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Der Duft wilder Rosen

1. KAPITEL

Vom Zaun aus beobachtete Sally interessiert die Vorbereitungen für das Rodeo. Der Bulle machte es den Männern in der Startbox schwer. Dog Face schüttelte den Schädel mit den mächtigen Hörnern und brüllte wild. Dieser Stier liebte es offenbar, Cowboys kräftig durchzuschütteln. Ganz gewiss würde er nicht einen Moment stillstehen, um sich die Schlinge eines Seils umlegen zu lassen. Nur ein erfahrener Reiter mit eisernen Nerven würde acht Sekunden auf ihm durchhalten können, wenn sich das Gatter endlich öffnete.

Wenn überhaupt jemand mit Dog Face fertigwerden konnte, überlegte Sally Gantry, dann war es dieser Cowboy, der sich soeben auf den Bullen schwang. Sally sah aufmerksam zu, stützte sich auf den Zaun der Arena und schob den dicken Zopf auf den Rücken. Sie ließ den Blick durch das voll besetzte Stadion schweifen und konzentrierte sich wieder auf die Startbox Nummer vier.

Ein Cowboy mit Namen Carson James, dachte sie und erinnerte sich an das erste Zusammentreffen mit ihm. Es war an einem heißen Juliabend beim jährlichen Rodeo hier in Rapids City gewesen.

Damals war sie siebzehn Jahre alt gewesen, sehr schüchtern und eine richtige Bohnenstange. Wegen ihrer Zahnspangen hatte sie nicht zu lächeln gewagt. Carson hatte sie kaum wahrgenommen, als sie in jenem Sommer vor sieben Jahren mit ihrem Vater von einem Rodeo zum nächsten gereist war. Sally dagegen hatte ihn sehr genau beobachtet. Dieser hoch gewachsene, schlanke Cowboy war der Schwarm aller Frauen gewesen. Mit seinem unverschämten Lächeln und dem lässigen Gang hatte er alle Frauen fasziniert. Und auch Sally fühlte sich zu ihm hingegzogen, ob sie wollte oder nicht.

Nach allem, was sie so hörte, hatte Carson James in den vergangenen Jahren zwischen Jackson Hole und Fort Worth zahllose Herzen gebrochen. Man brauchte nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, wie er das angestellt hatte.

Instinktiv hatte Sally schon damals, mit siebzehn, genau begriffen, wie es mit Carson und den Frauen lief. Wenn man sich mit ihm einließ, war ein gebrochenes Herz vorprogrammiert. Inzwischen, mit vierundzwanzig, hatte Sally allerdings selbst einige harte Lektionen lernen müssen. Sie war erfahren genug, um zu wissen, dass Carson James und die anderen Cowboys stets nur einem Traum nachjagten. Sie wanderten von einem Rodeo zum nächsten, von einem Bullen zum anderen und träumten davon, eines Tages World Champion zu werden.

Sally war auch unabhängig genug geworden, um zu wissen, dass sie die Aufregungen und Schmerzen nicht brauchte, die ein Mann wie Carson in ihr Leben bringen konnte.

Trotzdem beobachtete sie im Augenblick gespannt, wie er sich auf den Ritt vorbereitete – dieser Cowboy, der mit seinem unwiderstehlichen Lächeln und seiner Kühnheit die Herzen der Zuschauer gewann.

Er war jetzt neunundzwanzig, der jüngste von drei Brüdern. Und es schien, als bemühte er sich, dem berühmt-berüchtigten Jesse James nachzueifern, dessen Nachfahre er war. Vor einigen Monaten hatte Sally in den ‘News’ der Professional Rodeo Cowboy Association gelesen, Carson James sei während eines Blizzards in Wyoming zur Welt gekommen, und das habe seinen Charakter geprägt. Vielleicht war etwas Wahres daran, immerhin hatte Carson, wild wie dieser Schneesturm, stets mit Begeisterung für Ärger gesorgt. Dabei handelte es sich um keine Verbrechen wie bei dem längst verstorbenen Outlaw Jesse James. Bei ihm ging es mehr um mutige Ritte und die gebrochenen Herzen der Frauen, die seinem Lächeln nicht widerstanden hatten.

