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Der Duft von Glück und Rosen

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1. KAPITEL

Manche Dinge änderten sich nie. Unwillkürlich lächelte Gwen, als das kleine Anwesen am Stadtrand von Portsmouth in Sicht kam. Schon von Weitem leuchteten die roten, gelben und orangefarbenen Blüten, die ihrem früheren Zuhause seinen Namen gaben: Rose’s Haven. Damit waren allerdings nicht nur die Blumen gemeint, die sich in ihrer ganzen Pracht am Haus emporhangelten und in den Beeten davor üppig wuchsen, sondern auch deren Besitzerin Rose Martin. Gwens Adoptivmutter und passionierte Rosenliebhaberin. Und der Name Haven passte nicht nur zum Küstenort Portsmouth, sondern symbolisierte auch all das, was dieses Haus für Gwen immer gewesen war: ein sicherer Hafen und Zufluchtsort, auch in schwierigen Zeiten.

Das Haupthaus von Rose’s Haven war in einem warmen Ockerfarbton gestrichen und besaß eine wunderschöne Holzveranda, die sich über die ganze Vorderseite erstreckte. Rechts war ein kleiner Wintergarten mit Blick auf das angrenzende Wäldchen, und links duckte sich ein langgestreckter einstöckiger Anbau an das Haus. Rose hatte ihn immer großspurig „das Atelier“ genannt. Ihr verstorbener Mann David hatte hier seine kleine Werkstatt gehabt, und später nutzte Gwen den wunderschön hellen Raum für ihre ersten künstlerischen Arbeiten.

Als Gwen nun näher an das Haus heranfuhr, bemerkte sie allerdings erste Anzeichen der Vernachlässigung. Seufzend verlangsamte sie ihr Tempo und parkte ihren alten Ford vor dem Haupthaus.

Nicht nur der Garten, auch das Gebäude als solches hatte schon bessere Zeiten gesehen: Die hellblauen Fensterläden aus Holz hätten längst wieder einen neuen Anstrich gebraucht, auf dem Dach hatten sich einige Schindeln gelöst, und die sonst so akkurat eingefassten Gehwege waren von Unkraut überwuchert.

Bevor Gwen sich weiter Gedanken über den Zustand ihres ehemaligen Zuhauses machen konnte, flog die Eingangstür auf, und ein schwarz-weißes Fellbündel schoss laut kläffend auf sie zu.

„Nicht so stürmisch, Buddy, du wirfst mich noch um“, bremste Gwen den niedlichen Mischlingshund lachend, der schon vor ihrem Weggang nach Boston zu ihrer kleinen Familie gehört hatte.

In dem Sommer als Gwen gerade zwanzig geworden war und im Café an der Main Street jobbte, hatte sie ihn eines Abends nach der Arbeit angebunden vor dem Eingang gefunden. Offensichtlich war er dort einfach ausgesetzt worden. Gwen hatte den kleinen Kerl kurzerhand mit nach Hause genommen, und natürlich hatte Rose nichts dagegen gehabt, ihn zu behalten.

Nachdem Gwen ihren tierischen Freund ausgiebig begrüßt hatte, blickte sie zur Tür. Und obwohl sie auf den Anblick von Rose vorbereitet gewesen war, versetzte die gebückte Gestalt dort im Türrahmen ihrem Herzen einen Stich. Rose war mit ihren zweiundsiebzig Jahren immer noch eine attraktive Frau. Ihre kurzen grauen Haare hatten einen modischen Schnitt, und die großen dunkelblauen Augen verliehen ihrem Gesicht ein fast puppenhaftes Aussehen. Doch der zierliche Körper wirkte durch die Krankheit ausgemergelt und dünn. Jede Bewegung schien ihr schwerzufallen, auch wenn sie sich jetzt natürlich bemühte, tapfer zu lächeln.

„Gwen, ich habe dir doch gesagt, du musst nicht kommen. Du hast doch diesen wichtigen Auftrag in Boston!“

Im letzten Monat hatte Gwen eine große Ausschreibung gegen viele etablierte Bildhauer-Kollegen gewonnen und sollte nun drei Skulpturen für den Vorplatz eines neuen riesigen Firmenkomplexes im Norden der Stadt gestalten.

