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Der Duft der weiten Welt

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Prolog
  8. Eins
  9. Zwei
  10. Drei
  11. Vier
  12. Fünf
  13. Sechs
  14. Sieben
  15. Acht
  16. Neun
  17. Zehn
  18. Elf
  19. Zwölf
  20. Dreizehn
  21. Vierzehn
  22. Fünfzehn
  23. Sechzehn
  24. Siebzehn
  25. Achtzehn
  26. Neunzehn
  27. Zwanzig

Über dieses Buch

Hamburg, 1912: Mina Deharde liegt der Kaffeehandel im Blut. Kein Wunder, verbringt sie doch jede freie Minute im Kaffeekontor ihres Vaters, mitten in der Hamburger Speicherstadt. Doch beide wissen, dass sie als Frau das Geschäft nicht übernehmen kann, und einen männlichen Erben gibt es nicht. Während Mina davon träumt, mit ihrem Jugendfreund Edo nach New York auszuwandern, hat ihr Vater andere Pläne für sie. Mina muss sich entscheiden: zwischen Pflicht und Freiheit, Liebe und Familie …

Über die Autorin

Fenja Lüders, Jahrgang 1961, ist eine waschechte Friesin. Als Jüngste von vier Geschwistern wuchs sie auf einem Bauernhof direkt an der Nordseeküste auf. Für ihr Studium der Geschichte und Politik zog sie nach Oldenburg, wo sie bis heute mit ihrer Familie lebt. Neben dem Schreiben ist klassische Musik ihre große Leidenschaft.

F  E  N  J  A

L  Ü  D  E  R  S

Der

Duft

der weiten

Welt

S P E I C H E R S T A D T - S A G A

Roman

Prolog

Hamburg, 1948

»Ich komme sofort«, sagte Mina und lächelte ihrem Gegenüber zu. »Lass mir bitte eine Minute allein hier.«

Statt einer Antwort legte der Mann eine Hand auf ihren Arm, zog sie kurz an sich und küsste sie auf die Wange. Dann verließ er den Raum und schloss leise die Tür hinter sich.

Minas Blick blieb für einen Moment am dunklen Holz der Tür hängen. Sie holte tief Luft.

Abschied zu nehmen ist wie ein kleiner Tod.

Wer hatte das noch gesagt? Ihr Vater? Oder war es Edo gewesen?

Wer auch immer es gewesen war, er hatte recht gehabt. Es fühlte sich an, als würde ihr Herz zerreißen. Sie drehte sich langsam um die eigene Achse, ließ den Blick noch ein letztes Mal durch den Raum schweifen. Jedes Detail sog sie in sich auf, während die Sehnsucht nach dem, was vergangen war, und die Trauer um das, was unwiederbringlich zu Ende ging, ihr die Kehle zuschnürten.

Die Möbel, die Bilder an den Wänden, jeder Gegenstand hatte seine eigene Geschichte und weckte eine Flut von Erinnerungen, die nicht verschwinden würden, nur weil sie den Raum zurückließ.

Dort, unter dem Fenster, standen die zwei alten Ledersessel mit den hohen Lehnen. Dort hatte ihr Vater immer mit den Maklern gesessen, wenn sie auf ein erfolgreiches Geschäft anstießen. Mina konnte beinahe das leise Klirren hören, mit dem er die Schnapsgläser auf die Kristalluntersetzer gestellt hatte, um die Platte des runden Rauchtisches zu schonen. Die Spitzendecke auf dem Tisch hatte ihre Schwester Agnes gehäkelt.

Minas Blick blieb an dem dunklen Vertiko neben dem Fenster hängen, das früher in Großmutters Salon gestanden hatte. Den Silberrahmen mit dem Foto ihrer Mutter hatte sie selbst daraufgestellt. Zuvor hatte er den Flügel in der Villa an der Heilwigstraße geschmückt. Einmal hatte Mina beobachtet, wie ihr Vater das Bild in der Hand gehalten und lange betrachtet hatte, ehe er es beinahe zärtlich wieder zurückstellte.

An der schmalen Wand gegenüber des Fensters stand noch immer der kleinere der beiden Schreibtische, der schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr benutzt worden war. Dort hatte Edo seinen Arbeitsplatz gehabt, bis …

Mina verbot sich, weiterzudenken. Manche der alten Geschichten waren so bitter wie Kaffee, der zu lange im Röstofen gewesen war.

Sie riss den Blick los und ging zum Fenster hinüber. Zwischen der Straße und den Kaischuppen war ein schmaler Streifen des Hafenbeckens zu sehen. Die Sonne glitzerte auf dem kabbeligen Elbewasser. Zwei Speicherarbeiter standen auf der Ladefläche eines Lastwagens und luden Kaffeesäcke auf, die von einem Quartiersboden weit über dem Kontor hinabgelassen wurden. Einer der Arbeiter auf dem Lastwagen legte die Hände trichterförmig an den Mund, rief etwas nach oben, und das Tau verschwand aus Minas Sichtfeld. Sie stellte sich vor, wie die Quartiersarbeiter oben an der geöffneten Speichertür nickten, sich an die Schiffermützen tippten und die Tür zum Speicherboden wieder verschlossen. Hunderte Male hatte sie das gesehen.

Sie wandte sich ab und ging zum großen Schreibtisch hinüber.

Merkwürdig, wie sehr man doch an so einem alten, hässlichen Möbelstück hängen kann, dachte sie. Während sie um den Tisch herumging, glitten ihre Finger über das altersdunkle Holz. Der Klavierlack machte es glatt und weich wie Seide.

Damals, als sie das Kontor wiedereröffnet hatten, hatte der Tischler den Schreibtisch gar nicht reparieren wollen und Mina geraten, doch lieber gleich einen neuen Tisch zu kaufen. So ein altes Ungetüm stelle sich doch heutzutage niemand mehr ins Büro.

»Ich schon«, war Minas Antwort gewesen. »An diesem alten Ungetüm hat schon immer der Chef von Kopmann & Deharde gesessen. Mein Großvater hat ihn gekauft und ins Kontor stellen lassen, als er die Firma gegründet hat, und jeder Firmenchef nach ihm hat an diesem Tisch seine Arbeit erledigt. Es wäre falsch, ihn durch einen neuen zu ersetzen, wie praktisch und modern er auch sein mag. Außerdem hängt mein Herz daran.«

Langsam ließ sie sich auf dem Stuhl hinter dem Schreibtisch nieder, der wie immer ein wenig knarrte, legte die Hände auf die Tischplatte und genoss das Gefühl der Wärme, die das alte Holz ausstrahlte. Jeder Fleck, jede Schramme war ihr vertraut. Von den meisten wusste sie, wann sie entstanden waren.

Den hellen Ring hinten in der Ecke hatte der Aschenbecher ihres Großvaters hinterlassen. Der schwarze Brandfleck daneben stammte von einer seiner Zigarren. Die vordere Kante der Tischplatte war von den Ärmeln all derer abgewetzt, die über die Jahre auf dem Platz gesessen hatten, den sie jetzt innehatte. An der hinteren Kante der Platte war ein Stück des geschnitzten Aufsatzes abgebrochen, als sie den Schreibtisch in aller Eile in den Keller verfrachtet hatten – damals, als die Bomber über den Hafen flogen.