Gemeinsam mit den Zuschauern beobachtete Sally mit wachsender Spannung, wie Carson sich in den letzten Sekunden vor dem Kampf vorbereitete. Jetzt straffte er die breiten Schultern und lächelte dem Mann zu, der an der Startbox die Aufsicht führte, während Dog Face erneut bockte. Es wurde still im Stadion, als das eiserne Gatter klapperte und der wütende Bulle brüllte.

Der Mann hatte wirklich Nerven wie Stahl. Und er sah noch besser aus als seine Brüder. Sally hatte die Fotos in dem Artikel intensiv betrachtet. Das dichte dunkle Haar unter dem schwarzen Hut war länger, als es die meisten Cowboys trugen. Auch ein Zeichen seiner rebellischen Natur?

Carson war auch größer als die meisten Cowboys, ungefähr eins achtzig. Er war ohne Zweifel ein durchtrainierter Sportler, schlank mit festen, ausgeprägten Muskeln. Er schien sich auf den bevorstehenden Ritt zu freuen, denn er lächelte. Seine strahlend blauen Augen funkelten vor Temperament und Verwegenheit. Vielleicht hätte Sally besser gar nicht hingesehen.

Sie tat es trotzdem und hielt sich am Geländer fest, als er kurz nickte und das Gatter aufflog.

Der Bulle schoss aus der Startbox. Sally blieb die Luft weg. Wie alle anderen sah sie fasziniert acht Sekunden lang zu, wie Dog Face sich aufbäumte und wand, um sich schlug und den Staub der Arena aufwirbelte.

Die Zuschauer tobten vor Begeisterung, als endlich das Signal ertönte und Carson sich noch immer auf dem wütenden Dog Face hielt. Die Clowns griffen ein und lenkten den Bullen ab, und Carson passte den richtigen Moment ab, löste das Seil, sprang ab und lief aus der Arena hinaus.

Jeder wusste, dass er soeben einen großartigen Ritt gesehen hatte. Und als die Richter erstaunliche neunundachtzig von möglichen hundert Punkten gaben, warf Carson seinen teuren Resistol-Hut wie eine Frisbee-Scheibe in die Luft und winkte den jubelnden Fans zu.

Er spielt sich auf, dachte Sally, musste aber trotzdem lächeln, als er den Hut aufhob und durch die staubige Arena zu ihr lief. Mit einem Satz sprang er über den Zaun und landete direkt neben ihr.

Ehe sie wusste, wie ihr geschah, packte er sie, lächelte sie an und wirbelte sie im Kreis herum. Sally blieb nichts anderes übrig, als mitzumachen, während er sie so ausgiebig küsste, dass die Menge johlte und ihr selbst siedend heiß wurde.

Ganz plötzlich ließ Carson sie wieder los, winkte dem lachenden Publikum zum Abschied zu und war verschwunden.

“Nun ja”, sagte Sally. Sie blickte ihm nach und zuckte die Schultern, während er zwischen den anderen Cowboys verschwand. “Hat mich sehr gefreut.”

Carson verstaute am späten Abend gerade seine Sachen auf seinem Pick-up, als er das langbeinige Cowgirl über den Parkplatz näher kommen sah.

Die Sterne über South Dakota wurden von dichten Wolken verdeckt, doch auf dem gut erleuchteten Parkplatz erkannte er mühelos ihr Gesicht und ihre Gestalt. Lässig lehnt er sich gegen den Pick-up, schob den Hut ein Stück zurück und genoss den Anblick.

Oh ja, es lohnte sich, genauer hinzusehen.

Sie ging zielstrebig und energisch, und ihre langen Beine und schlanken Hüften unter den engen Jeans konnten einen Mann auf ganz bestimmte Gedanken bringen.