„Rose, du weißt ganz genau, dass ich nicht hier bin, weil ich muss, sondern weil ich hier sein möchte. Ich habe für den Auftrag noch Zeit bis November. Alle Vorarbeiten sind erledigt, und die Modelle kann ich genauso gut auch hier anfertigen. Mach dir darüber also keine Gedanken.“

Auch wenn Rose seit mittlerweile sechzehn Jahren Gwens Adoptivmutter war, redeten sich beide in stillem Einvernehmen mit den Vornamen an. Dennoch war Rose für Gwen schon immer mehr Mutter gewesen als irgendein anderer Mensch in ihrem Leben.

Mühsam ging die ältere Frau nun die Treppe hinunter, bevor Gwen ihr entgegeneilen konnte. Über die letzte Stufe wäre sie beinahe gestolpert, aber Gwen fing sie im letzten Moment noch auf und schloss sie fest in die Arme. Rose verströmte wie immer einen leichten Duft nach Vanille und Zimt.

„Hast du etwa wieder Hefeschnecken für mich gebacken? Du sollst dir doch keine Umstände machen und dich lieber ausruhen, Rose!“, tadelte Gwen.

„Liebes, ich bitte dich, als ob ein paar Hefeschnecken eine Anstrengung wären. Die habe ich früher für meine Schüler fast täglich gebacken! Ich weiß doch, wie sehr du die magst. Aber nun lass dich mal anschauen. Hübsch siehst du aus!“ Rose drehte Gwen, die wie fast immer praktische Jeans und eine leichte weiße Baumwollbluse trug, hin und her. „Ich kann es kaum glauben, dass du letzten Monat schon achtundzwanzig geworden bist. Ich sehe immer noch das kleine blonde Mädchen mit den langen Zöpfen vor mir“, sagte Rose und lachte.

Zöpfe trug Gwen schon lange nicht mehr, dafür hatte sie ihr honigblondes halblanges Haar meistens hochgesteckt. Ihre braunen Augen leuchteten warm, und das herzförmige Gesicht mit den markanten Wangenknochen hatte schon manchen Mann in seinen Bann gezogen. Gwens schlanke und dennoch weibliche Figur mit Kurven an den richtigen Stellen tat ihr Übriges, doch die junge Frau war sich ihrer Wirkung auf das andere Geschlecht meist gar nicht bewusst. Sie kam sich in Gesellschaft oft linkisch vor und zupfte dann mit ihren Zähnen nervös an ihren Lippen. Eine Geste, die – wie auch ihr Verlobter Kyle ihr immer wieder versicherte – die Männer erst recht verrückt machte.

Gwens leibliche Eltern Sarah und Frank waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als Gwen gerade zwölf Jahre alt gewesen war. Obwohl sie ihre Tochter geliebt hatten, konnten sie ihr doch nie das wohlige, warmherzige Zuhause geben, das Gwen sich gewünscht hatte. Ihr Vater war als Handelsvertreter meist tagelang unterwegs gewesen, und wenn er endlich mal zu Hause war, hatte Gwen ihre Eltern oft streiten hören. Dabei ging es um das ständig zu knappe Geld, andere Frauen und Sarahs notorische Unzufriedenheit mit ihrem Leben.

Schon damals war Gwen oft zu Rose geflüchtet, die dann mit selbstgebackenen Keksen und einem warmen Kakao die kleine Kinderseele getröstet hatte. Rose war schon immer eine mütterliche Freundin der Familie gewesen, die Gwen wortlos in den Arm nahm, wenn dem kleinen Mädchen die Tränen über die Wangen liefen, weil es nicht nach Hause wollte. Allein diese Zuwendung und Nähe halfen Gwen mehr, als Worte es je gekonnt hätten.

Nach dem Unfall sollte Gwen zunächst zu einer Pflegefamilie, aber Rose setzte alles daran, die Vormundschaft für ihre „Herzenstochter“ zu bekommen, wie sie Gwen oft scherzhaft nannte. Als Lehrerin hatte sie zwar pädagogische Kenntnisse und war von daher gut geeignet, allerdings war sie alleinstehend, seit ihr Mann David zwei Jahre zuvor ganz plötzlich an einem Aneurysma gestorben war. Aber Rose kämpfte wie eine Löwin und überzeugte die Behörden schließlich davon, dass sie Gwen das bestmögliche Zuhause geben konnte. Dafür würde Gwen für immer in ihrer Schuld stehen.

Daran erinnerte sie sich auch jetzt, als sie mit Rose langsam die Stufen zur Veranda hochstieg. Im Inneren des Hauses roch es köstlich und vertraut nach Roses berühmten Hefeschnecken.

