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Der Eden Effekt

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Zitat
  6. 1. KAPITEL
  7. 2. KAPITEL
  8. 3. KAPITEL
  9. 4. KAPITEL
  10. 5. KAPITEL
  11. 6. KAPITEL
  12. 7. KAPITEL
  13. 8. KAPITEL
  14. 9. KAPITEL
  15. 10. KAPITEL
  16. 11. KAPITEL
  17. 12. KAPITEL
  18. 13. KAPITEL
  19. 14. KAPITEL
  20. 15. KAPITEL
  21. 16. KAPITEL
  22. 17. KAPITEL
  23. 18. KAPITEL
  24. 19. KAPITEL
  25. 20. KAPITEL
  26. 21. KAPITEL
  27. 22. KAPITEL
  28. 23. KAPITEL
  29. 24. KAPITEL
  30. 25. KAPITEL
  31. 26. KAPITEL
  32. 27. KAPITEL
  33. 28. KAPITEL
  34. 29. KAPITEL
  35. 30. KAPITEL
  36. 31. KAPITEL
  37. 32. KAPITEL
  38. EPILOG
  39. Über die Autoren

»EHE WIR STÄDTE GEBAUT UND DIE SCHRIFT ERFUNDEN HABEN UND DIE GROßEN RELIGIONEN GEGRÜNDET WURDEN, HABEN WIR SCHON DAS KLIMA VERÄNDERT. WIR HABEN LANDWIRTSCHAFT BETRIEBEN

William Ruddiman (Pflüge, Seuchen & Petroleum, Princeton University Press, 2005, S. 4)

1. KAPITEL

SIMON GUNTER HIELT sich für einen einfachen Menschen. Er mochte einfache Dinge. Nur seine Aufträge waren es selten. Dieser Auftrag war bis jetzt einfach gewesen. Er hatte mit dem Professor telefoniert und ihm sein Angebot unterbreitet. Zu seiner großen Freude hatte der sich nicht nur interessiert gezeigt, sondern den Köder begeistert geschluckt.

Er ist kein komplizierter Mensch. Dieser Gedanke ließ Gunter lächeln, als er den Mantelkragen hochschlug und nach hinten in den dunklen Fahrersitz seines Mietwagens rutschte. Seine Aufmerksamkeit war auf das Wohnhaus auf der anderen Straßenseite gerichtet. Helle Lichter erleuchteten den Parkplatz, von dem erst vor wenigen Minuten die Gäste der Studentin weggefahren waren.

Zuvor hatte Gunter die Wagentür geöffnet und war durch die kalte Nacht gelaufen. Als er im Schatten des Wohnhauses gestanden hatte, konnte er den Lärm der Party hören: Musik, Lachen, klirrende Gläser.

Als bereits der frühe Morgen anbrach, machten die Gäste sich einzeln oder paarweise auf den Heimweg. Sie waren alle jung und leicht betrunken. Von Studenten hatte er auch nichts anderes erwartet.

Doch der schnittige BMW des Professors stand auch noch dort, nachdem die Lichter ausgegangen waren. Mittlerweile war der Wagen von einer dünnen Eisschicht bedeckt.

Es ist April. Wann wird es endlich warm in Wyoming?

Gunter schlang den Mantel eng um seinen Körper. Ab und zu schaltete er Motor und Lüftung ein, um die beschlagenen Scheiben vom Eis zu befreien.

Der Professor verbringt die Nacht also mit der Rothaarigen. Gunter hatte schon in Erfahrung gebracht, dass die Ehefrau und die beiden Jungen nicht zu Hause waren. Die Untreue des Professors war alles andere als ein Problem. Solche Indiskretionen lieferten dem großen Boss nur ein zusätzliches Druckmittel, falls es notwendig werden sollte, den Anthropologen zu motivieren.

Du Narr. Amüsiere dich nur heute Nacht. Er konnte es dem Professor nicht verdenken. Die Rothaarige – die Studentin des Professors – war eine bemerkenswert hübsche junge Frau Ende zwanzig. Um sich ein wenig zu vergnügen, stellte Gunter sich vor, wie er die Rothaarige langsam auszog, mit den Händen über ihre zarte weiße Haut strich und die rosafarbenen Brustwarzen reizte. Er wollte ihr gerade den Slip über die Beine streifen und das gelockte rote Schamdreieck entblößen, als Scheinwerfer die Straße erleuchteten.

Gunter rutschte auf dem Sitz noch tiefer nach unten und schaute in den Rückspiegel. Ein dunkler Chevrolet fuhr langsam die Straße hinunter. Als der Wagen den Parkplatz des Wohnhauses passierte, fuhr er nur noch im Schneckentempo. Durch das Seitenfenster sah Gunter einen Mann, der den Hals reckte und die Autos intensiv betrachtete. Dann fuhr der Chevrolet weiter und hielt einen halben Block entfernt am Bordstein.

Kurz darauf wurde die Fahrertür geöffnet, und im Licht der Innenbeleuchtung erkannte Gunter einen Mann in einem dunklen Mantel mit einer schwarzen Mütze auf dem Kopf. Der Mann schloss die Tür und verschwand in der Dunkelheit.

Gunter atmete tief ein, beugte sich nach unten und griff nach einem schwarzen Kunststoffkasten, der vor dem Beifahrersitz auf dem Boden stand. Er öffnete ihn und nahm ein großes, dunkles Betäubungsgewehr heraus, das in einer Schaumstoffeinlage lag.

Als die Silhouette des Eindringlings am Rande des Parkplatzes auftauchte, öffnete Gunter den Verschluss des Gewehrs und legte den Betäubungspfeil in den Lauf.

Der Eindringling war zu dem BMW des Professors gegangen und überprüfte das Kennzeichen. Anschließend wanderte sein Blick über das Wohnhaus.

Gunter erlaubte sich ein flüchtiges Lächeln, öffnete behutsam die Tür und trat in die Dunkelheit. Im Gegensatz zu dem Eindringling hatte er die Innenbeleuchtung ausgeschaltet.

Mit dem Betäubungsgewehr im Anschlag schlich er sich leise an sein Opfer heran.

Es interessierte sich noch jemand für den Professor. Gunter würde herausfinden, wer es war. Auch war es mit der Beseitigung allein nicht getan. Eine Erklärung musste abgegeben und eine Botschaft verbreitet werden, um andere Parteien abzuschrecken.

Jetzt war nichts mehr einfach.

Der Ofen sprang an, und die Lüftung begann zu surren. Anika French drehte sich auf der Couch stöhnend auf die Seite und fragte sich, warum sie so einen entsetzlichen Geschmack im Mund hatte. Sie hätte gerne weitergeschlafen und sich noch ein wenig ihren verrückten Träumen hingegeben, doch ihre volle Blase rebellierte. Als sie sich mit einer Hand über die Wange strich, fühlte sie den Abdruck des Stoffes, den das grob gewebte, aber sehr dekorative Kissen dort hinterlassen hatte. Sie öffnete ein Auge und wagte einen Blick in ihre kleine Wohnung.

Ja. Anika lag vollständig bekleidet auf der Couch. Die Kopfschmerzen, der trockene, klebrige Mund und der unangenehm säuerliche Geschmack erinnerten sie daran, dass sie viel zu viel Wein getrunken hatte.

Oh Gott, diesen Tag werde ich hassen.

Sie richtete sich auf. Ein paar Strähnen ihres roten Haars fielen ihr ins Gesicht. Als sie die Füße auf den Boden setzte, freute sie sich, dass sich nicht alles vor ihren Augen drehte. Das war in der Vergangenheit schon ein- oder zweimal vorgekommen und gefiel ihr gar nicht.

Ihr Magen verkrampfte sich, und das Kratzen in der Kehle ließ keinen Zweifel daran, dass ihr Körper große Probleme hatte, den Alkohol zu verarbeiten.

Anika stand auf, stieß gegen eine leere Flasche und trat auf einen Teller, auf dem Käsereste klebten. Als sie den linken Fuß hob und die gelben Flecken auf ihrer Socke sah, verzog sie das Gesicht.

Was für ein Idiot lässt einen schmutzigen Teller auf dem Teppich stehen? Sie brummte verärgert und humpelte in die Küche, um den Käse nicht auf den Teppich zu schmieren. Doch als sie einen Blick zurückwarf, stellte sie fest, dass Bier, Wein, Popcorn und Pizzareste ihm bereits arg zugesetzt hatten. Ansammlungen leerer Bierflaschen standen wie Kegel neben ihren Grünpflanzen. Andere thronten auf den Lautsprechern.

Anika zog die Socke aus, lief zwei Schritte über den Küchenboden und spürte, wie sie kleben blieb. Der Boden musste auf jeden Fall gründlich gewischt werden.

Und die Spüle?

Verdammt! Fassungslos starrte sie auf die leeren Flaschen und auf den Berg aus schmutzigen Tellern, Gläsern und Besteck. Die gestapelten leeren Bierkästen, die Pizzakartons und Weinflaschen neben dem kleinen Plastikmülleimer erinnerten ebenfalls an das rauschende Fest.

Auch der Küchentisch war von leeren Flaschen übersät. Zigarettenkippen schwammen in undefinierbaren Flüssigkeiten. Anika verzog das Gesicht, atmete tief ein und fluchte über die große Anzahl ihrer Freunde, die rauchten. Studenten sollten schlauer sein. In ihrer Wohnung würde es noch wochenlang stinken.

Egal! Es war eine tolle Party gewesen. Und die hatte sie sich auch verdient.

Anika machte sich auf das Schlimmste gefasst, als sie die Badezimmertür aufstieß. Zu ihrer Erleichterung sah dieser Raum fast normal aus. Das Handtuch hing wie ein nasser, zerknitterter Lappen am Haken, im Waschbecken klebten Seifenreste, der Toilettensitz war hochgeklappt und zwei leere Bierflaschen standen auf der Ablage. Doch sie entdeckte keine größeren Schäden.

Stöhnend klappte Anika die Toilettenbrille hinunter und leerte ihre volle Blase. Einen Augenblick blieb sie noch sitzen, spürte den dumpfen Schmerz hinter den Augen, verdrängte verschwommene Gedanken und fragte sich, was für ein Idiot seinen Körper so behandelte.

Schließlich stand sie auf, wusch sich die Hände und trank einen Schluck Wasser aus den hohlen Händen. Sie griff nach dem zerknitterten Handtuch, zögerte dann aber und zog ein sauberes unter dem Waschbecken hervor.

Während Anika sich die Hände abtrocknete, betrachtete sie sich im Spiegel: dunkle Schatten unter den grünen Augen, kaum erkennbare Sommersprossen auf der geraden Nase, der Abdruck des Kissens auf der rechten Wange. Sie hatte ein hübsches, schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen, das Männer gerne intensiv betrachteten. Besonders ihr wunderschöner Mund hatte es ihnen angetan. Zumindest, bis Anika ihn öffnete und vehement ihre Meinung vertrat.

Und genau da lag das Problem: Sie hatte festgestellt, dass Männer sich schnell von ihrer Attraktivität beeindrucken ließen, doch sobald sie erkannten, wie intelligent sie war, blieben sie selten am Ball. Und man konnte mit Fug und Recht behaupten, dass Anika French intelligent war und einen analytischen Verstand besaß.

Sie verzog den Mund zu einer Art Lächeln, öffnete den Badezimmerschrank über dem Waschbecken und nahm die Zahnbürste heraus. Das Zähneputzen half zwar, aber es brachte keine Rückkehr in die Normalität.

Anika durchquerte die Diele, ging zwei Schritte in ihr Schlafzimmer hinein und blieb abrupt stehen.

