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Der Duft von Meer und Thymian

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
    1. Prolog
  7. Teil Eins
    1. Juni 1969
    2. 19. Februar 1919, Hallerton
    3. Juni 1969
    4. 21. Februar 1919, Hallerton
    5. Juni 1969
    6. 22. Februar 1919, Hallerton
    7. Juni 1969
    8. 24. Februar 1919, Hallerton
    9. Juni 1969
    10. 26. Februar 1919, Hallerton
    11. Juni 1969
    12. 26. Februar 1919, Hallerton
    13. Juni 1969
    14. Abschiedsbrief
    15. Juni 1969
  8. Teil Zwei
    1. Mai 1919
    2. Februar 1919
    3. Juni 1969
    4. Februar 1919
    5. Juni 1969
    6. Februar 1919
    7. Juni 1969
    8. Februar 1919
    9. Juni 1969
    10. März 1919
    11. Juni 1969
    12. März 1919
    13. Juni 1969
    14. März 1919
    15. Juni 1969
    16. März 1919
    17. Juni 1969
  9. Teil Drei
    1. März 1919
    2. Juni 1969
    3. April 1919
    4. Juni 1969
    5. April 1919
    6. Juni 1969
    7. April 1919
    8. Juni 1969
    9. Mai 1919
    10. Juni 1969
    11. Juni 1919
    12. Juni 1969
    13. Juli 1919
    14. Juni 1969
    15. Juli 1919
    16. Juli 1969
    17. Juli 1919
    18. Juli 1969
    19. Epilog
    20. Danksagungen

Über das Buch

1919. Die junge Britin Emeline Vane flieht tief traumatisiert vom Schrecken des Krieges in den Süden Frankreichs. Dort lernt sie den Fischer Aarò kennen. Die unbeschwerte Lebensweise, die Gerichte der südfranzösischen Küche und Aaròs zärtliche Zuwendung sind Balsam für Emelines wundes Herz. Stück für Stück findet sie zurück ins Leben. Dass Aarò schon lange einer anderen versprochen ist, versuchen die Liebenden verzweifelt zu verdrängen …

Über die Autorin

Laura Madeleine machte zunächst als Kinderstar von sich reden, sattelte dann aber um und studierte lieber Englische Literatur in Cambridge. Für einen erfolgreichen britischen Lifestyle-Blog schrieb sie unnachahmlich appetitlich die Kuchenkolumne, bevor sie sich an ihren ersten Roman wagte. Sie lebt in Bristol.

Laura Madeleine

Der Duft
von Meer und
Thymian

Roman

Aus dem Englischen von
Sonja Fehling

Für Terry und Iris
Die ungewöhnlichsten Verbündeten aller Zeiten

Prolog

April 1919

Wir rannten durch die Dunkelheit. Meine Schuhe hatte ich beim Tanzen verloren, und obwohl es eine warme Nacht war, fühlte sich die staubige Straße unter meinen nackten Füßen kühl an. Lachend versuchte ich den jungen Mann, der meine Hand hielt, zu fragen, wohin wir liefen, doch er drehte sich nur zu mir um und lächelte so breit, dass die Zähne in seinem tief gebräunten Gesicht aufblitzten.

Als er hinunter auf den Strand sprang, folgte ich ihm. Es herrschte Flut, und aus dem Meer stieg der kräftige Duft von Mineralien auf. Zwar war die Wasseroberfläche ruhig, aber ich wusste, dass es darunter nur so von Leben wimmelte, von Flossen, Schuppen und silbern funkelnden Augen.

Mein Begleiter hielt so abrupt an, dass ich fast gegen seinen Rücken gestoßen wäre. Wir hatten die Klippe am Ende des Strandes erreicht. Als ich versuchte, seine Aufmerksamkeit zu erregen, um ihm zu sagen, dass wir nicht weitergehen könnten, gab er meine Hand frei und hinterließ ein Kribbeln der Enttäuschung an ihrer Stelle.

Es war feucht hier, roch nach nassem Sand und trocknendem Seetang. Mit den Fingern fuhr er über die Oberfläche des Felsens und schob eine Pflanze beiseite, die sich redlich Mühe gab, in einer Spalte ohne Wasser zu wachsen. Dahinter im Gestein fehlte ein Stück, sodass es beinahe wie eine Sprosse wirkte. Weiter oben war ein weiterer Felsbrocken herausgebrochen, und darüber, kurz über dem schwarzen Haarschopf meines Begleiters, befand sich ein Vorsprung.

Ich sei nicht in der Verfassung, zu klettern, wandte ich ein, doch er antwortete nur mit einem Grinsen, das er sicher schon als Dreizehnjähriger aufgesetzt hatte, wenn er etwas Verbotenes tun wollte. Er beugte sich herunter und tippte gegen meinen Knöchel, bis ich zögernd das Bein hob.

Mit den Händen umschloss er meine Fußsohle. Seine Finger fühlten sich warm und rau an von den Jahren, in denen sie mit Salzwasser und Tauen in Berührung gekommen waren. Aus der Hocke blickte er zu mir hoch, mit diesen Augen, die immer zu viel sahen.

Dann wurde ich in die Räuberleiter hochgeschoben und schrie vor Überraschung auf, während ich mit den Händen den unebenen Felsen abtastete. Mein freier Fuß fand Halt in einer der Einbuchtungen im Stein. Ich klammerte mich fest, keuchend vor Lachen, und wagte es nicht, über die Schulter nach unten zu blicken. Hinter mir konnte ich meinen Begleiter ebenfalls leise lachen hören: über meine ungelenke Haltung und meinen Rock, der sich bis zum Bersten spannte.

Mit großer Kraftanstrengung zog ich mich nach oben und drehte mich so, dass ich auf dem Vorsprung sitzen konnte. Mit einer neckenden Geste salutierte ich in Richtung Boden. Der junge Mann versetzte mir einen leichten Schubs gegen den Fuß und machte sich dann an seinen eigenen Aufstieg. Einen Moment lang ruhte er sich neben mir aus. Das Gestein unter unseren Händen hatte noch einen Hauch der glühenden Sommerhitze bewahrt.

Schließlich ging der junge Mann weiter voran und ertastete sich seinen Weg um die Klippenwand herum. Der Pfad war steil, und ich versuchte, nicht daran zu denken, dass unter uns das Meer gegen die zerklüfteten Felsen schlug. Doch der Wein, der durch meine Adern strömte, machte mich waghalsig, und so folgte ich ihm. Zusammen schoben wir uns entlang des kurvigen Vorsprungs, den die Klippe beschrieb, vorwärts. Ich war meinem Begleiter so nah, dass sein Duft mich einhüllte: in der Sonne getrocknete Baumwolle, der Geruch seiner Haut; der Rauch des Feuers in seinem Haar; sein würziger Atem und immer wieder dieser intensive Geruch von Mineralien, der mich an einen Wintertag am Meer erinnerte.

Der Pfad machte nun eine Biegung und führte uns noch höher hinauf, entfernte uns weiter von den dunklen Wellen. Irgendwann spürte ich Gras unter meinen Füßen und nahm einen süßen Duft wahr, als wir ein winziges Plateau unterhalb der Felskuppe erreichten. Hier wuchs ein einsamer, gewundener Baum: eine Wildkirsche mit weißen Blüten. Wie grimmige Kreaturen, die etwas Kostbares bewachten, schützten ihn die schroffen Felswände vor dem Wind. Sanft fuhr mein Begleiter mit der Hand über die glänzende Rinde. In diesem Moment wusste ich, dass dies sein Versteck war, in einer Stadt, die zu klein war, um Geheimnisse zu bewahren. Am liebsten hätte ich ihn gefragt, warum er sich ausgerechnet diesen Ort ausgesucht hatte, aber er lächelte nur, legte die Hände auf meine Schultern und drehte mich so, dass ich mich umschauen konnte.