Gwen nahm sofort das Zepter in die Hand. „Setz dich bitte hin Rose, ich koche uns einen Kaffee, und dann lassen wir uns gemeinsam deine Hefeschnecken schmecken. Und keine Widerrede, ich werde dich in der nächsten Zeit so viel bemuttern wie irgend möglich.“

„Du weißt doch Liebes, dass ich sehr schlecht darin bin, Hilfe anzunehmen. Ich bin seit Davids Tod nun schon so lange daran gewöhnt, mich um alles zu kümmern“, versuchte Rose schwach zu protestieren.

Doch Gwen blieb unnachgiebig. „Na, dann wird es höchste Zeit, dass du dich an meine Hilfe gewöhnst. Ich bin froh, endlich mal ein wenig von dem zurückgeben zu können, was du die ganzen Jahre für mich getan hast.“

Gwen wurde schmerzhaft bewusst, dass sie sich in letzter Zeit viel zu wenig um Rose gekümmert hatte. Doch das würde sie jetzt so gut es ging nachholen. Wenn sie nur noch genug Zeit dafür bekäme!

2. KAPITEL

Gwen setzte den Kaffee auf und musterte ihre Ziehmutter, die es sich im Sessel am Fenster gemütlich gemacht hatte, verstohlen. Seit der Brustkrebsdiagnose vor zwei Jahren hatte Rose viel durchgemacht. Zuerst die Amputation gefolgt von der Chemotherapie, und zunächst schien die Behandlung auch Erfolg zu zeigen. Doch bei der letzten Nachsorgeuntersuchung vor drei Monaten war erneut ein Tumor festgestellt worden.

Trotz Zuraten der Ärzte hatte sich Rose gegen eine weitere Behandlung entschieden. Auch Gwen hatte ihr zugesetzt und sie unbedingt zu Operation und Chemotherapie überreden wollen, aber Rose blieb stur,

„Ich stehe das kein zweites Mal durch, mein Liebling“, hatte sie ein ums andere Mal wiederholt. „Meine Zeit scheint gekommen zu sein, und ich spüre, dass es auch gut so ist. Vielleicht treffe ich dort, wo ich hingehe, auch endlich meinen geliebten David wieder.“

Seit Davids Tod hatte es für Rose nie einen anderen Mann gegeben. Trotz vieler Verehrer, die nicht nur ihr hübsches Äußeres, sondern auch ihre fröhliche, zupackende Art zu schätzen wussten, hatte Rose immer Distanz gehalten, fest in dem Glauben, nur für diese eine Liebe zu David bestimmt gewesen zu sein.

Nun saß sie dort in ihrem Sessel und war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Gwen fand sich mittlerweile damit ab, dass Rose keine Kraft mehr hatte zu kämpfen. Daher war sie gekommen, um ihr in den letzten Wochen beizustehen und einfach für sie da zu sein. Die Rollen zwischen Mutter und Tochter hatten sich vertauscht, und Gwen war fest entschlossen, Rose keine Vorwürfe zu machen, sondern einfach etwas von der Liebe zurückzugeben, die Rose ihr in der schwersten Zeit ihres Lebens entgegengebracht hatte.

Kyle war natürlich von dieser Idee alles andere als begeistert gewesen. Als Unternehmer war er überzeugt davon, dass Gwen die Gunst der Stunde nutzen müsste. Durch den Auftrag für Smith-Myers Inc., den sie im Herbst abliefern musste, hatte sie viele neue Kontakte gewonnen. Seitdem glaubte Kyle, eine Art Manager für sie sein zu müssen. Gwen war für ihn „nur“ die verträumte Künstlerin mit zu wenig Geschäftssinn.

„Du musst das Eisen schmieden, solange es heiß ist, Darling“, pflegte er oft zu sagen. „Jetzt bist du angesagt, du musst sehen, dass du noch ein paar Aufträge an Land ziehst. Für Rose kannst du genauso gut eine Pflegekraft engagieren, die hat dann auch eine entsprechende Ausbildung im Gegensatz zu dir.“

Gwen dachte intensiv über Kyles Worte nach. Vielleicht hatte er recht damit, dass eine professionelle Krankenpflege Rose mehr unterstützen würde. Aber nach einem tränenreichen Telefonat mit Rose wurde Gwen wieder bewusst, wie sehr sie sich nach ihrer Adoptivmutter sehnte. Sie musste in dieser schweren Zeit einfach bei ihr sein, auch wenn Kyle das nicht verstehen würde. Er erklärte, er habe zu viel zu tun und würde daher in Boston bleiben. Auch wenn das sicher keine Ausrede war, Gwen schien es, als käme ihm dieser Umstand ganz gelegen. Er hatte Gwens Adoptivmutter nur einmal kurz zu Beginn ihrer Beziehung kennengelernt, und das Treffen war auf beiden Seiten relativ frostig verlaufen.

