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Der Düsterkrallenwald

Über den Autor

Stephan Russbült wurde 1966 in Rendsburg geboren. Er absolvierte eine Lehre als Großhandelskaufmann, studierte BWL und arbeitet heute als leitender Angestellter. Aus seiner Begeisterung für Fantasy-Rollenspiele erwuchs auch seine Leidenschaft, Geschichten zu schreiben. Russbült lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Husum, wo die Sonne niemals scheint.

STEPHAN RUSSBÜLT

DER
DÜSTERKRALLEN-
WALD

ROMAN

BASTEI ENTERTAINMENT

»Wenn die Göttin Cephei aus ihren heiligen Hallen

auf die Welt hinunterblickt und

einen Halbling in seinem Vorgarten sitzen sieht,

wie er gemütlich Pfeife raucht und dabei zuschaut,

wie die Ernte wächst und gedeiht,

dann weiß sie, es ist alles in bester Ordnung.«

Sinnspruch über dem Eingang des Tempels der Cephei in Eichenblattstadt

1. VIER SCHICKSALE

Am Tag der Sommersonnenwende irgendwo in Graumark

Milo Blaubeers hockte inmitten des Blättergewirrs der alten Esche in schwindelerregender Höhe auf einem Ast, von dem er sich sicher sein konnte, dass er sein Gewicht tragen würde. Mit einer Hand hielt er sich an einem dünnen kahlen Zweig fest, und mit der anderen versuchte er, die Blätter vor seinem Gesicht zu teilen, um einen Blick nach unten werfen zu können. Die dichte Baumkrone ließ nur eine spärliche Aussicht auf die Welt unter ihm zu, worüber er auch ganz froh war. Von Zeit zu Zeit tauchte sein Bruder Bonne als kleiner bunter Punkt zwischen all dem Grün fünfzig Fuß unter ihm auf.

»Vergiss nicht, Halblinge kennen keine Angst!«, rief Bonne zu ihm hoch.

»Halblinge stürzen sich auch nicht mit gebastelten Fledermausflügeln von Bäumen, um zu sehen, ob sie fliegen können. Jedenfalls keine, die bei Verstand sind«, murmelte Milo leise und versuchte den Heuwagen, den sie in der Nähe der Esche platziert hatten, auszumachen.

»Nur für den Fall, dass Halblinge doch nicht fliegen können«, hatte sein Bruder gemeint und den Karren aus der Scheune des Bürgermeisters gezogen.

Schräg über Milo saß ein Blattpfeifermännchen in den Ästen und trillerte sein fröhliches Lied. Aufmerksam drehte es den Kopf hin und her, um den Halbling zu beobachten. Es hatte anscheinend die Suche nach Käfern und Larven für einen Moment unterbrochen, um zu sehen, was sein übergroßer Kontrahent vorhatte. Mit brauner Hose und grüner Jacke war Milo in den Gefiederfarben des kleinen Singvogels unterwegs. Nun sollte sich gleich herausstellen, ob er eines Vogels würdig war.

»Willst du wissen, was Meister Othman in deiner Situation tun würde?«, rief Bonne.

Herunterklettern und dir für die Idee eine Tracht Prügel verpassen, wurde Milo erschreckend bewusst.

Die Witzelei über den alten Magier war zu einer neuen Passion für Bonne geworden, und Milo musste zugeben, dass sie einen gewissen Unterhaltungswert besaß. Nur der Moment war für einen solchen Scherz nicht sonderlich passend, befand er. Andererseits – falls dies seine letzte Mutprobe sein sollte, konnte es nicht schaden, ihr mit einem Lächeln auf den Lippen entgegenzutreten.

»Keine Ahnung, sag schon!«, brüllte er hinunter.

»Meister Othman fällt nirgends herunter, er schwebt höchstens, und seine unermessliche Macht zieht dabei die Welt zu sich heran.«

Milo fand es immer wieder erstaunlich, wie sehr seinen Bruder die eigenen Witze belustigten. Aber genau dieses bisschen Frohsinn war es, dass ihn nun dazu veranlasste, die Arme auszubreiten, das dünne Ziegenleder, das sich von den Handgelenken über die Achseln bis hinunter zur Hüfte in einem Dreieck spannte, als bedenkenlos flugtauglich anzusehen und vom Ast zu springen. Milo stürzte wie ein Stein in die Tiefe und auf den kleinen Heuwagen unter sich zu.

Oda, Nelf und Tislo Kesselstolz waren schon zu weit gekommen, um jetzt wieder kehrtzumachen. Die drei Halblinge hatten sich vorbei an etlichen Wachen, einem Trupp Zwerge, der unerwartet einem der Aufzüge entsprungen war, und an der Unterkunft des Stollenmeisters geschlichen. So kurz vor dem Ziel gaben Halblinge nicht auf. Der Reichtum, den Nelf ihnen versprochen hatte, war zum Greifen nah. Das süße unbeschwerte Leben lachte ihnen regelrecht ins Gesicht – momentan allerdings noch als zwergische Steinmetzarbeit in Form einer Tür.

»Bist du dir sicher, dass sie dahinter ihre Edelsteinfunde aus dem Stollen lagern?«, fragte Tislo verunsichert.

»Entweder das, oder die gesamten Biervorräte des Landes sind hinter dieser Tür. Was denkst du, warum sie so aussieht, wie sie aussieht? Drei Tonnen pures Gestein und die eigenhändige Arbeit des Zwergenmeisters von mindestens einem Jahr werden sicher nicht als Tür zum Abort dienen.«

»Wer weiß«, gab Oda zu bedenken und hielt sich die Nase schon einmal sicherheitshalber zu, »vielleicht gerade deshalb.«

Nelf tastete, kein bisschen verunsichert durch den Einwand seiner Schwester, weiter die Tür ab, während Tislo ihm mit der Fackel leuchtete. Zoll um Zoll tastete er jede erdenkliche Erhöhung und Vertiefung ab. Die von der Vorderseite fast poliert wirkende Oberfläche zeigte einige eingelassene zwergische Runen sowie die aufgesetzte Darstellung eines Breitschwertes.«

»Das verdammte Ding sieht aus, wie aus einem einzigen riesigen Block gehauen«, stöhnte Nelf. »Aber das ist unmöglich. Irgendwie müssen sie die Tür ja aufbekommen.«

Plötzlich kamen Nelfs Finger auf der kugelförmigen Ausbuchtung am Ende der rechten Parierstange des in Stein gearbeiteten Schwertes zum Ruhen.

»Die Stelle hier ist rauer als der Rest«, verkündete er.

»Vielleicht hatte er die Schnauze voll, immer nur Türen für Aborte zu bauen, und hat angefangen zu pfuschen«, grunzte Tislo.

»Vielleicht ist es aber auch ein Geheimmechanismus, den zu finden, du zu blöd bist«, wandte Nelf ein.

Als er begann, die kleine Halbkugel zu drehen, knirschte es kaum hörbar. Nelf tastete sich hinüber zur anderen Seite der Parierstange.

»Hier auch!«, verkündete er stolz.

Nachdem er die andere Halbkugel ebenfalls gedreht hatte, legte er ein Ohr an die Tür. Als nichts passierte, trat er achselzuckend einen Schritt zurück.

»Irgendetwas fehlt noch«, stöhnte er enttäuscht.

»Ein lustiger Zwergenreim vielleicht«, schlug Oda kichernd vor.

Nelf zeigte zielsicher auf den Schwertknauf. Er trat wieder vor, aber sein Arm reichte nicht bis dorthin. Sein Bruder war sofort zur Stelle. Er faltete die Hände und machte eine Räuberleiter. Nelf brauchte nur einen Moment, um das Reliefstück zu drehen. Erschrocken sprang er zurück, als die Tür sich mit einem schwergängigen Knirschen langsam öffnete.

Tislo leuchtet mit der Fackel in das Innere der langen schmalen Kammer. Das Licht schien sich fast darin zu verlieren, doch weiter hinten funkelte ein rötlicher Glanz wie ein blutender Stern am Nachthimmel.

»Wir sind reich, Geschwister«, jubelte Nelf.

»Sieh nicht ständig zu ihm hin«, ermahnte Dorn die junge schwarzhaarige Frau an seiner Seite. »Sie werden uns schon nicht vergessen haben.«

»Das wäre mir aber lieber«, gab Senetha flüsternd zurück. »Was denkst du, was er von uns will.«

Dorn setzte den Becher an und nahm einen großen Schluck.

»Das, was er immer will«, sagte er. »Er erzählt uns, wie schwer die Zeiten sind, wie schlecht es ihm geht und was für eine miserable Investition wir für ihn waren.«

Senetha sah ihn mit großen, traurigen Augen an.

»Du meinst, was für eine schlechte Investition ich war.«

»Quatsch! Er ist ganz vernarrt in dich. Alles, was ihn daran hindert, sich dir zu Füßen zu werfen, bin ich. Er hat Angst, dass ich auf ihn drauftrete.«

Senetha nippte nur an ihrem Glas Wein, und trotzdem hätte sie sich beinahe vor Lachen verschluckt.

»Er würde mich nur in sein Hurenhaus verfrachten«, sagte sie heiter.

Dorn leerte den Rest Bier aus seinem Krug in einem Zug. Dann wischte er sich mit dem Handrücken über den Dreitagebart.

»Du hast keine Ahnung von Männern«, grunzte er. »Er ist hässlich und reich, er braucht dich nicht, um noch reicher zu werden. Er braucht eine wunderschöne Frau an seiner Seite.«

»Aber ich will nur dich«, flüsterte sie dem Söldner verlockend ins Ohr.

»Hey, ihr Turteltäubchen«, grölte der finster aussehende Kerl, der das Hinterzimmer der verwaisten Kneipe bewachte. »Kommt schon her, Sliff wartet nicht ewig auf euch.«

Dorn und Senetha erhoben sich von ihren Hockern am Tresen und folgten dem Aufruf.

Der Diebesgildenmeister saß an dem schweren Eichentisch bei Wein und Brot und hatte vor sich einige Stapel Goldmünzen aufgetürmt.

»Ihr braucht euch nicht zu setzen«, sagte er mit fistelnder Stimme, als Dorn einen der Stühle zu sich heranzog. »Ich erzähle euch nichts Neues, wenn ich euch sage, dass ihr beide mich nur Geld kostet. All eure Versuche, sich in der Gilde zu etablieren, sind gescheitert. Ihr seid so gut wie wertlos für mich.«

Dorn spürte den Atem des Leibwächters hinter sich in seinem Nacken.

