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Der Duft von Ambra

AKKON
1189

 

Um diese frühe Morgenstunde lag das Städtchen Akkon noch im tiefen Schlaf. Kein Geräusch war zu hören, kein Vogel zwitscherte im Baum. Selbst aus dem Hafen, einem der größten und betriebsamsten des Mittelmeeres, war zu dieser Stunde kein Laut vernehmbar. Jezabel konnte in der Ferne das Rauschen des Meeres hören. Während des Tages, im hektischen und lärmenden Treiben des Bazars mit seiner Vielzahl an Händlern und Kunden, war das ferne Donnern der Wellen an den Strand kaum wahrnehmbar. Doch in den ersten Stunden des neuen Tages herrschten Frieden und Ruhe in den Gassen und auf den Plätzen der Hafenstadt.

Jezabel, die sich in ihrem Schlafgemach unbeobachtet fühlte, gähnte und reckte sich ungeniert. Noch hatte sie die Trägheit des Schlafes nicht ganz abgeschüttelt, doch die Neugierde auf den lang erwarteten Besucher trieb sie aus dem Bett. Sie lief in den Hof ihres Elternhauses, um sich Hände und Gesicht zu waschen. Als sie sich über die Wasserschale beugte, hielt sie einen Moment inne und betrachtete aufmerksam ihr Spiegelbild. Obwohl ihr zartes Mädchengesicht so ruhig und unschuldig wirkte, konnte der aufmerksame Betrachter an dem trotzigen Ausdruck der Augen erkennen, dass die junge Frau etwas Rebellisches in sich trug, das ihre vermeintliche Scheu und Zurückhaltung Lügen strafte.

Nur in der Abgeschiedenheit des Hauses war es den Frauen erlaubt, das Gesicht unverhüllt zu zeigen, verlangten doch Sitte und Anstand, vor Fremden stets das Gesicht zu bedecken. Selbst Jezabel hätte es nicht gewagt, sich ohne Gesichtsschleier vor der Tür zu zeigen. Und sollte der Vater es ihr wirklich erlauben, heute bei den Verkaufsverhandlungen mit dem persischen Kauffahrer anwesend zu sein, würde sie sich vom Scheitel bis zu den Füßen in einen blickdichten Schleier hüllen müssen, damit kein Fremder einen unerlaubten Blick auf ihr reizendes Antlitz oder ihre wohlgeformte Gestalt erhaschen konnte.

So lange wartete ihr Vater nun schon auf die Karawane, die den heißbegehrten Ambra von den Küsten des Indischen Ozeans durch Persien und Mesopotamien bis an die Strände des Mittelmeeresbrachte. Ambra war kostbarer und teurer als Gold und nur die wenigsten Menschen wussten der unscheinbaren, grauen und wachsartigen Masse ihren berauschenden Duft zu entlocken. Doch unter den magischen Händen von Moses verwandelten sich die unansehnlichen, grauen Klumpen in feinstes Öl und zarteste Salben, die bei den Odalisken im Harem des Sultans Saladin, bei seinen Beamten und selbst bei den wohlhabenden Kaufleuten der Stadt reißenden Absatz fanden. Am gestrigen Abend war nun endlich der Bote mit der von Moses so lange erhofften Nachricht eingetroffen. Die Händler und ihre Kamele waren nach monatelanger Reise in der Karawanserei von Akkon angekommen, im Gepäck die Substanz, auf die der Alchemist und Parfümeur mit unendlicher Geduld gewartet hatte.

Noch in Gedanken an das bevorstehende Treffen versunken, beendete Jezabel ihre Waschungen. Leise öffnete sie eine unscheinbare Tür und schlüpfte in das väterliche Labor. Trotz der herrschenden Dunkelheit fand sie sich mühelos zwischen den Mörsern und Destillierkolben zurecht. Ihre tastende Hand fand das gesuchte Salbgefäß und öffnete vorsichtig den Deckel. Sofort verbreitete sich ein würziger Duft in dem engen Gemach, leicht holzig, ein wenig nussig und sehr intensiv. Mit dem kleinen Finger fuhr das Mädchen in den Tiegel, entnahm eine winzige Menge Salböl und tupfte sich diese hinter die Ohren und auf die Innenseite der Handgelenke, direkt dorthin, wo der Herzschlag pulsierte. Dann führte sie die Hand zur Nase, schnupperte und schloss genießerisch die Augen. Ambra, der süße Duft der Götter. War es zu glauben, dass dieser göttliche Wohlgeruch tatsächlich der Magenausscheidung eines Tieres entsprungen sein sollte, eines Pottwals, wie ihr Vater nicht müde wurde zu erzählen. Sie konnte sich nichts unter einem Pottwal vorstellen, wusste aber, dass diese riesigen Geschöpfe im weit entfernten Meer jenseits der Säulen des Herkules lebten, dass die Seeleute die Meeresbewohner wegen ihrer enormen Größe fürchteten und berichteten, dass sie Sirenengesänge von sich gaben, die die Seefahrer mit Teufelszauber in ihren Bann zogen, sodass diese nicht mehr in der Lage waren, auf die Gefahren der Gewässer zu achten. Schon so manches Schiff war auf diese Weise zu Schaden gekommen und schon so mancher Kauffahrer hatte auf diese Weise seine gesamte Ladung verloren. Doch obwohl diese Kreaturen so grauenerregend und furchteinflößend waren, kam die Ambra aus ihren mächtigen Leibern, ausgeschieden durch die weit aufgerissenen Mäuler der Meeresriesen. Allerdings war Jezabel nicht sicher, ob die Geschichten der Wahrheit entsprachen oder ob es sich um Seemannsgarn handelte, Märchen, die die Karawanenführer von Matrosen übernommen hatten, die sich einen Spaß daraus machten, ihre ahnungslosen Zuhörer mit unglaublichen Geschichten in ihren Bann zu ziehen, um so in den Genuss des einen oder anderen Becher freien Weins zu kommen.

Und heute also wurde der Ambra-Händler in ihrem Elternhaus erwartet. Neben den begehrten Waren würde er vor allem erstaunliche Geschichten aus fremden Ländern mitbringen, Erzählungen über die Herkunft der rätselhaften Substanz und über die mystischen Tiere, die den wundersamen Stoff produzierten. Er würde in blumigen Worten über die unendlichen Strapazen der langen Reise berichten, über in der Hitze der Wüste vergossenen Schweiß und unmenschliche Mühen, um so den Preis für seine Ware in schwindelerregende Höhen zu treiben. Preise, bei denen jede Unze Ambra in reinem Silber aufgewogen wurde. Jezabel wollte alles daran setzen, um dabei sein zu dürfen, wenn der Mann seine Schätze vor ihrem Vater ausbreitete, sie wollte hören, wie um jedes Stück Ambra und um jedes Silberstück erbittert gefeilscht wurde.

„Tochter, was tust du hier?“

Erschrocken wirbelte sie herum, den offenen Salbtopf noch in der Hand.

„Vater! Du bist schon wach!“

Ertappt schaute sie auf den kleinen Mann, der an der offenen Tür stehengeblieben war.

„Ich wollte nur … Ich dachte … Ich wusste nicht, dass du zu dieser Stunde schon auf den Beinen bist, Vater!“

Mit wenigen Schritten war er bei ihr, der dunkle Kaftan umwehte seine dünnen Beine, das Gesicht war in ärgerliche Falten gelegt, jede Regung seines Körpers drückte Unmut aus. Rasch hatte er ihr das Gefäß aus der Hand genommen und mit einem ärgerlichen Schnauben verschloss er den Tiegel.

„Bist du eine Prinzessin, dass du dich mit Ambra und Moschus salbst? Was fällt dir ein, du Närrin? Diese Lotion ist für die Valide Sultan, die erhabene Mutter unseres gnädigen Sultans, bestimmt und hier erwische ich dich mit den Fingern in ihrem Salbtopf! Willst du, dass sie meinen Kopf von ihrem Sohn fordert, weil du deine Eitelkeit nicht bezwingen kannst und dich an ihrem Salböl bedienst?“

„Aber das wird die Valide Sultan doch nicht erfahren, Vater! Es war doch nur ein Hauch, nur eine winzige Menge.“

Kleinlaut war sie nun geworden, denn wenn sie durch ihr unbedachtes Verhalten den Vater verärgerte, wie sollte sie dann seine Erlaubnis erwirken, bei dem Gespräch mit dem persischen Kauffahrer anwesend zu sein?

Sorgfältig wischte Moses das reich verzierte Töpfchen an seinem Gewand ab und stellte es vorsichtig an seinen Platz zurück.

„Was treibst du zu dieser Zeit im Laboratorium? Es ist noch nicht einmal vier Uhr morgens. Warum liegst du nicht auf deiner Lagerstatt und schläfst?“

„Du erwartest doch heute den Händler, der gestern mit der Karawane eingetroffen ist. Oh, bitte, Vater, lass mich bei dem Treffen dabei sein! Lass mich bei euren Verhandlungen zuhören! Ich werde ganz still sein und euch nicht stören! Aber lass’ mich anwesend sein, wenn der Mann hier erscheint!“

Flehend sah das Mädchen ihren Vater an, hatte sogar, ohne es zu merken, die gefalteten Hände in einer Geste des Bittens zu ihm erhoben. Unter ihrem flehenden Blick glättete sich der Ärger im Gesicht des Alchemisten, mit einem leichten Lächeln strich er ihr über den rötlich glänzenden Scheitel.

„Warum nur hängt dein Herz so sehr an diesem Treffen? Ist es nicht langweilig für eine junge Frau, zwei alte Männer bei ihren Geschäften zu beobachten? Was versprichst du dir davon, Kind? Der Händler hat kein Geschmeide im Gepäck, keinen kostbaren Schmuck und edlen Wirkwaren, Bänder, Seiden oder Tücher, die das Herz eines jungen, schönen Geschöpfes, wie du es bist, erfreuen könnten. Er wird hier in Begleitung seines riesigen nubischen Sklaven erscheinen, in ärmlicher, unauffälliger Kleidung, um nur kein Aufsehen zu erregen, damit niemand auf den Gedanken kommt, dass er in dem alten Tuchbeutel, den er mit sich führt, weit größere Schätze als Gold oder Edelsteine verbirgt. Er wird den Nubier vor der Tür postieren, damit uns niemand bei unserer Tätigkeit stören kann und wird dann umständlich und unter lautem Anrufen seines Gottes Allah die grauen und schwarzen Brocken aus dem Beutel holen und sie voller Lobesworte vor mir ausbreiten. Schließlich wird er so viel Silber von mir verlangen, dass uns in den nächsten Wochen und Monaten kaum etwas zum Leben bleiben wird …“

Seufzend schüttelte der Alchemist den Kopf und sein Gesicht nahm einen tragischen Ausdruck an.

„Und trotzdem, Vater, lass mich dabei sein, wenn er dir seine Ware anbietet! Nichts könnte mich mehr erfreuen! Er wird von fremden Ländern erzählen, davon, wie die Fischer die Brocken im Wasser treibend oder am Strand liegend gefunden haben. Er wird von den Abenteuern berichten, die diese Menschen mit den Ambra-Erschaffern erlebt haben, mit diesen gefährlichen Kreaturen, die in Gewässern leben, die in unendlicher Ferne liegen.“

Vor Aufregung hatten sich Jezabels Wangen gerötet und ihre grünen Augen glitzerten im fahlen Morgenlicht, das durch den hohen Fensterschlitz fiel, wie die einer Katze.

