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Der Duft von Apfelblüten

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein

zufällig.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der

gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Susan Wiggs

Der Duft von Apfelblüten

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Ivonne Senn

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Für meine Mutter und meinen Vater, Lou und Nick Klist,

in tiefster Liebe.

Alles, was ich über Liebe und Leidenschaft weiß,

über harte Arbeit und Hingabe und die Belastbarkeit

des menschlichen Herzens,

habe ich von meinen Eltern gelernt.

Ihr wart immer meine Inspiration und seid es noch.

1. TEIL

Stärkt mich mit Traubenkuchen, erquickt mich mit Äpfeln;

denn ich bin krank vor Liebe.

Das Hohelied Salomos, 2,5

Äpfel sind Sinnbilder, die so viel vermitteln – Heimat, Trost, Bekömmlichkeit, Gesundheit, Wissen, Schönheit, Einfachheit, Sinnlichkeit, Verführung … und Sünde. Der Gravensteiner (auf Dänisch: Gråsten-Æble) stammt aus Gråsten in Südjütland, Dänemark. Die Früchte reichen farblich von einem hellen Gelbgrün bis zu einem tiefen Rot und haben einen säuerlichen Geschmack. Es handelt sich um eine nicht sehr lang haltbare Sorte, die am besten frisch vom Baum genossen werden sollte.

Æble Kage (Dänischer Apfelkuchen)

Bevor sie ihn probiert haben, wundern die meisten Leute sich über den Mangel an Gewürzen in diesem Rezept. Doch wenn gute, frische Äpfel benutzt werden, fehlt es dem Kuchen an nichts.

Für dieses und alle folgenden Rezepte in diesem Buch gilt: Wenn Sie kein Cup-Maß haben, messen Sie in einer Tasse 225 g Zucker ab und benutzen diese als Maß.

1 Ei

¾ Tasse Zucker

½ Tasse Mehl

1 TL Backpulver

1 Prise Salz

½ TL Vanille

2 Tassen geschälte und in Würfel geschnittene Äpfel, die in 1 TL Butter gedünstet werden, bis sie weich sind

½ Tasse gehackte Walnüsse

Das Ei schlagen und nach und nach Zucker und Vanille hinzufügen. Dann Mehl, Backpulver und Salz unterrühren, bis ein glatter Teig entsteht. Die gedünsteten Äpfel und die Walnüsse hinzugeben und die Masse in eine gebutterte und bemehlte eckige Glasform mit 20 Zentimeter Durchmesser gießen. Ungefähr 30 Minuten im vorgeheizten Backofen bei 175 °C backen.

Am besten lauwarm mit Apfel-Karamell-Soße, Eiscreme oder beidem servieren.

Apfel-Karamell-Soße

Eine der einfachsten und leckersten Arten, frische Äpfel zuzubereiten. Ob zur Tarte, zum Eis, zu Rührkuchen oder Joghurt, über dem morgendlichen Müsli oder einfach mit dem Löffel aus dem Glas gegessen, wenn man nachts um zwei alleine aufwacht und Hunger hat.

4 in feine Scheiben geschnittene Äpfel (sie können ruhig ungeschält sein)

4 TL Butter (echte Butter, kein Butterersatz)

1 Prise Muskat

1 TL Zimt

1 Tasse Walnüsse

1 Tasse brauner Zucker

1 Tasse Sahne oder Buttermilch

Die Butter in einer schweren Pfanne schmelzen. Zucker hinzugeben und rühren, bis er geschmolzen ist. Gewürze und Apfelstücke dazugeben und dünsten, bis die Äpfel weich sind. Walnüsse unterrühren. Den Herd ausstellen und langsam die Sahne oder Buttermilch unterrühren. Sofort zu Kuchen oder Eiscreme servieren und die Reste in einem Glas im Kühlschrank aufbewahren.

PROLOG

Archangel, Kalifornien

In der Luft lag der Duft von Äpfeln, und die Obstplantage vibrierte von dem Summen der Bienen, die über den Scheffeln voller geerntetem Obst schwebten. Die Bäume waren in hervorragender Verfassung und warteten auf die Ankunft der Erntehelfer. Die Äste hatte man in Vorbereitung auf die Leitern beschnitten, man hatte das letzte lästige Murmeltier gefangen und woanders ausgesetzt, und die Wege zwischen den Bäumen waren begradigt worden, damit die Früchte beim Transport nicht zu sehr durcheinandergerüttelt wurden und keine Druckstellen bekamen. Der Morgen war noch kühl; zwischen den Zweigen hing ein leichter Nebel. Die Sonne ging hinter den Hügeln im Osten auf und versprach einen schönen warmen Tag. Bald würden die Pflücker eintreffen.

Magnus Johansen balancierte auf seiner Leiter und fühlte sich dabei so sicher wie ein Mann, der ein Viertel so alt war wie er. Isabel würde ihn schelten, wenn sie ihn so sähe, und einen Dummkopf nennen, weil er schon alleine anfing zu arbeiten, anstatt auf das Eintreffen der Pflücker zu warten. Aber Magnus genoss die Einsamkeit am frühen Morgen. Es gefiel ihm, die ganze Plantage in der warmen morgendlichen Stille für sich zu haben. Er war im achten Jahrzehnt seines Lebens. Gott allein wusste, wie viele Ernten er noch miterleben würde.

Isabel machte sich in letzter Zeit zu viele Gedanken um ihn. Sie neigte dazu, um ihn herumzuschwirren wie eine Honigbiene um die Wolfsmilch, die an den Rändern der Plantage wuchs. Magnus wünschte sich, sie würde sich nicht ständig solche Sorgen machen. Sie wusste doch, er hatte das Beste und das Schlimmste überlebt, was das Leben zu bieten hatte.

Um die Wahrheit zu sagen, machte er sich wesentlich mehr Sorgen um Isabel als sie sich um ihn. Es waren die Dinge, die sie nicht wusste, die ihm an diesem Morgen schwer auf der Seele lasteten. Er konnte sie nicht für immer im Dunkeln lassen. Der Brief auf dem Schreibtisch in seinem Büro bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen – wenn nicht ein Wunder geschähe, wäre Bella Vista bald verloren.

Magnus bemühte sich, die Sorgen einen Moment beiseitezuschieben. Er war früh aufgestanden und hatte seine Jeans und seine Stiefel angezogen, denn er hatte gewusst: Heute war der Tag. Im Laufe der Jahre hatte er gelernt, den Reifepunkt der Äpfel zu bestimmen. Erntete man zu früh, musste man später zu viel Zeit mit dem Nachpflücken vergeuden. Erntete man zu spät, riskierte man überreife Äpfel, die nicht mehr lange hielten.

An einigen Tagen kam er sich selbst überreif vor; ein Gefühl, das tief in seinem Knochen steckte. Doch nicht heute. Heute war er voller Energie, und sein Obst war auf dem Höhepunkt der Perfektion. Er hatte natürlich einen Stärke-Jod-Test durchgeführt, aber noch wichtiger, er hatte in einen Apfel gebissen und anhand der Festigkeit, der Süße und des Bisses gewusst, dass die Zeit reif war. In den nächsten Tagen würde es auf der Plantage so geschäftig zugehen wie in einem Bienenkorb. Er würde seine Äpfel in den bereitstehenden Kisten mit dem bunten „Bella Vista Orchard“-Logo auf die Märkte schicken.