Hinter uns breitete sich die gesamte Stadt aus, erstreckte sich um die Bucht herum und die Hügel hinauf. Ich konnte die flackernden Lichterketten des Cafés sehen, aus dem wir geflüchtet waren, konnte die Silhouetten der Leute erkennen: wie sie tanzten, stampften, sich im Kreis drehten und dabei den Sand aufwirbelten, den die leichte Brise vom Meer bis auf die Veranda geweht hatte.

Der Wind trug den Rauch des Lagerfeuers bis hier herauf. Tief atmete ich ein und schloss die Augen, bis ich auch andere Düfte wahrnehmen konnte: Kohle von den Bahngleisen, Teer von den Booten und den stechenden Gestank der Fische, die in Netzen und Fallen trockneten. Ich konnte das Gestein riechen, wilde Kräuter, Myrte und Olivenbäume von den Hügeln über uns und salzverkrustete Felsen. Ein Hauch des Festmahls, das wir an diesem Abend gegessen hatten, stieg mir in die Nase, ein Rausch der Gewürze. Und über alldem lag der Duft des wilden Kirschbaums, wie ein Tropfen süßen Honigs, der einem über die Fingerkuppe rinnt.

Die Hände auf meinen Schultern verlagerten sich. Früher wäre ich nie allein mit einem solchen Mann aus dem Haus gegangen, aber früher gab es nicht mehr. Ich lehnte mich zurück und fühlte seine Wange an meinem Haar. Über uns waren die Sterne, und hinter uns, irgendwo in der Dunkelheit, fing eine einsame Stimme zu singen an.

»Das ist eine Nachtigall«, flüsterte ich, obwohl ich wusste, dass er es nicht hören konnte.

Und noch etwas wusste ich in diesem Moment: Ich war für immer verloren.

Teil Eins

Juni 1969

Der Geruch von Räucherheringen weckt mich noch eher auf als das quälende Rasseln des Weckers. Räucherheringe können nur eins bedeuten …

Fluchend stolpere ich aus dem Bett, meine Beine haben sich in Decke und Laken verfangen. Zwei Schritte den Flur hinunter bis zum Badezimmer. Die Tür ist geschlossen, doch ich stoße sie einfach auf und hoffe, dass Louise nicht gerade auf der Toilette sitzt. Andererseits würde ihr das ganz recht geschehen: Sie weiß, dass ich um diese Zeit aus dem Haus muss.

Überrascht blickt mein Dad auf, Kinn und Hals halb eingeschäumt, den Griff seines Rasierers fest umklammert.

»Verflixt und zugenäht, Bill, erschreck mich nicht so! Ich hätte mich wie ein Schwein abstechen können.«

Hastig ziehe ich die Hose runter und lasse einen Strahl in die Toilette niederregnen, was allerdings nicht ohne einige Spritzer vonstattengeht – tut mir leid, Mum –, während Dad hinter mir ein Knurren ausstößt.

»Ich hab dir doch gesagt, du sollst endlich diesen Wecker reparieren lassen. Zu meiner Zeit brauchten wir keinen, wir sind mit der Dämmerung aufgestanden …«

Ich ignoriere sein Gebrabbel und schnappe mir den Waschlappen, der neben der Spüle hängt. Dad palavert vor sich hin und rasiert sich dabei ganz langsam – nur um mich zu ärgern, da bin ich mir sicher. Zwischen seinen Spül-und-zieh-Bewegungen befeuchte ich den Waschlappen unterm Hahn und reibe mir damit übers Gesicht, den Hals und die Achseln. An meinem Kinn kratzt es, aber nur ein wenig. Ausnahmsweise einmal bin ich froh, dass mein jämmerlicher Bartwuchs nur ein paar lausige Rasurversuche pro Monat erfordert.

Ich nehme die Zahnbürste aus dem Becher und drücke ein bisschen Zahnpasta darauf, dann bin ich draußen. Ich putze mit einer Hand, während ich in der Schublade nach einer Unterhose und einem Unterhemd suche. Mein Anzug wartet schon auf dem Bügel. Ich strecke ihm die Zunge heraus. Eines Tages kaufe ich mir einen neuen. Einen, der richtig sitzt. Einen, der nicht braun ist.

In eine Wolke aus Aramis gehüllt – aus der Flasche, die mir Mum zu meinem achtzehnten Geburtstag geschenkt hat –, laufe ich donnernden Schrittes die Treppe hinunter und spucke die Zahnpasta in die Küchenspüle.

Louise straft gerade eine Schüssel Cornflakes mit Missachtung und versucht stattdessen, ihre eine Woche alte Frisur wiederzubeleben, während Mum die Heringe für Dad in der Pfanne wendet. Im Gestell stecken bereits fertige Toasthälften, und ungeachtet Mums Versuchen, mich davon abzuhalten, nehme ich mir eine heraus. Ich schlüpfe in die verhassten, quietschenden Lederschuhe und binde mir die Schnürsenkel zu. Ach, was gäbe ich für eine Welt ohne Schnürsenkel.

Draußen ist es warm, und als ich die Straßenecke erreiche, schwitze ich bereits. Die Nummer 43 steht an der Haltestelle – bereit, davonzujagen wie ein Windhund auf der Rennbahn. Genau in dem Moment, als der Fahrer die Bremse löst, springe ich auf die Stufen.

Wie immer ist der Bus voll. Männer in wesentlich besseren Anzügen als meinem balancieren Aktentaschen und Regenschirme auf den Knien – wobei ich mich frage, wann es eigentlich das letzte Mal geregnet hat. Im hinteren Teil bei der Treppe ist noch ein Sitz frei, und ich lasse mich darauf fallen; schweißgebadet und mit Toastkrümeln übersät, wie ich bin. Froh darüber, den verdammten Bus erwischt zu haben, brauche ich einen Moment, bis ich feststelle, mit wem ich mir die Bank teile, und im gleichen Augenblick wird mir auch klar, warum der Platz frei war.

Ein Kind starrt mich an, ein Junge. Sein feines blassblondes, zu einem Topfschnitt frisiertes Haar klebt ihm am Kopf, und er trägt eine Brille mit dicken Glasbausteinen – das schlimmste Modell, das die Krankenkasse im Angebot hat. Er ist eins von diesen Kindern, die immer irgendwie unappetitlich aussehen. Ich zwinge mich zu einem Lächeln, wende den Blick ab und tue so, als wäre ich ganz fasziniert von den Werbeanzeigen über mir. Er starrt mich immer noch an, das spüre ich. Aus dem Augenwinkel bemerke ich, wie er im Schneckentempo die Hand hebt und sich damit über die Nase wischt.

Ich bin jetzt erwachsen, richtig? Ich sollte dem Kleinen etwas über gute Manieren erzählen, ein Taschentuch aus meiner Jacketttasche holen und es ihm vor die Nase halten. Aber meine Taschen sind leer, abgesehen von den Münzen, die das Futter durchhängen lassen, einem Bonbonpapier und meinem Hausschlüssel, der immer noch stolz an seinem Ring hängt – dem aus Plastik mit der grinsenden Sonne, den mir meine Tante aus Margate mitgebracht hat.

»Du …«, setze ich schwach an, während ich auf den Jungen hinabstarre.

»Was bist du?«, unterbricht er mich.

Die tadelnden Worte auf meiner Zunge lösen sich in Luft auf. Er sieht immer noch zu mir hoch, allerdings hat er nun den Mund geschlossen und die Lippen zu einem abschätzenden Ausdruck gespitzt.

»Was?«, ist das Einzige, das ich herausbringe.

»Ich hab gefragt: ›Was bist du?‹ Und man sagt ›Wie bitte?‹, nicht ›Was?‹.« Erneut zieht er die Nase hoch. »Hat meine Mummy gesagt.«

Während ich ihn hilflos anstarre, fällt mir auf, dass er ein Buch auf dem Schoß umklammert hält. Es ist dünn, mit Pappkarton eingebunden und ungefähr so groß wie ein Atlas.

