilderbücher und Sachbücher verfasst. Ilene Cooper lebt und arbeitet in Chicago und liebt nichts so sehr wie Bücher.

1 .

Kapitel

Muenze.tif

Auf Bette Millers Küchentisch lag ein Haufen Geld. Es war hauptsächlich Kleingeld, doch zwischen den Münzen erspähte Bette zerknitterte Ein-Dollar-Scheine, sogar einige Fünfer- und Zehnernoten.

Bevor sie sich ernsthaft ans Zählen machte, nahm sie eine Handvoll Silbermünzen und ließ sie durch die Finger rieseln. Sie hatte Spaß an dem satten Klang, den die Münzen verursachten, als sie auf das Kleingeld herunterfielen, er gab ihr das Gefühl reich zu sein.

Bettes ältere Schwester Barbra hatte das Geld in einer Blechdose für eine Benefizaktion der Uni gesammelt, hatte für Spenden auf der Straße gestanden und an Autoscheiben geklopft. Jetzt schob sie sich auf den Stuhl auf der anderen Seite des Tisches und kommandierte: »Tu das nicht, Bette. Geld ist schmutzig. Viel zu viele Keime.«

Bette seufzte. Seit dem Tod ihrer Mutter war Barbra zu einer Quelle von Klischees geworden, die sie großzügig von sich gab. »Pass im Internet auf, da lauern Perverse.« – »Geh nicht mit nassen Haaren nach draußen, du holst dir den Tod.« – »Vergiss nicht die Hände zu waschen, wenn du rohes Hühnerfleisch angefasst hast.«

»Warum sollte ich ein ungekochtes Huhn anfassen?«, hatte Bette entsetzt gefragt, als Barbra zum ersten Mal mit diesem Spruch kam.

»Na ja«, hatte Barbra resignierend geantwortet. »Wir werden wahrscheinlich für Papa kochen müssen. Und er mag nun mal Hähnchen.«

Und tatsächlich hatte Bette in den letzten Jahren so viele glitschige rohe Hähnchen angefasst, dass sie einfach nicht mehr daran erinnert werden wollte.

Aber »Fass das Geld nicht an, es ist schmutzig«? Was würde wohl als Nächstes kommen? »Sieh nach rechts und links, bevor du über die Straße gehst«?

»Wie kann ich das Geld zählen, ohne es anzufassen?«, fragte Bette säuerlich.

»Wir brauchen es nicht zu zählen. Das macht die Maschine in der Bank. Ich soll nur Scheine und Münzen trennen und den komischen Kram aussortieren.«

»Komischer Kram?«

»Kanadische Münzen. Papierfetzen, Fusseln. Alles, was die Maschine verstopfen könnte.« Barbra zog eine weiße Kugel aus dem Geldhaufen. »Ein Bonbon.«

Bette verzog das Gesicht. »Wer steckt denn ein Bonbon in eine Spendenbüchse?«

Dann sprang ihr etwas ins Auge. Zuerst dachte sie an ein seltsam geformtes 25-Cent-Stück. Sie sah es verdutzt an. Dann schaute sie genauer hin. Es war gar keine richtige Münze. Auf der einen Seite der zinnfarbenen Marke war ein Engel eingeprägt, die Flügel ausgebreitet, die Hände im Gebet gefaltet, der Saum des langen Gewandes hing auf dem Boden.

Sie nahm die Marke in die Hand, und der Engel schien größer zu werden, sich ein bisschen von seinem gehämmerten Hintergrund zu erheben.

»Was ist das?«, fragte Barbra.

Bette wollte die Marke nur ungern hergeben, aber an der ausgestreckten Hand ihrer Schwester führte kein Weg vorbei.

»Oh, niedlich«, sagte Barbra und gab sie zurück.

»Ich kann sie behalten?«, fragte Bette und ihr Herz schlug ein bisschen schneller.

»Sicher, warum nicht?«, sagte Barbra verwundert. »Es ist nur ein Glücksbringer. Du hast sie doch bestimmt schon in den Geschäften gesehen. Manchmal liegen sie in einem kleinen Korb an der Kasse.«

Hatte sie etwas Ähnliches schon einmal gesehen? Bette war sich nicht sicher. Vielleicht solche mit einem vierblättrigen Kleeblatt. Aber sie konnte sich nicht daran erinnern, einen Engel gesehen zu haben.

Barbra schob das Geld in einen Stoffbeutel. »Also gut, ich bringe das jetzt wohl besser zur Bank. Dann muss ich zurück zur Uni.«

Bette stand auf und stellte die Gläser in die Spüle. Sie hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, dass Barbra an der Northwestern University studierte und in Evanston wohnte. Evanston war zwar nur eine Haltestelle von Chicago entfernt, genauer gesagt zwei, weil man umsteigen musste. Aber seit Papa und sie Barbra Ende August mitsamt einem ansehnlichen Berg von Klamotten im Studentenwohnheim abgeliefert hatten, war sie noch nicht wieder dort gewesen. Wann hätte sie dazu auch Gelegenheit gehabt? Barbra war in den letzten sechs Wochen jeden Samstag oder Sonntag nach Hause gekommen.

»Ich gehe mit dir«, sagte Bette und griff nach ihrer Jacke.

»Hast du nichts Besseres zu tun?«, fragte Barbra, während sie den Beutel mit dem Geld in ihren Rucksack stopfte.

Bette runzelte die Stirn. Hast du nichts Besseres zu tun, du frischgebackene Studentin, als dich darum zu kümmern, dass der Kühlschrank für die kommende Woche mit genügend tiefgefrorenen Hamburgern gefüllt ist? Aber das war nicht sehr nett, denn Bette wusste, dass Barbra durchaus Besseres zu tun hatte, oder zumindest haben sollte – etwa zu lernen oder einer Studentenverbindung beizutreten oder einen Freund zu finden. Mit ihren Wochenendbesuchen wollte sie nur sicherstellen, dass bei Schwester und Vater alles in Ordnung war.

Was Bette aber wirklich ärgerte, war die Tatsache, dass die ehrliche Antwort auf Barbras beiläufige Frage lauten müsste: »Nein, ich habe nichts Besseres zu tun, als dich zur Bank zu begleiten.«

Draußen sah sich Barbra um und sagte glücklich: »Ich liebe den Oktober. Es ist der schönste Monat.«

»Es wird kalt«, meinte Bette und zog den Reißverschluss ihrer Jacke hoch.

»Aber Bette, sieh nur den Himmel«, sagte Barbra und blieb einen Moment stehen. »Er hat die gleiche Farbe wie dieses Eis am Stiel, das Mama immer gekauft hat. Und die Blätter. Sie sind umwerfend. Scharlachrot, orange, sogar violett.«

»Weißt du nicht, warum Blätter die Farbe wechseln? Weil sie kein Chlorophyll mehr produzieren, das sie grün und gesund hält. Die Farben bedeuten, dass sie alt werden und sterben.«

Barbra warf ihrer Schwester einen eigentümlichen Blick zu. »Bette, ist dir eigentlich klar, dass so vieles, worüber du sprichst, mit dem Tod zu tun hat?«

Bette schnaubte. »Warum wohl?« Wenn irgendjemand verstehen sollte, warum solch morbide Gedanken in Bettes Kopf herumwirbelten wie die Blätter auf dem Gehweg, dann ihre Schwester. Barbra war durch den plötzlichen Tod ihrer Mutter genauso geschockt gewesen wie sie.