Eine Schönheit war der Schreibtisch wirklich nicht mehr, und es stimmte, er war unpraktisch und völlig aus der Mode gekommen. Aber es war nun einmal der Tisch des Chefs. Das war er immer gewesen. Bis heute …

Mina sah zu den Ölgemälden hinüber, die an der Wand neben der Tür hingen: zwei weißhaarige Patriarchen, die sie aus ihren angelaufenen Goldrahmen skeptisch anschauten. Das linke zeigte ihren Großvater, Gerhard Kopmann, mit seinem hohen Vatermörder und der goldenen Uhrkette, die über seine Weste drapiert war. Er trug den Kopf hoch erhoben und sah seinem Betrachter herausfordernd in die Augen. Ein Kaufmann in der Pose eines Königs. Daneben hing das Porträt ihres Vaters, Karl Deharde, wie er sich selbst am liebsten gesehen hatte: hinter seinem Schreibtisch in seine Arbeit versunken. Diesen strengen, missbilligenden Ausdruck hatte er nur dann in den Augen gehabt, wenn jemand ohne anzuklopfen ins Kontor gekommen war und ihn bei der Arbeit gestört hatte. Schade, dass es kein Bild gab, auf dem ihr Vater lächelte und so aussah wie ihr Papa von einst.

Papa. So hatte Mina ihn als kleines Mädchen genannt. Doch als sie größer wurde, war er der Meinung, das schicke sich nicht mehr, und aus Papa wurde Vater. Sonntagnachmittags ging er nicht länger mit den Töchtern am Alsterufer spazieren, wo sie die Schwäne fütterten, sondern zog sich allein mit der Zeitung in sein Arbeitszimmer zurück. Lange war er unnahbar geblieben. Erst ganz zuletzt, als er ihr schließlich die Wahrheit gesagt hatte, war das stumme Einverständnis aus Kindertagen zurückgekehrt.

»Was hättest du an meiner Stelle getan, Papa?«, murmelte Mina, während sie zu den Gemälden hochsah. »Wie hättest du dich entschieden?«

Der Blick ihres Vaters auf dem Gemälde war so kritisch und missmutig wie eh und je. Aber seine Ratschläge waren gar nicht mehr nötig. Sie hatte alle Möglichkeiten bedacht und erwogen, genau wie er es ihr beigebracht hatte. Jetzt stand ihr Entschluss fest, und sie war sich ganz sicher, das Richtige zu tun. Die Wehmut, die sie eben noch empfunden hatte, machte einem Gefühl freudiger Erwartung Platz.

»Wenn Abschied ein kleiner Tod ist, dann sollte, was danach kommt, so etwas wie eine Geburt sein«, sagte sie halblaut zu sich selbst. »Höchste Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen.«

Sie erhob sich abrupt, straffte die Schultern und klopfte mit den Knöcheln ihrer Rechten auf die Platte des Schreibtisches. Als die Tür zum Kontor sich öffnete, sah Mina auf und lächelte.

»Ich bin so weit. Sag den Männern, sie können die Möbel hinaustragen.«

Eins

Hamburg, 1912

Das schrille Läuten der Klingel übertönte den einlullenden Vortrag von Fräulein Cornelius. Sofort begannen die ersten Schülerinnen miteinander zu tuscheln, was ihre Lehrerin veranlasste, ihnen über den Rand der runden Messingbrille hinweg einen strafenden Blick zuzuwerfen.

»Ein bisschen mehr Geduld, die Damen! Noch bin ich es, die zu bestimmen hat, wann der Unterricht zu Ende ist, nicht diese vermaledeite Klingel.« Die hochgewachsene, hagere Lehrerin zog ihre kleine goldene Taschenuhr aus der Westentasche und seufzte vernehmlich. »Wie schnell doch die Zeit verfliegt, wenn man sich amüsiert. Wir sehen uns am Dienstag in gewohnter Frische und werden uns dann weiter der Geografie Ostpreußens widmen. Der ein oder anderen von Ihnen würde ich dringend empfehlen, sich am Sonntag einmal das Buch und einen Atlas zur Hand zu nehmen. In drei Wochen stehen die Prüfungen an, und ich könnte mir vorstellen, dass das Ostseegebiet Thema sein wird.«

Mina, die sich auf ihrem Platz in der hintersten Bank wie immer hinter den Rücken ihrer Mitschülerin Gertrud geduckt hatte, schaute auf. Prompt traf sie der strafende Blick von Fräulein Cornelius.

Natürlich war sie gemeint, das war ihr völlig klar. Geografie war nicht gerade eines ihrer Glanzfächer. Im vorigen Jahr war das noch anders gewesen, aber seit Fräulein Cornelius ihre Klasse unterrichtete, zogen sich die Geografiestunden in die Länge wie warmer Kautschuk. Die Lehrerin leierte Daten und Fakten über Einwohnerzahlen, Bodenschätze, Flussläufe und Höhenzüge mit ihrer näselnden Stimme so eintönig herunter, dass Mina regelmäßig den Faden verlor und Mühe hatte, nicht einzunicken. Erschwerend kam hinzu, dass sie den Geografieunterricht für Zeitverschwendung hielt. Nichts von dem, was sie hier lernte, würde sie brauchen können, wenn sie erst einmal studierte. Wozu also damit Zeit verplempern? In anderen Fächern, wie Chemie oder Mathematik, hing sie wie gebannt an den Lippen der Lehrer, doch den Geografieunterricht verbrachte sie lieber damit, hinter Gertruds breitem Rücken geduckt zu lesen oder zu zeichnen.

Mina war sich noch nicht sicher, welches Fach sie studieren sollte, aber sie hatte ja auch noch ein bisschen Zeit bis zu der Entscheidung. Immer einen Schritt nach dem anderen. Zuerst einmal musste sie im nächsten Frühling ein möglichst gutes Abitur machen. Ihre Hauslehrerin Fräulein Brinkmann vertrat die Meinung, Mina sollte sich mit nichts Geringerem als Medizin zufriedengeben. Tatsächlich war sie die Einzige, die bislang überhaupt über ihr Vorhaben Bescheid wusste.

Immer wieder schlich sich die Sorge in Minas Gedanken, was ihre Familie wohl zu ihren hochfliegenden Plänen sagen würde. Vater würde bestimmt nicht begeistert sein, und sie würde all ihre Überzeugungskünste aufbringen müssen. Um seine Zustimmung zu erringen, seine Älteste in eine fremde Stadt ziehen zu lassen, würde sie all ihr diplomatisches Geschick und mindestens eine Stunde allein mit ihm brauchen. Schon seit Wochen wartete sie auf eine Gelegenheit, ihn allein abzupassen, aber das war nicht so einfach. Wenn sie ihn im Kontor in der Speicherstadt besuchte, war er in der Regel von Kontoristen oder Maklern umgeben. Und auch zu Hause, in der Villa an der Heilwigstraße, waren die Momente rar, in denen sie ihn allein sprechen konnte. Vater zog sich immer gleich nach dem Abendessen in sein Arbeitszimmer zurück, um in Ruhe seine Zigarre rauchen zu können, ohne dass Großmutter Hiltrud ihm mit ihrer ewigen Nörgelei auf die Nerven fiel.