»Ich mache euch noch einen Vorschlag zur Güte. Ansonsten setzte ich Kelf auf euch an«, fuhr Sliff fort. »Senetha geht ins Engelshaar, und dir, Dorn, verschaffe ich einen Platz bei der Stadtwache. Wir brauchen gute Leute dort, um alles unter Kontrolle zu behalten, wenn du verstehst, was ich meine.«

Dorn verstand, aber Gefallen fand er daran nicht. Er griff nach hinten, bekam den Mann in seinem Rücken zu fassen und zerrte ihn zwischen sich und Sliff. Er packte sein Opfer im Nacken und schlug dessen Stirn mit Wucht auf die Tischplatte, sodass die Türmchen aus Goldstücken umfielen und die Münzen über den Tisch rollten. Er ließ den Handlanger los, und dieser brach vor seinen Füßen stöhnend zusammen. Senetha und Sliff schienen beide gleich geschockt zu sein und blieben wie erstarrt.

»Ich hoffe, das war nicht Kelf«, brummte Dorn. »Ich habe auch einen Vorschlag zur Güte. Du lässt Senetha und mir freie Hand in dem, was wir tun, und wir zahlen dir wöchentlich einen Anteil zurück. Ansonsten werden wir keine Freunde mehr sein.«

Sliff nickte stumm, aber Dorn wusste, dass er irgendwann seine Fassung wiedererlangen würde, und dann würde er sich daran erinnern, was passiert war.

Rubinias zaghaftes Klopfen an der Tür verursachte kaum einen Ton. So würde sie noch heute Abend hier stehen, doch dann wäre der Gimswurztee kalt, der Käse am Rand ausgetrocknet und das Brot steinhart. Sie glaubte zwar nicht, dass Meister Othman einen Unterschied feststellen würde, doch ihrem Stolz als Bewirtschafterin des Krähenturms würde es erheblichen Schaden zufügen. Sie stellte das Tablett auf den Boden und klopfte erneut gegen die robuste Eichentür. Niemand antwortete.

Die Halblingsfrau versuchte es noch einmal. Diesmal etwas forscher. Das Klopfen hallte durch das enge Treppenhaus des Turmes. Im selben Moment gab es einen dumpfen Knall hinter der Tür. Rubinia zuckte zusammen.

»Schnell, mach das aus«, hörte sie Othman hektisch sagen. »Da brennt es auch noch. Ja, so ist gut. Pass auf, dass nichts davon auf meine Aufzeichnungen kommt. Vorsichtig damit.«

Es klang, als würde jemand mit einem Tuch oder Lappen auf dem Tisch herumschlagen, und kurz drauf zischte es, als wenn Wasser über glühende Kohlen gegossen wurde.

»Sie nach, wer an der Tür ist.«

Träge, schlurfende Schritte näherten sich. Jemand drehte den Schlüssel im Schloss und zog die Tür ein Stück auf.

Rubinia starrte in ein kleines haarloses Gesicht mit spitzen Ohren und gelben Augen. Das Wesen war noch gut einen Kopf kleiner als sie.

»Ist alles in Ordnung bei euch, Aschgrau?«, fragte sie.

»Wir haben keine Zeit zum Ordnungmachen, der Meister und ich. Wir sind mitten in einem Experiment.«

»Ich bringe das Frühstück für Meister Othman. Er sollte etwas essen.«

»Der Meister braucht das Frühstück nicht. Es ist noch genügend vom Abendbrot übrig«, erklärte Aschgrau. »Und jetzt, nach dem Brand, ist auch der Tee wieder warm.«

Es war schwierig, den Gnomen des Meisters klarzumachen, welche Bedürfnisse Menschen hatten. Und es war noch schwieriger, ihnen zu erklären, dass eine Halblingsfrau im Krähenturm das Sagen hatte, wenn es um das leibliche Wohl der Bewohner ging. Aber Rubinia hatte sich an diesen ewigen Krieg gewöhnt.

Sie nahm das Tablett auf und zwängte sich an dem Gnom vorbei in das Arbeitszimmer des Magiers.

»Das könnt ihr nicht tun. Das dürft ihr nicht. Das sage ich dem Meister. Ihr seht doch, dass wir keine Zeit haben«, stammelt Aschgrau und hetzte hinter Rubinia her.

Der Raum war erfüllt von einem beißenden, gelben Rauch. Meister Othman saß an seinem Labortisch und tupfte mit einem Lappen auf seinen handschriftlichen Unterlagen herum.

»Oh, Rubinia, Ihr seid es. Ich habe noch gar nicht alles aufgegessen«, sagte er, als er die Halblingsfrau durch den Qualm hindurch erkannte. »Die Steinpilzpastete ist vorzüglich.«

»Es ist Morchelpastete und bereits später Vormittag«, sagte Rubinia energisch. »Ihr habt wieder nichts gegessen. So könnt ihr nicht bei Kräften bleiben. Wenn ihr in Eure Experimente vertieft seid, vergesst Ihr alles um Euch herum. So kann das nicht weitergehen.«

»Der Meister will nirgends hingehen«, mischte sich Aschgrau erneut ein. »Wir haben ein wichtiges Experiment zu vollenden.«

»Lass gut sein, Aschgrau«, sagte Meister Othman. »Rubinia hat Recht. Ich muss etwas essen.«

»Dann hätten wir das ja geklärt«, sagte Rubinia.

Sie schob einige der Schälchen, Glaskolben und aus Metall gebogenen Ständer beiseite. Meister Othmans Augen wurden groß.

»Irgendetwas Wichtiges?«, fragte sie, als sie seinen Blick bemerkte.

Der Magier holte tief Luft und hielt den Atem einen Moment an. Rubinia zog vorsichtig die Hände vom Tisch zurück.

»Nein, nein«, säuselte Othman. »Es ist nur, weil das die Ergebnisse der letzten zwei Wochen sind, die Ihr dort wie Schmutz zusammenfegt.«

»Oh, das wollte ich nicht«, sagte Rubinia etwas verschämt. »Was ist es denn?«

Othman starrte auf die Überreste auf seinem Tisch.

»Schmutz«, sagte er. »Aber wenn mir das Experiment gelungen wäre, hätten wir eine Substanz gehabt, die Licht speichern kann und sie langsam wieder abgibt.«

Rubinia legte die Stirn in Falten.

»Es leuchtet im Dunkeln«, erklärte Othman ihr.

»Ihr hättet denselben Effekt, wenn ihr die Fenster öffnen, das Licht herein- und den Qualm herauslassen würdet«, erwiderte Rubinia. »Und dafür müsstet Ihr keine zwei Wochen Tag und Nacht arbeiten. Jetzt esst bitte Euer Frühstück. Vielleicht legt Ihr Euch dann noch etwas hin. Ich wecke Euch zum Mittagessen wieder. In der Zwischenzeit kann Aschgrau hier etwas aufräumen.«

Der Gnom verzog verärgert das Gesicht.

»Wahrscheinlich habt Ihr wie immer Recht«, gestand der Magier. »Mein Talent liegt auch eher darin, Unordnung zu machen, und es ist wesentlich effektiver, wenn man ausgeruht an einem sauberen Arbeitsplatz sitzt, als zu versuchen, das Chaos noch zu vergrößern.«

Othman lächelte Rubinia verschmitzt zu.

2. DER WANDERER

»Eichenblattstadt? Nie gehört. Wo soll das sein?«, lallte der schmierig aussehende Tagelöhner von seinem Tisch hinüber zum Tresen, ohne seinen Gesprächspartner dabei auch nur eines einzigen Blickes zu würdigen.

Dem Reisenden war dieses ungebührliche Verhalten wie auch die wenig brauchbare Antwort mehr als recht. Genauer gesagt, war gerade dieses »keine Ahnung« der Grund dafür, hier zu sein und die drittklassige Herberge, die wegen ihrer an Armut grenzenden Rustikalität bekannt war, zu ertragen. Zudem lockten ein feist grinsender Wirt, eine in die Jahre gekommene Schankmaid und ein übler Gestank aus der Küche. Wer sich hierher verirrte, wollte nur hastig etwas trinken, ein paar Neuigkeiten erfahren oder sie unters Volk bringen und so schnell wie möglich wieder verschwinden. Was jemand war, was er wollte, wie er aussah oder gar wie er hieß, interessierte hier niemanden. Ein perfektes Plätzchen, um nicht aufzufallen.

Der Mann am Tresen lächelte zufrieden im Schatten seiner Kapuze und wandte sich wieder dem Becher Rotwein vor sich zu. Jemand wie er konnte einem halbwegs guten Tropfen nicht widerstehen. Jederzeit hätte er den interessantesten Gesprächspartner gegen einen Krug Roten aus den tardisischen Hochlanden eingetauscht. Wein sprach immer die Wahrheit, wohingegen Menschen meist logen oder ihre vor Dummheit strotzenden geistigen Ergüsse von sich gaben.

»Eichenblattstadt? Die Reise könnt Ihr Euch ersparen«, stammelte ein anderer Gast vom Nebentisch.

Der Reisende drehte den Kopf zur Seite und beäugte den Fremden aus der Tiefe seiner Kapuze heraus. Anscheinend handelte es sich bei dem Mann um einen fahrenden Händler. Auf dem Tisch vor ihm lag ein ausgerolltes Pergament, auf dem er in großer Schönschrift einige Waren verzeichnete und diese mit Preisen versah. Vom Tresen aus waren nur die ersten zwei Zeilen zu erkennen: Seidenstoff dunkelblau – 1 Spann: 2 Taler, Lederriemen – 1 Schritt Länge: 1 Taler.

Der Händler hielt für einen Moment inne. Als er sich der Aufmerksamkeit seines Gesprächspartners gewiss war, schob er fordernd einen leeren Bierkrug über den Tisch.

Der Reisende wandte sich kurz dem Wirt zu und signalisierte mit einem Nicken sein Einverständnis, eine Runde zu spendieren.

Erst als der Krug randvoll war, redete der Händler weiter.

