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Der Duke, der mich verführte

Prolog

Ein spanisches Sprichwort besagt, dass eine üppige Mitgift ein dorniges Bett bereite. Was bitte mag dann eine geringe Mitgift bringen? Schmutzige Wäsche und sonst nicht viel. Drum wisset, meine Damen: Einen würdigen Verehrer zu finden, ist ungeachtet der Mitgift stets ein gewagtes Spiel.

aus: Wie man einen Skandal vermeidet

London, Ende April 1829

Lady Justine Fedora Palmer wusste nur zu gut, dass ihr lieber, lieber Vater, der sechste Earl of Marwood, seit jeher ein kluger, rechtschaffener und anständiger Mensch gewesen war. Niemals hätte er es gewagt, unter den eingeborenen Stämmen, mit denen er sich in seinen Jahren als Naturforscher in Afrika angefreundet hatte, für Aufruhr und Unfrieden zu sorgen. Weshalb er dies ganz gewiss auch nicht inmitten des gefährlichsten und wildesten aller Stämme, dem englischen ton, tun würde.

Aber wann immer die Sprache auf die Fortpflanzung von Säugetieren kam, war es um die kluge Zurückhaltung ihres Vaters geschehen – weshalb der arme Mann unlängst ins Gefängnis gewandert war.

Seine jüngst veröffentlichten Beobachtungen zur artspezifischen Sodomie bei den Säugern Südafrikas – ergänzt um die Schlussfolgerung, dass das, was Gott in Seinem Königreich, namentlich der Natur, erlaube, Seine Majestät auch in seinem Königreich erlauben solle – hatte dann doch zu viele Federn gezaust. Einschließlich des Gefieders Seiner Majestät.

Wenngleich man ihren Vater hinsichtlich der Verbreitung der Sodomie und moralischen Zersetzung für unschuldig befunden hatte, saß er dank eines stattdessen reichlich erhobenen Bußgeldes, das zu begleichen er sich schlicht außerstande sah, noch immer im Schuldnergefängnis von Marshalsea ein. Manch junge Dame wäre angesichts eines solchen Skandals wohl vor Scham im Boden versunken, aber Justine ließ sich nicht so leicht unterkriegen. Ihre ausgesprochen aufgeklärte Erziehung hatte sie gelehrt, dass jedes weibliche Wesen, ganz gleich welcher Gattung, über die Gabe verfügte, sich die Männer der jeweiligen Spezies zu Willen zu machen.

Und sie wusste auch schon ganz genau, welchen Mann es nun zu bezwingen galt: Den Mann, den sie von dem Augenblick an hatte bezwingen wollen, als sie vor zwei Jahren, mit achtzehn, das erste Mal nach London gekommen war. Hierbei handelte es sich um niemand Geringeren als den Mäzen ihres Vaters, den berüchtigten Duke of Bradford, in London besser bekannt als Lüstling par excellence, kannte sein Faible für Frauen doch keine Grenzen und waren seine Taschen so tief, wie der Himmel weit war.

Trotz der libertinen Fassade, die mit einem anzüglichen Lächeln und dunklen, umschatteten Augen lockte, steckte weitaus mehr in ihm, als sein Äußeres vermuten ließe. Hinter dem wilden Gebaren, mit dem er sich weibliche Aufmerksamkeit sicherte, verbarg sich ein intelligentes und tiefgründiges Wesen. Nur zu gut war ihr noch jener Abend in Erinnerung, an dem ihre Bewunderung für ihn sich zu einem so sehnsüchtigen Verlangen gewandelt hatte, dass sie es kaum vermocht hatte, ruhig und sittsam auf dem ihr zugewiesenen Platz zu verweilen.

Während der Duke und ihre Eltern nach einer Tischgesellschaft mit den anderen Gästen noch Loo hatten spielen wollen, hatte sie es vorgezogen, sich still ans andere Ende des Salons zu begeben und zu lesen, um weiteren Neckereien ihres Vaters zu entgehen. Doch kaum hatte sie den Kartentisch verlassen, hatte auch der Duke sein Blatt hingeworfen und verkündet, dass keine Dame es verdient habe, wegen ihrer mangelnden Fertigkeiten beim Kartenspiel düpiert zu werden. Mit großer Geste schnappte er sich seinen Stuhl, hob ihn hoch über seinen Kopf und stolzierte wie ein Gaukler durch den Salon. Er tat gar so, als strauchele er unter dem Gewicht des Möbels, um sie zum Lachen zu bringen.

Nachdem dies gelungen war, atmete er zufrieden auf und platzierte sich samt dem Stuhl ihr gegenüber. Dann bestand er darauf, dass sie ihr Buch beiseitelege und ihm mehr von ihrem aufregenden Leben in Afrika erzähle. Wenngleich er dazu neigte, seinen Blick kokett über sie schweifen zu lassen – woran sie indes ziemlichen Gefallen fand –, hörte er doch sehr aufmerksam zu, als ob jedes Wort, das über ihre Lippen kam, für ihn von Bedeutung wäre. Als ob sie für ihn von Bedeutung wäre.

Doch leider hatte er noch nie Neigung zum Heiraten gezeigt, und niemand wüsste das besser als ihre Eltern, die sie denn auch wiederholt ermahnt hatten, ihre Tugend so weit als möglich von diesem Mann fernzuhalten. Aber allen leidigen Ermahnungen und der zigmaligen Lektüre von Wie man einen Skandal vermeidet zum Trotz, war Justine doch auch klar, dass eine Dame einen Skandal nicht immer vermeiden konnte. Zumal wenn man einen Vater hatte, der mit Verweis auf das Tierreich Rechte für Sodomiten forderte.

Nachdem sie einen Briefbogen mit Rosenwasser besprenkelt hatte, spitzte Justine die Feder und brachte ein Schreiben zu Papier, das sich auf den ersten Blick nicht von all jenen unterschied, die sie ihm seit ihrer ersten Begegnung so zahlreich hatte zukommen lassen. Der Duke hatte nie auf diese Briefe geantwortet, wofür ihre Mutter ausgesprochen dankbar war, was Justine indes nicht davon abhielt, ihm auch weiterhin allwöchentlich zu schreiben.

Diesmal jedoch offerierte sie Bradford mehr als das übliche Geplauder über sich und ihre Familie. Sie bot ihm mehrere Nächte – im Austausch gegen die Freilassung ihres Vaters. Da sie weder über Mitgift noch Verehrer verfügte, hatte sie wenig Bedenken, ihre Jungfräulichkeit einem Mann anzubieten, der keinerlei Heiratsaussichten bot. Sie hoffte nur, dass Mutter und Vater sich verständig zeigten.

Obwohl es schon einige Monate her war, dass sie den Duke zuletzt gesehen hatte, und Gerüchte kursierten, sein Gesicht solle bei einer Auseinandersetzung über eine wenig respektable Person entstellt worden sein, focht sie dies nicht an. Sie war der Ansicht, dass ihres Vaters Wohlergehen einen derlei kleinliche Bedenken vergessen lassen sollte.