Er lag auf dem Bauch und hatte das Gesicht ins Kissen vergraben. Sein nackter Oberkörper und ein Knie guckten aus der zerwühlten Bettdecke heraus, die seinen Unterkörper bis zum Po bedeckte.

Anikas Blick wanderte über den Kleiderhaufen auf dem Boden: Hemd, Unterhemd, Krawatte, Hose, und ganz oben lag ein Herrenslip.

Kein Wunder, dass ich auf der Couch geschlafen habe.

Die Erinnerung an seine flehenden blauen Augen, das betörende Lächeln und seine klammernden Hände kehrte zurück. »Komm schon, Anika! Wir haben etwas zu feiern! Du hast etwas zu feiern!«

»Ja, stimmt«, hatte sie erwidert. »Und für einen Professor bist du kein sehr cleverer Mann. Ach übrigens … wo sind denn Denise und die Kinder heute?«

»In Denver. Und es ist ja nicht so, als ob wir nie …«

»Die Antwort lautet nein. Du bist verheiratet.«

Er zögerte. »Und wenn ich es nicht wäre?«

»Darüber haben wir schon tausendmal gesprochen.«

»Du bist nicht mehr meine Studentin. Jetzt bist du Doktor French

»Mark, die Antwort lautet nein.«

»Und wenn ich dir etwas Wichtiges zu sagen hätte?«

»Was? Dass du dich scheiden lässt? Das hab ich doch schon mal gehört.«

»Nein, etwas wirklich Wichtiges.«

Sie sah das Leuchten in seinen Augen. Diesen triumphierenden Blick kannte sie und wusste, dass er eine Enthüllung ankündigte, von der er glaubte, sie würde sie umhauen. Das letzte Mal hatte er so gestrahlt, als er zum Institutsleiter ernannt worden war.

»Anika, heute ist etwas Wichtiges passiert.«

»Stimmt. Ich habe erfolgreich meine Dissertation verteidigt. Oder glaubst du, ich habe nur aus einer Laune heraus den ganzen Fachbereich Anthropologie zu mir eingeladen?«

»Es ist noch besser. Besser, als du dir vorstellen kannst. Die letzte Hürde zu deinem Doktortitel ist nur noch ein Kinderspiel.«

»Was?«

Das Strahlen in seinen Augen wurde stärker. »Ich sage es dir, nachdem wir miteinander geschlafen haben.«

»Dann nimmst du das Geheimnis mit ins Grab.«

Er glaubte ihr nicht. »Komm schon! Es ist deine Zukunft. Unsere Zukunft.«

Er versuchte sie ins Schlafzimmer zu ziehen, doch sie schüttelte seine Hand ab. »Okay, geh schon mal vor. Wenn ich nicht da bin, fang ohne mich an.«

Ihre Stimme klang bitter, aber er war betrunken und so begeistert von seinem großen Geheimnis, dass er es gar nicht bemerkte.

Anika sah ihm nach, als er in Richtung Schlafzimmer schlurfte. Sie überlegte, ob sie ihre Handtasche nehmen und die Wohnung verlassen sollte, doch sie hatte zu viel getrunken.

Angewidert schaute sie noch einmal auf das Party-Chaos und kam zu dem Schluss, dass es zu groß war, um es jetzt zu beseitigen. Dann schaltete sie das Licht aus und warf sich auf die Couch.

Die Morgensonne schien durchs Fenster, als sie auf den schlafenden Mann schaute. »Und was jetzt?«

Anika ging zum Schrank, nahm ein paar Kleidungsstücke heraus, warf sie in eine Tasche und verließ auf Zehenspitzen das Zimmer.

Besser, als ich es mir vorstellen kann? Dieser Gedanke ließ Anika nicht los. Sie saß im Büro im ersten Stock an ihrem Schreibtisch. In dem Gebäude der Anthropologie herrschte an diesem Morgen Ruhe. Sie trank einen Schluck Kaffee und fürchtete sich vor dem Koffeinschub. Warum hatte Mark sich so verdammt rätselhaft ausgedrückt? Hatte er nicht gesagt, dass es etwas wirklich Wichtiges war?

Anika starrte auf die Diagramme und Tabellen, die an der Wand ihres Büros hingen. Die Unmenge an Daten – die Grundlage des Modells, ihres Modells – stach auf dem weißen Papier hervor. Jeder Datengruppe war eine statistische Formel zugeordnet.

Es sah gar nicht so großartig aus, und für Uneingeweihte wie ihren nüchternen Vater stellte es vermutlich nur ein Chaos aus Zahlen und Mathematik dar.

Anika lächelte bei dem Gedanken und erinnerte sich an das Telefonat gestern nach der Verteidigung. Sie hatte ihren Dad angerufen und ihm gesagt, dass sie die Verteidigung bestanden hatte.

»Ich freue mich, mein Schatz. Dann bist du jetzt eine Doktorin?«

»So gut wie. Es müssen noch ein paar Formulare ausgefüllt und meine Dissertation muss gedruckt und gebunden werden. Du bekommst auch ein Exemplar.«

»Wozu, mein Engel? Das wäre für mich nur das reinste Chinesisch. Und wann ist die Abschlussfeier?«

Er wurde »Red« French genannt. Diesen Spitznamen hatte er schon, seitdem er bei den Marines als Rekrut angefangen hatte. In Anikas Leben war ihr Vater, ein Berufssoldat, größtenteils abwesend gewesen. Bis zu dem Unfall.

»Du sagst mir das Datum, mein Schatz. Ich werde da sein, damit ich sehen kann, wie du die Urkunde ausgehändigt bekommst.«

»Das ist nur in der Highschool so, Dad. Hier …« Sie zögerte. »Ich bekomme einen Doktorhut.«

»Ich weiß.« Er zögerte kurz. »Deine Mutter wäre so stolz auf dich gewesen.«

»Ich weiß, Dad.«

Das Interesse und die Leidenschaft ihrer Mutter hatten der Ranch gehört, die sich über ein großes Gebiet am Platte River in Zentral-Wyoming erstreckte.

»Wie geht es dir?«, fragte sie.

»Ich habe einen großen Fall. In der letzten Woche wurden zwanzig Ballen Stacheldraht aus der Highway-Meisterei gestohlen.«

Anika kicherte. »Dann schnapp sie dir, Sheriff!«

Intuitiv hatte sie eines der beiden Bilder in die Hand genommen, die hinten auf ihrem Schreibtisch standen. Der große, stämmige Red French war in seiner Uniform und mit einer Pistole an der Hüfte auf dem Foto abgebildet. Mit einem schiefen Lächeln schaute er in die Kamera. Ein paar Falten hatten sich in sein gerötetes Gesicht gegraben, und die winzige weiße Narbe auf der rechten Wange stach auf dem Foto seltsam hervor. Sie hatte es an dem Tag aufgenommen, als er als Sheriff von Converse County vereidigt worden war.

Ihr Dad hatte Mark Schott nie gemocht.

»Besser, als ich es mir vorstellen kann?« Anika wunderte sich erneut.

Sie lauschte den Schritten der Studenten, die über den Korridor liefen, und wandte sich dem Papierstapel auf dem Schreibtisch zu. In zwei Wochen würde sie die Universität von Wyoming als frischgebackene Doktorin der Anthropologie verlassen. Und dann?

Ihr Blick wanderte zu dem Modell. Ja, es war brillant, aber aufgrund der Sparmaßnahmen war es niemals schwerer gewesen, einen Job in ihrem Fachgebiet zu finden. Eine Menge Anthropologen, die genauso brillant waren wie sie, waren auf Jobsuche und schickten ihre Bewerbungsunterlagen an alle Universitäten mit offenen Stellen.

Anika spürte, dass er hinter ihr in der Tür stand. »Anika?«

Sie drehte sich um. Mark betrat das kleine Büro und schloss die Tür. Er räumte einen Stapel Bücher von dem zweiten Stuhl, und als er sich hinsetzte, schob er die Ärmel seines Tweedjacketts hoch. Aus Gründen, die sie niemals richtig verstanden hatte, gefiel es ihm, wenn die Manschetten herausguckten.

Dr. Mark Schott war eine elegante Erscheinung. Er verzichtete selten auf eine Krawatte, trug immer gebügelte Hosen und konservative Tweedjacketts, als wäre er ein Oxford-Absolvent und käme nicht von der einzigen Universität in Wyoming. Offenbar war er nach Hause gefahren, um sich umzuziehen. Anika fragte sich, ob Denise schon aus Denver zurückgekehrt war.

Er zeigte auf die Unterlagen auf dem Schreibtisch, als wollte er ihrem Blick ausweichen. »Auf Jobsuche?«

»Das ist der nächste Schritt, oder?«

Mark lächelte verhalten. »Darüber wollte ich mit dir sprechen.«

»Vor oder nach dem Orgasmus?«

Er verzog das Gesicht. »Es lief nicht so gut, wie ich gehofft hatte. Hm … zu viel Wein.«

Anika runzelte verächtlich die Augenbrauen.

Mark schaute auf die Uhr. »Eigentlich wollte ich dieses Gespräch in einer entspannteren Atmosphäre führen. Aber die Zeit ist knapp.«

»Okay, spuck’s aus! Was hast du für eine großartige Neuigkeit?«

»Es besteht die Chance, dass ich woanders einen neuen Job antrete. Wenn alles so läuft, wie es im Augenblick aussieht, wird in unserem Fachbereich eine Stelle frei.« Er warf ihr einen verstohlenen Blick zu. »Wie würde es dir gefallen, einen Job hier in Wyoming anzunehmen? Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Anthropologie?«

Anika starrte ihn an. Ihre Gedanken überschlugen sich, doch wegen ihrer Kopfschmerzen fiel es ihr schwer, ihm eine vernünftige Antwort zu geben. »Aber … ich meine, wird der Fachbereich nicht darauf bestehen, die Stelle auszuschreiben? Ich müsste mich bewerben wie alle anderen auch.«

Doch Mark hatte schon eine Lösung parat. »Nicht, wenn die Stelle aus nicht öffentlichen Mitteln finanziert wird. Dann hätte ich auch größeren Einfluss. Wenn alles klappt, sind mir die Zustimmung des Präsidenten und der Verwaltung sicher.«

Obwohl Anika noch immer an den Folgen der ausschweifenden Party litt, wurde sie sofort hellhörig. »Aus welchen Mitteln wird sie denn bezahlt, und was soll ich tun?«

Er zeigte auf das Modell an der Wand. »Genau das, womit du dich in deiner Promotion beschäftigt hast. Du arbeitest mir bei meinem Projekt zu. Wenn es mit dem Job klappt, Anika, heben wir das Modell auf ein ganz neues Niveau.«

»Ein neues Niveau? Du kennst meine Vorbehalte. Warum tust du so geheimnisvoll?«

»Geheimnisvoll?«

Anika lehnte sich seufzend zurück. »Ich bin nicht mehr die naive junge Frau, die sich damals von dir hat verführen lassen. Ich habe begriffen, wer du wirklich bist.«

»Und wer bin ich?«

»Du kennst die Geschichte deines Fachs, die Theorien und die Leute, die sie entwickelt haben. Du hast im Bereich Kulturanthropologie alles gelesen, und du kennst dich verdammt gut in Archäologie aus. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so mitreißende Vorträge hält. Aber tief in deinem Inneren …«

Seine Lippen zuckten. »Nichts aber. Sprich weiter! Es wurde gerade spannend.«

»Mark, du hast mir immer einen Teil deiner Arbeit vorenthalten. Das ist der springende Punkt.«

»Der springende Punkt«, wiederholte er flüsternd.

Anika warf den Kopf zurück und schaute ihn fragend an.