Ein Lächeln überflog die bitteren Altjungfernzüge von Fräulein Cornelius und ließ sie weicher und fast jugendlich erscheinen. »Ich wünsche Ihnen allen ein schönes Wochenende. Bis Dienstagfrüh, meine Damen.«

»Endlich«, murmelte Mina erleichtert, wischte ihre Zeichenfeder sorgfältig trocken und verstaute sie im Federkasten. Sie sprang auf, stopfte Federkasten und Heft in die lederne Schultasche und schlüpfte an den anderen Mädchen vorbei durch die Tür.

Immer mehr lachende und schwatzende junge Mädchen in grauen, knöchellangen Röcken und weißen Blusen strömten aus den Klassenräumen auf den Flur. Die Frühlingssonne warf helle Streifen auf den schwarz-weißen Terrazzoboden. Eigentlich war das Wetter viel zu schön, um gleich nach Hause zu gehen. Mina beschloss, noch ein Stück an der Alster entlangzuspazieren.

Heute war Samstag, da gab es immer Eintopf zu Mittag. Nicht dass sie keinen Eintopf mochte, aber beim Gedanken an Großmutters Esszimmer mit den dunklen Möbeln und den dicken Vorhängen, in dem es so düster war, dass man auch tagsüber versucht war, das elektrische Licht einzuschalten, verging ihr der Appetit. Großmutter Hiltrud würde am Kopfende des Tisches sitzen, mit Argusaugen jeden Bissen beobachten, den Mina zum Mund führte, und schließlich feststellen, es sei kein Wunder, dass sie immer fülliger werde, wenn sie schlinge wie ein Hafenarbeiter. Und dann würde sie Agnes einen liebevollen Blick zuwerfen und ihr verschwörerisch zublinzeln.

Sehnsüchtig dachte Mina an früher zurück, als sie noch in der Wohnung an der Isestraße gewohnt hatten, nur Papa, Agnes und sie zusammen mit zwei Dienstboten und der Hauslehrerin Fräulein Brinkmann. Als der Großvater im letzten Herbst gestorben war, hatte Großmutter Hiltrud Vater gebeten, mit der Familie zu ihr in die Villa zu ziehen. Mina, die schon die allwöchentlichen Besuche bei den Großeltern als lästige Pflichtübung betrachtet hatte und die Villa an der Heilwigstraße mit ihrem düsteren Pomp von Herzen verabscheute, hatte alles versucht, um den Umzug zu verhindern. Aber ihr Vater hatte sich nicht erweichen lassen.

»Du musst das verstehen, Mina. Großmutter fühlt sich einsam in dem großen Haus«, hatte er erklärt.

Zum Glück hatte Mina wenigstens durchsetzen können, die beiden Dienstboten und Fräulein Brinkmann mit in die Villa zu nehmen, statt sie vor die Tür zu setzen, wie Großmutter Hiltrud vorgeschlagen hatte. Eine furchtbare Geldverschwendung, so viel Personal zu halten, klagte sie immer wieder. Minas Großvater hätte so etwas nie geduldet, so sparsam, wie er gewesen sei.

Mina kümmerte sich nicht um die spitzen Bemerkungen ihrer Großmutter. Sie war froh, die vertrauten Gesichter um sich zu haben. Besonders Fräulein Brinkmann und die Köchin Frau Kruse waren so etwas wie Verbündete im Feindesland. Frau Kruse wäre für sie durch die Hölle und zurück gegangen. Bestimmt würde sie ihr etwas vom Eintopf beiseitestellen.

Mina nahm ihren Mantel vom Haken, zog ihn hastig über und war schon auf dem Weg zur Tür, als sie Bettys Stimme hörte.

»Mina? So warte doch mal!«

Mina verdrehte die Augen. Sie widerstand der Versuchung, so zu tun, als hätte sie Betty nicht gehört, hielt inne und drehte sich um.

Betty – eigentlich Elisabeth – war die jüngste Tochter des Reeders Paul Rüther und wohnte in einer hübschen Backsteinvilla am anderen Ende der Heilwigstraße. Die Familien Rüther und Kopmann verkehrten seit Jahren gesellschaftlich miteinander, und man kannte sich gut. Bettys Mutter gehörte zum Teekränzchen von Großmutter Hiltrud, darum gingen alle wie selbstverständlich davon aus, auch Betty und Mina müssten beste Freundinnen sein. Die beiden Mädchen besuchten sich regelmäßig – dafür sorgten Minas Großmutter und Bettys Mutter –, aber Freundinnen waren sie wahrhaftig nicht geworden.

Was will sie denn jetzt schon wieder?, dachte Mina und sah Betty stirnrunzelnd an.

Mit ihrem herzförmigen Gesicht, den veilchenblauen Augen und dem dunkelblonden, welligen Haar, das sie stets nach der neuesten Mode hochgesteckt trug, war Betty wirklich bildhübsch. Nur leider dumm wie Bohnenstroh. Wie sie es bis in die Unterprima des Lyceums Rothenbaum geschafft hatte, war Mina ein Rätsel. An ihren Leistungen konnte es jedenfalls nicht liegen. Vielleicht halfen die schmachtenden Blicke, die sie den wenigen männlichen Lehrern zuzuwerfen pflegte.

»Es ist so schön, dass du in Betty eine Seelenverwandte gefunden hast«, hatte Großmutter neulich erst gesagt. »Jemanden, mit dem du deinen Kummer und deine Sorgen teilen kannst.«

Mina hatte die Lippen ganz fest zusammengepresst, damit ihr keine Antwort herausrutschte, die sie später bereute. Eine Seelenverwandte wäre großartig, hatte ihr auf den Lippen gelegen. Aber eine Tratschtante wie Betty kann ich wirklich nicht gebrauchen.

Ihr war schnell klar geworden, dass Betty alles, was sie ihr anvertraute, sofort ihrer Mutter erzählte, die es dann brühwarm an Minas Großmutter weitergab. Seit Großmutter ihr eine Standpauke gehalten hatte, dass es sich für eine junge Dame nicht ziemte, mutterseelenallein mit der Straßenbahn in die Innenstadt oder gar zum Hafen zu fahren, hütete sich Mina, Betty auch nur ein Wort zu viel zu erzählen.

»Was gibt es denn?«

Widerstrebend ließ Mina den geschwungenen Türgriff los und ging zu Betty und ihrer Freundin Astrid hinüber, die in ihren Augen ebenfalls in die Kategorie »hübsch, aber strohdumm« fiel. Beide hatten nichts anderes im Kopf, als sich so schnell wie möglich einen reichen Kaufmanns-, Reeder- oder Bankierssohn zu angeln, ihm das Haus heimelig einzurichten und die nächste Generation von Kaufmanns-, Reeder- oder Bankierssöhnen in die Welt zu setzen.