»Es gibt Orte, die weder Schutz noch gute Geschäfte, geschweige denn Reichtum versprechen«, verkündetet er allwissend. »Die meisten von ihnen lassen meinen Magen krampfen, bevor ich sie überhaupt betreten habe, und wenn ich sie wieder verlasse, bleibt ein fahler Geschmack im Mund zurück.«

Der Reisende nickte zögerlich. Mit diesem einen Satz hatte der Händler seine ganze Aufmerksamkeit errungen. Auch sein Magen zog sich zusammen. Ob ein fahler Geschmack im Mund zurückbleiben würde, lag am weiteren Verlauf des Gespräches.

»Aus Eichenblattstadt kommt nichts Gutes«, erklärte der Händler und leerte den halben Krug mit einem Schluck. Ohne sich die Reste der Bierkrone aus seinem Oberlippenbart zu wischen, fuhr er fort: »Wenn Ihr Geschäfte machen wollt, macht sie mit euresgleichen, sag ich immer. Alle anderen versuchen nur, einen aufs Kreuz zu legen.«

Der Reisende fühlte, wie sich seine Finger verkrampften. Schnell zog er sie in den Schutz der weit ausladenden Ärmel.

»Na ja, Ihr wisst ja, was man über die Bürger von Eichenblattstadt sagt«, druckste der Händler herum.

Vielleicht lag es an dem starren, auf ihn gerichteten Blick seines Zuhörers oder unter Umständen an dessen wortkargen Art, aber anscheinend befürchtete er plötzlich, an den Falschen geraten zu sein.

»Nein«, brummte der Reisende, »sagt mir, was man sich über sie erzählt.«

Der Händler blickte sich nervös in der Schankstube um. Er schien nach Unterstützung zu suchen, die in dieser Art Etablissement genauso häufig vorzufinden war wie gutes Essen oder eine freundliche Bedienung.

»Na, sagt schon«, drängte der Reisende.

»Man kann den Elfen nicht trauen, weil sie die Menschen als minderwertig ansehen«, platzte es aus dem angetrunkenen Händler heraus, als ob er es schnell hinter sich bringen wollte.

Der Reisende schnaubte verächtlich, lachte kurz auf und wandte sich wieder seinem Becher Rotwein auf dem Tresen zu. Die Antwort war eine Erleichterung für ihn. Zum einen zeigte sie, dass der Händler keine Ahnung hatte, worüber er sprach, zum anderen bewies sie, dass die Elfen richtig lagen mit dem, was sie über Menschen dachten. Der Händler redete über Eichenstadt, die Heimat der Elfen im Westen des Landes Nurok, die hoch über dem Boden zwischen den Ästen von gewaltigen Bäumen erbaut worden war – nicht Eichenblattstadt. Ersteres war ein Ort der Mystik, der Schönheit und Reinheit. Ein Ort, der frei von allen Makeln inmitten einer Welt aus Gier und Neid geschaffen war, und der, wie die Krone vom Haupt eines Königs, alles andere um sich herum verblassen ließ. Ein Ort, zu dem weder die Sterblichen noch die Götter etwas beitragen konnten, um ihn besser oder vollkommener zu machen. Er hingegen suchte nach einem anderen Ort …

Dreißig Jahre hörte sich der Reisende jetzt schon an den unterschiedlichsten Orten der Welt nach Eichenblattstadt um, und seit dreißig Jahren verliefen die Gespräche so oder ähnlich. Einige gaben zu, nichts zu wissen, andere, wie auch der Händler, glaubten, etwas zu wissen, und wiederum andere erfanden die haarsträubendsten Geschichten, nur um etwas erzählen zu können. Eines jedoch war allen gemeinsam: Sie alle hatten keine blassen Schimmer, wo oder was Eichenblattstadt war. Solange dies so blieb, war alles gut.

Es war wichtig, dass Eichenblattstadt für die meisten Menschen nur ein Name blieb, dem allein ihre eigene Phantasie ein Aussehen verlieh. Große Dinge würden dort geschehen, doch diese würden nur eintreten können, wenn sie ohne Vorwarnung passierten. Die Aufgabe des Reisenden war es, dafür zu sorgen, dass alles so blieb, wie es war. Er selbst würde bestimmen, wann es an der Zeit war, der Welt die Augen zu öffnen. Von diesem Zeitpunkt an würde Eichenblattstadt nicht mehr nur ein Name sein. Ihm war natürlich bewusst, dass seine Fragen ein Interesse an diesem Ort auch auflodern lassen konnten, doch dieses Risiko war er bereit einzugehen, denn es war verschwindend gering.

Wer sich also die Mühe machen wollte, herauszufinden, warum der Reisende jede zufällige Bekanntschaft zwischen Feuerberg und Trebstein nach diesem geheimnisvollen Ort ausfragte, mutete sich viel zu. Er wäre gezwungen, im Laden eines gut sortierten Kartographen nach einer möglichst detailgetreuen Karte des nordöstlichen Gebietes des Kontinents Trumbadin zu suchen – ein langwieriges, aber nicht hoffnungsloses Unterfangen. Wäre dieses Martyrium von Erfolg gekrönt, erschiene das Ziel zum Greifen nahe. Nun hieße es nur noch, sich durch ein Gewirr aus Strichen, Symbolen und winzigen Betitelungen hindurchzuarbeiten. Irgendwann würde man dann vielleicht durch Zufall auf den Namen Graumark stoßen, einen kleinen, freien und wirtschaftlich recht unbedeutenden Landstrich. Graumark ähnelte von der Form her einem Küstenstreifen ohne Küste. Es lag eingeklemmt von dem Königreich Lonnas auf der einen Seite und den weitestgehend unerforschten Barbarenlanden auf der anderen Seite. Genau an dieser Grenze lag ein riesiges Waldgebiet mit dem heimeligen Namen Düsterkrallenwald. Im Norden grenzte er an den Graurücken, einen Gebirgsmassiv, das sich über hundert Meilen von Ost nach West quer durch Graumark erstreckte. Im Osten und Westen lag eine wenig markante Graslandschaft und im Süden ein Hochmoor.

Im Zentrum des Waldes wäre auf der Karte des nordöstlichen Trumbadins vermutlich ein kleiner Punkt verzeichnet. Auf den meisten Exemplaren blieb dieser unbetitelt, doch auf einigen würde man in winzigen Buchstaben den Namen Eichenblattstadt lesen können. Fand man den gesuchten Eintrag, zählte man zu den wenigen, die es geschafft hatten, und blickte voller Enttäuschung auf den winzigen unbedeutenden Fleck am oberen Rand einer ausgefransten und verblichenen Karte.

Wer sich bis zu diesem Punkt immer noch nicht von der Bedeutungslosigkeit dieses Ortes hatte abschrecken lassen und seinen Wissensdurst nicht mit tristen Aufzeichnungen stillen wollte, dem blieb nichts anderes übrig, als zu reisen. Doch diese Reise würde einen nicht nur von einem Ort zu einem anderen bringen, sondern auch in der Zeit zurück in das Zeitalter der Verblendung.

Für die wenigen Reisenden, die es nach Eichenblattstadt verschlug, schien der Ort nicht mehr als ein ganz normales Dorf zu sein, das kaum mehr als dreihundert Seelen zählte. Wer hierher fand, war sicherlich nur auf der Durchreise, was daran lag, dass es in dem kleinen Ort kaum etwas zu sehen, zu kaufen oder zu stehlen gab, und wenn doch, dann musste man sich dafür bücken. Eichenblattstadt war nämlich ein Halblingsdorf und die vorzufindende Architektur der Größe der Bewohner angepasst. Dieses Dorf war eine der vier Gründungssiedlungen in Graumark und eine Art letzte Bastion. Frei von monarchischen Einflüssen, lag das Land als Bollwerk zwischen Lonnas und den Barbarenlanden. Ein längst vergessener Krieg und ein Pakt zwischen den Völkern hatten es zu einer Art Schlichterfels werden lassen. Jedes Volk hatte vor rund dreihundert Jahren seine offiziellen Vertreter in das Gebiet geschickt, um es zu besiedeln und sicherzustellen, dass niemals jemand Anspruch auf Graumark erhob. In den Geschichtsbüchern war nachzulesen, dass dieser Landstrich viele Hundert Jahre eine Brutstätte für Übergriffe auf Nachbarländer gewesen war. Derlei Kampfhandlungen selbst waren nicht ungewöhnlich, aber lagen in diesem Fall keine normalen Grenzrivalitäten vor. Thyrus der Erste, damaliger König von Graumark, versuchte immer wieder, sich Teile der Barbarenlande einzuverleiben, da sie reich an Edelsteinen und Erzen waren. Doch anstatt dass die hünenhaften Krieger sich ihr Land zurückeroberten und Thyrus Einhalt geboten, schlugen sie an wahllos anderen Stellen zu und tobten ihre Wut an unbeteiligten Königreichen aus. So führten diese Grenzrivalitäten zu ständigen Auseinandersetzungen mit befreundeten Herrschern. Trotz mehrfacher Audienzen und intensiver Gespräche mit dem König, zeigte sich Thyrus uneinsichtig. Man rang sich sogar dazu durch, ihm wirtschaftliche Hilfe anzubieten, wenn er auf seine Eroberungszüge verzichtete, doch der König lehnte ab. Irgendwann zerbrach das Bündnis zwischen Graumark und den umliegenden Königreichen, und es kam zum Krieg. Graumark wurde fast vollständig vernichtet, König Thyrus fiel in der letzten Schlacht am Nordlandpass, und die überlebenden Bewohner wurden vertrieben oder versklavt. Nach unendlichem Hin und Her, wer das Sagen haben oder ob das Land unter eine Schutzherrschaft gestellt werden sollte, einigte man sich darauf, es gemeinschaftlich zu regieren. Jedes der vier Völker entsandte eine Abordnung, die sich in Graumark niederlassen und den Grundstock einer neuen Gesellschaft bilden sollte.

Die Elfen waren die Ersten, die der Aufforderung nachkamen. Fast tausend Männer, Frauen und Kinder zogen in einer Art Prozession quer durch vier Königreiche, um in Graumark ein neues Leben zu beginnen. Wie immer im Leben: Wer zuerst kam, mahlte zuerst. Doch entgegen der allgemeinen Vermutung, dass die Elfen sich in dem großen Waldgebiet im Norden des Landes niederlassen würden, bezogen sie das Hochmoor im Süden. Als Grund gaben sie an, nicht in die Nähe der Berge zu wollen, weil sie vermuteten, dass die Zwerge dort einziehen würden.