Zuerst kam der Anruf aus dem Krankenhaus. Ein Autounfall auf einer regennassen Straße. Dann der überstürzte Aufbruch in die Klinik. Der Anruf auf dem Handy ihres Vaters landete direkt auf dem Anrufbeantworter, deshalb hatten die Mädchen ein Taxi genommen, das sie in eine ihnen unbekannte Gegend gebracht hatte, in der Nähe der Stelle, an der der Unfall passiert war.

Als unverbesserliche Pessimistin war Bette immer davon ausgegangen, dass es in ihrem Leben viele schlimme Momente geben würde; aber selbst wenn sie 110 Jahre alt werden würde, konnte sie sich nichts Schlimmeres vorstellen als jene verzweifelten Minuten während der Fahrt ins Krankenhaus. Es schien ewig zu dauern und ging doch überraschend schnell, es schien eine ganz eigene Zeitrechnung.

Barbra und sie saßen schweigend da und hielten sich an den Händen. Zwar nahm Bette den abgestandenen Zigarettengeruch im Taxi und die Stimmen der Reporter im Radio wahr, doch viel realer waren die Bilder, die sie verfolgten, so ausdauernd und willkürlich wie die Regentropfen, die auf die Windschutzscheibe des Taxis trommelten.

Ihre Mutter in einem Klinikbett. War sie voller Wunden? Waren ihre Knochen gebrochen? Hatte sie Schmerzen? Bette wusste, dass ihre Mutter lebte, zumindest hatte ihr das die Anruferin aus dem Krankenhaus gesagt. Aber der Eindringlichkeit in der Stimme der Frau konnte Bette entnehmen, dass das schon bald nicht mehr der Fall sein könnte.

Als sie im Krankenhaus ankamen, herrschte große Hektik. Barbra hatte die Initiative übernommen, Bette stumm an ihrer Seite. Zunächst konnte niemand etwas über den Verbleib ihrer Mutter sagen. Als man sie schließlich in der Notaufnahme ausfindig machte, wollte das Krankenhauspersonal sie nicht zu ihr lassen. Nachdem Barbra energisch Zugang zu der Kabine verlangt hatte, versuchte eine Schwester sie auf das Kommende vorzubereiten.

Die behutsamen Worte der Schwester über innere Blutungen, über Prellungen in Mrs Millers Gesicht und über die Wirkung der Schmerzmittel hatten nicht ausgereicht. Wer ist diese Frau?, hatte Bette gedacht, als sie ihre Mutter sah. Sie wirkte klein und gebrechlich und sah Jahre älter aus, angeschlossen an so viele blinkende, piepsende Geräte, dass diese mehr ein Teil von ihr zu sein schienen als ihre Arme und Beine. Nur die rotblonden Locken auf dem weißen Baumwollkissen – die gleichen Locken, die Barbra geerbt hatte – waren vertraut.

Rückblickend war Bette ewig dankbar, dass ihre Mutter noch lange genug gelebt hatte, um sich zu verabschieden. Bette hätte es nicht ertragen, niemals, wenn sie zu spät ins Krankenhaus gekommen wären. Es war, als wäre sie von einem Wirbelsturm mitgerissen worden, ohne sich festhalten zu können.

Obwohl sie Gelegenheit hatte, ihrer Mutter »Ich hab dich lieb« ins Ohr zu flüstern und den Druck ihrer Hand spürte, war es auch so schlimm genug. Bette brachte die Beerdigung und viele Tage danach hinter sich wie eine Schauspielerin in dem Stück Die trauernde Tochter. Sie wusste, dass sie sich furchtbar fühlen sollte – und ein Teil von ihr, vermutlich der, der so hysterisch weinte, fühlte sich auch so. Aber die meiste Zeit war ihr, als schwebte sie an der Decke, sie sah gleichgültig auf die schluchzende Bette hinunter, auf Barbra, die versuchte, sich um alle zu kümmern, und auf ihren völlig verstörten Vater, der aussah, als wäre er derjenige, der einen Autounfall gehabt hatte.

Und es gab Zeiten, in denen sie von den merkwürdigsten Emotionen heimgesucht wurde. So wie vor der Beerdigung dieser kurze aufregende Stich, ob Peter Waugh, der tollste Junge in ihrer Klasse, wohl da sein und sie tröstend in den Arm nehmen würde. Es kamen dann allerdings so viele Menschen zur Beerdigung, dass sie gar nicht wahrnahm, ob er da war; und als die Grabrede vorbei war, hatte sie die Umarmung völlig vergessen.

Obwohl seit dem Tod ihrer Mutter mittlerweile fast zwei Jahre vergangen waren, hatte Bette mitunter das Gefühl, als würde sie immer noch eine Rolle spielen, die ihres Fast-dreizehn-Jahre-alten-Ichs. Zu anderen Zeiten war ihr Leben nur zu real. Wie konnte es angesichts der Fülle banaler Dinge wie Essenkochen, Aufräumen, Waschen und Fernsehgucken auch anders sein. Ganz viel Fernsehen.

»Bette«, unterbrach Barbra die Gedanken ihrer Schwester. »Weißt du, was mit der Wohnung passiert?«

Bette drehte sich zu ihrem grauen Haus mit den beiden Wohnungen um. In dieser Gegend im nördlichen Chicago gab es jede Menge Häuser, die ähnlich aussahen, aber für Bette war das eigene Zweifamilienhaus etwas ganz Besonderes – wegen der Herzen. Irgendein unbekannter Maurer hatte, ob nun aus einer künstlerischen Laune heraus oder aus Langeweile, in den glatten nebelgrauen Stein zwischen den Wohnungen im Erdgeschoss und im oberen Stockwerk einen Kreis von kleinen, dekorativen Herzen gemeißelt. Als kleines Mädchen war Bette ungeheuer stolz auf diese Herzen. Ihre Mutter hatte ihr dazu viele Geschichten erzählt, die immer gleich ausgingen: »Und dann hielten die Herzen nach dem glücklichsten Haus in Chicago Ausschau, und als sie es gefunden hatten, schmiegten sie sich in den Stein!«

Bette ging neben Barbra auf die Bank zu. »Sie steht noch gar nicht so lange leer. Gerade einmal zwei Monate.«

»Bette.« Barbras Stimme hatte diesen Du-bist-nicht-mehr-fünf-Jahre-alt-Unterton. »Papa verliert sicherlich tausend Dollar im Monat, weil die Wohnung leer steht.«

»Wir haben doch genug Geld«, verteidigte sich Bette. Und es stimmte. Ihre Mutter, eine sehr gute Buchhalterin, hatte dafür gesorgt, dass jede Menge Versicherungen da waren. Es war schon ein bisschen paradox, dass die Familie jetzt, da es die Mutter nicht mehr gab, mehr Geld hatte als je zuvor. Allerdings kein Geld, das man tatsächlich in der Tasche hatte, sondern Geld, das für ein Studium zur Seite gelegt wurde. Oder im Falle ihres Vaters genug Geld, um die Anwaltskanzlei aufzugeben und einen Anteil an einem Jazzklub zu kaufen.