Zu ihrer Verwunderung fand sich keine drei Tage, nachdem sie dem Duke diese Nachricht geschickt hatte, einer seiner Lakaien auf ihrer Türschwelle ein und händigte ihr folgenden Brief aus:

Lady Justine,

es tut mir aufrichtig leid, sollte ich Sie je glauben gemacht haben, ich sei dazu fähig, die Not eines anderen Menschen auszunutzen – noch dazu einer Dame von Stand und tadellosem Charakter, wie Sie es sind. Wenngleich ich weder willens noch fähig bin, Ihr Angebot anzunehmen, möchte ich Ihnen etwas anderes vorschlagen. Ich bin zu der profunden Erkenntnis gelangt, dass ich mit meinen dreiunddreißig Jahren auch nicht jünger werde, geschweige denn schöner. Es ist an der Zeit, mir eine Frau zu nehmen. Ich habe jeden Ihrer Briefe mit großer Freude gelesen und erinnere mich innig jeder unserer Begegnungen. Daher spräche meines Erachtens nichts dagegen, wenn ich um Ihre Hand anhielte. Wohl wissend, dass verschiedene Gerüchte über meine derzeitige Befindlichkeit im Umlauf sind, kann ich Ihnen versichern, mich bester Gesundheit zu erfreuen. Zwar habe ich eine nicht unbeträchtliche Narbe davongetragen, doch sollte dies kein Grund zur Beunruhigung sein. Falls Sie und Ihr Vater sich mit der Heirat einverstanden zeigen, werde ich um eine Lizenz ersuchen, und die Hochzeit kann in sechs Wochen stattfinden. Im Gegenzug wäre es mir ein Vergnügen, sämtliche Schulden Ihres Vaters zu begleichen und seine baldige Freilassung aus Marshalsea zu erwirken.

In Erwartung Ihrer Antwort,

Bradford

Und sie hatte geglaubt, er würde niemals fragen …

Zum Teufel mit dem Londoner ton, der ihren Vater mit solcher Geringschätzung behandelt hatte. Jetzt würde sie für sich und ihre Familie Respekt einfordern. Bald würde sie die Duchess of Bradford sein, und von diesem Tage an würde alle Welt ihr, überall und immerdar, Respekt erweisen müssen.

1. Skandal

Ohne Anstandsdame ist man so gut wie verloren. Merke: Eine gute Anstandsdame ist zur Vernunft erkoren.

aus: Wie man einen Skandal vermeidet

Fünf Wochen später, abends

Nachdem Mr Kern, der Kutscher, ihr aus dem Wagen geholfen hatte, blieb Justine auf dem kleinen Vorplatz stehen und schaute zu dem imposanten viergeschossigen Haus hinauf. Fast alle Fenster waren dunkel, nur auf einer Seite schien vereinzelt spärliches Licht hinaus in die Nacht.

Eine ungute Vorahnung erfasste sie. Trotz zahlloser Briefe, in denen sie den Duke um wenigstens eine Audienz vor der eigentlichen Hochzeit ersucht hatte, war jede ihrer Bitten von ihm mit einem entschiedenen „Nein, nicht vor dem vereinbarten Termin“ erwidert worden. Mehrmals bei ihm vorstellig geworden zu sein, hatte ebenso wenig gebracht. Er weigerte sich schlichtweg, sie zu sehen – was sie in nicht geringem Maße beunruhigte. War er doch entstellter, als er sie hatte vermuten lassen?

Und als wäre dieser Gedanke nicht schon erschreckend genug, schien es auch noch Probleme mit der Freilassung ihres Vaters zu geben. Dabei war es zur Hochzeit kaum mehr eine Woche hin. Der Anwalt des Dukes hatte ihr zwar wiederholt versichert, dass alles ganz geordnet seinen Gang gehe, aber Justine wollte mehr als beschwichtigende Worte.

Mr Kern, der nicht von ihrer Seite gewichen war, räusperte sich diskret. Vermutlich wartete er darauf, endlich für seine Dienste der vergangenen Wochen entlohnt zu werden. Er warf einen Blick auf ihr Retikül. „Mylady.“ Er zeigte darauf. „Ich dachte, Sie wollten nur einen Besuch in aller Freundschaft machen.“

Justine blickte hinab auf ihre kleine, mit Bändern zusammengeschnürte Tasche, die sie am Handgelenk trug. Wie der Kopf eines Maulwurfs aus einem Erdhügel ragte oben der Rosenholzkolben der Pistole ihres Vaters heraus.

Sie schützte ein entschuldigendes Lachen vor. „Das soll es in der Tat sein, Mr Kern. Ich dachte nur, es könne nicht schaden, die Dienstboten ein wenig einzuschüchtern. Wobei mir einfällt …“ Sie kramte in ihrem Retikül und zog das Elfenbeinhorn mit dem Schießpulver hervor.

Mr Kern regte sich nicht, er sah sie nur an.

Nach mehreren erfolglosen Anläufen, das Behältnis zu entkorken, seufzte Justine hörbar enerviert, grub ihre Fingernägel unter den Rand und versuchte es mit Gewalt. Der Korken schnellte heraus.

Mr Kern sprang rasch beiseite, als eine gewaltige Schießpulverwolke aufwirbelte, die sich Justine auf Gesicht, Umhang und Kleid legte. Eine körnige, schwefelige Substanz stieg ihr in die Nase. Justine würgte und ließ das Pulverhorn fallen. Scheppernd landete es auf den Pflastersteinen. Hektisch klopfte sie sich Gesicht und Kleider ab. Ausgerechnet jetzt …

Jäh hielt sie inne, als sie das Pulverhorn kopfüber auf dem Boden liegen sah. Oh nein, auch das noch. Sie hob es auf, schüttelte es prüfend und stöhnte angesichts des spärlichen Rests, der darin verblieben war. Wie schnell sie doch wie all die anderen Londoner Damen geworden war. Zu nichts zu gebrauchen, absolut nutzlos, nicht einmal dazu in der Lage, eine Pistole zu laden. Ihr Vater wäre entsetzt gewesen über so viel Unfähigkeit.

Gereizt drückte sie dem Kutscher das Horn in die Hand. „Hier, Mr Kern. Reines Elfenbein und mehr wert, als ich Ihnen schuldig bin. Damit sind Sie offiziell von Ihren Pflichten entbunden. Ich danke Ihnen.“

„Haben Sie vielen Dank.“ Er tippte sich kurz an seine Kappe und ging zurück zur Droschke, wobei er seinen wunderlichen Lohn eingehend musterte.

Wenn doch nur die Wärter in Marshalsea ebenso leicht zufriedenzustellen wären!