Mark dachte kurz nach und sah dann wieder auf die Uhr. »Egal, was du von mir hältst, du würdest das Modell doch gerne weiterentwickeln, oder?«

»Natürlich.« Anika kniff die Augen zusammen. »Solange das nicht bedeutet …«

»Hier ist der Deal. Wenn es klappt, bekommst du eine Stelle hier, ein hübsches Gehalt, Extra-Boni und die Gelegenheit, unbegrenzt an einem Aspekt des Modells zu arbeiten, der dir gefällt. Und die ganzen Einführungsveranstaltungen, mit denen wissenschaftliche Mitarbeiter sich im ersten Jahr ihrer Anstellung herumschlagen müssen? Du musst nicht einmal Seminare geben, wenn du nicht möchtest.«

»Und als Gegenleistung?«

»Du brauchst nur Datenmaterial zu sammeln.« Er zögerte. »Ach so, ja, es könnte auch ein paar Einschränkungen geben in Bezug auf das, was du veröffentlichen darfst, und … hm …«

»Verzeihung?«, fragte Anika in spitzem Ton.

Mark rutschte verlegen auf dem Stuhl hin und her. »Anika, es könnte sein, dass ein Teil der Forschungsergebnisse zuerst einer Sicherheitsprüfung unterzogen wird.«

»Was zum Teufel redest du da?«

Er beugte sich vor und spreizte die Hände. »Du kannst das Modell weiterentwickeln, neue Daten hinzufügen und von deiner Forschungsarbeit alles, was du willst, unter deinem Namen veröffentlichen. Wenn es um prähistorische Daten geht, kannst du auch einen kritischen Artikel schreiben. Es ist mir egal. Aber alles, was du für mich machst … Da sieht es anders aus.«

»Bist du verrückt? Du weißt, wie wichtig das Modell ist! Ich kann den Niedergang und Zusammenbruch jeder prähistorischen Zivilisation beschreiben, die jemals existiert hat. Zum ersten Mal können Archäologen nachvollziehen und begreifen, warum Zivilisationen untergehen.«

Mark stand auf. Offensichtlich fühlte er sich nicht wohl in seiner Haut. »Ich habe einen Termin. Wir sprechen später weiter darüber.« Er öffnete die Tür. »Und bitte tu mir einen Gefallen. Sprich mit niemandem darüber, bis wir unser Gespräch fortgesetzt haben und du Zeit hattest, darüber nachzudenken!«

Mit diesen Worten ging er davon.

2. KAPITEL

WASHINGTON D. C. HATTE Dr. Maureen Cole immer in Staunen versetzt. Der polierte Fußboden im berühmten Foyer des Mayflower Hotels reflektierte das Licht. Maureen betrachtete die glänzenden Bodenfliesen, ehe sie den Blick zu den geschmackvoll dekorierten Wänden, den Holzverzierungen und Kunstwerken hob. Alles strahlte Eleganz aus, sogar die uniformierten Portiers waren elegant.

Und mitten in diesem feinen Ambiente stand Dusty Stewart. Er wirkte hier so fehl am Platz wie ein Kojote in einem Streichelzoo. Mit dem verschmutzten Westernhut aus Stroh und den abgelaufenen Cowboystiefeln bildete er einen starken Kontrast zu Maureen, die ein tadellos sitzendes Seidenkostüm von Marc Jacobs trug. Der ausgefranste Saum von Dustys zu langer Jeans schleifte über den glänzenden Marmorboden. Dazu trug er ein knallgelbes T-Shirt, auf dem in großen schwarzen Lettern der Aufdruck prangte: CHACOKRIEGER FRESSEN IHRE NACHBARN. Seine Augen waren hinter einer Sonnenbrille mit verspiegelten Gläsern versteckt, doch als Zugeständnis an den Ort und die Tageszeit hatte er zumindest seinen blonden Bart gekämmt.

Dusty trat von einem Bein aufs andere, worauf sich die aufgeplatzte Naht an der Sohle des Stiefels wölbte. Maureen zuckte zusammen, als Sand auf den blitzsauberen Marmorboden rieselte.

Du kannst den Archäologen aus der Wüste bringen, dachte sie, aber die Wüste begleitet ihn immer.

In diesem Augenblick öffnete der Portier die glitzernde Glastür, um einer Gruppe französischer Touristen Einlass zu gewähren. Sie trugen europäische Freizeitkleidung und verstummten, als sie Dusty erblickten. Zwei der jungen Frauen blieben wie angewurzelt stehen, rissen die Augen auf und lächelten unbewusst.

Ihre Reaktion ärgerte Maureen ebenso wie Dustys Aufmachung. Dieser Mann zog die Aufmerksamkeit der Frauen auf sich wie ein Magnet. Welche Frau schaute nicht zweimal hin? Dusty strahlte ungezähmte Männlichkeit aus – jedenfalls bis er den Mund öffnete und eine absolut unangebrachte Bemerkung machte. Solange sie ihm Pflaster auf den Mund klebte, war er der beste Begleiter, den eine Frau sich wünschen konnte.

Als die drei jungen Männer Dusty musterten, unterdrückte sie ein Lächeln. Einer murmelte: »Tabernac! C’est Roy Rogers!«

»Oui, un cowboy, certainement.«

»Sans cheval et avec merde sur ses pieds.«

Humor, aus dem Irritation klang. Wenn Dusty verstanden hätte, was sie gesagt hatten, hätte er geknurrt und seinen Spöttern erklärt, dass er Archäologe war – verdammt – und dass Roy Rogers eine Kiva nicht von einem Whirlpool unterscheiden konnte.

Die Frauen warfen ihm noch immer Blicke über die Schultern zu, als sie auf die Aufzüge zusteuerten.

»Eine fröhliche Truppe«, sagte Dusty. »Ich wusste gar nicht, dass es in D.C. so viele Ausländer gibt. Außerdem dachte ich, die Franzosen mögen uns nicht.«

»Der Euro ist noch immer mehr wert als der Dollar. Darum sind die Staaten ein günstiges Urlaubsland.«

»Na dann.« Er steckte die Daumen hinter den Gürtel und reckte seine breiten Schultern. Das T-Shirt betonte Dustys muskulösen Körper, den die vielen Jahre des Grabens, Siebens und Wanderns durch unwegsame Länder gestählt hatten. »Wurde auch Zeit, dass wir ihnen als Gegenleistung für den ganzen Käse, den sie uns schicken, etwas zurückgeben.«

Maureen seufzte.

»Wo bleibt dein Fahrer?« Dusty schaute auf die Uhr.

»Wenn es dir zu lange dauert, fahr ruhig schon los.«

Er schaute sie fragend an. »Ich soll dich in so einer Stadt allein lassen?«

»Mich?« Sie kicherte. »Wenn ich dich aus Washington herausbekomme, ohne eine Kaution zu hinterlegen, würde ich das als Wunder biblischen Ausmaßes bezeichnen. Du kannst nicht einmal nach Gallup in New Mexico fahren, ohne im Knast zu landen.«

»Das war nicht meine Schuld. Der Navajo hat laufend Bier bestellt.« Dusty zuckte zusammen. »Hier habe ich nicht viele Indianer gesehen. Geschweige denn Navajos.«

Maureen warf ihm einen drohenden Blick zu. »Lass uns den Plan noch mal durchgehen.«

Dusty zählte mit den Fingern die einzelnen Punkte auf. »Ich nehme ein Taxi zum Smithsonian. Ich frage an der Information nach Brian O’Neils Büro. Ich treffe mich mit Brian. Wir schauen uns die Anasazi-Artefakte an. Wir essen gemeinsam. Wir trinken ein Bier. Ich nehme ein Taxi zurück hierher, und wir treffen uns um sechs Uhr zum Abendessen.«

»Die Sache mit dem Bier macht mir Sorgen.«

»Vielleicht wäre es besser, wenn ich dich begleite. Ich traue dem FBI nicht. Ganz zu schweigen von dem, was sie von dir wollen.«

Maureen drückte die Handtasche mit den Unterlagen an sich. »Sie wollen nur meine Meinung hören.«

»Du bist kanadische Bürgerin. Du hast Rechte.«

»Dusty, ich war doch schon einmal als Beraterin für die amerikanische Regierung tätig.«

»Ja, und dabei bist du fast draufgegangen.« Mit finsterer Miene strich er sich über den Bart. »Und wer war die Frau, die sich beim letzten Mal, als du nichts mit dem FBI zu tun hattest, in meinem Wohnwagen verstecken musste?«

»Das war das Außenministerium. Diesmal ist es anders.«

»Woher willst du das wissen? Sie wollten dir nicht sagen, um was es geht. Sie haben dir nur das Flugticket geschickt und dich hierher zitiert.«

»Sie haben uns in einem schönen Hotel untergebracht.« Maureen zeigte auf das Foyer.

»Toll. Wenn etwas passiert, dann sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«

»Dr. Cole?«, rief der Portier. »Ihr Wagen ist da.«

»Bis nachher«, sagte Maureen, die nun auch ein wenig beunruhigt war.

»Wünsch mir Glück«, sagte Dusty, der plötzlich unsicher aussah, als sie ihn verließ.

»Bitte den Portier, dir ein Taxi zu rufen … und gib ihm ein paar Dollar, wenn er dir die Tür aufhält.«

Ehe Maureen in die warme Frühlingsluft hinaustrat, erhaschte sie noch einen letzten Blick auf Dustys bedrückte Miene. Dieser Mann würde sich keine Sorgen machen, wenn sein Laster mitten in der Wüste eine Panne hätte, aber eine Taxifahrt in dieser Metropole jagte ihm Angst ein.

Ein schwarzer Lincoln wartete am Bürgersteig. Maureen drückte dem Portier ein Trinkgeld in die Hand, ehe sie sich auf die Rückbank setzte.

»Dr. Cole?«, fragte der Fahrer. Er starrte in den Rückspiegel und musterte sie intensiv.

»Ja.«

»Willkommen in Washington, Ma’am. Wir brauchen ungefähr fünfzehn Minuten bis zu unserem Ziel.«

Maureen lehnte sich zurück und schaute durch die getönten Scheiben, als der Fahrer sich geschickt in den Verkehr einfädelte. Sie konnte nicht umhin, noch einen letzten Blick über die Schulter zu werfen. Dusty, der in seinem knallgelben T-Shirt nicht zu übersehen war, unterhielt sich mit dem Portier.

Dann drehte Maureen sich wieder um. Als sie ihr langes schwarzes Haar über die Schulter warf, sah sie, dass ein paar graue Haare hinzugekommen waren. Schon mit Anfang zwanzig waren die ersten Haare ergraut, doch dank ihrer Abstammung von den Seneca-Indianern war es bisher bei einigen wenigen geblieben.

Eine Viertelstunde später bog der Fahrer von der Pennsylvania Avenue ab und fuhr in die Tiefgarage unter der imposanten FBI-Zentrale. Neben dem Sicherheitsposten öffnete der Fahrer das Fenster. Der uniformierte Agent schaute in den Wagen, ehe die Schranke geöffnet wurde.

Als der Wagen vor dem Eingang im Untergeschoss anhielt, öffnete eine Agentin in einem Hosenanzug – sie war farbig und in den Dreißigern – die Tür. Sie reichte Maureen lächelnd die Hand.

»Dr. Cole? Ich bin Tony Jacobs. Wie war die Fahrt?«

»Danke, gut.«

Jacobs führte Maureen durch die Sicherheitskontrolle. Sie musste den Metalldetektor passieren und ihren Reisepass vorlegen. Nachdem sie mehrere Hallen durchquert hatten und mit dem Aufzug gefahren waren, wurde Maureen in einen kleinen Konferenzraum geführt, in dessen Mitte ein von Stühlen umgebener Tisch stand. Die Leuchtstoffröhren an der Decke erhellten weiße Wände.

»Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«, fragte Jacobs.

»Gerne. Eine Tasse Kaffee.«

»Nehmen Sie bitte Platz.« Jacobs zeigte auf einen Stuhl. Die Einrichtung war nüchtern, aber geschmackvoll. An einem Ende stand eine weiße Tafel.

Als Maureen sich hinsetzte, zog Jacobs ein paar Unterlagen aus der Tasche. »Dr. Cole, ich nehme an, Geheimhaltungsklauseln sind Ihnen vertraut«, sagte sie und reichte Maureen ein Formular. »Die Informationen, über die wir gleich sprechen werden, sind streng vertraulich und dürfen diesen Raum nicht verlassen.«

Maureen spähte auf das Formular, dachte: Was soll’s?, und unterschrieb.

Sie legte den Stift gerade aus der Hand, als ein Mann und eine Frau mit Akten den Raum betraten. Sie waren beide im Businessstil gekleidet. Der Mann trug ein sportliches Jackett und eine Krawatte und die Frau einen engen grauen Rock, eine weiße Bluse und einen grauen Blazer. Eine junge Frau mit Kaffee in einem Styroporbecher folgte ihnen.

»Dr. Cole?« Der Mann trat vor und reichte ihr die Hand. »Ich bin Special Agent Phil Hart.«

Maureen schätzte ihn auf Mitte vierzig. Sein blondes Haar war an den Schläfen leicht ergraut. Er musterte sie mit wässrigen blauen Augen. Sein Gesicht war sauber rasiert und ein wenig füllig. Harts Bauch ließ auf zu viele Kalorien und zu wenig Sport schließen.

»Amy Randall.« Auch die Frau schüttelte Maureen die Hand. »Stellvertretende Außenministerin.« Maureen schätzte Randall ebenfalls auf Mitte vierzig. Wenn sie nicht ein so ausgeprägtes Kinn und kantiges Gesicht gehabt hätte, wäre sie eine attraktive Frau gewesen.

»Außenministerium?«, fragte Maureen, deren Unbehagen wuchs.

Amy Randall lächelte. »Den Minister hat Ihr Einsatz nach den Vorfällen auf der White Star und alles, was folgte, sehr beeindruckt.«

Maureen versteifte sich. »Wenn Sie noch einmal ein Kreuzfahrtschiff voller Leichen haben, suchen Sie sich bitte einen anderen, der die Leichen identifiziert und die Todesursache ermittelt. Sie wissen, dass gewisse muslimische Gruppen Fatwas herausgegeben haben, die meine Exekution fordern.«

Jacobs nahm gegenüber von Maureen Platz. »Das hier hat nichts mit dem Islam zu tun. Ich kann Sie beruhigen. Wir stellen Ihnen keine Falle und wollen Sie auch nicht zur Zielscheibe machen.«

»Schön. Nachdem ich das einmal durchgemacht habe, steht mir nicht der Sinn nach einer Wiederholung.«

Hart setzte sich auf einen Stuhl und schlug die Akte auf, die er mitgebracht hatte. »Wir wollen nur Ihre Meinung zu einem Artikel hören, der vor ein paar Monaten im Journal of Strategic Assessment veröffentlicht wurde.«

»So gut kenne ich das Journal of Strategic Assessment nicht.«

Hart tippte mit dem Zeigefinger auf die Akte. »Diese Fachzeitschrift wendet sich vor allem an Denkfabriken, die sich auf Globalisierung und Internationales Recht spezialisiert haben, und an aufstrebende Politiker. Die meisten Beiträge stammen von nicht staatlichen Organisationen, Beratern und von Politikern gekauften Autoren. Diese Richtung.«

Randall schlug die Akte auf und schob ein Dokument über den Tisch. »Wir haben Sie aufgrund Ihres anthropologischen Fachwissens zu uns gebeten.«

»Die Welt ist voller Anthropologen. Warum lassen Sie mich aus New Mexico einfliegen?«

Hart lächelte verkrampft. »Dr. Cole, die Anwendung anthropologischer Theorien ist für Sie mehr als nur eine intellektuelle Übung. Sie haben gesehen, was passiert, wenn Regierungen scheitern. Sie mussten die Leichen untersuchen. Das war keine rein akademische Arbeit.«

»Außerdem hoffen wir auf Ihre Diskretion«, fügte Randall hinzu. »Sie hatten schon mit kulturell sensiblen Situationen zu tun. Und im Gegensatz zu vielen Ihrer Kollegen sind Sie in der Lage, Gesamtzusammenhänge zu erkennen.«

»Gesamtzusammenhänge?« Verwundert las Maureen den Titel des kopierten Artikels: Der Zusammenbruch des Nationalstaates: Ein prognostisches statistisches Modell. Der Autor war Dr. Mark Schott. Maureen überflog die Zusammenfassung.

Ein wenig verwirrt begann sie daraufhin den Artikel zu lesen oder vielmehr das, was sie angesichts der komplizierten statistischen Gleichungen, die die Hälfte des Textes ausmachten, lesen konnte. Die anderen warteten schweigend. Nachdem Maureen ihre Lektüre beendet und eine halbe Tasse Kaffee getrunken hatte, hob sie den Blick.

»Eine interessante Arbeit. Archäologen arbeiten seit Jahren an Modellen, die den kulturellen Zusammenbruch von Zivilisationen erklären. Warum versetzt Sie gerade dieser Artikel in Aufregung?«

Phil Hart lehnte sich zurück. »Für Sie sind das keine Neuigkeiten?«

Maureen schob die Blätter hin und her. »Ich bin mir nicht sicher. Ehrlich gesagt ist Statistik nicht meine Stärke.«

Jacobs beugte sich vor. »Was halten Sie von den sieben aufgeführten Phasen?«

Maureen blätterte zurück zu der entsprechenden Seite und las die Überschriften. »Erstens: Der technologische Fortschritt ermöglicht eine erhöhte Ausbeutung der Ressourcen, wodurch Überschüsse erzeugt werden.« Sie schaute ihn an. »Das ist nichts Neues.«

»Und Punkt zwei?«, fragte Randall.

»Zweitens: Die Bevölkerung wächst proportional zu den vermehrt zur Verfügung stehenden Ressourcen. Diese Theorie geht auf Thomas Malthus zurück, der sie Anfang des 18. Jahrhunderts aufgestellt hat.« Maureen las weiter. »Drittens: Es kommt zu Spezialisierungen, in der Gesellschaft bilden sich Schichten, Handelswege werden gebaut, die Wirtschaft blüht. Das alles ist zweifellos richtig.«

Randall nickte zustimmend. »Wir sind ganz Ihrer Meinung. Es ist Punkt vier, der uns Sorgen bereitet.«

Maureen widmete sich wieder dem Text. »Viertens: Klimaveränderung in Verbindung mit der Ausbeutung von Ressourcen und dem Anwachsen der Bevölkerung erzeugt Mangel.« Sie verstummte einen kurzen Augenblick. »Das haben wir immer wieder dokumentiert. Nehmen Sie irgendeine beliebige Kultur. Die Flachland-Maya, die Anasazi, Cahokia, Mohenjo-Daro, die Indus-Kultur und sogar das alte Rom. Alles kein Grund zur Panik.«

»Und Punkt fünf?«, fragte Randall.

»Fünftens: Es kommt zu Mangel, wodurch sich Angst und Unruhe ausbreiten, was zu extremistischen, messianischen und nativistischen Bewegungen führt.« Maureen blickte auf. »Ich nehme an, Sie denken an meinen Vortrag über Religion und die Frage, wie Mangel islamistische fundamentalistische Bewegungen stärkt. Mit diesem Thema habe ich mich immer wieder auseinandergesetzt.«

»Und sechstens?«, fragte Hart.

»Sechstens: Konflikte brechen aus. Teile der Bevölkerung suchen sich neue Siedlungsräume. Epidemien breiten sich aus, und Handelswege werden abgeschnitten. Die Produktion stagniert, während Sozialsysteme zusammenbrechen.« Maureen zögerte keine Sekunde. »Bleibt noch Punkt sieben: Systeme brechen zusammen, und das Chaos bricht aus.«

Amy Randall hatte einen Stift aus der Tasche genommen und machte sich Notizen. »Ich nehme an, auch das ist keine Neuigkeit für Sie.«

Maureen rutschte auf dem Stuhl nach vorn. »Genau das haben wir in archäologischen Veröffentlichungen immer wieder beschrieben. Aber Sie brauchen mich nicht nach Washington einzufliegen, um mit mir über diese Veröffentlichungen zu diskutieren. Die anthropologische Literatur ist voll davon, und das schon seit den Fünfzigern, als Ralph Linton, Anthony F. C. Wallace, David Aberle und Ed Spicer diese Theorien formuliert haben.«

»Das ist nicht das, was uns wirklich Sorgen bereitet«, gab Jacobs zu. »Es sind die Statistiken. Wie aussagekräftig sind sie?«

»Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass Sie in diesem Punkt die Falsche fragen. Nur ein sehr kompetenter Statistiker kann Ihnen diese Frage beantworten.«

Die drei warfen sich bedeutsame Blicke zu und schienen schweigend miteinander zu kommunizieren.

»Nehmen wir vorerst an, Dr. Schotts Modell funktioniert.« Amy Randall stand auf und spielte mit dem Stift in ihrer Hand. »Dr. Cole, Sie verstehen eine Menge von moderner Zivilisation. In welcher dieser sieben Phasen befinden wir uns Ihrer Meinung nach?«

Maureen dachte nicht lange nach. »Genau in der Mitte von Phase fünf.« Sie hob eine Hand. »Aber heutzutage stellt sich der Fall viel komplexer dar, da wir es nicht nur mit einer einzigen Kultur oder Zivilisation zu tun haben.«

»Erläutern Sie das bitte.«

»Nehmen wir zum Beispiel Cahokia. Haben Sie schon mal davon gehört?« Die drei schüttelten die Köpfe. »Cahokia beherrschte den größten Teil des heutigen Illinois von etwa 900 bis 1200 nach Christi Geburt. Die Stadt lag an den Zuflüssen des Mississippi, des Missouri, des Illinois River und des Ohio River – den Haupttransportwegen. Sie war aber von anderen großen Gemeinwesen isoliert.«

»Gemeinwesen?«, fragte Jacobs.

»Archäologen zögern oft, das Wort ›Staat‹ für frühe Gesellschaftsformen zu verwenden. Ein Gemeinwesen ist eine in Schichten gegliederte politische Einheit mit Militär, Priestertum und klaren geografischen Grenzen. Vereinfacht gesagt hatte Cahokia keine mächtigen Nachbarn. Und es war begrenzt auf ein einzelnes zusammenhängendes Gebiet: das Östliche Waldland.«

»Und was bedeutet das?«, fragte Hart.

»Es bedeutet, dass Cahokia im Gegensatz zur modernen Welt ein in sich geschlossenes System war, dessen Aufstieg und Niedergang in diesem System selbst begründet lagen.«

Randall drückte die Mine ihres Kugelschreibers heraus. »Und die Welt ist das nicht?«

Maureen trank einen Schluck Kaffee. »Sicher, sie ist ein Planet, aber wir sprechen über Inselstaaten wie Indonesien, Wüstenstaaten wie Saudi-Arabien, Staaten mit riesigen Steppen wie zum Beispiel Russland, Industriestaaten und Entwicklungsländer. Alle existieren innerhalb verschiedener Umweltzonen. Zudem haben wir es mit ökonomischen und kulturellen Verknüpfungen auf einem nie da gewesenen Niveau zu tun. Die Weltwirtschaft ist wie ein gigantisches Netz. Alles ist miteinander verknüpft. Thomas Friedman hat den Satz geprägt: ›Die Welt ist flach.‹«

»Und das heißt?«, fragte Randall.