»Na ja«, fuhr Barbra mit gerunzelter Stirn fort. »Ich finde es nicht gut, dass du in dem Haus mit einer leeren Wohnung unter dir bist. Das ist nicht sicher.«

Bette wollte ihrer Schwester sagen, dass sie das Alleinsein gewohnt war, dass sie nachts keine Angst mehr hatte. Zumindest fast keine. Aber sie wusste genau, dass alles, was sie sagen würde, nur wieder Barbras schlechtes Gewissen wecken würde, weil sie während des Studiums nicht zu Hause wohnte. Barbras Schuldgefühle kochten ohnehin schon reichlich über. Und Bette selbst fühlte sich ebenfalls schuldig, weil sie genau wusste, dass Barbra nur ihretwegen auf ein Studium in Claremont in Kalifornien oder Duke in North Carolina verzichtet hatte, den beiden anderen Universitäten, die sie ebenfalls akzeptiert hatten.

»Hat er überhaupt eine Anzeige in die Zeitung gesetzt?«, fragte Barbra, als sie die verkehrsreiche Chicago Avenue entlanggingen.

»Ich weiß nicht«, antwortete Bette.

»Na gut, ich frage ihn, wenn ich das nächste Mal mit ihm spreche.«

»Wann immer das sein wird«, murmelte Bette.

Barbra sagte einen Moment nichts. Dann fragte sie: »Kommt er denn nicht eher nach Hause? Er hat jedenfalls versprochen, dass er es versuchen würde.«

Wenn früher nach Hause kommen vor Mitternacht bedeutete, statt eine Stunde oder so danach, dachte Bette, dann bemühte er sich tatsächlich. Aber sie wollte nicht, dass sich ihre Schwester Sorgen machte. »Ja, er kommt früher nach Hause.«

»Ich wünschte, er hätte diesen Jazzklub nie gekauft«, sagte Barbra ärgerlich.

Diese Diskussion war nicht neu. Beide Schwestern waren geschockt gewesen, als ihr Vater einige Monate nach dem Tod der Mutter angekündigt hatte, die Kanzlei aufzugeben und sich stattdessen an einem Jazzklub im trendigen Viertel ›South Loop‹ von Chicago zu beteiligen.

»Aber ich dachte, dass du gerne Anwalt bist«, hatte Bette gesagt.

»Bin ich auch. War ich. Aber seit deine Mutter von uns gegangen ist, habe ich erkannt, dass ich meine Zeit nicht mit etwas verbringen möchte, das ich nur mag. Ich will etwas tun, das ich liebe. Und ich liebe Jazz.«

Bette hasste es, wenn ihr Vater im Zusammenhang mit dem Tod ihrer Mutter »von uns gegangen« sagte. Das klang so, als sei sie nur zufällig in ihrem Leben gewesen, während sie doch tatsächlich der wichtigste Teil gewesen war.

»Außerdem«, hatte ihr Vater gesagt, »arbeite ich meistens spät abends und kann so tagsüber für dich da sein.«

Diese Rechnung ging natürlich nicht auf und gelegentlich hatte Bette das Gefühl, dass ihr Vater das ganz genau gewusst hatte, als er sein glorreiches Unternehmen anging. Zuerst musste der Club renoviert werden, und er musste dort sein, um ein Auge auf die Firmen zu haben, die den Ausbau vornahmen und das Soundsystem installierten. Dann musste er lernen, talentierte Musiker unter Vertrag zu nehmen und anschließend Mitarbeiter einstellen und anlernen. In der Summe war er ein Vater, der tagsüber und nachts nicht viel da war.

»Willst du mit reinkommen, während ich das Geld einzahle?«, fragte Barbra, als sie an der Ecke vor der Bank ankamen. »Dann kannst du mich zur U-Bahn bringen.«

Bettes Tage mochten zwar ereignislos sein, aber in einer Bank auf einen kurzen Weg zu einer dunklen, nasskalten U-Bahn-Station zu warten, nur um irgendetwas zu tun, war selbst in ihren Augen ein Armutszeugnis.

»Nein, ich will noch eben in die Buchhandlung«, meinte Bette und deutete vage in die Richtung der Secondhand-Buchhandlung auf der anderen Seite der Straße.

»Na dann«, meinte Barbra und tätschelte Bettes buschiges braunes Haar, das so ganz anders als ihres war. »Ich rufe dich morgen an.«

Als Barbra in der Bank verschwunden war, überlegte Bette einen Moment, ob sie tatsächlich in den Laden gehen sollte. Ihr Vater war zwar nicht sehr großzügig mit seiner Zeit, aber mit Geld umso mehr. Bette hatte davon stets genug, um zu kaufen, was sie wollte, und das waren normalerweise Bücher.

Aber ihre Schwester hatte recht. Es war ein wunderschöner Tag, und Bette wollte lieber draußen im Sonnenschein unterwegs sein als bei elektrischem Licht drinnen zu sitzen. Sie nahm den langen Weg nach Hause, schlenderte zunächst die Clark Street entlang und schaute sich Schaufenster an. Bette wünschte, sie hätte mehr für Klamotten übrig. Es gab so nette Sachen, aber wenn man dünn und unattraktiv war, konnte auch Kleidung nicht viel ausrichten.

Sie kam an einigen Läden mit trendigen Sachen für Kids vorbei und war fast versucht, in einen der allgegenwärtigen Coffeeshops zu gehen, aber sie hatte keine Lust, irgendwo allein zu sitzen. In der Nähe ihres Hauses kam sie an einem ihrer Lieblingsplätze in der Nachbarschaft vorbei, der Kirche des Heiligen Trösters. Als sie klein war, fand sie den Namen ausgesprochen komisch, weil sie in ihrem Bett einen Baby-Tröster mit mehreren Löchern hatte, davon ein ganz spezielles, durch das sie immer ihre Finger schob, bis es größer wurde.

Ihre Mutter musste mehrfach erklären, dass der Heilige Tröster eigentlich der Heilige Geist war – und dann eine lange Erklärung hinterherschicken, wer das eigentlich war, denn der Miller’sche Haushalt war ganz und gar nicht religiös. Was nach dem Tod ihrer Mutter alles schwieriger macht. Mr Miller war so in seiner Trauer versunken, dass Bette ihn mit ihren Fragen nicht stören wollte, also hatte sie sich an Barbra gewandt.