Tief seufzend betrachtete Justine die Pistole. Sie könnte auch einfach so tun, als wäre sie geladen. Dann bekäme sie zumindest weniger Scherereien, sollte die Obrigkeit hinzugerufen werden, denn wie bedrohlich war schon eine ungeladene Pistole? Mit einem leisen Klicken spannte sie den Hahn, steckte die Waffe zurück ins Retikül und steuerte auf das fast dunkel daliegende Haus zu. Ungehindert gelangte sie durch das hohe schmiedeeiserne Tor, das zu schließen praktischerweise vergessen worden war.

Sie eilte die unbeleuchtete Treppe hinauf und blieb vor der Tür stehen. Ein letztes Mal wischte sie sich aus dem Gesicht, was dort noch an Schießpulver sein mochte, holte einmal tief Luft und betätigte den Klopfer. Dann die Klingel.

Drinnen hallten Schritte wider. Dann endlich wurden die Riegel zurückgeschoben, die Tür tat sich auf, und warmes goldenes Licht schien hinaus auf die weiten Stufen.

Ein massiger blonder Mann baute sich vor ihr auf. Ein Mann, den sie noch von keinem ihrer früheren Zutrittsversuche kannte. Über einen sich spannenden Kragen ragte ein wuchtiges Kinn, und sein runder Bauch drohte alle Knöpfe seiner unter der dunklen Livree hervorblitzenden bunt bestickten Weste zu sprengen. Er war zwei Köpfe größer als sie, ein Schrank von einem Mann, der nun einen Schritt auf sie zu machte.

Sie wich zurück. Das Herz raste ihr in der Brust. Herrje, was hatte seine Mutter ihm bloß zu essen gegeben? Ganz gewiss nicht nur Porridge.

Sie wagte ein Lächeln und hoffte, dass dieser neue Diener sich trotz seiner einschüchternden Statur kooperativer als seine Vorgänger zeigen würde. „Verzeihen Sie die späte Stunde, Sir, und meinen etwas derangierten Aufzug, aber ich hoffte auf eine Audienz bei Seiner Gnaden. Würden Sie ihm bitte ausrichten, dass seine Verlobte, die künftige Duchess, ihn zu sprechen wünscht und dass es dringlich ist?“ Sie zögerte kurz, ehe sie hinzufügte: „Sehr dringlich.“

Der Mann musterte sie aus scharfen blauen Augen. „Waren Sie Schornsteine auskehren, Mylady? Ich hoffe, Sie befinden sich wohl?“

Er erwies sich als ebenso witzig wie ihre Lage. „Ich befände mich noch viel wohler, wenn ich mit Seiner Gnaden sprechen könnte.“ Sie bemühte sich, Ruhe zu bewahren, denn wenn sie sich aufregte, ließe er sie erst recht nicht hinein.

Er seufzte. „Wie der vorige Butler Ihnen gewiss schon mitgeteilt hat, Mylady, empfängt Seine Gnaden bis zur Hochzeit weder Sie noch sonst jemanden. Er möchte Ihnen jedoch versichern, dass alles in bester Ordnung ist.“ Damit verneigte er sich, trat zurück ins Haus und ließ die Tür ins Schloss fallen.

Justine rang entrüstet nach Luft. „Nichts ist in bester Ordnung, Sir! Ich verlange, dass Sie mir augenblicklich die Tür öffnen. Sir!“ Sie verstummte und starrte auf die Tür, die höchst unhöflich geschlossen blieb. Behandelte man so die künftige Duchess?

Schnaubend wandte sie sich um, blickte auf den Eisenzaun und die hohen Häuser, die hinter den dunklen Bäumen aufragten. Obwohl sie das Gefühl, nicht in diese seltsame Londoner Welt zu passen, stets zu unterdrücken versucht hatte, war es nun wohl an der Zeit sich einzugestehen, dass die Engländer längst nicht so fein und kultiviert waren wie sie immer taten. Sonst würde man nicht einen armen, unschuldigen Mann einkerkern, nur weil er eine von den gesellschaftlichen Gepflogenheiten abweichende Meinung vertrat. Und ganz gewiss würde man einer jungen Dame nicht einfach in finsterer Nacht die Tür vor der Nase zuschlagen – nachdem man ihr versichert hatte, dass alles in bester Ordnung sei, wohlgemerkt.

Der Feigling in ihr wollte sich auf das nächstbeste Schiff nach Kapstadt flüchten und das ganze Theater hier hinter sich lassen.

Eine Sehnsucht, der sie natürlich nicht nachgab, denn im Grunde ihres Herzens wusste sie ganz genau, was zu tun war. Ihr Vater brauchte sie, und sie wollte nicht plötzlich am Tag ihrer Hochzeit herausfinden, dass er den Rest seines Lebens in Marshalsea würde verbringen müssen.

Sie wollte eine eindeutige Zusage. Und die würde sie bekommen. Das Kinn gereckt, wandte Justine sich um und drehte forsch den Türknauf – nur um festzustellen, dass längst wieder alles verriegelt war. Aufgebracht griff sie nach dem Klopfer und ließ ihn mehrmals kräftig niedersausen, in der Hoffnung, dass allen im Haus von dem Krach die Ohren klingelten. Sie würde hier nicht weggehen, ehe sie den Duke gesprochen und er ihr sein Ehrenwort gegeben hatte, und es scherte sie einen feuchten Kehricht, wenn ganz London sich die nächsten zehn Jahre das Maul über sie zerreißen würde.

Und siehe da, schließlich tat die Tür sich wieder auf.

Justine ließ die Hand sinken und sagte in strengstem Ton: „Nennen Sie Ihren Preis, Sir, oder ich sehe mich gezwungen, den meinen zu nennen.“

Der Butler schmunzelte sichtlich amüsiert und zog seine Livree zurecht. „Ich muss Sie enttäuschen, Mylady, doch lasse ich mich nicht kaufen.“

„Dann muss auch ich Sie enttäuschen, Sir, denn ich lasse mich nicht abweisen.“ Justine nahm die Pistole aus ihrem Retikül und drückte sie dem Butler gegen die Brust. Sie ließ den Finger am Abzug zucken und bedauerte sehr, dass die Waffe nicht geladen war. „Ich würde Ihnen raten beiseitezutreten“, sagte sie. Wenn es sein musste, würde sie ihm einfach mit dem Kolben eins über den Schädel ziehen und das Haus stürmen.

Der Butler stand reglos und krauste die knollige Nase, als gehe ihm gerade auf, dass es Schießpulver war, womit sie über und über bestäubt war. Vorsichtig wich er zurück und deutete mit feister, behandschuhter Hand hinter sich in die Halle.

„Ich weiß Ihre Einsicht zu schätzen.“ Die Pistole noch immer auf ihn gerichtet, ging sie in das Haus. Ihre Absätze klackerten auf italienischem Marmor, als sie die Halle durchquerte. Feiner, süßlicher Tabakduft kitzelte ihr in der Nase. Sie blieb stehen und schnupperte. Seit wann rauchte Bradford Zigarren?