„Nun gut, wenn dir soviel daran gelegen ist, dann soll es sein! Aber du hältst dich verborgen, verhüllst Gesicht und Gestalt und bleibst hinter diesem Vorhang hier für unseren Besucher unsichtbar. Er soll nicht einmal ahnen, dass du in der Nähe bist!“

Während er sprach, hatte der Vater einen Vorhang im hinteren Bereich des Laboratoriums zur Seite gezogen und deutete in die Dunkelheit.

„Dort wirst du sitzen und schweigen, keinen Laut von dir geben und nur zuhören! Du wirst heute viel Neues hören und lernen, denn niemand weiß so viel über Ambra und Moschus zu erzählen wie unser Gast.“

„Oh Vater, ich danke dir! Du bist so gut; du verstehst mich wie kein anderer! Es ist so langweilig eine Frau zu sein und immer nur im Haus und in der Küche gefangengehalten zu werden. Wie gerne wäre ich ein Mann und würde auf große Fahrt gehen, Abenteuer in fremden Ländern erleben und immense Reichtümer anhäufen!“

„Jezabel!“

Entsetzt hob der Vater die Hände um dem Redefluss seiner Tochter Einhalt zu gebieten.

„Wie kannst du nur solche unsäglichen Wünsche äußern! Wenn dich jemand hörte! Was ist denn bloß in dich gefahren? Bist du mit deinem Leben in meinem Haus etwa nicht zufrieden?“

Doch schon hatte das Mädchen seine Hand an ihren Mund gezogen und drückte einen innigen Kuss auf den Handrücken.

„Doch, Vater, ich bin zufrieden, hier mit dir leben und dir bei deiner Arbeit zur Hand gehen zu können, aber mein Leben als Frau ist so sehr eingeschränkt. Und das bedrückt mich. Nicht immer; aber wenn ein Reisender wie dieser Händler erwartet wird, dann wird in mir der Wunsch nach fremden Ländern und weiten Reisen wach. Dann würde ich am liebsten auf und davon gehen!“

Mit diesen Worten war sie aus dem Zimmer gewirbelt und ließ einen sprachlosen Moses zurück, der ihr kopfschüttelnd hinterher sah. Sorgfältig verschloss er die Tür und wandte sich seiner Pflanzenpresse zu, um mit dem Ärmel sorgsam das letzte Stäubchen von der blitzblanken Apparatur zu wischen.

Währenddessen war Jezabel in den kleinen Raum hinter der Küche geeilt, in dem ihre Strohmatratze lag. Obwohl ihr Vater als der wohlhabendste Alchemist und Hersteller von Duftölen in Palästina galt, gab es in seinem Haus keinen unnötigen Luxus. Jezabel, die sonst oft die Nase über ihre armselige Schlafstatt rümpfte, schien heute nicht zu bemerken, dass die harten Halme den dünnen Stoff ihres Gewandes durchdrangen und sie in Arme und Beine stachen, als sie sich auf den Strohsack warf. Noch immer raste ihr Puls vor Aufregung darüber, dass sie ihrem Vater die Erlaubnis abgerungen hatte, bei seinen Verhandlungen um die kostbare Ambra dabei zu sein – wenn auch unsichtbar hinter einem Vorhang verborgen.

Doch jetzt musste sie sich zuerst um ihre hausfraulichen Pflichten kümmern, wenn sie nicht den mütterlichen Unmut auf sich ziehen wollte. Sie band ihr langes Haar zusammen, steckte es mit zwei Haarnadeln fest und legte ein dünnes Tuch darüber, um ihre dunklen Strähnen zu verbergen. Dann eilte sie in die Küche, kniete vor der Feuerstelle nieder, reinigte sie von Ruß und Asche und entfachte mit wenigen geschickten Griffen ein Feuer, aus dem schon bald die Flammen hell züngelten. Dann richtete sie sich auf, ergriff die beiden Wassereimer und machte sich auf den Weg zum öffentlichen Brunnen, um dort Wasser zu schöpfen. Zu dieser frühen Stunde war die Wasserstelle noch nicht von schwatzenden Frauen umlagert, die sich den neuesten Klatsch aus dem Viertel erzählten und unendlich viele Geschichten von Geburt, Heirat und Tod zu berichten wussten. Jezabel, die sonst gerne allen Neuigkeiten lauschte, war froh, dass sie nicht durch das laute Plappern der anderen Frauen aufgehalten wurde, sondern sich sofort nach dem Befüllen der Eimer auf den Heimweg machen konnte. Ihre Mutter wurde immer ärgerlich, wenn sie zu viel Zeit beim Wasserholen vertrödelte, aber heute würde ihr Jezabel keinen Anlass zum Tadeln geben. Obwohl ihr Vater durchaus in der Lage wäre, sich einen oder sogar mehrere Sklaven zu leisten, lehnte er dies strikt ab, sodass Jezabel und ihre Mutter sich nicht über fehlende Arbeit beklagen konnten. Das Haus war klein, aber die beiden Frauen waren den ganzen Tag mit dem Waschen und Ausbessern der Kleidung, der aufwändigen Zubereitung koscherer Mahlzeiten, die vor allem am Schabbat besonders reichhaltig ausfielen, und mit der Reinigung von Haus und Hof, die zu jeder Zeit in fleckenloser Sauberkeit glänzten, beschäftigt. Die wenigen freien Stunden, die Jezabel bei ihren vielen hausfraulichen Pflichten verblieben, verbrachte sie am liebsten im Laboratorium ihres Vaters, um jeden seiner Handgriffe mit aufmerksamen Augen zu verfolgen und jeden seiner Ratschläge begierig aufzunehmen. Viel zu selten überließ ihr der Vater für kurze Zeit seinen Platz am Destillierapparat, um sie Schritt für Schritt bei der Herstellung der duftenden Kostbarkeiten anzuleiten. Meist übernahm er selbst nach kurzer Zeit wieder die Handhabung der fragilen und unersetzlichen Gerätschaften und verwies seine Tochter auf den Platz der Zuschauerin, die ihn mit ihren endlosen Fragen zu Material und Verarbeitung manchmal derart zur Verzweiflung trieb, dass er sie mit einigen scharfen Worten aus dem Raum wies. Doch insgeheim war er sehr stolz auf diese Tochter, die mit ihrer Schönheit und Intelligenz alle anderen jungen Frauen des jüdischen Viertels in den Schatten stellte. Ein Sohn, der seine Nachfolge antreten und der erfolgreichste Alchemist des Landes werden konnte, war ihm nicht vergönnt gewesen, aber wenn er Jezabel, seine entzückende, feingliedrige, eigensinnige Jezabel ansah, die ihn mit ihrem wachen Geist und ihren bohrenden Fragen tagtäglich herausforderte und aufs Neue entzückte, dann war die tiefe Enttäuschung vergessen, die er bei ihrer Geburt durchlebt hatte. Nun war er glücklich über jeden Tag, den er an ihrer Seite verbrachte und beobachten konnte, wie sie wuchs und gedieh und sich von einem lebhaften, wissbegierigen Kind zu einer liebreizenden, klugen Frau wandelte. Mit ihren fast sechzehn Jahren kam sie ins heiratsfähige Alter und schon hatten Mütter von ehewilligen Junggesellen bei Jezabels Mutter angefragt, wie es mit einer Heirat stünde. Bisher hatte die Mutter auf das jugendliche Alter der Tochter verwiesen und so die erwartungsvollen Bewerber auf Abstand gehalten. Denn das war das Letzte, was Jezabel wollte: Sich einem Mann auszuliefern, der sie als sein Eigentum betrachten und sie in seinem Haus festhalten würde. Nie mehr würde sie dann am Arbeitstisch ihres Vaters stehen und aufmerksam jedem seiner Worte lauschen, die sie in die Geheimnisse der Duftherstellung einweihten. Nein, sie wollte nicht heiraten, sondern lernen ätherische Öle, zarte Lotionen und samtige Salben mit erlesenen Aromen herzustellen, die sie genauso wohlhabend und berühmt wie ihren Vater machen sollten. Doch dass dieser Wunsch für sie jemals in Erfüllung gehen würde, daran hatte selbst Jezabel die größten Zweifel.

Unendlich langsam zog sich der Vormittag dahin. Schon stand die Sonne hoch am Himmel und kündete mit stetig wachsender Hitze von der bevorstehenden Mittagsstunde. Noch immer war der Händler nicht erschienen, sooft Jezabel auch vor die Haustür getreten und nach ihm und seinem nubischen Diener Ausschau gehalten hatte. Gerade eben wollte sie wieder ins Haus zurückkehren, als sie am Ende der Gasse einen blendendweißen Turban bemerkte, unter dem ein ebenholzschwarzes Gesicht leuchtete. Der Nubier überragte um mehr als eine Haupteslänge alle anderen Passanten und war selbst in der Hafenstadt Akkon von unübersehbarer Exotik, obwohl man dortan Besucher aus aller Herren Länder gewohnt war. Stolz schritt er hinter einem mittelgroßen Mann unbestimmten Alters, der einen unauffälligen braunen Umhang über den Schultern trug und raschen Schrittes auf das Haus des Juden Moses zuging. Leichtfüßig sprang Jezabel über die Türschwelle zurück ins Haus und eilte zum Laboratorium des Vaters. Im Vorübergehen ergriff sie ihren Schleier und legte ihn sich über Haar und Gesicht, während sie durch die Tür schlüpfte und den ihr vom Vater zugewiesenen Platz hinter dem Vorhang einnahm. Keine Sekunde zu früh, denn schon hörte sie lautes Klopfen an der Haustür und eine rauhe Stimme, die in einer fremdartigen Mundart Einlass begehrte. Die Stimme des Vaters antwortete, dann wurden die Besucher eingelassen und einen kurzen Augenblick später betraten die Männer den Raum. Jezabel, verborgen in ihrem Versteck, hielt gespannt den Atem an.

„Da seid Ihr also, Asad Narmin!“, vernahm sie die Stimme des Vaters. „Seid willkommen in meinem Haus! Hattet Ihr eine gute und sichere Reise? Schon seit langem warte ich auf Euch.“

„Allahs Friede sei mit Euch, Moses Elijah!“, erklang die rauhe Stimme. „Erst gestern bin ich mit der Karawane in Akkon angekommen und bereits mein erster Weg führt mich in das Haus meines alten Freundes Moses. Es war eine weite Reise vom Ufer des Narmada-Flusses nach Palästina, doch ich weiß, dass Ihr dringlich auf mich und meine Ware gewartet habt.“

„Sicher seid Ihr erschöpft, Asad! Ich werde Euch Erfrischungen bringen lassen. Berichtet doch in der Zwischenzeit ein wenig über Eure Reise.“

Jezabel hörte die leichten Schritte des Hausherrn, dann seine Stimme, die nach Wasser, Wein und Früchten rief. Vorsichtig zog sie den Vorhang ein Stückchen zur Seite, um einen Blick in den Raum zu erhaschen. Der Fremde saß mit dem Rücken zu ihr, seine Schultern kraftlos nach vorn gesunken, den Kopf mit der grauen Mähne auf eine Hand gestützt. Sein schwarzer Diener war nirgends zu sehen, wahrscheinlich hielt er vor der Tür Wache, damit kein Unbefugter es wagte, seinen Herrn zu stören. Schon kam Moses mit einem Krug Wein und einer Schale zurück und stellte sie vor seinen Gast auf den Tisch, der jedoch mit müder Geste abwinkte.