Himmel, war sie hübsch! Das schwarze Haar war zu einem dicken Zopf geflochten, der fast bis zur Taille reichte. Braune Augen funkelten unter dem Stroh-Stetson. Ihr Gesicht hätte auf das Titelblatt eines jeden Magazins gepasst. Möglich, dass die ausgeprägten Wangenknochen auf indianische Herkunft hindeuteten. Sie könnte von den Cherokees abstammen, dachte Carson, so wie mein Ururgroßvater. Die Aussicht auf einen Kampf mit dieser Kriegerin ließ sein Herz schneller schlagen.

Sie war ganz sicher eine Kriegerin, aber auch durch und durch eine Frau. Carson richtete den Blick auf ihr gestreiftes Westernshirt, das ihre Rundungen betonte. Er hatte diese Rundungen bereits gefühlt, als er sie nach dem Kampf in die Arme gezogen und sie mit einem Kuss auf ihre verführerischen weichen roten Lippen überrascht hatte.

Sanft hatte sie sich an ihn geschmiegt und trotz ihrer Verblüffung sogar eine Reaktion gezeigt. Daran erinnerte er sich sehr gut, obwohl er sie aus einem reinen Impuls heraus geküsst hatte.

Auch wenn Carson den Kuss nicht bereute – er bereute es nie, eine schöne Frau geküsst zu haben – war es vielleicht angebracht, wenn er sich dafür entschuldigen würde. Das sollte er schon deshalb tun, damit er einen Grund hatte, mit ihr zu reden. Er wollte herausfinden, wer sie war.

Lächelnd lief er ihr nach, als sie einfach an ihm vorbeiging. “Ma’am!”

Sie blieb stehen und drehte sich rasch um, betrachtete ihn, während ihr Gesichtsausdruck abweisend wurde. “Oh, Sie sind es!”

Es war deutlich, dass sie keineswegs begeistert war, ihn zu sehen. Unwillig stützte sie die Hände in die Hüften. Sie mochte es nicht, dass er sie angesprochen hatte.

“Ja.” Er bemühte sich, zerknirscht dreinzusehen. “Ich bin es. Wegen dieser Sache da … Ich dachte, ich sollte mich bei Ihnen entschuldigen.”

Sie musterte ihn vom Scheitel bis zur Sohle, als wollte sie diese Begegnung möglichst schnell hinter sich bringen.

Es kostete Carson große Mühe, sie nicht wieder in die Arme zu nehmen. Sie war wirklich unglaublich süß. Doch instinktiv merkte er, dass er bei ihr auf diese Art nicht weitergekommen wäre. Darum verlegte er sich stattdessen auf die Entschuldigung.

“Es tut mir wirklich leid. Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist. Wahrscheinlich war es die Begeisterung über den gelungenen Ritt. Außerdem war Ihr hübsches, lächelndes Gesicht das Erste, was ich anschließend zu sehen bekam. Darum konnte ich einfach nicht widerstehen. Ich habe nicht nachgedacht, sondern einfach gehandelt. Und ich bedaure es sehr, sollte ich Sie in Verlegenheit gebracht haben.”

Sie sah ihn vollkommen gleichgültig an.

“Warten Sie aber nicht auf eine Entschuldigung für den Kuss”, fügte er hinzu. “Der tut mir nämlich ganz bestimmt nicht leid.” Carson setzte sein reumütigstes Lächeln auf. Es funktionierte immer gut. Jedenfalls bei den meisten Frauen. Bei dieser jedoch versagte es.

“Ich habe gehört, dass Sie eigentlich sehr viele Küsse bedauern sollten, Carson James.”

Er amüsierte sich über ihren geringschätzigen Ton. “Dann haben Sie nur hässliche Gerüchte gehört, Miss …”

“Gantry, Sally Gantry.”

Er war von dem Funkeln ihrer dunklen Augen so fasziniert, dass er erst nach einem Moment reagierte.