So und nicht anders geschah es. Die Zwerge schlossen alle wenig ertragreichen Minen in den umliegenden Königreichen und besiedelten mit Sack und Pack den Graurücken. Ihre Anzahl ließ sich nur schätzen, doch nach den ersten Gerüchten, dass sie auf eine Silberader gestoßen seien, wuchs die Zahl, und man vermutete, dass es wenigstens dreitausend waren, die sich in Graumark niederließen.

Wenig später folgten auch die Menschen und halfen König Samet damit aus einer brenzligen Lage. Sein Zweitgeborener gierte wenn schon nicht nach dem Thron, dann wenigstens nach einem eigenen Reich. Um das eigene Land nicht teilen oder einen Krieg beginnen zu müssen, kam dem König Graumark gerade recht. Was die Anzahl derer betraf, die seinen Sohn begleiteten, ließ König Samet keinen Zweifel daran, welcher Herkunft sein Sohn war. Mit einem Heer von zweitausend Mann und einem ebenso starken Gefolge begannen sie, sich an der östlichen Grenze im Flachland niederzulassen.

Zu guter Letzt erreichten auch die Halblinge ihr neues Zuhause. Zuerst schien es so, als ob keine der Halblingssiedlungen in den umliegenden Reichen bereit wäre, überhaupt jemanden zu schicken. Halblinge waren dafür bekannt, nicht gern zu reisen, und böse Zungen behaupteten, sie seien sesshafter als Baumflechten und schwerer loszuwerden als Bandwürmer. Halblingen stand eben nicht der Sinn nach Abenteuern, und so lehnte eine Großfamilie nach der anderen dankend ab. Als Grund dafür gaben sie die unterschiedlichsten Dinge an: Man warte noch darauf, dass eine Kuh kalbte, dann war es ein Schaf und danach irgendein anderes Tier. Mal war es der Bau eines neuen Ofens, den man nicht zurücklassen wolle, mal die ausstehende Ernte, die noch eingebracht werden musste. Für Halblinge gab es immer einen Grund, ihre Heimat nicht zu verlassen, und war er noch so nichtig. Erst auf Drängen der anderen Völker entschied man sich, aus jeder der sechs großen Siedlungen eine Familie zu entsenden. Dass die Wahl auf die Familien mit dem wenigsten Ansehen traf oder auf diejenigen, derer man sich gern entledigen wollte, lag auf der Hand.

Somit zogen die Butterblums, die Bollwerks, die Furtfußens, die Blaubeers, die Grünblatts und die Findlings nach Graumark in das riesige Waldgebiet namens Düsterkrallenwald. Insgesamt waren es zweihundertzweiundzwanzig Halblinge, die auszogen, ein neues Leben zu beginnen. Als sie Graumark nach wenigen Wochen erreichten, zählten sie bereits zweihundertsechsunddreißig. Halblinge liebten große Familien.

So entstand das Dorf Eichenblattstadt, und im Laufe der Zeit schwand das Wissen um die Hintergründe und die Anfänge. Ein Schleier von Bedeutungslosigkeit und Desinteresse legte sich über alles. Graumark verschwand im Schatten seiner Herkunft.

»Was ist, passen Euch meine Ratschläge nicht?«, lallte der Händler im Rücken des Reisenden. »Ihr könntet ruhig ein wenig freundlicher sein, wenn ich schon auf Eure Fragen Rede und Antwort stehe.«

Der Reisende hatte den Händler schon fast wieder vergessen. Für ihn war der Mann nur so etwas wie ein Stein am Wegesrand – war er besonders, oder funkelte er, lohnte es sich, einen zweiten Blick zu wagen, ansonsten schritt man an ihm vorüber, ohne überhaupt zu bemerken, dass er dort lag.

»Was wollt Ihr? Ihr habt ein Bier bekommen, das sollte genügen für die verschrobenen Ansichten eines verbitterten Mannes, aus dem der Neid spricht. Ich schlage vor, ich lasse Euren Becher noch einmal füllen, und Ihr versucht, den Groll in Euch darin zu ertränken. Darin scheint Ihr besser zu sein denn als Ratgeber.«

Für einen Moment herrschte Schweigen. Selbst der Wirt hatte aufgehört, seine Gläser zu polieren, und wischte stattdessen konzentriert auf dem Tresen herum, um der Unterhaltung folgen zu können.

»Ach, darin besteht das Problem«, schnaubte der Händler aufgebracht.

»Ich habe kein Problem, weder mit Euch noch mit Euren Ansichten. Probleme pflege ich zu lösen. An Euch gehe ich einfach nur vorbei und habe Euch bereits vergessen, wenn ich mich noch einmal umsehe«, fuhr der Reisende ihn an, ohne sich jedoch von seinem Becher Rotwein abzuwenden und den Mann anzublicken. »Bitte nehmt es mir nicht übel, wenn ich mir meine eigene Meinung bilde.«

Dem Wirt war die Anspannung in dem Gespräch nicht entgangen. Zu oft schon hatte sich aus solch einem Wortgefecht eine handfeste Auseinandersetzung entwickelt. Auch wenn es häufig nicht so aussah, betrieben die meisten der Gastwirte ihre Geschäfte, um sich ihren Lebensunterhalt zu sichern und für sich und ihre Familie am Ende des Tages ein paar Münzen übrig zu haben. Eine Schlägerei mit allerhand zu Bruch gegangenem Mobiliar und zerschlagenen Fenstern, Krügen und Flaschen konnte schnell den Verlust aller Einnahmen eines Monats bedeuten. Im Falle dieser Schenke vielleicht eines Wochenlohns, was nicht an den hohen Einnahmen lag …

Zielsicher steuerte der Wirt hinter seinem Tresen hervor, auf den Tisch des Händlers zu und füllte den Bierkrug erneut. Er schien zu hoffen, dass er sich wie die meisten Menschen lieber betankt, als einem anderen Gast Stuhlbeine über den Schädel zu ziehen. Diese gewagte These stand jedoch auf umso wackligeren Beinen, je mehr Essen, Trinken und das Aussehen der Schankmaid zu wünschen übrig ließen. Der Wirt nickte dem angetrunkenen Händler freundlich animierend zu und deutete auf das schale, trübe Gebräu.

Der aufgebrachte Gast beachtete ihn kaum.

»Ah, jetzt verstehe ich, Ihr denkt, Ihr habt es hier mit ein paar Hinterwäldlern zu tun, die nicht verstehen, was um sie herum vorgeht. Ich kann Euch versichern, dass es nicht so ist. Ich habe schon fast alle Ecken dieser Welt bereist, und mein Gefühl, was Menschen, Elfen und Zwerge betrifft, hat mich noch selten getäuscht. Ihr würdet Euch wundern, was ich über Euch alles so berichten könnte, obwohl wir uns nur seit wenigen Augenblicken kennen.«

Jetzt wandte sich der Reisende doch vom Tresen ab und blickte den Händler gebannt an.

»Dann lasst mal hören«, sagte er mit tiefer, grollender Stimme.

Der Händler wirkte im ersten Moment verdutzt, doch einen Augenblick später erlangte er seine Fassung zurück und setzte ein herausforderndes Lächeln auf.

»Ihr denkt, Ihr könnt mit Eurer Maskerade die Leute hinters Licht führen, doch ich habe Euch durchschaut«, protzte er. »Die Kleidung, die Ihr tragt, wie Ihr Euch bewegt und auch diese merkwürdige Vorliebe für roten Wein verraten Euch.«

»Nur weiter so, mein Freund«, spornte der Reisende ihn an.

Der Händler ließ es sich nicht nehmen, der Aufforderung nachzukommen. Zu weit war er schon gegangen, um jetzt noch einen Rückzieher zu machen und sich der Lächerlichkeit preiszugeben.

»Wo soll ich nur anfangen, es ist alles so offensichtlich?«, höhnte er. »Schon allein die Schuhe, die Ihr tragt. Das Leder: Es ist feinstes Ziegenleder, und trotzdem hat sich jemand die Mühe gemacht, es in Salzlake einzulegen und so lange zu kneten, bis es weich wie Samt ist. Dann die Sohlen, die sich an der Hacke noch nicht einmal ansatzweise abgelaufen haben. Ich würde behaupten, Ihr seid jemand, der nicht viel läuft, der es sich aber dennoch leisten kann, gutes Gold für gutes Schuhwerk hinzulegen. Diese Art Spitzschuh ist im Westen des Landes sehr verbreitet. Als Nächstes ist mir Euer Ring an der rechten Hand aufgefallen, den Ihr so bemüht seid, in Euren Ärmeln zu verstecken. Ich glaube, ich liege nicht ganz falsch, wenn ich behaupte, es ist ein Gilden- oder Kleruszeichen. Da ich es nicht kenne, kommt es nicht von hier und auch nicht aus dem Süden des Landes oder aus der Nähe von Ackertal. Ihr scheint vorgeben zu wollen, jemand zu sein, der Ihr nicht seid.«

Der Reisende machte eine kreisende Bewegung mit der Hand, um den Händler zum Fortfahren zu bewegen. Mittlerweile wurde das Gespräch auch von den anderen Gästen verfolgt.

»Ihr habt es so gewollt, aber beschwert Euch im Nachhinein nicht, wenn ich Dinge preisgebe, die Ihr von Euch selbst noch nicht einmal wusstet«, lachte der Händler, und einige der Gäste stimmten mit ein. Nicht so der Reisende. »Euer trister Umhang dient allein dazu, das zu verbergen, was ihr darunter tragt. Ein winziges Stück dunkelblauer Saum mit silbernen Stickereien schaut darunter hervor. Ihr solltet besser auf Eure Tarnung achten. Auch dieses winzige Detail deutet auf einen Kleriker des Regor hin. Was Eure Vorliebe für Rotwein betrifft, ist sie ein weiteres Zeichen. An dem zögerlichen Nippen und den winzigen Schlucken erkenne ich, dass ihr eine süße Rebe bevorzugt. Etwas aus dem Süden des Landes oder vielleicht einen süffigen Messwein. Na, wie schlage ich mich?«

»Bislang ganz ordentlich«, lobte der Reisende seinen Gesprächspartner.

»Nun aber zu dem, was Euch wirklich verraten hat«, fuhr der Händler fort. »Es ist die Art, wie Ihr sprecht. Dieses rollende ›R‹ und die Betonung auf den Zischlauten. Eure Aussprache ist überaus betont, fast wie die eines Mimen oder von jemandem, der eine Menge anderer Sprachen beherrscht und sie auch oft anwendet.«

Der Händler wartete eine Reaktion ab, doch diese blieb aus.