Ein schnelles, schrubbendes Geräusch ließ Justine herumfahren und die Pistole auf das von Kerzenlicht erhellte Empfangszimmer zu ihrer Linken richten. Überrascht hielt sie inne und blinzelte. Einmal und dann noch einmal. Denn dort kniete ein junger livrierter Diener, angetan mit einer weißen Rüschenschürze, auf allen vieren und schrubbte den Boden, als wäre er ein Hausmädchen!

Auch der junge Diener hielt kurz inne, schien er doch gemerkt zu haben, dass sie ihn beobachtete. Er stieß einen so abgrundtiefen Seufzer aus, als wäre seine Mutter samt aller Anverwandten gestorben, tauchte die Rosshaarbürste dann wieder in den Eimer mit Seifenlauge und schrubbte eifrig weiter.

Der Butler schloss die Tür und sah sich beunruhigt nach Justine um, während er die Riegel vorlegte. „Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus zu warten, während ich Seine Gnaden von Ihrem Eintreffen in Kenntnis setze.“

Justine drehte sich zu ihm um und zielte mit der Pistole wieder auf den Butler. „Damit Seine Gnaden mir durch die Hintertür entwischen kann? Ganz sicher nicht.“ Sie umfasste den Kolben fester und versuchte, den Butler mit einem tödlichen, unerbittlichen Blick einzuschüchtern. „Sie bringen mich besser zu ihm.“

Langsam bewegte sie sich auf die weit geschwungene Mahagonitreppe zu und musterte die mit grauer Seide bespannten, mit goldgerahmten Spiegeln und überdimensionierten Familienporträts geschmückten Wände.

Nichts hatte sich verändert. Alles schien ganz genauso wie an jenem Abend zu sein, als sie dieses Haus zum ersten Mal betreten hatte. Jener wunderbare Abend, als sie und ihre Eltern anlässlich ihrer Rückkehr aus Afrika beim Duke of Bradford als dessen Ehrengäste diniert hatten.

Wie beeindruckt sie gewesen war! Doch was sie an jenem Abend – und später – noch viel mehr beeindruckt hatte als das imposante Haus, war der Duke of Bradford höchstselbst gewesen. Nie in ihrem ganzen Leben war sie einem besser aussehenden, charmanteren und intelligenteren Mann begegnet. Da half es auch nicht, dass ihre Eltern einwandten, einer Achtzehnjährigen, die seit ihrem siebten Lebensjahr in Zelten und Strohhütten gelebt hatte, müsse wohl alles beeindruckend erscheinen.

Der Butler gab sich brummelnd geschlagen und stolzierte an ihr vorbei. „Wenn ich bitten dürfte, Mylady.“ Er deutete die Treppe hinauf. „Zum Schlafgemach Seiner Gnaden geht es hier entlang.“

Justine spürte, wie ihr Herzschlag sich beschleunigte, als sie dem Butler hinterherblickte, der bereits auf dem Weg nach oben war. Diese Unternehmung war wirklich äußerst verwegen! Aber auch wenn die Umstände unerfreulich waren – hatte sie nicht schon immer wissen wollen, wie das Schlafgemach des Dukes wohl aussah?

Auf halber Höhe blieb der Butler stehen und schaute fragend zu ihr.

Sie räusperte sich und raffte sichtlich um Fassung bemüht den Saum ihrer Röcke. Nein, sie würde nicht die Contenance verlieren. Ganz gleich, wie aufgeregt man auch sein mochte, eine Frau hatte stets eine gewisse Würde und ihren Stolz zu wahren.

Die Pistole nach wie vor auf den Butler gerichtet, stieg sie die Treppe hinauf. Als sie oben angelangt war, musste sie sich beeilen, um den Mann wieder einzuholen, der mit der Anmut eines erbosten Elefanten den breiten Korridor hinabpreschte.

Im Vorbeigehen warf sie einen flüchtigen Blick auf die lange Reihe von Porträts, doch das Bildnis einer jungen Frau in einem weißen, fließenden Brokatgewand ließ sie innehalten. Die junge Frau war von atemberaubender Schönheit und blickte mit großen graublauen Augen, deren Ausdruck schüchtern und aufreizend zugleich war, auf Justine herab.

Die Kerzen der Wandleuchter tauchten das Gesicht der jungen Frau in ein warmes Licht und hüllten den Rest des Gemäldes in Schatten. Ihre Haut war makellos, das blasse Gesicht von blonden Locken umkränzt. Ein feines Lächeln spielte um ihre Lippen.

Justine ließ die Pistole sinken und blinzelte ungläubig. Wer war diese Schönheit? Und vor allem: Wie stand sie zu Bradford? War sie eine Schwester oder eine Cousine, von der sie nur nichts wusste? Oder war sie, Gott bewahre, seine Geliebte? Er hatte bekanntermaßen die Neigung, sich immerzu mit wenig respektablen Damen zu umgeben, was, wenn man den Gerüchten Glauben schenken wollte, ihm auch sein derzeitiges Missbefinden eingebracht hatte.

„Eben wünschten Sie Seine Gnaden dringlichst zu sehen, scheinen es nun aber nicht besonders eilig zu haben“, ließ sich der Butler vom Ende des Korridors vernehmen.

Justine riss sich von dem wundersamen Bildnis los und hastete weiter.

Der Butler hatte derweil eine getäfelte Tür geöffnet und war hindurch verschwunden. Justine folgte ihm und fand sich in einem Schlafgemach wieder, das so groß und weit wie die afrikanische Steppe war.

Wie angewurzelt blieb sie stehen und sah sich um, während der Butler an einem großen Baldachinbett mit schweren roten Samtvorhängen vorbeimarschierte, das er keines Blickes würdigte. Kissen, Decken und Linnen lagen zerwühlt.

Vor einer weiteren Tür am Ende des Zimmers machte er halt, räusperte sich und klopfte. „Euer Gnaden. Verzeihen Sie die Störung, aber Lady Justine ist hier. Sie besteht auf einer privaten Audienz und ersucht dringlichst um Ihre Aufmerksamkeit.“

Himmelherrgott! Aufgebracht fuchtelte Justine mit ihrer Pistole herum. Der Mann ließ es gerade so klingen, als wäre sie ein liederliches Frauenzimmer! Als würde sie so etwas andauernd machen!

Hinter der Tür regte es sich, dann hörte man Wasser gegen Porzellan platschen.

Gnade ihr Gott – nahm der Duke gerade ein Bad?

Plötzlich ertönte eine tiefe Stimme hinter der Tür: „Zählen meine Anweisungen denn gar nichts? Sie sind seit gerade mal einer Woche in meinen Diensten, verdammt! Den letzten Butler habe ich aus nichtigerem Anlass an die Luft gesetzt.“

Der Butler machte ein betroffenes Gesicht, straffte seine Livree und trat von einem bestiefelten Fuß auf den anderen. „Sehr wohl, Euer Gnaden, dessen bin ich mir bewusst. Doch möchte ich darauf hinweisen, dass ich – ganz abgesehen von der Pistole, die sie noch immer auf mich richtet, und den Drohungen, die sie ausspuckt – Bedenken hatte, sie zu so später Stunde abzuweisen. Sie macht mir einen recht … verstörten Eindruck.“

Justine wäre am liebsten im Boden versunken und schaute an ihrem schlüsselblumengelben Kleid hinab, das so reichlich mit Schießpulver beschmiert war, dass es für eine Festnahme im Interesse der öffentlichen Sicherheit gereicht hätte. Wie ärgerlich, zumal sie extra ihr bestes Kleid angezogen hatte.