Betty strahlte aus jedem Knopfloch, und ihre Wangen liefen rot an, während sie aufgeregt auf den Zehenspitzen auf und ab wippte. »Astrid hatte gerade eine tolle Idee!«, rief sie. »Sie ist heute zum Tee bei uns, weil unsere Schneiderin kommt, damit wir die Garderobe für das Pensionat aussuchen und Maß nehmen können. Und weil Mama neulich sagte, dass du ebenfalls für Eifelhof angemeldet bist, meinte Astrid, ob du nicht auch kommen willst. Dann bestellen wir die Kleider so, dass wir aussehen wie Schwestern. Was meinst du, Mina? Ist das nicht eine gute Idee?«

Es dauerte ein paar Sekunden, bis Mina den Wortschwall sortiert und die Tragweite von Bettys Worten begriffen hatte. Langsam schüttelte sie den Kopf.

»Da musst du dich täuschen, Betty«, sagte sie. »Ich gehe nicht ins Pensionat. Ich bleibe hier und mache mein Abitur.«

»Doch, ganz sicher. Mama hat mir erzählt, deine Großmutter hätte das beiläufig erwähnt. Und weil doch Astrid und ich auch nach Eifelhof gehen, könnten wir die Reisegarderobe und die Uniformen für uns alle drei zusammen schneidern lassen.« Betty kicherte albern. Ihr schien überhaupt nicht aufzufallen, dass sie sich wiederholte.

»Ich bin im Pensionat angemeldet? Das hat meine Großmutter gesagt?« Mina spürte plötzlich, wie sich in ihrem Magen ein kalter Klumpen bildete.

»Ja.« Wieder lachte Betty und stupste Mina mit dem Ellbogen an. »Nun sag bloß, du weißt davon noch gar nichts.«

»Das ist das erste Mal, dass ich davon höre«, erwiderte Mina heiser.

Ihr Mund war auf einmal ganz trocken. Großmutter redete zwar des Öfteren von den Vorzügen der Erziehung in einem Mädchenpensionat, wo junge Damen aus gutem Hause den letzten Schliff erhielten, ehe sie den Hafen der Ehe ansteuerten. Aber dass sie Mina ohne ihr oder Vaters Wissen in einem Pensionat angemeldet haben sollte, war wirklich die Höhe. Der kalte Klumpen in ihrem Inneren verwandelte sich in einen wütenden Feuerball.

»Vielleicht sollte es eine Überraschung für dich sein, Mina«, sagte Betty fröhlich. »Eifelhof hat einen ganz hervorragenden Ruf. Lauter Mädchen aus allerersten Kreisen, sagt meine Mutter. Sogar ein paar Hoheiten sollen dabei sein. Es ist gar nicht so einfach, einen Platz dort zu ergattern. Was meinst du wohl, was wir für einen Spaß haben werden!« Sie löste sich von Astrids Arm und begann an den Fingern abzuzählen, welche Fächer es gab. »Wir lernen französische Konversation, Englisch, Haushaltsführung, Etikette, feine Handarbeiten und natürlich Tanzen. Darauf freue ich mich am allermeisten, das habe ich schon zu Astrid gesagt.«

Betty plapperte munter weiter, doch Mina machte sich nicht die Mühe, ihrem Wortschwall zu folgen. Ihr schwirrte der Kopf.

Großmutter wollte sie also in ein Pensionat stecken. Wirklich erstaunlich war das eigentlich nicht, denn sie machte keinen Hehl daraus, dass sie Mina für schlecht erzogen, vorlaut und aufmüpfig hielt. Immer wieder warf sie Vater vor, er habe seine Älteste verwöhnt und verzogen. Meist beließ sie es bei spitzen Bemerkungen am Abendbrottisch, aber vor ein paar Wochen war sie ihm ins Arbeitszimmer gefolgt, und die zwei waren regelrecht in Streit geraten.

Da Großmutter die Schiebetür hinter sich geschlossen hatte, waren nur Wortfetzen in den Salon nebenan gedrungen, in dem Mina und Agnes über ihren Büchern saßen, aber Mina vermutete, dass sie selbst das Thema der hitzigen Unterhaltung gewesen war. Schließlich war Großmutter Hiltrud hocherhobenen Hauptes durch den Salon gerauscht, ohne die Enkeltöchter auch nur eines Blickes zu würdigen. Und als Mina vorsichtig versucht hatte, Vater auszuhorchen, hatte er ausweichend geantwortet und sofort ein anderes Thema angeschnitten. Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, wann man besser nicht nachbohrte.

Betty zählte noch immer begeistert die Vorzüge von Eifelhof auf und hatte offenbar gar nicht bemerkt, dass Mina ihr nicht zuhörte. Im Herbst gebe es einen richtigen Tanzball, zu dem auch die Brüder der anderen Schülerinnen kommen würden. Schneidige Offiziere und Adelssöhne, der reinste Heiratsmarkt, auf dem man eine gute Partie machen könne, wenn man es nur geschickt anstelle.

Erneut stieß Betty Mina mit dem Ellbogen an. Unwillkürlich kniff Mina die Lippen zusammen.

Eine gute Partie machen, dachte sie, das ist wirklich das Einzige, was ihr dummen Gänse im Kopf habt. Als ob es auf der Welt nichts anderes gäbe!

Sie selbst jedenfalls hatte sich fest vorgenommen, sich nicht von einem Ehemann vorschreiben zu lassen, was sie zu tun und zu lassen oder gar zu denken hatte. Denken konnte sie ganz selbstständig, vielen Dank auch!

Eine böswillige leise Stimme flüsterte in ihrem Inneren: Und außerdem, wer würde dich schon nehmen?

Mina wusste nur zu gut, dass sie keine Schönheit war. Das zeigte ihr der Spiegel jeden Morgen, wenn sie wieder einmal versuchte, ihre störrischen blonden Locken in einen festen Knoten zu zwingen. Ihr rundes Gesicht mit den Sommersprossen und der Nase, die zu groß war und ein bisschen schief zu sitzen schien, ihr Kinn mit dem Grübchen, die blauen Augen mit den hellen Wimpern – nichts davon entsprach dem Schönheitsideal, das in den Modezeitschriften propagiert wurde, in denen Großmutter Hiltrud so gern blätterte. Erschwerend kam hinzu, dass kein Mann gerne zu seiner Ehefrau aufblickte. Doch Mina überragte beinahe alle Männer, die sie kannte. Nein, sie machte sich keine Illusionen. Ihre Mitgift würde schon astronomisch hoch sein müssen, damit sich für sie ein Ehemann fand.

Der Gedanke, sich wie ein Pfingstochse verkaufen zu lassen, kam für Mina jedoch nicht infrage. Sie hatte sich fest vorgenommen, irgendwann einmal auf eigenen Füßen zu stehen. Sie wollte selbst etwas sein, statt sich lediglich im Ansehen ihres Mannes zu spiegeln und ihm den Haushalt zu führen. Sie würde studieren und ihr eigenes Geld verdienen.