»Und, was sagt Euch das alles?«, forderte der Reisende den Händler zu einem abschließenden Ergebnis auf. »Was denkt Ihr, wer ich bin und woher ich komme?«

»Wenn ich richtig liege, gebt Ihr eine Lokalrunde aus. Die meisten Kehlen hier sind trocken geworden vom langen Zuhören.«

Der Reisende nickte zustimmend.

Der Händler tippte sich nachdenklich mit dem Zeigefinger an die Unterlippe. Dann hatte er sich entschlossen: »Ihr seid ein Kleriker aus Lonnas oder von noch weiter östlich. Ihr habt wenigstens den Rang eines Bischofs, wenn nicht gar den eines Erzbischofs, und Ihr habt etwas zu verbergen. Ihr seid …«

Der Händler machte eine kurze Pause, um das letzte bisschen Spannung hervorzukitzeln, und wippte dabei mit dem Zeigefinger aufgeregt in Richtung des Reisenden.

»Ihr seid der Kellermeister des Kardinals in Lonnas, und Ihr seid auf der Suche nach neuen Weinhändlern, die Eure Vorräte im Tempel der Gunst wieder auffüllen, bevor der Winter hereinbricht.«

Das Publikum hielt gebannt den Atem an.

Der Reisende wirkte verblüfft und musterte seinen Gesprächspartner erneut. Der Mann war noch nicht einmal dicht dran an der Wahrheit, aber seine Vermutung beruhte auf mehr als reinem Raten, und genau das beunruhigte ihn. Ein gewisses Interesse, etwas Aufmerksamkeit und ein Quäntchen Wahrheit waren eine Mischung, die sich der Reisende nicht leisten konnte.

»Ihr seht mich beeindruckt«, gestand er. »Euren Sinnen scheint aber auch wirklich nicht das kleinste Detail entgangen zu sein. Ich fühle mich entlarvt und bitte Euch, meine groben Worte zu entschuldigen. Lasst es mich wiedergutmachen, indem ich Eure Zeche übernehme und dem Rest dieser illustren Gesellschaft noch eine Runde spendiere.«

Er drehte sich zurück zum Tresen und bat den Wirt, jedem einzuschenken, wonach ihm gerade der Sinn stand. Dem feisten Betreiber stand die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Seine Augen glänzten wie die eines Mannes, der seinen Stammhalter das erste Mal im Arm hielt.

Die Rechnung des Reisenden schien aufzugehen. Mit der Bekanntgabe der großzügigen Offerte stieg der Geräuschpegel um ein Vielfaches. Die ersten Bestellungen wurden quer durch den Schankraum gerufen, Lobpreisungen auf den Händler ertönten, und das allgemeine Getratsche und Lamentieren setzte wieder ein. Niemand achtete mehr auf den Reisenden, und erst recht nicht auf das mürrische Gemurmel, das unter seiner Kapuze hervordrang.

Der Wirt hatte im Nu alle Hände voll zu tun. Er stellte die ersten Krüge unter das kleine Fass Bier und füllte zwei Karaffen mit Rotwein. Ansonsten blickte er nervös von Gast zu Gast und nahm freundlich lächelnd die Bestellungen auf. Nachdem er damit fertig war, trat er vor den Reisenden.

»Äußerst großzügig von Euch«, bemerkte er beiläufig. »Ihr versteht es, Euch Freunde zu machen. Darf ich Euch nachschenken. Der geht natürlich aufs Haus.«

Der Reisende beachtete ihn nicht, sondern murmelte weiterhin einen Schwall unverständlicher Worte; seine Hände umklammerten den fast leeren Becher.

»Noch einmal dasselbe für Euch?«, wiederholte der Wirt und griff nach dem Becher.

Ruckartig riss der Reisende ihn zurück und vergoss dabei den kläglichen Rest. Düster und unheilbringend starrte er den Schankwirt an.

»Ich suche weder Freunde, noch steht mir der Sinn nach einem weiteren Schluck dieses essigsauren Gesöffs, das ihr Rotwein nennt«, fauchte er.

Im selben Moment gab es ein metallisch schnappendes Geräusch, das von überall herzukommen und dennoch keinen Ursprung zu haben schien.

Nervös blickte sich der Wirt um und eilte wortlos zur Tür der Schenke. Mit ein paar Rucken am Knauf stellte er verwundert fest, dass die Tür verschlossen war. Auch die Läden der Fenster zu beiden Seiten ließen sich nicht öffnen. Verstört blickte er im Schankraum von Gast zu Gast, und in seinem Gesicht war zu erkennen, dass er damit haderte, in Panik auszubrechen.

»Sententiosus dispergo«, hörte man den Reisenden flüstern.

Im Gegensatz zu vielen anderen seiner Zunft war er der Meinung, dass zwei Zauber völlig ausreichten, um ihn zu schützen. Schließlich war er keiner von diesen alten Tattergreisen, die sich nicht mehr zu wehren wussten und schon Angst bekamen, wenn sie allein über den Markt laufen mussten, ohne sich vorher mit Stärkungstränken und Schutzzaubern zu bewaffnen.

Es war so weit, das Verwischen seiner unbeabsichtigten Spuren und das Aufräumen konnten beginnen. Er erhob sich von seinem Platz und drehte sich zu den Gästen um.

»Orbis per incendium!«

Die Luft im Schankraum begann zu flimmern, und es bildeten sich Schlieren, die sich wie ein Sog um den Reisenden herumbewegten und ihn einhüllten. Er trat einen weiteren Schritt vom Tresen zurück und beobachtete aufmerksam die nervösen Blicke der anderen Gäste. Wie gebannt saßen sie auf ihren Plätzen und schienen zu hoffen, dass der Spuk ein schnelles Ende finden würde.

Der flimmernde Sog verengte sich abermals um den Reisenden und ließ nur das Bild einer verzerrten Silhouette von ihm übrig. Plötzlich packte ihn eine unsichtbare Kraft und hob ihn eine Hand breit vom Boden hoch. Er schwebte einen Augenblick im Raum und breitete dabei langsam die Arme aus. Dann gab es einen dumpfen Knall, und er wurde wie ein Pfeil zurück auf den Boden geschleudert. Seine Füße brachen durch die Dielenbretter, das Holz splitterte sternförmig um ihn herum, sodass er wie in einem Krater stand.

Alle Augen waren jetzt auf ihn gerichtet, doch in keinem zeigte sich so etwas wie Entschlossenheit. Die Menschen taten das, was sie immer taten, wenn sie etwas nicht verstanden – sie fürchteten sich und waren wie gelähmt vor Angst.

Grüne Flammen krochen aus dem Boden, wo die Bretter geborsten waren, und breiteten sich kreisförmig um den Reisenden herum aus. Erst waren sie klein und dunkelgrün, doch je mehr Nahrung sie fanden, desto heller erstrahlten sie, wurden größer und liefen in orangenen, roten und gelben Spitzen aus. Ein weiterer Feuerkranz löste sich aus dem Krater, und gleich darauf noch einer. Sie breiteten sich aus wie Wellen auf einem Teich, in den man einen Stein geworfen hatte.

Als der Ring aus Feuer die ersten Tische erreichte, begannen die meisten Gäste von ihren Plätzen aufzuspringen und schreiend zurückzuweichen. Nur der Händler blieb wie gelähmt sitzen, scheinbar hoffend, sich vor den Flammen retten zu können, indem er die Beine anzog. Das magische Feuer entzündete jedoch sofort Stuhl und Tischbeine und kroch an ihnen empor. Als die Hosenbeine des Händlers in Flammen aufgingen, stieß er sich von der Tischkante ab, kam ins Wanken und stürzte rückwärts mit seinem Stuhl um. Unaufhaltsam fraßen sich die Flammen unter ihm hindurch und verzehrten Stoff, Haare und Haut gleichermaßen. Der Mann schaffte es nicht wieder zurück auf die Beine, sondern krümmte sich wie ein Wurm vor dem Sonnenlicht auf dem Boden, bis er lichterloh in Flammen stand und seine Schreie den Raum erfüllten.

Die Menschen im Schankraum hämmerten gegen die geschlossenen Fensterläden, kreischten, brüllten und versuchten, sich auf Stühle und Tische zu retten. Doch auch sie ereilte nach und nach das gleiche Schicksal wie den Händler. Qualm und Flammen erfüllten den Raum und machten das Atmen unmöglich. Lichterloh brannte das Mobiliar, und selbst die Wände fielen nach und nach den Flammen zum Opfer.

Die Schankstube glich einem Glutofen – nur der Platz, an dem der Reisende stand, blieb vollkommen von der Hitze verschont.

3. MILO

Aus der Luft betrachtet, glich Eichenblattstadt den großen Köhlerplätzen im Unkenwald. Wie vergessene Kohlenmeiler, die vom Gras überwuchert waren, die aber dennoch dünne Rauchfäden aus etlichen Schloten aus ihrem Inneren nach oben sandten, standen die kreisrunden oder ovalen Behausungen der Halblinge breit verteilt auf der einzigen großen Lichtung des Düsterkrallenwaldes.

Die mit viel Liebe angelegten Vorgärten, die akkurat ausgesäten Gemüsebeete und die mit zu beiden Seiten von Steinen begrenzten Wege ließen jedoch darauf schließen, dass sich im Inneren der Erdhügel etwas anderes befand als verkohlte Holzscheite.

Die Halblinge von Eichenblattstadt lebten ein idyllisches, aber wenig luxuriöses Leben. Es herrschte zwar keine Armut, aber Verschwendung und Überfluss fand man hier genauso wenig wie jemanden über vier Fuß Größe.

Abgesehen von persönlichen Besitztümern und Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs existierte in Eichenblattstadt alles nur ein Mal. Es gab eine Herberge, einen Schmied, einen Tempel, einmalig schlechtes Wetter und für Fremde einfach keinen Anreiz, hier leben zu wollen. Seit Jahren hatte kein Halbling von außerhalb mehr den geistigen Freitod gewählt und war hierhergezogen. Am Haus von Bürgermeister Butterblums war der offizielle Ort für Bekanntmachungen. Dort vermerkte man unter anderem auch die Einwohnerzahl von Eichenblattstadt. Das leicht vergilbte Stück Pergament verkündet mit traurigem Stolz die Zahl dreihundertdreiundzwanzig.