Hinter der Tür erklang gedämpftes Gemurmel, gefolgt von Wasserplatschen. „Lassen Sie uns allein. Ich läute, wenn es Zeit ist, sie nach Hause zu bringen. Was Ihre Aufgabe sein wird, Jefferson. Strafe muss sein. Zudem gedenke ich, Ihren Lohn vorläufig einzubehalten.“

„Ah … ja. Euer Gnaden.“ Der Butler wandte sich um, reckte das wuchtige Kinn noch etwas höher über den straffen Kragen und schritt, ohne sie eines Blickes zu würdigen, an ihr vorbei.

Justine seufzte, und Reue überkam sie. Schnell steckte sie die Pistole zurück in ihr Retikül und reichte es dem Butler. „Hier, Jefferson, nehmen Sie das, zusammen mit meiner aufrichtigen Entschuldigung. Seien Sie versichert, dass sie nicht geladen war. Seien Sie auch versichert, dass ich dafür sorgen werde, dass Seine Gnaden nicht Sie für den Zwischenfall zur Rechenschaft zieht.“

Der Butler blieb stehen, hob eine buschige Braue und akzeptierte ihre Entschuldigung schweigend. Mit ihrem Retikül in der Hand ging er hinaus und schloss die Tür hinter sich.

Erleichtert atmete Justine auf. Eine Sorge weniger. Dann wandte sie sich wieder der Tür zu, die offenbar ins Bad führte. Wenn sie nur auch ihrer Sorge um Bradford ledig wäre! Diese grimmige, hörbar gereizte Stimme hatte ihm so gar nicht ähnlich geklungen.

Immerhin war das derselbe Bradford, der sich einst seinen launigen Tonfall und das abgründige Funkeln seines Blicks selbst dann bewahrt hätte, hätte ganz London in Flammen gestanden. Er gehörte nicht zu jenen, die sich leicht aus der Ruhe bringen ließen, und er verfügte über die Gabe, jedem Menschen, vom Adeligen bis zum einfachen Handwerker, das Gefühl zu verleihen, als verkehre er mit ihm auf Augenhöhe. Ein Lüstling mochte er wohl sein, aber noch nie war sie einem so aufrichtigen und herzensguten Menschen begegnet.

Das Blut rauschte ihr in den Ohren, als sie auf den schwachen Lichtschein blickte, der durch die Ritzen der Tür drang. „Bradford?“ Er hatte es stets vorgezogen, von ihr mit seinem Namen angesprochen zu werden und nicht mit dem steifen „Euer Gnaden“, wie er es selbst einmal formuliert hatte.

„Weißt du eigentlich, wie spät es ist?“, entgegnete er. „Bist du dir überhaupt im Klaren darüber, dass du dir selbst und meinem Namen eine gewisse Verantwortung schuldest?“

Verwundert hob sie die Brauen. Seit wann scherte sich Radcliff Edwin Morton, der vierte Duke of Bradford, denn um Fragen der Schicklichkeit?

Von der Neugier getrieben, was sie wohl auf der anderen Seite der Tür erwartete, schlich Justine in Richtung Bad. Als sie kaum mehr eine Armeslänge von der Tür entfernt war, hielt sie abrupt inne. Was um alles in der Welt tat sie da? Der Mann badete! Und im Gegensatz zu den Buschmännern, die ihre Weichteile während des Bades mit Lederlappen bedeckt hielten, wagte sie zu bezweifeln, dass der Duke ebenfalls diese Sitte pflegte. Sie sollte besser gar nicht daran denken, was sich unterhalb seines Nabels befand, wollte sie den eigentlichen Anlass ihres Besuches nicht aus den Augen verlieren.

Unschlüssig stand sie da und überlegte. Sie wusste, dass Umsicht und Höflichkeit geboten waren. Immerhin störte sie ihn beim Bade. Und es war spät. „Es ist schon eine Weile her, dass wir einander zuletzt gesehen haben“, begann sie schließlich. Auf den Tag einhundertundsiebenundfünfzig Tage, um genau zu sein. „Geht es Ihnen gut?“

Er lachte ungläubig. „Willst du mir weismachen, du hättest dir, wohlgemerkt mitten in der Nacht und bewaffnet, Einlass in mein Haus verschafft, um dich nach meinem Befinden zu erkundigen?“

Sie krauste die Nase. Da hatte er allerdings recht. „Ähm, nein, natürlich nicht. Es ist nur so … Ich hatte mir Sorgen gemacht. Um Sie … um dich und um unser … Arrangement. Ungeachtet der Tatsache, dass du deiner Verlobten bis zum Tag der Hochzeit nicht zu begegnen wünschst, was sogar meiner Mutter befremdlich vorkommt – und sie lässt sich nicht so leicht befremden, das kann ich dir sagen –, hat uns dein Anwalt noch immer nicht über die erschwerten Umstände betreffs der Entlassung meines Vaters aufgeklärt. Ich verstehe nicht, weshalb es sich so verzögert. Das dauert nun schon fünf Wochen.“

„Meine liebe, liebe Justine.“ Sein schmeichelnder Tonfall ließ die freundlichen Worte unaufrichtig klingen. „Wie Seine Majestät der König und Lord Winfield, durch den Seine Majestät zuallererst von den Beobachtungen deines Vaters erfuhr, zürne auch ich deinem Vater noch sehr – wenngleich aus anderen Gründen. Mag sein, dass ich etwas unbedarft bin, aber was hat ihn nur geritten, entgegen des Rats seines Mäzens, sprich entgegen meines Rats, nicht nur ein, sondern gleich dreihundert Exemplare seiner Beobachtungen zu veröffentlichen, die den meisten Menschen als bestialisch erscheinen müssen? Es war zu erwarten, dass Seine Majestät ein Exempel an ihm statuieren würde. Und nachdem ich entdeckt hatte, dass eine jede dieser Ausgaben mir gewidmet war, hätte ich das Statuieren des Exempels am liebsten gleich selbst übernommen. Dankt man mir so Jahre der finanziellen Unterstützung? Hast du auch nur die geringste Ahnung, wie viele Briefe ich Seiner Majestät schreiben musste, um für die Beteiligung an den Machenschaften deines Vaters Abbitte zu leisten?“

Justine konnte nachvollziehen, dass er außer sich war. Aber darüber schien er vergessen zu haben, dass ihr Vater die Widmung als Zeichen des Respekts und der tiefen Dankbarkeit gemeint hatte. Denn hätte der Duke ihn nicht so großzügig unterstützt – eine Unterstützung, die zu gewähren sonst niemand willens gewesen war –, hätte ihr Vater seine Feldforschungen in Südafrika niemals betreiben können. Ihr Vater war zwar ein Earl, doch ein Mann von mehr als bescheidenen Mitteln, der sich gerade mal ein kleines Stadthaus in ordentlicher Londoner Lage erlauben konnte.

