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Der Duft des Jacaranda

Über die Autorin

Tamara McKinley wurde in Australien geboren und verbrachte auch ihre Kindheit im Outback des fünften Kontinents. Heute lebt sie an der Südküste Englands, aber die Sehnsucht treibt sie stets zurück in das weite, wilde Land, von dem sie in jedem ihrer Romane faszinierende neue Facetten entfaltet.

Besuchen Sie die Autorin auf ihrer Website www.tamaramckinley.co.uk

Tamara McKinley

Der Duft
des Jacaranda

Roman

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Aus dem australischen Englisch
von Rainer Schmidt

BASTEI ENTERTAINMENT

WIDMUNG    Dieses Buch ist Thelma Ivory

und Marion Edwards gewidmet,

die nicht mehr bei uns sind;

sowie Alan Horsham und Dan Newton,

die noch immer mit einer Zuversicht kämpfen,

die ich nicht aufbringen würde.

DANKSAGUNG    Mit herzlichem Dank an Kevin Lewis für seine Tour durch das Barossa Valley. Ohne ihn hätte ich niemals so viel über die Geschichte dieser wundervollen Gegend gelernt. Außerdem möchte ich mich bei Robert Crouch bedanken, der mir bei den Recherchen zu Sprache und Gebräuchen der Romani zur Seite stand und mich unermüdlich ermutigte. Kein Buch entsteht ohne den Rat und Enthusiasmus eines Lektors, und ich schätze mich glücklich, dass es Gillian Green bei Piatkus gibt. Ihr Scharfblick und ihre hilfreichen Ratschläge sind immer geschätzt. Last, but never least, möchte ich meiner Agentin Teresa Chris meine Anerkennung aussprechen. Ihre Freundschaft und ihr Glaube an meine Arbeit sind großartig, und ich werde ihr stets dafür dankbar sein.

PROLOG

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Aus The Australian, Melbourne, Januar 1990

Cordelia Witney hat als Ehefrau des eigenbrötlerischen, notorisch schwierigen Tycoons Joseph, der die südaustralische Weinbauindustrie beherrschte, gelernt, mit Demütigungen zu leben. Aber selbst ihr muss der Streit peinlich sein, der in aller Öffentlichkeit ausgetragen wird, nachdem ihr Ehemann, von dem sie getrennt lebte, letzten Monat im Alter von 91 Jahren verstorben ist.

Solange Joseph Witney lebte, litt seine Familie unter seinem jähzornigen Temperament und dem despotischen Managementstil, mit dem er Jacaranda Wines zu einem der größten Unternehmen Australiens mit einem weltweiten Umsatz von 12,5 Milliarden Australischen Dollars machte. Nach seinem Tod vermuten Insider der Firmen, dass Jacaranda Wines implodieren wird und dass die Erben das Unternehmen an die Börse bringen oder den Konzern zerschlagen und die Einzelgesellschaften Stück für Stück verkaufen werden.

»Es gibt eine Menge Leute, die sich seinen Tod gewünscht haben«, sagt ein früherer Insider. »Jetzt, wo er endlich nicht mehr da ist, werden sie sich rächen, indem sie statt seiner die Firma umbringen.«

Andere behaupten, seine Witwe Cordelia, die Vizepräsidentin von Jacaranda, habe den Fehdehandschuh aufgehoben; sie werde bis aufs Blut gegen ihre Familie kämpfen und nicht zulassen, dass das Unternehmen zerschlagen oder ein offeneres Management eingeführt wird.

Jetzt, da der König der Weinberge tot ist, fragen sich viele, was aus seinem Königreich werden wird. Vor zwei Jahren erlitt der französische Weinproduzent Lazare eine Niederlage, als er ein Übernahmeangebot für Jacaranda Wines vorlegte, aber angesichts des internen Machtkampfes zwischen Cordelia, ihrem Bruder Edward sowie den jeweiligen Kindern und Enkeln werden wir den größten Weinverkauf der Geschichte vielleicht noch erleben.

EINS

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Auf Wiedersehen, Sophie. Gib Acht auf dich da draußen.« Crispins wohltönende, kultivierte Stimme ging beinahe unter in der Lautsprecheransage, die die Passagiere für den Qantas-Flug nach Melbourne aufrief.

Sophie gab sich seiner vertrauten Umarmung hin und verspürte plötzlich ein schmerzliches Bedauern, dass es so sehr schief gegangen war mit ihnen. Eine Ehe sollte doch ein Leben lang halten, nicht nur flüchtige drei Jahre. Aber ihnen beiden war rasch klar geworden, dass sie einen Fehler gemacht hatten; und als die Beziehung nicht mehr zu retten war, hatte Sophie den Mumm gehabt, der Wahrheit ins Auge zu sehen und dem Ganzen ein Ende zu machen. Als es schließlich vorüber war, fühlten sich beide erleichtert.

Sie löste sich von ihrem Ex-Mann und schaute ihm ins Gesicht. Das entwaffnende Lächeln und die grauen Augen mit dem verführerischen Blick hatten nicht mehr die Macht, ihre Sinne in Aufruhr zu versetzen, aber sie konnte doch nicht leugnen, dass er sehr attraktiv war und dass sie ihn vermissen würde. »Freunde?«, fragte sie leise.

Sein blondes Haar fiel ihm in die Augen, als er nickte. »Immer. Es tut mir leid, dass es nichts geworden ist, Sophie, aber wir haben wenigstens Schluss gemacht, bevor wir angefangen haben, uns gegenseitig zu hassen.«

Sie war den Tränen nahe und wandte sich hastig ab. »Niemand war schuld, Cris«, sagte sie leise. »Menschen machen manchmal Fehler.« Sie zündete sich eine Zigarette an, die letzte, die sie in den nächsten zwölf Stunden bekommen würde, ehe das Flugzeug in Singapur landete. Es würde ihre Willenskraft auf eine echte Probe stellen, und trotz der vielen Nikotinpflaster auf ihrem Arm war sie nicht sicher, wie sie damit zurechtkommen würde. »Sie buchen zum Beispiel einen Nichtraucher-Flug«, witzelte sie trocken.

»Wird Zeit, dass du damit aufhörst, Sophie. Du kommst wochenlang ohne eine Zigarette aus; warum also nicht heute?«

Sie sog den Rauch tief in die Lunge und ließ den Blick über das Gewimmel der Passagiere in der Halle wandern. »Ich bin gestresst«, sagte sie knapp. »Rauchen hilft.« Das Rauchen war eine der Gewohnheiten gewesen, die ihn an ihr gestört hatten, aber nicht halb so sehr, wie seine Neigung zu anderen Frauen ihr auf die Nerven gegangen war.

Crispin vergrub die Hände tief in den Taschen seiner Tweedjacke. Hoch gewachsen und aufrecht stand er da, jeder Zoll ein ehemaliger Offizier. »Du solltest dir deine Familie nicht so sehr zu Herzen gehen lassen. Ich weiß, dass dein Großvater ein Mistkerl war, aber jetzt ist er nicht mehr da – er kann über dein Leben nicht mehr bestimmen.«

Sie zog eine Braue hoch. »Nicht? Es war sein Geld, mit dem ich Jura studiert habe, sein Einfluss, der mir die Partnerschaft bei Barrington eingebracht hat. Er mag tot sein, aber wir tanzen immer noch nach seiner Pfeife – wegen des verdammten Testaments und wegen des Durcheinanders, das er uns hinterlassen hat.« Sie drückte ihre Zigarette in einem überquellenden Metallascher aus. »Und im Übrigen: Das musst ausgerechnet du sagen! Du wärst doch nicht nach Sandhurst gegangen, wenn es nicht Familientradition wäre. Hättest niemals diesen vergammelten alten Schutthaufen auf dem Land übernommen, den deine Mutter immer lachend als ›Familiensitz‹ bezeichnet. Du hättest viel lieber an Autos rumgeschraubt.« Sie seufzte. Es waren alte Streitigkeiten, die sie hier wieder aufleben ließen. »Lass uns nicht zanken, Cris. Dazu ist die Zeit zu knapp.«

Er zog sie wieder an sich und küsste sie auf die Stirn. »Gib Acht auf dich, altes Haus – und ich hoffe, du findest, was du suchst. Er ist irgendwo da draußen, weißt du.«

Sophie wurde still. »Ein Fehler ist genug, Cris. Von jetzt an werde ich mich auf mich und meine Karriere konzentrieren. Männer stehen nicht mehr zur Debatte.«

Er löste sich von ihr, hielt aber ihre Arme fest und schaute ihr tief in die Augen. »Du glaubst vielleicht, du bist zäh, aber du bist für das Alleinsein nicht geschaffen. Du musst Jay suchen, mit ihm sprechen. Sieh zu, dass du dich mit ihm verträgst. Du liebst ihn nämlich immer noch.«

Sophie starrte ihn an. »Jay ist Vergangenheit«, sagte sie, aber es schnürte ihr die Kehle zu. »Ich hätte dich nicht geheiratet, wenn er es nicht wäre.«

Crispin lächelte traurig und drückte sie noch einmal kurz an sich. »Alles Gute, Darling, und schreib mir, wenn du kannst.«

Sophie hob ihr Handgepäck auf, warf ihm eine Kusshand zu und ging durch die Passkontrolle. Ihr Puls raste vor Aufregung und Bangigkeit; die Trauer des Abschieds und das Gespenst namens Jay lasteten auf ihr. Zehn Jahre waren vergangen, seit sie Australien verlassen, und zwölf, seit sie Jay zuletzt gesehen hatte. Er war ihre erste Liebe gewesen, und obwohl ihre Trennung ein brutaler Einschnitt gewesen war, wusste sie, dass Cris immer den Verdacht gehegt hatte, ein Teil von ihr würde Jay noch immer lieben.

Die Transitlounge war hell erleuchtet, und in den Duty-Free-Shops herrschte Hochbetrieb, aber sie wandte sich zur Fensterfront und schaute hinaus in den Januarregen. Du bist dreißig Jahre alt, sagte sie streng zu sich, Anwältin in einer der renommiertesten Kanzleien Londons, wenngleich ohne Illusionen darüber, weshalb sie an dir zerrten, sobald du deine Zulassung hattest.

Sie hob das Kinn. Dass sie ihre Stellung behalten hatte, war das eigene Verdienst. Die Zusage, Jacaranda zu vertreten, war nur ein Sprungbrett gewesen. Das Leben da draußen war hart, besonders für eine Frau – und sie hatte bewiesen, dass sie gut war, vielleicht sogar besser als einige ihrer männlichen Kollegen.

Die Nummer ihres Fluges wurde aufgerufen; sie sammelte ihre Sachen ein und machte sich auf den weiten Weg zum Gate. Ich bin eine Frau mit einer strahlenden Zukunft, ich werde nicht zurückschauen, beschloss sie insgeheim. Ich werde niemals zurückschauen.

Aber als sie es sich auf ihrem Sitz bequem gemacht hatte und auf den Start wartete, wanderten ihre Gedanken zurück, während sie beobachtete, wie der Regen streifig über das Fenster rann. Sie dachte daran, wie es war in den Jahren, als sie und Jay noch jung waren und das College in Brisbane besuchten. Wo bist du jetzt, Jay?, fragte sie sich wehmütig. Denkst du manchmal noch an mich?

Cordelia Witney hatte aufgelegt, aber ihre Hand lag noch auf dem Hörer, als sie über das Gespräch nachdachte, das sie soeben mit ihrem Bruder Edward geführt hatte, und über die Konsequenzen, die es für die Zukunft von Jacaranda Wines haben konnte.

»Probleme?« Jane merkte es immer, wenn Cordelia etwas auf dem Herzen hatte, aber das war kaum verwunderlich, wenn man bedachte, wie lange sie sich schon kannten.

»Man sollte doch annehmen, dass man die Meinung einer Neunzigjährigen respektiert«, sagte Cordelia verbittert. »Aber Edward ist anscheinend entschlossen, mir in die Quere zu kommen.«

Jane nahm einen Schluck Sherry und stellte das Glas auf den Tisch neben ihr. »Du hättest meinen Rat befolgen und deinen Anteil an der Firma verkaufen sollen, Cordy. Dann würde dich das alles nicht mehr stören.«

Jane verfiel immer dann in diesen etwas diktatorischen Tonfall, wenn sie fand, dass jemand anders im Unrecht war, und auch wenn sie diesen speziellen Streit in den letzten zwanzig Jahren schon oft wiederholt hatten, war sie offenbar entschlossen, bei jeder Gelegenheit von neuem damit anzufangen.