„Ich danke Euch für Eure Gastfreundschaft, doch ich bin wie betäubt vor Müdigkeit und meine Knochen und Glieder schmerzen von den Strapazen des langen Rittes. Es war eine beschwerliche Reise von der Straße von Hormuz über Shiraz und Bagdad nach Akkon, über schneebedeckte Berge und durch sonnendurchglühte Wüsten. Wind und Wetter haben uns zugesetzt und wir mussten Angriffe von Räuberbanden abwehren. Einer meiner Diener wurde bei einem Überfall erschlagen und die Diebe erbeuteten eine Kiste mit edelstem Weihrauch. Schon der Verlust der kostbaren Ware hat mich schwer getroffen, doch besonders leide ich darunter, meinen Diener verloren zu haben. Er war ein Kind von acht Jahren, als ich ihn auf dem Sklavenmarkt von Fés erstanden habe, ein junger Franke aus adligem Haus, dessen Schiff auf der Fahrt von Venedig nach Sizilien von Piraten gekapert wurde. Er ist mir in all den Jahren, die er bei mir lebte, sehr ans Herz gewachsen, denn er war von angenehmem Wesen und sehr anstellig. Diese Erlebnisse haben mich doch sehr mitgenommen und deshalb bitte ich Euch, lasst uns unsere Geschäfte erledigen, damit ich mich auf meinem Lager in der Karawanserei ausstrecken und erholen kann. Nur Euer Wunsch, mich gleich nach meiner Ankunft zu sehen, hat mich heute hierher getrieben.“ Ein tiefer Seufzer begleitete die Worte des Händlers.

„Und Euer Wunsch, mich sobald als möglich meines hart erarbeiteten Silbers zu berauben, mein Freund“, murmelte der Alchemist.

„Wenn Ihr es so seht … Ich kann meine Ware auch einem anderen Alchemisten anbieten!“, fuhr der eben noch so erschöpfte Kauffahrer beleidigt auf.

„Lasst es gut sein, Asad! Wir wissen doch beide, was wir einander wert sind! Ich will Eure Ware, Ihr mein Silber – und wir werden beide das Gewünschte erhalten. Nun lasst sehen, was Ihr mir mitgebracht habt!“

Aufgeregt rieb sich Moses die Hände. Der Kauffahrer hatte seinen Tuchbeutel geöffnet und kramte aus dessen Tiefen unförmige und unansehnliche Brocken hervor, die er einen neben den anderen vor sich auf den Holztisch legte. Schließlich lagen fünfzehn Stücke von verschiedener Größe und Farbschattierung vor den beiden Männern, aufgereiht wie Perlen an einer Schnur.

Sekundenlang herrschte andächtige Stille im Raum und selbst Jezabel hielt hinter ihrem Vorhang den Atem an. Die unscheinbar grauen Klumpen dort auf dem Tisch waren ein Vermögen wert, dem Lösegeld eines Königs entsprechend. Ihr Vater ließ seinen Atem mit einem vernehmlichen Zischen entweichen. Dann streckte er die Hand aus, nahm den größten Brocken vorsichtig in die Hand, wog ihn hin und her und streichelte ihn mit der anderen Hand so liebevoll wie ein Vater sein neugeborenes Kind. Er senkte den Kopf, brachte den Ambraklumpen an seine Nase und sog geräuschvoll den Geruch der grauen Substanz in sich auf. Schließlich richtete er seinen leuchtenden Blick auf den persischen Händler.

„Nun, was sagt Ihr zu diesem Schatz?“, fragte dieser mit unverhohlenem Stolz in der Stimme. „Noch nie gab es Ambra von so außergewöhnlicher Qualität. Jedes dieser Stücke ist viele Jahre, ja, vielleicht sogar Jahrzehnte alt. Ihr habt bestimmt das unverkennbare Aroma sofort erkannt, welches Ambra nur dann erhält, wenn es sehr lange Sonnenlicht und Luft ausgesetzt wird. Dieser Duft ist unverwechselbar – balsamisch, ambrosisch, berauschend, nicht von dieser Welt! Die Fischer, die die Brocken aus dem Meer fischten, haben nicht nur einmal ihr Leben dabei riskiert. Die Wale, die diese Substanz ausspeien, sind wahrhaft zum Fürchten. Sie haben entsetzliche, riesige Mäuler, die Größe eines Hauses und sind dabei doch unglaublich flink und wendig. Ich beobachtete eines dieser Untiere dabei, als es unter ein Fischerboot tauchte, während die Männer mit dem Aufsammeln der Ambra beschäftigt waren. Es hob das Boot auf seinem Rücken hoch in die Luft und ließ es aus großer Höhe zurück in die Wellen fallen. Danach versetzte es dem Kahn einen heftigen Stoß mit der Schwanzflosse, sodass das Boot in tausend Stücke zerbarst. Die hilflos im Meer treibenden Fischer wurden von dem Untier verschlungen, ich habe es mit eigenen Augen gesehen! Jeder einzelne dieser Brocken wurde unter Lebensgefahr aus dem Meer geholt. Und ich habe sie für Euch unter Einsatz meines Lebens und dem meiner Diener durch das ganze persische Reich und durch das Zweistromland bis an die Küste des Mittelmeers gebracht. Und noch etwas habe ich für Euch. Seht her!“

Mit diesen Worten öffnete er die Hand. Eine mit roter Flüssigkeit gefüllte Phiole lag darin. Er zögerte das Öffnen hinaus, um die Spannung effektvoll zu erhöhen, doch schließlich zog er den Stöpsel und blitzartig verbreitete sich ein ekelerregender Verwesungsgeruch im Raum. Nur mit Mühe gelang es dem Mädchen hinter dem Vorhang, ein Würgen zu unterdrücken, als ihr der alles durchdringende Gestank in die Nase stieg. Ihr Vater jedoch stieß einen Laut des Entzückens aus und griff nach dem Fläschchen, nahm es in beide Hände und heftete schließlich seinen ungläubigen Blick auf den Perser, dessen wettergegerbtes Gesicht sich zu einem breiten Lachen verzogen hatte.

„Moschus! Ihr habt mir hochkonzentrierten Moschus gebracht! Asad, Ihr seid ein Magier! Ich habe nicht daran geglaubt, aber Ihr habt Euer Versprechen, das Ihr mir bei unserem letzten Treffen gegeben habt, wahrlich gehalten. Wie kann ich Euch nur dafür danken, mein Freund? Darf ich Euch fragen, wie Ihr an dieses Kleinod gekommen seid?“

„Ihr wisst vielleicht, dass nur eine ganz bestimmte Hirschgattung dieses Sekret in einer Drüse ansammelt, die sich vor den Hoden befindet. Diese Hirsche, die übrigens nicht wie ihre Artgenossen ein Geweih tragen, leben im Elbus-Gebirge. Sie sind außerordentlich scheu und oft stellen die Jäger ihnen tagelang nach, bevor es ihnen gelingt, auch nur ein einziges Tier zu erlegen. Entsprechend selten ist dieses Sekret und die Moschus-Jäger sind schlaue und gierige Räuber, die den Wert ihrer Ware nur allzu genau kennen. Ihr Verhandlungsgeschick ist weithin bekannt und sie haben mir dafür das letzte Goldstück aus dem Beutel gezogen. Euren Dank werde ich deshalb in klingendem Silber entgegennehmen, Meister Moses, zumal ich dieses Teufelszeug getrennt von allen anderen Waren transportieren musste. Nur ein Tropfen davon und alle andere Handelsware, wie Gewürze, Sandelholz oder edle Stoffe wären wertlos! Ich hoffe, Ihr seid zufrieden mit dem, was ich Euch anbiete?“

Alle Müdigkeit schien von dem Kauffahrer abgefallen, er war nun hellwach, goss sich Wein in den Becher und griff nach den prallen Trauben. Genüsslich zupfte er Beere für Beere ab und ließ sich eine nach der anderen in den Mund fallen, während er seinen Kunden betrachtete, der noch immer mit Staunen und voller Begeisterung die Phiole mit der roten Flüssigkeit bestaunte.

„Doch nun zu meinem wohlverdienten Lohn. Ihr wisst so gut wie ich, wie wertvoll die Stücke sind, die hier vor Euch liegen. Ich schlage Euch deshalb einen annehmbaren Preis vor. Ein halbes Talent wären angemessen, denke ich.“

„Ein halbes Talent! Dreißig Schekel! Wollt Ihr mich in den Ruin treiben, Asad Narmin? Ihr nennt mich ‚Freund‘ und im gleichen Atemzug wollt Ihr mich ruinieren! Zwanzig Schekel sind mehr als genug, würde ich meinen!“

Angespannt wischte sich der alte Alchemist mit dem Ärmel über die schweißnasse Stirn, während er sein Gegenüber betrachtete. Der Andere schien ganz auf das Verspeisen der Trauben konzentriert. Doch Moses wusste, dass sie nun zu dem Teil des Geschäftes gekommen waren, den der Perser am meisten genoss: Das Feilschen um den Preis. Schon oft hatte er ihn in dieser Situation erlebt, lauernd, lockend, abwartend und im geeigneten Moment zuschlagend. Wie kein anderer wusste er stets den höchsten Gewinn für seine exquisiten Güter zu erstreiten und verstand es meisterhaft, jede noch so kleine Schwäche seines Verhandlungspartners zu seinem Vorteil zu nutzen. Nun hob er den Blick aus schwerlidrigen Augen zu seinem Kunden, schüttelte mitleidig den Kopf und winkte lässig mit der Hand ab.

„Zwanzig Schekel? Bei Allah, dem Gütigen! Wollt Ihr mich beleidigen, lieber Freund? Wollt Ihr mir gar damit zu verstehen geben, dass ich Euch Minderwertiges angeboten habe, das den Preis von dreißig Schekel nicht wert ist? In diesem Fall bitte ich Euch demütig um Vergebung; ich werde meinen wertlosen Plunder einpacken und versuchen, ihn auf dem Basar loszuschlagen. Wie ich gestern in der Karawanserei gehört habe, sind fränkische und venezianische Kaufleute in der Stadt, die ganz begierig nach Ambra und Moschus sind und ohne Zögern jede Summe zahlen, die verlangt wird. Vielleicht sollte ich meine Ware besser denen zum Kauf anbieten.“

Schon machte er Anstalten, sich von seinem Platz zu erheben und nach den grauen Klumpen auf dem Tisch zu greifen.

Jezabel, die atemlos aus ihrem Versteck heraus jede Geste und Bewegung des Mannes beobachtet hatte, stieß einen Schrei aus.

„Nein! Halt, Ihr Gauner! Das ist unser Ambra! Ihr könnt es nicht mitnehmen! Diese Ware ist nur für meinen Vater bestimmt!“

Der Händler war aufgestanden und hatte sich in die Richtung gewandt, aus der der Schrei gekommen war. Er trat ein paar Schritte vor, griff nach dem Vorhang und zog ihn mit einem Ruck zur Seite.