»Was hast du da?«, erkundige ich mich und versuche, diese vorgetäuschte Begeisterung in meine Stimme zu legen, mit der Erwachsene immer zu Kindern sprechen. »Ist das ein Bilderbuch?«

»Nein.« Er hat den Blick nicht ein einziges Mal von mir abgewandt. Hat er überhaupt je geblinzelt? »Das ist die neueste Ausgabe der Mitgliederzeitung der Paläontologischen Gesellschaft. Ich bin zwar noch kein Mitglied, aber Onkel Alan. Und der hat gesagt, ich kann sie haben.«

»Hm, das ist ja …« Natürlich, war ja klar, dass ich neben dem Streberkind lande. Vor uns verdichtet sich der Verkehr und quetscht sich durch die Straßen, die in Londons Innenstadt führen. Wir werden also noch eine Weile hier festsitzen. »Das ist … äh … dufte.«

Der Junge runzelt die Stirn. »Was heißt ›dufte‹?

»Dufte, du weißt schon, so was wie prima, interessant.«

»Dufte«, versucht sich der Junge an dem Wort und nickt. »Und was bist du jetzt?«

Das schon wieder. Ich sehe mich um, auf der Suche nach der Mutter des Jungen oder einer anderen Aufsichtsperson, aber niemand begegnet meinem Blick. Tatsächlich sind die beiden Geschäftsmänner auf den Sitzen gegenüber eifrig darum bemüht, uns zu ignorieren, und ganz offensichtlich genießen sie die Tatsache, dass nicht sie neben dem ekligen, versponnenen Kind sitzen müssen.

»Was meinst du damit?«, gebe ich es schließlich seufzend auf. »Bin ich was? Ein Tier, ein Gemüse …«

»Ich meine, was bist du?«, wiederholt er geduldig, um mir auf die Sprünge zu helfen. »Von Beruf. Was bist du?«

»Ach so. Verstehe. Ich bin Rechtsanwalt.« Die Worte lösen eine Welle des Stolzes in meinem Innern aus, und ich wische einige Krümel vom Polyester-Revers meines Jacketts. »Na ja, eigentlich bin ich Rechtsanwaltsgehilfe, aber in ein paar Jahren werde ich …«

»Was ist ein Rechtsanwalt?«

Ich fühle mich, als wäre ich wieder auf dem Gymnasium, dem Adleraugenblick des alten Direktors ausgesetzt, der allen misstraute, die aus dem Neubaugebiet der Stadt kamen.

»Wir … äh … wir kümmern uns um die rechtlichen Angelegenheiten von Leuten. Helfen ihnen bei Problemen, füllen die richtigen Papiere aus.«

»Und was machst du den ganzen Tag?«

»Ich helfe meinem Chef, Mr Hillbrand. Ich mache Kopien für ihn, und manchmal darf ich auch unsere Klienten besuchen und ihnen Papiere zum Unterschreiben vorbeibringen.«

»Warum?«

»Wie, ›warum‹? Weil sie unterschrieben werden müssen.«

Der Junge zuckt nur die Achseln, als wollte er sagen: Ganz wie du willst, Kleiner.

»Ich werde mal Paläontologe«, verkündet er schließlich und betont dabei sorgsam jeden einzelnen Vokal. »Dann grabe ich Dinosaurier aus und die ältesten Lebewesen der Welt und baue sie wieder auf.«

»Das klingt toll«, gebe ich zu. Der Kleine nickt altklug. »Viel toller als Papierkram.«

Ich lasse mich zurück in meinen Sitz sinken. Der Verkehr bewegt sich im Schneckentempo weiter. In zwanzig Minuten werden wir die City von London erreichen.

»Als ich in deinem Alter war«, erzähle ich meinem Sitznachbarn, während ich die zerknüllte Krawatte aus meiner Jacketttasche hole, »wollte ich wie Robert Falcon Scott in die Antarktis reisen.«

»Zu spät, Perch!«

»Der Verkehr, Mr Hillbrand, tut mir leid. Auf der A13 ging nichts mehr heute Morgen. Hallo, Jill.«

»Morgen, Billy, schönes Wochenende gehabt?«

Ich entblöße die Zähne und ziehe die Mundwinkel auseinander, was hoffentlich wie ein Lächeln aussieht, und nicke. Niemand nennt mich Billy. Nicht einmal Stephanie.

Ich setze mich an den Schreibtisch in der hintersten Ecke des Raumes, vor den Stapel Formulare mit drei Durchschlägen, der dort auf mich wartet. Fast im selben Moment stehe ich wieder auf.

»Tee?«

»Ja. Aber lassen Sie Jill das erledigen. Ja, Jill? Mit Ihnen muss ich noch eine Klientenakte durchgehen, Junge. Die kommen um elf.«

In wichtigtuerischer Manier lässt Hillbrand seine Halswirbel knacken. Der Gedanke, dass ich eines Tages auch ein wirbelknackender alter Drecksack sein werde, lässt mich schaudern.

»Ob Sie’s glauben oder nicht, die interessieren sich für eine der ruhenden Akten. Noch aus der Zeit, als mein Großonkel Durrant die Kanzlei geleitet hat. Um ehrlich zu sein, ich hab sie mir noch nicht angesehen. Aber ich schätze, der Fall wird recht unkompliziert. Einige Dokumente aufspüren, Handlungsvollmacht auf die Verwandten übertragen und so was.«

Er stößt auf. Hillbrand gehört zu den Leuten, die schlank aussehen, bis sie sich zur Seite drehen und man ihren Bauch sieht. Ich habe schon mehrfach miterlebt, dass der Mann so viel verspeist wie eine vierköpfige Familie, aber aus irgendeinem Grund setzt er nicht ein Gramm Fett an den Gliedmaßen an.

»Wie auch immer«, fährt er jetzt fort, »ich hab mir gedacht, es ist an der Zeit, dass Sie Ihren eigenen Klienten bekommen. Sie dürfen ihn füttern und mit ihm Gassi gehen.« Er lacht über seinen eigenen Witz, und pflichtbewusst verziehe ich die Lippen zu einem Grinsen, bis ich begreife, was er da gerade gesagt hat.

»Moment … Was? Sie meinen, dass ich … dass ich den Fall allein bearbeiten werde?«

»Herrgott, Perch, machen Sie den Mund wieder zu, Sie sehen ja aus wie ein Lämmchen. Freuen Sie sich nicht zu früh. Sie fangen mit den einfachen Sachen an. Könnte allerdings einige Überstunden bedeuten. Sie sind dabei, nehme ich an?«

»Worauf Sie wetten können!«

Ich klinge wie ein Pfadfinder. Gequält sieht Hillbrand mich an. Dann kramt er in seinen Hosentaschen nach Münzen.

»Hier haben Sie Kleingeld. Holen Sie uns doch ein paar Kekse, ja? Die guten mit Schokoladenstückchen, nicht den Mist, den Ihre Oma kaufen würde. Die Leute, die heute kommen, haben Kohle. Die werden den Unterschied merken.«

Ich habe schon die Hälfte des dunklen Treppenhauses durchquert, als ich ihn rufen höre: »Und zu einem Spiegeleibrötchen würde ich auch nicht Nein sagen!«

Die Frau rümpft die Nase, als ich ihr den Keksteller anbiete. Mit einem gequälten Lächeln und einer Handbewegung lehnt sie ab, obwohl es sich um Cadburys beste Sorte handelt. Sie trägt kurze Handschuhe und ein cremefarbenes Kleid, das ihr offenbar auf den Leib geschneidert wurde.

Ungeachtet der Tatsache, dass sie gerade einmal seit zehn Minuten hier sind, raucht der Mann neben ihr bereits seine dritte Zigarette. Gerade lässt er sich zurück in seinen Stuhl fallen. Sein Bauch und der von Hillbrand sitzen einander gegenüber wie zwei Boxer in ihren Ecken.