Aber Cordelia wollte nicht anbeißen. Die Brille saß fest auf ihrer Nasenspitze, als sie sich jetzt in ihrem weichen Ledersessel zurücklehnte und aus dem Fenster schaute. Das Firmengebäude war vielleicht nicht so hoch wie das Rialto, aber die Glaswände des Penthouse in den Jacaranda Towers boten ihr doch einen Rundumblick auf Melbourne, und mit der neuen Brille konnte sie ihn auch wieder genießen.

Die Stadt erstreckte sich in allen Himmelsrichtungen bis zum Horizont; im Westen konnte sie bis über die Westgate Bridge hinaus sehen, im Osten bis zu den Dandenong-Bergen, und im Süden erblickte man die weite Fläche von Port Phillip. Es war weit entfernt von den bescheidenen Anfängen der Familie, aber es war unmöglich geworden, im Château zu wohnen, und nach einiger Zeit hatte sie sich daran gewöhnt, ja, sie hatte sogar gelernt, es zu mögen.

»Hast du gehört, was ich gesagt habe, Cordelia?« Jane war beharrlich.

»Du brauchst nicht zu schreien. Ich bin ja nicht taub«, gab Cordelia zurück.

Sie wandte den Blick vom Fenster zu der makellos gepflegten Frau, mit der sie seit zwei Jahrzehnten das Apartment teilte. Jane war fast fünfundsiebzig, aber an guten Tagen und im richtigen Licht sah sie um Jahre jünger aus. Mit Hilfe ihres Reichtums hielt sie das Alter in Schach, und ein strenges Programm aus Gymnastik und Diät sorgte dafür, dass sie eine Figur behielt, die Frauen mit Neid und Männer mit Bewunderung erfüllte.

Kein Wunder, dass mein Mann sich in sie verliebt hat, dachte Cordelia ohne Bosheit. Unsere Beziehung ist schon merkwürdig, musste sie einräumen. Wer hätte geglaubt, dass wir beide noch Sympathie füreinander empfinden könnten – nach allem, was wir durchgemacht haben? Wir sind so verschieden, Jane und ich. Sie ist der Champagner, und ich bin der vin ordinaire. Und doch gibt es da immer ein Band, das uns beide verbindet.

»Du hast über das Für und Wider meiner Entscheidung gut predigen, Jane«, sagte sie fest. »Du hast nie verstanden, was diese Beteiligungen bedeuten, und du hast dir auch nie die Mühe gemacht, die Geschichte kennen zu lernen, die dahinter steht.«

Jane hob die eleganten Schultern und strich die Revers ihrer Designerjacke glatt. »Du hast es immer vorgezogen, in der Vergangenheit zu leben, Cordelia«, sagte sie abschätzig. »Ich begreife wirklich nicht, weshalb du so störrisch bleibst. Wieso lässt du die Firma nicht los, nachdem Jock nun endlich fort ist? Lass sie das verdammte Unternehmen verkaufen; sollen sich die andern zur Abwechslung um die Knochen balgen. Du bist eine reiche Frau, Cordy. Die Zukunft liegt bei deinen Kindern und bei der nächsten Generation. Lass sie entscheiden, was das Beste ist.«

»Ich bin vielleicht alt, aber noch nicht senil«, fauchte Cordelia. »Dass Jock tot ist, heißt noch lange nicht, dass ich unfähig bin, Entscheidungen zu treffen.«

Jane nahm eine goldene Puderdose aus der Handtasche, klappte sie auf und überprüfte ihr Aussehen mit kritischem Blick. Sie fuhr mit den Fingerspitzen über die chirurgisch gestraffte Haut an Kinn und Hals, strich über eine streng gezupfte Augenbraue und klappte die Dose zu. »Und was für eine Krise gibt es diesmal?«

»Nichts, womit ich nicht fertig werden könnte«, sagte Cordelia entschlossen.

Die hellblauen Kontaktlinsen ließen Janes Blick kalt erscheinen. »Immer musst du Geheimnisse haben, nicht wahr?«, sagte sie leise. »Wirst du mir je vertrauen?«

Cordelia seufzte. »Du weißt, dass es darum nicht geht, Jane, also lass uns nicht darüber streiten.« Sie sah, dass ihre Freundin ungeduldig die Stirn runzelte und die Lippen zu einem schmalen Strich zusammenpresste; sie wusste, dass sie Jane besänftigen musste, bevor die Sache außer Kontrolle geriet. »Bei dieser neuesten Krise geht es um Firmenangelegenheiten, und auch wenn ich absolutes Vertrauen zu dir habe, kann ich doch außerhalb des Vorstandszimmers nicht darüber sprechen.«

Jane erhob sich und strich den Leinenrock über den schlanken Hüften glatt. »Wie du meinst«, sagte sie schnippisch. »Ich gehe shopping.«

Cordelia wandte sich wieder zum Fenster. Shopping war Janes Antwort auf alles. Das entschiedene Klappern ihrer Blockabsätze auf dem Parkettboden sprach Bände. Der Knall, mit dem die Apartmenttür zuschlug, war das Ausrufungszeichen am Ende ihrer Auseinandersetzung.

Cordelia schloss seufzend die Augen. Die letzten paar Wochen waren auch so strapaziös genug gewesen, ohne dass Jane schwierig wurde; sie, Cordelia, war zu alt und zu müde, um sich ihr Leben noch einmal durcheinander bringen zu lassen. Vielleicht hatte die Freundin ja Recht, vielleicht sollte sie alles in andere Hände geben.

»Den Teufel hat sie«, knurrte Cordelia wütend.

Die Geschichte schien sich zu wiederholen, denn dies war nicht die erste Krise, die über das Unternehmen hereinbrach. Ihre Gedanken kehrten zu ihrem verstorbenen, unbeweinten Ehemann zurück. Der Tod mochte seinen Körper geholt haben, aber sein böser Geist war immer noch spürbar, und als sie jetzt an sein einst gut aussehendes, kraftvolles Gesicht dachte, erinnerte sie sich, wie anders doch alles gewesen war, als sie jung und verliebt gewesen waren und die Zukunft so verheißungsvoll ausgesehen hatte.

Sie erinnerte sich an jenen Sommermorgen, als wäre es gestern gewesen. Noch immer konnte sie die Wärme spüren und das lästige Gesumm der Fliegen hören und das Getriller der Lerchen. Es war ein schönes Gefühl gewesen, an einem solchen Tag zu leben. Die Kriegsjahre hatten die Männer auf das fremde Schlachtfeld von Gallipoli entführt, und die Frauen waren zurückgeblieben, um ihren Krieg gegen die machtvollen, unberechenbaren Elemente Südaustraliens zu führen, wo die Feinde Blattfäule, Parasiten, Dürre und Überschwemmung hießen. Aber an beiden Fronten waren die Kriege gewonnen worden, und trotz des schrecklichen Tributs, den sie gefordert hatten, würden Cordelias Vater und ihr Bruder auf ein blühendes Weingut zurückkehren. Denn die Rebstöcke, die die Frauen von Jacaranda in langen Jahren gehegt und gepflegt hatten, gediehen gut auf den Terrassen des Tals von Barossa.

Sie stand auf dem Kamm einer Anhöhe und schaute über den Flickenteppich der Landschaft hinweg, die sich wellig bis in weite Ferne erstreckte. Morgen würde die Lese beginnen, und obwohl sie darauf brannte anzufangen, war heute ein dringend benötigter Ruhetag vor dem Chaos der nächsten paar Wochen. Die Hitze flimmerte am Horizont, während die Sonne auf die reifenden Trauben brannte. Das Gras zu Cordelias Füßen war beinahe weiß gebleicht, und die einsamen Rufe der Raben in den nahen Bäumen waren eine düstere Erinnerung daran, wie schnell die empfindlichen Früchte verdorren und absterben konnten, wenn sie nicht genau im richtigen Moment gepflückt wurden.

Wie immer trug Cordelia keinen Hut. Ihr langes dunkles Haar wehte ungebändigt, und sie war barfuß. Das weiße Baumwollkleid war fleckig von zimtroter Erde, und zur großen Entrüstung ihrer Mutter waren Gesicht und Arme sonnengebräunt. Sie hob die Hände zum Himmel und streckte das Gesicht der Sonne entgegen; mit geschlossenen Augen atmete sie den Duft reifender Trauben und heißer Erde. Dies war der Lohn für die vielen Arbeitsstunden auf den Terrassen. Dies war ihr Land, ihr Erbe, und nichts und niemand würde es ihr wegnehmen.

»Persephone, die barfüßige Göttin der Fruchtbarkeit«, sagte eine Männerstimme gedehnt.

Sie fuhr herum, und die Glut in ihrem Gesicht hatte wenig mit der Sonne zu tun, als sie den Sprecher ansah. »Sie sollten lernen, dass man sich nicht so an Leute heranschleicht«, sagte sie aufgebracht.

»Sie sollten lernen, einen Hut zu tragen«, erwiderte er milde. »Hat Ihre Mutter Sie nicht vor den Gefahren eines Sonnenbrandes gewarnt?« Seine blauen Augen blitzten humorvoll, als er auf sie herabschaute.

Cordelia funkelte ihn an, aber sie war eher verlegen als wütend, denn es war ihr bewusst, wie lächerlich sie aussehen musste. »Es ist zu heiß für einen Hut«, erklärte sie entschieden. »Außerdem, was geht das Sie an?«

»Gar nichts. Aber es wäre doch eine Schande, so viel Schönheit zu verderben.« Beim Lächeln bekam er kleine Falten an den Augen und am Mund, und als er seinen Buschhut abnahm und sich am Kopf kratzte, konnte sie nicht umhin, zu bemerken, wie dicht und lockig sein braunes Haar war.

Sie raffte die abgestreiften Schuhe und den verhassten Hut vom Boden auf. Er hatte kein Recht, so frech zu sein, bloß weil er so gut aussah. »Sie halten sich unbefugt hier auf«, fauchte sie. »Dies ist Jacaranda-Land.«

Er setzte den Hut wieder auf und zog sich die Krempe tief in die Augen, aber seine Stiefel standen fest im silbrigen Gras. Er hakte die Daumen in die Taschen seiner Moleskins und schaute über die Felder bis zu dem holzverschalten Farmhaus, das weiß hinter den zarten Purpurblüten der Jacarandabäume leuchtete. »Das weiß ich«, sagte er sanft. »Ich dachte, ich sehe mir mal meine Nachbarin an.«

Die blauen Augen blickten sie an, und Cordelia verspürte ein seltsames Flattern in der Magengrube. »Nachbarin?«, stammelte sie.

Er nickte und streckte die Hand aus. »Joseph Witney«, sagte er. »Aber meine Freunde nennen mich Jock.«

Cordelias kleine Hand verschwand vollständig in seiner großen, rauen Pranke. Das also war der neue Eigentümer von Bundoran. Der Mann, der früher als die meisten mit einem zerschmetterten Knie aus Gallipoli zurückgekommen war und schon seit Wochen Stoff für den Klatsch der Gegend lieferte.

Sie schaute an dem karierten Hemd hinauf in sein Gesicht, entschlossen, ihn nicht merken zu lassen, dass seine Nähe und seine Berührung Wirkung auf sie hatten. »Sie klingen gar nicht wie ein Schotte«, stellte sie fest.

Er ließ ihre Hand los und lachte. »Die Familie meines Dads stammte aus Glasgow. Ich nehme an, der Name ist einfach hängen geblieben.« Er legte den Kopf schräg und ließ seinen Blick über sie wandern. »Sie müssen Cordelia sein«, erklärte er schließlich.