„Und wer ist diese Schöne, die so harte Worte für mich findet? Seid Ihr die kluge Jezabel, von der ganz Akkon spricht? Kommt nur heraus, vor mir braucht Ihr Euch nicht zu verstecken!“

Er packte ihr Handgelenk und zog die Verdutzte aus der Dunkelheit ins Tageslicht. Bevor sie es verhindern konnte, glitt der Schleier herunter und gab dem Perser einen kurzen Blick auf das errötende Gesicht frei, bevor das Mädchen ihn hastig wieder an seinen Platz ziehen konnte.

„Ihr nennt mich Gauner, weil ich einen gerechten Preis für meine Ware verlange? Was meint denn Ihr dazu, Meister Moses? Eure Tochter erscheint mir recht forsch für ein junges Mädchen. Und ist es bei Euch Juden üblich, dass sich Frauen in die Geschäfte der Männer einmischen und mit dreisten Worten um Preise feilschen? Ich sollte wirklich meine Ware einpacken und mir einen dankbareren Kunden suchen.“

„Jezabel!“ Ihr Vater hatte sich von seinem Schrecken erholt und sie unsanft am Arm gepackt. „Du beleidigst unseren Gast! Bitte ihn um Verzeihung und hoffe, dass er deine Entschuldigung annimmt! Haben deine Mutter und ich dir keinen Anstand, keine Manieren beigebracht? Entschuldige dich, und dann hinaus mit dir, aber schnell!“ „Schick mich nicht weg, Vater! Ich kann ebenso gut wie du einschätzen, was die Ware wert ist. Dieser Mensch betrügt dich um dein Silber.“

Trotzig kamen die Worte herausgesprudelt, wütend funkelten ihre Augen.

„Nun ist es aber genug! Und ich will nicht mehr hören, dass du mit Männern über Waren und Preise verhandeln willst, du Unverschämte! Du bringst Schande über mich und deine Mutter!“

Zornig hob er die Hand und zum ersten Mal in ihrem Leben schlug er die junge Frau ins Gesicht, bevor er sie zur Tür hinaus stieß und diese mit lautem Knall hinter ihr zuschlug. Dann wandte er sich betreten seinem Gast zu: „Ich bitte Euch demütig um Vergebung, Asad Narmin! Meine Tochter hat sich Euch gegenüber respektlos und vorlaut betragen, dafür soll sie streng bestraft werden. Vergebt ihr und mir ihr ungebührliches Betragen; ich weiß nicht, was in das Mädchen gefahren ist. Ihr habt vollkommen Recht, Frauen sollten sich nicht in Männerangelegenheiten mischen. Vergesst deshalb diesen unerfreulichen Zwischenfall und lasst uns zu unserem Geschäft zurückkehren.“

„Welch’ ein Temperament! Welch’ eine Schönheit! Schon deshalb und natürlich aufgrund ihres Wissens wäre sie fraglos die Zierde eines jeden Harems, Moses Elijah! Trotzdem werdet Ihr Mühe haben, einen passenden Mann für das Mädchen zu finden, wenn es an der Zeit ist, denn wie ich meine, braucht sie sowohl eine feste Hand als auch strikte Anleitung. Sie scheint ein recht widerspenstiges Fohlen zu sein, das sich gegen den aufgezwungenen Reiter mit Bissen und Tritten zur Wehr setzen wird! Schon heute beneide ich den Mann, der sie einmal zähmen darf, die kleine Wilde!“

Mit zweideutigem Zwinkern nickte der Perser seinem Kunden zu, der sich sichtlich unwohl in seiner Haut fühlte und sich mit dem Handrücken über die Stirn strich. Nie mehr wollte Moses seiner Tochter Gelegenheit geben, sich so schamlos vor Fremden zu präsentieren und ihm solche Schande zu bereiten. Noch heute wollte er seine Ehefrau bitten, sich in der Nachbarschaft und bei ihren Freundinnen nach einer passenden Partie für die widerspenstige Tochter Ausschau zu halten, denn langsam schien es an der Zeit, ernsthaft über ihre Verheiratung nachzudenken. Es wäre beruhigend für ihn, wenn Jezabel einen Gatten bekäme, der ihr aufbrausendes Temperament zu zügeln verstand. Doch als erstes musste er sich mit dem Perser über den Preis für die kostbaren Rohstoffe einigen. Ambra und Moschus von dieser unglaublichen Qualität und in dieser Menge waren ein einmaliger Glücksfall und keinesfalls wollte er den Händler verärgern, indem er ihn warten ließ.

„Wärt Ihr mit 25 Schekel einverstanden, Freund Asad?“ Die Stimme des Alchemisten klang gleichzeitig demütig und herausfordernd. „25 Schekel sind ein Vermögen, selbst für diese erstklassigen Stücke!“

„Sagen wir 27 und die Ware gehört Euch!“

Moses schluckte schwer, nickte dann aber langsam.

„Nun gut, Ihr sollt die 27 Schekel haben! Geduldet Euch einen Augenblick, während ich das Silber hole!“

Behände schlüpfte der Hausherr aus dem Laboratorium. Im Innenhof seines Hauses schaute er sich aufmerksam um, aber außer dem nubischen Sklaven, der mit unbeweglicher Miene vor dem Eingang Wache stand, war niemand zu sehen. In der Vorratskammer, hinter Amphoren und Säcken, befand sich das Geheimversteck, in dem Moses sein Silber hortete. Er zählte den geforderten Betrag ab, zögerte jedoch dann einen Moment. Eine derart immense Summe hatte er noch nie für seine Ingredienzien bezahlt. Doch wenn er sich dieses Angebot entgehen ließ, wann gäbe es wohl die nächste Gelegenheit, an die begehrten Substanzen zu kommen? Asad Narmin würde nicht zögern, das exquisite Material an die Franken oder Venezier zu verkaufen, wenn er, Moses, nicht den geforderten Preis bezahlte. Schweren Herzens verstaute er die Silberstücke in einem Beutel und ging zurück ins Labor.

„Hier, Euer Silber! Zählt nach!“

„Nein, mein Freund, das ist nicht nötig. Ich weiß Eure Ehrlichkeit zu schätzen. Doch sagt mir, ob ich wieder für Euch Ausschau nach duftenden Schätzen halten soll, wenn ich zu Hause in Persien bin. Habt Ihr schon einmal von einem Stoff namens ‚Zibet‘ gehört? Er kommt aus einem Land, das sich Abessinien nennt und an Nubien, die Heimat meines Dieners Yussuf, grenzt, also weit im Süden liegt. Es wird aus der Afterdrüse einer besonderen Katzenart ausgeschieden, ähnlich dem Moschus der Moschushirsche in meiner Heimat; eine scheußliche Masse von ekelerregendem Gestank, die sich allerdings in verdünntem Zustand in ein duftendes Wunder verwandelt und ein Aroma von feinstem Leder verströmt. Wenn Ihr wollt, kann ich mich danach umsehen und mit etwas Glück seid Ihr bei meinem nächsten Besuch dann stolzer Besitzer einer ansehnlichen Menge Zibet. Daraus könntet Ihr einen völlig neuen Duft entwickeln, der Eurem Namen Ruhm und Ehre einbringen und Eure Taschen mit Gold und Silber füllen wird. Was sagt Ihr zu meinem Vorschlag?“

Mit leuchtenden Augen hatte der Alchemist der Erzählung des Händlers gelauscht, der diese Neuigkeit so elegant hervorgezaubert hatte wie ein Taschenspieler seine bunten Tücher und sichtlich erfreut über die Wirkung seiner Worte auf den Gelehrten war.

„Ihr würdet dieses ‚Zibet‘ tatsächlich für mich ausfindig machen und es mir bringen? Eine völlig neue Substanz, aus der ich ganz neue, besondere Düfte kreieren könnte? Oh, Freund Asad, das wäre der Höhepunkt meines Lebens! Ich könnte etwas völlig Neues, noch nie Dagewesenes erschaffen, etwas, was man immer mit mir und meinen Namen in Verbindung bringen würde. Oh, ich bitte Euch, schafft mir das ‚Zibet‘ herbei, egal, was es auch kostet! Was meint Ihr wie lange es dauern wird, bis Ihr wieder nach Akkon kommt?“

Der Perser hatte das Silber in seinem abgeschabten Beutel verstaut und erhob sich.

„Es werden sicher zwei Jahre oder mehr vergehen, bevor ich wieder nach Palästina reise. Ich werde alt und die Mühen dieser langen Reise werden mit jedem Lebensjahr größer für mich. Aber ich werde Euch nicht vergessen, Meister Moses, verlasst Euch darauf!“

Der Nubier, der mit seinem mächtigen Körper die Tür versperrte, machte Platz, um die beiden Männer in den Innenhof treten zu lassen. Dort verbeugten diese sich zeremoniell voreinander, Moses dankte dem Händler für seinen Besuch und sie wünschten sich gegenseitig Glück und gute Geschäfte, bevor sie sich mit vielen Verbeugungen und weiteren Segenswünschen voneinander verabschiedeten. Als die Tür hinter dem Händler und seinem Sklaven ins Schloss gefallen war, eilte der Alchemist zurück in sein Labor, um dort noch einmal seine Schätze zu begutachten. Stück für Stück nahm er das unschätzbare Material in seine Hände und liebkoste jedes einzelne Teil bewundernd, bevor er es sorgfältig in einer schweren Holztruhe verstaute, die mit einem schweren Schloss gesichert war. Schon morgen würde er sich an die Arbeit machen, um dem ersten Ambraklumpen seinen geheimen Duftzauber zu entlocken.

Jezabel hatte sich nach den Ohrfeigen ihres Vaters schluchzend in die Küche geflüchtet. Nun waren ihr nicht nur die abenteuerlichen Geschichten des Persers entgangen, denen sie mit Spannung entgegengefiebert hatte; ihr geliebter Vater hatte sie zum ersten Mal in ihrem Leben geschlagen und hart angefahren, und das vor einem Fremden. Er war zornig auf sie und hatte sie verächtlich behandelt, ein Umstand, der sie mehr schmerzte als die erlittenen Schläge. Dabei hatte sie doch nur verhindern wollen, dass der gewissenlose Händler seine wertvolle Ware an die fränkischen Kauffahrer aushändigte. Das unerfahrene Mädchen ahnte nicht, dass es sich dabei nur um eine Geschäftstaktik des gerissenen Persers gehandelt hatte, um einen höheren Preis für die begehrte Ware zu erzielen.

„Was heulst du, du dummes Ding?“, fuhr die Mutter sie an, die soeben aus der Vorratskammer kam. „Habe ich dir nicht tausendmal gesagt, dass Geschäfte Männersache sind, bei denen ein einfältiges Kind wie du nichts zu suchen hat? Es wäre besser, du würdest dich mehr mit Hausarbeit beschäftigen, als im Laboratorium deines Vaters herumzuschleichen. Bereits gestern habe ich dir aufgetragen, den Saum deines Umhangs zu nähen. Aber du hast nur Torheiten im Kopf, wie Duftöle und Salben herzustellen! Als ob das eine angemessene Beschäftigung für ein junges Mädchen wäre! Am besten wäre es wirklich, dich so bald wie möglich zu verheiraten.“ Erbost sah die Mutter auf die weinende Tochter herab. In diesem Moment betrat Moses die Küche. Als sein Blick auf Jezabel fiel, überkam ihn erneut der Zorn. Er hatte die letzten Worte seiner Ehefrau gehört und schloss sich ihrer Meinung an: „Du hast vollkommen Recht, Rachel! Eine Ehe mit einem anständigen jungen Mann wäre das Richtige für sie. Es wird höchste Zeit, sie zu verheiraten, dieses trotzige Kind. Noch heute hörst du dich in der Nachbarschaft um, wer seinen Sohn gut verheiraten möchte! Ich bin sicher, dass wir bald einen passenden Mann für sie finden werden.“

„Oh, nein, alles, nur das nicht!“ Mit diesem verzweifelten Ausruf war das junge Mädchen aufgesprungen. „Ich will und werde nicht heiraten! Warum nur wollt ihr mir das antun?“

„Still jetzt! Deine Launen werden von Tag zu Tag unerträglicher, deine Anmaßung kennt keine Grenzen! Du wirst tun, was ich dir sage!“, herrschte der Vater sie an.