Justine blickte auf den blank polierten Türknauf und zwang sich zur Zuversicht, wenngleich ihr schon jetzt törichte Tränen in den Augen brannten. „Bitte versprich mir, dass dies nichts an deiner Entscheidung ändert, ihm zu helfen“, bat sie. „Er ist am Ende seiner Kräfte, Bradford. Er verweigert das Essen. Noch nie habe ich ihn so schwach und elend gesehen.“

Bradford seufzte so vernehmlich, dass sie es gar nicht überhören konnte. „Nicht ich bin es, der über seine Freilassung entscheidet.“

Sie horchte auf. „Was soll das denn heißen?“

Drinnen herrschte Schweigen, begleitet von leisem Plätschern. „Du solltest wissen, dass mein Anwalt diesen Fall mit größter Sorgfalt verhandelt. Was du nicht wissen kannst, ist, dass Lord Winfield, als er von meinen Absichten Kenntnis erlangt hatte, seinerseits Seine Majestät davon in Kenntnis gesetzt hat, welcher daraufhin verfügte, die Kosten für das Verfahren um weitere zweitausend Pfund zu erhöhen. Kaum war mein Anwalt diesen neuerlichen Forderungen nachgekommen, wurden die Gerichtskosten abermals erhöht. Und noch einmal. Und noch einmal.“

Ungläubig riss Justine die Augen auf. „Was hat Lord Winfield gegen meinen Vater, um ihn derart zu drangsalieren?“, rief sie. „Sie waren doch mal Freunde!“

„Betonung auf waren. Lord Winfield verabscheut Sodomiten, Justine. Gerüchten zufolge soll seinem Sohn vor vielen, vielen Jahren im zarten Alter von sechzehn Jahren Gewalt angetan worden sein.“

Oh mein Gott. Kein Wunder, dass der Mann so schlecht auf ihren Vater zu sprechen war. Justine seufzte und schüttelte den Kopf. „Das wusste ich nicht. Und mein Vater allem Anschein nach auch nicht.“

„Vermutlich. Es ist nicht unbedingt etwas, worüber man gerne spricht.“

„Nein, wahrscheinlich nicht.“ Justine schwieg einen Moment. „Auf welche Höhe belaufen sich die Kosten nun?“

„Fünfzigtausend Pfund. Was erklärt, weshalb dein Vater noch in Marshalsea einsitzt, denn einen solchen Betrag habe ich nicht mal so eben zur Verfügung. Mein Vermögen steckt größtenteils in Ländereien und Anlagen, auf die ich keinen Zugriff habe. Was Seine Majestät ganz genau wissen dürfte.“

Justine rang nach Luft und stützte sich am Türrahmen ab, um nicht zu stürzen. „Fünfzigtausend Pfund? Mein Gott. Weshalb hast du mir das nicht eher gesagt?“

„Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst.“

„Dass ich mir keine Sorgen mache?“, rief sie fassungslos. „Es geht um meinen Vater, Bradford! Da darf ich mir ja wohl Sorgen machen! Zudem verstehe ich nicht, wie das rechtens sein kann. Seine Majestät kann doch nicht einfach willkürlich …“

„Doch kann er, Justine. Und er wird es auch weiterhin tun“, unterbrach er sie. „Ich habe veranlasst, dass die Räume deines Vaters wohnlicher eingerichtet werden und er mit besserem Essen und gutem Wein versorgt wird. Ich tue, was ich kann, und wenn alles gut geht, sollte es in höchstens zwei Monaten ausgestanden sein. So, und jetzt sei bitte so gut und läute nach Jefferson. Der Klingelzug ist beim Bett. Jefferson wird dich nach Hause begleiten. Obwohl du meinen Wunsch nach Privatsphäre so schmählich missachtet hast, sei versichert, dass ich noch immer mit Freuden erwarte, dich in einer Woche am Altar zu sehen. Und nun leb wohl und hab eine gute Nacht.“

Finster starrte Justine auf die geschlossene Tür. „Behaglicher eingerichtet, dass ich nicht lache! Besseres Essen und guter Wein! Das Schlimmste, was mein Vater dort zu erdulden hat – abgesehen davon, überhaupt in diesem tristen Labyrinth gefangen gehalten zu werden –, ist die öffentliche Schmach. Wusstest du, dass in Marshalsea jeder, aber wirklich jeder, Zugang zu den Gefangenen hat und seiner Schaulust frönen kann?“

Allein der Gedanke daran ließ sie so wütend werden, dass sie die Fäuste ballte. „Männer und Frauen jeden Alters und jeder Herkunft schlendern während der Öffnungszeiten durch die Räume, wie es ihnen beliebt, begaffen meinen Vater, verspotten ihn und belästigen ihn mit Fragen zu Sodomie und dem Paarungsverhalten im Tierreich. Weitere zwei Monate wären sein Tod. Ich werde nicht zulassen, dass er dort auch nur noch einen Tag ausharren muss, geschweige denn zwei Monate!“

Der Duke räusperte sich. Einmal. Und noch einmal. „Und was genau wünschst du, dass ich tue? Die Bastille erstürmen? Die Guillotine entstauben und Seiner Majestät wohlfrisierten Kopf darunterlegen?“

Als sie nicht antwortete, fuhr er fort: „Justine. Selbst wenn ich die Mittel aufbringen könnte, lässt die Lage deines Vaters sich doch nicht mit Geld lösen. Seine Beobachtungen schließen damit, dass er Rechte für Sodomiten einfordert. Weißt du, dass die diesbezüglichen Gesetze in England jüngst erst verschärft worden sind? Wäre dein Vater kein Earl, hätte man ihn längst gehängt. Seine Majestät, und Lord Winfield erst recht, werden in dieser Sache nicht nachgeben.“

Wieder waren ihr Tränen in die Augen gestiegen. Wie konnte man gegen Zorn des Königs angehen? Gar nicht, so einfach war das. „Dann … dann solltest du dir zumindest an deinem Bruder ein Beispiel nehmen. Carlton war so freundlich, mir gestern Morgen einen Besuch abzustatten. Er hat sich erboten, bei Seiner Majestät persönlich vorzusprechen und ein Gnadengesuch einzureichen. Warum kannst du so etwas nicht tun? Hätte es nicht mehr Gewicht, wenn das Gesuch von dir käme?“