Es ist eindeutig, dass die Anwaltskanzlei Hillbrand & Moffat nicht dem entspricht, was die beiden Klienten erwartet haben. Das Gefühl kenne ich. Vor einigen Monaten bin ich zitternd auf das prächtige Gebäude zugegangen, nur um festzustellen, dass das Büro lediglich aus ein paar Besenkammern im zweiten Stock besteht. Den Rest des Hauses nimmt ein Herrenklub ein – in den Hillbrand noch nie eingeladen wurde.

Das Pärchen hier ist offensichtlich Besseres gewohnt. Ich dagegen kann mich nicht beklagen.

»Mr Hillbrand«, sagt die Frau nun und stellt ihre Teetasse ab, ohne einen Schluck daraus getrunken zu haben. »Wie mein Anwalt in seinem Schreiben erwähnte, ist ein zügiger Umgang mit dieser Angelegenheit von äußerster Wichtigkeit. Die Konstitution meines Vaters«, sie drückt die Hand gegen ihre festbetonierte Frisur, als drohte diese, sich zu bewegen, »wird sich zwar wahrscheinlich nicht bessern, nichtsdestotrotz ist der Zeitraum, in dem wir agieren können, begrenzt.«

Ihr Akzent klingt seltsam, irgendwo zwischen amerikanisch und britisch. Hillbrand bedenkt sie nun seinerseits mit einem zugeknöpften Lächeln.

»Ich verstehe, Mrs Mallory. Bis Ende des Monats können wir alles unter Dach und Fach bringen, da bin ich mir sicher.«

Er streckt die Hand aus, was mich dazu bringt, hastig den Stapel Aktenmappen zu ergreifen und ihm hinzuhalten. Zwei davon rutschen mir aus dem Griff und in Hillbrands Schoß, der sich gerade so eine Grimasse verkneifen kann.

»Nach allem, was ich bisher weiß, sollte die Chose ganz einfach abzuwickeln sein«, verkündet er, während er die oberste Akte aufklappt. »Handlungsvollmacht über das Vermögen Ihres Vaters, Übertragung einer Immobilie auf Sie und die nächsten Verwandten. Und den anschließenden Verkauf an einen Bauunternehmer?«

Mitsamt ihrer teuren Maßanfertigung verlagert Mrs Mallory ihre Sitzposition. »Im Kern ist dies der Fall, ja.«

»Das Gesetz befasst sich nicht mit Kernen, Mrs Mallory.«

Versucht Hillbrand, witzig zu sein? Die Frau wirft ihm jedenfalls einen herablassenden Blick zu.

»Dessen bin ich mir bewusst, Mr Hillbrand. Genau wie Sie sich zweifellos der Tatsache bewusst sind, dass mein eigener Anwalt es vorgezogen hätte, diese Angelegenheit von Boston aus zu erledigen. Doch ein Kanzleiwechsel ist langwierig, und da Ihr Anwaltsbüro einmal meine Familie repräsentiert hat und im Besitz der relevanten historischen Akten ist, haben wir uns dafür entschieden, uns in Ihre Hände zu begeben. Habe ich mich deutlich ausgedrückt?«

Noch nie bin ich Zeuge von so höflich formulierter Feindseligkeit gewesen. Hillbrand jedenfalls hat den Anstand, den verbalen Schlag mit Würde einzustecken.

»Natürlich, ich bitte um Entschuldigung, Mrs Mallory. Dennoch muss ich Sie fragen, welchen Grund Sie für Ihre Bedenken haben.«

»Uns fehlt etwas Entscheidendes für die Abwicklung. Unser Vater hat einen schweren Schlaganfall erlitten, und die Ärzte sagten uns, selbst wenn er überleben sollte, sei es unwahrscheinlich, dass er je sein Sprach- oder Bewegungsvermögen wiedererlange. Insofern können wir ihn nicht einfach fragen. Wie Sie sich vorstellen können, bringt uns dies in eine unangenehme Position.«

»In der Tat. Und es ist meine Aufgabe, Sie da rauszuholen. Was fehlt Ihnen denn, um die Sache zu einem Abschluss zu bringen?«

Die Dame erstarrt. Wird sie etwa rot? Als der Mann neben ihr dies bemerkt, lacht er auf und entlässt dabei eine Rauchwolke aus seinem Mund. Abgesehen von einer geknurrten Begrüßung ist es das erste Geräusch, das er von sich gibt.

»Nicht was«, sagt er jetzt, »sondern wer

Anstatt dies weiter auszuführen, lacht er erneut und zerdrückt dann seine Zigarette im Aschenbecher.

»Was meinen Sie damit?«, schlüpfen mir die Worte aus dem Mund.

Mit seinem Blick zieht mir Hillbrand eins über den Schädel. Die Frau indes nimmt mich allem Anschein nach zum ersten Mal wahr. Hat sie geglaubt, die Kekse wären ihr zugeflogen?

»Wer ist das?«, will sie wissen. »Doch nicht die andere Hälfte von ›Hillbrand and Moffat‹?«

»Nein, nein. Mr Moffat ist vor einigen Jahren gestorben«, entgegnet Hillbrand aalglatt.

Das ist gelogen. Am Ende meiner ersten Woche hat er mir im Pub erzählt, dass es Mr Moffat gar nicht gibt. Als Hillbrand das Geschäft von seinem Großonkel übernahm – der alte Mann hatte eine Schwäche für ihn, weil er Jura studiert hatte –, las er den Namen »Moffat« auf einem Glas Mayonnaise und fügte ihn an seinen an, weil er dachte, so klänge es besser.

»Das ist Mr Perch, mein Assistent. Fähiger Mann.«

Mrs Mallory sieht zweifelnd aus, spricht mich diesmal allerdings direkt an. »Was mein Bruder meint, Mr Perch, ist, dass ein Familienmitglied fehlt. Unglücklicherweise ist ihr Name jedoch in der Eigentumsurkunde von Hallerton House eingetragen. Ohne sie können wir nicht verkaufen, selbst wenn wir im Besitz der Handlungsvollmacht sind.«

»Mit ›fehlen‹ meinen Sie …?«

»Vermisst. Weg«, murmelt der Mann, während er sich eine weitere Zigarette anzündet. »An einem Tag war sie noch da, am nächsten keine Spur mehr von ihr. Allerdings erzählen sich die Leute, sie sei verrückt gewesen.«

»Verzeihung?«, startet Hillbrand einen Versuch, die Situation zu begreifen.

»Die ältere Schwester unseres Vaters«, ergänzt Mrs Mallory. »Unsere Tante, Emeline Vane.«

»Ach so … Und wie lange genau wird sie schon vermisst? Haben Sie die Behörden eingeschaltet?«

Wieder fängt der Mann an zu lachen, diesmal noch heftiger. Zumindest wirkt es, als würde er lachen. Vielleicht hustet er auch. Ich frage mich, ob ich ihm ein Glas Wasser anbieten soll.

»Die Behörden«, sagt er keuchend und wischt sich mit einem Taschentuch über die Augen. »Das wäre vollkommen sinnlos. Sie wird schon seit Jahren vermisst.«

»Fünfzig Jahre, um genau zu sein«, erklärt Mrs Mallory, bevor einer von uns die Frage stellen kann. »Emeline Vane verschwand am 27. Februar 1919.«

Ich weiß nicht, wer von uns fassungsloser ist. Hillbrand wird vom Hals an rot und starrt die beiden an, als wären sie übergeschnappt. Ich spüre, wie sich mein Mund schon wieder von selbst bewegt.