»Was glaubst du, wo Mama ist?«, hatte sie gefragt.

Barbra sah erstaunt auf. »Was meinst du?«

»Na ja«, meinte Bette zögerlich, »glaubst du, dass sie im Himmel ist?«

»Im Himmel?«

»Ja«, wiederholte Bette. »Im Himmel bei Gott. Und den Engeln.«

»Das weiß ich nicht, Bette. Ich bin nicht sicher, ob ich überhaupt an den Himmel glaube. Und du?«

Wie sollte sie das wissen? Sie war erst zehn. Und hatte nur sehr vage Vorstellungen vom Himmel. Das, was sie in Büchern aufgeschnappt hatte. Sie versuchte sich zu erinnern, ob ihre Mutter jemals über den Himmel gesprochen hatte, aber ihr fiel nichts ein. Bette hasste die Vorstellung, dass ihre Mutter einfach so in der kalten Erde lag, aber sie konnte sich diesen besseren Ort, über den die Leute redeten, einfach nicht vorstellen. Weil ihre Fragen unbeantwortet blieben, versuchte Bette, sie zusammen mit ihrer Mutter zu begraben.

Aber manchmal ging sie in die Kirche des Heiligen Trösters. Die Kirche war aus dem gleichen grauen Stein wie ihr Zuhause und wirkte von außen beeindruckend, doch im Innern war es dunkel und warm, und das bunte Glas der Fenster leuchtete, wenn die Sonne hereinfiel. Wenn sie hier war, fühlte sie sich geborgen.

Bette hielt vor der Kirche inne. Sie steckte die Hände in die Taschen ihrer Jeans und fühlte die Engelsmünze. Sie war viel wärmer als ihre Hände. Bette zögerte. Sie fühlte sich vom Kircheninneren angezogen, aber sie entschied, dass sie einfach zu müde war. Sie wollte nach Hause.

Zügig ging sie in Richtung des grauen Hauses. Als sie nur noch einen Block entfernt war, sah sie auf. Etwas erregte ihre Aufmerksamkeit. War das ein Licht in der unteren Wohnung? Sie war sicher, dass alles dunkel gewesen war, als Barbra und sie zur Bank gingen, und sicherlich war seither niemand drin gewesen. Einen kurzen Moment wurde das Licht stärker und war dann wieder verschwunden.

2 .

Kapitel

Muenze.tif

Bettes Schule, die Odom School, war eine sogenannte Magnetschule. Eine Magnetschule funktioniert wie ein Magnet: Sie zieht Schüler aus den verschiedensten Stadtteilen an.

Es gibt viele verschiedene Arten von Magnetschulen. Einige sind auf Sprachen spezialisiert, andere auf Literatur oder Naturwissenschaften. Odoms magnetische Anziehungskraft waren die darstellenden Künste. Die meisten Kinder, die diese Schule besuchten, hatten lange Anfahrtswege. Bette hingegen hatte Glück. Sie musste zwar einen Eignungstest bestehen, um zum künstlerischen Programm zugelassen zu werden, aber Odom war für sie zugleich die nächstgelegene Schule und nur drei Blocks entfernt.

Obwohl die darstellenden Künste im Mittelpunkt des Lehrplans standen, bedeutete das natürlich nicht, dass den Schülern die Grundfächer, die jedes Kind auf der Welt lernt, erspart blieben.

Einmal waren Freunde ihrer Eltern samt unentwegt kaugummikauender Tochter zu Besuch gewesen. Offensichtlich hatte sie von Bettes Schule gehört. »Also, hab ich das jetzt richtig verstanden?«, sagte das Mädchen und ließ eine Kaugummiblase platzen. »Du gehst auf eine Schule, in der du den ganzen Tag rumstehst und singst?«

Bette war sofort gereizt. »Wir haben die gleichen Fächer wie du. Mathe, Englisch, Naturwissenschaften.«

Wohlweislich behielt sie für sich, dass alle diese Fächer mit viel Musik, Gesang und Schauspielerei ausgestaltet wurden. Im Leitbild der Schule waren zwei Hauptschwerpunkte aufgelistet: Den gestalterischen und künstlerischen Ausdruck der Schüler zu fördern sowie Interesse an visuellen Künsten, Musik, Tanz und Schauspiel zu wecken. Und zweitens: Die schönen Künste in den Schulunterricht zu integrieren. Manchmal musste man den Bogen weit spannen, um »kreativen Ausdruck« in den Lehrplan einzubeziehen.

In der ersten Klasse lernten sie die Grundrechenarten in spielerischer Form. Eine Gruppe von Kindern stellte die Summe dar, während andere Kinder sich durch Hinzukommen addierten und einige durch Verlassen subtrahierten. Selbst im Alter von sechs Jahren fand Bette dieses Spiel ziemlich langweilig.

Als sie in der vierten Klasse amerikanische Geschichte lernten, stellten die beiden vierten Klassen den Zweiten Kontinentalkongress nach, der mit der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung endete. Die Lehrer waren begeistert, denn es hatten 56 Delegierte an dem Treffen teilgenommen, sodass es genügend Rollen für alle gab. Wie sich herausstellte, gab es jedoch nur wenige gute Rollen: Jefferson, Franklin, John Hancock. Bette musste Stephen Hopkins von Rhode Island spielen. Ihr Auftritt beschränkte sich auf das Tragen einer Perücke und das Unterzeichnen der nachgemachten Erklärung, die der Lehrer vorbereitet hatte.

Als Bette in die fünfte Klasse kam, wurde jedem Schüler eine spezielle Ausbildung angeboten. Die naheliegendste Wahl für Bette war der Gesang. Ihre Mutter hatte sie für das künstlerische Programm in der Hoffnung eingeschrieben, dass aus Bette einmal eine berühmte Sängerin werden könnte. Bettes Familie war sehr musikalisch. Obwohl ihre Eltern Berufe hatten, in deren trockenem Alltag es um Zahlen und Rechtsprechung ging, liebten beide die Musik in jeder Form.

Mr und Mrs Miller hatten sich bei einem Rockkonzert kennengelernt und besuchten auch nach ihrer Heirat weiterhin Konzerte aller Art. Mr Miller liebte besonders den Jazz. Mrs Miller mochte vor allem Sängerinnen, ganz egal ob Ella Fitzgerald, k. d. lang oder Fergie. Zu Bettes schönsten Erinnerungen gehörte ihre Mutter, die beim Putzen lauthals die Stücke der verschiedensten großen Sängerinnen mitsang, obwohl ihre Stimme ehrlich gesagt gar nicht so gut war. Mrs Miller hatte sogar ihre Töchter nach ihren Lieblingssängerinnen benannt: Barbra Streisand und Bette Midler; was Barbra ganz besonders hasste, weil Streisand im Wunsch nach Einzigartigkeit das zweite a in Barbara ausgelassen hatte. Unglücklicherweise erwartete niemand von Barbra Miller eine unverwechselbare Schreibweise ihres Namens, weshalb er ständig in der herkömmlichen Weise falsch geschrieben wurde. Sie verbrachte viel Zeit damit, das zu korrigieren. Und überhaupt mochte Barbra die Musik der Streisand nicht. Sie war mehr für Reggae.