Diese Stadt wäre für viele deprimierend langweilig gewesen. Fernab von allen Handelsstraßen und großen Städten hätte man vermuten können, der gesamte Sprachschatz der Bürger würde innerhalb von hundert Zyklen auf das alltägliche »Auf Gottes Wegen« als Begrüßung und Abschiedsformel zusammenschrumpfen, da man sich nichts mehr zu erzählen hatte. Doch es waren Halblinge, die hier lebten, und wo sie waren, gab es auch immer Gesprächsstoff. Sie machten sich nicht viel aus den Gerüchten von Königshöfen, und auch die Erschließung neuer Handelsrouten interessierte sie herzlich wenig. Stattdessen konnten sie sich stundenlang über den richtigen Platz für Tomaten unterhalten, ob sie nun an der Süd- oder Westseite des Hauses günstiger standen. Sie debattierten darüber, ob es besser war, die abgesammelten Kartoffelkäfer von ihrer Ernte den Hühnern zum Fraß vorzuwerfen oder sie in einem Kohlebecken zu verbrennen.

Dieses kaum drei Fuß große, äußerst quirlige und zumeist gut gelaunte Völkchen schien nahezu jeden Ort der Welt mit seiner Freundlichkeit und Offenherzigkeit zu erhellen – so auch den Düsterkrallenwald.

Halblinge waren dafür bekannt, mit sich selbst wie auch jedem anderen gut zurechtzukommen. Es gab immer etwas zu reden, zu lachen oder einen Grund, ein Liedchen anzustimmen. Und wer gerade einmal nichts zu sagen hatte, saß einfach nur in seinem Vorgarten, rauchte ein Pfeifchen und sah den Pflanzen beim Wachsen zu. Es gab jedoch auch einiges, dass Halblinge gar nicht schätzten. Eines davon waren Abenteuer und Leute, die sich gern mit Geschichten über eben solche wichtig machten. Ein Sprichwort des kleinen Volkes lautete: Warum soll man nach Wundern in weit entfernten Ländern suchen, wenn sie bei einem im Vorgarten wachsen.

Eichenblattstadt schien jedenfalls wie der letzte glühende Funken Frohsinn inmitten eines düsteren Landstriches voller dunkler Geheimnisse und mit einer finsteren Vergangenheit, wenn es nicht diesen Eklat um den Bau eines Brunnens gegeben hätte. Es war vor nicht ganz einem halben Zyklus, als die Streitereien ihren Anfang nahmen. Mit Beginn des einsetzenden Frühlings kam neue Kraft in die Pflanzen; die Wurzeln förderten wieder Feuchtigkeit in die neuen Triebe der Bäume, und zarte Blattsprossen entwickelten sich. Nur bei der großen Eiche im Zentrum des Marktplatzes tat sich nichts. Zuerst wunderte man sich nur, dann rätselte man herum. Schon bald wurden die ersten Theorien geäußert und wenig später die ersten Pläne zur Rettung des Baumes geschmiedet. Einige sagten, der nahe gelegene Brunnen sei schuld am Kränkeln des Wahrzeichens, andere behaupteten, das Wasser sei verseucht, und wiederum andere meinten, Bäume stürben eben einfach irgendwann, und da machte der Lauf aller Dinge auch nicht vor Wahrzeichen halt. Die verschiedenen Pläne zur Gesundung der Eiche sowie dem Erhalt des Brunnens sorgten ebenfalls für einen allgemeinen Disput, der sich zu einer handfesten Fehde entwickelte. Manche wollten die Erde um den Baum austauschen und mit Ponydung anreichern, andere wollten die Elfen zu Rate ziehen, da sie das meiste Wissen über Bäume besaßen, und wiederum andere schlugen vor, die alte Eiche zurückzuschneiden, damit sie neu austreiben konnte. Die Gemeinschaft von Eichenblattstadt spaltete sich in verschiedene Lager auf. Erst langsam und schleichend, dann kam es zu den ersten Handgreiflichkeiten, bis vor drei Umläufen Frau Bollwerks, die Frau des Schmiedes und Verfechterin der Gift-im-Brunnen-Theorie, hinter dem Haus schwer verletzt aufgefunden wurde. Sie war bis dato immer noch nicht ansprechbar und hatte deshalb die Identität ihres Angreifers nicht preisgeben können.

Die Streitigkeiten waren spätestens ab diesem Zeitpunkt zu einem echten Problem und zu einer Zerreißprobe für die gesamte Dorfgemeinschaft geworden. Und das alles zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, denn die Vorbereitungen zum alljährlichen Kürbisfest standen bevor, und eigentlich hätte jeder alle Hände voll zu tun gehabt.

Nur zwei junge Halblinge profitierten von all dem Durcheinander, weil es von dem ablenkte, was sie den ganzen Tag so ausfraßen. Einer der meist zitierten Sätze in Eichenblattstadt war nämlich: »Habt ihr schon gehört, was Bonne und Milo wieder angestellt haben?« Vor einigen Monaten hatten sie zum Beispiel versucht, mit selbst gebauten Flügeln zu fliegen.

Bonne und Milo Blaubeers waren die zwei ältesten Sprösslinge von Gunder Blaubeers und seiner verstorbenen Frau Roswita. Neben den beiden Brüdern gab es noch neun weitere Geschwister im Abstand von einem bis zwei Jahren, fünf Jungs und vier Mädchen.

Die beiden Brüder hatten wegen ihrer ständigen Wettstreite miteinander eine zweifelhafte Berühmtheit in Eichenblattstadt erlangt. Jeden Tag aufs Neue forderten sie den jeweils anderen zu waghalsigen Mutproben heraus und brachten dabei nicht nur sich, sondern auch Außenstehende in Gefahr.

Ihr letzter Wettkampf war zugegebenermaßen etwas außer Kontrolle geraten. Bonne hatte damit geprahlt, wie ein Artist auf einem Seil vom Dach des Bürgermeisters bis zum Tempel balancieren zu können. Die Strecke betrug immerhin gute vierzig Schritt, und dazwischen lag das Grundstück von Nubert Furtfuß, einem unangenehmen Eigenbrötler mit einem Wachhund, der seinem Herrchen in nichts nachstand.

Bonne schaffte gerade einmal zwanzig Fuß, und das auch nur, weil er ohne Rücksicht auf Verluste mit Anlauf auf das Seil gesprungen war. Sein Sturz wurde von einem Gespinst aus Wäscheleinen und einem voll besetzten Hühnerhaus gebremst. Dummerweise befand sich beides auf dem Grundstück von Nubert Furtfuß.

Der entstandene Schaden wäre noch zu überblicken und sicherlich mit ein paar Entschuldigungen und zwei Tagen Arbeitsaufwand zu richten gewesen, hätte es nicht diese innige Feindschaft zwischen Bonne und dem Haushund gegeben. Der Köter schien regelrecht darauf gewartet zu haben, dass der junge Halbling über seinem Revier scheiterte. Kaum war Bonne in einer Wolke aus Federn, Staub und Holzsplittern versunken, kam das Vieh bellend und Geifer spritzend um die Ecke geprescht. Bei dem Versuch, sich in Sicherheit zu bringen, verhedderte Bonne sich in der Wäscheleine. Ungeachtet dieses tückischen Gespinstes, rannte er quer durch die Rabatten und Blumenbeete, dicht gefolgt von dem Vierbeiner. Immer wieder schnitt ihm der Hund den Weg zum rettenden Zaun ab, und so legte Bonne zwei ganze Runden um das Haus zurück, bis ihm endlich der finale Sprung über die Gartenpforte gelang. In der Wut, seine Beute nicht erwischt zu haben, ließ der Hund seinen Frust an dem wild umherflatternden Federvieh aus. Wie die zwei letzten Überlebenden einer großen Schlacht standen Bonne und Milo wie gelähmt vor dem Feld der Ehre und richteten ihren Blick auf geköpfte Blumen, zertrampelte Aussaaten, eine Hühnerburgruine und dahingeschlachtetes Federvieh, während ein vierbeiniger Dämon versuchte, seinen Blutrausch zu stillen.

Die beiden ließen sich noch vor Ort von Nubert Furtfuß zur Rede stellen. Leugnen hätte wenig Zweck gehabt, denn das Chaos trug eindeutig ihre Handschrift. Herr Furtfuß ließ es sich natürlich nicht nehmen, die beiden an den Ohren quer durchs Dorf zu ihrem Vater zu zerren. Gunder Blaubeers wiederum ließ es sich ebenfalls nicht nehmen, ein Exempel an ihnen zu statuieren – besser gesagt, an einem von ihnen.

Milo und sein Vater waren in letzter Zeit oft aneinandergeraten. Wann immer es passte, oder eben auch nicht, wies Gunder seinen Sohn darauf hin, dass er mittlerweile ein Boggar war. Boggars, so nannte man die herangereiften Halblinge, die ins heiratsfähige Alter gekommen waren, und von denen man jetzt erwartete, dass sie sich einem Broterwerb widmeten und den Rest der Zeit damit verbrachten, nach einer passenden Braut Ausschau zu halten. Wie es dann weiterzugehen hatte, lag auf der Hand: Man heiratete, baute ein eigenes Haus, versuchte nach und nach, die leer stehenden Zimmer mit Nachwuchs zu füllen, und wartete gemächlich auf den Zeitpunkt, an dem man seine Zöglinge endlich dazu auffordern konnte, auszuziehen und auf eigenen Beinen zu stehen.

Milo konnte dem Ganzen, zum Leidwesen seines Vaters, so rein gar nichts abgewinnen. Er genoss lieber seine Freiheit und versuchte, die Schlinge eines Familienlebens so lange wie möglich von seinem Hals fernzuhalten. Er träumte von großen Abenteuern in fernen Ländern, sagenumwobenen Schätzen in den Tiefen der Erde und einem Heldendasein. Solange er das alles nicht haben konnte, war er unter Umständen auch bereit, sich mit dem Zerlegen eines Hühnerstalls, dem Zertrampeln von Beeten und dem Ärgern von Nubert Furtfuß’ Hofhund zufriedenzugeben. Leider winkten hierbei keine Truhen voller Gold, sondern lediglich eine Standpauke seines Vaters und ein Adeptenplatz bei Meister Gindawell, dem Dorfkleriker.