Eine Traube aus drei glänzenden, rot gestreiften Gravensteinern hing einen guten Meter über seinem Kopf an einem Zweig. Die schwer zu erreichenden Äste wurden normalerweise beschnitten, doch dieser hier trug Früchte. Sich seiner Reichweite bewusst, beugte Magnus sich vorsichtig vor, pflückte die drei Äpfel und legte sie in seinen Korb. Heutzutage bevorzugten die meisten Pflücker den Einsatz einer Erntetasche, die das beidhändige Pflücken ermöglichte, doch Magnus war noch von der alten Schule. Nein. Er war alt. Punkt. Doch selbst jetzt stützte ihn das Land; der Rhythmus der Jahreszeiten und die jährliche Erneuerung sorgten dafür, dass er noch so kräftig und energiegeladen war wie als wesentlich jüngerer Mann. Er hatte vieles, wofür er dankbar sein konnte.

Aber auch vieles, was er bedauerte.

Als er die Äpfel von dem hohen Ast pflückte, wackelte die Leiter ein wenig. Er sah ein, dass er die anderen Äpfel lieber den Pflückern überlassen sollte, und kletterte zu Boden.

Als er seine Leiter zu einem anderen Baum trug, drang das hektische Summen von verstörten Bienen aus der Wolfsmilch an sein Ohr. Eine Honigbiene, begierig nach dem reichen Nektar der verschlungenen Blüten, war in einer Blume gefangen. Das kam öfter vor. Magnus fand ihre vertrockneten Körper oft zwischen den klebrigen Samenhülsen. Moderne Farmer versuchten, die Wolfsmilch auszurotten, aber Magnus ließ sie an der Grenze der Plantage wachsen als Lebensraum für Bienen und Monarchfalter, Finken und Marienkäfer.

Da er guter Laune war, befreite er die wütend summende Biene aus ihrem klebrigen Gefängnis, wobei eine Wolke von mit federigen Fallschirmen bewehrten Samenkapseln zu Boden rieselte. Ohne zu ahnen, dass die Süße, nach der es sie verlangte, tödlich war, tauchte die Biene sofort wieder in die Hecke ein und machte sich erneut daran, am Nektar zu nippen, selbst auf das Risiko hin, dabei ihr Leben zu lassen.

Magnus zuckte mit den Schultern und setzte seinen Weg fort. Wenn die Natur eine Kreatur an die süße Quelle lockte, konnte man nichts dagegen tun. Er stellte seine Leiter an den nächsten Baum und kletterte zu einem erhöht hängenden Ast hinauf. Dort, den Kopf über den Zweigen, atmete er tief die Schönheit des Morgens ein. Den Duft, der in der Luft lag, das Licht, das durch den Nebelschleier drang, die Konturen des Landes und den in der Ferne liegenden Dunst über dem Meer.

Eine leichte Wehmut, die auf einer Welle von Erinnerungen einhergeritten kam, erfasste ihn. Als wäre es erst gestern gewesen, sah er das sonnenüberflutete Land und Eva, die an der Sammelstelle stand und ihn anlächelte, während sie die Ernte überwachte. Seine Kriegsbraut, die mit ihm in Amerika ein neues Leben anfing. Sie hatten Bella Vista gemeinsam aufgebaut. Es war eine Schande, dass die Bank kurz davorstand, ihm alles wegzunehmen.

Trotz der Erfolge und der Tragödien, der Geheimnisse und der Lügen hatte es in Magnus’ Leben so viel Gutes gegeben. Er hatte sich eine Existenz mit der Frau aufgebaut, die er liebte, und das war mehr, als die meisten armen Seelen von sich behaupten konnten. Gemeinsam hatten sie eine Welt erschaffen, hatten ihre Tage in der Natur verbracht, knackige Äpfel und frisches, selbst gebackenes Brot mit Honig aus eigenem Anbau gegessen und ihren Überfluss mit den Arbeitern und Nachbarn geteilt … Doch dieser Segen hatte seinen Preis, einen, der von einer mächtigeren Instanz eingefordert werden würde, als er es war.

Das Telefon in seiner Tasche zirpte und zerstörte die Stille des Morgens. Isabel bestand darauf, dass er sein Handy immer dabei hatte. Es war ein ganz einfaches, mit dem man nur telefonieren konnte, dem aber alle anderen Funktionen fehlten, die ihn nur verwirrt hätten.

Die Leiter wackelte wieder, als er in die Hemdtasche griff und das Telefon herausholte. Die Nummer auf dem Display war ihm unbekannt.

„Hier ist Magnus“, sagte er; seine übliche Begrüßung.

„Hier ist Annelise.“

Sein Herz setzte einen Schlag aus. Die Stimme klang dünner, älter, aber trotz der vielen Jahre, die vergangen waren, oh so vertraut. Unter den leisen, zittrigen Tönen erkannte er den Klang einer wesentlich jüngeren Frau – einer Frau, die er auf ganz andere Weise geliebt hatte als Eva.

Er umklammerte das Telefon fester. „Wie zum Teufel bist du an diese Nummer gekommen?“

„Ich nehme an, du hast meinen Brief erhalten?“ Vermutlich ohne es selber zu merken verfiel sie in ihre gemeinsame Muttersprache Dänisch.

„Ja, habe ich. Und du hast vollkommen recht“, sagte er, obwohl er spürte, wie sein Herz bei dem Geständnis schneller schlug. „Es ist an der Zeit, ihnen alles zu erzählen.“

„Hast du es schon getan?“, fragte sie. „Magnus, das ist eine sehr einfache Unterhaltung.“

„Ja, aber Isabel … sie ist … ich möchte sie nicht traurig machen.“ Isabel – so schön und zerbrechlich und in so jungen Jahren schon so sehr vom Leben durchgerüttelt.

„Und was ist mit Theresa? Sie ist ebenfalls deine Enkelin. Wäre es dir lieber, sie erführe die Neuigkeiten von irgendeinem Fremden? Wir werden nicht jünger, du und ich. Wenn du nicht sofort etwas unternimmst, werde ich es tun.“

„Na gut.“ Kurz verspürte er brennenden Hass auf das Telefon, diesen kleinen elektronischen Eindringling, der einen strahlend hellen Tag verdunkelte. „Ich werde mich darum kümmern. Wie immer. Und wenn sie uns durch irgendein Wunder vergeben …“

„Natürlich werden sie das. Hör niemals auf, Wunder zu erwarten, Magnus. Gerade du solltest das am besten wissen.“

„Ruf mich nicht wieder an“, sagte er. Sein Herz trudelte in seiner Brust. „Bitte ruf mich nicht wieder an.“ Er steckte das Handy ein. Der Wind strich durch die Bäume und umhüllte ihn mit dem kräftigen Geruch von Äpfeln. Wilde Falken schimpften über ihm, und einer von ihnen stieß einen klagenden Schrei aus. Magnus griff nach einem weiteren Apfel, einer prallen Schönheit, die auf Armeslänge vor ihm hing. Die Schale glänzte so sehr, dass er sein Spiegelbild darin erkennen konnte.

Die Bewegung brachte die Leiter aus dem Gleichgewicht. Er griff nach einem Ast, verfehlte ihn aber, und dann gab es nichts mehr, woran er sich festhalten konnte, als die diesige Luft. Trotz der brutalen Heftigkeit des Unfalls war Magnus sich jeder einzelnen Sekunde seltsam bewusst, als würde der Sturz jemand anderem passieren. Um sich hatte er keine Angst – dafür war er inzwischen viel zu alt. Das Leben hatte ihm schon vor langer Zeit beigebracht, dass Angst und Glück nicht nebeneinander existieren konnten.

2. TEIL

Millionen Menschen sahen den Apfel fallen,

aber nur Newton fragte sich, warum.