Gwen schob die gegenseitige Antipathie darauf zurück, dass Kyle keine gute Beziehung zu seinen eigenen Eltern hatte und einfach nicht nachvollziehen konnte, was Rose und Gwen verband. Als sie ihre mittlerweile eingeschlafene Adoptivmutter nun betrachtete, empfand Gwen eine Zärtlichkeit, die sie vielleicht selbst früher nicht für möglich gehalten hätte. Ob Kyle das je verstehen würde?

3. KAPITEL

„Mrs. Dooley, glauben Sie mir, wenn Sie einen Herzinfarkt gehabt hätten, würden Sie jetzt nicht so quietschvergnügt vor mir sitzen.“

„Aber Dr. O’Leary, ich schwöre Ihnen, der Schmerz trat zuerst im linken Arm auf und zog dann rüber in die Brust. Ganz genauso wie Dr. Donalds es im Fernsehen immer sagt.“

Matt O’Leary musste schmunzeln über die kleine grauhaarige Dame, die ein großer Fan des Fernseharztes Roger Donalds war. Sie verpasste keine Sendung und kam deshalb fast jede Woche mit einer anderen eingebildeten Krankheit zu Matt in die Sprechstunde. Dieser war sehr geduldig mit ihr, denn er wusste, dass sie seit dem Wegzug ihres einzigen Sohnes nach Boston oft einsam war.

„Glauben Sie mir, Ihr EKG ist vollkommen in Ordnung. Gehen Sie nach Hause, ruhen Sie sich etwas aus, und morgen geht es Ihnen schon wieder besser, Mrs. Dooley.“

In diesem Moment klopfte es an der Sprechzimmertür, und Jane Evans, Matts Arzthelferin, steckte den Kopf zur Tür herein.

„Entschuldigen Sie, Mrs. Dooley, aber Dr. O’Leary muss zu einem Hausbesuch. Mrs. Martin wartet bestimmt schon auf ihn.“

„Oh ja, die Arme, da will ich sie nicht länger aufhalten, Doktor“, versicherte Mrs. Dooley. „Grüßen Sie Rose recht herzlich von mir. Es tut mir wirklich leid, dass es ihr so schlecht geht. Ich habe sie immer sehr gemocht. Ohne sie, fürchte ich, hätte mein nichtsnutziger Sohn Martin die Schule nie geschafft. Und sehen Sie, heute hat er einen sicheren Job in Boston bei der Bank. Das haben wir zu einem guten Teil Rose Martin zu verdanken.“

Die alte Frau nahm ihre Tasche, winkte nochmals kurz und verließ das Sprechzimmer. Matt seufzte. Mrs. Dooley hatte recht. Auch ihm tat es weh, Rose Martin so leiden zu sehen. Denn wie viele andere Jugendliche hatte auch er nicht immer Lust gehabt zu lernen. Aber die engagierte Lehrerin hatte ihn immer motiviert und letztlich auch für das Medizinstudium begeistern können. Dank ihr war er heute Arzt und liebte seinen Beruf wirklich über alles.

Das ging ihm auf dem Weg zu Rose durch den Kopf, und so war er noch ganz in Gedanken versunken, als er die Treppen zur Haustür hochging und von drinnen das fröhliche Gelächter zweier Frauen hörte. Als er die Tür geöffnet hatte, bot sich ihm ein ungewohntes Bild: Rose stand vergnügt am Küchentisch und versuchte, aus Lehm eine kleine Figur zu formen. Neben ihr stand eine junge Frau, die Matt nicht gleich erkannte, obwohl sie ihm seltsam vertraut vorkam. Ungläubig starrte er sie an. Seit seiner Trennung von Linda hatte er keine Frau eines zweiten Blickes gewürdigt, aber diese Schönheit zog ihn gleich in ihren Bann. Sie lächelte ihn schüchtern an, und das freundliche und offene Gesicht weckte in ihm eine vage Erinnerung.

Da keiner von beiden etwas sagte, ergriff Rose schließlich das Wort: „Matt, ich hatte gar nicht mehr an deinen Besuch ...

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