»Also, wenn das stimmt, dann gibt es gar keine Probleme.« Meine Wangen brennen unter den prüfenden Blicken der Klienten, aber ich kann nicht aufhören, zu plappern. »Ich meine, nach der langen Zeit muss man davon ausgehen, dass sie tot ist. Also kann Sie auch nichts daran hindern, sich einen Erbschein ausstel…«

»Glauben Sie, das hätten wir nicht versucht?«, unterbricht mich Mrs Mallory, während mich ihr Bruder über seine Zigarette hinweg beobachtet. Langsam streicht Mrs Mallory eine unsichtbare Falte an ihrem Rock glatt. »So einfach ist das nicht. Unser Vater würde sie niemals für tot erklären lassen. Nach ihrem Verschwinden kam ein Brief oder etwas Ähnliches, den er irgendwo versteckt hat. Der würde beweisen, hat er immer gesagt, dass sie noch am Leben ist.«

Ihre kalten Augen begegnen meinen.

»Und Ihre Aufgabe, Mr Perch, wird es sein, das Gegenteil zu beweisen.«

19. Februar 1919, Hallerton

Durrant kam heute zu Besuch.

Draußen prasselten die Hagelkörner wie Worte herunter. Kleine, gemeine und unwillkommene Worte, die verletzen. Nicht so stark, dass sie Prellungen oder Schmerzen verursachen, doch genug, um als Erinnerung an die eigene Dünnhäutigkeit und Zerbrechlichkeit zu dienen. Ich kenne sie gut.

Krank. Nervös. Behandeln. Kalte Worte. Das müssen sie auch sein, damit man ihnen standhält. Ich will sie nicht länger sagen. Ich habe auf den Zeitpunkt gewartet, wenn ich ihr Ziel sein würde, nicht ihr Besitzer. Früher schien das unvermeidlich. Es schien nur gerecht. Doch es ist nie geschehen.

Ich konnte das zufrierende Glas der Fensterscheibe riechen, die sich vom Rahmen gelöst hatte. Einmal, an einem Wintertag, leckten Timothy und ich Eisblumen von den Scheiben. Ich erinnere mich noch an den bitteren Geschmack auf meiner Zunge. Wie viele Jahre ist das her? Freddie und Albie waren gerade aus dem Internat gekommen, somit muss es an Weihnachten gewesen sein. In der Erinnerung schwingt der Duft von Gewürznelken mit. Da wir uns im Arbeitszimmer aufhielten, muss es nach Vaters Tod gewesen sein.

Damals war dies ein geheimnisvoller Ort, eine Welt der Erwachsenen aus ledernen Bestandsbüchern mit Zahlenreihen und Abkürzungen, so undurchdringlich wie eine fremde Sprache. Doch nun gehören sie mir, und ich werde lernen müssen, sie zu entschlüsseln.

Als Durrant heute kam, sah er mich seltsam an, so wie alle im Dorf es dieser Tage tun. Wie lange hatte ich dagesessen und nachgedacht? Ich versuchte, mich zu konzentrieren, sagte ihm, dass es mir leidtue. Er lächelte, auf die gleiche Weise, wie er es schon getan hatte, als ich ein kleines Mädchen gewesen war und er ein Mann mit Malzbonbons in der Tasche. Dann jedoch brach sein Lächeln an den Mundwinkeln ein.

»Ich bin derjenige, der sich entschuldigen sollte, Miss Emeline. Ich hätte lieber noch einige Wochen gewartet, bevor ich Sie mit geschäftlichen Angelegenheiten bedränge, aber da sind die Rechnungen und Beerdigungsformalitäten …«

Während er sprach, nickte ich zustimmend. In Wahrheit kann ich mich gerade nicht mehr an vieles erinnern, doch in jenem Moment sah er so elend aus, dass ich mich bemühte, die passenden Worte zu finden. Ich sagte ihm, dass ich die Angelegenheiten gern erledigen würde. Dass Mutter Schulden gehasst habe.

Obwohl dies kaum möglich schien, sah Durrant nun noch elender aus als zuvor. »Ihre …« Er räusperte sich schon wieder. »Ihre Mutter kam vor etwa neun Jahren zu mir, um, nachdem Ihr Vater verschieden war, ihr Testament zu ändern. Seit dieser Zeit wurde es nicht mehr angerührt. Wie Sie bereits wissen werden, hat sie alles ihren Kindern hinterlassen … den noch lebenden. Das Haus und das Land …«

Das Feuer flackerte und verstarb, ertrank im Rauch. Schnell nahm ich den Haken und versuchte, eine Flamme aus den Kohlen zu schüren, doch die fielen nur hin und her, vollkommen nutzlos in ihren Aschemänteln.

Durrant kniete sich neben mich und nahm mir den Schürhaken aus der Hand. Er roch nach Eau de Cologne und irgendeiner Salbe.

»Danke«, sagte ich, als er eine der Kohlen durch Blasen erneut zum Glühen brachte. »Ich war noch nie gut im Feuermachen.«

»Emeline, wie bewältigen Sie das alles?« In diesem Moment sprach er nicht wie ein Anwalt. »Ich denke, Sie sollten nicht allein hierbleiben.«

Ich erzählte ihm, dass Edith fast jeden Tag vorbeikam, um mir zu helfen, obwohl ich sie nur für zwei Tage bezahlte. Dann sah ich zu, wie die Flammen wieder zum Leben erwachten.

»Dies ist mein Zuhause. Ich will nirgendwo anders sein.«

Langsam spürte ich, wie die Wärme sich auf meinem Gesicht ausbreitete, auf den Kleidern, die sich seit Wochen nicht mehr trocken anfühlten. Durrant seufzte. Wie zwei Kinder knieten wir dort, Schulter an Schulter auf dem Kaminvorleger, und starrten in die Flammen.

»Es ist kein Geld übrig.« Seine Stimme klang gepresst. »Ich sollte Ihnen das nicht vor der offiziellen Testamentseröffnung erzählen, aber es ist so.«

Draußen, weit entfernt, überschlug sich etwas im Wind.

»Gar nichts?«, fragte ich nach.

»Die Rechnungen, die Nachlasssteuer … All dies beläuft sich sogar auf mehr, als noch da ist.«

Er wollte meinen Ellbogen umfassen, um mir beim Aufstehen zu helfen, doch das schaffte ich allein. Ich kehrte zum Schreibtisch zurück, zum Lederstuhl, der steif war vor Kälte, und erkundigte mich, wann die Testamentseröffnung stattfinden würde.

Angesichts einer solch direkten Frage kniff Durrant die Augen zusammen und betrachtete prüfend mein Gesicht, bevor er antwortete: »Freitag um vierzehn Uhr.«

Er erzählte mir, dass mein Onkel kommen und eine Zeit lang bleiben werde. Um mich im Auge zu behalten, sagte sein Blick. Timothy würde ihn begleiten, sein erster Besuch zu Hause seit über einem Monat. Das erste Mal seit Mutters Beerdigung.

Ich nickte. Hinter Durrants Schulter konnte ich Vaters Kristalldekanter sehen. Der stand schon auf seinem Silbertablett, solange ich denken konnte. Wie lange hält sich eigentlich Brandy?, fragte ich mich im Stillen. Meine Mutter hatte ihn nie getrunken, und ich glaube nicht, dass meine Brüder es je gewagt hatten. Acht Jahre? Zehn?

Durrant fing erneut an zu sprechen, aber ich konnte die Worte nicht verstehen. Stattdessen stand ich auf und ging zur Anrichte. Durrants Stimme verstummte, als ich eins der Kristallgläser hochhob. Es war voller Staub.

»Glauben Sie, das Zeug ist noch gut?« Ich säuberte das Glas mit meinem Ärmel. Der Samt nahm den Schmutz gut auf. Falls Durrant antwortete, hörte ich ihn nicht. Ich goss ein wenig von der Flüssigkeit ins Glas, roch daran und erkundigte mich, ob Timothy ebenfalls bei der Testamentseröffnung anwesend sein müsse.

Durrant beobachtete mein Tun und teilte mir mit, dass ich in Timothys Namen als Zeuge agieren könne.

