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Der Duft des Mörders

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Der Duft des Mörders

Die New Yorker Fotografin Jenna sucht zusammen mit dem Privatdetektiv Frank nach dem Mörder ihres Ex-Mannes. Lag Adam richtig, als er eine Computerfirma dunkler Machenschaften verdächtigte? Welche Rolle aber spielt die Russenmafia? Als ein weiterer Mord geschieht, verschwindet Jenna, die der Lösung im tödlichen Spiel um Geld und Macht nahe zu kommen scheint, spurlos. Da erkennt Frank, wie sehr er die Jugendfreundin liebt, und begibt sich auf eine verzweifelte Suche. Wird er Jenna finden, bevor sie das dritte Opfer des Mannes mit dem eigenartigen Geruch wird?

 

 

 

 

 

 

 

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Christiane Heggan

Der Duft des Mörders

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Ralph Sander

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1. KAPITEL

Manhattan, New York
Montag, 6. Oktober 2003
19:42 Uhr

Am Times Square kannte jeder den brasilianischen Eigentümer des Cafés Insomnia, das einige der besten Kaffeemischungen der Stadt im Angebot hatte, unter dem Namen Pincho Figueras. Von anderen dagegen, deren Identität er lieber nicht wissen wollte, wurde er nur Kravitz genannt. Warum er sich diesen Decknamen zugelegt hatte, wusste er selbst nicht so genau. Er kannte niemanden, der so hieß, und ganz sicher gab es keinen ethnischen Bezug zu diesem Namen. Ihm gefiel wohl einfach der Klang.

Pincho Figueras war Profikiller, und zwar einer der besten. In den letzten zehn Jahren hatte ihn dieser Job reich genug gemacht, um sich in Südfrankreich eine Villa zu kaufen, jede Frau ins Bett zu kriegen, die er haben wollte, und um in den teuersten Restaurants zu essen. Keine schlechte Leistung für einen Jungen, der in den Slums von Rio de Janeiro aufgewachsen war und der sich immer gefragt hatte, ob er jemals mehr sein würde als nur ein kleiner, unbedeutender Taschendieb.

Die Erlösung aus seinem Elend war in Gestalt eines aalglatten Norte Americano in sein Leben getreten, eines New Yorkers mit dröhnender Stimme und Taschen voller Geld. Vom Hörensagen hatte Big Al, wie er genannt werden wollte, davon erfahren, welch flinke Finger und noch flinkere Beine Pincho hatte, und als er Pincho fünfhundert US-Dollar bot, damit er einem bolivianischen Geschäftsmann die Aktentasche entwendete, glaubte Pincho zu träumen. Mit so viel Geld könnte er sich endlich eine eigene Wohnung leisten, um seinem brutalen Vater und der übrigen jämmerlichen Familie zu entkommen. Vielleicht würde er sich sogar seinen Traum erfüllen und in die Vereinigten Staaten auswandern können.

Der Auftrag klang recht simpel, nahm aber eine unerwartete Wende. Der Bolivianer lag im Bett und schlief fest, als sich Pincho in sein Hotelzimmer schlich. Gerade wollte er die Aktentasche des Mannes an sich nehmen, als der aufwachte. Starr vor Schreck sah Pincho mit an, wie der Geschäftsmann ihn entdeckte, unter das Kissen griff und eine 357er Magnum hervorholte. Pincho blieben nur noch Sekundenbruchteile, um zu reagieren. Mit bemerkenswerter Kaltblütigkeit und einem Geschick, das er seit seinem neunten Lebensjahr geschult hatte, riss er ein Messer aus der Hosentasche, zielte und schleuderte es auf den Mann.

Die Klinge bohrte sich in die Brust des Bolivianers und traf genau ins Herz. Noch bevor Pincho mit der Aktentasche das Zimmer verließ, war der Mann tot.

Big Al war keineswegs verärgert über diese unerwartete Entwicklung, vielmehr lobte er die rasche Auffassungsgabe seines neuen jungen Freundes und bot ihm einen zweiten Job an: die Beseitigung eines weiteren Geschäftsmanns. Pincho verstand schnell, dass Big Al der Mittelsmann zwischen einem mächtigen südamerikanischen Kartell und Drogenbaronen in den Vereinigten Staaten war und dass es sich bei den „Geschäftsleuten“ um Konkurrenten handelte, die Big Als Profite schmälerten.

Pincho liebte seinen Nebenjob – nicht nur wegen des Geldes, sondern auch, weil Al ihn respektierte und schätzte. In der Kaffeerösterei, in der Pincho tagsüber arbeitete, war er nichts weiter als ein schlecht bezahlter Hilfsarbeiter. Aber ihm stand mehr zu. Er war mutig, intelligent und vor allem kreativ. Er liebte es, die Polizei in die Irre zu führen, indem er falsche Fährten legte, um dann zuzusehen, wie sich diese Trottel ratlos am Kopf kratzten und überlegten, was bloß geschehen sein mochte.

Mit der Zeit machte sich Pincho im Umgang mit den unterschiedlichsten Mordwaffen vertraut – Pistolen, Messer, Eispickel, Würgeschlingen. Er beschäftigte sich ebenso mit der Wirkungsweise der verschiedenen Gifte und lernte auch, wie man Bomben baute. Ganz gleich, was die jeweilige Situation ihm abverlangte, Pincho wusste immer eine Lösung und hatte den Schneid, seinen Auftrag erfolgreich durchzuziehen. Doch was noch viel besser war: Er wurde nie gefasst.

An seinem einundzwanzigsten Geburtstag war er bereits ein reicher Mann – jedenfalls nach brasilianischen Maßstäben. Ihm war klar, dass er in den USA, wo sich der Drogenhandel zum ganz großen Geschäft entwickelt hatte, noch viel mehr verdienen konnte. Also beantragte er ein Einreisevisum für die Vereinigten Staaten. Drei Monate später kündigte er seinen Job in der Kaffeerösterei und kaufte sich ein One-Way-Ticket nach New York.

Kaum dass Pincho US-amerikanischen Boden betrat, verliebte er sich in die Stadt, die von den New Yorkern ‚Big Apple‘ genannt wurde. Er mochte den Lärm, die Menschenmengen, die Energie und die grellen Lichter; all das erinnerte ihn an Rio. Doch im Gegensatz zu Rio fand hier jeder Arbeit, der welche suchte. Pincho aber brauchte einen Job, bei dem er kommen und gehen konnte, wie er wollte, ohne dass ihm jemand Fragen stellte. Also nahm er das Geld, das er bei Big Al verdient hatte, und eröffnete am Times Square ein Café; er hatte in der Rösterei genug über Kaffee gelernt, um zu wissen, worauf es ankam.

Das Insomnia war auf Anhieb ein voller Erfolg. Und dank einer Empfehlung seines früheren Auftraggebers sprach sich schnell herum, dass Kravitz der richtige Mann für „besondere Aufträge“ war.

Er war jetzt neunundzwanzig, sprach fließend und akzentfrei Englisch, und sein mörderisches Handwerk hatte er längst zu einer Kunstform weiterentwickelt. Pincho war kein simpler Auftragskiller, sondern ein Mann mit Köpfchen, der den Cops notfalls sogar einen Sündenbock lieferte, damit sie nicht weiter nach dem wahren Täter suchten. Und genau das würde er auch diesmal machen. Der hinkende Gang, das schmutzige Gesicht, die übel riechende Kleidung – all das war nur Teil seines nächsten Auftritts. Unter dieser Tarnung war er ein gut aussehender junger Mann mit hellbraunen Augen und einem Lächeln, das Frauen dahinschmelzen ließ.

Sein Vermögen hätte es ihm gestattet, entsprechend luxuriös zu leben, aber dann wäre das Finanzamt auf ihn aufmerksam geworden. Liebend gern hätte er ein teures Apartment an der Upper East Side bezogen. Und eine Limousine mit Fahrer gehabt. Und eine 12-Meter-Yacht, um am Long Island Sound zu segeln. Aber wie sollte er einen solchen Luxus den Finanzbeamten erklären? Das Insomnia lief hervorragend, eine Goldgrube allerdings war es nicht, und damit niemand misstrauisch wurde, lebte er in den Verhältnissen, die ihm die Einnahmen aus dem Café ermöglichten. Das Luxusleben beschränkte er auf jene zwei Monate im Jahr, die er in seiner Villa im Süden Frankreichs verbrachte. Dort kannte man ihn als den wohlhabenden Ägypter Rachid Moulaya, der seine Privatsphäre und die schönen Dinge des Lebens schätzte. Die Villa war unter diesem falschen Namen gekauft und natürlich bar bezahlt worden. Es war erstaunlich, wie viele Identitäten ein Mann annehmen konnte, wenn Geld kein Thema war.