Ein Studium war für Frauen nicht mehr unmöglich. Das neue Jahrhundert war erst zwölf Jahre alt, und was hatten kluge und mutige Frauen in dieser kurzen Zeit nicht schon alles erkämpft! Mehr und mehr Universitäten ließen Frauen zum Studium zu, Marie Curie hatte zwei Nobelpreise gewonnen, in England kämpften Frauen ganz offen darum, ebenso wie die Männer wählen zu dürfen. Aufregende Zeiten waren das, und die wollte Mina sicher nicht damit vertrödeln, in einem Pensionat für höhere Töchter sticken und tanzen zu lernen. Das würde sie schön den dummen Gänsen wie Betty oder Astrid überlassen.

Aber um studieren zu können, musste sie ihr Abitur machen, und das konnte sie nur hier am Lyceum, nicht, wenn sie für das letzte Schuljahr in ein Pensionat gesteckt wurde. Der Abschluss an solchen Instituten war nicht annähernd gleichwertig, und keine Universität würde sie damit zum Medizinstudium zulassen. Mina blieb keine Wahl, sie musste mit Vater reden und ihn von ihren Plänen überzeugen. Und zwar sofort – noch heute, bevor Großmutter ihm die Sache mit dem Pensionat schmackhaft machen konnte.

»Heute Nachmittag zum Tee bei dir, sagst du?«, fragte sie an Betty gewandt und runzelte nachdenklich die Stirn. »Zu dumm, heute kann ich nicht. Ich habe schon eine Verabredung. Tut mir wirklich leid.«

»Nanu, Mina, hast du einen heimlichen Verehrer?« Betty zwinkerte ihr zu. »Das sind ja ganz neue Töne von dir. Wer ist denn der Glückliche?«

Mina fühlte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. »Verehrer? Blödsinn«, sagte sie ärgerlich. »Nein, ich fahre in die Speicherstadt. Ich hab meinem Vater versprochen, ihm im Kontor zur Hand zu gehen. Einer der Kaffeemakler hat sich angekündigt, und mein Vater sagt immer, dass niemand ein so gutes Händchen für das Rösten der Proben hat wie ich.« Das war die schnellste Notlüge, die Mina eingefallen war, und zumindest der zweite Teil entsprach der Wahrheit.

Betty zog skeptisch eine Augenbraue hoch. »An einem Samstagnachmittag kommen Makler ins Kontor?«

»Ja, was denkst du denn?«, schnappte Mina. »Wenn es sich um wichtige Geschäfte handelt, kommen die sogar sonntags.«

»Du hilfst im Kontor wie ein gewöhnliches Büromädchen?«, fragte Astrid kopfschüttelnd. »Also mein Vater würde so was niemals erlauben. Was sollen denn die Leute denken, wenn die Tochter vom Chef …«

Zorn stieg in Mina hoch. Das war genau das, was Großmutter immer sagte.

»Natürlich helfe ich meinem Vater, wenn ich von Nutzen sein kann!«, unterbrach sie Astrid. »Warum auch nicht? Dein Bruder hilft doch auch bei euch im Kontor mit.«

Astrids Vater handelte mit Gewürzen und Rosinen aus Übersee und hatte sein Kontor am Kehrwieder, der Parallelstraße des Sandtorkais, wo die Geschäftsräume von Kopmann & Deharde lagen.

»Aber das ist doch was völlig anderes! Paul wird die Firma in ein paar Jahren übernehmen«, gab Astrid zurück.

»Und wenn ich das eines Tages auch tue?« Mina funkelte ihre Mitschülerin wütend an. »Es steht nirgends geschrieben, dass eine Tochter kein Kaufmann werden kann, oder?«

»Eine Frau als Kaufmann? Also das ist doch … Du bist ja völlig verrückt!« Astrid schnappte nach Luft und starrte Mina entgeistert an.

Ohne ein weiteres Wort drehte Mina sich um und stolzierte so würdevoll, wie sie es eben fertigbrachte, zur Schultür hinaus. »So eine blöde Pute!«, murmelte sie immer noch wütend, als die Tür hinter ihr zufiel.

Mechanisch schlug sie den Weg zur Alster ein, unter blühenden Bäumen entlang, die sie kaum wahrnahm. Erst als sie die Schule weit hinter sich gelassen hatte und vor ihr die blauglitzernde Wasserfläche der Außenalster lag, verrauchte ihr Zorn allmählich. Sie verlangsamte ihre Schritte und versuchte, ein wenig Ordnung in ihre Gedanken zu bringen.

Auf gar keinen Fall würde sie sich im Mädchenpensionat einsperren lassen, nur um anschließend verheiratet zu werden. Aber die einzige Möglichkeit, das zu verhindern, war, sofort mit Vater zu reden. Er musste einfach begreifen, wie ernst es ihr mit ihrem Wunsch zu studieren war, dann würde er ihren Plan bestimmt unterstützen. Großmutter würde sich fügen müssen, denn schließlich war Vater der Herr im Haus.

Minas Wunsch, Medizin oder Pharmazie zu studieren, war ganz gewiss kein jugendliches Hirngespinst. Wenn sie auch nur einem Kind dieses Gefühl von Leere und Verlust ersparen konnte, das ihr eigenes Leben bestimmte, seit sie sieben Jahre alt gewesen war, dann war das jeden Aufwand und jedes Hindernis wert.

Ihre Mutter war damals ganz plötzlich gestorben, woran, das wusste Mina nicht, und sie wäre nie auf den Gedanken gekommen, ihren Vater oder gar ihre Großmutter danach zu fragen. Irgendein Geheimnis umgab ihren Tod, an das niemand zu rühren wagte.

Sie hatte nicht viele Erinnerungen an ihre Mutter. Die deutlichste war das Bild einer schlanken, hübschen Frau im Abendkleid, die brünetten Haare zu einer eleganten Frisur hochgesteckt, die sich über ihr Kinderbett beugte und ihr einen Gutenachtkuss gab. Sie hatte nach Maiglöckchen gerochen, und noch immer zog sich Minas Herz bei diesem Geruch vor Sehnsucht zusammen.

Ihre Hauslehrerin Fräulein Brinkmann hätte selbst gern Medizin studiert, aber bis vor ein paar Jahren war das nur in der Schweiz möglich gewesen, und dazu hatten ihre Mittel nicht ausgereicht. Gemeinsam hatten sie begonnen, nach einer Universität zu suchen, an der Mina ihren Plan verwirklichen konnte. Sie hatten bereits etliche Briefe geschrieben und nur Absagen bekommen, bis vor drei Wochen die Universität in Berlin geantwortet hatte, dass nach eingehender Prüfung unter gegebenen Umständen auch Frauen zum Medizin- oder Pharmaziestudium zugelassen würden.