Bette war von ihrem Namen auch nicht gerade begeistert. Niemand hieß Bette – oder Betty, wie einige Leute es aussprachen, was sie nun wirklich nicht leiden konnte. Aber sie hatte nichts gegen Bette Midlers Musik, auch wenn die total retro war. Sie mochte Sängerinnen, die einen Song so richtig schmettern konnten. Die erste, an die sie sich erinnern konnte, war Annie, oder besser, das Mädchen, das in dem Musical die Rolle der Annie sang. Als kleines Kind von drei oder vier Jahren hatte Bette so oft Annie Tomorrow singen gehört, dass selbst ihre musikbegeisterten Eltern das Lied irgendwann nicht mehr hören konnten.

Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als Bette es zum ersten Mal sang. Nicht, dass sie zur CD gesungen hätte. Sie war einfach auf das Sofa geklettert, hatte eine alte Babyflasche als Mikrofon genommen und Tomorrow gesungen.

Ihre Eltern hatten am Kamin gesessen und gelesen. »Ich dachte zuerst, dass die CD läuft«, sagte ihre Mutter später zu ihr. »Dann habe ich gemerkt, dass da gar keine Musik war. Nur Gesang. Nur du!«

Bette musste immer noch lächeln, wenn sie daran dachte, wie oft ihre Mutter ihr diese Geschichte erzählt hatte.

Also war der Gesang Bettes Talent, das ihr das Gefühl gab etwas Besonderes zu sein. Ihre Eltern waren glücklich, als sie herausfanden, dass die Odom School speziell die Künste förderte, und völlig aus dem Häuschen, als sie angenommen wurde. Die Schule war bis zur fünften Klasse super, dann starb ihre Mutter im März. Danach hatte Bette keine Lust mehr zu singen.

Alle Lehrer an der Schule waren sehr mitfühlend. Mrs Wu, die Direktorin, hatte sie zur Seite genommen und gesagt, dass sie nicht ans Singen denken sollte, ehe sie dazu bereit war. Als sie auch in der sechsten Klasse kein Interesse am Gesang gezeigt hatte, begannen ihre Lehrer sich Sorgen zu machen und empfahlen Mr Miller diskret, dass Bette möglicherweise »Hilfe« benötigen würde.

Mr Miller hatte »Natürlich, natürlich« gesagt und für kurze Zeit ging Bette zu einem Trauerberater. Das Ergebnis war voraussehbar: Singen erinnerte Bette an ihre Mutter und deshalb wollte sie nicht singen. Der Berater empfahl ihr, es langsam angehen zu lassen.

So weit, so gut. Doch jetzt hatte Bette ihr siebtes Jahr begonnen, und ihr war immer noch nicht nach Singen zumute. Sie hatte keine Ahnung, wie viel langsamer sie es noch angehen lassen konnte.

Zu Beginn des Schuljahres war Bette Mr Perry für eine spezielle Gesangsausbildung zugeteilt worden. In der vierten Klasse war es ihr großer Traum gewesen, einmal die Annie zu singen. Aus ihrer Sicht hatte sie einen Vorsprung, weil sie die Texte aller Songs bereits in- und auswendig kannte. Aber dieser Traum war an jenem Tag zusammen mit ihrer Mutter gestorben. Jetzt musste sie einen Weg finden, den Lehrplan der darstellenden Künste zu absolvieren, obwohl Singen so ziemlich das Letzte war, was sie wollte.

Bettes Stunde vor dem Lunch war bei Mr Perry. Es war eine Gruppenstunde mit allen Sängern der siebten und achten Klassen. Da sie noch keine Solos sangen und viele Schüler in der Gruppe waren, fiel es nicht weiter auf, dass Bettes Gesang kaum mehr war als lautlos die Worte zu formen. Aber an dem Montag, nachdem Bette das Engelsmedaillon gefunden hatte, hatte Mr Perry etwas zu verkünden: »Ich habe wundervolle Nachrichten.«

Die Kinder sahen sich untereinander verstohlen an. Das würde man noch sehen.

»Wie ihr wisst, gehört es zum Bildungsauftrag der Odom School, mit den vielen künstlerischen Organisationen der Stadt zusammenzuarbeiten.«

Oh oh, dachte Bette. Es war bekannt, dass die Schule versuchte, die Ressourcen der künstlerischen Gemeinde Chicagos zu nutzen, um den Lehrplan zu beleben. Das funktionierte mitunter sehr gut: freier Eintritt zu Veranstaltungen und Konzerten. Aber weit häufiger lief es auf Vorträge zweitklassiger Schauspieler und Musiker über die Arbeit im Showbusiness hinaus. Manchmal kamen sie allein, manchmal in kleinen Gruppen. Häufig hing über ihnen der schwache Geruch des Misserfolgs.

Nach dem ganz besonders schlechten Vortrag eines arbeitslosen Schauspielers hatte eines der Kinder die Hand gehoben und gefragt: »Wenn ihre Karriere so gut läuft, warum sind Sie dann hier?« Mrs Wu war darüber richtig wütend geworden.

Aber als Bette Mr Perry intensiver zuhörte, schien es tatsächlich so, als hätte die Odom School diesmal einen Volltreffer gelandet.

»Wie einige von euch vielleicht wissen, ist das Maple Tree Theater eine kleine, aber hoch angesehene Truppe mit einer eigenen Bühne in der LaSalle Street. Sie überlassen uns ihr Theater, um eine Produktion von Big River auf die Beine zu stellen, ein Musical, das auf Mark Twains Buch Huckleberry Finn basiert.«

Aha, Huckleberry Finn, dachte Bette. Das passte. Huckleberry Finn gehörte zu der Auswahl auf ihrer Leseliste für den Sommer.

»Maple Tree wird die Produktion betreuen«, fuhr Mr Perry fort. »Sie werden uns mit der Inszenierung, Musik, Garderobe und Kulisse helfen; einer der Schauspieler des Ensembles wird Regie führen. Irgendwann im Frühjahr wollen wir es aufführen.«

Bette sah sich um. Sie konnte sehen, dass die anderen Schüler beeindruckt waren. Während des Mittagessens redeten alle nur über Big River.

Als hätte es in ihrem Leben nicht schon genügend Verluste gegeben, wurde zu allem Überfluss auch noch Bettes beste Freundin Vivian in diesem Schuljahr zu Hause unterrichtet, weil ihr Asthma so schlimm war. Man hatte beschlossen, dass sie es ruhig angehen lassen sollte, mit einem Hauslehrer arbeiten und Klavier spielen – das war die Begabung, die sie nach Odom gebracht hatte. Bette hatte Schulfreunde, aber niemanden, der Vivians Platz einnehmen konnte. Das war der Nachteil einer Schule wie Odom. Die meisten Kinder wohnten so weit weg, dass man sich außerhalb der Schule kaum sah. Aber man geht natürlich nicht sieben Jahre lang zur Schule und sitzt beim Mittagessen allein am Tisch.