Sie schlang sich die Bänder ihres Hutes um die Finger. Es war nicht nur die Hitze, die ihr Unbehagen bereitete. »Woher wissen Sie das?«

Er beugte sich ihr entgegen, sodass ihre Gesichter sich auf gleicher Höhe befanden. »Von der schönen Cordelia hat hier jeder schon gehört«, sagte er leise. »Aber der Klatsch wird Ihnen nicht gerecht.«

Sie reckte das Kinn hoch und erwiderte seinen Blick, bemüht, würdevoll und gelassen auszusehen. War seine Schmeichelei ehrlich gemeint? Oder machte er sich über sie lustig? »Sie scheinen sich Ihrer selbst sehr sicher zu sein, Mr. Witney.«

Wieder lächelte er sein entwaffnendes Lächeln, als er sich aufrichtete. »Oh, das bin ich, Miss Cordelia. Ja, ich bin mir so sicher, dass ich wetten würde, wir sind vor der nächsten Pflanzsaison verheiratet.«

Cordelia lächelte grimmig, als ihre Gedanken in die Gegenwart zurückkehrten. Jock hatte immer bekommen, was er wollte. Die Hochzeit hatte eine Woche nach jener Lese in der winzigen Kirche in Pearson’s Creek stattgefunden, und es hatte nur fünf Jahre gedauert, bis sie diese Hast bereut hatte.

Der zarte Glockenklang der goldenen Kaminuhr, die Jock von einer seiner Reisen an die Loire mitgebracht hatte, erinnerte sie an die Zeit. Fast eine Stunde war über ihren Tagträumereien vergangen, aber mit den Erinnerungen war ihr eine Idee gekommen. Hatte sie die Lösung für die Probleme von Jacaranda Wines?

»Es wäre ein Glücksspiel«, murmelte sie. »Und wenn ich verliere …« Sie brachte es nicht über sich, ihre Befürchtungen laut auszusprechen, denn das wäre wie eine Einladung an sie, Wirklichkeit zu werden.

Die geflüsterte Antwort schien aus ihrem tiefsten Innern zu kommen. »Du hast doch schon früher gespielt und gewonnen. Warum willst du es nicht versuchen?«

Cordelia lächelte, denn in diesem stillen Augenblick der Besinnung war ihr klar, dass sie den Kampfgeist, der sie in den qualvollen Jahren bei Verstand gehalten hatte, immer noch besaß. Sie durfte nicht zulassen, dass Jock die Hand aus dem Grab streckte und alles zerstörte, was ihr teuer war. Morgen, wenn ihre Enkelin wieder in den Schoß der Familie zurückgekehrt wäre, würde Cordelia die erste Salve abfeuern, die erste in ihrem Kampf zur Rettung von Jacaranda Wines.

Sophies Aufregung hatte stetig zugenommen, als der Jumbo dröhnend über die endlose rote Wüste der Northern Territories hinweggezogen war. Unentwegt schaute sie aus dem Fenster und nahm den Anblick ihrer Heimat auf. Sie sehnte sich nach einem vertrauten Bild, denn ihre Jahre in Australien hatte sie überwiegend in Großstädten verbracht. Das Outback war eine einschüchternde Wildnis, die sie nur aus Büchern und Fotos kannte. Und doch, wie schön war es, als die aufgehende Sonne es jetzt lodern ließ und der Schatten des Flugzeugs über spärliche Eukalyptuswälder und glitzernde Billabongs hinwegjagte. Wie schade, dass sie keine Zeit haben würde, ihre Heimat zu erkunden und die Geheimnisse der endlosen, uralten Weiten zu erforschen; sie würde die Tage im Konferenzraum von Jacaranda Wines verbringen und in den Nächten über Verträgen und Zahlenkolonnen brüten.

Während das Flugzeug weiter nach Süden flog und die Landschaft ihre Schroffheit verlor, wanderten Sophies Gedanken zu ihrer Mutter. Es war unwahrscheinlich, dass sie sie vom Flughafen abholen würde, aber es waren schon merkwürdigere Dinge geschehen, und vielleicht hatte sie sich ja geändert.

Sophie verzog sarkastisch den Mund. Ebenso gut konnte man darauf hoffen, in der Hölle einen Schneeball zu finden. Nach der Scheidung von Cris hatte Mary Gordon es nicht erwarten können, Sophie darauf hinzuweisen, dass sie beim Spiel der Liebe schon wieder verloren hatte. Mary hatte es bei einem ihrer seltenen Besuche in London auf ihre unübertrefflich subtile Art getan, getarnt mit einem starren, falschen Lächeln, aber ihre Grausamkeit war nichts Neues, und auch wenn es schmerzhaft gewesen war, hatte Sophie es mit dem Gedanken fortwischen können, dass es ihrer Mutter auch nicht allzu gut ergangen war. Nicht bei drei Ehescheidungen und einer ganzen Reihe von Liebhabern.

Mary Gordon, die zierliche, schlanke Dame aus der großen Gesellschaft, hatte vom ersten Tag an keinen Zweifel daran gelassen, dass ihre hoch aufgeschossene Tochter mit dem wilden Haarschopf sie mit Entsetzen erfüllte, und sie hatte ihr Bestes getan, um die kleine Sophie auf die Unterschiede zwischen ihnen hinzuweisen, sodass sie sich desto ungelenker und plumper vorgekommen war. Die feinen Nuancen in ihrem Tonfall, mit denen sie Sophies Unzulänglichkeiten im Kreise ihrer Freundinnen erörtert hatte, die unverblümten Hinweise auf eine vielleicht hilfreiche Diät in jenen schrecklichen Jahren des Babyspecks im Teenager-Alter – alles das hatte die Wirkung steter Wassertropfen auf einem Stein, und wenn Sophie sich in ihrem Beruf jetzt auch sehr sicher fühlte, so waren ihr Privatleben und ihre Selbstachtung doch ein Scherbenhaufen.

Wieso kann es mir nicht einfach egal sein, was sie denkt?, fragte Sophie sich, während das Flugzeug landete und auf den Terminal zurollte. Es ist doch offensichtlich, dass sie gar nicht wissen will, was in meinem Leben passiert. Es ist doch offensichtlich, dass zwischen uns nie etwas bestehen wird, sosehr ich mich auch bemühe.

Unwillig über diese Gedanken, griff sie nach ihrem Handgepäck und schickte sich an, zum ersten Mal seit zehn Jahren australischen Boden zu betreten. Dieses Ereignis sollte ich mir von meiner Mutter nicht verderben lassen, sagte sie sich. Erwarte nichts – und wenn dann nichts geschieht, bist du auch nicht enttäuscht.

Zwei Stunden später drängte sie sich durch die Tür eines neuen Hochhausgebäudes mit Blick auf Melbournes Königlichen Botanischen Garten und das tanningefärbte Wasser des Yarra Yarra. Als sie den klimatisierten Glasaufzug betrat, der an der Außenwand des Gebäudes hinauffuhr, zog sie die Klammern aus ihrem schwarzen Haar, schüttelte es los und lehnte sich an die kühle Wand. Niemand hatte sie am Flughafen begrüßt, aber Gran hatte doch wenigstens die Limousine geschickt, die sie hierher zum Apartmentkomplex der Firma gebracht hatte.

Trotz der Zwischenstopps war ihr der Flug ziemlich lang geworden, und sie freute sich darauf, die Füße hochzulegen, ein Glas Wein zu trinken und eine Zigarette zu rauchen, bevor sie sich für ein paar Stunden aufs Ohr legte. Den Rest des Tages würde sie dann damit verbringen, den Berg von Papieren durchzusehen, die sie mitgebracht hatte. Die Vorstandssitzung morgen sollte möglichst reibungslos verlaufen.

Der Lift fuhr mit hohem Tempo zum fünfzehnten Stockwerk hinauf; das saftige Grün des botanischen Gartens unter ihr reichte bis zur Riverside City. Nichts Wesentliches hatte sich verändert, und auch die neuen Ergänzungen der Skyline schienen mit dem Alten zu verschmelzen und seine Schönheit nur zu vergrößern. Der Glockenturm an der Flinders Street Station schimmerte in mattem Ockergelb im Licht der frühen Morgensonne, und die gläsernen Wolkenkratzer ringsherum standen wie gemeißelte Stalagmiten zwischen den robusten Terracottamauern der älteren Gebäude. Die Türme der beiden Kathedralen deuteten wie zierliche Finger aus dem Wald des modernen Melbourne in den Himmel, und auf der anmutigen weißen Brücke, die die beiden Teile der Stadt miteinander verband, herrschte bereits ein reger Pendlerverkehr. Die langen, schlanken Touristenboote lagen noch an den Anlegestellen, Möwen kreisten über der Esplanade vor den kosmopolitischen Restaurants und Bars des Südufers und balgten sich um Abfälle. Schwarze Schwäne glitten anmutig durch die schwindenden Schatten der Weiden. Es war ein Sommermorgen in einer Stadt, die selten schlief.

Das Rattern und Scheppern der Straßenbahnen konnte Sophie hier oben nicht hören, und auch nicht die Geräusche der Stadt, die sich auf einen neuen, geschäftigen Tag vorbereitete. Nur das ausdruckslose Gesäusel der Musik aus den Lautsprechern in der Aufzugdecke und das leise Summen der Klimaanlage war zu vernehmen. Sophie rückte den schweren Aktenkoffer vor der Brust in eine bequemere Lage, und obwohl sie wusste, wie viel Arbeit noch vor ihr lag, spürte sie, dass der Stress der langen Reise von ihr abfiel. Sie war endlich wieder zu Hause.

ZWEI

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Cordelia war seit dem Morgengrauen wach, obwohl es am Abend zuvor beim Essen mit Sophie spät geworden war. Sie hatten eine Menge nachzuholen gehabt, auch wenn sie im Laufe der Jahre viel telefoniert und sich häufig geschrieben hatten. Nur die Erschöpfung hatte sie schließlich in ihr Bett getrieben. Aber dann hatte sie schlaflos dagelegen, und ihre Gedanken und Pläne für die Zukunft hatten sie nicht zur Ruhe kommen lassen, während die Stunden mit dem Ticken der Uhr verstrichen waren. Und jetzt kam sie zu spät.

Sie beobachtete, wie die Zahlen vorüberhuschten, als der Lift abwärts fuhr. Mit einem fast unmerklichen Ruck kam er zum Stehen. Sie holte tief Luft, betrachtete sich in den spiegelblanken Edelstahlwänden und packte ihre Gehstöcke. »Vorhang auf«, brummte sie, als die Tür langsam aufglitt.

»Wo warst du denn, Mutter? Seit einer halben Stunde rufen wir im Penthouse an! Ich habe mir schon Sorgen gemacht.«

Cordelia trat aus dem Lift und musterte die hagere Frau mit dem scharf geschnittenen Gesicht vor ihr. Schon vor langer Zeit war ihr klar geworden, dass sie ihre jüngste Tochter nicht besonders gut leiden konnte, und was sie heute Morgen sah, bestärkte sie in dieser Auffassung. Die teure Kleidung, die Mary trug, hätte besser zu einer Frau gepasst, die halb so alt war wie Mary mit ihren neunundvierzig Jahren. Ihr Make-up war dick, ihr Schmuck echt, aber übertrieben, die Fingernägel zu lang und zu rot, die Absätze zu hoch. »Schön zu wissen, dass du dich um mich kümmerst, Mary«, sagte sie trocken.

Marys Fingernägel harkten durch das Sortiment von Goldketten an ihrem Hals, und ihre blauen Augen waren spröde vor Zorn. »Sarkasmus zu dieser frühen Stunde? Du hast offenbar schon die Klauen gewetzt.«

Cordelia schüttelte die kalte, etwas feuchte Hand von ihrer Schulter. »Ich kann allein gehen, vielen Dank.«

Mit einem ungehaltenen Seufzer marschierte ihre Tochter durch den Korridor zum Sitzungsraum. Mit grimmigem Lächeln sah Cordelia, wie die allzu schmalen Hüften unter dem engen schwarzen Rock hin und her wippten, um auf den hohen Absätzen das Gleichgewicht zu halten. Arme Mary, dachte sie. Ich mag sie vielleicht nicht, aber sie tut mir leid. Sie hat drei Ehen hinter sich und allzu viel Zeit und Geld zur Verfügung, und deshalb verwandelt sie sich zusehends in ein Klischee. Der neueste in der langen Reihe ihrer Liebhaber war angeblich um mindestens zwanzig Jahre zu jung für sie; Mary drohte sich wieder einmal komplett lächerlich zu machen.