Vorläufig gab er sich mit dem Times Square zufrieden. Auch wenn die Gegend in den letzten Jahren von Grund auf saniert worden war, besaß sie immer noch genug von dem alten Flair, der das Viertel so interessant machte. Er störte sich nicht an den Gaunern, die tagaus, tagein auf den Straßen ihr Unwesen trieben, und auch nicht an den Prostituierten und ihren Zuhältern, wenn diese sich nicht in seine Angelegenheiten mischten.

Mit einer dieser Angelegenheiten war Pincho im Augenblick beschäftigt. Er stand im Badezimmer vor dem Spiegel, rückte die graue Strickmütze zurecht und lachte begeistert. Obwohl er geübt darin war, sein Erscheinungsbild zu verändern, erstaunte es ihn, wie gut ihm die Verwandlung vom erfolgreichen Geschäftsmann zum Penner gelungen war. Der Dreitagebart ließ ihn noch etwas heruntergekommener wirken. Und dann der Gestank. Er rümpfte die Nase. Wie um alles in der Welt konnte ein Mensch so etwas Tag für Tag ertragen?

Er tastete nach dem Messer, das in seinem Hosenbund steckte. Es war in einen sauberen Lappen gewickelt, damit die Fingerabdrücke nicht verwischten, die sich auf dem Griff befanden. Unter der zerlumpten weiten Jacke war von der Waffe nichts zu sehen.

Um sicher zu sein, dass er wirklich wie jener andere Mann wirkte, den er nachzuahmen gedachte, ging er einmal durch das Zimmer und zog das linke Bein nach, wie es Roys Art war. Er nickte zufrieden. Nur zwei Tage lang hatte er üben müssen, und jetzt saß jede Bewegung so perfekt, dass er allein dafür schon einen Oscar verdient hätte.

Noch einmal las er die Adresse, die er sich notiert hatte – Siri’s Gallery an der Fifth Avenue. Das war nur einen Steinwurf vom Central Park entfernt. Besser hätte es nicht kommen können.

Nachdem er überprüft hatte, ob seine Handschuhe in der Tasche steckten, löschte er zufrieden das Licht und verließ die Wohnung. Auf der Straße angekommen, vergrub er die Hände in den Hosentaschen, zog den Kopf ein, um sich vor der kalten Abendluft zu schützen, und machte sich auf den Weg.

Erst ein paar Blocks weiter begann er zu hinken.

2. KAPITEL

Mit ausgetrockneter Kehle und feuchten Händen stand Jenna Meyerson in der noch menschenleeren Galerie und betrachtete die Schwarzweißfotografien, die kunstvoll an den Wänden platziert waren. Auch wenn sie ihre Arbeiten normalerweise eher nüchtern betrachtete, war sie nun, als sie sah, was sie erreicht hatte, und auch begriff, was all das für sie bedeutete, doch überwältigt. Ihre erste Ausstellung! Davon hatte sie seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr geträumt! Jetzt war dieser Traum Wirklichkeit geworden! Doch die anfängliche Begeisterung war allmählich Zweifeln und Ängsten gewichen. War sie wirklich so gut, dass sie ihre Arbeiten in einer der angesehensten Galerien von Manhattan ausstellen konnte? Hatte sie die richtigen Fotos ausgewählt, um ihr Talent unter Beweis zu stellen? Die wichtigste Frage von allen jedoch lautete: Würde sich überhaupt irgendjemand die Mühe machen, einen Blick auf ihre Arbeiten zu werfen?

Das hatte sie sich schon gefragt, als Letitia Vaughn, die Eigentümerin von Siri’s Gallery, vor zwei Monaten auf sie zugekommen war, um ihr eine dreiwöchige Ausstellung ihrer Fotoserie The Faces of New York vorzuschlagen. Jenna hatte sich geschmeichelt gefühlt, war zugleich aber auch verunsichert gewesen, und erst, nachdem sie sich gekniffen hatte, um sicher zu sein, dass dies kein Traum war, war sie schnell auf das Angebot eingegangen.

Fast drei Stunden lang waren die beiden Frauen in Jennas Studio unzählige Motive durchgegangen, und gegen sieben Uhr an jenem Abend war Letitia – die den legendären Ruf hatte, Talente auf den ersten Blick zu erkennen – zu der Ansicht gelangt, dass die dreißig ausgewählten Bilder das Leben in der Stadt so zeigten, wie die New Yorker es kannten.

Die folgenden acht Wochen vergingen wie im Flug, während Letitia Pressemitteilungen herausgab, ihr Team mit Speisen und Getränke versorgte und Dutzende von Einladungen für die Vernissage verschickte.

Nun war der große Augenblick gekommen, und Jenna stand Todesängste aus.

Sie sah auf die Uhr und wurde mit jeder Minute nervöser. Es war bereits kurz nach acht, und nicht ein einziger Kunstliebhaber hatte sich bislang blicken lassen. Warum in Gottes Namen hatten Letitia und sie für die Ausstellung ausgerechnet einen Montag gewählt, den einen Tag, an dem New Yorker für gewöhnlich zu Hause blieben?

„Mach dir keine Sorgen“, hörte sie eine vertraute Stimme im Flüsterton sagen. „Du wirst einen Volltreffer landen.“

Jenna wandte sich um und sah in das lächelnde Gesicht von Letitia Vaughn. Die Eigentümerin von Siri’s Gallery war zwar zweiundsechzig, aber mit ihrem kurzen schwarzen Haar, ihrer schlanken Figur und der modischen Kleidung wirkte sie gut zwanzig Jahre jünger. Es war die Leidenschaft für die Arbeiten der von ihr geförderten Künstler, verbunden mit einer überschäumenden Persönlichkeit, die sie in der Kunstszene zu einer solch einflussreichen Größe gemacht hatte.

Jennas Blick folgte einem der Lieferanten, der ein weiteres Tablett mit Horsd’œuvres in den hinteren Raum der Galerie brachte. „Und das habe ich alles dir zu verdanken. Denn du warst es, die alles daran gesetzt hat, dass dieser Abend ein Erfolg wird.“

Letitia machte eine wegwerfende Geste. „Ach, das ist doch nur Dekoration. Kunstinteressierte kommen nicht her, um Champagner zu schlürfen oder um ausgefallene Kanapees zu futtern. Sie kommen her, weil sie die Künstlerin kennen lernen wollen. Die New Yorker lieben es, neue Talente zu entdecken. Und das hier, meine Liebe“, Letitia breitete die Arme aus, „stammt von einem neuen Talent erster Güte.“

Der Enthusiasmus dieser Frau sorgte dafür, dass sich Jennas Laune erheblich besserte. Ihr Blick wanderte erneut über die Fotos an den Wänden. Die Ausstellung The Faces of New York zeigte Männer und Frauen, die Jenna fotografiert hatte, während diese ihrer Arbeit oder ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgingen oder einfach nur für ein paar Minuten ausspannten.

Eines der bewegendsten Fotos war Jenna drei Wochen nach dem 11. September am Ground Zero gelungen, als sie eine Feuerwehrfrau entdeckte, die sich für einige Minuten von den Aufräumarbeiten erholte. Die Mischung aus Verzweiflung und Frustration in ihrem ruß- und staubverschmierten Gesicht war extrem ausdrucksstark.

Die anderen Motive waren nicht weniger eindrucksvoll. Da war der verschwitzte Bauarbeiter, der mit seinem Presslufthammer einen Betonklotz zerkleinerte. Der rennende Geschäftsmann, der ein Taxi erwischen wollte. Der uniformierte Pförtner des Plaza Hotel, der die Tür einer Stretchlimousine aufhielt. Eine gestresste Kellnerin im Carnegie Deli während der Mittagszeit. Ein Polizist, der gerade einen Verbrecher festnahm.

Die Reichen und Berühmten, die bekannten Gesichter, die man jeden Tag in den Zeitungen sehen konnte, waren für Jenna nicht von Interesse gewesen. Sie hatte sich ausschließlich auf die Menschen konzentriert, die für sie das eigentliche Rückgrat von New York waren.