»Gut. Ich will ihn nicht mit so einer Sache im Kopf zurück in die Schule schicken.«

Dann fiel mir ein, was ich ihn außerdem fragen wollte; das Anliegen, das mich schon seit einigen Wochen quälte. Ich stellte das Glas ab.

»Mr Durrant«, sagte ich, »ich möchte ebenfalls ein Testament aufsetzen.«

Sein Gesicht nahm eine Farbe zwischen rot und weiß an. »Bitte, Miss Emeline …«

»Es muss nur ein ganz Einfaches sein. Wie es scheint, besitze ich nichts von Wert, außer meinem Anteil an diesem Haus. Was, wenn mir etwas zustößt? Ich möchte die Gewissheit haben, dass Timothy versorgt ist.«

»Emeline, wir müssen das nicht jetzt machen. Könnte es nicht warten, bis Sie …«

Er stockte. Bis es Ihnen besser geht, hatte er sagen wollen. Bis Sie wieder bei klarem Verstand sind. Ich blickte ihm in die Augen und hätte beinahe gelacht über das, was ich dort sah. Über die Menschen, die wir einmal gewesen waren: ein Mädchen und ein freundlicher, gelegentlicher Besucher. Über das, was wir jetzt waren; über uns beide, allein in diesem leeren Haus; allein, weil sonst niemand mehr da war.

Als er sich abwandte, war sein Gesicht tiefrot. »Wir sprechen am Freitag weiter.«

Er nahm Hut und Mantel und ließ die Verschlüsse an seiner Tasche zuschnappen. Dann sagte er mir, er werde seine Frau bitten, mir etwas Warmes zum Abendessen zu schicken.

Ich spürte, wie die erste Träne in meinem Augenwinkel brannte, doch ich blickte nicht auf. Stattdessen nahm ich das Glas und kippte den alten, kräftigen Brandy hinunter.

Juni 1969

Benommen gehe ich an meinem Schreibtisch zurück und höre zu, wie Hillbrand sich beinahe vor Höflich-keit überschlägt, während er Mrs Mallory und ihren Bruder die Treppe hinunterführt. An ihrem Schreibtisch in der Ecke zieht Jill eine Was ist passiert?-Grimasse, doch ich schüttle nur den Kopf und zucke mit den Schultern. Wo sollte ich auch anfangen? Die Uhr an der Wand zeigt Viertel vor zwölf. Ich kann nicht glauben, dass erst fünfundvierzig Minuten vergangen sind.

Träge entscheide ich mich für eins der Formulare, die auf mich warten. Ich habe es noch nicht einmal in die Schreibmaschine gesteckt, als sich Hillbrand erschöpft gegen die Tür fallen lässt und mit einer Hand seine Krawatte lockert.

»Legen Sie das weg«, sagt er schnaufend. »Erwarten wir noch jemanden, Jill?«

»Nicht, dass ich wüsste, Dicky.«

Er öffnet den Mund, um sie – mal wieder – wegen ihrer unangemessenen Vertraulichkeit in die Schranken zu weisen, gibt es jedoch mitten im Luftholen auf. Stattdessen zeigt er auf mich. »Cow. Jetzt.«

Das Old Cow ist Hillbrands Stammlokal. Warum, weiß ich auch nicht. Zwischen all den herrschaftlichen Gebäuden wirkt das Haus in seiner Gasse wie eine Zahnfüllung, und im Innern ist es eng und dunkel. Es riecht nach Zigarettenrauch und vierzig Jahre altem, biergetränktem Teppich. Der Pub hat gerade erst geöffnet, und Norm, der Wirt, ist noch mit Aufräumen hinter der Bar beschäftigt, dass die Gläser nur so klirren.

»Morgen, Dick«, ruft er herüber. »Du bist aber früh dran. Ist wohl ein guter Montag?«

»Zweimal das Übliche, Norm«, entgegnet Hillbrand, während er sich mühsam aus seinem Jackett schält. »Mögen Sie eins?«, fragt er mich und deutet auf das überdimensionale Glas mit den in Salz eingelegten Eiern darin. Ich schüttle den Kopf. »Dann eben nicht … Und eines von denen für mich.«

Ein Achtelliter Bier und die Hälfte des weißen Soleis sind bereits in Hillbrands Schlund verschwunden, als er einen kräftigen Seufzer ausstößt. »Na, dann.« Er stützt sich auf die Bar und wirft mir einen kurzen Blick zu. »Was halten Sie von der Sache?«

Ich schlucke die große Menge Bitterbier in meinem Mund hinunter. Es ist warm und macht seinem Namen alle Ehre. Hillbrand hat mich noch nie gefragt, ob es mir schmeckt. Tut es nicht, aber da er bezahlt, spielt das wohl keine Rolle.

»Ich finde … die beiden waren … äh … ungewöhnlich.«

»Vollkommen übergeschnappt«, kommentiert Hillbrand mit einem Grunzen, während er auf den Resten seines Eis herumkaut. »Wollten Sie das sagen? Da stimme ich Ihnen zu. Aber. Die haben Geld wie Heu. Haben das Beratungshonorar direkt bezahlt und nicht mal mit der Wimper gezuckt, als ich gesagt hab, dass wir wahrscheinlich einen Monat für alles brauchen. Wer hätte gedacht, dass sich diese alte Akte als eine verdammte Goldmine rausstellt?« Er hebt sein Bier in Richtung Himmel. »Danke, Onkel Durrant.«

»Aber das ist nicht zu schaffen«, wende ich ein und wappne mich innerlich für den nächsten Schluck Bitterbier. »Das haben die beiden doch selbst gesagt: Diese Tante wurde seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Und sicher haben sie schon früher versucht, sie zu finden.«

»Hatten aber nicht viel Glück damit, oder? Und Sie glauben, es ist unmöglich? Jammerschade, ich wollte Ihnen nämlich heute Nachmittag die Akten übertragen.«

Dieser gerissene Bastard … Er weiß ganz genau, dass ich so ein Angebot nicht ablehnen kann. Es könnte meine Chance sein, dem endlosen Strom aus Formularen zu entkommen – mein erster Schritt hin zu einem richtigen Auftrag und damit auf dem Weg, ein richtiger Anwalt zu werden.

»Na ja, vielleicht nicht unmöglich«, räume ich ein. »Wie viel haben die Ihnen denn erzählt?«

Hillbrand sieht zufrieden aus. Er schaut kurz zu Norm hinüber, der ins Zählen einer Rolle Münzen vertieft ist, und senkt die Stimme.

»Genug, um loszulegen. Ich habe die Akte noch mal durchgesehen. Allem Anschein nach war Großonkel D eine Ewigkeit der Anwalt der Vane-Familie. Der alte Vane hat in den Dreißigern einen Großteil seiner Geschäfte an irgendeine Großstadtkanzlei übertragen, aber den Immobilienpapierkram hat er aus irgendeinem Grund bei uns gelassen. Es geht um ein großes altes Haus, irgendwo im Osten. Mallory hat gesagt, sie hätten ein lukratives Angebot von jemandem, der es abreißen und eine dieser Ferienanlagen dort errichten will.« Schlürfend nimmt er noch einen weiteren Schluck von seinem Bitterbier. »Allerdings müssen sie sich schnell entscheiden, oder der Bauunternehmer verzieht sich und sucht sich ein anderes Grundstück. Und einen besseren Käufer finden die nie. Anscheinend ist das Haus eine ziemliche Bruchbude. Ich war noch nie da, obwohl es in der Nähe von Großonkel Ds Wohnort steht. Er hat es sogar mal erwähnt, glaube ich. Fragen Sie mich nicht nach Einzelheiten, aber es scheint, als würde da seit Jahren keiner mehr wohnen, und es stand auch noch nie zum Verkauf.«

»Warum nicht?«

»Was weiß ich? Gefühlsduselei? Sie kennen doch alte Leute.«

Ich versuche, mir vorzustellen, dass meine Großeltern aus Gefühlsduselei an einem verfallenden Herrenhaus festhalten, wenn sie es ebenso gut zu Geld machen könnten. So etwas würde es bei den beiden gar nicht geben.