„Niemals!“

Laut aufschluchzend rannte Jezabel aus dem Zimmer. Als sie durch den Hof kam, ergriff sie im Vorbeilaufen ihren Schleier, wand ihn sich um den Kopf und verließ so schnell sie konnte das elterliche Haus. Noch immer liefen ihr die Tränen über die Wangen, die sie jedoch mit trotziger Gebärde abwischte. Noch nie hatte sie ihren ruhigen, besonnenen Vater so wütend erlebt.

Ganz mit sich und ihrem Kummer beschäftigt lief das Mädchen die schmale Gasse hinunter zum Gewürzbasar. Dort hielt sie sich gerne auf, die Gerüche, die aus den offenen Säcken und Gefäßen aufstiegen, kitzelten ihre Nase und verursachten ihr einen wohligen Schauer. Auch das Auge erfreute sich an einer Vielzahl exotischer Güter: Bunte Pfefferkörner aus Indien, verschiedenfarbige Zimtstangen von der Insel Singhala, grüner Kardamom aus Griechenland, brauner Muskat von den Banda-Inseln, helle Ingwerknollen aus China, goldener Safran aus Persien, dunkle Gewürznelken aus Sansibar, leuchtend gelber Kurkuma und orangebrauner Sternanis aus Nordafrika, Fenchelsamen, Blaumohn und Kümmel boten mit ihrer Farbenvielfalt einen verführerischen Anblick und die unterschiedlichen Aromen vermischten sich zu einem erregenden Potpourri, das Jezabel in tiefen Zügen einsog. Langsam schlenderte sie durch die Gänge von Stand zu Stand, blieb hier stehen, um ihre Nase in eine Handvoll Lorbeerblätter zu drücken, dort, um sich am intensiven Duft des gemahlenen Kardamom zu berauschen und vor einer anderen Auslage, um ein paar Worte mit dem Händler zu wechseln. Am liebsten hätte sie den ganzen Tag so verbracht, umgeben von Duftenden Köstlichkeiten aus fernen Ländern und allen Wohlgerüchen des Basars, die ihr angenehm in die Nase stiegen.

Doch der Gedanke an den elterlichen Unmut, den sie sich durch ihr Benehmen und ihr Weglaufen zugezogen hatte, veranlasste sie schließlich zur Umkehr. Nur zögerlich machte sie sich auf den Heimweg, als ein leises ‚Pst‘ sie aufhorchen ließ. Hinter einem Mauervorsprung kauerte ein Bettlerjunge, das schmutzige Gesicht von einer Hasenscharte verunstaltet und den dünnen Körper in abgerissene Lumpen gehüllt.

„Abou! Ich grüße dich.“

Der kleine Bettler war für Jezabel kein Unbekannter. Schon oft hatte sie ihm, ohne das Wissen der strengen Mutter, einen halben Brotfladen oder eine Handvoll Datteln zugesteckt, wenn sie ihn auf der Gasse vor ihrem Haus herumlungern sah. Abou lebte auf der Straße, eine Familie oder ein Heim schien er nicht zu besitzen. Er war überall in der Stadt zu Hause, schlief am Hafen, im Basar oder in dunklen Hausecken, kannte jeden Händler und jeden Seefahrer und er war der Erste, der alle Neuigkeiten erfuhr, die sich in der Stadt ereigneten und die er, gegen eine kleine Belohnung, gerne weitergab.

„Jezabel! Sei mir gegrüßt, schönste Rose von Akkon!“ Der Junge verbeugte sich mit einem kleinen spöttischen Lächeln vor dem Mädchen. „Was tust du hier im Basar, allein und ohne Begleitung? Ich werde mit dir gehen und dich beschützen, falls es nötig ist.“

Bevor sie abwehren konnte, war er schon an ihrer Seite.

„Es gibt einiges zu berichten. Bist du gar nicht neugierig? Ich könnte dir Dinge erzählen …!“ Nachdenklich rieb der kleine Bettler seine Nase, während er neben Jezabel herlief.

„Nichts, was ich nicht bereits wüsste! Außerdem habe ich nichts bei mir, mit dem ich dich entlohnen könnte“, wehrte das Mädchen ab.

„Du brauchst mich nicht zu entlohnen, dir schenke ich meine Neuigkeiten ganz ohne Bezahlung, nur für ein Lächeln von deinen schönen Lippen. Hmh, lass mich überlegen, welche Nachricht dich aufheitern könnte, denn du machst heute gar keinen fröhlichen Eindruck. Würde es dich erfreuen, wenn ich dir erzählte, dass gestern die Karawane aus Persien in der Karawanserei angekommen ist? Mehr als hundert Kamele waren es, alle bis oben hin beladen mit den erlesensten Schätzen, von denen die meisten für unseren erlauchten Sultan bestimmt sind. Ein paar werden sicher auch für das niedere Volk abfallen, aber das Meiste wird direkt in den Serail gebracht. Edelsteine sollen dabei sein, größer als Hühnereier! Und Stoffe, die im Licht glänzen und so glatt sind, dass Wasser an ihnen abperlt, und die aus einem Land kommen, in dem die Menschen gelbe Haut und geschlitzte Augen haben. Gewürze haben diese Perser im Gepäck, von denen habe ich noch nie etwas gehört und eine Substanz namens Mumiya, die aus dem Land der Pyramiden kommt und der man magische Kräfte zuschreibt, weil sie aus den balsamierten Leichen von Zauberern und Königen gewonnen wird. Was gäbe ich nicht darum, wenn ich nur einmal einen Blick auf all diese Wunderdinge werfen könnte!“

Vor Aufregung hatte der Junge Jezabel am Ärmel gepackt. Die schüttelte seine Hand ab und zuckte gelangweilt mit den Schultern.

„Aber das weiß ich doch alles längst, Abou! Der Kauffahrer Asad Narmin, der meinen Vater seit vielen Jahren mit Rohstoffen beliefert, war heute Mittag in unserem Haus. Hast du nichts Besseres zu berichten, etwas, von dem ich noch nichts weiß?“

Der kleine Bettler zögerte. Als er seine Geschichte fortsetzen wollte, schnitt Jezabel ihm mit einer schroffen Handbewegung das Wort ab: „Weißt du denn gar nichts wirklich Neues, du Wichtigtuer? All deine so genannten ‚Neuigkeiten‘ sind steinalt. Gibt es nichts Aufregendes, etwas, von dem noch nicht die ganze Stadt weiß?“

Herausfordernd blickte sie ihren Gesprächspartner ins Gesicht.

„Doch, es gibt mehr als genug Aufregendes. Kaufleute aus dem Frankenreich und aus Venedig sind in der Stadt. Man sagt, sie kaufen alles, was ihnen wertvoll und außergewöhnlich erscheint. Und …“, der kleine Bettler zögerte einen Moment, „… es sind auch Händler aus Genua angekommen, reich gekleidete Männer mit prächtigen Bärten, dicken Bäuchen und den Beuteln voller Gold. Sie haben aus ihrer Heimat eine Menge Gerüchte mitgebracht …!“

„Gerüchte? Erzähl mir davon!“

„Da du meinen Geschichten sowieso keinen Glauben schenkst, kann ich ebensogut gehen!“ Scheinbar beleidigt wandte sich der Junge ab, als wolle er sich im Gedränge davonmachen.

Doch das junge Mädchen packte ihn an der Schulter und hielt ihn zurück. „Bleib hier und sprich! Jetzt will ich hören, was du zu sagen hast!“

Vergessen waren die zornigen Eltern und die Schelte, die sie nach ihrer Rückkehr zu Hause erwarteten. Erwartungsvoll geduldete sich das Mädchen, während Abou seinen Triumph auskostete, bevor er bereit war, ihr die Nachricht zu offenbaren.

„Die Genuesen berichten, dass sich an ihren Küsten ein neues Kreuzfahrerheer sammelt, um sich einmal mehr auf den Weg nach Palästina zu machen. Der König des Frankenreiches hat sich bereits mit Tausenden seiner Kriegern eingeschifft, doch er soll noch Verstärkung von einem der größten Könige des Abendlandes erhalten, einem Herrscher namens Richard vom Angelland, den sie wegen seines Mutes und seiner großen Kampfeskraft den tapfersten aller Ritter nennen. Er ist ein junger Löwe, sagt man, todesmutig und im Zweikampf unbesiegbar. Wenn er den Kreuzfahrern zu Hilfe kommt, ist Palästina rettungslos verloren, denn keiner unserer Helden kann sich mit ihm und seinen Kämpfern messen. Auch verfügt er über ein riesiges Heer, das darauf brennt, die Ungläubigen zu besiegen und das alte Königreich Jerusalem wieder aufleben zu lassen. Davon hast du noch nichts gehört, nehme ich an!“

Mit stolz funkelnden Augen wollte er weitersprechen, doch Jezabel unterbrach ihn voller Entsetzen: „Ein neues Kreuzfahrerheer?! Weißt du nicht, was das bedeutet, Abou? Kannst du dich nicht an die Belagerung vor zwei Jahren erinnern, als es nichts mehr zu essen gab, kein Brot, kein Fleisch, kein Wasser? Wochenlang lag das christliche Heer vor den Mauern von Akkon, wochenlang haben wir gehungert! Wenn Sultan Saladin die Stadt nicht rechtzeitig befreit und die Christen besiegt hätte, wären wir alle gestorben, entweder erschlagen durch die Schwerter der Kreuzritter oder vor Entbehrung in unseren Betten. Und nun fallen diese Ungeheuer erneut in unser Land ein!“

Angsterfüllt starrte das Mädchen den Unglücksboten an, dann drehte es sich wortlos auf dem Absatz um und lief davon. Abou, der trotz seiner anderslautenden Aussage auf eine Belohnung gehofft hatte, blieb im Getümmel des Basars zurück. Nun musste er nach einer anderen Gelegenheit Ausschau halten, um an ein paar Bissen Brot zu kommen.

Völlig außer Atem traf Jezabel in ihrem Elternhaus ein, war sie doch den ganzen Weg gerannt, so schnell es ihre langen Gewänder zuließen. Noch immer zitterte sie bei dem Gedanken an das soeben Gehörte. Konnte sie den Worten des Betteljungen wirklich Glauben schenken? Wenn seine Geschichte sich als wahr erwies, waren sie und ihre Landsleute in höchster Gefahr. Das ganze Land erschauderte noch heute bei dem Gedanken an die Grausamkeiten der Christen, die allen Bewohnern in lebhafter Erinnerung waren. Erbarmungslos hatten sie die Mohammedaner und Juden geknechtet und geschunden, deren Eigentum an sich gerafft, die Besitzer getötet oder in die Sklaverei verkauft. Nach der Befreiung von Palästina durch Sultan Saladin hatte die Bevölkerung aufgeatmet und jeder dankte seinem Gott in Gebeten, dass er sie von dem Fluch der Kreuzfahrer erlöst hatte.