Bernard M. Baruch

Apfel-Chutney

Ein schöner Begleiter zu würzigem Schweinefleisch, Brathühnchen oder gegrilltem Lachs.

3 säuerliche Kochäpfel, entkernt und in Stücke geschnitten (müssen nicht geschält werden)

½ Tasse fein gehackte weiße Zwiebel

1 TL geriebene Ingwerwurzel

½ Tasse Orangensaft

Tasse Apfelessig

½ Tasse braunen Zucker

1 TL grobkörnigen Senf

¼ TL Chilisamen

½ TL Salz

½ Tasse Rosinen oder Korinthen

Alle Zutaten bis auf die Rosinen in eine schwere Pfanne geben und unter Rühren zum Kochen bringen. Dann die Hitze reduzieren und ab und zu umrühren, bis die Flüssigkeit nach ungefähr 45 Minuten verkocht ist. Vom Herd nehmen und die Rosinen zugeben. Kann sowohl im Kühlschrank aufbewahrt als auch traditionell eingemacht werden.

(Quelle: Adaption eines Rezepts der Washington State Apple Commission)

2. KAPITEL

In San Franciscos bester Bar saß Tess an einem Tisch mit Aussicht und trank einen Martini mit eingelegter Olive. Die Oliven waren quasi ihr Abendessen. Wie immer hatte sie direkt bis zum Beginn der Happy Hour gearbeitet.

Sie arbeitete. Daraus bestand ihr Leben – und daraus bestand sie. Sie arbeitete … und sie schätzte sich glücklich, einen Beruf zu haben, den sie liebte. Doch Miss Winther zu treffen, die alte Dame ganz alleine mit ihren Katzen zu sehen, hatte Tess verstört. Die Begegnung hatte an ihre geheimsten Ängste gerührt – dass sie ihr Leben allein und umgeben von Schätzen verbringen würde, die sie mit niemandem teilen konnte. Zu arbeiten lenkte sie davon ab, zu sehr darüber nachzudenken, wie einsam sie war.

Sie schob den Gedanken beiseite und hielt sich die heutigen Erfolge vor Augen. Und die Tatsache, dass sie gute Freunde hatte, mit denen sie diese feiern konnte. Sie und ihre Freunde hatten eine feste Verabredung zur Happy Hour im Top of the Mark, der Bar, die das historische Mark Hopkins Hotel krönte, das auf dem Gipfel des Russian Hill thronte. Es war ein Wahrzeichen von San Francisco, sehr touristisch, aber bei Einheimischen bekannt für seine umwerfende Aussicht, die guten Martinis und vor allen Dingen die Livemusik.

Dank ihrer rastlosen Kindheit war Tess beinahe ohne Familie oder Freunde aufgewachsen. Doch hier im Herzen von San Francisco hatte sie sich eine eigene Familie zusammengesucht. Eine kleine gesellige Runde von Menschen wie sie – junge Berufstätige, die unabhängig und ehrgeizig waren. Und lustig – Zigeuner und Genies, hart arbeitende Leute, die aber auch wussten, wie man feiert.

Da war Lydia, die Inneneinrichterin, die Tess ständig mit neuen Empfehlungen versorgte. Auf den Dachböden und in den Lagerräumen ihrer Kunden entdeckte sie Kostbarkeiten wie Duncan-Phyfe-Sofas und Stickley-Tische. Sie verstand den Adrenalinrausch der Schatzsuche besser als alle anderen, die Tess kannte. Die Dritte im Bunde war Neelie, eine Weinhändlerin, die manchmal Geschäfte mit dem Sheffield House machte. Sie hatte heute einen neuen Typen mitgebracht, Russell, der seinen Blick nicht von ihren Brüsten lösen konnte. Neelie schickte Tess heimlich Nachrichten aufs Handy.

Was hältst du von ihm?

Er kann seinen Blick nicht von deinen Brüsten lösen.

Bei dir klingt das so, als wäre das was Schlechtes.

Die beiden grinsten einander an und hoben ihre Gläser.

„Ihr seht aus, als führt ihr was im Schilde“, sagte Jude Lockhart, ein Arbeitskollege von Tess.

„Das liegt daran, dass es stimmt.“ Sie klopfte auf den freien Sitz neben sich.

Jude begrüßte die Frauen mit einem Kuss auf die Wange und schüttelte Lydias Freund Nathan die Hand. Neelie stellte ihm Russell, ihre Verabredung, vor.

Tess mochte die Leichtigkeit und Liebenswürdigkeit ihrer Freunde. Sie mochte es, dass sie alle noch jung und unternehmungslustig genug waren, um sich nach der Arbeit zu treffen. Vor allem gefiel ihr jedoch, dass sie an diesem Abend etwas zu feiern hatte und ihre Neuigkeiten mit ihren Freunden teilen konnte.

„Ich habe heute den Jackpot geknackt“, sagte sie.

„Ohhh, erzähl“, bat Neelie. Sie wandte sich an Russell und erklärte: „Tess ist professionelle Schatzsucherin. Wirklich. Sie ist eine Art moderner Indiana Jones.“

„Nicht ganz“, sagte Tess. „Heute musste ich keine Schlangen abwehren.“ Sie erzählte ihnen von der Entdeckung des Tiffany-Services in Miss Winthers Wohnung. „Wie sich herausstellte, ist sie flohmarktsüchtig und sammelt alles, was ihr in die Finger kommt. Die meisten ihrer Sachen sind wertlos, aber ich habe auch noch ein paar interessante Stücke bei ihr gefunden.“ Sie beschrieb ein Set von Ludwig-Moser-Likörgläsern, den kleinen Holzschnitt, der von Charles H. Richert signiert war, und den Armreif aus Jade aus dem China der Vorkriegszeit. Miss Winther hatte keinerlei emotionale Bindung an die Stücke und sie nur zu gerne dem Sheffield House zur Versteigerung überlassen.

„Verdammt, Mädchen.“ Neelie hob ihren grünen Appletini. „Gute Arbeit.“

Alle an dem langen Tisch hoben ihre Gläser. „Wenn du nicht aufpasst, verdienst du dir noch eine Beförderung“, sagte Jude.

Tess verspürte einen Anflug von Nervosität. Sie wusste, dass sie für eine Stelle in New York im Gespräch war. Was auf mehr als nur eine Weise ein großer Schritt wäre. Es würde sie an die Spitze ihrer Profession katapultieren. Jude betrachtete sie mit einer Mischung aus Respekt und Neid. Irgendwie hatten sie es geschafft, Kollegen zu bleiben, ohne zu Rivalen zu werden.

Als Tess ihn das erste Mal auf einer Auktion in London gesehen hatte, hatte sie sich ziemlich in Jude verguckt. Man traf schließlich nicht jeden Tag einen Mann, der in Oxford studiert hatte und aussah wie ein Kinoheld der Fünfzigerjahre. Doch die Verliebtheit hatte nicht lange angehalten. Schnell hatte Tess erkannt, dass sie einander zu ähnlich waren – scheu, was Beziehungen anging, verwirrt von Menschen, die sich kopfüber in die Liebe stürzten und am Ende verletzt wurden. Irgendwann war zwischen ihnen eine angenehme Freundschaft entstanden. Sie waren Arbeitskollegen, Trinkkumpane und manchmal, während der einsamen Zeiten des Jahres – zum Beispiel an den Feiertagen –, taten sie gemeinsam so, als wäre Einsamkeit gar nicht so schlimm.