Die drei, mit denen Bette beim Lunch zusammensaß, waren Vivians Zwillingsbruder Andy Minkus, Lucy Washington und Fred Engberg. Andy spielte Geige, er war sogar noch besser als seine Schwester am Klavier. Lucy war Sängerin. Ihre tolle voluminöse Stimme hatte sie vom Gospelsingen in ihrer Kirche. Fred konnte alles. Er war Schauspieler, Tänzer, Sänger und vermutlich der talentierteste Schüler überhaupt. Und sie waren alle aufgeregt wegen Big River.

»Es wird eine richtige Aufführung«, stellte Fred befriedigt fest. »Endlich werde ich auf der Bühne stehen.«

Fred hegte ein wenig Groll gegen seine Eltern, weil sie ihm nicht erlaubten, für professionelle Auftritte vorzusprechen. Einige Schüler taten das, aber Freds Eltern wollten ihn diesen Weg zumindest jetzt noch nicht gehen lassen.

»Woher willst du wissen, dass du überhaupt eine Rolle bekommst?«, fragte Lucy mit unschuldigem Gesichtsausdruck. Sie nahm Fred auf den Arm. Wenn irgendjemand eine Rolle bekommen würde, dann war es Fred.

Er machte sich gar nicht erst die Mühe ihr zu antworten. »Wie viele Eintrittskarten gibt es wohl? Vielleicht kann ich einen Agenten überreden, sich meinen Auftritt anzusehen.«

»Irgendetwas muss für mich doch auch dabei sein«, meinte Lucy und wedelte mit ihrem Thunfisch-Sandwich herum. »Ich habe mal einen Film über Huck Finn gesehen. Einer der Hauptdarsteller war dieser schwarze Typ, Jim. Ich weiß nicht mehr genau, aber der muss doch eine Frau oder so etwas gehabt haben.«

»Bei Huckleberry Finn gibt es fast nur Männer«, belehrte Andy sie.

»Trotzdem, da muss doch etwas für mich dabei sein«, erwiderte Lucy mürrisch und runzelte die Stirn.

»Bewirbst du dich?«, wandte sich Fred an Andy.

»Ich glaube nicht, dass es da eine Rolle für einen zu klein geratenen Geigenspieler gibt«, antwortete Andy trocken. »Aber sie werden Musik brauchen.«

Die Gruppe verfiel in ein unbehagliches Schweigen. Bette wusste, dass die nächste Frage unvermeidlich Bette, bewirbst du dich? lauten würde. Doch niemand wollte sie stellen.

Bette räusperte sich. Alle sahen sie erwartungsvoll an. »Will jemand etwas vom Tresen? Ich hole mir Milch.«

Mit der größtmöglichen Würde stand Bette auf und ging zu dem kleinen Tresen, an dem Sandwiches, Kartoffelchips und Getränke verkauft wurden. Odom war alt, so alt, dass die meisten Mütter noch nicht berufstätig waren, als die Schule gebaut wurde. Die Schüler gingen mittags nach Hause, und ihre Mütter versorgten sie mit einem deftigen Mittagessen, ehe sie für den anstrengenden Nachmittagsunterricht zurück in die Schule geschickt wurden.

Heute ging niemand mehr zum Mittagessen nach Hause, aber Odom hatte auch keinen Platz für eine richtige Cafeteria. Stattdessen brachten die Jungen und Mädchen etwas von zu Hause mit oder holten sich an dem eher kümmerlichen Tresen ein Sandwich.

Eigentlich wollte Bette gar keine Milch, aber für den Fall, dass ihre Freunde sie beobachteten, griff sie trotzdem zu. Weil sie sich irgendwie blöd fühlte, ging sie damit nach draußen. Dort gab es einen kleinen Spielplatz für die jüngeren Kinder und Bänke, auf denen die älteren Schüler in Gruppen zusammensaßen und plauderten. Weil es kühl war, waren die meisten drinnen, sodass einige Bänke frei waren. Bette ließ sich auf eine Bank plumpsen und steckte die Hände in die Taschen, um sie zu wärmen. In den letzten Jahren hatte Barbra immer darauf geachtet, dass sie Mütze und Handschuhe dabeihatte, wenn das Wetter umschlug. Bette macht sich eine mentale Notiz: vor Januar Handschuhe finden.

Bette beobachtete einige Kinder, die herumrannten, um sich warm zu halten. Auf einer anderen Bank sah sie Joe Garcia alleine sitzen. Er belegte einen der wenigen Schulplätze, die für Kinder aus der Nachbarschaft reserviert waren; meistens gab es für sie einen zwingenden Grund, die Schule zu besuchen, die ihrem Elternhaus am nächsten war. Bette hatte keine Ahnung, welcher Grund das sein könnte. Joe war wie sie in der siebten Klasse, aber Bette hatte noch nie ein Wort mit ihm gewechselt. Wenn sie Joe mit einem Wort hätte beschreiben müssen, wäre ihr »Schleicher« eingefallen. Er hing immer irgendwie herum, beobachtete und sah streitlustig aus. Einige hielten ihn für einen Schlägertypen, aber Bette hatte er nie etwas getan.

Als sie die Hände noch tiefer in die Taschen schob, fühlte sie etwas in einer Ecke. Es war ihr Talisman. Sie nahm ihn heraus und studierte ihn erneut. Komisch, sie konnte sich nicht erinnern, ihn eingesteckt zu haben. Ganz im Gegenteil erinnerte sie sich genau, die Münze auf ihre Kommode gelegt zu haben, um sie nicht zu verlieren.

»Was machst du denn hier?«, fragte sie den Engel leise, während sie die Münze in der Hand hielt.

Bette erwartete keine Antwort und erhielt auch keine.

Gibt es Engel wohl wirklich?, überlegte Bette. Irgendwie hoffte sie das, aber wenn es Engel gäbe, würde das nicht auch bedeuten, dass es einen Gott gibt? Nach dem Tod ihrer Mutter hatte Bette sich gewünscht, dass sie an Gott glauben würde – und wenn auch nur, um wütend auf ihn zu sein. Aber sie glaubte nicht wirklich, und in dem Teil von ihr, wo Glaube hätte sein können, war nur eine große Leere.

Ihr Leben war leer und unbewegt – innen und außen.

3 .

Kapitel

Muenze.tif

Als Bette auf dem Weg von der Schule das graue Haus sehen konnte, hatte sie diesmal keine Zweifel; in der Erdgeschosswohnung war ein Lichtschein. Bette war nicht sicher, ob sie Angst haben sollte oder nicht. Sie erinnerte sich vage, dass ihr Vater gesagt hatte, die Wohnung müsse tapeziert werden, bevor er sie wieder vermieten konnte. Vielleicht waren ja Handwerker bei der Arbeit.