Gantry? Sally Gantry?

Carson starrte ihr mit offenem Mund nach. Das war unmöglich! Sollte dies die kleine Sally Gantry sein? Die dünne Sally mit den knochigen Knien, die ständig über die eigenen Füße gestolpert und errötet war, wenn er sie ‘Country-Girl’ genannt und wegen der Zahnspangen geneckt hatte? Die kleine Sally, die mit ihrem Daddy in seinem ersten Rodeojahr herumgereist war?

Wie lange war das her? Sechs Jahre? Sieben? Mann, oh Mann! Wie sich jemand doch in wenigen Jahren so grundlegend verändern konnte. Aus einem unscheinbaren Pflänzchen war eine edle Rose geworden.

Hastig lief er ihr nach. “Hey, Country-Girl, warte!”

Zu spät. Sie hatte nicht auf ihn gewartet, sondern war schon in einen Wagen mit Kennzeichen aus Montana gestiegen und fuhr los.

Verblüfft und fasziniert sah er ihr nach.

Tom Stringer, Carsons Begleiter, kam zu ihm und betrachtete seinen Freund neugierig. Tom hatte den liebevollen Spitznamen ‘D.U.’ erhalten – ‘Double Ugly’ für ‘doppelt hässlich’. Er hatte schmale Schultern, krumme Beine und ein Gesicht, das aussah, als hätte es einen kräftigen Tritt von einem Pferd erhalten.

Carson zog Tom gern damit auf, dass er auch nicht mehr der Jüngste war. Mit zweiundvierzig war D.U. jedoch noch immer ein großartiger Cowboy, obwohl er keine Meisterschaft gewinnen wollte. D.U. ritt aus Liebe zum Sport. Carson machte sich zwar gelegentlich Sorgen um seinen Freund, verstand jedoch, was diesen am Bullenreiten festhalten ließ.

Sie waren schon Freunde gewesen, bevor sie sich vor einigen Jahren zusammengeschlossen hatten. Wenn sie nicht gerade mit der Maschine eines Sponsors von einem Wettbewerb zum anderen flogen, teilten sie sich die Fahrkosten, zogen sich gegenseitig aus dem Staub und sorgten notfalls auch für medizinische Betreuung.

“Als ich das letzte Mal dieses blöde Grinsen auf deinem Gesicht sah,” sagte D.U., “hattest du gerade einen ordentlichen Schlag auf die Birne bekommen.”

“Stimmt, Kumpel!” Carson klopfte D.U. auf die Schulter. “Genau so fühle ich mich auch.”

D.U. musterte ihn und blickte dann dem Wagen nach, der gerade den Parkplatz verließ. Als im Licht der Scheinwerfer eines entgegenkommenden Fahrzeugs eine Frau am Steuer zu erkennen war, seufzte D.U. nur. “Bisher hast du noch nie wegen einer Frau so ein Gesicht gemacht.”

Carson drehte sich rasch um. “Gesicht? Was denn für ein Gesicht? Das war nur eine alte Freundin.” Er nahm den Hut ab, strich sich durch das Haar und setzte den Hut wieder auf. “Das war Chet Gantrys Tochter. Du weißt doch noch – Gantry. In Montana.”

“Ja, ja, ich kenne Gantry.”

“Na also, und ich habe die Kleine nicht mehr gesehen, seit sie ein Mädchen war. Sie hat sich verändert.”

“Das muss ja eine gewaltige Veränderung gewesen sein”, murmelte D.U.

Oh ja, dachte Carson, das kann man wohl sagen. Er wandte sich wieder seinem Wagen zu. Die Begegnung mit Sally reizte ihn so, dass er gern gewusst hätte, wohin sie jetzt fuhr.

Heute Abend wollte er sich allerdings nicht mehr um sie kümmern. Bis zum nächsten Rodeo mussten sie noch sechshundert Kilometer fahren, und mit jedem Rodeo kam er der Weltmeisterschaft näher, hinter der er seit sieben Jahren her war. Bisher hatte ihn nichts von diesem Ziel abgelenkt, und daran würde sich auch jetzt nichts ändern. Auch nicht durch eine so aufreizende Frau wie Sally Gantry.