„Typisch Tess, in der Speisekammer einer alten Dame ein Vermögen zu finden“, sagte Lydia und kuschelte sich enger an Nathan. Die beiden tauschten einen intimen Blick, dann winkte Nathan den Kellner heran.

Jude nickte. „Tess scheint ein Händchen für alte Damen zu haben. Meine Lieblingsgeschichte von ihr ist die, als sie in einem Klavierhocker zwischen lauter Noten ein von Willie Mays signiertes Programmheft eines Giants-Spiels gefunden hat.“

„Oh ja. Die alte Dame meinte, er wäre so ein netter junger Mann gewesen.“ Bei der Erinnerung daran musste Tess lächeln. „Sie hatte keine Ahnung, dass sie jedes Mal auf einem Schatz saß, wenn sie sich hinsetzte, um ‚You’ll Never Walk Alone‘ zu spielen.“

„Ich schwöre, du bist wie Midas“, sagte Neelie.

Sie lachte. „Hey, sag das nicht. Midas war immerhin der Typ, der alles, was er anfasste, zu Gold machte – einschließlich seines eigenen Kindes.“

„Ich dachte, du magst keine Kinder“, sagte Jude.

„Aber ich mag Cheetos. Was würde wohl passieren, wenn alle meine Cheetos sich in Gold verwandelten?“

„Die Welt würde aufhören, sich zu drehen“, sagte Lydia. „Außerdem magst du sehr wohl Kinder. Du willst es nur nicht zugeben, aus Angst, dann uncool zu wirken.“

„Ich mag Kinder, und ich bin total cool“, sagte Neelie. „Und du kommst da auch noch hin, Tess. Selbst Menschen, die keine Kinder mögen, ändern ihre Meinung, wenn sie erst einmal eigene haben.“

„Hey, sprich nicht für andere“, protestierte Jude. „Pass gut auf, Russell. Hörst du das Ticken? Das ist ihre biologische Uhr.“

Russell legte einen Arm um seine Verabredung. „Ich denke, ich hab sie im Griff.“

„Hey, mich braucht man nicht in den Griff zu kriegen“, beschwerte sich Neelie. „Kuscheln, gerne. In den Griff kriegen – eher nicht.“

Tess’ Handy vibrierte, und sie schaute aufs Display, um zu sehen, wer anrief. Da sie die Nummer nicht kannte, ließ sie die Mailbox rangehen. Siehst du, dachte sie, ich bestehe doch nicht nur aus Arbeit. Ich kann sogar einem vibrierenden Telefon widerstehen.

„Wo wir gerade von tollen Sachen sprechen“, ergriff Nathan das Wort und deutete auf den Kellner, der mit einer Flasche Cristal und einem Champagnerkühler an den Tisch kam.

„Cristal?“, fragte Tess. „Ich wusste gar nicht, dass meine Geschichte so gut war.“

„War sie auch nicht. Aber es gibt andere großartige Neuigkeiten.“ Er stand in dem Moment auf, als zwei ältere Paare gefolgt von ein paar jüngeren Leuten die Bar betraten.

„Was ist hier los?“, wollte Jude wissen.

Mit offensichtlicher Begeisterung stellte Nathan allen seine und Lydias Eltern sowie verschiedene Brüder und Schwestern vor. Familienähnlichkeiten faszinierten Tess. Lydias Schwestern sahen aus wie zwei leicht veränderte Versionen von Lydia; sie hatten die gleichen braunen Haare und Stupsnasen. Nathans Dad war groß und schlank wie sein Sohn. Eine gewisse Aufregung lag in der Luft.

Familien waren das ultimative Rätsel. Sosehr sie Tess faszinierten, so chaotisch und kompliziert erschienen sie ihr. Trotzdem kam sie nicht umhin, sich zu fragen, wie es wohl war, von Leuten umgeben zu sein, mit denen man durch Blut und eine gemeinsame Geschichte verbunden war.

Ihre Freunde waren ihre Familie, ihre Arbeit war ihr Leben, und sie hatte einen Traum für ihre Zukunft. Doch ab und zu schlich sich eine intensive Sehnsucht in ihr Herz, so scharf wie eine dünne Messerklinge.

„Lydia und ich wollten heute alle hier versammeln“, erklärte Nathan. „Unsere Familie und unsere engsten Freunde. Denn wir haben euch etwas zu verkünden.“

„Nein!“ Neelie schlug die Hände vor den Mund, und ihre Augen funkelten vor Vergnügen.

Tess’ Herz schlug schneller, denn mit einem Mal wusste sie, was nun folgen würde.

Nathan strahlte so glücklich, dass Tess meinte, die Wärme seines Lächelns fühlen zu können. „Mom und Dad, Barb und Ed, wir sind verlobt!“ Lydia zog ein kleines grünes Kästchen aus ihrer Tasche und steckte sich den Diamantring an den Finger.

Lydias Mutter quiekte – quiekte –, und die beiden fielen einander mit selig geschlossenen Augen in die Arme. Die Schwestern gesellten sich dazu, und bald machten Umarmungen und Händeschütteln die Runde. Neelie, stets das Organisationstalent, übernahm es, das Datum, den Ort und die Weinliste der Hochzeitsfeier herauszufinden.

Als sie das glückliche Paar betrachtete, merkte Tess, dass ihr Tränen in den Augen brannten und ein Kloß in ihrer Kehle saß. „Herzlichen Glückwunsch, liebste Freundin“, sagte sie zu Lydia. „Ich freue mich so für dich.“

Lydia hielt Tess an den Händen. „Ich konnte es nicht erwarten, es dir zu erzählen. Ist das zu fassen? Ich werde heiraten!“

Tess lachte trotz der Tränen. „Wir haben immer gesagt, Hochzeiten sind etwas für Mädchen, die keine Fantasie haben.“ Sie dachte an die nächtlichen weinseligen Unterhaltungen in ihrem Zimmer im Studentenwohnheim. Was war aus diesen Mädchen geworden? Das Trinken vermisste Tess nicht, aber die Kameradschaft. Obwohl sie sich für ihre Freundin freute, versteckte sich in einer dunklen Ecke ihres Herzens auch ein anderes Gefühl – ein leiser Anflug von Neid.

„Das war, bevor ich wusste, wie sich wahre Liebe anfühlt.“ Lydia warf ihrem Verlobten einen anbetenden Blick zu, doch Nathan hatte sein freudestrahlendes Gesicht gegen eine Flasche Bier eingetauscht und nahm den weiblichen Überschwang der Gefühle gar nicht wahr. „Jetzt bin ich unerträglich. Ich träume in letzter Zeit nur noch davon, ein Nest zu bauen und Babys zu kriegen.“ Sie kicherte, als sie Tess’ entsetzten Gesichtsausdruck sah. „Keine Sorge. Das ist nicht ansteckend.“

„Ich mache mir keine Sorgen. Versprich mir nur, dass du dich auch weiterhin über andere Dinge unterhalten wirst.“

„Natürlich werde ich das. Keine Gespräche über häusliches Familienleben, bis du an der Reihe bist.“

Tess bewunderte den Ring, einen in Platin gefassten Diamanten im Marquiseschliff. Es war erstaunlich, ihre Freundin so stolz diesen Beweis dafür tragen zu sehen, dass sie geliebt wurde und nicht länger alleine war. „Das kann dauern“, sagte Tess. „Ich bin ehrlich gesagt gar nicht scharf drauf, an die Reihe zu kommen.“

„Das sagst du jetzt. Aber warte, bis du den Märchenprinzen triffst.“

„Wenn du ihn siehst, gib ihm gerne meine Nummer.“

Lydia ging, um ihren Schwestern und zukünftigen Familienmitgliedern den Ring zu zeigen. Neelie notierte sich bereits die Kleidergrößen der Angehörigen der Braut. Immer noch ein wenig erschrocken ob der Gefühle, die sich ihrer bemächtigt hatten, tupfte Tess sich die Augen mit einer Serviette trocken.