»Milo, wach auf, du träumst schon wieder!«

Die energische Stimme riss den jungen Halblingsadepten aus seinen Gedanken. Er ertappte sich dabei, wie in Trance mit dem Finger die Umrisse der alten Eiche durch das beschlagene Fenster nachzuzeichnen. Milo antwortete nicht sofort, sondern sah erst einmal zu, wie sich das Kondenswasser in den Biegungen seiner Zeichnung sammelte und sich dann verselbstständigte. Die Tropfen sahen aus wie Blätter, die im Herbst zu Boden fielen.

»Ein lebendiges Bild«, flüsterte er.

»Milo?«

»Ja, Meister Gindawell, ich bin da. Ich habe nicht geträumt. Ich habe nachgedacht«, rechtfertigte er sich.

Mit einer übertrieben beeindruckten Miene nickte der alte Halblingskleriker seinem neuen Schüler zu.

»Das ist fantastisch. Du solltest diese Gabe auf jeden Fall weiter verfeinern. Irgendwann wirst du so weit sein und die Probleme der Welt gelöst haben, wenn du morgens aufwachst.«

Milo wusste, wie er mit solchen Anmerkungen seines Lehrmeisters umzugehen hatte: Er durfte auf keinen Fall versuchen, zu antworten. Der letzte zurechtweisende Redeschwall des Meisters in caryndischer Sprache war ihm in guter Erinnerung geblieben. Er hatte Tage gebraucht, um all die Worte, die er nicht kannte, nachzuschlagen und ihre möglichen Bedeutungen so zu ordnen, dass sie einen Sinn ergaben. Übrig blieben zwei Varianten. Die eine besagte, dass Schüler aufgrund ihrer Stellung und ihrem verminderten Wissensstand dem Lehrer nicht zu widersprechen hatten. Die andere verwies auf das Sprichwort: Wenn der Kopf dir keine Antwort liefert und der Bauch dir kein Gefühl vermittelt, nimm dir ein Herz und halte den Mund, sonst sieht dein Gegenüber die Dummheit in deinen Augen. Milo gefiel die erste Variante besser, Meister Gindawell nicht.

Heute war ein besonderer Tag. Keiner, der in die Geschichte eingehen würde, aber einer, der Milos Leben ein Stück vorantreiben würde – auch wenn es ein Leben war, das er nicht wollte. Er, Milo, durfte heute das erste Mal einer Ratsversammlung beiwohnen.

Die Auflagen, die er von Meister Gindawell in Bezug auf seine Verhaltensweise während der Sitzung bekommen hatte, schmälerte seine Vorfreude allerdings.

Er empfand es als nicht besonders elegant, während der ganzen Sitzung neben dem schweren Eichenportal zu stehen und sich nicht setzen zu können. Weiterhin raubte ihm das Gebot, nur als stiller Beobachter beizuwohnen, jegliches Gefühl von eigener Autorität. Zusammen mit noch einem weiteren Dutzend beschneidender Auflagen und dem Zwang, ein Mützchen in Form eines Papierschiffes zu tragen, kam Milo zu dem Schluss, dass zwischen ihm und dem Mobiliar nur ein einziger Unterschied bestand: Er durfte nach der Sitzung den Saal wieder verlassen. Dennoch würde er dabei sein, und die Ratsmitglieder würden ihn sehen. Das allein war Ehre genug … redete er sich ein.

Jeder in Eichenblattstadt kannte die Mitglieder, und jeder hatte mit ihnen schon zu tun gehabt. Es waren nicht die einzelnen Personen, die aus dem Bevorstehenden etwas Besonderes machten. Es war vielmehr die Tatsache, dass sie alle aufeinandertrafen und hinter geschlossenen Türen über das Schicksal der Stadt beratschlagten. Vielleicht war Schicksal auch etwas zu viel gesagt, schließlich ging es nur um Dinge wie die Laternen in den Wintermonaten länger brennen zu lassen als im Sommer, den Dachstuhl der Bibliothek erneuern zu lassen oder zu beratschlagen, ob es sinnvoll wäre, im Gasthaus das Starkbier der Zwerge auszuschenken. All das hatte unter Umständen etwas mit Schicksal zu tun, es war eben nur schwer zu erkennen.

Für den heutigen Tag hatte Meister Gindawell die Sitzung zusammengerufen. Er machte ein regelrechtes Geheimnis daraus, was der Anlass dafür war. Nur wenige Andeutungen waren bisher über seine Lippen gekommen, die Milo aber nicht genügend Aufschluss darüber gegeben hatten, um was es wirklich ging.

»Willst du nicht dein blaues Gewand überziehen, es regnet?«, fragte der Meister ihn rhetorisch, als ob Milo wirklich die Wahl hätte, sich in Bezug auf seine Garderobe frei zu entscheiden.

»Das blaue ist gut«, antwortete er wenig euphorisch.

Gindawell zupfte an seinem eigenen dunkelblauen Ornat herum. Er probierte verschiedene Versionen der Knüpfung, von halb offen bis dreiviertel geschlossen, von ganz offen bis zugeknöpft und wieder zurück. Das größte Augenmerk legte er dabei auf sein heiliges Symbol, das er an einer Kette um den Hals trug. Es war das Zeichen der Gottheit der Halblinge, der Göttin Cephei.

Es bestand aus einem Kreis, der von einem gegabelten Blitz durchzogen wurde. Die Gabelung stand für die Macht der Göttin Cephei, jemanden oder etwas zu erleuchten oder zu bestrafen. Blitze am Himmel waren ein Zeichen für ihre Anwesenheit, so wie der Donner der Hall ihrer Stimme war. Ein Halbling, der vom Blitz getroffen wurde und überlebte, galt als von Cephei persönlich heiliggesprochen. Im anderen Fall war es wohl eher als Bestrafung anzusehen.

Ab und zu kamen heilige Pilger nach Eichenblattstadt. Voller Stolz präsentierten sie die Narben, wo der Blitz sie getroffen hatte. Mit viel Theatralik erzählten sie von der Begegnung mit der Göttin, aber keiner von ihnen verkündete etwas, das als direkte Anweisung Cepheis verstanden werden konnte. Meister Gindawell hatte Milo erklärt, dass die Göttin jedem nur Fragmente ihres Willens preisgab, weil es den Verstand eines Sterblichen übersteigen würde, die komplette Botschaft entgegenzunehmen. Mit umso mehr Heiligen man gesprochen hatte, desto tiefer wurde der Einblick in den Willen Cepheis. Gindawell hatte allerhand solche geistreichen Erklärungen, und wann immer Milos Wissensdurst ihn plagte, hatte sein Meister eine Antwort parat – auf jeden Fall bis vor fünf Umläufen. Seitdem hatte ihn etwas verändert. Milo spürte, dass ihn etwas plagte. Er war oft geistesabwesend und verstrickte sich in Widersprüche. Alte Bücher lagen zuhauf auf seinem Schreibtisch, und ständig kritzelte er irgendwelche Notizen in ein abgegriffenes Buch.

Milo ertappte ihn, als er eine Reihe von heidnischen Symbolen auf ein Blatt Papier zeichnete. Meister Gindawell erklärte ihm daraufhin, dass es wichtig sei, sich mit den Göttern der vergangenen Tage zu beschäftigen, um die Fehlinterpretation ihrer Existenz zu verstehen. Dies war einer dieser Widersprüche, denn er sprach von Göttern und nicht von Trugbildern und Fanatismen wie sonst.

»Komm schon, Milo. Trödel nicht so lange herum, wir haben es eilig.«

»Bin schon fertig, Meister«, antwortete Milo. »Schon länger als eine halbe Ewigkeit«, fügte er murmelnd hinzu, ohne dass Gindawell ihn hören konnte.

In gebückter Haltung eilte Milo quer über den Marktplatz hinter seinem Meister her. Regen peitschte ihm ins Gesicht, und der Matsch des aufgeweichten Bodens quoll bei jedem Schritt zwischen seinen Zehen hindurch. Es schien fast so, als ob der Guss darauf gewartete hätte, dass sie das Haus verließen, um dann über sie herzufallen. Starke Böen rissen an den Umhängen der beiden Halblinge und verwirbelten das hochspritzende Wasser ihrer eiligen Schritte. Schnell suchten Meister und sein Adept Sicherheit im Sitzungssaal des Rathauses. Das sogenannte Rathaus war nichts weiter als ein zusätzlicher Anbau an das Haus von Bürgermeister Butterblums. Nach viel Gezeter hatte Frau Butterblums zugestimmt, auf ein Teil ihres Gartens zu verzichten, um Platz zu schaffen für einen offiziellen Raum, in dem die Mitglieder tagen konnten.

Milo und Gindawell waren die Ersten, die den Raum betraten. Wie besprochen, postierte sich Milo am Eingang, während Gindawell sich am Ende der großen ovalen Tafel einen Platz suchte. Einige feuchte Haarsträhnen fielen dem alten Mann ins Gesicht und täuschten einen Ausdruck von Verwegenheit vor. Der sonst so gemütlich wirkende Mann mit den gütigen Augen verwandelte sich plötzlich in das Schattenbild seiner selbst. Seine Züge waren finster und starr. Seine Augen durchdringend, die Haltung verkrampft, aber dennoch war es immer noch Meister Gindawell.

Milo hörte, wie die Tür im Vorraum vom Wind aufgerissen wurde, dann traten mehrere Personen ein und schlossen die Tür wieder hinter sich. Füße wurden auf den Boden gestampft, um von Nässe und Matsch befreit zu werden, und irgendjemand klopfte seinen Mantel unter einem Schwall von unverständlichen Verwünschungen ab.

Milo starrte gebannt zur Tür.

»Nach Ihnen, Gnädigste«, hörte er Bürgermeister Butterblums übermäßig freundlich sagen.

Vanilla Grünblatt trat ein, ohne den jungen Adepten auch nur eines Blickes zu würdigen. Ihr stark blumig riechendes Parfum eilte ihr voraus, genauso wie das unbehagliche Gefühl ihrer Nähe.

»Ich hoffe, es ist wichtig, Gindawell, sonst werde ich dich für den entgangenen Umsatz in meinem Laden haftbar machen«, keifte sie.

Milo war es schleierhaft, von welchem Umsatz sie sprach. Frau Grünblatt besaß einen Tuchladen. Eigentlich war sie ein Fräulein, aber ab einem gewissen Alter verlangte es die Höflichkeit, sie zu behandeln, als ob sie verheiratet oder zumindest verwitwet wäre.

