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Der Duft des Sommerwindes

Über die Autorin

Fiona Valpy lebt in Frankreich, wohin sie 2007 umgezogen ist. Sie ließ eine Karriere im Bereich Marketing und Public Relations in Großbritannien hinter sich, um neue Wege zu beschreiten. Heute unterrichtet sie Yoga und schreibt Bücher. Bei der Renovierung eines weitläufigen alten Bauernhauses zusammen mit ihrem Ehemann hat sie neue Fähigkeiten am Betonmischer und in der Inneneinrichtung entwickelt, auch wenn ihr bei Weitem liebster Zeitvertreib die Weinverkostung ist.

Finden Sie mehr über Fiona heraus unter: www.fionavalpy.com

Fiona Valpy

Der Duft des
Sommerwindes

Roman

Aus dem britischen Englisch
von Freya Gehrke

BASTEI ENTERTAINMENT





lieben:
vtr. aimer; affectionner; ressentir une attirance pour; être amoureux; adorer; désirer; faire l’amour; Liebe: f. amour m; attirance passionnée f, affection f; tendresse f; intérêt m; personne aimée f; Liebling: mon chou, chéri, amour …; sich verlieben: tomber amoureux/amoureuse; die Liebe seines Lebens: l’amour m de sa vie; Liebe auf den ersten Blick: le coup de foudre m; Liebesaffäre: liaison f; histoire d’amour f …

1. Kapitel

Neuanfang

To-do-Liste:

  • 20 Min. Pilates — täglich
  • Üben: tief durchatmen und loslassen — laufend
  • Nach Frankreich fahren
  • Bewerbung für Ausbildung zum Master of Wine abschicken, erster Schritt zu einem fantastischen neuen Job, der ein Leben voller Glamour und Vergnügungen finanziert
  • Geeigneten Mann für Liebe und Kinder finden, nicht noch mal auf so eine Ratte wie Ed reinfallen  laufend.

Wie sich herausstellt, ist Pilates in einer sardinenbüchsengroßen Fährkabine ein Ding der Unmöglichkeit. Also gehe ich stattdessen an Deck, um mir die Beine zu vertreten und zu beobachten, wie sich Saint-Malo aus dem frühmorgendlichen Nebel materialisiert. Während ich das Schiff der Länge nach abschreite, atme ich tief die Seeluft ein und schlage dadurch gleich zwei Fliegen von meiner To-do-Liste mit einer Klappe. Gut. Jetzt bin ich hoffentlich vorbereitet auf die lange Fahrt, die mich erwartet. Es ist die gleiche Strecke wie auf meiner Heimreise letztes Frühjahr. Nur dass mein Zuhause nun seltsamerweise in der entgegengesetzten Richtung liegt.

Meine Wohnung in Arundel ist für ein Jahr an ein junges Paar vermietet, das keinen Eigenheimkredit bekommen hat. Neuerdings sind die Banken ja nicht mehr so spendabel. Vor einem Jahr hätte man den beiden noch eine volle Hypothek ohne jedes Eigenkapital gegeben. Vor einem Jahr hatte ich noch meine schöne, sichere Arbeitsstelle. Vor einem Jahr waren Ed und ich noch zusammen. Vor einem Jahr hätte Liz in ihrem Haus auf mich gewartet, dort, am Ziel meiner Reise.

In einem Jahr kann verdammt viel passieren.

»Freedoms just another word for nothing left to lose«, singe ich mit dem Autoradio mit. Freiheit ist, wenn man nichts mehr zu verlieren hat. Tja, wer wüsste das besser als ich. Dinge zu verlieren scheint momentan der Tenor meines Lebens zu sein. Während ich im Takt der Musik auf dem Lenkrad trommle, zähle ich meine Verluste an den Fingern ab. Zuerst ist mein Vater gestorben. Dann hat mein Freund mich verlassen. Als Nächstes ist meine Tante gestorben. Und jetzt habe ich meinen Job verloren. Frei wie ein Vogel. Und halb tot vor Angst. Neben mir auf dem Beifahrersitz liegt mein Terminplaner, das letzte Überbleibsel meines alten ach so geordneten Lebens. Früher haben meine täglichen To-do-Listen mühelos eine Seite gefüllt, doch jetzt fällt es mir schwer, auch nur ein paar Zeilen zusammenzukriegen. Dennoch ist es wichtig, eine gewisse Routine beizubehalten. Ich bin immer jemand gewesen, der in festen Strukturen aufblüht. Also werde ich auch jetzt meinen Standards treu bleiben und meine Ohren britisch steif halten – egal, wie sehr mein Leben aus der Bahn geraten ist.

Als ich auf die autoroute nach Süden abbiege, fort von dem grauen Himmel über England und Nordfrankreich, umgibt mich plötzlich gleißend heller Sonnenschein. Es fühlt sich an, als wäre ich aus dem Schwarz-Weiß-Film meines alten Lebens mitten hinein in eine Technicolor-Produktion geraten. Die Wolken sind wie die Vorhänge in einem Theater, sie gleiten beiseite, um – was zu enthüllen? Ich habe keine Ahnung, was dieses neue Leben für mich bereithält. Dennoch sende ich aus tiefstem Herzen einen Dank an Liz, dass sie mir ihr Haus hinterlassen hat. Dass sie mir diese Chance geschenkt hat.