„Ich stimme dir vollkommen zu“, sagte Jude und gesellte sich zu ihr. „Das ist eine tragische Wendung der Ereignisse.“

„Sei nicht so gemein. Schau dir an, wie glücklich sie sind.“ Sie die sah, wie Lydias Familie sich um sie versammelte – Mom, Dad, zwei ihr ähnlich sehende Schwestern –, und verspürte wieder den Kloß im Hals.

„Schau dich mal an, ganz hingerissen von der Romantik des Ereignisses.“ Jude musterte das glückliche Paar. Lydia und Nathan schienen einander nicht aus den Augen lassen zu können.

Sie seufzte. „Ja, ich schätze, du hast recht.“

„Komm, Delaney. Du hast gerade noch gesagt, dass du gar nicht an die Reihe kommen willst. Und jetzt wirst du hier auf einmal ganz weich und sentimental.“

„Warum nicht? Es gibt viele Menschen, die weiche, sentimentale Sachen mögen.“

„Ja, Menschen in Altersheimen vielleicht.“

„Sei nett.“

„Ich bin immer nett.“

„Dann schenk mir noch ein Glas ein. Ich habe heute auch etwas zu feiern“, erinnerte sie ihn.

Er füllte ihr Champagnerglas auf. „Ach ja. Wir feiern die Tatsache, dass du die Firma um ein Holmström-Original gebracht hast.“

„Sei nicht verbittert. Wir haben dafür ein perfektes Tiffany-Service inklusive Zuckerzange bekommen. Und die ganzen anderen Sachen.“

„Ich hätte lieber alles. Was denkt die alte Lady sich nur? Dass die Kette ihre Mutter aus dem Todeslager der Nazis zurückbringt?“

„Oh, wie wäre es, wenn ich sie genau das frage?“ Tess trank einen Schluck Champagner.

„Okay, tut mir leid. Du hast sicher dein Bestes gegeben.“

„Sie ist eine sehr nette alte Dame. Herzlich und voller toller Geschichten. Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit mit ihr verbringen können. Tu mir bitte einen Gefallen und verschaffe ihr ein Vermögen für das Tiffany-Service.“

„Natürlich. Ich gebe es unserem besten Gutachter. Übrigens, Nathans Bruder hat ein Auge auf dich geworfen.“ Er sah über ihre Schulter.

„Und?“

„Und – bist du frei?“

„Wenn du meinst, ob ich mich im Moment mit jemandem treffe, lautet die Antwort: nein.“

„Was ist aus dem Motorradtypen geworden?“

„Er ist ohne mich in den Sonnenuntergang gefahren“, gab sie zu.

„Und Popeye, der Segler?“

Sie lachte. „Du meinst den Kerl von der Marine? Eldon ist in den Sonnenuntergang gesegelt. Was ist das nur mit Männern und Sonnenuntergängen?“

„Ich sehe, dein Herz ist gebrochen.“

„Oder auch nicht.“ Um das Herz gebrochen zu bekommen, müsste sie es erst einmal jemandem schenken, und dazu war sie nicht bereit. Es war zu gefährlich, und Männer waren zu sorglos. Ihre Mutter und Großmutter waren der beste Beweis dafür. Tess war entschlossen, nicht in dritter Generation eine Verliererin zu werden. Sie wusste, worin sie gut war – in ihrer Arbeit. Da hatte sie die Kontrolle. Sie war erzogen worden, alles fest im Griff zu haben. Doch was Herzensangelegenheiten anging, konnte man nichts kontrollieren. Deshalb fand sie feste Beziehungen beunruhigend, vor allem in Anbetracht ihrer abtrünnigen Freunde, die sich auf einmal auf Ehen und Kinder einließen.

„Ich gebe den Versuch auf, mit deinen Männergeschichten mitzuhalten“, sagte Jude. „Es bleibt ja sowieso keiner lange genug, als dass ich mir den Namen merken könnte.“

„Autsch“, sagte sie. „Touché.“

„Bist du vielleicht eine heimliche Männerhasserin?“, fragte er. „Könnte das dein Problem sein?“

„Guter Gott, nein. Ich liebe Männer.“ Sie senkte den Blick und schaute dann aus dem Fenster. Die Nacht hatte eine Decke aus goldenen Sternen über die Stadt gebreitet. „Ich bin nur nicht sonderlich gut darin, sie zu halten.“

„Sollen wir uns ein Zimmer nehmen und ein paar Stunden wilden Sex haben?“, schlug Jude vor und strich ihr mit dem Finger von der Schulter bis zum Ellbogen.

Sie schlug seine Hand fort. „Spinn nicht rum.“

„Ich bin nur praktisch. Wir sind die Einzigen hier, die nicht vergeben sind, also dachte ich …“

„Was? Wir beide? Wir würden einander zerstören.“

„Mit dir bringt das überhaupt keinen Spaß, Schwester Maria Theresa. Wann wirst du dich endlich von meinem Charme einwickeln lassen?“

„Wie wäre es mit nie?“ Sie leerte ihr Champagnerglas mit einem Schluck. „Würde dir das passen?“

„Du bringst mich um. Na gut. Ich gehe auf die Pirsch, um mein armes lädiertes Ego wieder aufzumöbeln.“ Er gab ihr einen Kuss auf die Wange und schenkte ihr ein freundschaftliches Lächeln. „Bis später, meine Schöne. Ich muss jetzt einen One-Night-Stand organisieren.“

„Okay, das ist deprimierend.“

„Nein. Alleine nach Hause zu gehen ist deprimierend.“ Er machte sich auf in Richtung der stimmungsvoll beleuchteten Bar, an der die jungen Frauen aufgereiht standen wie die Enten am Schießstand.

Tess bezweifelte keinen Augenblick, dass Jude Erfolg haben würde. Was den ersten Eindruck anging, war er einfach unschlagbar. Nicht nur, weil er aussah wie direkt einer Armani-Kampagne entstiegen, sondern auch weil er so eine bestimmte Art hatte, eine Frau anzuschauen, bei der man sofort das Gefühl bekam, der Mittelpunkt seiner Welt zu sein.

Tess durchschaute ihn allerdings. Auf seine Weise war er genauso einsam und beschädigt wie sie.

Sie stellte ihr Champagnerglas ab und trat ans Fenster. In einer klaren Nacht wie dieser war San Francisco einfach magisch. Die Straßenlaternen zogen sich schimmernd wie eine Diamantkette um die Bucht, und der Himmel war so schwarz und weich wie Samt. Die Kabel der Brücken sahen aus wie goldfarbene Girlanden. Boote jeder Größe glitten über das Wasser. Die Hochhäuser ragten auf wie unterschiedlich hohe Goldbarren. Selbst der Verkehr in den Straßen tief unter ihr zog sich wie eine mit Rubinen besetzte Goldkette durch die Stadt. Tess war schon in unzähligen Städten auf der ganzen Welt gewesen. Paris. Johannesburg. Mumbai. Shanghai. Aber San Francisco war ihr immer noch am liebsten. Es war eine Stadt, in der Unabhängigkeit geschätzt und nicht bemitleidet oder als Problem angesehen wurde, das wohlmeinende Freunde sofort meinten, lösen zu müssen.