Maureen zuckte mit den Schultern. »Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Wenn Sie sich einen neuen Computer kaufen und Support benötigen, bekommen Sie den von jemandem in Indien. Dort wurden auch die Reservierungen für meinen Flug vorgenommen. Der Stift, den Sie in der Hand halten, wurde in China hergestellt. Der BMW, den Sie fahren, könnte in South Carolina produziert worden sein. Das Obst, das Sie zu Mittag essen, kommt wahrscheinlich aus Chile. Ein Engländer in Liverpool entwirft einen Elektromotor für ein italienisches Elektronikunternehmen mit Sitz in Mailand, das seine Produktionsstätten in Vietnam hat. Verstehen Sie?«

Jacobs, Randall und Hart warfen sich wieder bedeutsame Blicke zu.

Maureen lehnte sich zurück. »Was genau steckt dahinter?«

Randall zeigte auf den Artikel. »Nehmen wir einmal an, die Statistiken sind richtig. Wie ist Ihre Meinung als Anthropologin zu den ausgewerteten Daten?«

Maureen wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Artikel zu. »Was Modelle anbelangt, bin ich keine Expertin, aber die hier genannten Daten … pro Hektar produzierte Kilokalorien, Bevölkerung, Infrastruktur, Transportwesen, Energieverfügbarkeit, das wären die Daten, mit denen ich beginnen würde.« Sie zeigte auf verschiedene Spalten. »Ich weiß nicht, wie hoch die Anwendbarkeit einiger dieser sozialen Stabilitätsindizes ist und wie sie abgeleitet wurden.«

»Warum ist das wichtig?«, fragte Hart.

Maureen erkannte Unsicherheit in seinen wässrigen blauen Augen. »Dem Artikel zufolge misst Schott aktuelle soziale Spannungen innerhalb eines Kulturkreises. Das ist schwierig. Sicher, wir können die offensichtlichen Auswirkungen aufzeigen. Zum Beispiel willkürliche Gewalt oder Vandalismus wachsen so bedeutend an, dass man sie statistisch erfassen kann. Zunehmende Streitigkeiten innerhalb gesellschaftlicher Gruppen, Götterverehrungen, wachsender Fundamentalismus – viele Dinge können auf soziale Instabilität hinweisen. Das Problem ist, dass Kultur flexibel ist. Was in der einen Kultur eine kritische Funktionsstörung sein könnte, könnte von einer anderen absorbiert werden.«

»Und wenn diese Statistiken trotz der kulturellen Unterschiede aussagekräftige Instrumente sind?«, fragte Randall.

Maureen tippte mit dem Finger auf die Unterlagen. »Dann ist jemandem gerade ein großer Durchbruch gelungen.«

Jacobs, Hart und Randall wechselten vielsagende Blicke.

»Warum sollte das für das FBI und das Außenministerium ein Problem sein?«, fragte Maureen.

Randall atmete tief ein, um die Dramatik ihrer Antwort zu unterstreichen. »Es ist nicht der Artikel an sich, sondern die Art, wie wir darauf aufmerksam wurden.«

»Und das wäre?«, hakte Maureen nach.

»Streng geheim«, erwiderte Hart knapp.

Der stellvertretende Sheriff Steven Moulton aus dem Sheriff-Büro in Albany County schlug den Mantelkragen hoch, um sich vor dem bitterkalten Westwind zu schützen. Er schaute auf die sterblichen Überreste und ließ seinen Blick dann über die beiden Schienenstränge der Union-Pacific-Bahn gleiten. Sie glänzten in dem schräg einfallenden Licht der Morgensonne, als sein Blick nach Süden zu den Laramie Mountains wanderte. Die alte Zementfabrik thronte wie ein graues Ungeheuer auf dem braunen Rasen, über den der Wind fegte.

»Was meinen Sie?«, fragte der Beamte der Union-Pacific-Bahn, der den Fund gemeldet hatte.

Die Hände in den Taschen seiner Carhartt Jacke vergraben und mit dem Rücken zum Wind, schaute er auf den Mann, der neben ihm stand. Er tat alles, um nicht auf den Leichnam oder vielmehr die Leichenteile zu blicken, die an drei verschiedenen Stellen lagen.

Kopf und Oberkörper lagen weiter westlich, und der untere Teil des Rumpfes befand sich ebenso wie die abgetrennten Arme zwischen den Schienen. Die Beine waren nach Osten geschleudert worden, als die Räder des schweren Zuges den Körper überrollt und zerstückelt hatten.

Der Schotter unter den Schwellen war blutbefleckt.

Moulton verzog das Gesicht und schaute sich um. In seinen zehn Dienstjahren im Sheriff-Büro hatte er schon einige grausame Dinge zu sehen bekommen, doch bei diesem Anblick drehte sich ihm der Magen um.

»So weit außerhalb der Stadt?« Er schüttelte den Kopf. »Der Typ ist einfach nicht dafür angezogen. Und nicht nur das. Wenn er an den Schienen entlanggelaufen wäre, hätte der Zug ihn erfasst wie ein Laster ein Reh. Nein, er hat dort gelegen.«

»Und was haben Sie nun vor?«

Moulton schluckte, beugte sich hinunter und schnupperte am Mund des Toten. Nur der Gestank der durchtrennten Gedärme stieg ihm in die Nase. »Ich rieche keinen Alkohol. Ich werde wohl die Kriminalpolizei in Cheyenne verständigen, damit sie ihn abholen. Halten Sie alle Züge an. Ich will nicht, dass irgendjemand die Spuren am Tatort verwischt.«

»Und wie ist er hierhergekommen?«

Moulton zuckte mit den Schultern und starrte auf die Zufahrtsstraße, die den Schienen folgte. »Vielleicht stand er jemandem im Weg.«

Maureens Blick wanderte von Special Agent Jacobs zu Hart. Sie verstand die wachsende Spannung in dem Besprechungsraum nicht. Vielleicht war es etwas, was das FBI durch die Klimaanlage pumpte.

»Ich würde das gerne einem Kollegen zeigen«, sagte Maureen.

»Kommt überhaupt nicht in Frage.« Phil Hart schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

»Der Artikel wurde bereits veröffentlicht«, widersprach Maureen. »Ich nehme an, das Journal of Strategic Assessment ist eine problemlos zugängliche Zeitschrift, nicht wahr? Wahrscheinlich sogar im Netz verfügbar?«

»Wir müssen etwas unternehmen, um das zu verhindern«, erwiderte Hart.

Maureen lachte. »Sehr clever. Wie es im Augenblick aussieht, haben Sie einen obskuren Artikel in einer obskuren Fachzeitschrift, den nur eine Hand voll Experten gelesen hat. Wenn bekannt wird, dass der Staat auch nur mit dem Gedanken an eine Zensur gespielt hat, will jeder ein Exemplar haben.«

Randall schüttelte den Kopf. »Dr. Cole hat recht. Wir sollten unsere Fingerabdrücke nicht darauf hinterlassen.«

Jacobs runzelte die Stirn. »Warum wollen Sie diesen Artikel einem Kollegen zeigen, Dr. Cole?«

»Nun, es gibt Archäologen, die sich auf diese Art von Modellen spezialisiert haben. Ich nehme an, Sie haben es schon einem Statistiker vorgelegt.«

Alle drei nickten. Über Randalls kantiges Gesicht huschte ein Lächeln, als sie Maureen antwortete. »An Statistikern mangelt es uns nicht im Außenministerium. Sie waren beeindruckt von der mathematischen Eleganz. Allerdings verstehen sie nicht, welche speziellen Daten für eine Manipulation benötigt werden. Das Modell weist auf jeden Fall Lücken auf. Als seien Teile ausgelassen worden.«

»Ich finde, Fred Zoah sollte sich das mal ansehen«, schlug Maureen vor.

»Wer ist das?« Hart runzelte skeptisch die Augenbrauen.

»Fred ist Archäologe an der University of Arizona. Sein Spezialgebiet ist die Hohokam-Kultur …«

»Wie bitte?«, fragte Randall verwirrt.

»Das Volk, das vor etwa tausend Jahren das Gebiet rund um das heutige Phoenix in Arizona bewohnt hat.« Es erstaunte Maureen immer wieder, wie wenige Amerikaner das kulturelle Erbe ihres eigenen Landes kannten. »Die Menschen haben ein gigantisches Bewässerungssystem angelegt, das eine Fläche von über zehntausend Hektar bewässert hat. Fred hat Modelle ihrer Kultur entworfen, die Ernteerträge berechnet, die Arbeitsstunden, die erforderlich waren, um die Kanäle instand zu halten, die Tragfähigkeit der Bevölkerung und die soziale Stabilität. Basierend auf der jährlichen Niederschlagsmenge, die von paläoökologischen Daten abgeleitet wurde, kann er sogar die Wassermenge im Verhältnis zu den Ernteerträgen berechnen.«

Jacobs biss sich auf die Unterlippe. »Er wird mit den Informationen doch nicht an die Öffentlichkeit gehen?«

Maureen lächelte verstohlen. »Fred lebt sehr zurückgezogen. Seine Kollegen halten ihn für einen Eigenbrötler. Nach Freds Vorstellung gehören zu einem prickelnden Abend er selbst, sein Computer, ein Berg archäologischer Forschungsberichte und Statistikprogramme.«

»Sie machen Scherze«, murmelte Randall.

Maureen zuckte mit den Schultern. »Es gibt da einen alten Scherz, dass die Universität jedes Jahr an einer Seite angehoben wird. Alle Sonderlinge rollen in die Physik oder die Anthropologie. Eigentlich bekommt die Physik immer die Cleveren. Deshalb ist Fred eine Ausnahme.«

Die drei wechselten wieder Blicke.

»In Ordnung«, gab Hart nach. »Aber wenn etwas davon durchsickert, machen wir Ihnen die Hölle heiß.«

3. KAPITEL

VIELE HIELTEN KAISER, Elliot & Hatch für die renommierteste Anwaltskanzlei in Wyoming. Im Laufe der Jahre hatte die Kanzlei mit Sitz in Cheyenne zwei Gouverneure und einen Senator hervorgebracht. Sie vertrat einige der größten Energiekonzerne des Landes, eine Bahngesellschaft, zahlreiche landwirtschaftliche Genossenschaften, ein paar Filmstars und jeden, der in Rechtsprobleme mit hohem Streitwert verwickelt war.

Mark Schott dachte jedoch an alles andere als an die berühmten Persönlichkeiten, die diese Türen schon durchschritten hatten. Das feudale Foyer, in dem er saß, interessierte ihn wenig. Seine Gedanken waren bei Anika, als er sich auf dem dick gepolsterten Ledersessel zurücklehnte. Während der gesamten einstündigen Fahrt von Laramie hatte er an sie gedacht.

Er hatte sich verrechnet. Seine Hoffnung, dass die Feier in Verbindung mit dem hohen Alkoholkonsum und seinem Charme sie wieder in sein Bett treiben würde – nun ja, ihr Bett –, hatte sich nicht erfüllt.

Seit ihrer Trennung war er von ihr besessen. Seine Frau Denise war eine attraktive, kluge Brünette, aber aus irgendeinem Grunde hatte er den Sex mit ihr nie richtig genossen. Das war bei Anika vollkommen anders. Wenn sie miteinander schliefen, hatte er das Gefühl, dass sie perfekt zu seinem Körper passte. Und er betete ihren Körper an.