Liz war meine Lieblingstante. Um genau zu sein, war sie meine einzige Tante, aber selbst wenn ich noch andere gehabt hätte, wäre sie mir die liebste gewesen. Vielleicht haben Sie von ihr gehört – Liz Chamberlain erlangte in den Swinging Sixties eine gewisse Berühmtheit als Fotografin. Ihre ausdrucksstarken Porträts von Rockstars und Künstlern werden immer noch von Zeit zu Zeit nachgedruckt (dieser Tage vor allem in Begleitung von Nachrufen, muss man dazu sagen). Ende der Siebziger kehrte Liz dem Glamour und Aufsehen ihres Londoner Lebens den Rücken, um in die französische Provinz zu ziehen und dort gewissermaßen als Einsiedlerin zu leben. Ihren Blick für das Schöne verlor sie allerdings nie, auch wenn sie statt irgendwelcher Stars nun lieber die Natur porträtierte, in die ihr neues Zuhause eingebettet war. Ihre Fotos erschienen in Büchern über die Weine von Bordeaux oder über die Flora und Fauna Südfrankreichs. Mit dem Siegeszug der digitalen Fotografie schwand ihre Leidenschaft jedoch, weil dadurch die Herausforderung und die Kunstfertigkeit verloren gingen, wie sie sagte. »Es ist das Ende einer Ära.«

Als ich Richtung Süden meinem neuen Heim entgegenfahre, das Auto vollgestopft mit all meinem irdischen Besitz und einem Dutzend Schachteln Schokoladen-HobNobs (die unentbehrliche Überlebensration), kann ich Liz’ Stimme hören. Vielleicht ist ihr Geist auf dieser Reise bei mir. Die Vorstellung beruhigt mich ein bisschen und gibt mir Selbstvertrauen, während ich mein vertrautes Leben hinter mir lasse.

Ein Neuanfang. Ich schätze, so eine Chance bekommt man nicht oft: eine völlig unbeschriebene Seite. Wobei, um ehrlich zu sein, die Leere dieser Seite ein ganz klein bisschen beängstigend ist, wenn man es bisher gewohnt war, dass die Tage von einem Vollzeitjob mit festem Gehalt ausgefüllt waren – und einem regen Sozialleben, bei dem man das schwer verdiente Geld wieder ausgeben konnte.

Ich werde mir hier draußen neue Strukturen aufbauen müssen, beschließe ich. Ab jetzt werde ich einen gesunden und ausgeglichenen Lebensstil pflegen, mit einer Mischung aus Sport, guter Ernährung, Wein in Maßen (eventuell schwierig, wenn man in einer der größten und besten Weinregionen der Welt lebt) und einem straffen Lernprogramm für meine Fortbildung zum Master of Wine. Jawohl, ich werde meine Zwangspause einfach als Sabbatical nutzen und intensiv an meiner persönlichen Weiterentwicklung arbeiten. Und wenn ich einige Monate später nach England zurückkehre, gebräunt, gestrafft und hochqualifiziert, mit einer Aura französischer Raffinesse, nehme ich meine steile Karriere im Londoner Weinhandel wieder auf. Dann wird es dieser schleimigen Kröte Ed Cavendish noch leidtun, dass er mich für die jüngere und besser ausgestattete – jedenfalls finanziell, ihre Figur ist nicht der Rede wert – Camilla abserviert hat.

Ruhig bleiben und tief durchatmen, rufe ich mir in Erinnerung, während ich von der autoroute abfahre und auf die Straße abbiege, die an Saint-Émilion vorbei nach Sainte-Foy-la-Grande führt. Punkt Nummer zwei auf meiner To-do-Liste. Warum ist Loslassen nur so schwer?

Ich war kaum zwei Wochen wieder zu Hause, nach jener letzten Frankreich-Reise im Frühling, als der Anruf kam. Im Grunde habe ich es wohl geahnt, die Vorzeichen aber geflissentlich ignoriert. Wie ein kleines Kind, das sich aus Angst vor einem Monster die Augen zuhält: Seh ich dich nicht, siehst du mich nicht.

Ich saß am Küchentisch, als meine Mutter mir die Nachricht vom Tod meiner Tante überbrachte. Vor mir lag meine Samstagmorgen-Einkaufsliste. Brot, stand drauf. Eier, Milch, Spüli. Erstarrt vor Schock und Trauer spürte ich, wie sich die Worte in meine trockenen Augen einbrannten, banal und bedeutungslos. Mums Stimme am Telefon klang ruhig und gefasst. Einen Augenblick lang hatte ich das Gefühl, durch ein Loch in der Zeit gefallen zu sein und zu hören, wie sie mir ein Jahr zuvor vom Tod meines Vaters berichtete. Auch damals hatte sie so kühl und beherrscht geklungen, und ihre Distanz traf mich schwer. Warum zeigte Mum so selten ihre Gefühle für meinen Vater? Nicht einmal im Angesicht seines Todes? Aber vielleicht war das ja nicht verwunderlich. Schon öfter hatte ich den Eindruck gehabt, dass ihre Ehe eher auf Vernunft als auf Leidenschaft beruhte.

Ich schüttelte den Kopf und zwang mich, Mums Worten zu folgen. Und diesmal waren es andere.

»Eine Nachbarin hat sie gefunden, gestern Nachmittag. Sie glauben, es war ein Schlaganfall, sehr plötzlich. Celia Everett hat mich angerufen, um es mir zu sagen. Sie und Hugh kümmern sich da drüben ganz wundervoll um alles. Das ist wirklich eine große Hilfe, sie sprechen so gut Französisch und sind direkt vor Ort. Die Trauerfeier dürfte Ende der Woche sein. Scheinbar hat Liz Anweisungen hinterlassen.«

Kummer und Verlust schnürten mir die Kehle zusammen, und mir wurde die Brust eng. Es tat weh, zu sprechen.

»Sie hat es gewusst«, erklärte ich dumpf. In meinem Kopf blitzte das Bild auf, wie Liz in ihrem Arbeitszimmer gesessen und stapelweise Papiere geordnet hatte bei meinem letzten Besuch. Und dann fielen mir die Kleiderhaufen in ihrem Schlafzimmer wieder ein, daneben eine Rolle schwarzer Müllsäcke. Frühjahrsputz, hatte sie gesagt. Das schöne Vintage-Oberteil, das sie mir unbedingt hatte schenken wollen, hing jetzt in meinem Schrank, und plötzlich entwich mir ein Schluchzen wie eine Luftblase, die vom tiefsten Grund des Ozeans emporsteigt.

»Oh Gina, Liebes«, sagte meine Mutter. »Ich weiß, wie viel sie dir bedeutet hat. Bleib, wo du bist, ich komme rüber.«

Sorgsam legte ich das Telefon vor mir auf den Tisch und sah seine Konturen verschwimmen, als meine Tränen fielen und die Tinte auf meiner Samstagmorgen-Einkaufsliste verwischten. Ich saß noch immer da, betäubt und zitternd, als Mum eine halbe Stunde später an der Tür klingelte. Ohne meine Tante war diese Welt ein kälterer Ort geworden.