Letitia beugte sich zu Jenna hin und deutete auf die Tür. Soeben hatte eine erste kleine Gruppe die Galerie betreten. „Lächle, Darling. Jetzt ist Showtime.“

Die folgenden drei Stunden übertrafen sogar Letitias kühnste Erwartungen. Über vierhundert Besucher – von Kunstkennern über ernsthaft interessierte Kauflustige bis hin zu ein paar hochnäsigen Kritikern – strömten ins Siri’s. Jenna, die es nicht gewöhnt war, im Mittelpunkt zu stehen, kam überraschend schnell damit zurecht, von Menschen umringt zu sein, die ihr unzählige Fragen stellten und alles über sie und ihre Arbeit erfahren wollten. Auch Freunde, Bekannte aus der Collegezeit und sogar ein paar entfernte Verwandte kamen. Sie alle wollten an Jennas großem Abend teilhaben. Selbst Marcie Hollander, die schwer beschäftigte Bezirksstaatsanwältin von Manhattan und eine alte Freundin der Familie, kam, um Jenna zu gratulieren.

Es war aber Jennas Dad, der mit seiner Ankunft um kurz nach zehn den Abend zu einem wirklich besonderen Ereignis machte. Als er die Galerie betrat, richteten sich alle Blicke auf den großen, attraktiven Mann mit den dunkelgrünen Augen und den angegrauten Schläfen. Samuel Meyerson, ehemaliger Bezirksstaatsanwalt und Richter am Manhattan Supreme Court, war in New York eine bekannte Persönlichkeit. Obwohl er längst im Ruhestand war, wurde er noch von vielen Anwesenden erkannt. Sam nahm sich die Zeit, alte Bekannte zu begrüßen und ein paar freundliche Worte zu wechseln.

Erst nach einigen Minuten konnte er sich von einer extrem aufdringlichen Rothaarigen lösen und trat zu Jenna hin. „Tut mir Leid, Honey“, sagte er und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Ich konnte mich einfach nicht losreißen.“

Jenna wollte sich eine ironische Bemerkung nicht verkneifen. „Das habe ich gemerkt. Diese Rothaarige in dem tief ausgeschnittenen Kleid wirft mir giftige Blicke zu. Glaubst du, sie hält mich für eine Rivalin?“

„Wenn ja, liegt sie nicht ganz falsch, nicht wahr?“ Er legte seinen Arm um ihre Schultern. „Du bist schließlich immer mein liebstes Mädchen gewesen.“ Mit diesen Worten wandte er sich dem Foto zu, das unmittelbar in seiner Nähe an der Wand hing, und schüttelte langsam den Kopf. „Ich bin so stolz auf dich, Jenna. Und ich weiß, deine Mutter wäre es auch.“

Jenna nickte. Sie hatte den ganzen Tag über an ihre verstorbene Mutter denken müssen. „Sie hat mich damals überhaupt erst auf den Geschmack gebracht. Weißt du noch, wie sie mir meine erste Kamera geschenkt hat?“

„Wie könnte ich das vergessen? Von dem Moment an hast du alles fotografiert, was dir vor die Linse kam.“

„Vor allem dich und Mom.“

Es war eine glückliche Zeit gewesen – die Wochenenden am Strand von Jersey, wo Jennas Großeltern mütterlicherseits ein Sommerhäuschen besaßen, die Reisen durch die Staaten und durch Europa und auch die Zeiten, die sie in ihrem Haus in Katonah, New York, verbrachten. Aber vor vier Jahren, als Jenna versuchte, ihre eigene Ehe zu retten, war bei ihren Eltern irgendetwas vorgefallen. Ihre Mutter erklärte nur, sie liebe Jennas Vater nicht mehr, und trotz wiederholten Nachfragens ihrer Tochter war sie nicht bereit, ausführlicher über diese Sache zu reden. Stattdessen zog sie einfach aus, und bis heute rätselte Jenna, was der wirkliche Grund für die Trennung ihrer Eltern gewesen sein mochte.

Ihr wurde klar, dass ihr solch düstere Gedanken den ganzen Abend verderben konnten, daher ergriff sie die Hand ihres Vaters. „Komm mit, Daddy. Ich möchte dich Letitia vorstellen.“

Die nächste Stunde verbrachten beide inmitten der Ausstellungsbesucher, die mit ihrem Lob nicht geizten. Jenna reagierte darauf bescheiden, während Sam ungemein stolz war.

Als sich die letzten Gäste verabschiedeten, fand sich ein Nachzügler in der Galerie ein, der sich zu Jennas Verwunderung als ihr Ex-Mann Adam Lear entpuppte. Er kam auf sie zu, blieb aber ein gutes Stück entfernt stehen.

Er sah noch genauso aus wie vor drei Jahren, als sie das Gerichtsgebäude als geschiedene Leute verlassen hatten und von da an getrennte Wege gegangen waren. Er war stattlich und durchtrainiert, und er wirkte selbstbewusst wie eh und je.

Von einem Anruf am 11. September abgesehen, mit dem er sich bei ihr erkundigte, ob mit ihr alles in Ordnung sei, hatte es keinen Kontakt mehr gegeben, was seinen Besuch an diesem Abend umso erstaunlicher machte.

Sie entschuldigte sich bei Letitia und ging zu ihm. Ehe sie sich entscheiden konnte, wie sie ihn nach all der Zeit begrüßen sollte, fand sie sich in Adams Armen wieder.

„Jenna.“ Er drückte sie einen Moment lang an sich, dann ließ er sie frei und machte einen Schritt zurück, hielt aber weiterhin ihre Hände. „Du hast es wirklich geschafft und deinen Traum verwirklicht.“

„Ich hatte Hilfe.“

„Noch immer so bescheiden wie früher.“

Es behagte ihr nicht, dass er ihr Komplimente machte, darum wechselte sie das Thema. „Wie hast du von der Ausstellung erfahren?“

„Von meiner Sekretärin. Sie meinte, ich solle vorbeischauen, und damit hatte sie völlig Recht.“

„Mit dir hätte ich heute Abend nicht gerechnet.“

„Wieso das?“ Er schien ehrlich überrascht. „Meinst du, ich möchte deinen Erfolg nicht miterleben? Habe ich etwa nicht immer zu dir gehalten?“

Doch, das hatte er. Bevor ihre Ehe letztendlich scheiterte, war Adam immer für sie da gewesen. Er ermutigte und unterstützte sie und spornte sie zu Leistungen an, die sie selbst nicht für möglich hielt.

Er schob die Hände in die Hosentaschen. „Darf ich mich umsehen?“

„Natürlich.“

Da Letitia mit den Leuten vom Partyservice beschäftigt war und ihnen gerade einen Scheck ausstellte, übernahm Jenna die Rolle der Gastgeberin und führte Adam durch die Ausstellung. Sie erzählte ihm, welches Motiv sie aus welchem Grund ausgewählt hatte, wie schwierig es bei den Menschen gewesen war, die sich nicht fotografieren lassen wollten, und wie es ihr doch noch gelungen war, sie umzustimmen.

„Wie geht es deinem Dad?“ fragte er.

„Gut. Er ist eben erst gegangen.“

„Er platzt bestimmt vor Stolz.“

„Erinnere mich bloß nicht daran.“

Adam hatte die Hände nun auf dem Rücken verschränkt und schlenderte weiter. „Das ist fantastisch, Jenna. Du hast in deinen Bildern wirklich die Seele New Yorks eingefangen.“

„Das war auch meine Absicht.“

Er wandte sich zu ihr um. „Du siehst glücklich aus.“

„Ich bin glücklich.“ Als sie in seinen Augen auf einmal etwas aufblitzen sah, fragte sie: „Und was ist mit dir? Bist du glücklich?“ Er sollte es eigentlich sein. Global Access, das Unternehmen, für das er arbeitete, ein weltweit agierender Anbieter von Computern und Zubehör, fusionierte vor kurzem mit Small Solutions, dem zweitgrößten Hersteller von tragbaren Minicomputern. Die Fusion, die von vielen als ein gewaltiger Schritt für Global Access gewertet wurde, hatte Adam ausgehandelt, einer der talentiertesten Anwälte des Konzerns.

Sein Erfolg beschränkte sich allerdings nicht nur auf die berufliche Ebene. Vor ziemlich genau einem Jahr heiratete er eine ehemalige Schönheitskönigin. Sie gaben ein glanzvolles Paar ab, auch wenn sie gerade mal halb so alt war wie er.