Nach kurzem Zögern meinte er: „Was schert mich, was Carlton tut? Meinetwegen kann er dir die Weltherrschaft versprechen. Ich untersage dir hiermit jeglichen Umgang mit ihm. Er hat sich sehr verändert und auch den letzten Rest an Vernunft verloren. In gewisser Weise wie dein Vater, wenn ich das mal so sagen darf.“

Wütend schüttelte sie den Kopf. Das schlug ja dem Fass den Boden aus, ihren Vater mit Carlton zu vergleichen! „Jetzt reicht es mir aber, Bradford. Ich verlange, dass du aufhörst, mich zu beleidigen, dich auf der Stelle anziehst und mir die Aufmerksamkeit gewährst, die mir zusteht. Ehe ich dich nicht zu Gesicht bekommen habe, gehe ich nicht von hier weg.“

„Justine“, erwiderte er betont ruhig. „Ich nehme gerade ein Bad und befinde mich folglich nicht in der Lage, Besuch zu empfangen. Jetzt sei ein braves Mädchen und läute nach Jefferson.“

Als ob sie sich damit abspeisen ließe! „Da du dich mir allem Anschein nach nicht zeigen willst“, sagte sie eisig und legte die Hand um den Knauf, „bleibt mir keine andere Wahl, als diese Tür zu öffnen und mir selbst ein Bild zu machen. Womit auch immer ich zu rechnen habe, Bradford, so wage ich zu bezweifeln, dass dein Anblick mich in die Flucht schlagen wird. Ich habe schon größere und haarigere Geschöpfe gesehen als dich.“

Als er nichts erwiderte, stieß Justine ein gereiztes Schnauben aus. Obwohl es ihr nicht allzu schwer gefallen war, auf gepflegte Plaudereien, romantische Picknicks und Kutschfahrten zu verzichten – Nettigkeiten, die er ihr nicht einmal während ihrer kurzen Verlobungszeit offeriert hatte –, gedachte sie nicht, bis zum Tag der Hochzeit zu warten, um noch einmal einen Blick auf ihren künftigen Gemahl zu werfen. Sie war nicht nur wegen ihres Vaters gekommen, sondern auch, um diesem leidigen Versteckspiel ein Ende zu machen. Und das Beste daran: Sie würde sich nicht bis zur Hochzeitsnacht gedulden müssen, um den Duke in seiner ganzen Pracht zu sehen.

2. Skandal

Es sind nur die Kleider, die uns von den Tieren unterscheiden. Weshalb es unerlässlich ist, allzeit bekleidet zu bleiben.

aus: Wie man einen Skandal vermeidet

Radcliff Edwin Morton, der vierte Duke of Bradford, setzte sich so jäh auf, dass das warme Wasser über den Rand der Wanne schwappte. Hastig strich er sich das dunkle, feuchte Haar aus der Stirn, atmete einmal tief durch und versuchte, seine pulsierende Erregung hinabzuzwingen – die er allein dem Umstand verdankte, Justine endlich in Reichweite zu wissen.

Zum Teufel mit ihr, die sie ihn überhaupt erst in diese Lage gebracht hatte. Es hatte schon seinen Grund, dass er sich ihrer Gegenwart verweigerte, bis sie Mann und Frau waren. Denn es war ja ganz offensichtlich, dass er seinen Körper auch nach acht langen Monaten selbst auferlegter Enthaltsamkeit noch immer nicht im Griff hatte.

Das Badewasser rann warm an ihm hinab, als er sich aus der Wanne erhob. Er schnappte sich ein Handtuch, rieb sich das Haar trocken. Dann stieg er aus der Wanne, auf den blau-weiß gekachelten Boden, trocknete sich rasch ab und warf das Handtuch beiseite. Kopfschüttelnd hob er seine Hose auf, die sein Kammerdiener vorhin dankenswerterweise beim Hinausgehen hatte fallen lassen. Ohne dieses Kleidungsstück wäre ihm wenig mehr als das Handtuch geblieben, um sich zu bedecken.

Da flog auch schon die Tür auf und schlug gegen die Wand.

Vornübergebeugt, seine Hose noch immer in der Hand, hielt Radcliff inne.

Der schweflige Geruch von Schießpulver erfüllte das Bad, gefolgt von einem lauten Aufkeuchen, das gewiss dem Anblick seiner Erregung geschuldet war. Oder aber dem Anblick seiner Verletzung.

Radcliff hielt sich die Hose vor den Leib und richtete sich auf. Sie mochte in freier Wildbahn vieles, aber gewiss nicht alles zu sehen bekommen haben. Das Blut rauschte ihm in den Adern, und ihm graute davor, was sie wohl zu der langen Narbe sagen würde, die nun eine Hälfte seines Gesichts beherrschte.

Justine ließ den Blick über seinen nackten Körper wandern, ehe sie ihm in die Augen sah. Sie presste die Lippen aufeinander und ihre rußgeschwärzten Wangen röteten sich, was wohl weniger an seiner Blessur als an seiner Blöße lag.

Radcliff musterte sie und runzelte die Stirn. Jefferson hatte recht gehabt. Sie sah aus, als käme sie eben aus der Hölle. Unter einem dunklen Umhang trug sie ein hellgelbes Kleid, das mit Ruß beschmiert war. Der beißende Geruch ließ vermuten, dass es Schießpulver war. Selbst ihr kastanienbraunes Haar, das ihr Gesicht in gefälligen Locken umrahmte, war mit schwarzem Pulver gepudert. Obwohl er Justine noch immer anziehend fand, tat ihr Aufzug ihren Reizen doch einen gewissen Abbruch.

Um Gelassenheit bemüht – denn was blieb ihm in seiner Situation anderes übrig? – pfiff er leise durch die Zähne und meinte es keineswegs anerkennend. „Wie ich sehe, hast du das Arsenal der englischen Infanterie eigenhändig scharfgemacht.“

Das flackernde Licht der Öllampe tanzte über ihr Gesicht, und auf einmal wurden ihre Züge ganz sanft. „Ich … oh, wie furchtbar! Was ist nur mit deinem Gesicht geschehen?“

Da er wenig geneigt war, ihr zu erzählen, was sich zugetragen hatte, noch dazu, da er nackt war, zuckte er bloß die Achseln. „Kleine Streiterei. Nicht weiter schlimm.“ Zumindest nicht im Vergleich zu dem, was Matilda Thurlow von den sechs Männern angetan worden war, die ihm das Gesicht gespalten hatten.