Jetzt ist es nicht mehr weit. Ich schlängele mich durch das Kreisverkehr-System auf dem Straßenring um Sainte-Foy und nehme dann die Abzweigung. Das Sträßchen windet sich den Hügel hinauf zu dem weitläufigen Bauernhaus, das am Rand des Abhangs über dem weiten Tal der Dordogne thront. Es wird seltsam sein, in Liz’ Haus zu wohnen – noch kann ich es nicht als meines sehen. Aber auch wenn es etwas einschüchternd ist, diese Reise allein zu machen, ist es nicht halb so traumatisch wie jener letzte Besuch mit Mum zu Liz’ Trauerfeier.

Die Einäscherung war für Freitagnachmittag angesetzt, und am Abend zuvor holte uns Hugh Everett am Flughafen Bergerac ab. »Natürlich werdet ihr bei uns übernachten«, hatte Celia bei einem der vielen Telefonate zwischen ihr und meiner Mutter im Lauf der vergangenen Woche beharrt. Mir wäre es weit lieber gewesen, in Liz’ Haus zu schlafen, aber diese Idee war rigoros beiseitegewischt worden von der eindrucksvollen organisatorischen Taskforce (Niederlassung Sussex und Gironde), die sich der Sache angenommen hatte.

Als wir auf wunderschön bezogenen (Sanderson) Chintz-Sesseln im wunderschön tapezierten (Farrow & Ball) Wohnzimmer der Everetts saßen und Gin Tonic aus wunderschön funkelnden (Edinburgh Crystal) Gläsern nippten, legte Celia eine Hand an ihre ebenfalls wunderschön dekorierte (Kaschmir und Perlen) Brust und seufzte tief. »Solch ein Schock für uns alle, ein schrecklicher Verlust. Und vor allem schlimm für dich, Gina. Wir wissen, wie nahe du Liz gestanden hast und wie gern sie dich hatte.« Sie hielt inne und blickte zu Hugh hinüber, der sich gerade neben Mum auf dem Sofa niedergelassen hatte und einen langen, dankbaren Schluck von seinem Drink nahm. »Liebling«, murmelte sie, »ich glaube, du hast Gina etwas zu erzählen?«

»Ja, richtig.« Hugh wandte sich mir zu. »Liz hat alles außergewöhnlich gut organisiert. Vor einer Weile hat sie mich gebeten, einer ihrer Testamentsvollstrecker zu sein, und ich freue mich, dir sagen zu können, Gina, dass sie ihren gesamten Besitz dir hinterlassen hat. Nicht dass das nun so viel wäre – eigentlich nur das Haus und alles darin. Sie hatte ein wenig Geld in die Altersvorsorge investiert, und natürlich ihre staatliche Rente. Dann gibt es hier und da noch Lizenzeinnahmen von ihren Büchern und Fotos, aber die kommen dieser Tage nur noch tröpfchenweise. Das Haus ist natürlich ein, zwei Shilling wert, solltest du verkaufen wollen. Sicher, da muss ein bisschen was dran gemacht werden, aber hier in der Gegend findet sich eigentlich immer ein ausgewanderter Engländer, der auf der Suche nach einem geeigneten Renovierungsprojekt ist.«

Das ging alles viel zu schnell, als dass ich es begreifen konnte. Meine erste Reaktion war: »Auf keinen Fall verkaufe ich Liz’ Haus«, doch dann stockte ich. »Aber Mum, solltest du nicht auch was von all dem bekommen?«

»Ach Schatz, das ist so lieb von dir, aber nein. Ich brauche wirklich nicht mehr, als ich habe. Dein Vater hat mich sehr gut versorgt zurückgelassen, wie du weißt. Natürlich wollte Liz, dass du das hier bekommst, und zu Recht. Denk nur darüber nach, was es bedeuten würde, wenn du das Haus verkaufst. Du könntest das Geld verwenden, um das Darlehen für deine Wohnung zurückzuzahlen oder um die nächste Stufe im Immobilienmarkt zu erklimmen und dir etwas Attraktiveres zuzulegen. Das ist eine wundervolle Gelegenheit.«

Ein paar Meilen entfernt lag der reglose Leib meiner Tante in einem Bestattungsunternehmen, und hier saß ihre Schwester in der wohlig beleuchteten Wärme von Celias elegantem Wohnzimmer und redete völlig gelassen über irgendwelche »wundervollen Gelegenheiten«. Ich liebe meine Mutter sehr, aber mal ehrlich, manchmal kann sie derartig kalt sein. In solchen Momenten ist es schwer, zu glauben, dass sie und Liz Schwestern sind – waren. Die eine so herzlich und unkonventionell mit ihrem Aussteigerleben in der französischen Provinz, und die andere solch eine reservierte und korrekte Sussex-Matrone mit einer Vorliebe für Bridge-Kaffeekränzchen und Designerhandtaschen.

Ich spürte, wie mein Gesicht heiß wurde und mir Tränen der Wut in die Augen schossen angesichts der Herzlosigkeit meiner Mutter, die weiter über den Verkauf des Hauses plapperte. Celia, die trotz ihrer etwas nervigen Art ein gütiger und ziemlich scharfsinniger Mensch ist, schien das zum Glück zu bemerken. »Na ja«, ergriff sie das Wort und tätschelte mir den Arm, »du hast mehr als genug Zeit, um in Ruhe über alles nachzudenken. Es besteht keine Eile, irgendwelche Entscheidungen zu treffen, und es wird sowieso eine Weile dauern, bis der Notar den ganzen Papierkram geordnet hat. Lass es erst einmal etwas sacken. Wir werden ab und zu im Haus nach dem Rechten sehen, und natürlich hat auch Liz’ Nachbarin, Mireille Thibault, ein Auge darauf. Sie hat übrigens Lafite aufgenommen. Wie es scheint, hat der alte Kater die ganze Zeit neben Liz’ Leichnam gesessen. Als würde er über sie wachen. Mireille meinte, es war wirklich rührend.«

Ich erinnerte mich an Mireille. Liz hatte mich ihr vorgestellt, als ich sie das letzte Mal besucht hatte. »Komm her, du musst meine liebe Nachbarin kennenlernen. Mireille Thibault, meine Nichte, Gina Peplow.«

Eine winzige, sehr aufrechte Dame in Schwarz hatte mir die Hand geschüttelt. Ihr Gesicht war eine einzige Faltenlandschaft, und die Furchen wurden noch tiefer, als sich ein warmes Lächeln auf ihren Zügen ausbreitete. »Liz hat mir schon viel von Ihnen erzählt«, verriet sie.