„Ach, du kennst mich ja“, erwiderte er. „Ich schlage mich eben so durch, Jenna.“

Jenna musste lachen. „Du schlägst dich so durch? Du hast eine wunderschöne Frau, du lebst in einem Haus, das früher den Vanderbilts gehörte, und du bist einer der erfolgreichsten Unternehmensanwälte der Stadt. Wenn ich mich nicht irre, hat man dich nach der Fusion mit Small Solutions zum Leiter der Rechtsabteilung befördert.“

Seine Antwort erstaunte sie. „Erfolg ist nicht immer das, was man sich darunter vorstellt. Du arbeitest dich tot, um es bis an die Spitze zu schaffen, und wenn du erst mal dort angekommen bist, stellst du fest, dass es viel schwieriger ist, dort oben zu bleiben, als dorthin zu gelangen.“

Das war nicht der Adam, den sie kannte. Er kam ihr abgekämpft und desillusioniert vor, ganz anders als jener Adam, mit dem sie verheiratet gewesen war.

„Hör mal“, sagte er auf einmal. „Ich weiß, es ist schon spät, aber … meinst du, wir könnten noch irgendwo hingehen und uns unterhalten?“

„Jetzt?“

„Aus diesem Grund bin ich eigentlich hergekommen“, gestand er mit entwaffnender Ehrlichkeit, „um mit dir zu reden. Allerdings nicht hier.“

Sie zögerte. Es war ein langer und anstrengender Tag gewesen, und wenn sie hätte wählen können zwischen einem Gespräch mit ihrem Ex und ihrem bequemen Bett, dann hätte sie sich eindeutig für das Bett entschieden. Andererseits hatte Adams Tonfall auf einmal etwas Drängendes, und das konnte sie nicht einfach ignorieren. Er war ein Mann, der alles hatte – Ruhm, Reichtum und Glück. Warum machte er dann einen derart beunruhigenden Eindruck? Und warum wandte er sich ausgerechnet an sie?

„Ich glaube, es wird nichts ausmachen, wenn ich jetzt gehe“, sagte sie. „Ich werde mich nur rasch von Letitia verabschieden.“

3. KAPITEL

Adam stand bereits am Eingang der Galerie und wartete auf Jenna. Er wirkte unruhig. „Fertig?“ fragte er und hielt ihr die Tür auf.

Vom Hudson River her wehte ein eisiger Oktoberwind. Jenna schlug den Kragen ihrer Jacke hoch. In diesem Moment wurden sie und Adam von einem Stadtstreicher angerempelt.

„Passen Sie doch auf, wo Sie hinlaufen!“ fuhr Adam ihn gereizt an.

Völlig unbeeindruckt hielt der Obdachlose ihm eine Büchse hin. „Eh, Bruder, haste was Kleingeld für mich?“

Der Gestank, der von diesem Mann ausging, war so übel und intensiv, dass Jenna unwillkürlich zurückwich. Adam stellte sich schützend vor sie. „Machen Sie, dass Sie wegkommen!“

Der Mann murmelte etwas Unverständliches, dann entfernte er sich leicht hinkend. Adam fasste Jenna am Arm, dann überquerten sie die Madison Avenue.

„Wohin gehen wir?“ fragte sie und hatte den Zwischenfall mit dem Stadtstreicher längst vergessen.

„Mal überlegen.“ Adam sah sich um. „Magst du Karamellpudding noch immer so gern wie früher?“

Ihr lief sofort das Wasser im Mund zusammen. „Hast du vergessen? Fotografieren ist meine größte Leidenschaft, und Karamellpudding kommt gleich danach.“

„Dann hast du Glück. Ich kenne da einen Laden namens Just Desserts, da gibt es den besten der Welt. Sie machen ihn mit gerösteten Ananas.“

„Klingt sehr verlockend.“

„Ist nur ein paar Blocks entfernt, an der Lexington. Danach setze ich dich zu Hause ab. Du hast doch immer noch dein Apartment am Columbus Circle, oder?“

„Das würde ich gegen nichts in der Welt eintauschen.“

Sie gingen zügig. Die klare, kalte Luft tat nach der trockenen Wärme in der Galerie gut.

Auf dem Weg zur Lexington Avenue erzählte Adam, was er in den vergangenen drei Jahren gemacht hatte. Seine Heirat erwähnte er nur nebenbei.

„Ich sah ein Foto von deiner Frau in der Times“, sagte Jenna. „Sie ist sehr hübsch.“

„Ja, das ist sie.“ Mehr sagte er nicht dazu. Jenna fand das seltsam. Die meisten Männer, die mit einer jungen, hübschen Frau verheiratet waren – ganz gleich, ob sie eine Schönheitskönigin war oder nicht –, hätten zumindest ein wenig damit angegeben, auch gegenüber der eigenen Exfrau.

Gab es etwa schon Probleme in der Ehe? Nach so kurzer Zeit?

„Da wären wir.“ Sie waren an einem kleinen Lokal mit einer gelb und weiß gestreiften Markise angelangt, und Adam hielt Jenna die Tür auf.

Offenbar kannte er die Kellnerin, denn obwohl es brechend voll war, bekamen sie im Handumdrehen einen Tisch am Fenster. Adam bestellte zweimal Karamellpudding. „Und für die Lady eine besonders große Portion Sahne“, sagte er und zwinkerte Jenna zu.

Jenna zog ihre Jacke aus. Adam betrachtete sie währenddessen und sagte: „Ich habe das vorhin wirklich so gemeint: Du siehst großartig aus.“

Sie musste lachen und wurde mit einem Mal ein wenig verlegen. „Vielleicht liegt es daran, dass ich mein Haar jetzt länger trage. Nach der Scheidung brauchte ich eine Veränderung und beschloss, es wachsen zu lassen.“

„Steht dir gut.“

Die Kellnerin brachte zwei äußerst großzügige Portionen Brotpudding, eine davon mit sehr viel Sahne. Jenna musste grinsen. „Bei so viel Kalorien muss ich morgen mindestens die doppelte Strecke joggen, um sie wieder zu verbrennen.“ Sie nahm einen Löffel voll und schloss genüsslich die Augen. „Aber das ist es wert. Das ist unglaublich gut.“

„Dann läufst du immer noch jeden Morgen?“

„Ja, eine Runde um den Heckscher Playground im Park. Davon krieg ich einen klaren Kopf, und es ist gut für die Figur.“ Sie nahm einen weiteren Löffel. „Also gut, Adam. Du hast mich lange genug auf die Folter gespannt. Jetzt sag mir, worüber du mit mir reden willst.“

Er ließ sich Zeit mit der Antwort, entfernte mit der Zunge etwas Sahne aus seinem Mundwinkel und trank von seinem Kaffee. „Erinnerst du dich an den Auftrag, den du kurz vor unserer Trennung für Faxel erledigt hattest?“

Sie nickte. Faxel war als weltweit operierendes Konglomerat der einzige ernst zu nehmende Konkurrent für Global Access. Der Chef von Faxel hatte Jenna den Auftrag erteilt, an einer Broschüre mitzuarbeiten, in der das neueste Produkt des Unternehmens vorgestellt wurde: der so genannte Wizard, ein Minicomputer, der nicht nur alles leistete, was ein herkömmlicher PC konnte, sondern auch noch eine ganze Menge mehr. Jenna fotografierte die Mitarbeiter von Faxel, wie sie ihrer täglichen Arbeit nachgingen, und wählte anschließend die entsprechenden Bilder für die Broschüre aus. Am Abend, als der Wizard dann der Öffentlichkeit präsentiert wurde, fotografierte sie auf der Party auch einige der einflussreichsten Persönlichkeiten von ganz New York für die Broschüre. Von dem großzügigen Honorar richtete sie ihr Studio in SoHo komplett neu ein und erneuerte die Ausstattung ihrer antiquierten Dunkelkammer.

„Ja, ich erinnere mich.“ Sie gab einen Löffel Sahne in den Kaffee.