Die vorigen Mieter waren im Juli ausgezogen. Sie waren ziemlich nett gewesen, ein junges Paar namens Ben und Mary. Ben arbeitete in Mr Millers Anwaltskanzlei und Mary war Bibliothekarin. Obwohl Barbra und Bette bemüht waren, die beiden nicht zu sehr zu nerven, war es doch gut zu wissen, dass zwei Erwachsene unten im Haus waren, wenn ihr Vater nicht da war. Eines Abends, als Barbra sich beim Brotschneiden fast die Fingerkuppe abgeschnitten hatte, hatte Ben sie ins Krankenhaus gefahren und war bei ihr geblieben, bis die Wunde versorgt war. Mary, eine ziemlich gute Köchin, hatte sie immer mit selbst gebackenen Keksen versorgt, die viel besser schmeckten als gekaufte.

Barbra war sauer, als Ben und Mary ein Haus am Stadtrand kauften und auszogen, kurz bevor sie aufs College wechselte.

»Barbra, sie erwarten ein Baby«, hatte Bette ganz vernünftig argumentiert.

»Und? Die Leute in der Stadt haben auch Babies.« Barbra sah sich auf der lebhaften Chicago Avenue um, wo sie mit Bette shoppen war. »Da ist eins«, sagte sie und deutete auf einen Säugling in einem Buggy. »Und da noch zwei«, als ein Sportwagen mit Zwillingen vorbeigeschoben wurde.

»Aber sie brauchen vielleicht mehr Platz.«

»Die Wohnung hat drei Schlafzimmer«, murrte Barbra. »Genau wie unsere. Wir mussten nicht an den Stadtrand umziehen und sind trotzdem ordentlich aufgewachsen.«

Bette wusste, dass Barbra Ben und Mary ihr Haus am Stadtrand nicht wirklich missgönnte, wenn es das war, was sie wollten. Hier ging es vielmehr um ihre Schuldgefühle, weil sie Bette allein in dem grauen Haus zurückließ.

Um ehrlich zu sein, war Bette überhaupt nicht begeistert, allein zu sein; auch wenn sie Barbra immer wieder versicherte, dass alles in Ordnung war, und Mr Miller die Schlösser an allen Außentüren ausgetauscht hatte. Tagsüber war es ja nicht so schlimm. Sie kam nach der Schule nach Hause, erledigte ihre Hausaufgaben und sah sich nebenbei irgendwelche geistlosen Talkshows an; später machte sie sich etwas zu essen. Na ja, »machen« war etwas übertrieben. Häufig genug schüttete sie einfach nur Müsli in eine Schale und goss Milch darüber. Manchmal nahm sie etwas, das Barbra vorgekocht hatte, aus dem Gefrierschrank und schob es in die Mikrowelle. Danach guckte sie weiter in die Glotze, loggte sich im Internet ein oder las, bis sie müde ins Bett fiel.

Es war auch nicht unbedingt so, dass sie Angst hatte. Sie kannte die Nachbarn zu beiden Seiten, deren Telefonnummern an der Pinnwand in der Küche hingen. Mr Miller hatte Bette ein Handy gegeben, und er versuchte, so wie er es Barbra versprochen hatte, vor Mitternacht zu Hause zu sein, was ihm nicht immer leichtfiel, weil der letzte Auftritt im Club um 23 Uhr begann. Er hatte keine Ahnung, dass Bette ihr Handy unter das Kopfkissen schob, wenn sie ins Bett ging und er nicht da war, wo sie dann übte 110 einzugeben – für alle Fälle.

Als Bette die Außentreppe hochging, linste sie durch das große Panoramafenster in die Erdgeschosswohnung. Im Wohnzimmer war niemand, aber zu ihrer Überraschung stand vor dem Kamin plötzlich ein Sofa, eine Bodenlampe brannte und auf dem Boden lagen einige Kartons. Sie reckte den Hals, um einen Blick ins Esszimmer zu erhaschen, aber da war auch niemand. Dann hörte sie etwas in der Wohnung. Jemand sang. Aber so leise, dass sie die Melodie nicht ausmachen konnte.

Und jetzt? Bette dachte stirnrunzelnd nach, als sie die Treppe nach oben polterte. Sollte sie an die Tür klopfen? Barbra würde sie umbringen, wenn sie klopfte, ohne zu wissen, wer in der Wohnung war. Sekundenlang überlegte sie, ihre Schwester anzurufen, verwarf den Gedanken aber sofort wieder. Barbra würde mit dem nächsten Zug angeschossen kommen. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als ihren Vater anzurufen.

Doch als Bette die Tür zu ihrer Wohnung öffnete, sah sie erstaunt, dass ihr Vater schon da war und auf sie wartete.

»Papa, da unten ist jemand. Aber das weißt du ja wohl?«, fragte Bette und hoffte, dass es nicht zu fragend klang.

»Ja, deshalb bin ich hier, damit du keinen Schreck bekommst.«

Bette wollte nicht zugeben, dass sie schon einen bekommen hatte, zumindest einen kleinen.

»Willst du einen Tee?«, fragte ihr Vater und ging in die Küche. Bette folgte ihm. Normalerweise würde sie ein Glas Wasser trinken oder sich einen Instantkakao machen, aber dass ihr Vater um diese Tageszeit zu Hause war, war ungewöhnlich: Er wollte Tee, also gab es Tee.

Bette setzte sich auf einen Küchenstuhl, während ihr Vater Wasser in den elektrischen Teekocher füllte. Es war nicht so, dass Mr Miller nie da war. Er war morgens da, bevor sie in die Schule ging; und er bemühte sich, samstags zu Hause zu sein, obwohl er manchmal früh in den Club musste, um Terminprobleme zu regeln oder die Künstler zu treffen, die später auftreten würden. Wenn er Besorgungen zu erledigen hatte, fragte er Bette immer, ob sie mitkommen wollte. Meistens lehnte sie ab, redete sich mit Hausaufgaben heraus oder damit, dass sie zu Vivian wollte, nur weil sie das hilflose Schweigen im Auto nicht ertragen konnte. Mitunter aber ging sie mit, weil sie einfach nicht immer Nein sagen konnte.

Sie hatte Barbra irgendwann gefragt, ob ihr Vater sich im Umgang mit seinen Kindern schon immer so schwer getan hatte. Manchmal konnte sie sich kaum an das Leben in jener Zeit erinnern, die für sie »Vorher« war.