»Mireille wohnt in dem Haus gleich oben am Weg«, erklärte meine Tante. Ich nickte; das kleine Naturstein-Cottage zwischen den Pflaumenbäumen hatte ich schon öfter bemerkt, wenn wir dort entlangspaziert waren – zum Pilzesammeln oder um Brombeeren von dem dichten Dornengestrüpp zu pflücken, das hier und dort am Wegesrand wild wucherte.

»Richtig, und nun muss ich mich auf den Rückweg machen«, sagte Mireille lächelnd. »Zwei meiner Enkelkinder werden jeden Augenblick auftauchen, und wenn ich nicht vor ihnen dort bin, werden sie den ganzen Kuchen verputzen, den ich gebacken habe. Sie sind immer ganz ausgehungert, wenn sie von der Schule kommen. Auf Wiedersehen, Mademoiselle; genießen Sie den Aufenthalt bei Ihrer Tante.« Zum Abschied hatte sie Liz umarmt und war dann über die Hofeinfahrt verschwunden.

Während jener seltsamen, angespannten Stunden im Wohnzimmer der Everetts wirkte die Erinnerung an meine Tante und ihre Nachbarin beinahe realer als die traurige Wirklichkeit.

In einem Nebel emotionaler Erschöpfung würgte ich das Abendessen hinunter und verabschiedete mich dann ins Bett. Trotz all der kleinen behaglichen Details, für die Celia gesorgt hatte – eine Vase mit frischen Blumen, eine Flasche Mineralwasser, entspannendes Badeöl –, fühlte ich mich trostlos. Unter der Steppdecke im zweiten Gästezimmer der Everetts (in der großen Gästesuite war meine Mutter untergebracht) verbrachte ich eine schlaflose Nacht. Ich wünschte, ich wäre in Liz’ Gästezimmer – jetzt meinem Gästezimmer –, um mich ihr in den letzten Stunden, die ihr Körper auf Erden weilte, näher zu fühlen.

Das Krematorium war genauso trist und deprimierend, wie diese Orte überall auf der Welt sind. Liz hatte sehr genaue Anweisungen hinterlassen, und Hugh und Celia hatten alles entsprechend arrangiert. Der schmucklose Sarg bestand aus schlichtem Kiefernholz, aber ich legte einen Armvoll duftender weißer Lilien darauf, mein Abschiedsgeschenk.

Als wir den Raum betraten, in dem der Gottesdienst stattfinden sollte, nahm ich durch die Tränen nur ein verschwommenes Meer von Gesichtern wahr. Trotz Liz’ Vorgabe, ihre Trauerfeier solle klein sein, ohne großes Aufhebens, hatten sich ihre Freunde nicht abhalten lassen. Eine bunte Mischung aus Franzosen und Engländern war erschienen, um ihr das letzte Geleit zu geben. Mir fiel Mireille Thibault ins Auge, die etwas abseits geduldig wartend dastand, während ich die Beileidsbekundungen entgegennahm. Schließlich trat sie einen Schritt vor und nahm mich wortlos in die Arme. Zum ersten Mal, seit ich die Nachricht von Liz’ Tod erhalten hatte, fühlte ich mich getröstet. Überwältigt verweilte ich einen Augenblick in ihrer warmen Umarmung, bis sie mir sachte den Rücken tätschelte, sich halb von mir löste und mich mit ihren leuchtenden Augen betrachtete. »Bleiben Sie übers Wochenende?«, fragte sie. »Dann schauen Sie doch vorbei und klopfen an meine Tür. Lafite wird sich freuen, Sie zu sehen.«

Ich holte tief Luft. »Nach dem Gottesdienst gibt es einen Empfang bei den Everetts. Vielleicht möchten Sie auch kommen?«

»Nein, vielen Dank. Ich werde Liz nur hier mein adieu sagen und dann nach Hause gehen. Aber wir sehen uns morgen. Bon courage, Liebes.«

Und Mut war genau das, was ich brauchte, als eine halbe Stunde später der Sarg lautlos durch den Vorhang glitt und meine geliebte Tante fort war …

Völlig vertieft in meine Erinnerungen verpasse ich zwischen den Weinreben beinahe die Abzweigung auf den Zufahrtsweg. Im letzten Moment reiße ich das Steuer herum und schaffe die Kurve gerade so.

Und muss im nächsten Augenblick mit aller Kraft auf die Bremse treten, als vor dem Wagen ein dunkelblauer Pick-up auftaucht, der den schmalen Weg hinab geradewegs auf mich zukommt. Meine Reifen quietschen, rutschen auf dem Schotter, und wie in Zeitlupe gleitet das Heck des Autos anmutig in den Graben. Der Motor säuft ab, und in der plötzlichen Stille zittere ich am ganzen Leib, als mir klar wird, wie knapp das war. So nah und doch so fern – es sind nur noch ein paar Meter bis zur Einfahrt von Liz’ Haus. Aber hier sitze ich nun und stecke fest. Ich wünschte, es wäre ein nur sprichwörtlich ausgetretener Pfad, doch dummerweise ist die tiefe Rinne real.

An meinem Fenster ertönt ein Klopfen. Der Fahrer des Pick-ups ist ausgestiegen und hergerannt. Als er zu mir hereinspäht, nehme ich warme Augen in einem tief gebräunten Gesicht wahr. Ich kurbele das Fenster herunter.