Sicher, er liebte Frauen. Er liebte sogar viele Frauen, aber jeweils sorgsam geplant. Und ganz gewiss nur vorübergehend.

Das Rodeo war die einzige feste Bindung, auf die er nie verzichten konnte. Und solange er Spaß daran hatte, wollte er sich auf keine andere feste Beziehung einlassen – sehr zur Enttäuschung seiner Familie.

“Fahren wir”, verlangte Carson, bevor er an seine Mom und seine Brüder denken musste. Sie waren stets bemüht, keine besorgten Mienen zu machen, wenn er sie zu Hause besuchte. Er setzte sich hinter das Steuer. D.U. kletterte auf den Beifahrersitz und schlug die Tür zu. “Bis Sonnenaufgang müssen wir es nach Sioux Falls schaffen.”

Carson ließ den Motor an und gab Gas. Bisher hatte es ihm stets genügt, zum nächsten Rodeo zu fahren. Darum verwirrte es ihn, dass er sich erst in Erinnerung rufen musste, wieso er sich eine Frau wie Sally Gantry mit diesen ernsten dunklen Augen und dem vielversprechenden Mund einfach nicht leisten konnte.

“Hallo, mein Kleiner, wie geht es dir?”

Als der fünfjährige Noah Gantry die Stimme seiner Mutter hörte, fuhr er herum, ließ den Futtereimer fallen und rannte ihr strahlend entgegen.

“Loomy hat das Fohlen bekommen!”, berichtete er nach etlichen Küssen und Umarmungen.

“Wirklich?”, fragte Sally erleichtert. Loomy, eine der besten Zuchtstuten von Snowy River, hatte in diesem Frühjahr das Datum zum Fohlen um einige Zeit überschritten.

“Ja, und es ist eine kleine Stute.” Noah zog Sally mit sich in die Richtung des Pferdestalls. “Willst du sie sehen?”

“Natürlich! ”

Sally ließ sich von ihm ziehen und hörte lächelnd zu, als er ihr schilderte, was sich in den zwei Wochen ihrer Abwesenheit alles in Snowy River ereignet hatte.

Sie betrachtete ihren Sohn liebevoll und dachte, wie schon so oft, welches Glück es war, diesen kleinen Jungen mit den neugierigen Augen und dem fröhlichen Lachen zu haben. Sie genoss jeden Moment, den sie mit Noah verbrachte, und fühlte sich häufig schuldig, wenn sie nicht bei ihm sein konnte.

Dennoch musste sie die Snowy River Rodeo Stock Contracting Company erst weiter in die schwarzen Zahlen bringen, bevor sie sich mehr Angestellte leisten konnte. Bis dahin musste sie selbst unterwegs sein. Nach fast dreißig Jahren im Geschäft war ihr Vater zu alt zum Reisen geworden. Er wollte in seinem eigenen Bett schlafen, in seinem eigenen Sessel sitzen und die Herden der Pferde und Bullen selbst überwachen und nicht seinen Cowboys überlassen.

Sally konnte ihm das nicht verübeln, auch nicht, dass er mehr Zeit als früher hier verbringen wollte. Hier in diesem Tal war stets sein Zuhause gewesen. Sie verstand ihn gut, schließlich hatte Snowy River sie selbst im letzten Jahr mit seinen klaren kalten Bächen, den grünen Weiden und den schneebedeckten Berggipfeln heimgelockt. Deshalb hatte Sally die Arbeit bei einer Versicherung in Butte aufgegeben und die Partnerschaft angenommen, die ihr Vater ihr angeboten hatte. So würde Noah in Snowy River aufwachsen können und sein Erbe kennenlernen.