Das Sitzungszimmer war sparsam möbliert, wirkte jedoch hell dank cremefarbener Wände und Vasen mit frischen Blumen. Porträts der Gründer von Jacaranda Wines hingen nebeneinander an der einen Wand, und riesige Panoramafenster füllten die andere aus. Mitten im Zimmer stand ein Tisch aus Huon-Kiefer; das Holz war mit dem Schiff aus Tasmanien gekommen und leuchtete im Glanz der Politur vieler Jahre. Zwölf Stühle standen um ihn herum, und nur einer war noch frei.

»Endlich, Cordelia. Wir warten schon fast eine Stunde.«

Ihr Blick ging von ihrem Bruder Edward zum Porträt von Jock, und sie hätte schwören können, dass der sie wütend anfunkelte. Sie wandte sich ab, bevor er ihre Entschlossenheit ins Wanken bringen konnte, küsste ihre beiden anderen Töchter, umarmte Sophie und nahm ihren Platz am Tisch ein. »Das Alter hat seine Vorteile, Edward«, sagte sie zu ihrem jüngeren Bruder. »Meine Zeit ist kostbar, und deshalb tue ich damit, was ich will.«

Er räusperte sich und sah sie liebevoll an. »Ganz recht, Cordelia, Zeit ist von entscheidender Bedeutung, und wir müssen weiterkommen.« Er lehnte sich in seinem Ledersessel zurück, legte die Hände mit den Fingerspitzen aneinander und hob sie unters Kinn. Seine Augen waren in achtzig Jahren nicht verblasst; noch immer leuchteten sie erstaunlich blau unter dem dichten weißen Haar, und die hohen Wangenknochen, das feste Kinn und der sinnliche Mund ließen noch immer das Gesicht eines gut aussehenden jungen Mannes erahnen. Cordelia fühlte sich jäh an ihren ältesten Bruder erinnert, der seit langem in der Familiengruft ruhte. Er war so jung gewesen, als er aus Gallipoli zurückgekehrt war, aber die Kraft der Jugend war kein Schutz vor den Verwundungen gewesen, die er dort davongetragen hatte, und nach wenigen Monaten war er verstorben.

Edward räusperte sich noch einmal und holte Cordelia damit in die Gegenwart zurück.

»Als Vorsitzender von Jacaranda Wines habe ich diese außerordentliche Vorstandssitzung einberufen, um einen Konsens über die Zukunft unseres Unternehmens zu erreichen.«

Cordelia hängte ihre Gehstöcke über die Armlehnen ihres Sessels und lehnte sich zurück, um ihre Familie zu betrachten, während Edward gleichförmig weiterredete. Es würde ein Feuerwerk geben; es gab immer eins, aber es würde doch auch interessant sein, zu sehen, wie sie alle zu diesem höchst wichtigen Thema standen. Es schauderte sie plötzlich, als wäre Jock ins Zimmer gekommen, um das Ergebnis seiner lebenslangen Manipulationen in Augenschein zu nehmen, aber sie schob den Gedanken an ihn entschlossen beiseite. Sein Einfluss war vielleicht noch spürbar, aber er hatte nicht mehr die gleiche Macht wie früher. Die Zukunft von Jacaranda lag jetzt wieder in den Händen der Familie.

Sie und ihr Bruder Edward hatten fünf Kinder – obgleich es lächerlich war, diesen Nachwuchs noch als »Kinder« zu bezeichnen. Sie waren inzwischen allesamt in mittlerem Alter. Cordelia seufzte. Auch sie wurden alt, zu alt für die Verantwortung, die Jocks Tod ihnen aufgebürdet hatte, und nicht alle Enkel eigneten sich dazu, das Weingut ins nächste Jahrtausend zu führen. Sie musste zugeben, dass das Familienunternehmen für einige von ihnen inzwischen tatsächlich eher ein Mittel zum Zweck als eine lebendige Dynastie war, die durch die Generationen weitergeführt werden musste, und Cordelia war beinahe froh, dass sie nicht mehr erleben würde, was die Zukunft für sie alle bereithielt.

Cordelia und Edward besaßen gleich große Anteile am Unternehmen, und so hatten sie nach Jocks Tod über die Firmenleitung geeignet. Cordelia hatte verzichtet; sie vertraute auf die Urteilskraft ihres Bruders, und sie wusste, dass er von der Welt der Hochfinanz leichter akzeptiert werden würde als sie. In jüngeren Jahren hätte sie die Verantwortung vielleicht übernommen, aber so begnügte sie sich damit, ihren Einfluss hinter den Kulissen geltend zu machen. Die Emanzipation der Frauen war ihr nur bis zu einem gewissen Maß erträglich; für ihren persönlichen Geschmack ging das alles viel zu weit.

Aber als sie Edward über den langen Tisch hinweg betrachtete, wurde ihr klar, dass sie beide nicht mehr allzu lange da sein würden, und auch wenn Edward das Alltagsgeschäft der Unternehmensleitung inzwischen an seinen Sohn Charles abgetreten hatte, würde die Frage eines Nachfolgers doch in absehbarer Zeit zur Sprache kommen müssen. Die Reben starben langsam ab, dachte sie, und wenn wir nicht bald ein Heilmittel finden, können wir das Ganze auch gleich den Franzosen überlassen.

Sie verspürte, dass die vertraute Ungeduld in ihr aufkam, als ihre Gedanken so umherschweiften. Der Kampf hatte noch gar nicht begonnen, und sie warf schon das Handtuch. Sie beäugte die Familie ihres Bruders, die links neben ihm aufgereiht saß.

Da war Charles, sein ältester Sohn, dick, aufgeblasen und mit einer Neigung, sich dozierend über jedes erdenkliche Thema zu verbreiten, ob er davon etwas verstand oder nicht. Er war ein altkluges Kind gewesen und gefräßig außerdem. Was – seiner Figur nach zu urteilen – wohl noch immer zutrifft, dachte Cordelia bissig. Und doch, hinter dieser aufreizenden Fassade verbarg sich ein scharfer Verstand mit einem enzyklopädischen Wissen, wenn es um das Weingeschäft ging, und Jock hatte dieses Wissen vorbehaltlos ausgenutzt, indem er ihn geradewegs in die Schusslinie geschoben hatte, wenn etwas schief ging.

Neben Charles saß sein Bruder Philip, fünf Jahre jünger als er und von weibischem Auftreten, das sich immer stärker ausprägte, seit es politisch korrekt war, homosexuell zu sein. Die beiden hatten sich schon als Jungen nie besonders nah gestanden. Cordelia verstand zwar nicht, wieso Philip war, wie er war, aber sie wusste, was es ihn gekostet hatte, seine sexuellen Neigungen einzugestehen, und bewunderte ihn für seinen Mut. Sein Vater Edward hätte ihn um ein Haar enterbt. Charles begegnete ihm, zurückhaltend gesagt, mit höhnischer Verachtung, und Jock hatte ihn schamlos erpresst, um ihn an die Firma zu binden.

Ihre eigenen drei Töchter waren ausnahmsweise alle anwesend. Mary saß so dicht am Kopfende des Tisches, wie es ging, ohne im Sessel des Chief Executive zu sitzen. Es war nicht ihre Art, sich ans untere Ende des Tisches verbannen zu lassen, auch wenn sie die Jüngste war.

Dann kam Kate, die liebe, scharfzüngige Kate, die es gewohnt war, die Dinge beim Namen zu nennen, ohne dass es sie interessierte, was die Leute von ihr dachten. Sie sah vielleicht nicht so gut aus wie ihre Schwester Daisy, aber ein wacher Verstand und eine scharfe Intelligenz waren mehr als ein Ausgleich dafür. Zwei ihrer Ehemänner waren gestorben und hatten sie sehr reich zurückgelassen, und der dritte hatte sich mit ihrer besten Freundin aus dem Staub gemacht und einen guten Teil ihres Vermögens mitgenommen. Aber der größte Verlust war ihr Sohn Harry gewesen; ein Unfall beim Football hatte ihn das Leben gekostet, als er noch ein Teenager gewesen war.

Cordelia wusste, dass ihre älteste Tochter schrecklich darunter gelitten hatte. Aber trotz solcher Rückschläge hatte Kate sich zusammengerissen; sie hatte sich erfolgreich als Spendensammlerin betätigt und saß jetzt im Vorstand mehrerer angesehener Hilfsorganisationen. Jock hatte sie bis zu seinem Tod nicht unterwerfen können, und dafür bewunderte Cordelia sie.

Daisy war die Schöne in der Familie – oder zumindest gewesen. Die mittleren Jahre sind ein grausames Alter, dachte Cordelia betrübt. Sie machen uns alle zum Narren, aber für Daisy muss es noch schwerer gewesen sein, das Aussehen und das Selbstbewusstsein zu verlieren, das sie einmal wie ein Geburtsrecht für sich in Anspruch genommen hatte. Kein Wunder, dass sie meistens ziemlich verwirrt wirkte.

Und last, but not least, waren da die Enkel. Mit müdem Gesicht und dunklen Augenringen saß Marys Tochter Sophie am Tisch, Cordelias Liebling und mittlerweile ihr einziges Enkelkind. Und da waren Charles’ Zwillinge, James und Michael, immer noch unzertrennlich, immer noch unverheiratet.

Cordelia seufzte, als sie den Blick in die Runde gehen ließ. Nicht viel vorzuweisen nach sechs Generationen in diesem wunderbaren Land. Aber vielleicht würde es ja genügen.

»Die Zukunft von Jacaranda Wines sitzt hier an diesem Tisch, Edward. Ich weiß nicht, was es da zu diskutieren gibt.« Sie übertönte das Dutzend murmelnder Stimmen.

»Die Zukunft ist nicht immer so wohlgeordnet, Cordy.« Seine tiefe, grollende Stimme erinnerte sie sehr an ihren Vater. »Die Franzosen haben erneut ein spektakuläres Angebot vorgelegt.«

»Jacaranda ist ein australisches Weingut«, fauchte sie. »Die Franzosen sollen sich auf ihre eigenen beschränken. Nicht einmal Jock gefiel der Gedanke, dass sie hier mal was zu sagen haben könnten.«

»Dad gefiel der Gedanke nicht, dass irgendjemand hier etwas zu sagen haben könnte. Lass uns doch wenigstens anhören, was Onkel Edward zu sagen hat.« Marys Stimme klang schrill vor Ungeduld. Ihre blauen Augen blickten kalt.

»Es ist egal, was Edward zu sagen hat, Mary«, antwortete Cordelia fest. »Er wird mich nicht umstimmen.« Sie schaute in die Runde und sah, dass sie einige Unterstützung genoss. Aber sie bemerkte auch Widerspruch. Jock hatte im Laufe der Jahre viel Schaden angerichtet. Es würde schwierig werden, sie umzustimmen und ihnen Begeisterung einzuflößen. »Aber wenn ihr alle den Vormittag verschwenden möchtet – von mir aus.«

Edward räusperte sich. »Lazare hat uns ein Angebot von zweihundertfünfzig Millionen Dollar gemacht.« Er schwieg kurz, während ringsum nach Luft geschnappt wurde. »Dieses Angebot umfasst das Weingut selbst, das Château und die Abfüllanlagen wie auch den Großhandelsvertrieb.«

»Das passt zu den Franzosen«, brummte Cordelia. »Die waren immer schon habgierig.«

»Wenn sie so viel bezahlen wollen – warum denn nicht?«, fragte Mary. »Ich bin dafür, dass wir annehmen.«

»Ich auch«, sekundierte Philip. »Denkt doch bloß, was wir mit all dem schönen Geld anfangen könnten.«

Cordelia musterte Edwards dandyhaften Sohn. Sein glattes blondes Haar war kostspielig gesträhnt und seine Designerkleidung wie immer makellos.