»Excusez-moi, madame«, sagt er besorgt. In seinem Französisch liegt ein Hauch des südwestlichen Dialekts, der in dieser Gegend so häufig ist. »Ist mit Ihnen alles in Ordnung?«

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll, so geschockt bin ich – aber wenigstens unverletzt. Beschämt nicke ich. »Ich stecke bloß fest.« Ich öffne die Tür und versuche, auszusteigen, aber mit dem Heck im Graben und der Wagenschnauze in der Luft ist der Winkel ungewohnt, sodass ich danebentrete und beinahe auf dem Hintern lande. Im letzten Moment kann ich mich noch abfangen und lande stattdessen auf den Knien. Jetzt ist meine Jeans gründlich mit Matsch eingesaut. Nicht gerade ein würdevoller Auftritt.

»Oopla!«, sagt der Mann, hält mich mit starker Hand am Oberarm fest und hilft mir zurück auf die Füße. Er grinst breit, offenbar höchst erheitert angesichts meiner misslichen Lage und meines derangierten Zustands. Dann geht er in die Hocke, um einen genaueren Blick auf die Hinterräder zu werfen.

»Keine Sorge, ich hole Sie da raus. Zum Glück ist nichts weiter passiert. Für diese schmalen Sträßchen waren Sie deutlich zu schnell unterwegs.«

Mir schwillt der Kamm. Hör mal, Kumpel, würde ich am liebsten sagen, das Letzte, was ich jetzt brauche, ist ein Vortrag von einem selbstgefälligen, neunmalklugen Franzmann. Ich bin seit vierundzwanzig Stunden unterwegs, habe meine Arbeit, meinen Freund und den Großteil meiner Familie verloren, seit Monaten nicht vernünftig geschlafen, musste meine Zelte abbrechen und mich derart weit aus meiner Wohlfühlzone begeben, dass ich nicht mal mehr weiß, wie sie aussieht, und jetzt bin ich zusammen mit all meinen irdischen Besitztümern in einem matschigen Graben gelandet. Das hier ist also nicht gerade mein Tag, klar?

Doch das sage ich nicht. Einerseits, weil mein Französisch dazu nicht ausreicht. Und andererseits, weil mir gerade noch rechtzeitig einfällt, dass er derjenige mit dem Abschleppseil und dem Allradantrieb ist. Wenn ich mein Auto nicht im Graben lassen und mein gesamtes Hab und Gut Karton für Karton und Müllsack für Müllsack zu meinem neuen Heim hinaufschleppen will, bleibe ich wohl besser höflich.

Ich lächle und bringe ein mattes »Merci, monsieur« heraus, während er das Seil unter meinem Wagen befestigt. Ungelenk krabble ich wieder auf den Fahrersitz, bevor er vorsichtig mit seinem Pick-up zurücksetzt und das Seil spannt. Langsam kommt das Auto wieder in die Waagerechte, bis es schließlich zurück auf der Straße ist.

Der Mann macht das Abschleppseil los und kommt noch einmal herum zu meinem Fenster, während er sich den staubigen grünen Overall abklopft. »Bitte schön. Am derrière ein bisschen schmutzig, aber weiter ist nichts passiert.« Wieder funkeln seine dunklen Augen, und ich bin mir nicht sicher, ob er mich oder meinen Wagen meint. Ich starte den Motor, aber der Fremde lehnt immer noch in meinem Fenster und mustert mich. Trotz all meiner Verwirrung und peinlichen Berührtheit registriere ich, dass er ziemlich gut aussieht. Weshalb ich noch heftiger erröte.

»Ja, also, dann danke.«

»Ist mir ein Vergnügen. Oh, et bienvenue en France!« Er klopft auf das Autodach und tritt zurück, damit ich abfahren kann. Kurz bevor ich in die Einfahrt biege, werfe ich einen Blick in den Rückspiegel und sehe, dass er immer noch auf dem Schotterweg steht und mir nachschaut. Als wollte er sichergehen, dass ich heil zu Hause ankomme. Wobei es wahrscheinlicher ist, dass er sich bloß noch mal über mich kaputtgelacht hat.

Erleichtert fahre ich auf den Hof und stelle den Wagen ab. Ein paar Sekunden sitze ich nur da und lasse die Erkenntnis, dass ich hier bin – endlich! –, sacken. Langsam lässt das Klingeln in meinen Ohren (eine Mischung aus Scham und Motorenlärm) nach.

Es ist Anfang Juni, aber es fühlt sich bereits an wie Hochsommer, und die Blätter der Limettenbäume leuchten in einem satten, dunklen Grün. Als mein Gehör sich anpasst, erkenne ich, dass das Geräusch, das ich wahrnehme, von ihren frisch duftenden hellgelben Blüten kommt, um die in der goldenen Abendwärme ein Heer von Bienen herumsummt. Die Erde in den Töpfen der pinken Geranien bei der Küchentür, die entweder Celia oder Mireille nach ihrer Überwinterung im Haus nach draußen gestellt haben müssen, ist trocken und staubig.

Vorsichtig schäle ich meine steifen Glieder aus dem Fahrersitz, klopfe mir so viel Dreck von der Jeans wie möglich und wühle in meiner Handtasche nach den Schlüsseln. Nachdem ich meinen schweren Koffer und die Reisetasche aus dem Kofferraum gewuchtet habe, schließe ich die Küchentür auf. Und trete in den kühlen Halbschatten meines neuen Zuhauses.

2. Kapitel

Home Sweet Home

To-do-Liste:

  • Auspacken
  • Bett beziehen
  • Anrufen: Mum, Celia, Mireille
  • Ausnahmsweise mal eine Nacht durchschlafen

Ich wandere durch das Haus und öffne Fenster und Fensterläden, um die Abendluft herein zu lassen. Der Gesang der Zikaden und der Vögel vertreibt die Stille, die in den Räumen lauert.

Das letzte Mal war ich am Tag nach der Trauerfeier hier …

Celia und meine Mutter hatten mich am unteren Ende des Weges abgesetzt und waren den Hügel hinab in die Geschäftigkeit des Samstagmorgen-Marktes in Sainte-Foy hineingefahren. Zweifellos würden sie bei einem Kaffee auf dem Marktplatz einen langen Plausch halten.