»Nun gut, der alte Mann wollte also nie verkaufen«, fahre ich fort. »Ist es dann nicht ein wenig … heimtückisch von denen, das alles hinter seinem Rücken abzuwickeln, wo er doch so krank ist?«

Hillbrand lacht auf. Ein Hauch von Eier-Essig-Geruch steigt mir in die Nase.

»Benutzen Sie Ihren Kopf, Junge. Wenn Papa stirbt, bevor die beiden beweisen können, dass diese Tante offiziell aus dem Rennen ist … was passiert dann wohl?«

»Sie erben die Immobilie nicht?«

»Sie erben nur die halbe Immobilie. Ein halbes Haus lässt sich ungefähr so gut verkaufen wie Sand in der Sahara.«

Ich führe seinen Gedanken fort. »Wenn die Kinder aber die Handlungsvollmacht bekämen, während er noch im Tiefschlaf ist, könnten sie die Tante für tot erklären lassen …«

»Und das Haus verhökern.«

Zustimmend nicke ich, und mir wird ganz leicht im Kopf vom Bier. Die Familie wirkt nicht besonders mitfühlend, aber ich schätze, das geht mich nichts an.

»Und was soll ich tun?« Meine Stimme klingt ein wenig zu laut. »Bei Interpol anrufen und nach dem Wohnsitz oder dem letzten bekannten Aufenthaltsort irgendeiner verrückten Alten fragen, die seit fünfzig Jahren verschwunden ist?«

»Wofür halten Sie sich? James Bond? Nein, Mrs Mallory hat irgendwas von einem Haufen Papiere erwähnt. Mit denen fangen Sie an. Schauen Sie, dass Sie irgendwas Nützliches auftreiben, zum Beispiel Beweise, dass diese Miss Vane abgehauen ist. Dann kann man sie leichter für tot erklären lassen.«

»Und wo sind diese Papiere?«

Hillbrand kippt sich den Rest seines Bieres in den Rachen und grinst mich an. »Was würden Sie davon halten, Perch, Ihre erste Geschäftsreise zu machen?«

»Sie meinen, auswärts?«

Reisen Sie geschäftlich oder privat, Sir?, wird mich der Mann am Ticketschalter fragen. Geschäftlich, werde ich antworten und gewichtig die Nase rümpfen. Daheim wird Stephanie jedem erzählen, dass ich auswärts arbeite – in einer dringenden juristischen Angelegenheit.

»Wohin denn?«

»Nach Norfolk. Und Umgebung.« Hillbrand betrachtet mein Bierglas, das immer noch halb voll ist. »Noch mal das Gleiche?«

Eine halbe Ewigkeit vergeht, bis ich endlich im frühabendlichen Verkehr den Bus besteige. Das war das letzte Mal, dass ich tagsüber mit Hillbrand in den Pub gehe. Wie zum Teufel macht er das? Ein schnelles, zehnminütiges Schläfchen an seinem Schreibtisch, und er war schon wieder weg. Ich dagegen wäre ein Dutzend Mal fast über den Formularen eingenickt, bis er schließlich einen Umschlag vor mir auf den Schreibtisch knallte. Darin befanden sich erschreckenderweise zwei Fünf-Pfund-Noten.

»Babys erste Spesen«, verkündete Hillbrand. »Lassen Sie sich überall Quittungen geben und verpfuschen Sie’s nicht.«

Jetzt, in diesem Augenblick, fühlt es sich an, als würde mir das Geld ein Loch in die Jackentasche brennen. Ich sehe erneut nach, um sicherzugehen, dass es noch da ist. Hinten im Bus ist ein Platz frei. Halb erwarte ich, von dem unappetitlichen Kind vom Morgen angestarrt zu werden, und verspüre einen seltsamen Stich der Enttäuschung, als ich an seinem Platz nur einen Geschäftsmann vorfinde, der meine Anwesenheit mit einem verärgerten Beiseiterücken quittiert.

Fest umklammere ich die Aktentasche auf meinem Schoß. Sie ist aus zweiter Hand. Das Leder ist faltig, und die Schnalle wird von einer Schnur zusammengehalten, aber sie gehört mir, und in ihrem Innern befindet sich meine erste eigene Klientenakte. Vorn rumpelt der Verkehr vor sich hin; der Bus fährt an und hält, fährt an und hält, und mein Magen nimmt mir das zweite Glas Bier übel. Da der Mann neben mir seine Evening Times weit ausbreitet, um sie zu lesen, hole ich verstohlen die zerknickte Pappmappe aus der Aktentasche und öffne sie auf den Knien.

Sie enthält eine Menge getippter Seiten, die allesamt mit Tinte gegengezeichnet wurden und vor vierzig oder fünfzig Jahren datiert sind. Als ich weiter nach hinten blättere, rutscht etwas Schwereres auf meinen Schoß.

Es ist ein Foto, gedruckt auf dicken Pappkarton. Darauf ist ein Haus zu sehen, groß und quadratisch mit ausladenden Flügeln auf jeder Seite. Nackte Kletterpflanzen klammern sich an das blasse Gemäuer. Auf der Terrasse steht ein weißer schmiedeeiserner Tisch, an einigen Stellen kämpft sich das Unkraut durch die Pflastersteine. Der Garten sieht verwildert aus, aber auf eine hübsche Weise. Das Bild muss gemacht worden sein, als das Haus noch bewohnt war.

Hallerton House hat jemand auf die Rückseite geschrieben. Saltedge, 1919.

21. Februar 1919, Hallerton

Gestern Nacht, als ich in Vaters Schreibtisch nach Tinte suchte, fand ich ein Foto, das ich zuvor noch nie gesehen hatte. Jemand hatte es sorgfältig zwischen zwei Blätter aus Pappkarton gelegt. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich es aus der Schublade nahm, als könnten Vater oder Mutter hereinkommen und mich für meine Neugier bestrafen. Aber natürlich taten sie das nicht. Außer mir ist niemand hier.

Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem das Foto gemacht wurde. Den Brombeertag nannten wir ihn, meine Brüder und ich. Das war vor Timothys Geburt, insofern muss ich acht oder neun gewesen sein. Es war eines dieser seltenen, besonderen Wochenenden, wenn meine Brüder aus dem Internat gekommen waren und wir drei miteinander spielen durften; wenn alle Pflichten und jede Etikette an der Tür der Stiefelkammer fortgeworfen wurden und wir tun und lassen konnten, was wir wollten.

Es war Herbst und so kalt, dass der Garten morgens in Nebel gehüllt war, bevor die immer noch starke Mittagssonne ihn vertrieb. Ich erinnere mich daran, wie meine Brüder mit leuchtenden Augen und Schals um die Hälse im dämmrigen Flur vor der Küche standen. Freddies Wangen waren noch rund und kindlich, Albie war groß und staksig wie ein Fischreiher, und seine Stimme wurde langsam dröhnender und überschlug sich von Zeit zu Zeit. Als Ältester von uns war er natürlich der Kommandeur. Er schickte mich in die Küche, um mit der Köchin zu verhandeln. Sie hatte mich schon immer am liebsten gemocht.

Sicher stand mir der Schalk ins Gesicht geschrieben, aber sie hatte Mitleid mit mir. Als ich zu meinen Brüdern zurückrannte, war ich beladen mit Köstlichkeiten: ein Marmeladentörtchen für jeden von uns, ein dickes Stück Käse, frisch gebackenes Brot und kalte Würstchen. All dies verstauten wir in der Gepäcktasche eines alten Fahrrads und fuhren los. Ich saß auf dem Lenker, Albie trat in die Pedale, und Freddie versuchte gefährlich schwankend oberhalb des Hinterrades das Gleichgewicht zu halten. Juchzend und schlingernd rollten wir die Auffahrt hinunter, und schon bald waren wir frei, Herrscher über die Landstraßen und Wälder, wo die Baumkronen wie vom Feuer entzündet leuchteten und die Blätter wie Funken auf den Boden fielen.