»Du bringst dich mit dem Geld, das du hast, schon oft genug in Schwierigkeiten«, sagte sie trocken. »Jacaranda als stolzen australischen Besitz in den Händen der Familie zu erhalten, das ist sehr viel wichtiger als ein feines Leben, und da du nicht allzu viel mit dem Alltagsgeschäft der Firma zu tun hast, schlage ich vor, dass du still bist und die zuständigen Leute sprechen lässt.«

»Ich habe das, was Jock mir vermacht hat«, entgegnete er sanft. »Das gibt mir das Recht, meine Meinung zu sagen.«

Cordelia wusste, dass er Recht hatte. Dies war nicht der Augenblick für einen Streit, und so wandte sie sich an die Zwillinge. »Was habt ihr zu diesem Angebot zu sagen?«

Die beiden Männer saßen nebeneinander; ihre von der Sonne gegerbten Gesichter waren zerfurcht von jahrelanger Plackerei in den Weinbergen; trotz ihres Reichtums und ihrer Stellung waren sie bodenständige Menschen, die von allem andern nicht viel verstanden. Ihr einziges Zugeständnis an diesen aufgezwungenen Besuch in Melbourne hatte darin bestanden, dass sie sich makellos saubere Moleskins und karierte Hemden angezogen hatten. Ihre zerbeulten, schweißfleckigen Akubra-Hüte lagen auf der Tischplatte; die abgetragenen Stiefel waren unter dem Tisch verborgen.

James, der immer als Sprecher der beiden auftrat, warf einen Seitenblick auf seinen Zwillingsbruder und räusperte sich. »Schätze, uns gefällt’s, wie es ist«, sagte er gedehnt. »Jacaranda Wines ist lange genug gelaufen, ohne dass die Franzosen sich eingemischt haben, und ich und Mike sehen nicht ein, wieso das nicht so bleiben soll. Die Firmenanteile, die Jock uns hinterlassen hat, ändern nichts an unserer Meinung.« Er verstummte und schaute auf seine schwieligen Hände.

»Es ist schrecklich viel Geld, Mum«, sagte Kate und blickte zu ihrer Schwester Mary hinüber. »Ich weiß, dass Mary nicht als Einzige findet, wir sollten verkaufen. Wir haben eigentlich alle genug von Dad und seiner verdammten Firma. Verkaufen und davonspazieren, das scheint mir eine verdammt gute Idee zu sein. Aber ich schlage vor, wir überlegen uns auch mal, was es für uns alle bedeutet, wenn wir es nicht tun.« Sie ließ den Blick um den Tisch herumwandern. »Dies könnte die Chance sein, Jacaranda in die Zukunft zu führen, die wir uns alle wünschen. In eine Zukunft, in der wir uns nicht mehr umschauen und darauf warten müssen, dass Dad wieder zuschlägt. Wir haben zu lange und zu schwer gearbeitet, um jetzt alles auseinander fallen zu lassen. Ich bin dafür, dass wir es bestehen lassen, wie es ist, zumindest bis wir selbst einmal einen Versuch gemacht haben.« Sie wandte sich ihrer Schwester Daisy zu. »Was meinst du?«

Daisy schien in Gedanken woanders gewesen zu sein; sie klapperte hinter der stahlgerahmten Brille mit den Lidern, als erwache sie aus einem Tagtraum. »Ich kann mir nicht erklären, weshalb Dad mir diesen Anteil an der Firma vererbt hat. Früher hat er mir nie erlaubt, mich damit zu beschäftigen, und jetzt ist es eigentlich ein bisschen spät«, sagte sie atemlos.

»Dad hat seine fünfzig Prozent unter uns aufgeteilt, um Ärger zu machen«, erklärte Kate bissig. »Er wusste genau, was er tat, und ich hätte nichts dagegen, zu wetten, dass er uns jetzt zusieht und das Spektakel genießt, wenn wir uns gegenseitig an die Gurgel gehen.«

Daisy schauderte es. »So solltest du nicht über den Verstorbenen reden, Kate.«

»Es ist nichts, was ich ihm nicht auch ins Gesicht gesagt hätte«, gab Kate zurück. »Er war ein Mistkerl, als er noch lebte, und Sterben war noch das Anständigste, was er jemals getan hat.«

»Das ist alles höchst spannend, ihr Lieben, aber könnten wir bitte weitermachen? Ich habe eine ziemlich wichtige Besprechung in meinem Club.« Philip in seinem wunderschön geschnittenen italienischen Anzug und dem Seidenhemd hatte sich träge und völlig entspannt in seinem Sessel zurückgelehnt.

»Gott verhüte, dass du einen Haufen alter Tunten warten lässt, während wir hier etwas wirklich Wichtiges erörtern«, fauchte Mary ihn an.

Philip musterte seine Cousine mit boshaftem Blick. »Du musst es ja wissen, Schätzchen. In deinem Outfit siehst du allmählich aufgedonnerter aus als der gesamte Denver-Clan.«

Mary wollte etwas erwidern, aber Edward fiel ihr ins Wort. »Ich glaube, das reicht«, grollte er, schob seinen Sessel zurück und stand auf. Unter dem Porträt seines Vaters blieb er stehen. »Diese Besprechung wurde einberufen, damit wir über das französische Angebot sowie über unsere Alternativen beraten können, nicht, damit wir uns hier streiten«, erklärte er streng.

»Warum nicht? Das können wir doch am besten«, erwiderte Mary schnippisch.

»Ruhe jetzt. Alle.«

Stille senkte sich wie ein Vorschlaghammer über den Tisch, und alle drehten sich verblüfft zu Sophie um. Es war, als hätten sie vergessen, dass sie hier war. Vergessen, dass sie eine wichtige Mitspielerin war und kein College-Kid mehr.

»Du liebe Güte! Da ist aber jemand heute Morgen mit dem falschen Bein zuerst aufgestanden.« Mary legte den Kopf schräg, und ihre Augen blickten bohrend aus dem schmalen Gesicht. »Uns fehlt wohl der Mann im Haus, wie?«

Cordelia sah das zornige Aufblitzen im Blick des Mädchens und nahm beifällig zur Kenntnis, dass Sophie nichts darauf erwiderte. »Wenn du nichts Konstruktiveres zu sagen hast, Mary, dann schlage ich vor, dass du den Schnabel hältst«, fuhr sie ihre Tochter an und verschränkte die Hände vor sich auf dem Tisch. »Ich weiß wohl, dass ein Verkauf eine vorzügliche Gelegenheit für uns alle wäre, uns an Jock für all die Jahre zu rächen, in denen er uns schikaniert und erpresst hat. Es wäre auch eine Gelegenheit, an mehr Geld zu kommen, als irgendeiner von uns es sich je hätte träumen lassen – aber welchen irdischen Nutzen sollte das für uns haben? Wir sind doch schon reich, unabhängig vom Weingut. Wir besitzen Zigtausend Hektar erstklassiges Land und Immobilien in fast allen großen australischen Städten. Unsere Reederei boomt, und die Frachtunternehmen auf Straße und Schiene sind jetzt in einer Phase des Wachstums und der Expansion. Die neuen Einzelhandelsgeschäfte, die Bottle Shops, blühen auf, seit wir sie von Ozzie’s übernommen haben, und die geplante Ausweitung unserer Supermarktkette ist beinahe abgeschlossen.«

»Wir müssen vorankommen, Gran«, mahnte Sophie.

Cordelias Puls begann zu jagen. Damit hatte sie nun nicht gerechnet. »Aber ich dachte, du verstehst, was Jacaranda Wines für diese Familie bedeutet, Sophie?«

Der dunkelhaarige Kopf nickte. »Ich verstehe, was das Unternehmen bedeutet hat, Gran. Aber nachdem Jock uns verlassen hat, liegen die Dinge anders. Die Zeiten ändern sich.«

»Und wir haben uns mit ihnen geändert«, antwortete ihre Großmutter entschlossen.

Sophies dunkle Augen schauten sie unbeirrt an. »Nicht genug. Der Weltmarkt ist ein raues Pflaster, Gran. Die Franzosen unterbieten uns, und da der größte Teil unserer Weinproduktion auf ausländische Märkte ausgerichtet ist, leidet unser Inlandsgeschäft.«

»Die Franzosen unterbieten uns, weil sie mit der Qualität unserer Weine nicht konkurrieren können.« Cordelia blieb störrisch. »Und unser Champagner ist genauso gut wie ihr hochpreisiger Schaumwein.«

»Die Franzosen sind nicht unsere einzige Konkurrenz, Tante Cordelia«, unterbrach Charles. Er hakte die Daumen in die Westentasche. »Südamerika, Südafrika, Jugoslawien, Rumänien … sogar die Engländer brechen jetzt in den Markt ein.«

Cordelia zog eine Grimasse. »Mit miesem Zeug. Gerade gut genug für billige Bars.«

»Durchaus nicht.« Er winkte ab. »Unter jungen Leuten gibt es einen wachsenden Markt für preiswerte junge Weine, und den haben wir noch nicht in den Griff bekommen, obwohl wir Ozzie’s Bottle Shops übernommen haben.«

»Dann muss man was unternehmen, und zwar schleunigst. Warum ist bei der letzten Vorstandssitzung nicht darüber gesprochen worden?«

»Meine liebe Tante Cordelia«, sagte er mit herablassendem Lächeln, »man kann nicht alles an einem Nachmittag besprechen, zumal wenn so viel auf dem Spiel steht.«

»Wir kommen hier vom Thema ab«, sagte Sophie. »Ich glaube, uns bleibt wohl nichts anderes übrig, als zu verkaufen. Onkel Charles kann es besser erklären als ich, und ich glaube, ihr solltet euch alle sehr aufmerksam anhören, was er zu sagen hat.«

»Ganz recht, meine Liebe.« Er nickte und blähte die Brust wie eine Kropftaube. »Cordelia hat den Eindruck, dass mit Jacaranda Wines alles in Ordnung ist. Ich muss leider sagen, dass dies nicht der Fall ist.«

Überraschtes Gemurmel kam auf, und er wartete, bis es abgeklungen war, bevor er weiterredete. »Die Auswirkungen von Jocks Geschäftspraktiken offenbaren sich erst jetzt in ihrem ganzen Ausmaß. In den letzten paar Jahren sah alles ganz gut aus, aber hinter dem Erfolg versteckt sich haufenweise Ärger.«

Jetzt hatte er ihre ganze Aufmerksamkeit.

»Die Übernahme von Ozzie’s, die Ausbau- und Modernisierungsmaßnahmen in der Weinproduktion und das Geld, das in die Expansion unserer Supermarktkette und den Großhandelsvertrieb gepumpt worden ist, hat die Gewinne der letzten beiden Jahre komplett aufgezehrt. Der Überseehandel des Unternehmens boomt, aber er bringt nicht genug ein, um alle unsere Aufwendungen auszugleichen. Der australische Dollar hat seit den Krisen in Indonesien und Japan auf dem Weltmarkt heftig Prügel bezogen, und unsere Exporte behaupten sich mit knapper Not.«

Er hielt die Hand hoch, um die lauten Proteste gegen diese Zusammenfassung zum Schweigen zu bringen. »Wir haben massiv investiert, aber mit dem Inlandsmarkt ist es bergab gegangen, und unsere Konkurrenz wittert die Probleme. Es gibt noch etliche andere Weinerzeuger, an denen die Franzosen interessiert sind, und wenn diese kleineren Unternehmen sich unter dem Dach von Lazare vereinen, dann werden wir ohne einen weiteren massiven Kapitalzuschuss kaum konkurrieren können.«

»Blödsinn!«, rief Cordelia. »Wenn wir in so großer Finanznot sind, wieso ist mein Monatseinkommen dann nicht gekürzt worden?«

Charles schaute sie unter buschigen Augenbrauen hervor an. »Deine anderen Investitionen haben dich bisher über Wasser gehalten, aber wenn du darauf beharrst, deine wahre Lage zu ignorieren, dann werden deine Einkünfte schon schrumpfen.« Das allgemeine Gemurmel schwoll an, und alle redeten auf einmal. Wieder hob er Schweigen gebietend die Hand, und als es schließlich ruhig geworden war, fuhr er mit seinem Schreckenskatalog fort.