„Eine kleine Streiterei?“, wiederholte sie entsetzt. „Nicht weiter schlimm? Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen, jemand habe dir mit dem Messer das Gesicht aufgeschlitzt.“

Er hatte wirklich keine Lust, über das zu sprechen, was an jenem Abend vor acht Monaten passiert war. „Es lässt sich nicht mehr ändern. Kein Grund, sich jetzt noch den Kopf darüber zu zerbrechen.“

Entgeistert starrte sie ihn an. „Würdest du wohl aufhören, so abweisend und gleichgültig zu sein? Ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Du hast dich acht Monate lang nicht blicken lassen. Welcher Mann tut so etwas?“

Radcliff versuchte, sich von ihren Worten nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. „Der Grund meines Rückzugs hat nichts mit meiner Verletzung zu tun. Zu gegebener Zeit werde ich es mit dir besprechen. Jetzt jedoch bitte ich dich zu gehen. Du hast schon mehr zu sehen bekommen, als mir schicklich scheint. Noch sind wir nicht Mann und Frau.“

Sie stemmte die Hände in die Hüften und funkelte ihn an. „Solange du ständig mir und meinen Fragen ausweichst und zulässt, dass mein Vater entgegen allen geltenden Rechts in Haft behalten wird, werde ich weder gehen noch dich heiraten. Dir wird doch etwas einfallen, das du für ihn tun kannst!“

Hatte er ihren Vater und seine Forschungen nicht schon genug unterstützt? Forschungen, die Radcliff seit vielen, vielen Jahren gefördert hatte, weil er schon immer der Ansicht gewesen war, dass man die Menschheit darüber aufklären müsse, was sie im Grunde alle waren – nämlich Tiere. Nur war ihm die Tragweite der gewonnenen Erkenntnisse nicht bewusst gewesen.

Seine Beobachtungen der Fortpflanzungsgewohnheiten von über einhundert Säugetieren Südafrikas hatten den Earl Rückschlüsse von den Beziehungen des Tierreichs auf jene des Menschen ziehen lassen. Seine Erkenntnisse galten ihm als Beweis, dass Bindungen nicht notwendigerweise zwischen einem Mann und einer Frau bestehen mussten, dass es – ebenso wie in der Natur – auch Paarungen von Mann und Mann oder Frau und Frau geben konnte.

Faszinierende Feststellungen, doch bei Weitem zu liberal und brisant für englische Verhältnisse. Aus dem Grund hatte Radcliff dem Earl auch das Versprechen abgerungen, seine Beobachtungen erst dann publik zu machen, wenn sämtliche Sodomistengesetze gelockert worden wären.

Doch weit gefehlt. Ein Jahr darauf stand Radcliff mit einem entstellten Gesicht da und einem Bruder, der ihn auf ewig hassen würde, doch eines war ihm geblieben: Justines allwöchentliche Briefe. Obwohl er nicht einen einzigen erwidert hatte, da er sie in ihrer Obsession nicht noch hatte ermutigen wollen – von der seinen ganz zu schweigen –, hatte sie nicht aufgehört, ihm zu schreiben, und ihn so während der langen Monate seines Rückzugs bei Verstand gehalten.

Und dann musste der Earl seine Beobachtungen zur Unzeit veröffentlichen, was besagte Folgen nach sich zog, durch welche sich wiederum seine Tochter genötigt sah, dem Förderer ihres Vaters ein Angebot zu unterbreiten, das es Radcliff unmöglich machte, sich noch länger zurückzuhalten. Wenn schon ihre Briefe ihm Trost in seinen dunkelsten Stunden gewesen waren, was könnte sie ihm erst sein, wenn sie seine Frau wäre?

Justine musterte ihn mit kaltem Blick. „Du hörst mir nicht mal zu, oder? Dir scheint das alles völlig gleich zu sein.“

„Keineswegs“, meinte er ruhig. „Und ich höre dir zu.“

Sie ließ die Arme wieder sinken und sprach zu ihm, als bemerkte sie seine Blöße gar nicht. „Selbst dein Bruder besaß den Anstand, mir anzubieten, bei Seiner Majestät vorstellig zu werden. Könntest du das nicht auch tun?“

Radcliffs Miene verfinsterte sich. Was wusste sein Bruder schon von Anstand? Was immer Carltons Gründe sein mochten, sich Justines Nöten anzunehmen, mit Anstand oder Mitgefühl hatte es gewiss nichts zu tun. Eines war Radcliff sich jedoch gewiss: Es würde nur einen Kapitän an Bord dieses Schiffes geben, und das würde nicht Carlton sein.

Ohne Rücksicht auf Justines zartere Gefühle warf er seine Hose beiseite und streckte die Arme weit aus. „Vielleicht sollte ich jetzt gleich bei Seiner Majestät vorstellig werden. So wie ich bin. Nackt und sichtlich angetan von deiner Anwesenheit! Wäre das zu deiner Zufriedenheit?“

Ihr stockte der Atem, als sie ihren Blick über ihn schweifen ließ. Ihre Wangen glühten. Hastig hob sie eine rußgeschwärzte Hand vor die Augen und wandte sich ab. „Herrgott noch mal, können wir uns nicht einmal wie zivilisierte Menschen unterhalten?“

Er lachte bitter auf und winkte ab. „Das sagst ausgerechnet du. Dein Vater veröffentlicht Bücher, die gegen unsere Sitten und Gesetze verstoßen und den König brüskieren, scheint aber zu glauben, dass dies keine Konsequenzen für ihn habe. Du stürmst einfach in mein Haus, ungebeten, und führst dich auf wie eine Wilde. Aber ich lasse mich nicht so leicht einschüchtern. Es hat einen guten Grund, dass ich dich nicht vor der Hochzeit sehen wollte. Falls es dir noch nicht offensichtlich sein sollte: Es mangelt mir an Beherrschung.“

„Und wenn schon.“ Die Hand noch immer vor den Augen, versetzte sie seiner Hose, die zu ihren Füßen gelandet war, einen beherzten Tritt, damit sie wieder zu ihm zurückflog. „Dennoch könntest du dir etwas anziehen, damit wir ernsthaft miteinander sprechen können.“

Wütend griff Radcliff nach der Hose und schlüpfte hinein. Nachdem er die Knöpfe geschlossen und seine Erregung gebändigt hatte, deutete er auf die Wanne. „Dürfte ich vielleicht vorschlagen, dass du dir das Gesicht wäschst, ehe du gehst? Du siehst wirklich aus wie eine Wilde.“

„Ich wage zu bezweifeln, dass du überhaupt weißt, wie eine Wilde aussieht.“ Dennoch folgte sie seinem Rat und trat an die Wanne. Doch ehe sie die Hände ins warme Wasser tauchte, um sich das Gesicht zu säubern, schaute sie sich noch einmal verstohlen nach ihm um und vergewisserte sich, dass er Distanz wahrte. Dann beugte sie sich über die Wanne und reckte ihm das berockte Hinterteil entgegen.

Radcliff schluckte schwer und versuchte, sich nicht vorzustellen, was sich unter dem verführerisch raschelnden Rock verbarg. Oder wie er seine Hände über ihren Hintern und ihre Beine wandern ließe. Brüsk verschränkte er die Arme vor der Brust.

„So.“ Justine strich sich die feuchten Locken aus dem Gesicht, seufzte und drehte sich wieder zu ihm um. Ihre Wangen schimmerten feucht und frisch. Das Schießpulver war verschwunden, nur noch feine Sommersprossen sprenkelten die helle Haut und die zierliche Nase.

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