Von Anfang an hatte sie gewusst, dass sie das Reisen übernehmen musste. Im letzten Monat hatte sie diese Pflicht dann voll ausgeübt. Es fiel ihr nicht schwer, denn sie mochte die Rodeos und das Herumfahren. Es machte ihr sogar Freude, sich um das Vieh zu kümmern, das für die Rodeos benötigt wurde.

Wenn sie nur ihren Sohn nicht so schmerzlich vermissen würde!

Lächelnd blickte sie auf den Kleinen hinunter und war gerührt, dass er auf Loomys Fohlen so stolz war, als hätte er selbst etwas dazu beigetragen.

“Ist es nicht süß, Mom?”

Sally ging in die Hocke und legte den Arm um ihn. “Ja, wirklich.” Dann sprach sie beruhigend auf Loomy ein, als diese den Kopf drehte, die großen dunklen Augen auf sie richtete und leise wieherte. “Wir sprechen über dein Baby. Gut gemacht, Mädchen. Wenn dein Fohlen später nur halb so wild bockt und Cowboys abwirft wie du, bringt es Snowy River viel Geld ein.”

“Mom”, wandte Noah ein. “Das Fohlen ist doch nicht groß genug, um Cowboys abzuwerfen.”

“Noch nicht”, bestätigte Sally, drückte ihm einen Kuss auf den Hals und brachte ihn damit zum Lachen. “Aber warte einige Jahre, und sie wird das beste Pferd beim Rodeo. Und du”, fuhr sie fort und trug ihn aus dem Stall, “was hast du erlebt? Du hast neue Stiefel.”

Noah streckte die Beine aus und zeigte ihr stolz die blank geputzten neuen Stiefel. “Die sind von Großvater.”

“Dann warst du also brav bei Großvater und Großmutter Ellie?”

Ellie Gantry war nicht Sallys leibliche Mutter, aber sie hatte sich in jeder erdenklichen Hinsicht wie eine Mutter um sie gekümmert. Sally war fünf Jahre alt gewesen, als ihre leibliche Mutter, eine Frau aus der Stadt, das Leben auf einer Ranch nicht mehr aushielt, sich tränenreich entschuldigte und wegging.

Zwar versprach sie, mit ihnen in Kontakt zu bleiben, doch das beschränkte sich auf eine Karte zum Geburtstag und zu Weihnachten, bis Sally achtzehn wurde. Wenige Monate nach diesem Geburtstag war Laura Gantry bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Sally hatte damals nur leichtes Bedauern für eine Frau empfunden, die sie nie kennengelernt, die aber ihr und ihrem Vater tiefen Schmerz zugefügt hatte.

Ellie hatte ihnen diesen Schmerz schließlich genommen. Chet hatte sie geheiratet, als Sally zehn war. Ellie machte nicht nur Chet glücklich, sondern füllte auch die Leere in Sallys Leben aus, und das hatte nichts mit Blutsverwandtschaft, sondern ausschließlich mit Liebe zu tun.

Als Sally an diesem Abend Noah ins Bett brachte und hörte, wie er sein Abendgebet sprach, dankte sie ihrerseits Gott für die Liebe ihrer Familie, für ihr schönes Heim und ihr Kind. Doch als sie erschöpft in ihrem eigenen Bett lag und sich für die kommende Woche und ein dreitägiges Rodeo in Colorado erholte, betete sie auch um ein wenig Hilfe.

Wahrscheinlich würde sie sogar sehr viel Hilfe brauchen, um die Saison zu überstehen. Sie musste mit dem Geschäft fertigwerden, mit dem ständigen Herumreisen und leider auch mit ihrer unerwarteten Reaktion auf einen verdammt attraktiven Cowboy mit dunklen Augen und dem Teufel im Nacken.

Zum ersten Mal dachte sie ganz bewusst über den Kuss nach, den ihr Carson James gestohlen hatte, und berührte dabei unwillkürlich ihre Lippen. Die Erinnerung an Carsons Mund war sinnlich und erotisch, und der Kuss war überraschend sanft, verwirrend und gleichzeitig gefährlich gewesen.