Doch wenn Abous Geschichte wahr wäre, dann stünde schon in wenigen Wochen eine erneute Bedrohung durch ein riesiges Heer von Kreuzrittern vor ihrer Tür.

Aufgelöst rannte Jezabel durch die engen Gässchen nach Hause. Die Sonne stand bereits tief im Westen, gedämpftes Licht fiel auf das abgetretene Pflaster, lange Schatten machten sich zwischen den würfelförmigen Häusern breit, die durch die kahlen, fensterlosen Wände abweisend auf den Vorübergehenden wirkten. Obwohl ihr diese Stunde sonst die liebste des Tages war, hatte die junge Frau heute kein Auge für die Schönheit des verblassenden Sonnenlichts und das Spiel von Licht und Schatten zwischen den weißen Mauern. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals und die Angst schnürte ihr die Kehle zu. Kreuzfahrer! Allein das Wort ließ sie bis ins Innerste vor Furcht erschaudern. Seit Saladin das Land von den Christen zurückerobert hatte, lebte die Bevölkerung in Frieden und hatte keinen Gedanken daran verschwendet, dass vielleicht in Bälde eine neue Bedrohung durch christliche Truppen auf die Stadt zukam.

Durch den wilden Lauf waren ihre Gewänder in Unordnung geraten, der Gesichtsschleier hatte sich gelöst, war herabgeglitten und gab den Blick auf ihr vor Aufregung gerötetes Gesicht frei. Doch das Mädchen achtete nicht darauf, zu tief saß der Schrecken und zu aufgewühlt war ihr Gemüt. So aufgewühlt, dass sie nicht einmal die vier Träger und die prachtvolle Sänfte bemerkte, die vor ihrem Elternhaus auf ihren Besitzer warteten. Sie raffte ihr Gewand, stürmte die Eingangsstufen mit einem Sprung hinauf, und bevor sie noch die Schwelle überschritten hatte, rief sie schon aus: „Vater, Mutter, die Kreuzfahrer kommen! Sie sind schon auf See und halten Kurs auf Palästina!“

Im Innenhof des Hauses traf sie auf ihren Vater, der gerade im Begriff war, sich von einem ihr unbekannten Mann in prunkvoller Kleidung zu verabschieden. Die offene, reich bestickte Djellaba gab den Blick auf weite, seidene Hosen und ein Hemd aus feinstem Stoff frei. Der Fremde war sehr groß gewachsen und von mehr als nur stattlicher Gestalt. Seine Haut war nicht dunkel wie die der Bewohner Afrikas, aber auch nicht hell wie Jezabels Teint, sondern schimmerte golden in einem Ton, der hellem Zimt ähnelte. Eine wulstige Narbe lief vom linken Jochbein über die Wange bis zum Kinn und verlieh dem Gesicht mit den schmalen Augen und der kühnen Adlernase einen drohenden Ausdruck.

Überrascht durch Jezabels Ruf hatten sich die beiden Männer dem Eingang zugewandt und sahen nun mit Erstaunen der jungen Frau entgegen, deren Schleier wild hinter ihr herflog und die durch den schnellen Lauf erhitzt und außer Atem war. Während sich die unnahbare Miene des Fremden durch ein leises Lächeln aufhellte, sah Moses mit unwillig gefurchter Stirn auf seine ungehorsame Tochter. Nicht nur hatte sie den Perser Asad, seinen Freund und wichtigsten Rohstofflieferanten, beleidigt, hatte ohne Erlaubnis und Begleitung das Haus verlassen und sich den ganzen Nachmittag herumgetrieben. Nun zeigte sie sich zu allem Überfluss unverschleiert und mit unordentlichen Kleidern vor dem neuen Abgesandten der Sultansmutter, der in ihrem Auftrag gekommen war, die kostbaren Salben und Öle abzuholen. Was mochte der Obereunuch Alem Gazi, der wichtigste Mann im königlichen Harem, wohl von dieser Tochter halten, die mit unverhülltem Gesicht und fliegenden Gewändern wie ein Straßenjunge die Treppe hinaufgejagt kam und dabei wie ein Marktschreier brüllte?

„Verzeiht das ungebührliche Verhalten meiner Tochter, gnädiger Herr!“ Moses verneigte sich vor dem Botschafter des Serails.

Doch dieser hatte sich Jezabel zugewandt, ohne auf Moses zu achten. Seine Augen waren auf ihr Gesicht geheftet und nahmen jedes Detail wahr: die rosigen Wangen, die blitzenden grünen Augen, die sinnlich geschwungenen Lippen, das gelöste rötlich schimmernde Haar, das ihr bis zu den Hüften fiel. Dann glitt sein Kennerblick über die zarten Brüste, die sich durch den raschen Lauf unter dem dünnen Kleid heftig hoben und senkten, die schmalen Taille, die runden Hüften und die zierlichen Fesseln, die das verrutschte Gewand großzügig freigab. Diese Frau war in der Tat ein Juwel, voller Temperament, von erlesener Schönheit und, wie man sich in der Stadt erzählte, zudem klug und gebildet.

Nachdem er sie eindringlich gemustert hatte, neigte der Eunuch grüßend sein Haupt vor Jezabel und wandte sich wieder dem Hausherrn zu.

„Welche Antwort soll ich nun meiner Herrin überbringen, Meister Moses?“

„Sagt der gnädigen Valide Sultan meinen tief empfundenen, ehrerbietigsten Dank! Ich bin mir der Ehre wohl bewusst, die mir damit widerfährt, doch so schnell kann ich mich nicht entschließen.“

„Ich hoffe doch, dass Ihr Euch dieser großen Ehre tatsächlich bewusst seid und mir so bald wie möglich eine Antwort zukommen lassen werdet, Meister Moses.“ Bei diesen Worten blickte ihn der Eunuch scharf an.

„Ganz wie Ihr wünscht, edler Agha! Ich werde die Antwort in Kürze für Euch bereithalten.“ Dieses Mal verbeugte sich der Alchemist fast bis zum Boden vor der eindrucksvollen Gestalt, die den Gruß mit einem knappen Nicken erwiderte und sich mit einem letzten Blick auf das ungeduldig wartende Mädchen zum Gehen wandte.

Die Tür fiel hinter der wehenden Djellaba ins Schloss. Einen Moment noch standen Vater und Tochter regungslos und starrten auf die geschlossene Pforte, dann packte Moses seine Tochter unerwartet heftig am Handgelenk und fuhr sie an: „Was sind das schon wieder für neue Torheiten? Die Kreuzfahrer kommen? Wer erzählt dir solch’ unglaubliche Geschichten? Ist es nicht genug damit, dass du dich stundenlang ohne Begleitung in der Stadt herumtreibst? Nein, du überfällst den Kislar Ağasi mit Klatschgeschichten aus dem Basar, präsentierst dich mit unverhülltem Gesicht und benimmst dich wie eine Verrückte! Was ist nur in dich gefahren; was soll ich bloß mit dir anstellen, Mädchen, damit du ein geziemendes Verhalten zeigst? Du gebärdest dich wilder als jeder Junge. So kann es nicht weitergehen! Meine Geduld ist am Ende!“

„Aber es ist wahr! Ein Kreuzfahrerheer hat sich aufgemacht, um erneut in Palästina einzufallen! Sie kommen mit Schiffen und vielen Rittern und sie sind bereits auf dem Weg hierher! Die Genueser haben es mit eigenen Augen gesehen und berichten es in der Stadt. Oh, Vater, dieses Mal werden sie uns alle töten!“, schluchzte das Mädchen.

„Nun ist es aber genug! Schluss mit diesen Basargerüchten, die die Gassenjungen den Einfältigen auftischen, um ihnen ein paar Münzen aus der Tasche zu ziehen! Ich will davon nichts mehr hören! Sultan Saladin, Gott schenke ihm ein langes Leben, beschützt unser Volk und Land. Kein Christ wird es wagen, hier einzufallen, solange der mächtigste Herrscher aller Zeiten seine Hand über uns hält. Und ich habe wahrhaftig anderes zu tun, als mir unsinnige Gerüchte anzuhören – Märchen, die die Genueser, die für ihre Lügen bekannt sind, in der Stadt verbreiten. Und du hast mir das Leben heute bereits zur Genüge schwer gemacht. Fort mit dir in die Küche! Geh deiner Mutter zur Hand, die sich schon über die viele Arbeit beschwert, mit der du sie allein gelassen hast. Und bis auf weiteres will ich dich nicht mehr im Laboratorium sehen. Du wirst erst einmal lernen, dich wie ein Weib zu betragen, wirst deiner Mutter helfen, kochen, waschen, putzen und nähen und dich mit hausfraulichen Tätigkeiten beschäftigen, wie es einem Mädchen deines Alters gebührt.“

Energisch schob er sie in Richtung Küche, um dem erwarteten Protest zu entkommen.

„Ich gehe zur Synagoge. Du wirst in der Zwischenzeit deiner Mutter in der Küche helfen. Wenn ich nach Hause komme, erwarte ich, ein gutes Mahl vorzufinden. Und Geschichten über Kreuzfahrer und Krieg will ich nicht mehr hören!“

Mit diesen Worten ging Moses davon, froh, dem häuslichen Zwist durch einen Besuch der Synagoge entkommen zu können. Um die Schelte und die für Jezabels Fehlverhalten angemessene Strafe sollte sich Rachel kümmern, er hatte für heute genug von seiner rebellischen Tochter. Und obwohl er es sich nicht eingestehen wollte, gingen ihm die soeben gehörten Nachrichten nicht aus dem Kopf: ‚Und wenn es wahr ist? Wenn tatsächlich ein neues Kreuzfahrerheer auf dem Weg ist, um unser Land zu überfallen? Wenn es wieder Krieg, Belagerung und Hunger gibt? Was wird aus dem jüdischen Volk, was aus Akkon und dem Heiligen Land werden?‘ Energisch schüttelte er die lästigen Gedanken ab. Nein, das konnte nicht sein. Sultan Saladin hatte die Barbaren ein für alle Mal aus dem Land gejagt, sie würden es nicht wagen, noch einmal anzugreifen.

***

Jezabel war im Hof zurückgeblieben. Mit dem Handrücken wischte sie sich die letzten Tränen ab, dann stampfte sie zornig mit dem Fuß auf. Aus dem Laboratorium ihres Vaters verbannt worden zu sein, war für sie die schlimmste Strafe, denn was sonst gab es in ihrem eintönigen Leben? Nichts als langweilige Hausarbeit, die immer gleichen Unterhaltungen mit den anderen Frauen, die sich um Familie, Haus und Kinder drehten und für die sich Jezabel einfach nicht erwärmen konnte.

„Wo hast du dich herumgetrieben? Hol’ Mehl zum Brotbacken und trödle nicht herum!“ Die Worte der Mutter rissen das Mädchen aus ihren Gedanken.