„Hast du noch mal für Faxel gearbeitet?“

„Ja, an einer weiteren Broschüre, als zwei neue Mitglieder in den Aufsichtsrat gewählt wurden.“

„Wann war das?“

„Ziemlich genau vor einem Jahr.“

„Und seitdem hattest du nicht mehr mit Faxel zu tun?“

Jenna rätselte, worauf er hinauswollte. „Nein.“

„Hast du noch die Negative der Fotos von der Präsentation?“

„Ich habe sie J.B. Collins gegeben. Zusammen mit den Probeabzügen.“

Aus Adams Stimme konnte sie seine Enttäuschung heraushören, als er sagte: „Du hast also nichts mehr.“

„Nein, das ist nicht ganz richtig. Die besten Aufnahmen habe ich für mein Portfolio behalten.“

„Wie viele?“ Statt Enttäuschung schwang nun Erleichterung in seiner Stimme mit.

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht genau. Vielleicht fünfzehn oder zwanzig.“

„Wie schnell kannst du mir davon Abzüge machen?“

„Warum sollte ich das tun?“

Adam beugte sich vor und sah sie ernst an. „Weil ich mir die Fotos ansehen muss, um festzustellen, wer alles auf der Party war.“

„Warum?“

Er lehnte sich wieder zurück. „Das kann ich dir nicht sagen.“

Sie versuchte erst gar nicht, ihre Verärgerung zu überspielen. „Du bittest mich darum, das Vertrauen eines ehemaligen Auftraggebers zu missbrauchen! Etwas zu tun, das meiner Karriere schwer schaden könnte! Und du willst mir nicht den Grund nennen?“

„Wie sollte das deiner Karriere schaden? Faxel wird nichts davon erfahren.“

„Das macht das Ganze umso schlimmer.“ Sie musste an die Unternehmensskandale denken, die in den letzten Jahren die Finanzwelt erschütterten, an die Insidergeschäfte, gefälschte Gewinnmitteilungen, die Verhaftung einiger einflussreicher Manager. „Ist Faxel in irgendetwas Illegales verwickelt?“

Adam kniff den Mund zusammen, und der Gesichtsausdruck, den er dabei machte, war ihr nur allzu vertraut. Er sagte ihr, dass er über die möglichen Folgen einer ehrlichen Antwort nachdachte. „Vielleicht.“

„Dann solltest du dich an die Behörden wenden.“

„Ohne einen Beweis wird mir nicht mal jemand zuhören.“

„Marcie schon.“ Während seiner Zeit als Assistent des Bezirksstaatsanwalts waren Adam und Marcie Hollander gute Freunde geworden, und sie waren auch in Kontakt geblieben, nachdem Adam in die Wirtschaft gewechselt war.

„Marcie hat auch ohne mich schon mehr als genug um die Ohren“, sagte Adam. „Es wäre nicht fair, sie auch noch mit meinem Verdacht zu behelligen. Wenn ich natürlich handfeste Beweise hätte …“

Jenna suchte noch immer nach einem Weg, um sich aus der Affäre zu ziehen. „Warum beauftragst du nicht einen Privatdetektiv?“

Adam zögerte einen Moment lang. „Schon passiert.“

„Und was sagt er?“

Er wich ihrem Blick aus. „Er konnte bislang nichts herausfinden.“

„Vielleicht solltest du einen suchen, der besser ist.“

„Um es mit seinen eigenen Worten zu sagen: Es gibt in der ganzen Stadt keinen besseren“, entgegnete Adam lächelnd.

Jenna verzog einen Mundwinkel. „Klingt sehr von sich eingenommen, wenn du mich fragst.“

„So hast du schon immer über ihn gedacht.“

Sie sah ihn irritiert an. „Ich kenne ihn?“

Diesmal hielt er ihrem Blick stand. „Es ist Frank Renaldi.“

4. KAPITEL

Jenna lehnte sich verblüfft auf ihrem Stuhl zurück. Frank Renaldi. Dieser Name ließ sie im Geiste zu ihrer Zeit an der New Yorker Universität zurückkehren, wo sie Adam und Frank kennen lernte. Sie war damals neunzehn und Studentin der schönen Künste, und die beiden Männer studierten im zweiten Jahr Jura. Sie waren so verschieden wie Tag und Nacht: Frank – der Unberechenbare, der Unkonventionelle, der immer den Nervenkitzel suchte; Adam – zuverlässig und zielstrebig. So wie Jenna plante er seine Zukunft, und sein Ziel war es, eines Tages Senator zu werden, vielleicht sogar Präsident.

Sie waren ein sonderbares Trio, das durch eine enge Freundschaft miteinander verbunden war. Doch gut ein halbes Jahr, bevor Frank und Adam ihr Jurastudium abschlossen, wandelten sich die Gefühle der beiden jungen Männer gegenüber Jenna von brüderlicher Liebe zu etwas weitaus Komplizierterem.

Jenna fühlte sich geschmeichelt, gleich von zwei attraktiven Männern umworben zu werden und mit ihnen zu flirten. Irgendwie genoss sie sogar die wachsende Rivalität zwischen den beiden besten Freunden. Auf dem Campus wurden schon bald Wetten abgeschlossen, wer von ihnen letztendlich ihre Liebe gewinnen würde.

Doch Jenna fühlte sich zu sehr zu beiden hingezogen, sodass sie nicht entscheiden konnte, mit wem von ihnen sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte – mit dem disziplinierten, methodisch vorgehenden Karrieremann oder mit dem Rebellen.

Am Ende fiel ihre Entscheidung aber zu Gunsten von Adam, möglicherweise weil er etwas hartnäckiger um sie warb, während es ihr so vorkam, als sei Frank dieses Spiels überdrüssig geworden.

Ohne ein klares Ziel vor Augen zog Frank kurz darauf von New York nach Richmond in Virginia und ließ nie wieder von sich hören. Die Einladung zur Hochzeit kam mit dem Hinweis „Unbekannt verzogen“ zurück. Jenna rief daraufhin Franks Mutter an und erfuhr, dass es Frank gut ginge und er für eine angesehene Anwaltskanzlei in Richmond arbeite. Da er offensichtlich einfach keinen Kontakt mehr zu Adam und Jenna wollte, ließen auch sie ihn in Ruhe.

Und jetzt, nach fünfzehn Jahren Schweigen, war Frank zurück in der Stadt. Einfach so, ohne anzurufen, ohne zu sagen: „Hallo, da bin ich wieder. Wir sollten uns mal treffen.“ Nichts, kein Wort.

„Frank ist Privatdetektiv?“ brachte sie schließlich heraus. „Hier in New York?“

„Er ist vor knapp zwei Jahren wieder hergezogen und hat im East Village eine Detektei eröffnet.“

„Wie hast du davon erfahren?“

„Ich bin vor ein paar Wochen einem alten Studienkollegen begegnet. Du kennst ihn – Mick Falco. Er ist jetzt Strafverteidiger, und offenbar ist er mit Frank in Kontakt geblieben.“

„Aber warum ist Frank Privatdetektiv geworden? Wieso arbeitet er nicht als Anwalt?“

Adam zuckte mit den Schultern. „Du kennst doch Frank. Er macht immer das, womit niemand rechnet.“

Jenna gingen noch viel mehr Fragen durch den Kopf, die alle Frank betrafen. Fragen, die sie jedoch nicht aussprach. Ihn kümmerte nicht, was mit ihr war, warum sollte sie sich für ihn interessieren? „Wenn er als Privatdetektiv so gut ist“, sagte sie ein wenig spitz, „warum hat er dann nicht den Beweis erbringen können, den du brauchst?“

Wieder wich Adam ihrem Blick aus. Warum bloß? Was verheimlichte er? „Eine solche Ermittlung braucht ihre Zeit“, antwortete er. „Das ist der Grund, weshalb ich mich an dich wende. Du könntest das Ganze erheblich beschleunigen.“

Sie bemerkte, dass er durch das beschlagene Fenster nach draußen sah. Als sie seinem Blick folgte, entdeckte sie den Bettler, der sie vor Siri’s Gallery angerempelt hatte. Er stand da und drückte sich an der Scheibe die Nase platt. Jenna war nicht sicher, ob er sie oder das Essen auf ihren Tellern anstarrte. Ein Obdachloser, der auf der Suche nach etwas zu essen war, dachte sie und wurde mit einem Mal traurig. Die Stadt war voll von solchen Menschen.

„Ist das nicht der Mann von vorhin?“ fragte sie Adam.