Vielleicht war es doch ein strategischer Fehler gewesen, ihr zu sagen, dass Denise und ich uns scheiden lassen. Der Gedanke, diese Täuschung könnte ihn um Anika gebracht haben, war ihm unerträglich. Normalerweise war er schlauer. Mark hatte gehofft, dass Anika viel zu sehr in ihn verliebt war, um sich noch von ihm trennen zu können, wenn sie schließlich begriff, dass er Denise nicht verlassen würde.

Was war ihm bei seiner ersten Analyse ihrer Persönlichkeit entgangen? Sie war auf einer Ranch in Wyoming aufgewachsen und eine unbedarfte junge Frau, als sie mit dem Studium begonnen hatte. Auf einen Mann wie ihn, einen angesehenen, gebildeten Professor, hätte sie eigentlich fliegen müssen.

Mark hatte sie zu nationalen und internationalen anthropologischen Konferenzen mitgenommen und sie zu Partys mit einflussreichen Professoren eingeladen, die in Harvard und Cornell sowie an Universitäten in Arizona, Michigan und Pennsylvania lehrten. Er hatte sie den ganz Großen der Anthropologie vorgestellt und ihr gezeigt, dass er in Wissenschaftskreisen eine geachtete Autorität war.

»Es ist nicht so, dass ich dich nicht liebe«, hatte er zu ihr gesagt. »Aber ich kann mich nicht von Denise trennen. Das wäre nicht gut für die Jungen.« Es hätte auch seinem Ansehen an der Universität geschadet. Sein ursprünglicher Plan war gewesen, zuerst Institutsleiter und dann Dekan der Fakultät zu werden. Das wären die idealen Voraussetzungen gewesen, um an eine renommiertere Universität berufen zu werden.

Das war, bevor Anika das Modell entwickelt hatte. Erst als er schließlich begriff, woran sie genau arbeitete, erkannte er, welchen Wert sie hatte und wie er diesen nutzen konnte.

»Verdammt«, murmelte er. »Hätte ich es damals gewusst, hätte ich Nägel mit Köpfen gemacht und mich von Denise scheiden lassen.«

»Dr. Schott?«, sagte die Sekretärin, als sie das Foyer betrat. Mark schätzte sie auf etwa fünfzig. Die Frau hatte ihr graues Haar zu einem strengen Knoten frisiert. Sie trug eine weiße Bluse und einen schlichten Rock. »Wenn Sie mir bitte folgen würden.«

Mark stand auf, strich seine Hose glatt und nahm die Aktentasche, die neben dem Sessel stand, in die Hand. Er reckte sich und folgte ihr durch die Tür. Sie stiegen eine Treppe hinauf und gingen einen Korridor entlang. Mark schaute in die Büros auf beiden Seiten, in denen Anwälte vor ihren Monitoren saßen. Auf ihren Schreibtischen lagen ordentlich gestapelte Unterlagen.

Die Sekretärin führte ihn in einen Besprechungsraum, bot ihm einen Platz am Tisch an und brachte ihm eine Tasse Kaffee. Mark trank einen Schluck, während sein Blick über die deckenhohen Bücherregale wanderte, auf denen dicht gedrängt beeindruckende juristische Werke standen.

»Dr. Schott?«

Mark drehte sich um und stand auf, als zwei Männer den Raum betraten.

»Ich bin Bruce Mitchell, einer der Partner der Kanzlei.« Mitchell reichte ihm die Hand. Er trug einen grauen Anzug, der mit Sicherheit maßgeschneidert war, ein Button-Down-Hemd und eine blaue Seidenkrawatte. Der Mann hatte eine sportliche Figur, einen gebräunten Teint und war vermutlich Anfang sechzig.

»Guten Tag«, sagte der andere Mann mit europäischem Akzent, vielleicht war es Niederländisch. »Simon Gunter. Wir haben telefoniert. Ich arbeite in der Vertragsabteilung der ECSITE-Corporation. Ich freue mich, Sie endlich persönlich kennenzulernen.« Mark schätzte Gunter auf Mitte dreißig. Gunter trug einen teuren italienischen Anzug, der einen so hohen Seidenanteil hatte, dass er im Neonlicht schimmerte. Seine makellos sauberen schwarzen Schuhe glänzten. An den Manschetten seines weißen Hemdes trug er mit Smaragden besetzte Manschettenknöpfe, und Mark war sicher, dass sie echt waren. Doch die tadellose Kleidung schien irgendwie nicht zu dem Mann zu passen, der sie trug. Mark fühlte sich unbehaglich in Gunters Gegenwart.

Warum?

Gunters kurz geschnittenes schwarzes Haar war sorgfältig frisiert. Er hatte eine hohe Stirn, eine gerade Nase, ein energisches Kinn, leicht geschürzte Lippen und intelligente braune Augen. Mark empfand den intensiven Blick des Mannes fast wie den eines Raubtiers. Auch Gunters Bewegungen erinnerten ihn an die einer Katze, die sich bemüht, niemanden einzuschüchtern.

Verdammt! Mit dem sollte man sich lieber nicht anlegen, dachte Mark, als er ihm die Hand schüttelte. Gunters Händedruck war kräftig, aber nicht zu fest.

»Nehmen Sie doch bitte wieder Platz«, sagte Mitchell freundlich. »Dürfen wir Ihnen noch etwas anderes anbieten, Dr. Schott, ehe wir beginnen?«

»Nein danke. Der Kaffee genügt mir.« Jetzt wünschte Mark sich, er hätte am Abend zuvor weniger getrunken. Sein scharfer Verstand hatte durch den Alkohol etwas gelitten.

Mit federnden Schritten ging Gunter auf den Tisch zu und setzte sich gegenüber von ihm, während Mitchell am Ende des Tisches Platz nahm. Ein Assistent trat ein, legte geräuschlos eine Akte auf den Holztisch und schloss die Tür, als er wieder hinausging.

»Also gut«, begann Mitchell. Er schlug die Akte auf und legte Mark einen dicken Vertrag vor. »Nehmen Sie sich Zeit, und lesen Sie alles in Ruhe durch.«

Mark beugte sich vor, zupfte an den Manschetten und begann zu lesen. Wie in einer Anwaltskanzlei nicht anders zu erwarten, war der Text in einem sehr abgehobenen Stil verfasst. Selbst er als Professor, der es gewohnt war, anthropologische Abhandlungen zu lesen, stolperte über ein paar Formulierungen. Das Gehalt war jedoch in Fettdruck hervorgehoben. Als Mark die Zahl las, hüpfte sein Herz vor Freude.

Der folgende Absatz enthielt eine angemessene Summe für »Beratungen« durch den Fachbereich Anthropologie. Sie war hoch genug, um sicherzustellen, dass sein plötzlicher Wechsel zu ECSITE nicht zu viele Leute verärgern würde. Und dieses Geld brauchte er auch, um sich Anikas Mitarbeit zu sichern. Keine frischgebackene Doktorin würde ein solches Gehalt ausschlagen.

Das Datum seines Wechsels zur ECSITE-Corporation in München überraschte Mark jedoch.

Er sollte dort schon in der nächsten Woche mit seiner Arbeit beginnen? Nicht einmal mit Denise hatte er gesprochen. Ganz zu schweigen vom Fachbereich Anthropologie! Aber wenn man bedachte, was die Universität im Gegenzug bekam, würde sie sich ihm auf keinen Fall in den Weg stellen.

Über die Nichterfüllungsklausel stolperte Mark kurz. Da er Anika aber zu einem gut bezahlten Job verhelfen würde, konnte nichts schiefgehen. Dann folgte die Geheimhaltungsklausel. Kein Problem. Er würde Schweigen bewahren. Anika kannte nicht alle Einzelheiten, sodass sie ihm nicht auf die Schliche kommen konnte.

Als Mark seine Lektüre beendet hatte, ergriff Mitchell das Wort. »Dr. Schott, es handelt sich um einen Dreijahresvertrag. Während dieser Zeit stellen Sie ECSITE Ihre Dienste als Berater zur Verfügung. Sie bekommen ein Grundgehalt von zweihundertfünfzigtausend Dollar pro Jahr und zusätzliche Boni, die von der tatsächlichen Leistungsfähigkeit Ihres Modells abhängen.«

Er hob den Blick. »Die Höhe der Boni entspricht einem Prozentsatz von ECSITEs tatsächlichen Gewinnen nach Abzug der Ausgaben, und sie hängen von der Anwendbarkeit des Modells ab.«

»Ich verstehe.« Mark setzte eine ernste, nachdenkliche Miene auf, wie er es bei Fachbereichskonferenzen zu tun pflegte. Er hatte das ungute Gefühl, dass Gunter trotzdem erriet, wie nervös er war.

»Sie verstehen«, fügte Gunter in freundlichem Ton hinzu, »dass alles davon abhängt, wie sich das Modell in der realen Welt bewährt. Es muss alles leisten, was Sie uns zugesagt haben.«

Mark schenkte ihm sein schönstes Professorenlächeln. »Dessen bin ich mir durchaus bewusst. Ich nehme an, Sie haben die Statistikprogramme, die ich entwickelt habe, von Fachleuten überprüfen lassen.«

»Wir wissen, dass zwischen dem, was Sie in Ihrem Zeitschriftenartikel veröffentlicht haben, und dem Material, das Sie uns später zukommen ließen, hm … wie soll ich sagen, eine Lücke klafft«, erwiderte Gunter, ohne eine Miene zu verziehen.

Mark erlaubte sich ein süffisantes Grinsen. »Hätte ich alles veröffentlicht, würden wir nicht hier sitzen, nicht wahr?«

Gunter lächelte zwar, doch dieses Lächeln verriet nichts. »Sie haben uns genug Material geliefert, um unsere Neugier zu wecken.« Mark lief ein kalter Schauer über den Rücken, als Gunters Blick härter wurde. »Wir wären sehr enttäuscht, wenn das Modell versagen und nicht die Ergebnisse liefern würde, die Sie uns versprochen haben.«

»Der Vertrag enthält in Paragraf 17 eine Nichterfüllungsklausel«, fügte Mitchell behutsam hinzu. »Sie beinhaltet auch die Erstattung entstandener Kosten an ECSITE, sollte das Modell nicht erfolgreich funktionieren.«

Mark überkam Unsicherheit. Dennoch zwang er sich dazu, sich zurückzulehnen und Selbstvertrauen vorzutäuschen. »Das ist das ausgefeilteste Programm für Sozialstatistik, das jemals geschrieben wurde. Die existierenden Modelle, von denen dieses hier abgeleitet wurde, sind wie das reinste Kinderspielzeug im Vergleich zur Brooklyn Bridge.«

Gunters Lippen zuckten leicht, doch er äußerte sich nicht dazu. Die dunklen Augen des Mannes blieben kalt.

»Ist es für Sie ein Problem, innerhalb des gewünschten Zeitrahmens nach München umzuziehen?«, fragte Mitchell. »ECSITE möchte, dass Sie so schnell wie möglich mit Ihrer Arbeit beginnen.«

Mark rutschte auf dem Stuhl nach vorn. »Wie wäre es, wenn ich am nächsten Donnerstag nach München komme?«

»Das wäre ganz in unserem Interesse.« Gunter beobachtete ihn, doch seine Gedanken blieben hinter dem starren Blick verborgen.

Mark griff in die Tasche, zog einen Stift heraus und setzte mit schwungvoller Geste seine Unterschrift unter den Vertrag.