Mit geübten Handbewegungen hantierte Rachel in der Küche. Sie beobachtete die Verrichtungen der Tochter mit Argusaugen, kritisierte viel und lobte wenig. Noch immer grollte sie, weil das Mädchen am Nachmittag ohne Begleitung das Haus verlassen hatte, doch die Ankunft des neuen Agha in ihrem Haus hatte sie den Ärger über die ungehorsame Tochter vergessen lassen. Die neugierige Rachel hatte der Versuchung nicht widerstehen können, heimlich die Unterhaltung des Obereunuchen mit ihrem Gatten zu belauschen. Dieses Gespräch hatte sie in höchste Aufregung versetzt und nun kreisten ihre Gedanken ständig um das Angebot, das ihrem Ehemann unterbreitet worden war. Die Öle und Lotionen des jüdischen Alchemisten entzückten die Valide Sultan aufs Höchste und aus diesem Grund verlangte sie nach der ständigen Anwesenheit ihres Lieblingsparfümeurs im Palast. Der Kislar Ağasi hatte im Auftrag seiner Herrin Moses den Vorschlag unterbreitet, künftig im Serail, in der Nähe der Königinmutter, zu leben und zu arbeiten. Sein Laboratorium sollte mit allen von ihm gewünschten Apparaturen und Vorrichtungen ausgestattet und luxuriöse Gemächer als Wohnraum für ihn und seine Familie bereitgestellt werden. Moses würde mit dem Titel des Königlichen Parfümeurs ausgezeichnet, der mit seiner Kunstfertigkeit ausschließlich seiner Herrin zu Diensten wäre.

Während sich Rachel, die sich gerne mit ein wenig mehr Luxus umgeben hätte, die prunkvoll ausgestatteten Räume des Serails mit all ihren Annehmlichkeiten vorstellte und ihren Träumen von weichen Teppichen, kunstvoll bemalten Fliesen, üppigen Diwanen mit reich besticken Seidenkissen, schattigen Gärten mit Wasserläufen und versteckten Zierbrunnen nachhing, plagten ihre Tochter ganz andere Ängste. Obwohl sie damals noch ein Kind gewesen war, konnte sie sich gut an die Kämpfe erinnern, in denen der Sultan Akkon den verhassten Kreuzrittern entrissen hatte. Tagelang hatte vor den Mauern der Stadt die Schlacht getobt, wochenlang waren die Bewohner gezwungen gewesen, sich von kargen Rationen zu ernähren, denn die Barbaren hatten Akkon belagert und nur wenig Essbares war bis zu den Eingeschlossenen durchgedrungen. Säuglinge und Greise fielen den Strapazen der Belagerung als Erste zum Opfer. Nie würde sie die Toten und Verletzten vergessen, die in den Straßen gelegen hatten, verhungert, verdurstet oder an ihren grässlichen Wunden verblutet. Das erste Mal hatte sie Männer gesehen, die von christlichen Schwertern verletzt worden waren. Sie selbst war dafür noch zu jung gewesen, aber die Frauen des jüdischen Viertels hatten die Kämpfer gepflegt, die mit schweren Brandverletzungen, Pfeilund Schwertwunden von den Festungsmauern in die Stadt gebracht wurden, um dort versorgt zu werden. Die wenigen Ärzte von Akkon hatten nicht ausgereicht um sich um alle Geschundenen zu kümmern, weshalb die Frauen die Krankenpflege übernommen hatten. Zum Schluss war nicht einmal mehr genügend sauberes Linnen vorhanden gewesen, um die Verletzten zu verbinden und es hatte so gut wie kein Wasser mehr gegeben. Jezabel dachte an die inbrünstigen Gebete, die die Bewohner täglich an ihren jeweiligen Gott gesandt hatten, um sie vom Joch der christlichen Tyrannei zu befreien. Wie konnte es nur sein, dass niemand auf ihre Nachricht über das heranrückende Kreuzfahrerheer reagierte? Sollten nicht alle, gleich ihr, vor Schrecken auffahren und sich mit ihren Familien und ihrem Hab und Gut in Sicherheit bringen wollen? Selbst der Kislar Ağasi schien ihre Botschaft überhört zu haben. Vielleicht hatte ihr Vater Recht und es waren tatsächlich nur Gerüchte, die der Bettler Abou zur Unterhaltung von leichtgläubigen Müßiggängern erzählte, um sich auf diese Weise ein paar Münzen zu verdienen.

Bei diesen Überlegungen wurde sie ruhiger und schließlich überfiel Müdigkeit die junge Frau. Zu viel hatte sie heute erlebt, zu aufregend war ihr Tag gewesen. Mit trägen Bewegungen verrichtete sie ihre Arbeiten, bis die Mutter sich endlich zufrieden zeigte und schließlich das Essen auf dem Tisch stand.

Als Moses von der Synagoge nach Hause kam, erwartete ihn ein schmackhaftes Linsengericht und lockeres weißes Brot, um die Suppe aufzutunken. Schweigend bedienten Rachel und ihre Tochter den Hausherrn, um sich dann selbst am Tisch niederzulassen und ihren Hunger zu stillen. Nachdem das Geschirr abgetragen und gespült war, verabschiedete sich das Mädchen mit einem leisen Gute-Nacht-Gruß von den Eltern. Vor dem Schlafengehen wollte sie noch ein wenig frische Luft schnappen und trat vor die Haustür. In der Dunkelheit stieß sie mit einer gebeugten Gestalt zusammen, die sich eben anschickte, ihr Elternhaus zu betreten. Es war der Rabbiner der Gemeinde, ein alter Freund ihres Vaters und seltener Gast in ihrem Haus. Es musste schon etwas Außergewöhnliches passieren, um den weisen Awraham aus seinem Heim zu locken, in dem er seine Tage, über Schriftrollen gebeugt, mit dem Studium der Tora verbrachte.

„Rav Awraham, einen guten und gesegneten Abend“, wünschte Jezabel dem Alten.

„Auch dir einen gesegneten Abend, Jezabel“, erwiderte der Rabbi und das Mädchen konnte ein Lächeln in seiner Stimme hören. „Ist dein Vater zu Hause?“

„Gerade haben wir unser Mahl beendet und wahrscheinlich findest du ihn in seinem Arbeitsraum. Soll ich dich zu ihm bringen?“

Doch der Nachbar wehrte ab: „Lass nur, Kind, ich finde den Weg alleine!“

Jezabels Müdigkeit war mit einem Schlag vergessen und ihre Neugierde geweckt. Wenn sich der Rabbiner bequemte, ihren Vater aufzusuchen, dann musste es sich um ein Ereignis von enormer Wichtigkeit handeln. Sie raffte ihr Gewand und schlich durch den Hof, wo sie die steile Treppe erklomm, die auf das Terrassendach ihres Elternhauses führte. Von jeher gehörten die Straßen und Plätze der Stadt den Männern, während die weiß gekalkten Terrassendächer der Häuser, begrünt mit üppigen Pflanzen und Blumen, ausgestattet mit weichen Polstern und Kissen, den Frauen vorbehalten waren. Dort verbrachten sie, in der Abgeschiedenheit vor neugierigen Blicken verborgen, die Sommerabende, wenn die Hitze des Tages zwischen den Mauern hing und es im Haus zu warm zum Schlafen war. Die Schleier wurden abgelegt, es wurden Talglichter entzündet und leises Frauenlachen und Flüstern verbreiteten sich in der samtigen Dunkelheit von Haus zu Haus. Heute jedoch waren die Dächer, zu Jezabels großer Erleichterung, dunkel und leer. Sie huschte auf Zehenspitzen zum Luftschacht, der aus dem Laboratorium auf das Dach führte und die bei der Arbeit entstehenden, schlechten Dünste ableitete. Als sie ihr Ohr an das glatte Mauerwerk presste, konnte sie in der Stille der Nacht jedes Wort verstehen, das im Zimmer darunter gesprochen wurde. Nach der Begrüßung vernahm sie die Stimme ihres Vaters, die den Freund fragte: „Und was führt dich heute Abend zu mir, Rabbi?“

„Kann uns niemand belauschen? Sind wir allein?“ Das Lächeln war aus der Stimme des Schriftgelehrten verschwunden; nun klang sie ernst und ein wenig furchtsam.

„Freund Awraham, wer sollte uns hier belauschen? Rachel ist in der Küche und Jezabel hat sich bereits zum Schlafen niedergelegt. Niemand wird uns stören, also sag’ frei heraus, was dich bedrückt!“ „Heute Abend hat mich ein Kurier unserer byzantinischen Glaubensbrüder erreicht, mit schlimmen Nachrichten aus dem Osten. Ein Kreuzfahrerheer unter Führung des gefürchteten Kaisers Friedrich Barbarossa hat vor wenigen Wochen die Grenze des Oströmischen Reiches überquert und befindet sich im Kurs auf Byzanz. Kaiser Isaak Angelos hat sich insgeheim mit Sultan Saladin verbündet und verweigert dem Heer die Durchreise, doch ohne Erfolg wie es scheint, denn es dringt täglich weiter vor. Die Verpflegung des Feindes neigt sich dem Ende zu und die Soldaten plündern, brennen und morden. Wenn sich ihnen kein schlagkräftiges Heer entgegenstellt, werden sie durch Syrien nach Palästina marschieren und in unser Land einfallen.“

Die Stimme des Rabbiners war zum Ende seiner Erzählung leiser geworden, sodass die Lauscherin Mühe hatte, alles zu verstehen.

„Der Sultan muss sofort benachrichtigt werden!“ Es war Moses, der sprach.

„Ein Bote ist bereits unterwegs, um die Nachricht zum Palast zu bringen. Aber seine Späher haben ihm sicher schon von der bevorstehenden Gefahr berichtet; er ist auf unsere Kuriere nicht angewiesen“, beschied der Rabbiner.

„Dann waren es also doch keine unsinnigen Klatschgeschichten, die meine Tochter aus dem Basar mitgebracht hat“, murmelte der Hausherr.

„Du wusstest es bereits? Warum hast du mich nicht unterrichtet?“, Awrahams Stimme klang schrill.

„Ich hielt es für Weibergeschwätz, als sie mir erzählte, was die Genueser Kaufleute im Basar verbreiten“, verteidigte sich sein Freund. „Angeblich hat eine Kreuzfahrerflotte Italien verlassen und Kurs auf Palästina genommen. Wenn die Nachrichten stimmen, dann nehmen sie uns von zwei Seiten in die Zange und greifen vom Festland und vom Meer her an!“

Nach Moses Worten herrschte langes Schweigen. Der Horcherin auf dem Dach fuhr der Schrecken durch alle Glieder, ihre Knie gaben nach und kraftlos sank sie zu Boden.

Krieg! Davor hatte sie sich am meisten gefürchtet. Dieses Mal würde ihre Welt in Scherben zerbrechen und ihr bisheriges Leben wie eine Kerze verlöschen. Die Kreuzfahrer würden erneut das Land besetzen und über der Festung und der Stadt würde wieder die verhasste weiße Fahne mit dem roten Kreuz der Tempelritter wehen. Vorbei die Träume von Moschus und Ambra, vorbei die Zeit von schwelgerischen Düften und luxuriösen Ölen. Alle Zeichen standen auf Krieg: Wundsalben und Tinkturen mussten hergestellt, Vorräte angeschafft, Amphoren mit Wasser eingelagert, Leintücher zerschnitten und als Verbandsmaterial vorbereitet werden. Die Männer würden Tag und Nacht schuften, um die Festungsmauern auszubessern und sich für den feindlichen Angriff zu wappnen. Alte Waffen mussten geschärft und neue Schwerter und Rüstungen gefertigt werden. Tag und Nacht würden die Schmiedefeuer brennen und die Straßen taghell erleuchten und das Hämmern und Dröhnen der Waffenschmiede durch die stillen Gassen hallen.