»Jock hat dieses Unternehmen fast siebzig Jahre lang geführt. Ihr braucht mir nicht zu erzählen, was für ein Mistkerl er war. Anfangs haben wir in ihm einen Erlöser gesehen, aber in seinen letzten paar Jahren war er anscheinend entschlossen, uns überhaupt nichts zu vererben. In seinem Testament hat er den Mitgliedern der Familie Anteile an der Firma hinterlassen und einigen ein Stimmrecht gegeben, das sie nie zuvor gehabt haben. Aber dieses Stimmrecht wird wertlos sein, wenn wir noch viel länger trödeln und die Wahrheit ignorieren. Wir alle führen ein Luxusleben, wie Cordelia uns in Erinnerung gerufen hat, und das ist ein Teil des Problems. Das Unternehmen muss uns zehn mitsamt Angehörigen versorgen und zugleich die Mittel für die Modernisierung und Erweiterung der Betriebe erwirtschaften. Angesichts von Ehescheidungen, Entziehungskuren, Privatflugzeugen und des hohen Lebensstandards schwindet das Geld rasch. Wenn wir nicht sehr bald etwas unternehmen, werden wir alle den Bach runtergehen.«

Scharfer, zorniger Protest erhob sich, aber es war sofort wieder still, als er weitersprach. »Wenn wir uns nicht dazu entscheiden, Jacaranda Wines oder wenigstens einen Teil des Unternehmens zu verkaufen, werden wir Kapital für Zukunftsinvestitionen brauchen. Wir haben zwei Alternativen. Die eine besteht darin, das Unternehmen an die Börse zu bringen …«

»Niemals«, unterbrach Cordelia. »Dies ist ein Familienunternehmen. Da werden eben alle den Gürtel enger schnallen müssen. Wir können die Supermärkte oder die Bottle Shops verkaufen, wir können uns sogar überlegen, ob wir nicht ein paar Immobilien abstoßen. Wir waren schon öfter in Schwierigkeiten. Wir werden sie überwinden.«

Charles holte tief Luft und presste die Lippen zusammen, als beherrsche er sich nur mühsam und müsse seine Antwort mäßigen. »Nein, das werden wir nicht, Cordelia. Die Messer sind bereits gewetzt, und wir werden nicht mehr den vollen Marktpreis erzielen können. Der Börsengang würde bedeuten, die Firma in fremde Hände zu geben, aber wenn wir wollen, können wir weiterhin einen Mehrheitsanteil behalten, sodass wir bei der Führung des Unternehmens mitzureden haben.«

Er betupfte sich die Stirn mit einem leuchtend weißen Taschentuch, und Cordelia erkannte plötzlich, wie sehr dieses Gerangel seine Gesundheit strapazierte. »Und welches ist die Alternative, Charles?«, fragte sie leise.

»Wir verkaufen den ganzen Laden. Weg damit, ein für alle Mal! Lazzare kann die Teile bekommen, die sie haben wollen, und wenn jemand hier den Wunsch hat, weiterhin an der Unternehmensführung beteiligt zu sein, werde ich dafür sorgen, dass er einen Sitz im neuen Vorstand erhält. Die anderen Firmen können wir Stück für Stück verkaufen, wenn der Wirbel sich gelegt hat.«

Sophie nahm den Faden auf. »Es gibt noch eine dritte Möglichkeit: Wir tun gar nichts«, stellte sie fest. »Aber damit spielen wir Jock in die Hände, und in fünf bis zehn Jahren sind wir pleite.«

Alle beugten sich mit banger Miene vor, während sie weiterredete. »Beide Möglichkeiten, die Charles uns vorschlägt, werden Jacaranda Wines ins neue Jahrtausend führen. Wir werden allerdings den ursprünglichen Charakter eines Familienunternehmens einbüßen, und ich gebe zu, dass es schwer sein wird, das Ende einer Ära zu erleben. Aber andere Weingüter sind den gleichen Weg gegangen und haben sich gut entwickelt. Wenn wir an Lazzare verkaufen, werden einige von uns im Vorstand einer renommierten Firma sitzen, die sich in den letzten zehn Jahren als starke Kraft am Markt erwiesen hat. Aus dieser Position heraus lässt sich das Ansehen von Jacaranda Wines ins nächste Jahrtausend retten. Diejenigen, die mit der Firma nichts mehr zu tun haben wollen, werden dadurch ein beträchtliches Vermögen erzielen, das ihnen die Freiheit gibt, ein Leben außerhalb des Schattens von Jacaranda Wines zu führen.«

Cordelia starrte ihre geliebte Enkelin an. »Ein Schatten über deinem Leben? So empfindest du dein Erbe?« Ihre Stimme klang leise und spröde vor Erregung.

Sophie sah sich am Tisch um, ehe sie sich ihrer Großmutter zuwandte. »Manchmal ja.« Sie nickte. »Ich habe nie was anderes gekannt: Trauben und Rebstöcke, Gärung und Abfüllung, Lagerung, Auswahl, Verkostung … Das alles hatte ich gelernt, bevor ich lesen und schreiben konnte. Mein Leben war verplant, ehe ich Zeit hatte, mir zu überlegen, was es für mich bedeuten könnte, und obwohl ich wirklich gern tue, was ich tue, habe ich manchmal das Gefühl, dass ich Großvaters Einfluss nicht entkommen kann.«

Cordelia betrachtete sie forschend. Jetzt, da Sophie ihre wahren Gefühle offenbart hatte, wirkte sie aufgeregt, und während Sophie fortfuhr und hastig schilderte, wie sehr sie sich darauf freute, für eine andere Firma zu arbeiten, und was dies für ihre Karriere bedeutete, begriff Cordelia, dass sie in Gefahr war, ihre Enkelin zu verlieren. Die Träume, die ihr so lieb waren, verwehten mit jedem Wort weiter. Jacaranda Wines war zum Untergang verurteilt, wenn sie Sophie nicht dazu bringen könnte, die Dinge in einem anderen Licht zu sehen.

»Ich schlage vor, wir stimmen jetzt informell ab und treffen uns dann in einem Monat wieder.« Edward schaute in die Runde. »Wer ist dafür, Jacaranda an St. Lazzare zu verkaufen?«

Cordelia sah, wie Mary, Charles, Philip, Sophie und Edward die Hände hoben. Keine Überraschungen, aber die Chancen standen zusehends schlechter. Sie und ihr Bruder Edward hatten die Mehrheitsanteile; Mary hatte die eigenen und das, was Jock ihr hinterlassen hatte. Sophie hielt durch Jocks Vermächtnis sechs Prozent. Philip war ein Faktor, mit dem zu rechnen war, wenn es zur Schlacht kommen sollte und die proportionalen Anteile mit den Stimmen addiert würden.

»Wer ist dagegen?«

Cordelia hob die Hand, rasch gefolgt von Kate und den Zwillingen. Sie funkelte Daisy an, und nach einem kurzen Seitenblick zu Mary hob auch sie schüchtern die Hand.

»Unentschieden«, sagte Cordelia triumphierend. »Es wird sich nichts ändern. Jacaranda bleibt im Familienbesitz und ein stolzes australisches Unternehmen.«

»So einfach ist das nicht, Cordy«, sagte Edward bedauernd. »Nach den Statuten, die Jock vor Jahren aufgesetzt hat, muss im Fall einer Pattsituation innerhalb der nächsten achtundzwanzig Tage ein neues Meeting anberaumt werden. Und wenn bis dahin keine Entscheidung zustande gekommen ist, hängt alles vom Chief Executive ab. Wenn das Ergebnis immer noch unentschieden ist, habe ich die ausschlaggebende Stimme.«

»Nur über meine Leiche«, sagte Cordelia entschlossen.

»Höchstwahrscheinlich«, murmelte Mary.

»Das habe ich genau gehört«, blaffte Cordelia. »Ich bin vielleicht alt, aber taub bin ich noch nicht, verdammt. So schnell kriegt ihr mich nicht unter die Erde.« Sie schob ihren Sessel zurück und griff nach ihren Gehstöcken. »Sophie, würdest du mit mir hinauf in die Wohnung kommen? Die Atmosphäre hier ist unerträglich.«

Sophie nickte. »Aber wenn du glaubst, du kannst mich umstimmen, irrst du dich. Ich bin fest entschlossen, das Angebot der Franzosen anzunehmen.«

Cordelia lächelte bei sich, als sie Kurs auf den Aufzug nahm. Das werden wir schon sehen, dachte sie.

Das Meeting hatte für Sophie kaum Überraschungen gebracht. Die Loyalität der Familienmitglieder war leicht vorhersehbar, und selbst etwas so Ernstes wie Jocks beabsichtigte Zerschlagung des Unternehmens hatte sie nicht aus ihrer gewohnten Haltung reißen können. Wer sich ein Leben lang einem Tyrannen unterworfen hatte, änderte sich nicht so leicht, und Sophie hatte Edward und Charles vorausgesagt, wie die Abstimmung vermutlich verlaufen würde. Überraschend war nur, dass Philip mit seinem Bruder gestimmt hatte, aber sie traute ihm durchaus zu, dass er es sich in der nächsten Sitzung aus reiner Bosheit anders überlegte.

»Was denkst du?«

Lächelnd schaute Sophie auf die alte Dame hinunter, die sie mehr oder weniger großgezogen hatte. »Ich habe über vieles nachzudenken, und bei einer Familie wie der unseren genügt das, um einem Kopfschmerzen zu bereiten. Tut mir leid, wenn ihr Gezänk dich angestrengt hat.«

Cordelia zuckte die Achseln. »In meinem Alter ist das Leben an sich schon anstrengend, aber ich muss sagen, ein guter Krach macht mir immer noch Spaß. Der Groll kommt ans Licht, und jeder zeigt sein wahres Gesicht. Ich kann nicht behaupten, dass ich auf meine Familie insgesamt stolz bin, aber ein paar von euch haben doch einige versöhnlich stimmende Qualitäten, und ich vermute, dafür sollten Edward und ich dankbar sein.«

Sophie schwieg, während sie mit dem Aufzug in die Penthouse-Suite hinauffuhren. Soweit sie es übersehen konnte, bestand die einzige versöhnlich stimmende Qualität ihrer Mutter Mary darin, dass sie ein paar hundert Meilen weit weg in Sydney wohnte. Dad hatte Reißaus genommen, bevor sie, Sophie, zur Welt gekommen war, und abgesehen von einer körnigen Fotografie kannte Sophie nichts von ihm. Mary hatte sich nie über ihn geäußert, und Gran wusste noch weniger. Was die eigene Generation anging, so lebten die Zwillinge in einer Welt für sich, und es war schwierig, sie kennen zu lernen. Die Tanten waren nett, vor allem Kate mit ihrer scharfen Zunge und dem weichen Herzen, aber Onkel Charles war aufgeblasen und Philip nur in kleinen Dosen zu genießen. Seine aufdringlich zur Schau getragene Homosexualität ging Sophie auf die Nerven, und sie fragte sich, ob das seine Art war, sich zu schützen.

Jane erwartete sie mit einem Glas Gin Tonic in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand. Sie und Sophie küssten die Luft vor ihren Wangen. Sophie hatte nie verstanden, weshalb Gran sich dazu entschlossen hatte, ihre Wohnung mit Jane zu teilen. Die beiden Frauen schienen wenig miteinander gemeinsam zu haben; Jane war Sophie zwar ganz sympathisch, aber sie hatte doch auch etwas Verschlossenes an sich, das sie mit Misstrauen erfüllte. Aber es war Grans Sache, was sie tat, und Jane war immer freundlich gewesen, wenn Sophie die Schulferien bei den beiden verbracht hatte.

»Alles gut gelaufen?«

»Nicht eben das, was man als rauschenden Erfolg bezeichnen würde.« Seufzend legte Cordelia ihre Gehstöcke beiseite und ließ sich dankbar auf die Couch sinken. »Gib mir einen Brandy, Sophie, sei ein braves Kind.«

Jane zog die fein gezupften Brauen hoch. »So schlimm?«

Sophie goss Brandy aus der geschliffenen Glaskaraffe in ein Glas und reichte es Cordelia. »Die üblichen Schüsse aus dem Hinterhalt. Nichts Außergewöhnliches«, erklärte sie mit Nachdruck.

Jane schaute die beiden an, drückte ihre Zigarette aus und trank ihr Glas leer. »Dann bin ich froh, dass ich damit nichts zu tun habe.« Sie warf einen Blick auf die schmale Patek Philippe an ihrem Handgelenk. »Wird Zeit, dass ich gehe. Bin zum Lunch im Arts Council verabredet; wir müssen die bevorstehende Ausstellung in der National Gallery besprechen.«

»Was gibt es dieses Jahr?« Sophie war immer gern in Melbournes Staatsgalerie gewesen; stundenlang war sie durch die hohen Räume mit den silbernen und bronzenen Kunstwerken und Gemälden gewandert. Es wäre wunderbar, sich ein bisschen Zeit zu nehmen und dort einmal wieder einen Besuch zu machen.