Sie näherte sich dem frisch verlobten Paar, um sich zu verabschieden. Als sie ihre Freunde so zusammen sah, lächelnd und mit geröteten Wangen, die Augen vor Glück funkelnd, wurde Tess von einem bittersüßen Gefühl ergriffen. Lydia war einer dieser Menschen, bei denen das Leben so leicht aussah. Sie war nicht so naiv, Nathan als perfekt anzusehen. Und doch vertraute sie ihm einfach ihr Herz an. Tess fragte sich, ob man diese Fähigkeit lernen konnte oder ob sie angeboren war.

„Ich mach mich auf den Weg“, sagte sie und zog Lydia in ihre Arme. „Ruf mich an.“

„Na klar. Pass auf dich auf.“

Tess verließ die Bar und stieg in den Fahrstuhl. Die Spiegel waren so angeordnet, dass sie sich bis in die Unendlichkeit spiegelte. Sie betrachtete das Bild – blasse Haut und Sommersprossen, welliges rotes Haar, ein Burberry-Trenchcoat, den sie in Hongkong für den Bruchteil des Preises erstanden hatte, den sie in den USA hätte zahlen müssen.

Sie schaute sich so lange an, dass sie sich selber fremd vorkam. Wie war so etwas möglich?

Aus einem Grund, den sie nicht benennen konnte, schlug ihr Herz auf einmal schneller und hämmerte wie verrückt gegen ihren Brustkorb. Guter Gott, wie viel hatte sie denn getrunken? Ihr Atem wurde flacher, ihre Kehle wurde eng. Sie umklammerte den Handlauf und versuchte, sich gegen den aufkommenden Schwindelanfall zu wappnen.

Vielleicht habe ich mir etwas eingefangen, überlegte sie, als das Gefühl nicht nachlassen wollte, sondern sie den ganzen Weg bis in die opulente Lobby des Hotels begleitete. Nein. Sie hatte keine Zeit, krank zu werden. Das kam überhaupt nicht infrage.

In der Lobby gab es ebenfalls überall Spiegel, und ein Blick hinein verriet Tess, dass sie nicht aussah wie eine Frau, die jeden Augenblick zusammenbrechen könnte. Aber sie fühlte sich so, und das Gefühl trieb sie zur Tür hinaus. Sie eilte in die Nacht hinaus und in Richtung Lower Nob Hill, ihrem Wohnviertel. Sie verzichtete auf ein Taxi. Ein kleiner Spaziergang an der frischen Luft würde ihr sicher guttun.

Ihre Absätze klackerten nervös auf dem Gehweg. Das metallische Kreischen einer Straßenbahn stach ihr in die Ohren. Ihr Blick schwankte zwischen verschwommen und klar, als würde sie durch ein Fernglas schauen und versuchen, die Schärfe einzustellen. Ihr Herz raste immer noch, ihr Atem ging schnell und flach. Vielleicht liegt es am Champagner, dachte sie.

Wenn sie einen Hausarzt hätte, würde sie ihn anrufen. Doch sie hatte keinen. Mein Gott, sie war neunundzwanzig. Ärzte waren etwas für kranke Leute. Sie war nicht krank. Sie hatte nur ab und zu das Gefühl, ihr Kopf würde explodieren.

Sie holte ihr Handy heraus und wählte die Nummer ihrer Mutter, ohne jedoch große Hoffnung zu haben, sie auch zu erwischen. Shannon Delaney reiste irgendwo in Frankreich in der Auvergne herum – einer Gegend, die berühmt war für ihre Geschichte, ihre Weine und ihre Landschaft … und ihr schlechtes Handynetz.

„Hey, ich bin’s“, sagte sie, als die Mailbox sich meldete. „Wollte nur mal hören, wie es dir geht. Ruf mich an, wenn du kannst. Mal sehen, was gibt’s hier Neues? Lydia und Nathan haben sich verlobt, aber das interessiert dich nicht, weil du weder Lydia noch Nathan kennst. Ach ja, und ich habe heute ein komplettes Tiffany-Service gefunden. Und noch ein paar andere Sachen. Also melde dich.“

Sie steckte das Handy weg und fragte sich, wann das zittrige Gefühl wohl wieder vergehen würde. Eine Zigarette, das war’s, was sie jetzt brauchte. Ja, sie war Raucherin. Diesem Laster war sie vollkommen gedankenlos auf ihrer ersten Geschäftsreise nach Frankreich verfallen. Sie wusste, welche schlimmen Nebenwirkungen es für die eigene Gesundheit und die ihrer Mitmenschen hatte. Und natürlich hatte sie vor, eines Tages damit aufzuhören. Bald schon. Aber nicht heute Abend.

Sie stellte sich in den schützenden Eingang eines Hauses und suchte in ihrer Handtasche nach der rot-weißen Packung. Dann kam die wahre Herausforderung – Streichhölzer zu finden. Wie immer herrschte in ihrer Tasche ein heilloses Chaos aus Lippenstiften, Quittungen, Busfahrkarten, Notizen, Informationen über die Fälle, an denen sie gerade arbeitete, und Visitenkarten von Leuten, deren Gesichter sie schon lange wieder vergessen hatte. Außerdem hatte sie immer das Werkzeug ihrer Zunft dabei wie eine Lupe und eine kleine Taschenlampe. Sie stieß sogar auf den kleinen Beutel mit Lavendelscones, den Miss Winther ihr mitgegeben hatte.

Endlich fand sie, was sie suchte – eine Packung Streichhölzer von Fuego, einem trendigen Bistro, in dem sie mal eine Verabredung gehabt hatte. Mit einem Typen, der sie aus welchen Gründen auch immer nie wieder angerufen hatte. Sie konnte sich nicht an ihn erinnern, aber sie wusste noch, dass der Salat mit Birnen und Blauschimmelkäse ein Gedicht gewesen war. Vielleicht war sie deshalb nicht noch mal mit dem Mann ausgegangen; er war nicht so erinnerungswürdig wie der Käse.

Als sie die Zigarettenschachtel öffnete, sah sie, dass nur noch eine Zigarette übrig war. Egal. Vielleicht würde sie morgen aufhören. Sie steckte sich den Filter zwischen die Lippen und zündete ein Streichholz an, das jedoch vom Wind sofort wieder ausgepustet wurde. Sie nahm ein neues.

„Entschuldigung.“ Eine Frau, die einen klapperigen Einkaufswagen vor sich herschob, blieb neben Tess auf dem Bürgersteig stehen. Der Korb war vollgepackt mit Plastiktüten, in denen sich Dosen, ein zusammengerollter Schlafsack, Kleidung und ein handgeschriebenes Pappschild befanden. Vor dem Wagen lief ein kleiner, zerzauster Hund. Seine Knopfaugen fingen den gelben Schein der Straßenlaternen ein, während die Frau den Einkaufswagen quer gegen die ansteigende Straße stellte.

Tess war in dem Hauseingang gefangen. Sie konnte schlecht einfach weitergehen, den Blick abwenden und so tun, als hätte sie die Frau nicht gesehen.

„Hätten Sie vielleicht eine Zigarette für mich?“ Die Frau klang höflich, aber auch sehr erschöpft und ein wenig außer Atem von dem schweren Weg bergauf.

„Das ist leider meine letzte.“

„Ich will ja auch nur eine.“

Resigniert steckte Tess die Zigarette in die Schachtel zurück und reichte sie der Frau. „Hier. Nehmen Sie.“

„Danke“, sagte sie. „Haben Sie auch Feuer?“

„Na klar.“ Sie gab ihr auch noch die Streichhölzer.