Mina holte tief Luft und ließ sie ganz langsam wieder aus der Lunge entweichen. Sie konnte das Gespräch mit Vater nicht länger aufschieben. Das Schwierigste würde sein, ganz ruhig und sachlich zu bleiben. Sie musste ihm alle Gründe aufzählen, die für ein Studium sprachen, und alle Gegenargumente ausräumen. Mit Betteln oder Flehen würde sie rein gar nichts erreichen – im Gegenteil. Sie musste so taktisch vorgehen wie ein guter Kaufmann, ihm ihren Wunsch verkaufen wie ein Makler seine Kaffeeladung. Verhandeln auf Augenhöhe, wie Vater das nannte. Nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, und um Gottes willen nicht unter Preis verkaufen.

An der Fährstation der Alsterschifffahrt an der Rabenstraße wartete eine Gruppe jüngerer Mädchen in Schuluniform auf den nächsten Dampfer. Unter ihnen erkannte Mina ihre Schwester Agnes, die sich mit ihren Freundinnen unterhielt und lachend den Kopf in den Nacken warf. Eine Sekunde lang war Mina versucht kehrtzumachen, doch dann ging sie entschlossen zum Fähranleger hinüber. Ein paar Schritte von den Mädchen entfernt blieb sie stehen und räusperte sich, doch weder Agnes noch ihre Freundinnen schienen sie zu bemerken.

»Agnes, kommst du bitte mal?«, sagte Mina mit erhobener Stimme.

Die ganze Gruppe drehte sich zu ihr um. Agnes’ Freundinnen musterten sie abschätzig von oben bis unten, während Minas Schwester genervt die Augen verdrehte.

»Was willst du denn?«, fragte sie gereizt.

»Nur kurz was besprechen.«

»Das können doch alle hören«, erwiderte Agnes und sah ihr herausfordernd ins Gesicht.

Mina spürte Ärger in sich aufsteigen. Wenn Agnes Publikum von ihren zahlreichen Freundinnen hatte, war sie noch unausstehlicher als sonst.

»Komm einfach her!«, sagte sie scharf.

Agnes seufzte theatralisch und schlenderte mit deutlichem Widerwillen zu ihr herüber. »Also? Was gibt es so Geheimes?«, fragte sie.

»Könntest du bitte Großmutter ausrichten, ich sei zum Mittagessen bei Astrid Meyer eingeladen?«

»Bei Astrid? Die kannst du doch nicht leiden.« Skeptisch zog Agnes die Augenbrauen zusammen. »Wo willst du denn in Wirklichkeit hin?«

»In die Speicherstadt. Ich muss dringend was mit Vater besprechen.«

Agnes’ grüne Augen blitzten amüsiert, dann schüttelte sie langsam den Kopf. »Du willst, dass ich für dich schwindle?«

»Nur eine harmlose kleine Notlüge«, erwiderte Mina. »Sonst hält mir Großmutter nachher eine stundenlange Predigt darüber, was alles Schreckliches passieren kann, wenn ich mit der Straßenbahn bis zu den Landungsbrücken fahre.«

»Das stimmt allerdings.« Jetzt grinste Agnes. »Und was kriege ich dafür, wenn ich für dich lüge?«

»Meinen Nachtisch heute und morgen.«

Energisch schüttelte Agnes den Kopf. »Nichts da. Deinen Nachtisch für die ganze kommende Woche. Das ist das Mindeste.«

Das war eine unverschämte Forderung, aber Mina hatte keine Zeit, zu verhandeln. »Abgemacht«, sagte sie und streckte ihrer Schwester die Hand entgegen.

Agnes schlug ein. »Immer wieder eine Freude, mit dir Geschäfte zu machen!«, erwiderte sie mit einem breiten Grinsen und imitierte dabei, so gut sie konnte, den Tonfall ihres Vaters. »Du solltest die Beine in die Hand nehmen, sonst fährt dir die Bahn vor der Nase weg«, fügte sie hinzu und deutete auf die Haltestelle ein Stückchen die Straße hinunter.

In der Ferne war das Klingeln des herannahenden Zugs zu hören.

»Oh Mist!«, entfuhr es Mina. Sie machte auf dem Absatz kehrt, klemmte ihre Schultasche fester unter den Arm und begann zu rennen, wobei sie den Rock ein Stückchen hochzog, um besser ausschreiten zu können.

Gut, dass Großmutter das nicht sieht, dachte sie. Die würde vielleicht ein Donnerwetter loslassen! Mina konnte förmlich Hiltruds scharfe Stimme hören, während sie den Bürgersteig entlanghastete: Eine Dame rennt nicht. Niemals und unter gar keinen Umständen. Sie erreichte die Haltestelle gleichzeitig mit der Straßenbahn und kletterte flink die steilen Stufen hinauf.

»Das war aber mal knapp, Fräuleinchen«, sagte der Schaffner an der Tür. »Wo wollen wir denn so eilig hin?«

»Einmal bis zu den Landungsbrücken bitte«, keuchte Mina atemlos. Der Waggon setzte sich ratternd in Bewegung, und sie musste sich an einer der Haltestangen festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

»Das macht zwanzig Pfennige«, sagte der Schaffner, riss einen Fahrschein ab und hielt ihn ihr hin.

Mina nestelte in der Manteltasche nach dem Portemonnaie, bezahlte und nahm den Fahrschein entgegen. Dann ließ sie sich auf die nächste freie Holzbank fallen und atmete tief durch, um ihren Herzschlag wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Draußen sah sie Agnes und ihre Freundinnen am Fähranleger stehen. Agnes hob den Arm und winkte. Mina winkte zurück.

»Hoffentlich klappt das mit der Notlüge«, murmelte sie. »Gib dir bloß Mühe, Agnes! Sonst bekomme ich mindestens zwei Wochen Hausarrest.«

Früher waren die Schwestern trotz des Altersunterschiedes von sechs Jahren ein Herz und eine Seele gewesen. Stundenlang hatten sie zusammen auf dem Teppich in der guten Stube gesessen und mit Puppen gespielt, oder Mina hatte Agnes Märchen vorgelesen. Aber spätestens seit sie in die Villa der Großmutter gezogen waren, war es mit der schwesterlichen Eintracht vorbei. Das lag zum einen daran, dass Agnes inzwischen im »schwierigen Alter« war und nicht länger bewundernd zu Mina aufschaute. Zum anderen war Agnes Großmutter Hiltruds erklärter Liebling und wurde von dieser immer als leuchtendes Beispiel für gute Manieren und anmutiges Auftreten dargestellt.

Auch wenn Mina ihrer Großmutter distanziert gegenüberstand, diese deutliche Bevorzugung tat weh. Aber es war nicht Agnes’ Schuld, und wenn Mina ehrlich war, konnte sie Hiltrud sogar verstehen. Denn je älter Agnes wurde, desto mehr ähnelte sie ihrer Mutter, deren Porträtfoto in einem silbernen Rahmen auf dem Flügel im Salon stand. Kein Wunder, dass Großmutter ihre jüngere Enkelin, die sie so sehr an ihre verstorbene Tochter erinnerte, über alles liebte.