»Ich meine, er ist mit uns in den Zoo gegangen und so. Daran erinnere ich mich. Und wir hatten in den Ferien immer viel Spaß, so wie damals, als wir Oma und Poppy in Arizona besucht haben.«

Barbra guckte ein bisschen wehmütig. »Er hat immer viel gearbeitet, doch Mama hat darauf geachtet, dass er Zeit mit uns allen verbracht hat. Am liebsten war er aber mit ihr zusammen.«

Bette war sich da nicht so sicher. Barbra schien sich darauf versteift zu haben, dass ihre Eltern eine großartige Ehe geführt hatten. Doch es hatte auch viel Streit gegeben. Daran konnte Bette sich erinnern. Die beiden hatten sich aber immer wieder vertragen, und er war nie böse mit seinen Töchtern. Auch als Barbra ein rebellischer Teenager wurde und neben anderen unmöglichen Sachen anfing zu rauchen, oder als sich ihre Mutter die roten Locken glatt zog – Barbra hingegen hatte sich grüne Strähnen in die Haare gemacht –, versuchte Mr Miller immer möglichst vernünftig mit Barbra zu reden oder sie zum Lachen zu bringen. Jetzt gab sich ihr Vater kaum noch Mühe, Bette oder Barbra zum Lachen zu bringen, und er selbst lachte ebenfalls nur noch selten.

Mr Miller brachte ihren Tee, Bettes hatte er mit Milch und Sahne gemischt, wie sie es gerne mochte.

»Danke, Papa«, sagte Bette und sah zu, wie der Dampf von dem lecker riechenden Getränk aufstieg.

Er schien in Gedanken versunken.

»Und wer ist der neue Mieter?«, fragte Bette, um das Gespräch voranzubringen.

»Also«, begann Mr Miller und fuhr sich mit der Hand durch sein kurzes, dunkles Haar. »Sie ist eigentlich keine Mieterin. Zumindest zahlt sie keine Miete.«

Bette konnte sich nicht bremsen. »Weiß Barbra das?«

Es war zwar immer noch kein richtiges Lächeln, aber zumindest bewegten sich Mr Millers Mundwinkel nach oben. »Ich habe noch nicht mit ihr gesprochen. Sie wird nicht glücklich darüber sein, dass dieses Einkommen, wie sie es nennt, wegfällt. Die Sache ist die: Diese Frau war im Club. Ich glaube, sie ist eine Freundin von Marty, dem Pianisten. Wie auch immer, wir kamen ins Gespräch, und sie erwähnte, dass sie neu in der Stadt ist und wie schwierig es ist, eine bezahlbare Wohnung zu finden.« Ihr Vater runzelte die Stirn, als versuche er sich ganz genau zu erinnern. »Also habe ich von der Wohnung erzählt, und wir haben uns darauf geeinigt, dass sie vorübergehend einziehen kann.«

»Einfach so?« Bette stellte ihren Becher ungläubig hin. Wenn er die Wohnung einfach so weggab, hätte sie zumindest angenommen, dass es sich um eine alte Bekannte handelte.

»Na ja, sie wird ein bisschen in der Wohnung tun. Sie wird sie streichen …«

»Ist sie Malerin?«, fragte Bette.

»Ähm, ich glaube nicht, dass sie das beruflich macht, wenn du das meinst. Aber sie wird auch anderes tun.«

»Zum Beispiel?«, wollte Bette misstrauisch wissen.

Mr Miller nippte an seinem Tee. »Sie wird sich ein bisschen um dich kümmern.«

»Um mich!« Das kreischte Bette geradezu heraus.

»Also, Bette …«

»Damit ich das richtig verstehe: Da taucht irgendeine Frau im Club auf, die vielleicht eine Freundin von Marty ist, ihr quatscht ein bisschen und du bietest ihr an, unten einzuziehen, nicht zu vergessen umsonst, und als Gegenleistung wird sie mein Kindermädchen?« Bettes Stimme zitterte vor Empörung.

»Kein Kindermädchen. Sie wird, nun ja, für dich da sein. Und sie streicht die Wohnung«, fügte er etwas unglücklich hinzu.

»Aber Papa …«

Mr Miller versuchte sich zu sammeln. »Bette, ich fühle mich wirklich nicht wohl dabei, dich hier nachts allein zu lassen. Es ist nicht sicher. Es ist nicht so, dass Gabi wie ein Babysitter auf dich aufpasst. Aber sie ist hier, sollte irgendetwas sein, ein Notfall, oder wenn du jemanden zum Reden brauchst.«

»Warum sollte ich mit ihr reden wollen? Ich kenne sie doch gar nicht.«

Mr Miller wärmte seine Hände an dem Becher. »Man kann gut mit ihr reden. Es ist seltsam. Wir haben wohl eine Stunde miteinander gesprochen, und ich habe mich gefühlt, als würde ich sie schon ewig kennen.«

Bette wusste nicht, was sie davon halten sollte. Das war so gar nicht typisch für ihren Vater. Zugegeben, seit dem Tod ihrer Mutter war er nicht der brauchbarste aller Väter. Die Kanzlei aufzugeben und den Club zu kaufen hatte irgendwie nicht viel Sinn gehabt. Dennoch, eine Fremde in ihr Leben zu holen passte nicht zu ihm.

»Papa, was ist, wenn das nicht klappt? Dann hast du diese Frau …«

»Gabi.«

»Meinetwegen, Gabi. Du hast sie in der Wohnung und musst sie wieder loswerden. Es sieht ja so aus, als sei sie schon eingezogen. Da steht ein Sofa in der Wohnung«, sagte Bette und wurde lauter, so als wäre das Sofa ein eindeutiger Beweis dafür, wie dumm die Idee war.

»Wir haben schon darüber gesprochen«, sagte Mr Miller. »Wenn du Gabi überhaupt nicht magst, tritt Plan B in Kraft.«

»Und was ist Plan B?«

»So weit bin ich noch nicht.«

Bette knallte ihren Becher auf den Tisch und rannte in ihr Zimmer. Ihr Vater folgte ihr, bevor sie die Tür zuknallen konnte.

»Sieh mal, Bette«, meinte er. »Ich weiß, das ergibt alles nur wenig Sinn, aber ich höre auf meinen Bauch.«

»Das klingt eher nach Bauchkrämpfen«, erwiderte Bette und warf sich aufs Bett.

»Lern sie wenigstens kennen«, beschwor Mr Miller seine Tochter. »Mal sehen, was du dann denkst. Sie ist eine sehr nette Frau. Sehr nett.«

Bette hob den Kopf. Ihr war ein Gedanke gekommen. »Bist du … an dieser Frau interessiert?«

Mr Miller sah einen Moment verwirrt aus. Dann runzelte er die Stirn. »Nein. Nicht so wie du meinst. Es ist nur, sie macht einen aufrichtigen Eindruck.«

»Ich bin mir sicher, dass das für alle Hochstapler gilt«, antwortete Bette scharf. Also wirklich, hatte ihr Vater noch nie einen Krimi gesehen?

Mr Miller setzte sich auf die Bettkante. »Ich weiß, das Ganze sieht aus, als käme es aus heiterem Himmel, aber ich hoffe, du gibst ihr eine Chance. Ich mache mir solche Sorgen, weil du so viel alleine bist.«

Hatte er? Das war Bette neu. Bis vor wenigen Minuten hatte er nie ein Wort darüber verloren, dass er sich sorgte.

»Gabi war da und wollte helfen. Es war wie die Antwort auf ein Gebet.«

»W

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