Mit stark zitternden Händen steckte die Frau Zigarette und Streichhölzer ein.

„Wie wäre es mit ein paar hausgemachten Scones?“ Tess hielt der Frau den Beutel von Miss Winther hin.

„Sicher. Danke.“ Die Frau nahm sich einen und biss hinein. „Haben Sie die gebacken?“

„Nein. Ich kann weder backen noch kochen. Eine …“ Freundin? „Eine Kundin hat sie gemacht.“ Sie versuchte, sich nicht an dem Gedanken aufzuhängen, dass sie mehr Kunden als Freunde hatte.

„Die schmecken verdammt gut.“ Den letzten Bissen gab sie dem Hund, der sich benahm, als wäre es Manna vom Himmel. „Das findet Jeroboam auch.“ Sie lachte leise, als der Hund an ihr hochsprang, um ihr Kinn abzulecken. „Passen Sie gut auf sich auf.“ Damit schob sie ihren Wagen wieder bergab. „Und Gott segne Sie.“

Tess schaute ihr hinterher und dachte über die Ironie der Worte der Obdachlosen nach. Passen Sie gut auf sich auf.

Sofort war das Unbehagen wieder da. Es überrollte sie mit neuer Kraft, und schnell setzte sie sich in Bewegung, verfiel beinahe in einen Laufschritt, um … ja, um wohin zu gelangen? Und warum die Eile?

„Ganz ruhig“, flüsterte sie im Takt ihres Atems. Sie wiederholte den Satz wie ein Mantra, doch es half nichts. Sie rannte zu ihrem Haus und stocherte einen Moment mit dem Schlüssel im Schloss herum, bevor sie die Tür mit zitternden Händen öffnete. Dann rannte sie durch den leichten Geruch nach Küchendünsten und Möbelpolitur die Treppe hinauf

„Du bist zu Hause“, sagte sie, als sie endlich in ihrer Wohnung angekommen war und sich in dem vertraut chaotischen Apartment umsah. Koffer und Taschen in verschiedenen Stadien des Auspackens lagen und standen überall herum. Wäsche, die gewaschen oder weggeräumt werden musste. Stapel von Büchern und Papieren. Kreuzworträtsel und Arbeitsunterlagen. Sie war so sehr mit Reisen und Arbeiten beschäftigt, dass sie nur selten lange genug daheim war, um aufzuräumen.

Trotzdem liebte sie ihr Zuhause. Sie liebte Altes. Der braune Klinkerbau war ein Überlebender des Erdbebens und Feuers von 1907 und trug stolz eine entsprechende Plakette der Historischen Gesellschaft. Das Gebäude hatte eine gruselige Geschichte – es war einst der Tatort eines Verbrechens aus Leidenschaft gewesen –, doch das machte Tess nichts aus. Sie war nicht abergläubisch.

Die Wohnung war voller Dinge, die sie im Laufe der Jahre zusammengetragen hatte, weil sie ihr gefielen oder sie faszinierten. Es war eine gelungene Mischung aus Erbstücken und Kitsch, deren verbindendes Element darin bestand, dass jedes Stück eine Geschichte hatte. Wie ein Tonkrug, an dessen unterem Rand eine Liebesgeschichte in Bildern erzählt wurde und in dem sie einen Zettel gefunden hatte, auf dem stand: Mögen wir lange laufen. Gilbert. Oder die antike Uhr an der Wohnzimmerwand, deren geschnitzte Ziffern jeweils einem der zwölf Kinder des Uhrmachers nachempfunden waren. Sie mochte das Ungewöhnliche, sofern es einst von jemand anderem geschätzt worden war. Ihre Post quoll aus einer antiken Kiste, die eine Taubenuhr beinhaltete, mit der damals die Flugzeiten bei Brieftaubenwettrennen gemessen worden waren. Eine Messingplakette verriet, dass ein Vater diese Kiste seinem Sohn geschenkt hatte. Tess hängte ihre große Handtasche an einen schmiedeeisernen Geländerknopf, der einst das Treppengeländer in einer Stadtbücherei geziert hatte, die abgebrannt und innerhalb weniger Wochen durch die tatkräftige Hilfe aller Gemeindemitglieder wieder aufgebaut worden war.

Sie fand die Schätze anderer Menschen einfach unglaublich faszinierend. Sie trugen die Scharten und Fingerabdrücke der Geschichte und ihrer ehemaligen Besitzer. Vermutlich hatte Tess diese Leidenschaft entwickelt, weil sie in ihrer Kindheit so viel Zeit in dem Antiquitätengeschäft ihrer Großmutter verbracht hatte. Da ihre eigene Familie nur so klein war, hatte sie sich früher immer vorgestellt, wie es wohl wäre, Geschwister, Tanten und Onkel zu haben … und einen Vater.

Heute Abend boten ihre Schätze ihr jedoch keinen Trost. Sie tigerte auf und ab und wünschte sich, sie hätte das letzte Glas Champagner nicht getrunken. Wünschte sich, nicht ihre letzte Zigarette weggegeben zu haben. Wünschte sich, sie könnte Neelie oder Lydia anrufen, ihre besten Freundinnen. Doch Lydia war ganz mit ihrer Verlobung beschäftigt, und Neelie hatte einen neuen Freund. Tess brachte es einfach nicht über sich, ihnen den fröhlichen Abend mit einem lächerlichen Hilferuf kaputt zu machen.

„Ja, du bist lächerlich, das bist du“, sagte sie zu ihrem Spiegelbild. „Es gibt überhaupt nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest. Was, wenn du wirklich in Schwierigkeiten stecktest? Was, wenn es dir so ginge wie den Winthers im von Nazis besetzten Dänemark? Das wäre etwas, worüber man sich den Kopf zerbrechen könnte.“

Dann dachte Tess an die Bettlerin, die vermutlich auch Sorgen hatte, und doch der Welt mit erschöpfter Akzeptanz entgegentrat. Sie schien mit den Scones und dem Hund zufrieden gewesen zu sein. Vielleicht sollte ich mir auch einen Hund zulegen, dachte Tess. Aber nein. Sie reiste zu viel, um sich auch nur um einen Farn zu kümmern, geschweige denn um einen Hund.

Doch egal, wie sehr sie sich auch bemühte, das Hämmern ihres Herzens in der Brust zu ignorieren, sie konnte ihm nicht entkommen. Das war das Einzige, wovor sie bisher noch nicht hatte weglaufen können – vor sich selbst.

3. TEIL

Meine Liebste, nimm ein wenig Lavendel oder, besser noch,

einen Fingerhut voll Wein;

deine Lebensgeister sind sehr schwach, meine Süße.

John O’Keeffe, A Beggar on Horseback, 1798

Lavendel-Scones

2 Tassen Mehl

½ Tasse Haferflocken

1 TL Backpulver

½ TL Backnatron

½ TL Meersalz

¼ Tasse Butter

1½ TL Lavendelblüten, frisch oder getrocknet

1 geschlagenes Ei

Tasse Honig

½ Tasse Buttermilch

1 TL Vanille

Ofen auf 200 °C vorheizen. Mehl mit Haferflocken, Backpulver, Backnatron und Salz vermischen. Butter in Flocken und Lavendelblüten hinzugeben. In die Mitte eine Mulde drücken und dort das Ei, den Honig, die Buttermilch und die Vanille hineingeben. Verrühren, bis sich alles vermischt hat. Mit bemehlten Händen den Teig zu einer etwa 2,5 cm dicken Rolle formen und in acht Stücke schneiden. Die Scones für 12–15 Minuten backen, bis sie goldbraun sind. Mit Butter und Honig servieren.