Es war ein wundervoller Frühlingstag, und ich spazierte zwischen ordentlich getrimmten Weinreben hindurch, die gerade erst begannen, sich an ihren stützenden Drähten zu einem üppigen Behang zu verweben. Pinke und lila Orchideen lugten aus dem langen Gras am Rand hervor, und eine sanfte Brise trug musikalisches Vogelgezwitscher mit sich.

Ich ging an Liz’ Auffahrt vorbei und weiter bis zu Mireilles Häuschen am Rand des Pflaumengartens. Auf dem Schotter vor der Tür, umringt von Töpfen voller fröhlich roter Geranien, streichelte ein kleines Mädchen Lafite, der sich genießerisch in der Sonne aalte. Als ich den Weg hinaufkam, rollte der alte Kater sich auf die Füße und kam zu mir, um mich zu begrüßen und mir schnurrend um die Beine zu streichen. Einen Moment beobachtete mich das kleine Mädchen. Flüchtig nahm ich große, ernste braune Augen in einem blassen herzförmigen Gesicht wahr, umrahmt von braunem Haar. Dann wirbelte sie herum und flitzte ins Haus, um ein paar Sekunden später mit Mireille wieder aufzutauchen.

»Gina, Liebes, wie geht es Ihnen?« Mireille küsste mich auf beide Wangen, bevor sie mich in eine warme Umarmung schloss. Forschend sah sie mir ins Gesicht. »Gestern war ein trauriger Tag, aber heute ist es ein wenig friedlicher, glaube ich?« Sie drehte sich zu dem kleinen Mädchen um und schob es ein Stück nach vorn. »Darf ich meine Enkeltochter vorstellen: Nathalie.« Das Kind hob mir den Kopf für die obligatorischen zwei Wangenküsse entgegen.

»Lafite hat es sehr gefallen, von dir gestreichelt zu werden«, bemerkte ich lächelnd.

»Ja«, erwiderte die Kleine. »Er vermisst Liz« – sie sprach es aus wie »Lies« – »aber ich helfe Grand-Mère, für ihn zu sorgen und ihn aufzumuntern.«

»Das ist lieb von dir. Bessere Freunde könnte er sich nicht wünschen.«

»Sollen wir mit Ihnen zum Haus kommen?«, fragte Mireille.

Ich hatte vorgehabt, ohne Begleitung zu gehen, doch plötzlich erschlug mich die Vorstellung, allein über die Schwelle in jene Leere zu treten. »Ja, bitte, das fände ich schön.«

Ihre Gesellschaft war genau, was ich brauchte, wurde mir klar. Nathalie und Lafite tänzelten vor uns her und vertrieben jegliche Geister, während Mireilles ruhige Gegenwart die Einsamkeit zerstreute, die ich seit der Trauerfeier gefühlt hatte.

Zu meiner Erleichterung war das Haus erfüllt von einer Atmosphäre des Friedens, und ich fühlte mich überraschend beruhigt, wieder in der vertrauten Küche zu stehen, wo das gelassene Ticken der Uhr über der Feuerstelle unbeirrt die Zeit maß, als hätte sich nichts geändert.

»Sie lag hier auf dem Boden, als ich sie gefunden habe«, erzählte Mireille leise. »Ich bin für unseren Nachmittagstee herübergekommen. Es war Liz, die mich mit diesem zivilisiertesten aller englischen Bräuche bekannt gemacht hat. Der Kessel war noch warm, sie kann noch nicht lange dort gelegen haben.

Ich glaube, sie hat es kommen sehen«, fuhr Mireille nachdenklich fort. »Schon in den Monaten davor hat sie die Dinge in Ordnung gebracht. Ich habe ihr geholfen, ein paar Müllsäcke zur Deponie zu bringen, und andere, mit Kleidern und weiteren Dingen, die noch zu gebrauchen waren, zur Kirche. Es war ihr wichtig, alles geordnet zurückzulassen.«

Mir traten Tränen in die Augen. »Als ich hier war, ging es ihr nicht gut. Ich hab ihr gesagt, sie soll zum Arzt gehen. Ich hätte bleiben sollen, sie vielleicht ins Krankenhaus bringen …«

Beruhigend legte Mireille mir eine Hand auf den Arm. »Was sie verweigert hätte.« Sie lächelte mich an und reichte mir ein Taschentuch. »Sie wissen doch, wie eigensinnig Ihre Tante immer war – stur wie ein Esel. Sie hatte sich entschieden und wollte es nach ihren eigenen Bedingungen enden lassen. Ihr Wunsch ist eingetroffen, nämlich ein erfülltes Leben bis zum Schluss und dass sie zu Hause sterben durfte. Nicht in einem Krankenhaus, vollgestopft mit Schläuchen, und auch nicht langsam verrottend in einem Pflegeheim unter Fremden. Sie war bereit, zu gehen, wissen Sie.«

Wir wanderten durch die Zimmer, wo alles säuberlich geordnet war. Die Papierstapel, die sonst jede ebene Fläche im Arbeitszimmer bedeckt hatten, waren verschwunden, und der Schrank in Liz’ Schlafzimmer war fast leer.

»Sie hat nur behalten, was sie täglich brauchen würde«, erklärte Mireille. »Soll ich diese letzten Sachen ausräumen und zur Kirche bringen? Es ist eine traurige Aufgabe, sich von etwas so Persönlichem wie Kleidern zu trennen, deshalb ist es für mich vielleicht einfacher. Natürlich nur, falls Sie und Ihre Mutter nichts davon behalten wollen.«

Ich dachte an Mums elegant-konservative Kleidung in neutralen Farben, weit entfernt von Liz’ extravaganterem Geschmack. »Dafür wäre ich dankbar, wenn es Ihnen wirklich nichts ausmacht«, antwortete ich. »Ich habe bereits ein paar Sachen, die sie mir zum Andenken an sie gegeben hat.«

Wir gingen wieder hinunter in die Küche. Nathalie und Lafite war es wohl zu langweilig geworden, ihre Zeit drinnen zu verschwenden. Also waren sie auf den Hof hinausgegangen, wo der Kater mit Adleraugen eine Eidechse beobachtete, die sich an die Wand geheftet hatte. Das kleine Mädchen saß auf der Stufe vor der Tür und flocht Kränze aus Gänseblümchen. Dann knackte der Schotter unter den Reifen von Celias Wagen, als sie auf den Hof fuhr, und der friedvolle Moment zersprang.