Unser Picknick aßen wir am Ufer eines kleinen Flusses. Es war so herrlich wie ein Festmahl; wir tranken kaltes Wasser direkt aus den Händen, füllten unsere Bäuche mit dem Geschmack uralten Gesteins und des nahenden Winters. Auf unserem Weg nach Hause, als die Sonne immer tiefer sank und golden leuchtete, fanden wir die Brombeeren. Hecke um Hecke, schwer behangen mit Früchten.

Sie zerflossen zwischen unseren Fingern und auf unseren Zungen. Ich kann mich immer noch an ihren Geschmack erinnern: duftend und süß. Nicht so wie die fröhliche Maisüße einer Erdbeere, sondern dunkler, geheimnisvoller, als hätten sie die kalten, dunstigen Nächte in ihren Saft gesogen, als hätten sie die Mitternachtsstunde gesehen. Wir plünderten die Sträucher, zerkratzten uns dabei die Arme und blieben mit den Kleidern hängen, füllten die Gepäcktasche bis zum Rand und dachten nicht über die Flecken nach.

Genauso sehen wir auf dem Foto aus, wie wir da alle nebeneinander auf der Vordertreppe stehen; drei dunkelhaarige, wilde Geschöpfe, windgepeitscht und verschmiert vom Brombeersaft. Vater lachte, als er uns sah, bezeichnete uns als Wilde und holte die Kamera. An jenem Abend backte die Köchin aus den Beeren einen Streuselkuchen. Ich kann mich noch so deutlich daran erinnern, dass ich ihn beinahe schmecken kann.

Heute auf meinem Weg nach Saltedge suchte ich nach Brombeeren. Natürlich gab es keine; die Sträucher waren leer. Die eisige Luft brannte mir im Hals, doch mein Blut pulsierte, und meine Glieder fühlten sich stark an. Es war seltsam, dass mich die Influenza, die so grausam in Mutter gewütet hatte, verschonte. Ich beschleunigte meine Schritte, dachte an die Sommer, in denen wir über diesen Pfad gerannt waren, an den Duft von Brombeersaft und Erde, die übermütigen Rufe zweier sich gegenseitig schubsender junger Männer und an Timothy, der sich wie ein Äffchen an meinen Rücken klammerte und vor Entzücken quietschte.

Schwankend hielt ich inne. Die Erinnerung hatte sich so plötzlich auf mich gelegt … Ich blinzelte sie weg. Der Pfad vor mir war verlassen, und dahinter lag die Salzmarsch. Das Wasser war mit einer dicken Frostschicht überzogen und bewegte sich wie Quecksilber zwischen dem im Matsch gefangenen Schilf hin und her. Ich nahm seinen seltsam fauligen Geruch wahr; Salzwasser, das auf frisches Wasser traf.

Ich konnte den Pfad sehen, der ins Dorf führte. Dort wartete Onkel Andrew auf mich. Gemeinsam mit dem örtlichen Friedensrichter wartete er in Durrants Büro darauf, das, was der Anwalt mir am Kamin zugeflüstert hatte, amtlich zu machen.

… was von meinem Besitz übrig bleibt, soll zu gleichen Teilen an meine Kinder übergehen: Albert William Vane, Frederick George Vane, Emeline Clara Vane und Timothy John Vane.

Bevor ich weitergehen konnte, erscholl das Geläut der Kirchenglocke und zerriss die gefühllosen, offiziell klingenden Namen in meinem Kopf in Fetzen. Eins für Albie, läutete sie. Zwei für Freddie.

Der Schlamm aus der Marsch schwappte über die Spitzen meiner Stiefel. Zu jeder anderen Zeit hätte ich nach dichteren Schilfbüscheln gesucht, nach festerem Boden, doch in jenem Moment dachte ich nicht daran.

Schreiend wehte der Februarwind vom Meer herüber; beugte die Gräser nach unten und peitschte mir in die Augen, sodass sie bald voller Tränen waren. Der eisige Schlamm spritzte mir ins Gesicht, doch das war mir gleich. Ich konnte nur daran denken, weiterzueilen, über die flache braune Weite. Hörte sie irgendwo auf? Ich konnte mich nicht erinnern.

Im Sommer ist die Marsch so grün wie Waldglas, die Luft berauschend vom Geruch nach Salz und Saatgut, der Himmel bewegungslos und von einem unerträglichen Blau. Grasnelken bilden rosafarbenen Schaum auf dem Boden, die Sumpfdotterblumen blühen in wütendem Gelb, und Albie und Freddie ziehen den alten Ackerwagen hinter sich her, wie zwei sonnenverbrannte Packpferde. Timmy sitzt hinten, ich vorne, und die trockenen Halme zerkratzen mir die Beine. Es gibt Salzkrautstängel zu essen, und in der Sonne blitzt ein weißer Reiher auf wie ein Fragezeichen.

Doch diese Welt ist begraben, und die neue Welt ist so trist wie eine Steinplatte. Ich will den kalten Trost nicht, den sie anbietet, die Waldhörner aus Messing und die neuen, geschliffenen Medaillen, an denen noch der Geruch der Graveure hängt.

Ich erinnere mich daran, wie ich die Dünen erreichte. Der beißende Wind betäubte mein Gesicht, doch als ich den höchsten Punkt des Sandhügels erreichte, schrie ich sicher nur vor Erleichterung auf. Vor mir breitete sich das Meer aus: wild schäumend und verlassen. Glücklicherweise verlassen.

Juni 1969

Der verlockende Geruch von Gewürzen, Schellfisch und Teig schlägt mir entgegen, als ich die Tür öffne. Das Klingeln der Glocke wird vom Radio übertönt, die Beach Boys jaulen vor sich hin wie gut gelaunte Gespenster.

Mit dem Rücken zur Tür gewandt hüpft Steph hin und her, während sie eine Portion Pommes Frites in Papier einwickelt. Ich werfe einen Blick ins Hinterzimmer und schlüpfe dann hinter die Theke.

»Ich hatte«, raune ich ihr ins Ohr, »einen ziemlich merkwürdigen Tag.«

Vor Schreck zuckt sie zusammen, zieht mir jedoch einen Moment später mit einer dicken Rolle Zeitungspapier eins über den Schädel.

»Du Lümmel!«, ruft sie lachend. Grinsend schlinge ich die Arme um ihre Taille und die Schürze, die sie sich umgebunden hat, und strecke die Hand nach einer der Pommes in dem Zeitungspapier aus. Das Gesicht lehne ich an ihr dunkles Haar, das sie stets zu glätten versucht und jeden Morgen zu einem Bob frisiert, mit nach innen eingedrehten Haarspitzen. Sie riecht nach Haarspray und Puder, Parfüm und Fett aus der Fritteuse.

Als ich eine Pommes esse, tut sie so, als hätte sie nichts gesehen, bis ich ihr eine anbiete.

»Igitt«, stößt sie aus, »keine Chance.« Sie windet sich aus meiner Umarmung. »Und du gehst jetzt besser auf die andere Seite. Malcolm ist da draußen.«

Widerwillig schlurfe ich zurück auf die andere Seite der Theke, lehne mich dagegen und sehe zu, wie Steph die Pommes fertig einwickelt und sich dann nach einer Tüte ausstreckt. Sich ganz normal zu bücken, wäre zu viel verlangt von ihrem Minikleid. Bestimmt wird sie von Hunderten Kerlen umschwärmt, während sie hier arbeitet. Ich habe immer noch keine Ahnung, warum sie Ja gesagt hat, als ich sie in unserem letzten Schuljahr zum Abschlussball einlud; sie war – ist – eins der schönsten Mädchen in unserem Viertel, und das klügste.

»Erzählst du mir nun von deinem Tag«, fragt sie mit einem neckenden Lächeln, »o

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