„Ich glaube, ja.“ Adam gab der Bedienung ein Zeichen, damit sie Kaffee nachschenkte. „Achte nicht auf ihn, er wird schon von selbst verschwinden.“ Als seine Tasse wieder randvoll war, kam er erneut auf sein Anliegen zu sprechen. „Wie sieht es mit diesen Fotos aus, Jenna? Wenn ich jetzt mit dir ins Studio fahre, dann kann ich dich anschließend …“

Sie schüttelte energisch den Kopf. „Nein, Adam. Nicht heute Abend. Ich muss darüber nachdenken.“

„Was gibt es da nachzudenken? Entweder du hilfst mir oder du hilfst mir nicht“, sagte er verärgert.

„Ich möchte gern darüber schlafen, aber wenn du lieber sofort eine Antwort haben möchtest, dann lautet sie Nein.“

Er schien zu überlegen. Es war ihm deutlich anzusehen, dass ihm ihre Entscheidung nicht gefiel, aber er hatte keine Wahl. Schließlich nickte er. „Also gut. Ich schätze, bis morgen kann ich noch warten.“

„Gut. Heute war nämlich ein langer Tag, und ich bin todmüde.“

„Dann sollten wir uns auf den Weg machen.“ Er legte zwei Zwanziger auf den Tisch. „Ich bringe dich nach Hause.“

Doch Jenna entschied sich anders, als sie erfuhr, dass er seinen Wagen in einem Parkhaus am Central Park South abgestellt hatte. Am Eingang des Parkhauses trennte sie sich von ihm. „Ich bin durchaus in der Lage, allein nach Hause zu gehen, Adam“, sagte sie, als er dennoch darauf bestehen wollte, sie nach Hause zu begleiten.

Er sah hinüber zu dem Platz, auf dem die große Statue von Christoph Columbus Wache zu halten schien. „Bist du sicher?“

„Ja, das bin ich. Fahr nach Hause, Adam.“

Er gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Ruf mich bitte morgen früh im Büro an und sag mir, wie du dich entschieden hast, ja?“

„Mach ich.“

Während sie in Richtung des Regent ging, jenes einundzwanzigstöckigen Hauses, in dem sie wohnte, musste sie an die zehn Jahre denken, die sie und Adam als Ehepaar verbrachten. Anfangs war ihre Ehe der Himmel auf Erden. Es erfüllte sie mit Freude und Stolz, wie sehr er in seinem Beruf als Assistent des Bezirksstaatsanwalts aufging, um dem Volk und den Menschen zu dienen, ganz gleich, wie gering der Lohn dafür auch war. Als Ehemann war er fürsorglich, unterstützte sie und überschüttete sie mit teurem Schmuck, der ihr jedoch nicht annähernd so viel bedeutete wie die Liebe, die hinter diesen Geschenken steckte.

Irgendwann jedoch verschoben sich Adams Prioritäten. Er wurde immer ehrgeiziger, und auf einmal wurde für ihn Geld zu einer wichtigen Sache – nicht nur bezüglich des Vermögens seiner Familie und seiner Treuhandfonds, auch sein Gehalt spielte plötzlich eine entscheidende Rolle. Als ihm Global Access einen Spitzenposten mit entsprechendem Einkommen anbot, kündigte er prompt seine Stelle bei der Staatsanwaltschaft und bereute diesen Schritt nie.

Adams neue Werteskala und sein blinder Ehrgeiz trugen in erheblichem Maß dazu bei, dass ihre Ehe in eine Krise geriet. Doch das endgültige Aus kam, als er sich hartnäckig weigerte, Kinder in die Welt zu setzen.

„Kinder sind eher eine Belastung als eine Bereicherung“, äußerte er während einer der vielen Diskussionen über das Thema. „Du brauchst nur meinen Bruder zu fragen. Seine drei Teufel werden ihn noch ins Grab bringen.“

Sie begannen, sich auseinander zu leben und im Beruf mehr Befriedigung zu finden als in der Gesellschaft des anderen. Und dann kam der schwärzeste Tag in Jennas Leben – der Tag, an dem ihre Mutter starb. Elaine Meyerson war seit gut einem Jahr von Jennas Vater geschieden, als sie an einem regnerischen Dezemberabend auf der Rückfahrt von Connecticut in einer Kurve die Kontrolle über ihren Wagen verlor. Ihr Jaguar stürzte in eine sechzig Meter tiefe Schlucht, und sie war auf der Stelle tot.

Dieses schreckliche Ereignis warf Jenna völlig aus der Bahn. Wochenlang mussten ihr Vater und alle, die ihr nahe standen, hilflos mit ansehen, wie sie in immer tiefere Depressionen versank. Einzig Adam gelang es, zu ihr durchzudringen, und schließlich schaffte er es, sie ins Leben zurückzuholen.

Eine Zeit lang sah es so aus, als würden Jenna und Adam durch diese Tragödie wieder zueinander finden. Doch schließlich erkannten beide, dass sie füreinander nur noch Freundschaft, keine Liebe mehr empfanden. Sechs Monate nach Elaines Tod war das Ende ihrer Ehe besiegelt.

Als Jenna an der Ecke Central Park South und Central Park West ankam, blieb sie stehen und drehte sich um. Sie rechnete damit, dass Adam noch immer vor dem Eingang des Parkhauses stand und ihr nachsah, um sicher zu sein, dass sie unbehelligt das Haus erreichte. Er war einfach der perfekte Gentleman.

Zu ihrer Überraschung war die Straße menschenleer.

Nun, es war ihr bisher selten gelungen, einen Mann richtig einzuschätzen. Schulterzuckend betrat Jenna die Lobby des Hauses und ging zum Aufzug.

Als sie am nächsten Morgen erwachte, galt Jennas erster Gedanke wieder Adam und seiner Bitte. Auch jetzt, gut sechs Stunden nach ihrem Gespräch, konnte sie sich nicht entscheiden, ob sie ihm die Fotos geben sollte oder nicht. Ganz gleich, was bei Faxel vorgefallen sein mochte, sie fand nicht, dass sie das Recht hatte, die Fotoaufnahmen ohne J.B. Collins’ Einverständnis an Dritte weiterzugeben.

Andererseits war Adam einer der angesehensten Anwälte der Stadt, der niemals leichtfertig jemanden beschuldigte. Wenn er glaubte, bei Faxel würde irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugehen, dann hatte er seine Gründe dafür. Und wenn dem tatsächlich so war, musste die Öffentlichkeit davon erfahren.

Sie grübelte noch immer über die Bitte ihres Exmannes, während sie für ihren morgendlichen Lauf durch den Central Park ihren grauen Jogginganzug und die robusten Sportschuhe anzog. Vielleicht würde ihr die Entscheidung an der frischen Luft leichter fallen.

Sie ging in die Küche, um sich ihre erste, dringend benötigte Tasse Kaffee für den Tag aufzuschütten. Der Raum mit seinen gelben Wänden und den weißen Küchengeräten war so ordentlich, wie sie ihn am Morgen zuvor verlassen hatte, denn sie nutzte die Küche nur, um ihren Kaffee zuzubereiten und die Mahlzeiten aufzuwärmen, die ihre Nachbarin, eine alte Ungarin, ihr mehrmals in der Woche brachte. Bevor sie Wasser in die Kaffeemaschine goss, schaltete Jenna den kleinen Fernseher ein, der auf dem Tresen stand. Sie wollte hören, wie das Wetter an diesem Tag werden würde.

Es stimmte, was sie am Abend zuvor zu Adam gesagt hatte: Sie liebte es, hier zu leben. Sie liebte ihr Apartment mit seinen kleinen gemütlichen Zimmern und der atemberaubenden Aussicht. Adam, der das Penthouse kaufte, kurz nachdem das Gebäude in Eigentumswohnungen umgewandelt wurde, wusste, wie viel ihr die Wohnung bedeutete, und in einer für ihn typischen Geste überließ er sie Jenna nach der Scheidung.

„Du musst das Apartment einfach behalten“, sagte er ihr. „Du willst von mir keinen Unterhalt und auch sonst nichts von meinem Geld. Also nimm wenigstens die Wohnung.“

Schließlich erklärte sie sich damit einverstanden. Zum einen, weil ihr das Penthouse so gut gefiel, zum anderen, weil sie wusste, dass sie sich mit ihrem Einkommen so etwas Schönes niemals wieder leisten konnte.