Dieser Kuss hatte nach einsamen Jahren weibliche Bedürfnisse in ihr geweckt. Da machte sie sich gar nichts vor. Das Feuer, das auf einmal zwischen ihnen aufgeflackerte war, hatte sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen.

Zum Teufel mit diesem Cowboy! Wieso ließ sie sich von seinem Lächeln wach halten? Wieso lag sie hier in der Dunkelheit und wünschte sich, er würde neben ihr liegen? Solche Gedanken brachten nichts als Ärger, den sie nicht brauchen konnte. Außerdem hatte sie gar keine Zeit für eine Beziehung.

Carson James war nicht nur dafür bekannt, dass er als Cowboy keine Angst kannte, sondern auch dafür, daß er sich bei Frauen wie ein richtiger Outlaw aufführte. Selbst wenn sein Ruf als Frauenheld sie nicht gewarnt hätte, kannte sie doch aus eigener Erfahrung das Risiko, das mit einem attraktiven Cowboy verbunden sein konnte. Sie wusste, welchen Schmerz ein verlockendes Lächeln und verführerische Worte bringen konnten.

Ein einziges Mal hatte sie sich mit einem Cowboy eingelassen. Ein weiteres Mal würde sie diesen Fehler nicht begehen. Noah war zwar der lebende Beweis dafür, dass Gutes auch aus etwas Schlechtem entstehen konnte. Trotzdem war er auf der Welt, weil Sally damals ein naives Mädchen gewesen war, dass den leeren Versprechungen eines Rodeocowboys geglaubt hatte.

Sally verschränkte die Arme hinter dem Kopf und blickte zur Zimmerdecke. Schon lange hatte sie nicht mehr an Noahs Vater gedacht. Jetzt erinnerte sie sich bewusst an ihn. Sie war auf Jace Carson hereingefallen und hatte sich trotz der Warnungen ihres Vaters in ihn verliebt. Als sie Jace sagte, dass sie schwanger war, hatte er sich blitzschnell aus dem Staub gemacht. Sie hatte ihn nie mehr wiedergesehen.

Sie drehte sich auf die Seite. Schon vor langer Zeit hatte sie aufgehört, Jace zu lieben. Sie hasste ihn auch nicht mehr. Schließlich hatte sie durch ihn Noah bekommen, und dafür würde sie immer dankbar sein. Aber sie würde auch vorsichtig sein.

Und klüger, sagte sie sich, drehte sich auf den Bauch und drückte das Kopfkissen zusammen. Jetzt denkst du nur an Carson, weil du erschöpft bist.

Sie war todmüde. Vielleicht war sie deshalb nicht so abwehrbereit wie sonst. Wenn sie erst einmal gut geschlafen hatte, sah sie bestimmt alles anders. Und selbst wenn nicht, musste sie sich eben anstrengen, um diesen Cowboy aus ihren Gedanken zu verbannen, sonst landete sie noch mit ihm im Bett.

Nur Snowy River war wichtig. Snowy River und der Erfolg, den sie anstrebte. Für ihren Vater, für Noah und für sich selbst.

Letztlich kam es nur darauf an. Ihr Vater bot ihr eine Gelegenheit, und sie war es ihm schuldig, das Beste daraus zu machen. Und sie hatte Pläne für die Snowy River Company. Ihr Vater war stets damit zufrieden gewesen, sein Auskommen zu haben. Dabei hatte es etliche Jahre gegeben, in denen sie kaum Profit erwirtschaftet hatten. Sally wollte Sicherheit und Stabilität, und sie wollte sich darüber hinaus einen guten Ruf als Pferde- und Bullenzüchterin für Rodeos erwerben.

Um das zu erreichen, durfte sie ihr Ziel nicht aus den Augen verlieren. Und das wiederum bedeutete, dass sie sich nicht wieder mit einem Rodeocowboy einlassen durfte, der nur ...

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