Die Bahn bog um die Ecke, und der Fähranleger verschwand aus Minas Sicht. Sie rutschte auf der Holzbank ans Fenster und ließ den Blick über die großzügigen Kaufmannsvillen schweifen, die sich hier in der Nähe der Alster aneinanderreihten wie Perlen auf einer Schnur. Hamburg war eine reiche Stadt. Die Kaufleute, Bankiers und Reeder zeigten durch ihre Häuser, dass sie erfolgreich waren, aber sie protzten nicht mit ihrem Reichtum. Das galt unter den ehrbaren hanseatischen Kaufleuten als unschicklich.

»Geld hat man, aber man spricht nicht darüber«, pflegte Minas Vater zu sagen. »Nicht dass ihr beide auf die irrige Idee kommt, wir könnten etwa reich sein.«

Nicht einmal die eigene Familie wusste bei einem hanseatischen Kaufmann, wie es um die Finanzen der Firma bestellt war. Der Import von Kaffee sei ein heikles Geschäft mit vielen Unwägbarkeiten, das betonte Karl Deharde immer wieder. Eine einzige Missernte könne den Gewinn von einem ganzen Jahrzehnt im Nu zunichtemachen. Das sei alles schon vorgekommen, mehr als einmal seien erfolgreiche Importfirmen ohne eigenes Verschulden »überkopp« gegangen, wie er das ausdrückte. Ein kluger Kaufmann, der dann nicht das Geld der Firma für teuren Firlefanz ausgegeben hatte. Alles, was man besitze, müsse man zusammenhalten, um es im Notfall in die Firma stecken zu können.

Das bekamen Mina und Agnes immer wieder zu hören, wenn sie ihn um etwas baten. Ob es neue Kleider, eine Woche Sommerfrische an der Ostsee oder auch nur ein sonntäglicher Besuch auf der Rennbahn war: Wenn es nicht der Firma nützte, war es in Vaters Augen überflüssig.

Ein Medizinstudium ist nicht von Vorteil für die Firma, schoss es Mina durch den Kopf. Nachdenklich biss sie sich auf die Unterlippe. Sie konnte höchstens argumentieren, dass sie niemandem auf der Tasche liegen würde, wenn sie erst einmal als Ärztin arbeiten und ihr eigenes Geld verdienen würde.

Wäre sie nicht als Wilhelmina, sondern, wie von den Eltern ersehnt, als Wilhelm zur Welt gekommen, dann wäre ihr Lebensweg klar vorgezeichnet gewesen. Ein Sohn hätte das Kaffeegeschäft von der Pike auf gelernt, indem er im Kontor eine Lehre gemacht hätte. Später hätte er eine mehrmonatige Reise in den »Ursprung« unternommen, wie die Länder, aus denen der Rohkaffee kam, genannt wurden. Wilhelm Deharde hätte Brasilien, Kolumbien, Guatemala, Äthiopien oder Kenia besucht. Dort hätte er die bestehenden Kontakte zu Plantagenbesitzern und Händlern weiter ausgebaut und wäre als weltgewandter Kaufmann zurückgekommen. Danach hätte er für einige Jahre als Juniorchef gearbeitet, um irgendwann den Senior abzulösen. So war es seit jeher Tradition, und die war den hanseatischen Kaufleuten heilig.

Allein der Gedanke, diesen Weg auch als Mädchen einschlagen zu können, kam Mina selbst völlig absurd vor, egal was sie vorhin Astrid und Betty an den Kopf geworfen hatte. Es war nun einmal ein ehernes Gesetz, an dem nicht gerüttelt wurde: Unter den Hamburger Kaffeehändlern hatten Frauen nichts zu suchen.

Zwei

An jeder Haltestelle stiegen weitere Passagiere zu, und als sie den Bahnhof am Dammtor erreichten, war der Waggon so voll, dass Mina den Schaffner nur noch hören, aber nicht mehr sehen konnte. »Kaiserbahnhof«, rief er aus voller Lunge.

Jetzt waren es nur noch wenige Stationen bis zum Rathausmarkt, wo Mina umsteigen musste. Sie lächelte der jungen Frau neben sich zu und bat sie, sie durchzulassen. Die Frau, offenbar ein Dienstmädchen auf dem Weg zum Einkaufen, rückte nur ein paar Zentimeter zur Seite, vermutlich aus Sorge, sonst ihren Sitzplatz zu verlieren. Mühsam schob sich Mina zwischen den Fahrgästen hindurch und hielt sich an einer der Haltestangen neben der Tür fest, bis der Schaffner »Rathausmarkt« rief.

Draußen atmete sie erleichtert durch. Sie war alles andere als ein zartes Pflänzchen, aber wenn die Bahn überfüllt war und die Menschen von allen Seiten auf sie eindrängten, wurde ihr immer ein wenig schwummrig.

Zum Glück war die Straßenbahn in Richtung Hafen nicht so voll, und so stieg Mina eine Viertelstunde später gut gelaunt an den Landungsbrücken aus, von wo aus sie den Rest des Weges zu Fuß zurücklegte. Während es in der Stadt vergleichsweise warm gewesen war, blies hier ein kühler Wind über das Hafenbecken, der den Geruch von Schlick, Salz und Rauch mit sich brachte. Mina atmete tief ein und lächelte. Immer hatte es etwas von Nachhausekommen, wenn sie zu den Schiffen hinübersah, die an den tief in den Hafenschlick gerammten Eichenpfosten festgemacht waren und darauf warteten, von den Schuten entladen zu werden. Und immer keimte eine diffuse Sehnsucht in ihr, die Orte zu sehen, zu denen diese Schiffe mit neuer Fracht aufbrechen würden.

Wie immer herrschte auf den Straßen zum Freihafen reger Verkehr. Schwere Kaltblüter zogen Fuhrwerke, deren Räder über das grobe Kopfsteinpflaster rumpelten. Die Wagen, die in Richtung Niederbaumbrücke fuhren, waren leer, während diejenigen, die von dort kamen, mit Kisten, Fässern oder Säcken hoch beladen waren.

An der Zollstation wurden die Fuhrwerke von schwarz gekleideten Zöllnern kontrolliert. Von Zeit zu Zeit winkten die Beamten auch einen der Fußgänger zu sich, um einen Blick in die Taschen zu werfen und sich die Papiere zeigen zu lassen.

»Die Speicherstadt ist wie ein eigenes Land«, sagte Vater immer. »Du musst dir das vorstellen wie einen kleinen Staat im Staat. Die Grenze verläuft am Zollkanal, und alles dahinter ist sozusagen Ausland. Erst wenn die Waren diese Grenze überschreiten, fällt Zoll an. Darum wird jeder, der die Brücken zur Speicherstadt passiert, kontrolliert. Es muss ja alles seine Richtigkeit haben.«

Einer der Zöllner, ein junger Bursche von vielleicht zwanzig Jahren, lächelte Mina zu und tippte sich an die Mütze, ehe er sich der Würde seines Amtes wieder bewusst wurde, sich räusperte und sie mit ernstem Gesicht durchwinkte. Mina lächelte freundlich und wünschte den Zöllnern im Vorbeigehen einen schönen Tag.