Maureen Cole schaute auf das Thermometer auf dem Armaturenbrett des Leihwagens, als sie von der Schnellstraße abbog und auf das Gelände der University of Arizona fuhr. Es war kein Problem, den Parkplatz zu finden, den Fred Zoah empfohlen hatte. Maureen zog ein Ticket und suchte eine Parklücke.

»Wirst du Fred mehr erzählen als mir?«, fragte Dusty, der auf dem Beifahrersitz saß.

Maureen, die darauf wartete, dass eine junge Frau aus einer Parklücke herausfuhr, schüttelte den Kopf. »Was gibt es denn da zu erzählen? Wir bitten Fred um seine Meinung zu einem prognostischen Modell.«

»Großartig.« Dusty zog den Hut tief in die Stirn, als Maureen in die Lücke fuhr. »Fred lässt fünf Statistikprogramme laufen, um zu entscheiden, ob er pinkeln muss, wenn er morgens aufsteht.«

»Fällt dir jemand ein, der ein prognostisches Modell besser beurteilen kann?«

»Nicht, wenn es um Statistik geht.«

»Sag ich doch.« Maureen nahm den Schott-Artikel von der Ablage, öffnete die Tür und trat hinaus in die heiße Luft. In Washington war es im Vergleich zu den fast vierzig Grad hier in Arizona richtig angenehm gewesen. Sie hatte es nicht als Problem gesehen, Dusty den Artikel lesen zu lassen.

Wenn es um die Erschließung einer neuen archäologischen Grabungsstätte, die Identifizierung winziger Tonfragmente oder die Datierung einer Pfeilspitze ging, war niemand besser. Aber Schotts Artikel hatte Dusty viel stärker verwirrt als Maureen.

Als sie in die Sonne traten, setzte Dusty seine Sonnenbrille mit den verspiegelten Gläsern auf und ging Maureen voraus zum Fachbereich Anthropologie. Als sie das klimatisierte Gebäude betraten, atmete Maureen erfreut die kühle Luft ein.

»Dieser Schott«, überlegte Dusty. »Er ist Institutsleiter in Wyoming. Nach dem Mitgliederverzeichnis der amerikanischen Anthropologie-Gesellschaft ist er Kulturanthropologe. Warum entwirft er ein prognostisches Modell für soziale Zusammenbrüche?«

»Was willst du mir damit sagen? Dass Kulturanthropologen sich nicht für soziokulturelle Funktionsstörungen interessieren? Ihnen ist es egal, warum Gesellschaften zusammenbrechen?«

»Meiner Einschätzung nach basiert dieser Artikel auf prähistorischen Modellen, auf die Archäologen wie Fred spezialisiert sind. Heutzutage kennen die meisten Kulturanthropologen nicht einmal David Aberle, Linton, Wallace oder Männer wie Spicer, die auf diesem Gebiet Pionierarbeit geleistet haben.«

»Und das heißt?«

»Diese Wissenschaftler haben ein gutes Gefühl dafür, wie der Einzelne mit Stress umgeht, wenn alles zusammenbricht.«

Dusty zeigte auf den Wegweiser des Gebäudes und fand Zoahs Zimmernummer. Nachdem sie eine Treppe hinaufgestiegen und einen Korridor hinuntergegangen waren, standen sie vor Dr. Fred Zoahs Tür. Sie war mit statistischen Gleichungen gepflastert.

Maureen klopfte.

Sie warteten.

Maureen klopfte noch einmal.

»Er hat gesagt, dass wir uns hier treffen, nicht wahr?« Dusty kratzte sich am Bart.

»Er hat gesagt, dass er den ganzen Nachmittag in seinem Büro ist.«

»Wenn man Fred kennt, weiß man, dass das nur ein Näherungswert mit einer statistischen Abweichung von fünf Prozent ist.«

Maureen hob gerade die Hand, um ein drittes Mal zu klopfen, als jemand in dem Büro rief: »Sprechstunden mittwochs und freitags!«

»Fred!«, rief Dusty. »Wir sind es.«

Maureen hörte einen Stuhl quietschen. Kurz darauf wurde die Tür einen Spalt breit geöffnet, und ein struppiger grauhaariger Mann spähte auf den Korridor. Hinter den dicken Brillengläsern des Kassengestells sahen seine Augen aus wie Fischaugen. »Oh, Dusty, Dr. Cole. Ich habe Sie nicht so früh erwartet.«

»Ich habe drei Uhr gesagt«, erinnerte Maureen ihn, als sie die Tür ganz öffnete.

Zoah, der ein zerknittertes weißes Hemd und eine Hose trug, auf der Büschel von Katzenhaaren klebten, schaute auf die Uhr. »Hm! Wann soll das denn gewesen sein? Das Mittagessen hab ich wohl auch verpasst.«

Als Maureen Zoahs unordentliches Büro betrat, fiel ihr auf, dass er das Hemd falsch zugeknöpft hatte und der Kragen schief saß. Die Fliege wurde von einer Sicherheitsnadel zusammengehalten, und er trug zwei verschiedenfarbige Socken.

Das Büro war ebenso chaotisch wie der Mann selbst. Auf dem Teppichboden türmten sich riesige Berge nachlässig aufgestapelter archäologischer Berichte, die sich gefährlich zur Seite neigten. Auf einem Arbeitstisch lagen einige Statistikbücher, die mindestens vier Kaffeetassen unter sich begruben. Der Papierkorb war randvoll mit zerknülltem Papier, das größtenteils mit Statistikformeln bedruckt war. An der Wand hingen lange Computerausdrucke, von denen sich an ein paar Ecken die Klebestreifen gelöst hatten. Uralte Computer bildeten eine Art »Kunstwerk« in einer Ecke des Raumes – ein archäologisches Schichtenmodell. Maureen reckte den Hals und glaubte ganz unten einen Apple II und einen Xerox 820 zu erkennen.

»Ich behalte sie«, sagte Zoah nüchtern, als er ihr Interesse bemerkte. »Vielleicht muss ich noch mal ein altes Programm installieren, das ich vor Jahren entwickelt habe.«

Dusty verkniff sich ein Lächeln.

Auch auf den beiden Besucherstühlen und dem Schreibtisch, auf dem ein eingeschalteter Monitor stand, stapelten sich Unterlagen.

»Finden Sie hier überhaupt noch etwas wieder?«, fragte Dusty verwundert.

Zoah kicherte, und seine Augen bewegten sich hinter der Brille hin und her. »Wie alles im Leben ist es eine Frage der statistischen Wahrscheinlichkeit.«

Maureen reichte Zoah den Schott-Artikel. »Hier ist der Text, der uns interessiert. Es wäre nett, wenn Sie ihn sich mal ansehen würden.«

Zoah warf einen Blick auf den Titel. »Hm! Mark Schott. Nie was von ihm gehört. Und er veröffentlicht im Journal of Strategic Assessment?«

»Kennen Sie die Zeitschrift?«

»Sehr fachspezifisch«, murmelte Zoah. »Sie haben mehrere Artikel von mir angenommen. Größtenteils kritische Besprechungen. Politikwissenschaftler, Generäle im Ruhestand und ihresgleichen verstehen die Rolle der Kultur nicht. Sie glauben, dass Länder wie Angola die gleiche Politik, Wirtschaft und Sozialstruktur haben wie wir. Für manche Theoretiker ist Kultur das, was die Oper ihnen bietet.«

Zoah blätterte zu der ersten Statistik, und seine Lippen bewegten sich, als er sich die Daten anschaute. »Hm! Cleverer Gebrauch von Tau, nicht wahr? Und es ist eine neuartige Anwendung der Korrelationskoeffizienten.«

Zoah setzte sich auf seinen Stuhl. Er nahm einen Taschenrechner von Texas Instruments in die Hand und tippte geschickt Zahlen ein, während sein Blick zwischen dem Artikel und dem Display hin- und herwanderte.

Dusty schaute auf die grafische Darstellung einer Pueblo-Siedlung an der Wand.

Zoah blätterte wieder in dem Artikel und tippte Zahlen ein. Maureen wartete ungeduldig.

»Dr. Zoah?«, sagte sie schließlich. Dusty nahm von einem der Stapel einen Bericht, lehnte sich gegen die Tür und vertiefte sich in den Text.

Zoah schien alles um sich herum vergessen zu haben.

»Dr. Zoah«, sagte Maureen etwas lauter.

»Hm!« Er zuckte zusammen und schaute sie durch die dicken Brillengläser erstaunt an. »Ja? Verzeihung.«

»Wie ist Ihr erster Eindruck?«

»Faszinierend. Wo sind die restlichen Daten?«

Maureen beugte sich zu ihm hinunter. »Wie bitte?«

Zoah tippte mit dem Finger auf den Artikel. »Ein großes Potenzial. Aber nicht mehr als Hinweise auf den gesamten Anwendungsbereich des endgültigen Modells. Ich würde liebend gern den Rest der Daten sehen. Es fehlen zahlreiche Variablen.«

»Ach ja?«, fragte Dusty.

Zoah schaute ihn nachdenklich an. »Dieser Mark Schott ist ein cleverer Bursche. Er hat die besten Arbeiten aus diesem Forschungsbereich genommen – ich sehe sogar einige von mir, von Chuck Redman, Gunderson und David Hurst Thomas – und sich die Rosinen aus diesen Statistiken herausgepickt. Ich weiß nicht, woher diese eindrucksvollen Statistiken stammen, aber sie sind unglaublich elegant. Dann hat er eine Synthese gebildet, sie alle einander angepasst und sie in ein nahtloses Ganzes eingefügt. Aber die konkreten Zahlen fehlen.«

»Fred, wir sind Feldarchäologen und keine mathematisch bewanderten Sozialtheoretiker. Geben Sie uns bitte eine einfache Erklärung.«

Zoah warf ihr einen irritierten Blick zu. »Mit Statistiken werden Wahrscheinlichkeiten gemessen: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine gegebene Annahme richtig sein könnte? Nicht mehr und nicht weniger. Mit Statistiken kann man nichts beweisen

Maureen nickte. »Man kann nur eine mathematische Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten vornehmen.«

»Richtig. Es ist zum Beispiel unmöglich, alle Daten einer archäologischen Grabungsstätte oder gar einer lebenden Gesellschaft zu sammeln. Stattdessen verschafft man sich eine Stichprobe, einen prozentualen Anteil des Ganzen. Aber wie hoch sind die Chancen, dass unsere Stichprobe das Ganze akkurat widerspiegelt? In diesem Zusammenhang sprechen wir vom Konfidenzniveau, und das kann mathematisch bestimmt werden. Wir können aber noch mehr tun. Wir können durch eine Stichprobenerhebung etwas über die Menschen erfahren. Wir formulieren eine Hypothese. Zum Beispiel: Haben Frauen den Pueblo gebaut, den wir gerade ausgegraben haben? Wenn wir die Größe der auf dem Mörtel hinterlassenen Handabdrücke messen, können wir diese mit Messungen von Händen weiblicher Skelette vergleichen, die wir in dieser Grabungsstätte ausgegraben haben. Wir stellen fest, dass die meisten Abdrücke der Größe der Frauenhände entsprechen.«

»Aber wir sind niemals ganz sicher.«

»Richtig, Dr. Cole. Wurden vielleicht kleinere Männer aus anderen Dörfern geholt, um den Pueblo zu bauen? Wir wissen es nicht. Statistiken können uns aber zeigen, dass ein Vergleich zwischen den Abdrücken und den Händen der weiblichen Skelette nahelegt, dass diese Frauen wahrscheinlich den Pueblo gebaut haben.«

Dusty schaute von dem Bericht auf, in dem er las, und runzelte die Stirn. »Aber in dem Schott-Artikel geht es um viel mehr als um den Bau eines Pueblos.«

»Sie haben mich gebeten, es vereinfacht darzustellen«, entgegnete Zoah. »Das, was ich mache, und das, was Schott hier macht, bringt uns einen Quantensprung weiter in das Reich prognostischer Statistiken. Denken Sie nur an meine Arbeit über die Hohokam. Ich arbeite mit den Daten, die wir über die Kultur gesammelt haben, die im Phoenix-Becken hier in Arizona gelebt hat. Das beinhaltet archäologisches Material, Daten zur Umwelt, dem Klima, der Erde, der Wasserversorgung, der gesamten bebauten Fläche, der Instandhaltung der Kanäle, der Transportwege, der Lagerung, der zur Verfügung stehenden Ressourcen, der geschätzten Bevölkerungszahl basierend auf der Größe der Häuser und der Größe der Dörfer und eine Unmenge anderer Variablen. Anhand dieser Daten versuche ich genau darzustellen, wie die Hohokam-Kultur funktioniert hat. Basierend auf den Variablen, die ich ausgewählt habe, kann ich dabei berechnen, wie hoch die Chancen sind, dass mein Modell richtig ist.«

»Aber Sie sind niemals hundertprozentig sicher.« Maureen schmerzten bereits die Füße vom langen Stehen.