»Die australischen Buschmaler. McCubbin, Roberts, Streeton.«

Sophie erinnerte sich sofort an McCubbins wunderbares Tryptichon The Pioneer. Als Kind hatte sie dieses Bild das erste Mal zu Gesicht bekommen, und es hatte jedes Mal tief in ihrem Innern etwas angerührt, wenn sie es wiedergesehen hatte. »Sag mir Bescheid, wenn die Ausstellung läuft. Ich würde sie mir gern ansehen.«

Jane lächelte freundlich und nickte. »Ich werde dafür sorgen, dass du eine Einladung zur Preview bekommst. Wird sein wie in alten Zeiten. Du und ich in der Galerie.«

Als sie gegangen war, trat Stille ein. Sophie beäugte verstohlen ihren dicken Aktenkoffer. Sie hatte noch viel zu tun, bevor der Vertrag mit den Franzosen vollständig aufgesetzt und zur Vorlage bereit war, und sie fragte sich, wie lange sie noch warten musste, um sich höflich verabschieden zu können.

»Kann ich überhaupt nichts tun, um dich umzustimmen, Sophie?« Cordelias zittrige Stimme brach das Schweigen.

Sophie schüttelte den Kopf. »Es ist der einzige Weg, der uns vorwärts bringt, Gran. Es tut mir leid.«

Die alte Dame schwieg lange. Mit geschürzten Lippen starrte sie auf einen fernen Punkt draußen vor dem Fenster. »Ich kann nicht so tun, als hätte es mich nicht gekränkt, zu hören, dass du das Weingut als einen Schatten auf deinem Leben betrachtest, Sophie«, sagte sie schließlich. »Aber wenn ich es mir recht überlege, kann ich wohl verstehen, dass du es so empfindest. Es ist schließlich alles, was wir sind, und man hat uns dazu erzogen, es als unser Geburtsrecht zu betrachten, als unsere Zukunft und eines Tages auch als unser Vermächtnis an die, die uns nachfolgen. Auf alle diejenigen, die nicht voll und ganz mit dem Herzen dabei sind, muss es einschüchternd wirken, ein so anspruchsvolles Erbe anzunehmen.«

Sophie wollte antworten, aber Cordelia fuhr nachdenklich fort. »Die Reben sind harte Zuchtmeister – viel härter, als Jock es jemals war. Sie sind schuld an Tod und Ehescheidungen, an gebrochenen Herzen und halben Pleiten, aber sie haben auch einen unüberschaubaren Reichtum gebracht – der an sich selbst zur Bürde werden kann, wenn man ihn nicht vollständig versteht und zügelt.«

»Es ist eine Verantwortung, Gran, aber sie hat mich niemals eingeschüchtert. Trotzdem muss ich irgendwann flügge werden. Muss neue Herausforderungen finden. Die Welt da draußen ist groß, und ich will aus Großvaters Schatten heraustreten. Will auf eigenen Füßen stehen, ohne dass Jacaranda alle Türen für mich öffnet.«

Cordelia betrachtete sie lange. »Ich möchte, dass du etwas für mich tust«, sagte sie schließlich leise und hob die Hand, um allen Protest abzuwehren. »Es hat nichts mit dem Meeting heute Morgen zu tun. Ich wünsche es mir schon lange.«

Sophie fragte sich, was sie jetzt wieder im Schilde führte. Sie traute es Gran durchaus zu, dass sie noch einen Plan in petto hatte, und wenn sie jetzt nicht aufpasste, würde sie darin verstrickt, und es gäbe kein Entrinnen. »Was willst du denn, Gran?«, fragte sie wachsam.

»Ich möchte den Ort besuchen, an dem die ersten Rebstöcke gepflanzt wurden«, sagte Cordelia entschlossen.

»Du willst nach Barossa? Aber ich dachte, du hättest geschworen, nie wieder zum Château zurückzukehren, nachdem du dich von Granddad getrennt hattest?«

Cordelia schüttelte den Kopf. Ein Funkeln lag in ihrem Blick, und ein geheimnisvolles Lächeln umspielte ihre Lippen. »Jacaranda im Barossa-Tal, das ist die Gegenwart, Sophie. Begonnen hat es lange vorher, an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit.«

Sophie war verblüfft. Wie alle andern kannte sie die spärliche Geschichte der Familie. Kannte die Geschichte der frühen Jahre, als Grans Eltern und Großeltern sich abgerackert hatten, bis das Weingut Gewinn brachte. »Und warum habe ich von diesem anderen Weingut noch nichts gehört?«

»Die Leute haben ein kurzes Gedächtnis, mein Liebes, und alte Familiengeschichten geraten leicht in Vergessenheit, wenn die Beteiligten nicht mehr bei uns sind.«

»Was ist denn mit der Geschichte von deiner Urgroßmutter, die mit ihren Kindern nach Barossa kam und mithalf, Jacaranda Wines gründen? Das ist doch eine Legende, die von den Touristen verschlungen wird, wenn sie das Gut besuchen. Es gibt sogar ein Buch darüber.«

»Das stimmt auch alles so weit«, sagte Cordelia müde. »Aber die eigentliche Geschichte von Jacaranda begann schon lange vor dem Barossa Valley. Ja, man könnte sagen, sie begann schon im Jahre 1838 in einem kleinen Bauerndorf in England.«

»Du willst nach England?« Sophie war fassungslos. Sie ließ sich in einen Sessel fallen und starrte ihre Großmutter staunend an.

Cordelia schüttelte den Kopf. »Das wäre schön, aber ich glaube, damit würde ich das Schicksal doch allzu sehr herausfordern, meinst du nicht auch?«

»Das kann man wohl sagen«, murmelte Sophie, als sie an den endlosen Flug dachte. »Wo genau liegt denn dann dieses mysteriöse Weingut?«

»Das wirst du schon sehen«, antwortete ihre Großmutter mit unerschütterlichem Trotz. »Aber erst morgen. Ich erwarte dich hier um neun mit deinem Gepäck. Nimm nur das mit, was du für eine Reise durch das Outback brauchst, und lass deine Arbeit und deinen Aktenkoffer hier.«

DREI

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Sophie schaltete herunter, damit das Wohnmobil die steile Steigung des kiefernbedeckten Hügels überwinden konnte.

Es war das Ende des zweiten Tages, den sie in Hitze und Staub des australischen Hinterlands verbracht hatten, und obwohl Melbourne längst weit hinter ihnen lag, konnte sie immer noch nicht fassen, dass sie sich von ihrer Großmutter zu dieser Reise hatte überreden lassen. Sie war ein Großstadtkind, viel besser vertraut mit Sitzungszimmern und Gerichtsgebäuden als mit Kost und Koje in einem Camper – und jetzt fuhr sie hier mit ihren dreißig Jahren mitten durch das Nirgendwo, allein verantwortlich für eine Frau, deren einundneunzigster Geburtstag mit Riesenschritten näher kam. Neben ihrer katastrophalen Ehe mit Crispin musste dies eine der größten Dummheiten sein, die sie je begangen hatte.

Als der Camper auf dem Gipfel angekommen war, nahm Sophie eine Hand vom Lenkrad und schob sich das lange Haar hinter die Ohren. Sie hatte ganz vergessen, wie heiß es hier draußen werden konnte. Hatte vergessen, wie die Sonne das Gras bleichte und die fahlen Blätter der Geistergummibäume mit ihrer weißen Rinde welken ließ. Ohne die Klimaanlage würden sie hier bei lebendigem Leibe braten.

Aber beim Anblick des Panoramas dort draußen spürte sie tief in sich ein leises Ziehen, das große Ähnlichkeit mit dem Gefühl hatte, sich heftig und unwiderruflich zu verlieben. Denn dies war ihr Land, ihr Erbe, und sie konnte sich der Ehrfurcht gebietenden Pracht seiner urzeitlichen Schönheit nicht entziehen.

Der Horizont schimmerte unter einem Himmel von unglaublichem Blau, und die Hitze schichtete wässrige Luftspiegelungen über die Hunderte von Meilen, die sie noch zurückzulegen hatten. Berge schwangen sich aus der versengten Erde empor, dunstig vom Blau des Eukalyptus, der die Luft mit seinem Aroma erfüllte. Goldene Felder erstreckten sich weiter, als das menschliche Auge reichte, zerschnitten von breiten Schneisen aus paprikaroter Erde mit einsamen, verbrannten Gummibäumen, die dastanden wie Wachtposten zur Erinnerung an die Macht der Elemente.

Sophie wischte den Schweiß weg, der sich unter ihren Augen und auf der Oberlippe gesammelt hatte, als sie etwas sah, das ihren Puls rasen ließ. Sie nahm den Fuß vom Gas. Sanft ließ sie den Camper ausrollen und schaute staunend hinaus. Sie wusste, dies war eine Szene, die sich in dieser wilden, ungezähmten Landschaft seit Jahrhunderten wiederholte, und sie wusste, dass sie etwas sah, das schon die Urmenschen gesehen haben mussten. Und obwohl sie in einem modernen Wohnmobil saß, war es, als sei sie in eine längst vergangene Zeit entrückt worden, in der es noch Magie gab.

Ein Adlerpaar schwebte im leeren Himmel über ihr. Ihre kraftvollen Flügel bewegten sich kaum in der stillen Luft, während sie mit bohrenden Augen die Landschaft unter ihnen absuchten. Sie waren so klar sichtbar, so nah, dass man fast das Rascheln ihrer Gefieder hören konnte. In langsamer, graziöser Einmütigkeit schwenkten die großen Vögel ab, und als Sophie sie aus den Augen verlor, empfand sie einen Stich wie von unbeschreiblicher Trauer. Denn trotz ihrer anfänglichen Zweifel erlebte sie hier etwas, auf das sie in der Stadt niemals hätte hoffen können. Wie so viele andere Australier, die sich von ihren Wurzeln abgeschnitten hatten, indem sie im Ausland lebten, kannte auch sie diese Seite ihres Heimatlandes nur aus dem Fernseher und aus Illustrierten.

Sie seufzte halb genussvoll, halb bedauernd, als sie die Fahrt fortsetzte. Vielleicht liegt noch mehr Zauber vor uns, dachte sie, aber sie wünschte doch, die Adler wären noch etwas länger geblieben.

Sophie hatte in der Küche des Campingplatzes das Geschirr vom Abendessen abgewaschen. Sie war angenehm überrascht gewesen über die umfangreiche Ausstattung dieser ländlichen Anlage. Überall gab es Gasgrillgeräte, Bänke und Tische. Die Küche verfügte über Mikrowellenherde, Pfannen, Töpfe und alle erdenklichen Utensilien, aber auch über einen Kühl- und Gefrierschrank, einen Toaster und über Spülbecken aus Edelstahl, wo eine einzige Drehung des Hahns heißes Wasser in Strömen hervorbrachte. Das alles war ein bisschen anders als englische Campingplätze mit ihren klammen Duschkabinen aus Hohlblocksteinen und den Kaltwasser-Standleitungen.

Vielleicht ist dieser Campingausflug gar nicht so schlecht, überlegte sie sich. Aber wenn ihr vor einer Woche jemand erzählt hätte, dass sie jetzt mit ihrer Großmutter auf einer Reise mitten durch das Outback sein würde, dann hätte sie ihn wohl ausgelacht. Sie liebte Geschäfte und Neonlicht und das Pflaster der Großstadt, wo es keine wilden Tiere gab außer den Vögeln im Park und den Betrunkenen am Samstagabend.

Sie sammelte ihr Geschirr ein und ging zurück zu ihrem Wohnmobil, ein Monstrum, das schimmernd im gelben Schein der matten Platzbeleuchtung stand. Hinter einem der geschlossenen Vorhänge sah sie die Silhouette ihrer Großmutter, die unter der Lampe saß und las. Der Wagen war mit allem ausgerüstet, was sie irgendwie brauchen würden, und auch die Betten waren überraschend bequem.