Sie richtete das Apartment im obersten Stock des Hauses geschmackvoll ein – mit Dingen, die sie auf Flohmärkten günstig erstand, und mit alten Fotos. Die Einrichtung erinnerte an die englische Heimat ihres Vaters zur Jahrhundertwende. Nach vierzehn Jahren im Regent fühlte sie sich hier ebenso wohl wie im großen Haus ihres Dads am Stadtrand.

Der Kaffee war fertig. Eben wollte sie sich eine Tasse einschenken, als sie zum Fernseher blickte und fast die Kanne fallen ließ.

Ein Porträtbild von Adam war auf dem Bildschirm zu sehen, darunter die Meldung: ‚Bekannter Anwalt im Central Park tot aufgefunden!‘

5. KAPITEL

Jenna setzte sich langsam hin, wie in Zeitlupe, während sie den Worten des Nachrichtensprechers lauschte und versuchte, den Sinn zu erfassen.

„Der Mann, der am frühen Morgen im Central Park erstochen aufgefunden wurde, ist inzwischen als Adam Lear identifiziert worden, Leiter der Rechtsabteilung bei Global Access. Die Zentrale des Computerunternehmens befindet sich in Manhattan. Die Leiche wurde auf dem Heckscher Playground nahe dem Karussell entdeckt.“

Jenna starrte ungläubig auf den Fernsehbildschirm. Was redete dieser Mann? Wieso sollte Adam tot sein? Sie hatte ihn doch noch vor ein paar Stunden gesehen.

„Die bisherige Auswertung der Tatortspuren“, fuhr der Sprecher fort, „deutet darauf hin, dass Mr. Lear ausgeraubt wurde. Wahrscheinlich setzte er sich zur Wehr, woraufhin ihn der Täter niederstach. Adam Lear ist der älteste Sohn des New Yorker Bauunternehmers Warren Lear und der verstorbenen Broadway-Schauspielerin und zweifachen Tony-Gewinnerin Lorraine Lear. Im Central Park kam es in den letzten Monaten zu einer Häufung von Raubüberfällen. Die Behörden gehen davon aus, dass auch der Mord an Adam Lear auf das Konto eines Obdachlosen geht, der von den Medien Der Räuber vom Central Park genannt wird. Wir werden Sie über die weiteren Entwicklungen auf dem Laufenden halten. Zum Sport: In …“

Jenna griff zur Fernbedienung und zappte hektisch von einem Sender zum nächsten, um mehr über den Mord an Adam zu erfahren. Doch auf keinem Kanal lief zurzeit eine Nachrichtensendung. Noch immer saß sie wie benommen da, hatte ihren Kaffee und die morgendliche Runde durch den Park vergessen, und unablässig hämmerten ihr die drei Worte durch den Kopf: Adam ist tot. Adam ist tot.

Sie musste an den Stadtstreicher denken, dem Adam und sie am vergangenen Abend zweimal begegnet waren. War das nur Zufall? Oder war er Adam und ihr bis zum Lokal und von dort bis zum Parkhaus gefolgt?

Mit zitternden Knien ging sie zum Küchenfenster und sah hinunter auf den Park. Ein großer Teil des Heckscher Playground war von hier aus gut zu sehen, allerdings nicht das Karussell. Am helllichten Tag und in der Gesellschaft Dutzender anderer Jogger hatte sich Jenna dort immer sicher gefühlt. Nachts allerdings war es anders; jeder, der nur einen Funken gesunden Menschenverstand besaß, wusste, dass es nach Anbruch der Dunkelheit viel zu gefährlich war, allein im Park unterwegs zu sein. Warum hatte Adam ausgerechnet in der Nacht einen solchen Ausflug gewagt?

Oder hatte er das gar nicht?

Während Jenna die Gold-, Rot- und Gelbtöne des herbstlichen Parks betrachtete, dachte sie an ihr Gespräch mit Adam. Er war davon überzeugt, auf ihren Fotos den Beweis dafür zu finden, dass Faxel in irgendwelche illegalen Aktivitäten verstrickt war. Was, wenn jemand von seinen Ermittlungen Wind bekommen und beschlossen hatte, ihnen ein Ende zu setzen, indem er Adam ermordete?

Bei diesem Gedanken schüttelte sie unwillkürlich den Kopf. Auch wenn sie großes Vertrauen in Adams Fähigkeiten als Anwalt hatte, sie kannte J.B. Collins persönlich. Er war ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft, ein genialer Geschäftsmann und ein großzügiger Wohltäter. Wie konnte ein Mann von solchem Ruf in verbrecherische Machenschaften verstrickt sein? Schlimmer noch, in einen Mord?

Nach einer Weile ging Jenna ins Badezimmer, duschte und zog sich um. Diese Fotos waren für Adam wichtig gewesen. Jenna wollte sie sich genau anschauen. Vielleicht würde sie ja etwas entdecken.

Über eine Stunde war vergangen, seit Jenna die Nachricht von Adams Tod vernommen hatte, und sie konnte immer noch nicht glauben, dass er nicht mehr lebte. Ihr ging auch nicht aus dem Sinn, wie er gestorben war: als Opfer eines brutalen Raubmords.

Während sie sich in einem Taxi nach Lower Manhattan bringen ließ, kamen ihr die Tränen. Sie wischte sie hastig weg. Auch wenn sie für Adam nicht mehr so empfunden hatte wie früher, waren sie doch Freunde geblieben.

Jenna wurde aus ihren Gedanken gerissen, als das Taxi mit quietschenden Reifen vor dem Gebäude anhielt, in dem sich ihr Studio befand. Sie ermahnte sich innerlich zur Disziplin, bezahlte den Fahrer und stieg aus.

SoHo war für Jenna schon immer ein ausgesprochen faszinierender Ort. Als sie noch zur Universität ging, verbrachte sie den Großteil ihrer Freizeit damit, diese edle Enklave aus Galerien, Museen und Ethno-Shops zu erkunden, ohne allerdings auch nur im Traum daran zu denken, eines Tages hier zu arbeiten.

Das dreistöckige Gebäude im italienischen Stil an der Ecke Greene Street/Broome Street wurde im späten 19. Jahrhundert für einen wohlhabenden Textilienhändler errichtet. Der machte Schlagzeilen, weil er als Erster einen Aufzug in sein Haus einbauen ließ. Vor ein paar Jahren wurde das Gebäude von einem findigen Unternehmer gekauft, der es komplett renovieren ließ. Er teilte es in acht Gewerbeflächen auf, die er dann einzeln vermietete. An der Tür zu einer dieser Gewerbeflächen hing ein glänzendes Messingschild – ‚Jenna Meyerson’s Photography‘.

Jennas Studio im zweiten Stock des Hauses war mit seinen nicht ganz vierzig Quadratmetern sogar für Manhattaner Maßstäbe winzig. Da sie für jeden anderen Raum, der nur ein wenig größer war, die dreifache Miete zahlen musste, hatte sie aus der kleinen Fläche alles herausgeholt, was möglich war. In der einen Ecke stand ihr Schreibtisch, in der anderen befand sich die Dunkelkammer. Die Fläche dazwischen beanspruchten ein Stativ, zwei Schirme und einige Reflektoren.

Es dauerte einige Minuten, bis sie das Portfolio mit den Faxel-Fotos fand. Insgesamt waren es fünfzehn Stück, allesamt Farbfotos im Format zwanzig mal fünfundzwanzig, die sie für die besten Motive gehalten hatte. Die Präsentation des Wizard war ein voller Erfolg gewesen. Mehr als dreihundert Gäste waren der Einladung gefolgt, in erster Linie Politiker, Wallstreet-Gurus und Manager aus der Fortune 500-Liste.

Jenna nahm die Fotos vorsichtig aus dem Portfolio und breitete sie auf dem Schreibtisch aus. Eingehend betrachtete sie eines nach dem anderen und nahm auch hin und wieder ihre Lupe zu Hilfe.

Nach einer ganzen Weile lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zurück und stieß einen enttäuschten Seufzer aus. Viele der abgelichteten Gäste kannte sie, und von den anderen Gesichtern kam ihr keines verdächtig vor. Sie klopfte mit den Fingern auf die Schreibtischplatte, während sie überlegte. J.B. zu fragen, wen Adam auf den Fotos zu finden gehofft hatte, war natürlich undenkbar. Allerdings kannte sie jemanden, der ihr möglicherweise weiterhelfen konnte: Marcie Hollander. Sie und Adam hatten jahrelang zusammengearbeitet und gemeinsam eine Reihe Krimineller vor Gericht gestellt. In dieser Stadt gab es nichts, worüber die Bezirksstaatsanwältin nicht informiert war, und keine wichtige Persönlichkeit, die sie nicht kannte. Bevor sie Marcie aber die Fotos gab, wollte Jenna für sich einen weiteren Satz Abzüge machen.