Eine Weile besprachen wir Praktisches – Celia und Mireille würden beide ein Auge auf alles haben, bis der Anwalt das Testament abgewickelt und ich entschieden hatte, was ich mit dem Haus machen wollte. Ich ahnte ja nicht, wie bald ich schon wieder herkommen würde, und diesmal, um ein neues Zuhause zu finden.

»Lassen Sie sich Zeit, Liebes«, riet Mireille mir zum Abschied. »Es hat Liz viel bedeutet, Ihnen das Haus zu hinterlassen, aber sie wollte nicht, dass es eine Last für Sie ist. Sie müssen tun, was immer Ihnen richtig erscheint.«

Und ich sah zu, wie die alte Dame über die Hofeinfahrt verschwand, begleitet von dem kleinen Mädchen mit der Gänseblümchenkrone und dem großen schwarzen Kater.

Jetzt, in der stillen Wärme des Sommerabends, mache ich mich auf den Weg nach oben zu Liz’ Schlafzimmer und zögere, bevor ich die Tür öffne. Das Bett ist abgezogen und die Decke sorgsam gefaltet über das Fußende gelegt. Ich gehe hinüber zum Schrank und drehe den Schlüssel. Er ist leer. Mireille hat Wort gehalten und den Rest von Liz’ Kleidern entsorgt. Mit einem Zug an den Schnüren der Oberlichter lasse ich frische Luft herein und zwei wütend summende Fliegen hinaus. Ich hatte noch nicht entschieden, wo ich schlafen will. Aber jetzt, wo ich hier bin, erscheint es mir tröstlicher, dies zu meinem Zimmer zu machen. Irgendwie fühle ich mich Liz hier nah.

Auf dem Weg nach unten, wo ich Bettwäsche aus dem Wäscheschrank im Flur holen will, höre ich auf dem Schotter des Hofs Schritte knirschen. Ich gehe in die Küche und entdecke Lafite, der stumm dasitzt und mir erwartungsvoll entgegenblickt. Von der Tür ertönt ein leises Klopfen, und als ich mich umdrehe, steht Mireille an der Schwelle, am einen Arm einen Weidenkorb und in der anderen Hand eine Plastiktüte. Sie beugt sich hinunter, um beides abzustellen, und kommt dann zu mir, um mich mit einer herzlichen Umarmung zu begrüßen.

»Ma chère Gina, wie schön, zu sehen, dass Sie heil angekommen sind«, sagt sie so strahlend, dass die Knitterfältchen um ihre Augen in dem zerfurchten braunen Gesicht sich vertausendfachen. Etwas überrascht sehe ich sie an. Ich hatte niemandem hier unten gesagt, dass ich auf dem Weg bin. »Aha«, kommentiert sie lachend, »Sie haben doch sicher nicht gedacht, Sie könnten hier unbemerkt ankommen? Sie leben jetzt auf dem Land, Liebes. Sie werden sich daran gewöhnen müssen, dass jeder hier über Ihre Angelegenheiten Bescheid weiß, bevor Sie überhaupt selbst davon wissen! Ich habe von Madame Everett gehört, die es wiederum von Ihrer Mutter gehört hat, dass Sie heute ankommen würden. Lafite und ich haben nach Ihrem Wagen Ausschau gehalten. Zweifellos wird Madame Everett morgen vorbeikommen und Ihnen einen Besuch abstatten, aber heute Abend wollte ich die Erste sein, die Sie willkommen heißt.«

Ich frage mich, ob Mireille meine kleine Begegnung mit dem Graben und dem gutaussehenden Franzosen mitbekommen hat. Falls ja, ist sie zu höflich, um es zu erwähnen. Aber vielleicht weiß sie, wer er ist, also notiere ich mir in Gedanken, sie irgendwann mal danach zu fragen. Nur nicht jetzt. Ich will nicht, dass die Leute mich für verzweifelt halten. Auch wenn ich es bin.

Sie hebt den Korb und die Tüte auf und stellt sie auf den Küchentisch. »Hier sind ein paar Sachen, mit denen Sie heute Abend und morgen zum Frühstück über die Runden kommen dürften, bis Sie Gelegenheit haben, einkaufen zu fahren.« Aus dem Korb holt sie einen langen Laib Brot mit dicker Kruste, Butter und ein paar Eier hervor. »Und hier sind die allerletzten Kirschen von meinem Baum. Die Saison ist gerade vorbei. Dazu noch ein Glas von meiner Kirschmarmelade. Und natürlich eine Flasche Wein, um Ihre Heimkehr zu feiern. Ich freue mich so, dass Sie beschlossen haben, herzukommen und hier zu leben. Liz wäre begeistert gewesen.«

Hmm, die internationalen Buschtrommeln scheinen ja sehr fleißig gewesen zu sein. So viel zum Thema Unabhängigkeit. Doch insgeheim ist es ein schönes Gefühl, das unsichtbare Netz der Unterstützung zu spüren, das diese Respekt gebietenden Damen hinter meinem Rücken geknüpft haben.

»Hier sind Lafites Sachen – sein Futternapf, der Trinknapf, etwas Futter. Er war zufrieden bei mir, aber ich weiß, dass er noch wesentlich zufriedener sein wird, wieder dort zu sein, wo er hingehört. Wissen Sie, er schaut oft hier vorbei – ich glaube, er hat auf Sie gewartet.«

»Mireille, Sie sind so gut zu mir. Vielen Dank. Bleiben Sie hier und trinken ein Glas Wein mit mir?«

»Nicht heute, Liebes. Ich weiß doch, dass Sie nach Ihrer langen Reise müde sein müssen und sich bestimmt erst einmal einrichten wollen. Fürs Erste lasse ich Sie allein, aber kommen Sie herüber, und besuchen Sie mich, wann immer Sie wollen. Sie wissen, wo Sie mich finden, falls Sie irgendetwas brauchen.«

Mit einer erneuten Umarmung schnappt sie sich den leeren Korb und spaziert über die Einfahrt davon. Lafite streicht mir um die Knöchel, späht hinauf in mein Gesicht und lässt ein wehleidiges »Miau« hören. »Abendbrotzeit, ja? Na, dann komm«, sage ich. »Und ich glaube, ich wässere mal lieber die Geranien, bevor sie mir verdursten.«

Es ist schön, etwas Sinnvolles zu tun zu haben. Vor der Stille und Leere meines ersten Abends hier hatte ich mich gefürchtet, doch jetzt eile ich geschäftig herum, gieße die Blumen auf dem Hof, wische in der Küche Staub und hole aus dem alten Schrank die tadellos gebügelte Bettwäsche, die nach frischer Luft, Sonnenschein und Lavendel duftet.