Sie stieg durch die hintere Tür ein. »Ich dachte, du schläfst schon. Es ist nach zehn, und der Platz ist ausgestorben wie der Dodo. Erstaunlich, wie früh es hier ruhig wird. In England würden sie trinken und plaudern, und die Kids würden bis weit nach Mitternacht herumlaufen und Krach machen.«

»Australier wissen, was gut für sie ist.« Strahlend ließ Cordelia ihr Buch sinken. »Aber du siehst erschöpft aus. Wird dir das Fahren nach dem langen Flug zu viel? Wir haben seit gestern Morgen eine ganze Menge Meilen zurückgelegt.«

Sophie schüttelte den Kopf und machte sich bereit, ins Bett zu gehen. »Das Fahren macht mir nichts, Gran. Ich hab die letzten Nächte nur nicht besonders gut geschlafen.«

»Crispin, nehme ich an?« Cordelias Stimme war sanft und voller Mitgefühl.

Sophie zog sich ein langes T-Shirt über den Kopf und fing an, sich das Haar zu bürsten. »Cris und ich sind gute Freunde, Gran. Keiner von uns grollt dem andern.«

»Ich habe nie gefunden, dass er der Richtige für dich ist, Darling«, sagte ihre Großmutter aus ihrem behaglichen Nest aus Kissen. »Viel zu englisch.«

Sophie lächelte. »Ja, das war er. Aber gerade das fand ich so anziehend. Diese geschmeidige Stimme, die guten Manieren, die Art, wie er mir die Tür aufhielt und mich wie eine Lady behandelte.«

»Gut, dass er selbst Geld hat.« Cordelia rümpfte die Nase. »Wenigstens brauchtest du es ihm nicht mit vollen Händen hinterherzuwerfen, wie deine Mutter es bei jeder Scheidung tun musste.«

»Wir hatten Gütertrennung. Seine Mutter und ich hatten darauf bestanden – ungefähr der einzige Punkt, in dem wir uns je einig waren.« Sophie legte die Haarbürste weg und kroch in die schmale Koje. »Die Engländer sind eine komische Bande, Gran«, sagte sie nachdenklich. »Sie haben Regeln für alles, und wenn du nicht in die so genannte Oberklasse geboren bist, ertappen sie dich bei den geringsten Kleinigkeiten, zum Beispiel weil du das falsche Parfüm oder den falschen Schmuck trägst oder weil du die Toilette ›Toilette‹ nennst und nicht ›Bad‹. Es ist, als lebte man ohne Drehbuch in Alice’ Wunderland.«

Cordelia nahm die Brille ab und kuschelte sich unter ihr Federbett. »Aber du warst doch glücklich da drüben, oder? Deine Briefe machten jedenfalls diesen Eindruck.«

Sophie lachte. »Mein Akzent hat mir natürlich nicht gerade geholfen, aber doch – ich glaube, man kann sagen, ich war glücklich.«

»Du hast keinen Akzent«, widersprach Cordelia entschieden. »Er ist ertrunken im englischen Genäsel. Ich sehe schon, ich habe eine Menge zu tun, bevor du dich wieder eine Australierin nennen kannst.«

»Fang das gar nicht erst an«, sagte Sophie scherzhaft. »Cris’ Mutter meinte, zuallererst müssten sie mir mal mein ›grausiges‹ koloniales Geknautsche abgewöhnen und mir beibringen, wie man ein ordentliches ›Queen’s English‹ spricht.«

»Im Ernst? Gut, dass ich ihr nie begegnet bin, sonst hätte ich ihr schon meine Meinung gesagt. ›Kolonial‹ – wahrhaftig!«

Beide sanken in die Kissen zurück und lachten, aber Sophie erinnerte sich noch gut an den demütigenden Ausspracheunterricht, den sie ihrer künftigen Schwiegermutter zuliebe hatte nehmen müssen, und an die entsetzlichen Stunden, die sie jeden Samstag und jeden Sonntag mit ihr hatte verbringen müssen, um die Etikette von Frühstückstee, Lunch und Cocktailparty zu lernen. Ein Albtraum war das gewesen, aber weil sie geglaubt hatte, Cris zu lieben, hatte sie ihn grimmig durchgestanden. Schau nicht zurück, ermahnte sie sich. Cris und Jay sind Vergangenheit. Jetzt ist es Zeit voranzugehen.

Sie beschloss, das Thema zu ändern. »Wohin genau fahren wir eigentlich, Gran? Du gibst mir immer nur die Route für den nächsten Tag.«

»Alles zu seiner Zeit, Darling«, brummte Cordelia schläfrig. »Du musst lernen, jeden Tag zu leben, wie er kommt; dann wirst du dich auch mehr über die Überraschungen freuen, die er dir bringt.«

Schön und gut, dachte Sophie unwillig, aber mein Leben war vom ersten Tag an vorgezeichnet, und es ist schwierig, eine lebenslange Gewohnheit zu ändern. »Meinst du nicht, wir sollten jemandem sagen, wo wir sind, Gran? Sie werden sich doch inzwischen schreckliche Sorgen machen.«

»Ich habe Jane eine Nachricht hinterlassen; ihr vertraue ich voll und ganz. Aber wie ich Edward kenne, hat er die Katze schon aus dem Sack gelassen. Er hat noch nie lange den Mund halten können.«

»Edward und Jane wissen also, wo wir hinfahren?«

»Selbstverständlich«, war die gemurmelte Antwort.

Sophie nagte an der Unterlippe. Ohne Cordelias Aufsicht war Mary unberechenbar, und als Sophie jetzt im Dunkeln lag und auf die gleichmäßigen Atemzüge ihrer Großmutter lauschte, fragte sie sich, wie lange es dauern würde, bis ihre Mutter von dieser Reise Wind bekäme und anfinge, Ärger zu machen.

Die erste Unruhe regte sich schon im Laufe dieses Tages in einem Restaurant am Südufer des River Yarra, und sie sollte weitreichende Auswirkungen auf mehr als ein Mitglied der Familie haben.

Mary klappte die Speisekarte zu. Sie würde einen grünen Salat und ein Glas Mineralwasser bestellen. Es war harte Arbeit, ihre Figur zu halten, weil sie von Natur aus gefräßig war, aber im Laufe der Jahre hatte sie sich so sehr an ihre Diät gewöhnt, dass sie kaum noch bemerkte, was sie aß. Fressanfälle waren selten geworden, und die Bulimie war praktisch Vergangenheit.

Die drei Frauen saßen unter der Markise, die sie vor der gleißenden Nachmittagssonne beschirmte und sie in kühlem grünem Licht badete, das durch das üppige Blattwerk der Topfpalmen rings um den äußeren Restaurantbereich hereinsickerte. Die schmiedeeisernen Tische und Stühle waren so aufgestellt, dass die Speisegäste über den Yarra hinausschauen und den vorüberziehenden Booten und Fußgängern zusehen konnten. Es war ein beliebter Treffpunkt für die Trendsetter von Melbourne, und Mary beglückwünschte sich zu ihrer Wahl, nachdem sie mehrere bekannte Gesichter entdeckt hatte.

»Also, was willst du?« Kates blaue Augen beobachteten ihre Schwester durch den unvermeidlichen Zigarettenrauch.

»Ich dachte, wir könnten zusammen zu Mittag essen«, sagte Mary. »Wir treffen uns nicht gerade oft; warum sollten wir die Gelegenheit nicht nutzen?«

Kate lachte verächtlich, und zwar so laut, dass mehrere Köpfe sich nach ihnen umdrehten. »Komm mir nicht mit diesem Quatsch, Mary. So was tust du nicht ohne Hintergedanken.«

»Ein bisschen leiser, Kate«, zischelte Daisy. »Die Leute gucken schon.«

»Die sollen sich um ihren eigenen Kram kümmern«, blaffte Kate und funkelte ihr Publikum an.

Es wurde still am Tisch, als der Kellner die Getränke brachte und die Bestellungen aufnahm. »Cheers! Auf Mum. Ich finde, sie hat sich gestern wacker geschlagen.« Kate hob ihr Weinglas.

Marys Glas blieb unverrückt auf dem Tisch stehen. »Mir war die ganze Szene peinlich«, sagte sie. »Mutter ist viel zu alt, um zu wissen, was für das Unternehmen am besten ist. Sie sollte sich wirklich zurückziehen und Charles und Edward die Entscheidungen überlassen.«

»Warum? Weil das Männer sind?« Kate starrte ihre jüngste Schwester an. »Mum versteht mehr von dem Weingut als wir alle zusammen. Es ist ihr gutes Recht, eine eigene Meinung zu haben.«

Mary klopfte mit langen Fingernägeln an ihr Wasserglas. »Natürlich. Aber fandest du nicht auch, dass sie mit ihrem Benehmen gestern ein bisschen danebenlag?«

»Inwiefern?«, fragte Kate trocken.

»Niemand, der bei Sinnen ist, könnte reden wie sie, wo doch alles gegen sie steht. Es ist unübersehbar, dass die Firma in Schwierigkeiten ist, aber sie ist anscheinend entschlossen, es zu ignorieren und in ein Wespennest zu stechen.«

»So etwas darfst du nicht sagen«, protestierte Daisy.

»Mum hat noch alle ihre Tassen im Schrank«, schnarrte Kate. »Sie hat wahrscheinlich mehr Verstand, als du jemals hattest.« Sie beugte sich über den Tisch. »Hilf mir doch rasch auf die Sprünge, Schwesterherz: Wer musste denn wegen Essstörungen zum Psychiater? Wer ist denn zusammengebrochen, als der Ehemann weglief, und wer hat sich vor aller Welt lächerlich gemacht, indem sie sich einen Lover nahm, der ihr Sohn hätte sein können? Ausgerechnet du solltest es dir wirklich zweimal überlegen, bevor du Mums Geisteszustand in Frage stellst.«

Mary nahm ein Schlückchen Mineralwasser. Es würde schwieriger werden, als sie gedacht hatte. Sie musste behutsam vorgehen; abgesehen von Kates ätzendem Zynismus war deren Entscheidung, sich bei der Abstimmung ihrer Mutter anzuschließen, ein Schock gewesen, und wenn sie, Mary, ihre Schwestern auf ihre Seite ziehen wollte, waren raffinierte Manipulationen notwendig, um ihnen die Dinge in einem anderen Licht darzustellen. Sie wechselte den Kurs.

»Onkel Edward hat gestern nach dem Treffen etwas Interessantes gesagt.«

Kate zog eine Braue hoch.

Mary lächelte gezwungen. »Ich weiß, er ist in gewisser Hinsicht ein altes Waschweib, aber ich finde ihn doch höchst informativ.«

Seufzend stellte Kate ihr Glas hin, bevor sie ihre Zigarette ausdrückte. »Du bist offensichtlich versessen darauf, uns deine Klatschgeschichte zu erzählen. Also los! Einige von uns haben heute Nachmittag noch etwas vor, und ich weiß sowieso nicht, weshalb ich mich habe herschleppen lassen.«

»Ich auch nicht«, sagte Daisy und nestelte an ihrer Brille. »Ich hasse Szenen, und wenn ihr beide nichts weiter zu tun habt, als euch anzufauchen, kann ich genauso gut gehen.«

Der Kellner brachte das Essen, und Mary beobachtete ihre Schwestern; sie verspürte die vertraute Ungeduld und hatte Mühe, sich zu bezähmen. »Edward und ich haben nach dem Meeting über Mutter gesprochen, und er hat durchblicken lassen, dass sie eine Reise plant.« Sie lehnte sich zurück und wartete auf die Reaktionen der andern beiden.

»Was ist denn daran so ungewöhnlich? Mum hat früher viele Reisen gemacht.« Kate stocherte mit der Gabel in ihrer Pasta herum, bevor sie eine herzhafte Portion Parmesan darüber streute. Sie gehörte zu jenen aufreizenden Frauen, die essen konnten, was sie wollten, ohne je ein Pfund zuzunehmen.

»Früher, Kate. Aber seit Daddys Tod hat sie das Penthouse eigentlich nicht mehr verlassen.« Daisy faltete ihre Serviette auseinander und machte sich daran, sie zu einer Kugel zu knautschen. »Ich nehme an, sie fährt ins Strandhaus am Lake Entrance. Da ist es kühler als in der Stadt.«

»Nicht zum Lake Entrance, Daisy«, sagte Mary düster. »Sie plant etwas, das sehr viel abenteuerlicher ist.«

»Herrgott!« Kate legte ihre Gabel aus der Hand. »Entweder erzählst du uns jetzt deinen Tratsch, oder du hältst den Mund.

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