»Niemals.« Zoah seufzte. »Mit jeder neuen Ausgrabung werden Daten produziert, die das Modell modifizieren. Ich kann nur ein klareres Bild und eine höhere Wahrscheinlichkeit erreichen, sodass ich verstehen kann, wie die Hohokam tatsächlich gelebt haben und wie ihre Kultur funktioniert hat.«

»Und was halten Sie von Schotts Arbeit?«, fragte Dusty. »Was ist sein Ziel?«

Zoah grinste die beiden an und zeigte dabei seine gelben Zähne. »Ah, ein raffinierter Mann. Schott nimmt die archäologischen Modelle wie zum Beispiel meins und wendet sie auf die moderne Gesellschaft an.«

»Aber wie moderne Gesellschaften funktionieren, das wissen wir. In dieser Zeit leben wir doch, nicht wahr?«

Zoah winkte ab. »Was ist das wahre Ziel der Archäologie? Was stellt sie uns zur Verfügung, was wir für das Studium unserer gegenwärtigen Welt nicht verwenden können?«

»Zeit«, sagte Maureen leise. »Die Archäologie gibt uns die Möglichkeit, menschliche Kultursysteme im Verlauf der Zeit zu studieren.«

»Ja, genau«, pflichtete Zoah ihr bei. »Mein besonderes Interesse an den Hohokam gilt der Frage, warum diese Kultur letztendlich untergegangen ist. Denken Sie mal darüber nach. Fünfhundert Jahre lang blühte die Hohokam-Kultur in einer der unwirtlichsten Wüsten der Erde. Und dann 1380 nach Christi Geburt ging sie unter. Migration von Norden und dazu eine Naturkatastrophe machten es ihr unmöglich, weiter Nahrung zu produzieren. Innerhalb einer Generation trocknete zuerst das riesige Kanalsystem aus, und anschließend vertrockneten die einst grünen Felder. Zurück blieben von Sonne und Wind ausgedörrte Böden, und die großen Städte wurden verlassen.«

»Genauso wie bei den Anasazi im Gebiet des Chaco Canyon«, meinte Dusty.

Zoah nahm die Brille ab und putzte sie an seinem Hemd. »Und wie bei den Cahokia, den Flachland-Maya, der Harappa-Kultur, den Minoern, den Hethitern und anderen. Unsere Modelle haben uns gezeigt, dass die meisten großen Kulturen, Nationen, Staaten – wie auch immer man sie nennen will – demselben Muster folgen.«

Zoah zeigte auf den Artikel. »Schotts Arbeit ist darum so brillant, weil er alles nimmt, was wir erfahren haben, und das Modell auf die moderne Welt anwendet.«

Maureen nickte. »Verstehe. Aber wie groß ist die Chance, dass es tatsächlich etwas vorhersagen kann?«

»Genau das«, begann Zoah, »habe ich versucht, Ihnen zu Beginn zu erklären. Die mathematischen Berechnungen sind unglaublich elegant und die Statistiken neuartig und überzeugend. Wirklich brillant. Aber alles hängt davon ab, wie die Daten gesammelt wurden. Die Variablen, also die Art und Qualität der verwendeten Daten, sind entscheidend, um den Wert des prognostischen Modells zu beurteilen.«

»Das verstehe ich nicht.« Dusty schob seinen Hut ein Stück zurück.

Zoah schaute ihn mit seinen großen Augen irritiert an. »Wenn man die falschen Daten erfasst, ist Dr. Schotts Modell nichts weiter als eine intellektuelle Kuriosität. Erfasst man aber die richtigen Daten, wird das Modell zu einem sehr überzeugenden und mächtigen prognostischen Instrument.«

Dusty verzog das Gesicht. »Um was zu prognostizieren?«

Maureen lief ein Schauer über den Rücken. »Den Zusammenbruch moderner Nationen. Schotts Arbeit stützt sich auf archäologische Modelle, weil diese auf die Untersuchungen gescheiterter Kulturen zurückgehen. Habe ich recht, Dr. Zoah?«

Er nickte. »Es sieht ganz so aus.«

4. KAPITEL

DIE UNIVERSITY OF Wyoming in Laramie liegt am östlichen Rand einer hohen Gebirgskette. Der in einer Höhe von über zweitausend Metern gelegene Universitätscampus ist unaufhörlich Westwinden ausgesetzt. Anika, die im Westen aufgewachsen war, hätte in ihrem Mantel eigentlich passend angezogen sein müssen, doch selbst für Ende April war es bitterkalt.

Sie senkte den Kopf, um sich vor dem eisigen Wind zu schützen, und schaute auf die Wolken, die über den Himmel zogen. Wie in jedem Jahr seit der Jahrtausendwende schien es wieder ein furchtbar trockener Frühling zu werden. Im Westen waren riesige Drehkiefernwälder durch den Befall von Bergkiefern gestorben, die sich durch den Temperaturanstieg in rasantem Tempo vermehrten. Von seltenen Ausnahmen abgesehen war der Himmel im Sommer ständig durch ferne Waldbrände getrübt, die durch Blitzeinschläge und gelegentlich auch durch Menschenhand ausgelöst wurden, wodurch immer größere Waldbestände zerstört wurden.

Und die Skeptiker weigern sich noch immer, an einen Klimawandel zu glauben? Anika dachte über die Fakten nach. Das durch fossile Brennstoffe frei werdende Kohlendioxid hatte, in Verbindung mit einer sich seit elftausend Jahren ausdehnenden Landwirtschaft, Höchstwerte in der Atmosphäre erreicht, wie sie seit dem Pliozän vor dreieinhalb Millionen Jahren unbekannt waren.

»Es ist nicht die Erderwärmung«, flüsterte sie. »Es ist die von dem System aufgenommene Energie.« Da weniger als dreißig Prozent der Amerikaner über eine wissenschaftliche Bildung verfügten, war es kein Wunder, dass die Menschen verwirrt waren. Anika wusste jedoch, welche Konsequenzen aus dieser aufgenommenen Energie resultierten. Seit 1900 war die Temperatur auf der Erde aufgrund der Treibhausgase um circa 0,8 Grad Celsius gestiegen. Das führte zu einer unglaublichen Zunahme an Energie, von der viel in Hitze umgewandelt wurde, die aber auch den Wind und die Meeresströmungen antrieb und sensible biologische Systeme zerstörte.

Anika näherte sich der Tür des Verwaltungsgebäudes und war froh, dem kalten Wind zu entfliehen.

Als sie das Gebäude betrat, wanderten ihre Gedanken von der Energie zu der rätselhaften Aufforderung, die sie erhalten hatte, als sie am Morgen in ihr Büro gekommen war. Die Sekretärin des Fachbereichs hatte den Kopf ins Zimmer gestreckt und gesagt: »Ihre Anwesenheit wird auf höchster Ebene verlangt. Dr. Chambers bittet Sie, um zehn Uhr in sein Büro zu kommen.«

»Der Präsident? Warum?«

Mary Ann zuckte nur mit den Schultern. »Er ist der Präsident.«

Anika hatte nicht die geringste Ahnung, warum gerade ihr eine solche Aufmerksamkeit zuteilwurde. Ob wohl alle frischgebackenen Doktoren zu einem Gespräch gebeten wurden?

Sie meldete sich bei der Sekretärin und wurde in einen kleinen Besprechungsraum geführt. Zu ihrer Verwunderung saß Mark Schott dort bereits am Tisch. Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück und sah ausgesprochen arrogant aus. Der Dekan des Colleges für Sozialwissenschaften, Bill Laslo, kauerte wie ein Geier auf seinem Platz gegenüber von Mark. Und am Kopfende des Tisches saß Präsident Chambers. Er stand auf, reichte ihr die Hand und begrüßte sie. »Ms French? Ich danke Ihnen, dass Sie den kurzfristigen Termin wahrnehmen konnten.«

Anika schüttelte dem Universitätspräsidenten die Hand und versuchte an seinem Blick abzulesen, warum er sie zu sich gebeten hatte. Chambers trug ein Jackett, ein weißes Hemd und eine Krawatte. Seine freundliche Miene verriet nichts.

Oh Gott, hoffentlich geht es nicht um Mark und mich.

Doch ein Blick in Marks Gesicht beruhigte sie. Er sah nicht aus wie jemand, der auf eine Strafpredigt gefasst war, weil er mit einer seiner Studentinnen geschlafen hatte.

Als Anika sich setzte, fühlte sie sich noch immer unwohl in ihrer Haut.

»Dr. Schott, informieren Sie Ms French doch bitte, worüber wir soeben gesprochen haben.«

Laslo rutschte auf dem Stuhl hin und her und verbarg nicht, wie verärgert er war.

Mark grinste siegessicher und zufrieden. »Ich habe bei der ECSITE-Corporation einen Posten als internationaler Berater angenommen. Die Sache wurde erst in letzter Minute entschieden, und das Unternehmen möchte, dass ich meinen Job in München am Donnerstag antrete.«

Anika starrte ihn schockiert an. Das steckte also hinter seinem mysteriösen Geheimnis. »Bist du nicht vertraglich an die Universität gebunden? Und was ist mit deinen Seminaren?«

Mark warf Chambers einen Blick zu. »Mein Vertrag mit ECSITE beinhaltet großzügige Zahlungen sowohl an die Universität als auch an den Fachbereich Anthropologie. Es ist mir gelungen, ein sehr lukratives Abkommen mit ECSITE auszuhandeln. Die Universität erhält ein Stipendium, um unter meiner Leitung bei verschiedenen Aspekten der Forschung mitzuarbeiten, die ich im Bereich der International Development Studies betreibe. Das beinhaltet vierzigtausend pro Jahr für den Fachbereich.« Er musterte sie erwartungsvoll. »Und meine wissenschaftliche Mitarbeiterin erhält zehntausend Dollar.«

»Das bin dann wohl ich«, vermutete Anika, als sie das Strahlen in Marks Blick sah. »Von zehntausend Dollar pro Jahr kann ich nicht leben.«

Der Dekan Laslo mischte sich ein. »Es kommen noch die Seminare von Dr. Schott hinzu. Da im Fachbereich eine Lücke entsteht, wenn er uns verlässt, hat er vorgeschlagen, dass Sie seine Stelle übernehmen. Natürlich nicht als Leiterin des Fachbereichs, sondern als Dozentin.«

»Warum ich?«

»Weil du die notwendigen Fachkenntnisse für die Forschungen besitzt, die ECSITE betreiben will, Anika«,

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