Mit den Fotos in der Hand ging sie in die Dunkelkammer und schloss die Tür. Andere Fotografen, mit denen sie gelegentlich ins Gespräch kam, hatten ihr geraten, von herkömmlicher Fotografie auf digitale umzusteigen. Doch nach ein paar Anläufen war ihr klar geworden, dass dies nicht das Richtige für sie war. Ihr fehlte die Dunkelkammer. Sie konnte das nicht erklären, vor allem nicht den Leuten, die sich vollständig auf digitale Fotografie verlegt hatten. Aber für Jenna hatte eine Dunkelkammer etwas sehr Persönliches. Die Kammer war eine Zuflucht, in der nur sie etwas zu suchen hatte. Ohne sie fühlte sich Jenna verloren.

Die Einrichtung war schlicht gehalten: ein standardmäßiges Edelstahlbecken, Filmentwicklungsdosen, ein Hochgeschwindigkeitstrockner, Vergrößerer, eine Entwicklungsmaschine, eine Wäscheleine und ein Regal, das Platz für ihr sämtliches Zubehör bot. Es war nichts Hochmodernes, doch ihr genügte es.

Sie knipste die rote Lampe an und begab sich an die Arbeit.

Nach einer Stunde war ein zweiter, kleinformatigerer Satz Fotos fertig, den sie in ihre Handtasche steckte. Die Originale kamen in einen braunen Umschlag, den sie ebenfalls in die Tasche stopfte. Wenn sich auf den Fotos irgendeine zwielichtige Gestalt befand, die sich unter die Gästeschar gemischt hatte, dann würde Marcie sie entdecken.

Am Dienstagmorgen saß Pincho in dem kleinen Hinterzimmer des Insomnia und blätterte in der New York Times. Auf Seite 3 des Metro-Teils fand er die Meldung, die er suchte. Es ging um den Mord an Adam Lear. Ein Foto des Opfers war ebenfalls abgedruckt.

Der Bericht entsprach genau dem, was er erwartet hatte. Adam Lear war erstochen im Central Park aufgefunden worden. Der Täter war zwar nicht gefasst worden, doch der Polizei lag die Beschreibung eines Mannes vor, der gesehen worden war, wie er sich vom Tatort entfernte. Man ging davon aus, den Tatverdächtigen in Kürze festzunehmen.

Es war ein ausgesprochen leichter Auftrag gewesen. Nachdem sich Lear und seine Bekannte voneinander verabschiedeten, ging Pincho auf den Anwalt zu und behauptete in nüchternem, geschäftsmäßigem Tonfall, er arbeite für Faxel und besitze Informationen, die für Adam Lear sicherlich interessant wären. Pincho schlug vor, ein wenig spazieren zu gehen. Er hatte angenommen, dass sich Lear weigern würde. In dem Fall hätte er den Anwalt noch im Parkhaus getötet. Doch nach kurzem Zögern war Lear einverstanden und folgte ihm in den Park.

Der einzige unerwartete Faktor in Pinchos gut durchdachtem Plan war die Frau. Niemand hatte davon gesprochen, dass Lear in Begleitung sein und er sich auch noch in dieses Lokal begeben würde. Doch Pincho Figueras war ein intelligenter Mann, und er konnte improvisieren. So konnte er den Plan letztlich ohne Schwierigkeiten ausführen. Wenn die Polizei diese ihm unbekannte Frau befragen sollte, dann würde sie sich an einen stinkenden Penner erinnern, der ein Bein nachzog.

„Tut mir Leid, Roy, alter Junge“, murmelte er. „Es ist nichts Persönliches, rein geschäftlich.“

Etwas Geschäftliches, für das er gut bezahlt wurde. Aber warum nicht? Sein Beruf war riskant. Man musste nicht nur den nötigen Mut und Scharfsinn haben, sondern auch einige Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen – wie zum Beispiel diese ekelhaften Klamotten, die er fast den ganzen Abend getragen hatte. Pincho hasste alles, was schmutzig war. Schmutz war für ihn noch schlimmer als Armut. Zuerst hatte er die widerwärtig riechenden Klamotten verbrennen wollen, doch in seiner Branche konnte man nie wissen, wann man so eine Tarnung noch mal brauchte.

Das Telefon klingelte. Das würde sein Klient sein.

Schon nach dem ersten Klingeln hob er ab. „Kravitz.“

„Am üblichen Ort“, sagte der Anrufer.

Pincho beendete das Gespräch, legte die Times zur Seite und erklärte seinem Geschäftsführer, er müsse etwas erledigen und sei in einer Stunde wieder zurück. Fröhlich pfeifend verließ er das Café und begab sich zum Bryant Park, um das restliche Geld abzuholen.

6. KAPITEL

Als Jenna das Büro betrat, telefonierte Marcie gerade. Die Staatsanwältin winkte sie herein und zeigte ihr mit zwei erhobenen Fingern an, wie viele Minuten ihr Telefonat wahrscheinlich noch dauern würde.

Jenna konnte ihr ansehen, wie tief Adams Tod sie getroffen hatte. Trotz des Make-ups war die Staatsanwältin blass, und sie hatte dunkle Ringe unter ihren großen nussbraunen Augen. Man konnte sie nicht als atemberaubende Schönheit bezeichnen, aber sie war eine attraktive Frau, was umso mehr galt, seit sie ihr mattbraunes Haar rötlich färbte und sich modischer kleidete.

Mit gerade mal achtundvierzig Jahren war sie eine der einflussreichsten Frauen der Stadt. Sie war mit dem Chefkardiologen des Roosevelt Hospital glücklich verheiratet und Mutter von zwei wohlgeratenen Teenagern. Marcie gehörte zu dem seltenen Typ Frau, der Familie und große Karriere mühelos unter einen Hut brachte. Ihr Erfolg bei der Strafverfolgung war kaum zu überbieten, was viele ihrer unerbittlichen Art zuschrieben. Ihren Assistenten bläute sie vom ersten Tag an ein, niemals zaghaft zu sein. Adam hatte sie mal als besessen bezeichnet. „Fast so besessen wie ich“, hatte er dann angefügt – was erklärte, warum die beiden so gut miteinander ausgekommen waren.

Nach einem klipp und klaren „So sieht der Deal aus, Raymond. Entweder Sie sind einverstanden oder Sie lassen es bleiben!“ legte Marcie auf. Dann kam sie um ihren Schreibtisch herum und nahm Jenna in die Arme. „Es tut mir so Leid, Honey.“

Jenna ließ sich von ihr zu einem der Stühle führen, die vor dem ausladenden Schreibtisch standen, und fragte: „Wann hast du davon erfahren, Marcie?“

„Um vier Uhr heute Morgen. Detective Stavos rief mich zu Hause an. Du kennst Paul noch, nicht wahr?“

Jenna konnte sich vage an den Mann erinnern. Er war mittleren Alters, hatte einen müden Blick und legte ein mürrisches Auftreten an den Tag. „Adam hat ihn mir vor ein paar Jahren vorgestellt.“

Marcie setzte sich zu ihr. „Es wäre mir lieber gewesen, ich hätte dir die schreckliche Nachricht selbst überbringen können. Aber ich musste warten, bis Adams Familie benachrichtigt war.“ Sie hielt einen Moment inne. „Wir werden ihn finden, Jenna. Ich verspreche dir, wir finden diesen Bastard, der ihn umgebracht hat.“

„Deshalb bin ich hier. Adam kam gestern Abend in die Galerie, um mir zu meiner Ausstellung zu gratulieren.“

Marcie hob die Augenbrauen. „Ich habe ihn gar nicht gesehen.“

„Er traf erst spät ein, kurz vor Schluss. Er wollte mit mir reden.“

„Ich wusste nicht, dass ihr beide immer noch Kontakt hattet.“

„Hatten wir auch nicht. Das letzte Mal sah ich ihn bei der Scheidung.“

Jenna erzählte von Adams Besuch und den Fotos, und sie versuchte sich an so viel wie möglich von dem Gespräch zwischen ihr und Adam zu erinnern. Sie vergaß auch nicht, den Stadtstreicher zu erwähnen.

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