Während sie die Brücke überquerte, warf sie einen Blick über das Geländer. Auf dem Wasser drängten sich die Schuten, die die Waren von den großen Schiffen zu den hoch aufragenden Speichergebäuden brachten oder von dort abholten. Für gewöhnlich blieb Mina an dieser Stelle eine Weile stehen, um zuzuschauen, aber heute hatte sie es eilig und lief schnell weiter in Richtung Sandtorkai. In der Ferne erblickte sie den Turm des Kaiserspeichers, dem einzigen Speicher, an dem auch Schiffe mit größerem Tiefgang anlegen konnten. Ganz oben am Turm glänzte die goldene Zeitgeberkugel weithin sichtbar in der Sonne, wie der Reichsapfel des Kaisers. Gerade, als Minas Blick darauf fiel, sackte die Kugel ein Stück hinunter, verharrte kurz und wurde dann langsam wieder hochgezogen. Für die Schiffe, die in Sichtweite des Gebäudes festgemacht hatten, war das die Gelegenheit, die Uhrzeit abzugleichen.

»Zwölf Uhr«, murmelte Mina. Wenn sie sich beeilte, konnte sie ihren Vater noch vor dem Mittagessen abpassen.

Bestimmt war er nicht damit einverstanden, dass Großmutter sie wegschicken wollte. Und wenn sie es geschickt anstellte, würde sie ihn davon überzeugen, was für eine gute Idee ein Studium wäre. Sie war doch sein Mädchen, seine Mina. Wenn sie etwas wirklich von ganzem Herzen gewollt hatte und es gute Gründe dafür gab, dann hatte er ihr den Wunsch nie abgeschlagen.

Entschieden schob Mina sich durch das Gedränge auf dem Bürgersteig, der an den hoch aufragenden Klinkerfassaden der Speicherhäuser entlangführte. Offenbar war gerade die Schicht der Kaffeemädchen vorbei. Ein ganzer Schwall junger Frauen strömte aus einer zweiflügligen Tür und blieb lachend und schwatzend auf dem Bürgersteig stehen.

Mina erinnerte sich noch gut daran, wie Vater sie vor Jahren einmal mitgenommen hatte, als er zusammen mit dem Quartiermeister eine Sortiererei inspiziert hatte, die für Kopmann & Deharde arbeitete. Sie hatte mucksmäuschenstill neben den Männern gestanden und verstohlene Blicke auf die »Kaffeemiedjes« geworfen, die die schlechten Bohnen aus dem Rohkaffee klaubten. Säckeweise lag er auf den langen Tischen, an denen die Mädchen dicht aneinandergedrängt auf Holzbänken saßen. Ein paar von ihnen waren kaum älter als sie selbst gewesen, und sie hatte sich gefragt, ob sie bei dem herrlichen Sommerwetter nicht lieber draußen gespielt hätten. Die Sortiererei befand sich im obersten Stockwerk eines der Speicherhäuser, und die Sonne brannte durch die Oberlichter auf die Tische hinunter und heizte die staubige Luft unerträglich auf. Mina hatte ihren Vater später gefragt, ob man die Sortiererei nicht in einem anderen Stockwerk unterbringen könnte, wo es nicht so heiß sei. Sie erinnerte sich noch an den erstaunten Blick, den er ihr zugeworfen hatte. Sortierereien seien immer ganz oben in den Speichergebäuden, wo das Licht am besten sei, hatte er ihr erklärt. Die Arbeit müsse sehr sorgfältig gemacht werden, denn eine einzige faule Bohne könne einen ganzen Sack Kaffee unbrauchbar machen.

Dann hatte Vater stolz gelächelt und ihr über den Kopf gestrichen. »Schön, dass du ein so gutes Herz hast und an die anderen denkst«, hatte er gesagt und versprochen, beim Quartiermeister anzuregen, den Mädchen bei so heißem Wetter wenigstens eine zusätzliche Pause zu gönnen.

Mina wich auf die Straße aus, um die Menschentraube zu umgehen, und wäre um ein Haar mit einem Arbeiter zusammengestoßen, der einen zweirädrigen Handkarren voller Säcke hinter sich herzog.

»Pass doch op!«, rief er gereizt, als er seinen Wagen mit Mühe zum Stehen gebracht hatte. »Dumme Deern!«

Mina sprang erschrocken auf den Bürgersteig zurück. »Pass du doch op!«, gab sie im gleichen Tonfall zurück.

Der Arbeiter hatte sie sicher für eins der Kaffeemädchen gehalten. Die Tochter des Kaffeeimporteurs Karl Deharde hätte er bestimmt anders behandelt. Da sie ihren Vater schon oft im Kontor besucht hatte, kannte Mina etliche der Speicherarbeiter vom Sehen. Dieser bärtige junge Kerl mit den leuchtend roten Haaren, die unter seiner Schiffermütze hervorlugten, war ihr aber noch nicht untergekommen. Eine Sekunde lang funkelten sie sich wütend an, dann schüttelte der Arbeiter den Kopf, packte die Griffe seiner Handkarre und zog sie weiter.

»Unverschämtheit«, murmelte Mina, während sie ihm hinterhersah. Dann riss sie sich los und lief die wenigen Schritte bis zur Nummer 36, wo neben der Eingangstür das Schild mit der Aufschrift Kopmann & Deharde – Import und Export angebracht war.

Die Hand auf die Klinke gelegt, holte sie tief Luft und betrachtete ihr Spiegelbild in der vergitterten Scheibe der Tür. Die Anspannung war ihr deutlich anzusehen. Ihr Mund wirkte verkniffen, und zwischen den Augenbrauen stand eine Sorgenfalte. Außerdem waren ihre Wangen vom schnellen Laufen gerötet, und aus dem Haarknoten hatten sich einmal mehr ein paar Locken gelöst.

Kein Wunder, dass der Arbeiter dich für eine dumme Deern gehalten hat, dachte sie. Du siehst aus wie ein Backofenbesen.

Den Ausdruck hatte Frau Kruse, die Köchin, früher immer benutzt, wenn Mina wieder einmal verbotenerweise mit den Straßenkindern gespielt hatte und ihre Haare wie eine zottige Löwenmähne vom Kopf abstanden. Dann war sie durch die Küche ins Haus geschlichen, damit niemand sie bemerkte, aber Frau Kruse hatte sie jedes Mal erwischt. Nach einer gehörigen Standpauke – Fräulein Mina solle sich von den Straßengören fernhalten, die seien kein Umgang für die Tochter eines Hamburger Kaufmanns – hatte Frau Kruse ihr liebevoll über den Scheitel gestrichen, gefragt, ob sie denn tüchtig Spaß gehabt habe, und ihr einen Zuckerzwieback gemacht. Beim Gedanken daran musste Mina ein Lachen unterdrücken. Sofort verschwand der angespannte Blick, und ihre blauen Augen strahlten.

»Na bitte! Es geht doch«, murmelte sie. »Niemals zeigen, dass man sich Sorgen macht, sonst wird man übervorteilt. Also, auf in den Kampf.«

Sie nickte ihrem lächelnden Spiegelbild zu, drückte die Klinke hinunter und trat ein. Eine halbe Treppe hoch zur Linken befanden sich die Kontorräume von Kopmann & Deharde. D

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