(Quelle: Adaption vom Herb Companion Magazine)

3. KAPITEL

Archangel, Kalifornien

Er wanderte am Highway entlang“, sagte Bob Krokower mit Blick auf den langbeinigen Schäferhundmischling am Ende der Leine. „Fay und ich dachten, Charlie wäre ein schöner Gefährte für unseren Ruhestand, aber wie sich herausstellt, passen wir nicht wirklich gut zusammen.“

Dominic Rossi betrachtete die riesigen Pfoten und die schelmisch funkelnden Augen des großen Junghundes. Dann schaute er wieder Bob an, seinen Bankkunden, der inzwischen auch ein Freund war und der den Hund quer über das Feld und den Angel Creek, der zwischen ihren Häuser verlief, hierhergezerrt hatte. „Ich habe schon zwei Hunde“, sagte er. „Iggy und Dude.“ Beide stammten ebenfalls aus der Tierrettung. Einer war ein verrücktes kleines italienisches Windspiel aus einer Massenzucht, und in dem anderen hatten so viele Rassen mitgemischt, dass Dominic sich manchmal nicht sicher war, ob es sich überhaupt noch um einen Hund handelte.

„Wir können ihn nicht behalten. Wir fahren heute übers Wochenende mit den Enkelkindern weg. Er ist sehr freundlich.“ Bob rückte seine Baseballkappe zurecht. „Hier ist ein großer Futtersack. Der Junge kommt gut mit anderen Hunden zurecht. Und auch mit Kindern. Er liebt Kinder. Er kommt nur nicht mit Rentnern klar.“

Dominic hatte für den heutigen Tag eine meterlange Liste mit Dingen, die zu erledigen waren. Darunter die Kinder von seiner Exfrau abholen. Von der Rettung eines Streuners hingegen stand nichts darauf. Wie immer war er früh aufgestanden und hatte den Tag mit einer Runde durch seinen Weinberg begonnen. Trauben anzupflanzen und Wein zu keltern war seine Leidenschaft, aber er war weit davon entfernt, davon leben zu können. Er musste es zwischen seine Arbeit und seine Pflichten als alleinerziehender Vater quetschen und wechselte die Rollen inzwischen mühelos.

„Hör mal“, sagte Bob, „wenn du ihn nicht nehmen kannst, kann ich ihn bestimmt zum Tierheim in Healdsburg bringen und …“

Dominic schaute in die braunen Augen des Tieres, obwohl er wusste, ein Blick in die treuen Augen eines Hundes reichte, und es war um einen geschehen. Genauso wie jetzt. „Lass ihn hier. Mir fällt schon was ein.“

Bob drückte ihm die Leine in die Hand. „Du kannst wirklich gut mit Hunden und Menschen umgehen. Ich bin sicher, er lebt sich hier ganz schnell ein. Dank dir tausendmal, Dominic.“

Nachdem er den Hund in guten Händen wusste, machte Bob sich wieder auf den Weg. Dominic schaute ihm hinterher. Bob kannte ihn einfach zu gut. Er wusste, dass Dominic Rossi Schwierigkeiten hatte, das Wort Nein auszusprechen. „Charlie, hm?“, sagte er zu dem Hund. „Du siehst mir nach einem ganz schönen Kaliber aus, aber ich werde ein Zuhause für dich finden. Da fällt mir gerade ein, ich habe den Wagners noch gar kein Geschenk zu ihrem Einzug vorbeigebracht.“ Kurt Wagner hatte sich gerade für ein Darlehen qualifiziert, das aus einem Programm stammte, das Dominic in der Bank eingeführt hatte. Es unterstützte Veteranen beim Hauskauf. Vielleicht wäre Kurt bereit, dem Hund ein Zuhause zu geben. Wobei, sehr wahrscheinlich war das nicht. Kurts Frau war schwanger, da wäre ein noch nicht ausgewachsener Vierbeiner vermutlich zu viel.

Nachdem er sichergestellt hatte, dass die Leine ordentlich am Halsband befestigt war, ließ Dominic seinen Blick über die sanften Hügel des Johansen-Grundstücks schweifen. Die Apfelbäume von Bella Vista zogen sich in geraden Reihen über einen in der Ferne liegenden Kamm, der an Dominics Besitz grenzte. Die Ernte müsste inzwischen in vollem Gange sein, doch auf Magnus’ Plantage war es seltsam still, und es war keine Menschenseele zu sehen.

Der Gedanke an Arbeit erinnerte ihn daran, dass er sich besser auf den Weg machte. Er atmete noch einmal die klare Morgenluft ein und ermahnte sich, dankbar zu sein für das Leben, das er hatte. Selbst wenn es nicht das Leben war, das ihm für sich vorgeschwebt hatte. Seine Karriere als Navypilot war vorbei gewesen, als eine Mission zu einem Unglück geführt hatte. Jetzt war er alleinerziehender Vater hier in Archangel, dem Ort, in dem er inmitten der sonnenverbrannten Felder und Weinberge aufgewachsen war. Ein Platz für Träumer und Künstler, für Farmer und Familien. Die wilde, trockene Landschaft durchzogen Straßen, die von knorrigen alten Eichen gesäumt waren und zu einer Bilderbuchstadt voller kleiner Läden und Cafés führten. Es war nicht das Schlimmste, wieder hier zu sein. Er konnte Wein anbauen und herstellen, etwas, wovon er schon lange geträumt hatte, auch wenn sein Tag nicht genügend Stunden hatte, um sich mit vollem Herzen darum zu kümmern. Das Leben war im Großen und Ganzen gut – solange er sich auf die Dinge konzentrierte, die er hatte, und nicht auf die, die er vermisste.

Charlie gähnte laut und leckte sich über die Lefzen.

„Ich weiß, Kumpel. Überlegen wir mal, was wir mit dir machen.“ Er dachte erneut an Magnus und dessen Enkelin Isabel. Vielleicht war es auf der angrenzenden Plantage so leise, weil Magnus’ Geldprobleme sich zugespitzt hatten. Mit einem Gefühl, als wäre er der Sensenmann persönlich, hatte Dominic seinem ältesten und liebsten Kunden vor Kurzem persönlich einen Brief überreichen müssen. Bei der Erinnerung an das schwierige Gespräch zuckte er immer noch zusammen.

„Es tut mir leid. Ich habe alles getan, um es aufzuhalten oder wenigstens hinauszuzögern.“

„Ich weiß. Du hast mir ein paar zusätzliche Jahre verschafft.“ Der alte Mann hatte einen beinahe philosophischen Gesichtsausdruck zur Schau getragen. In seiner Miene lag nicht der Hauch von Angst.

Dominic hatte die Zwangsvollstreckung so lange wie möglich aufgeschoben, bis die Bank, für die er arbeitete, von einer anderen Bank übernommen wurde. Die neue Bank – ein weltumspannender Koloss – war nicht so verständnisvoll gewesen. „Verdammt. Ich hasse diese Seite des Geschäfts, aber ich habe zwei Kinder und kann nicht riskieren, meinen Job zu verlieren.“

„Ich verstehe das. Ich finde schon eine Lösung.“

Dominic dachte, dass es für Magnus keine Lösung mehr gab, doch das behielt er für sich.

Wie immer dachte Magnus an sich selbst zuletzt. „Was mit deiner Familie passiert ist, tut mir sehr leid, Dominic.“

Dominic nickte. „Danke.“

„Wir beide haben jetzt mal ein wenig Glück verdient, oder?“

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

„Ich verstehe das.

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