Als ich das Bett in Liz’ Zimmer fertig bezogen habe, schlendere ich nach unten, bleibe an der Tür des Gästezimmers stehen und erinnere mich an meinen letzten Besuch hier. Seit jenem letzten Urlaub hat sich nichts verändert.

An den weiß getünchten Wänden hängen gerahmte Landschaftsfotos – natürlich Liz’ Werk. Jedes davon kenne und liebe ich: die stockartigen Reben auf dem coteau, wie sie im Nebel des darunterliegenden Flusses verschwinden, der im Wintersonnenschein rosig schimmert; die weißen Blütenwolken der Pflaumengärten im Frühling; eine goldene Weide, die sich im dunstigen Herbstlicht perfekt in der Dordogne spiegelt. Auf den Terrakotta-Fliesen liegen Flickenteppiche, und über das Doppelbett ist eine hübsche Toile-de-Jouy-Tagesdecke gebreitet. Als ich jünger war, hielt ich es für ungeheuer mondän, in einem so großen Bett zu schlafen statt in dem schlichten Einzelbett in meinem Zimmer daheim. Mum war es während meiner Teenagerzeit immer sehr recht, wenn ich allein nach Frankreich fuhr. Dadurch ließ sich auch das Problem der langen Schulferien lösen, in denen ich beschäftigt werden musste, meine Mutter aber angeblich diverse andere Dinge zu tun hatte.

Unsere Sommerferien liefen immer nach demselben Muster ab, denn meine Mutter hatte ihr Leben gern wohlorganisiert und vorhersehbar, und mein Vater akzeptierte das. Zuerst verbrachten wir zwei Wochen Familienurlaub in Salcombe in Südengland. Meine Mutter rekelte sich hinter einer großen Sonnenbrille und der neuesten Ausgabe des Tatler oder von Homes and Gardens am Strand. Währenddessen bauten Dad und ich Sandburgen oder segelten – als ich alt genug war – mit einem kleinen Dingi flussaufwärts, fort vom hektischen Getümmel im Hafen, um die Flüsschen zu erkunden, die sich hinter den sanften Hügeln mit ihren grünen Feldern verbargen. Dad nahm immer ein Fernglas mit, um Vögel zu beobachten, seine zweite Leidenschaft neben dem Wein. Einmal sahen wir einen Eisvogel von einem überhängenden toten Ast hinabstoßen, so schnell und blau wie ein Elektroschock. Ein anderes Mal saßen wir zusammen am Ufer, völlig gefangen von den bizarren Bewegungen einer Wasseramsel, die zu den scheuesten aller Vögel gehört. Nickend und wippend saß die Amsel auf einem Felsen, bevor sie geradewegs ins Wasser marschierte und unter der Oberfläche nach Futter wühlte.

Anschließend, mit dem ganzen August noch vor mir, wurde ich ins Flugzeug gesetzt und in Bordeaux von Liz abgeholt. Meine Mutter schien nie besonders erpicht darauf, mitzukommen – nach der langen Zeit in Devon gab es zu viel im Garten zu tun, sagte sie immer, außerdem würde sie ihre Bridgetreffen verpassen –, und insgeheim war ich froh darüber. Meine Ferien bei Liz waren wundervolle Wochen der Freiheit, in denen ich ihr in ihrem herrlich verwilderten Garten half oder mit ihr die Märkte besuchte und farbenfrohes frisches Obst und Gemüse aussuchte. Die Lebensmittel trugen wir dann gemeinsam nach Hause, wo Liz mir beibrachte, klassische französische Gerichte zu kochen. Dazu suchte sie immer einen Wein aus der Region aus und half mir, zu begreifen, wie der richtige Wein selbst das schlichteste Essen ergänzt und hervorhebt. »Die teuren Flaschen sind nicht immer die besten«, erklärte sie, während sie den Korkenzieher drehte und den Verschluss mit einem befriedigenden Plopp heraushebelte. »Es kommt allein darauf an, wozu man den Wein trinkt. Einfaches, ehrliches Essen wie das hier passt perfekt zu unseren kräftigen Weinen aus Bordeaux.«

Auf den Nachttisch im Gästezimmer stellte Liz immer einen hübschen Krug mit Blumen, daneben lag ein kleiner Stapel Taschenbücher. Sie war eine absolute Leseratte und legte die Bücher immer für mich beiseite, wenn sie dachte, sie könnten mir auch gefallen.

Seufzend wende ich mich ab und rechne halb damit, dass meine Tante gleich hinter mir steht. Dieses Haus ist erfüllt von ihrem Leben und ihrer Arbeit. Selbst die alten Steinwände scheinen von ihrer Präsenz durchdrungen zu sein. Vielleicht ist es das, was Geister sind: die Essenz eines gelebten Lebens, die in die Mauern eingedrungen ist und nun sanft davon ausstrahlt, noch lange nachdem jener Mensch verschwunden ist. Wie eine Steinwand, die die Hitze der Mittagssonne zurück in die nächtliche Luft verströmt.

Ich reiße mich zusammen und erinnere mich daran, dass ich immer noch die Tochter meiner Mutter bin. Was ist denn los mit mir? Ich war immer so beherrscht, doch neuerdings scheint das Leben mich bis in die Grundfesten zu erschüttern. Ich sollte lieber etwas essen; plötzlich fühlt es sich wie eine Ewigkeit an, seit ich an einer Raststätte zum Mittagessen angehalten habe.

Ich mache mir Rührei und nehme den Teller mit nach draußen, dazu ein Glas von dem Wein, den Mireille mir gebracht hat.

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