Wie benommen rappelte sich das Mädchen auf und stahl sich die Treppe hinunter. Aus dem Laboratorium fiel Licht durch die angelehnte Tür, Wortfetzen drangen nach außen. Doch sie hatte genug gehört, war müde und erschöpft und sehnte sich nur nach einem: Erlösendem Schlaf, der Vergessen brachte.

***

Als Jezabel am nächsten Morgen erwachte, bemerkte sie als erstes die ungewöhnlich Stille, die rundherum herrschte, obwohl die Sonne schon hoch am Himmel stand. An anderen Tagen drangen die Geräusche der Stadt bis in ihre Kammer, auf der Gasse vor dem Haus schallten die Rufe der Eselstreiber, der Wasserträger und der fliegenden Händler, sie konnte das Brüllen der Zugochsen und das Wiehern der Pferde hören. Doch heute war alles so ruhig wie am Schabbat und obgleich es ein gewöhnlicher Wochentag war, lag über der Stadt und ihren Einwohnern Schweigen.

Geschwind sprang Jezabel von ihrem Lager und eilte in den Hof. Dort fand sie Rachel über eine große Schüssel mit Kichererbsen gebeugt. Sie sah von der Arbeit auf, als sie ihre Tochter bemerkte und Jezabel erwartete einen scharfen Tadel, weil sie so lange geschlafen hatte. Doch die Mutter schien an diesem Tag friedlich gestimmt.

„Guten Morgen mein Kind! Du kannst mir bei der Zubereitung des Hummus helfen. Beeil dich, ich brauche ein wenig Sesampaste und vor allem Öl, um das Püree zu glätten.“

Nachdem sie sich gewaschen und saubere Kleider angezogen hatte, holte das Mädchen die gewünschten Zutaten aus der Vorratskammer. Sonst gingen ihr die hausfraulichen Arbeiten schwer von der Hand, doch heute fand sie die alltäglichen Handreichungen beruhigend. Zwischendurch spähte sie immer wieder zum Laboratorium hinüber.

„Ist Vater nicht zu Hause? Ich habe ihn heute noch gar nicht gesehen?“, fragte sie schließlich.

„Er hat schon sehr früh das Haus verlassen. Ich glaube, dass er mit dem Rabbiner und dem Gemeindevorstand zusammentrifft. Nachdem der Perser gestern seine Ware abgeliefert hat, dachte ich, er würde sein Laboratorium nun nicht mehr verlassen und sich nur noch mit seinen Apparaturen beschäftigen, aber es scheint Wichtigeres zu geben.“

Rachel zuckte gleichgültig mit den Schultern und widmete sich wieder ihrer Arbeit.

Doch ihre Tochter fand keine Ruhe. Immer wieder schaute sie zur Tür und lauschte aufmerksam den seltenen Geräuschen auf der Gasse. Als sie endlich Schritte hörte, sprang sie auf und lief dem Eintretenden entgegen.

Mit hängenden Schultern stieg Moses die Stufen empor und noch bevor er die beiden Frauen im Hof grüßen konnte, hatte seine Tochter schon ausgerufen: „Vater, ist es wahr, kommen die Kreuzritter tatsächlich?“

Ein müdes Nicken war die Antwort. Dann verschwand der Parfümeur wortlos in seinem Arbeitsraum und schloss die Tür hinter sich.

Nach kurzem Zögern lief Jezabel dem Vater hinterher. Leise öffnete sie die Tür und schlüpfte in den Raum. Moses saß an seinem Arbeitstisch, das Gesicht in den Händen vergraben.

„Was geschieht nun mit uns, Vater?“, flüsterte sie angstvoll.

Dieser hob langsam den Kopf und sah sein Kind mit mutlosen Augen an: „Ich weiß es nicht. Die Valide Sultan bietet uns einen sicheren Platz im Palast, wenn ich meine Arbeitskraft ausschließlich ihr zur Verfügung stelle. Sie ist aber nicht nur an meiner handwerklichen Kunstfertigkeit interessiert; der Sultan hat sein Interesse an dir bekundet, mein Kind. Auf jeden Fall hat der Obereunuch so etwas angedeutet. Ich halte es nicht für ratsam, dass du in seiner Nähe lebst, deshalb werde ich das Angebot ausschlagen. Wir werden hierbleiben, wo wir hingehören, bei unseren Freunden und Nachbarn, und wir werden Gott anflehen, dass er uns vor den christlichen Barbaren beschützen möge, wie er es schon einmal getan hat. Wir müssen auf den Allmächtigen und auf den Sultan und seine Kriegskunst vertrauen! Alles liegt nun in Gottes Hand“, murmelte er erschöpft. „Bring mir ein wenig Brot und Wasser, ich habe noch nichts gegessen. In Kürze treffe ich mich mit den Gemeindeältesten. Alles muss wohl durchdacht sein und es muss entsprechend gehandelt werden. Es war dumm von mir, dem Perser mein gesamtes Silber für seine sicher sehr kostbaren Waren zu geben, denn so bleiben uns nur wenige Münzen, um Vorräte anzuschaffen. Eigentlich hatte ich gehofft, schon bald ein Vielfaches des Betrages mit neuen Duftkreationen zu gewinnen, aber nun sieht es so aus, als müsste ich bald Kräuterpasten und Wundsalben herstellen. Die werden wir in Zukunft dringender brauchen als feine Düfte. Ich werde deine Hilfe benötigen, Jezabel, denn es wird viel Arbeit für uns geben.“

So hatte sich innerhalb weniger Stunden, durch die Nachricht des anrückenden Christenheeres, ihr Leben verändert. Noch gestern war ihr die väterliche Drohung, sie aus seinem Labor zu verbannen, als das Schlimmste erschienen, das ihr geschehen konnte. Heute mutete es sie kindisch an, dass sie sich darüber bekümmert hatte. Eine neue, ganz reale Angst war an die Stelle ihrer kleinmädchenhaften Sorgen getreten.

***

Die Stadt war aus ihrer Schockstarre erwacht und urplötzlich brach in den Gassen und auf den Plätzen hektisches Treiben los. Von einer Stunde zur anderen beherrschten Krieger das Stadtbild. Der Sultan hatte sein Heer aus den von ihm beherrschten Ländern in der Stadt Akkon zusammengezogen und nun marschierten Scharen von ägyptischen, mesopotamischen und syrischen Fußsoldaten durch die Straßen zur Festung und zu den Wällen, gefolgt von der schwer bewaffneten Kavallerie hoch zu Ross. Zelte wuchsen an jeder verfügbaren Stelle aus dem Boden, Wassertränken für die Pferde zogen sich an den Zeltstraßen entlang. In den Basaren blühte der Handel und die verschreckten Bürger horteten Vorräte. Getreide und Hülsenfrüchte wurden den Händlern aus den Händen gerissen, Amphoren mit Öl, Wasser und Wein auf Eselskarren verladen, um zu den Vorratskammern der Bewohner gekarrt zu werden. Die Waffenschmiede vergossen Ströme von Schweiß über ihren Feuerstellen; vom nördlichen Festungswall her drang das Knallen von Peitschenhieben, wenn die Aufseher die Sklaven bei den Befestigungsarbeiten an den Mauern antrieben; die Wehrtürme wurden mit Katapulten, Steinschleudern, Spießen, Speeren, Armbrüsten und Lanzen bestückt. In der Stadt schwirrten Gerüchte umher, dass sich in jedem Turm ein Strepton befände, eine äußerst effektive Handpumpe, durch die das gefürchtete ‚Griechische Feuer‘ auf die Feinde herniederregnen sollte. Auf den Türmen, Wällen und Mauern hielten Wachen Ausschau nach der christlichen Flotte. Die Stadt und ihre Bewohner rüsteten sich für Krieg und eine lange Belagerung.

***

Eines schönen Morgens, der Muezzin hatte gerade von der nahe gelegenen Moschee zum ersten Gebet des Tages gerufen, begehrte Bassem, ein übellauniger syrischer Greis im Dienste Saladins, Einlass in Meister Moses Haus. Er brachte aus seiner Heimat das Geheimnis des ‚Griechischen Feuers‘ und hatte von seinem Herrn den Auftrag erhalten, Palästinas besten Alchemisten in dessen Herstellung zu unterweisen, um fortan in dessen Laboratorium zu Kriegszwecken Salpeter herzustellen, der neben Rohöl und Baumharz für das Entzünden der schlimmsten aller Waffen vonnöten war. Man fürchtete das ‚Griechische Feuer‘, das, einmal in Brand gesetzt, mit nichts zu löschen war, durch seinen hohen Harzanteil überall haften blieb und seine lodernden Zungen ausbreitete. Seine Zerstörungskraft war weitaus größer und tödlicher als die aller anderen Waffen.

Anstelle von blumigen Aromen zogen nun Dünste von Vogelkot und anderen Tierexkrementen durchs Haus, wenn der Alchemist mit Unterstützung des Syrers seine Experimente durchführte. Obwohl Jezabel häufig die Nase über den alles durchdringenden Gestank rümpfte, trieb sie die Neugierde an die Seite des Vaters, um ihm bei seinen Versuchen über die Schulter zu schauen. Auch wenn das Endprodukt kein feines Öl oder süß duftender Balsam war, so war doch der Arbeitsprozess ein ähnlicher. Mit der Zeit verlor das junge Mädchen die Abscheu vor den ekelerregenden Ingredienzien und widmete sich mit gleichem Eifer der Herstellung von Salpeter wie noch vor wenigen Wochen den zarten Blütendüften. Der alte Bassem, der anfangs über die Anwesenheit eines Weibes an seinem Arbeitsplatz gewettert und Allahs Zorn auf ihr Haupt herabbeschworen hatte, lernte bald ihr Wissen und ihren regen Geist zu schätzen.

Fast täglich begleitete Jezabel den Vater bei seinen Gängen durch das karge, trockene Hinterland, einen großen Binsenkorb über dem Arm. Es galt, auf den sonnendurchglühten, schroffen Felsen die Hinterlassenschaften von Vögeln und Tieren zu sammeln, die für die Gewinnung von Salpeter benötigt wurden. Schon nach wenigen Tagen kannte sie die Nistplätze der Vögel und wusste, wo die reichste Ausbeute zu finden war.

Während Moses und seine Tochter über die Felsen stiegen, auf der Suche nach dem stinkenden Rohstoff, durchstreifte Rachel ebenso unermüdlich die Basare, um Vorräte für die Familie zusammenzutragen. Von Tag zu Tag wurde es schwieriger, frische Lebensmittel zu erschwinglichen Preisen zu finden. So feilschte sie um jede Münze, trug Kichererbsen, Hirse und Linsen nach Hause und lagerte Amphoren mit Öl und gutem, süßem Wasser in ihrem Vorratsraum. Streifen von Hammelfleisch wurden in Salzlake eingelegt, um anschließend, auf Schnüren aufgehängt, in der heißen Sommersonne zu trocknen. Die Fleischstreifen würden in Notzeiten die eintönigen Linsengerichte ergänzen. Auch Datteln und Feigen lagen ausgebreitet auf sauberen Leintüchern zum Trocknen und warteten darauf, in dunklen Tonkrügen verstaut zu werden.

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