Wobei das Zweite in Milos Augen wahrscheinlicher klang, denn hätte es einen Mann gegeben, der masochistisch genug gewesen wäre, sie zu heiraten, wäre er sicherlich bereits ihrem Charme erlegen – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Selbst ihre acht Brüder mieden sie wie die Pest, und keiner im Dorf sah es ihnen nach. Vanilla Grünblatt war um die fünfzig, ihre Haare waren schlecht geschnitten und außerdem schrecklich strohig. Die Kleidung, die sie trug, spannte sich um ihren fülligen Körper und erweckte den Eindruck eines kunterbunten Querschnittes ihrer Schaufensterauslage. Zur Unterstützung ihres aufdringlichen Erscheinungsbildes hatte sie wie immer nicht an Rouge, Lippenstift und Parfum gespart. Doch die eigentliche Herausforderung, sie zu ertragen, lag nicht in ihrer Erscheinung, sondern in der immer fortwährenden Art des keifenden Nörgelns. Sie hatte den Laden und eine beträchtliche Summe Goldes von ihrem Vater geerbt und verbrachte nun die Zeit damit, das Geschäft durch Inkompetenz und Unfreundlichkeit zu verstümmeln.

»Na, die anderen sind sich wohl zu fein, um durch den Regen zu laufen«, höhnte sie nach einem Blick aus dem Fenster. »Stehen unter dem Vordach beim Eichenkrug wie frisch getretene Hühner.«

Bürgermeister Butterblums trat ein. Er gab Milo die Hand, sah aber dabei interessiert aus dem Fenster und murmelte beiläufig: »Da spricht der reine Neid. Na, mein Junge, wie geht es dir?«

Butterblums wartete die Antwort nicht ab, die Milo auch nicht gewollt war, jemandem zu geben, der durch ihn hindurchsah. In gekrümmter Haltung, durch die beschlagenen Butzenscheibe spekulierend, schlich er zu seinem Platz. Erst als er sich gesetzt hatte, begrüßte er Gindawell mit einem übermäßig würdevollen Kopfnicken.

»Was soll man von den Männern in Eichenblattstadt auch schon anderes erwarten«, spottete Frau Grünblatt. »Erst saufen sie sich Mut an und prahlen mit ihren Heldentaten, den zukünftigen und den vergangenen, doch dann können sie nicht loslegen, weil es draußen regnet.«

»So etwas aus deinem Munde zu hören schmerzt mich«, gestand Butterblums. »Schließlich bin ich auch ein Mann.«

Überrascht sah Vanilla Grünblatt den Bürgermeister an und musterte ihn. »Gewagte Behauptung«, stöhnte sie, verdrehte die Augen und rang sich ein mitleidiges Lächeln ab.

Als ob die Verhöhnung durch die Fenster, quer über die Straße und bis zum Eichenkrug gelangt war, sah Milo die zwei Männer im strömenden Regen die Straße überqueren. Er empfand die Art ihrer Bewegungen, die sie an den Tag legten, wenn sie durch die Stadt stolzierten, schon als äußerst belustigend, aber das war nichts gegen das Schauspiel, das sich ihm gerade bot. Die zwei Männer hatten sich ihre Umhänge über den Kopf geworfen, mit den Händen hielten sie ihre Hosenbeine fest in den Schritt gezogen. So tänzelten sie in gebückter Haltung über das nasse Pflaster der Straße und den morastigen Weg zum Ratssaal. Der Wind zerrte an ihrer Kleidung und verwirbelte die Stoffe so miteinander, dass es unmöglich war, zu erkennen, wer sich darunter verbarg.

Laut pustend und schnaubend, betraten die beiden Neuankömmlinge den Sitzungssaal. Jeroll Butterblums, der Zwillingsbruder des Bürgermeisters und Wirt des Eichenkruges, glich seinem Bruder wie ein Haar dem anderen. Beide waren um die sechzig. Ihr graues Haar hätte ihnen etwas von Würde und Weisheit verleihen können, wenn es nicht so zerzaust in alle Richtungen abgestanden hätte. Ihre Haut war leicht fettig und ihr Händedruck feucht. Aber das unverkennbare Markenzeichen aller Butterblums, die die Ahnengalerie im Ratsgebäude zierten, war ihre übergroße Knollnase.

Hinter Jeroll trottete Tilmo Rindenstolz her. Er war ein Mann, der allein durch Geld und Einfluss in den Stadtrat gekommen war. Niemand wusste genau, woher er sein Vermögen hatte und woher er gekommen war, als er sich vor zehn Jahren ein Haus in Eichenblattstadt kaufte. Aber zwei Dinge standen fest: Er hatte seine besten Jahre schon hinter sich, und früher musste er wesentlich schlanker gewesen sein. Er war einer von diesen Halblingen, denen man ansah, dass Vermögen und Einfluss nicht nur ihr Ego aufgeblasen hatte, sondern auch ihren Körper. Wenn man genau hinsah, konnte man immer noch seine einst hageren Züge erkennen.

»Na, dann warten wir nur noch auf Meister Funkenregen«, sagte Bürgermeister Butterblums.

Funkenregen war natürlich nicht sein richtiger Name. Er hieß Joos Findlings und war der Dorfmagier. Ein Mann, dessen Alter niemand zu schätzen wagte. Er war selbst für einen Halbling klein und ausgesprochen hager. Wie es sich für einen Magier gehörte, trug er eine lange Robe und hatte schulterlanges, weißes Haar und einen Spitzbart.

»Niemand muss auf mich warten«, sagte Joos, der in diesem Moment wie aus dem Nichts neben Milo auftauchte.

»Ich hasse es nur, zu früh zu sein und meine Zeit mit freundlichen Phrasen und dem Ersinnen von respektlosen Spitznamen totzuschlagen.«

Das war natürlich nicht die ganze Wahrheit, denn eigentlich liebe er es, einen großen Auftritt hinzulegen, und dies war ihm wieder einmal gelungen. Sein Haar fiel ihm glatt auf den Rücken, die Robe schimmerte in dunklem Blau, und seine Füße waren blitzblank. Egal, wo er herkam, er hatte nicht einen Schritt durch den Sturm oder den Regen gemacht.

»Das ist gut«, sagte Meister Gindawell erleichtert, »dann können wir auch gleich zum Thema kommen.«

Er erhob sich feierlich und schaute in die Runde. Niemand der anderen schien ein besonderes Interesse daran zu haben, was Gindawell sagen wollte. Sie kramten in ihren Manteltaschen und holten einer nach dem anderen ein kleines Bündel zum Vorschein, das sie vor sich auf den Tisch legten. Abschätzend spähten sie zu den Plätzen ihrer Nachbarn. Tilmo Rindenstolz war der Erste, der sein Bündel öffnete. Zum Vorschein kamen ein gutes Dutzend saftige Kirschen.

Beeindruckt verzogen die anderen das Gesicht, nur Vanilla Grünblatt kam mal wieder nicht umher, etwas Gift zu verspritzen.

»Ich habe den Baum in deinem Vorgarten gesehen«, zischte sie. »Er scheint mir ein bisschen jung, um solche Früchte zu tragen. Könnte es sein, dass du die Kirschen von Nuberts Baum hast, und zwar von den Ästen, die hinüberragen auf dein Grundstück? Ich meine dort, wo der Kompost steht.«

Tilmo schaute Vanilla empört an.

»Was über meinem Grundstück wächst, gehört mir«, rechtfertigte er sich. Was kann ich dafür, wenn Nubert sich nicht darum kümmert. Allein mein glückliches Händchen für Kirschen haben sie so werden lassen. Das hat mit Nuberts Baum rein gar nichts zu tun.«

Die anderen waren schon am Kichern, nur Meister Gindawell nicht.

Dann gaben alle außer dem Kleriker nacheinander preis, welche Ausbeute sie in ihren Gärten gemacht hatten. Bürgermeister Butterblums präsentierte stolz fünf kerzengerade Mohrrüben, sein Bruder Jeroll eine Handvoll Radieschen. Joos Findlings und Vanilla Grünblatts Beutel waren beide gefüllt mit akribisch ausgewählten und dann handpolierten Johannisbeeren.

Vanillas Blick zeigte, dass sie Joos’ Ausbeute gern madig gemacht hätte, doch das war schwierig, ohne einen Schatten auf ihr eigenes Bündel zu werfen. So schluckte sie ihren Neid herunter.

Als das Kräftemessen vorüber war, konzentrierten sich die Anwesenden wieder auf Gindawell.

Ihre Blicke versprachen dennoch wenig Interesse. Jedes der sechs Ratsmitglieder war zwar kompetent genug, eine Entscheidung für das Gemeinwohl der Stadt zu treffen, aber um sich wirklich für ein Problem zu ereifern, war es nahezu unumgänglich für sie, sich selbst sprechen zu hören.

Meister Gindawell nahm einen Schluck Wasser und räusperte sich. Milo erkannte die Anspannung in ihm. Eine Anspannung, die nicht zu seiner Art passte. Gindawell war nachdenklich, eigenbrötlerisch und manchmal auch euphorisch, aber sein momentaner Zustand war eine ganz neue und für seinen Lehrling beunruhigende Seite an ihm.

»So, ich will als Erstes darauf hinweisen …«

»Das Protokoll verlangt einen Anwesenheitsabgleich«, unterbrach ihn Bürgermeister Butterblums.

Tilmo Rindenstolz schnipste eine Papierkugel, die er zuvor auf dem Tisch geduldig zusammengerollt hatte, in Richtung Bürgermeister und traf ihn, eher ungewollt, unter dem rechten Auge.

»Was sollen die Kindereien?«, blaffte ihn Bons an.

»Das frage ich mich auch«, konterte Tilmo. »Du bist sicher nicht Bürgermeister geworden, weil du so gut zählen kannst. Es gibt sechs Ratsmitglieder, und sechs Personen sitzen am Tisch. Welche Anwesenheit willst du bitte schön abgleichen?«

Vanilla kicherte hinter vorgehaltener Hand. Sicherlich fand sie weniger Belustigung an dem Gesagten. Vielmehr erfreute sie die würdelose Bloßstellung des Bürgermeisters.

»Nun reicht es aber«, fauchte Meister Gindawell und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Was ich euch vorzutragen habe …«

»Ich wollte ja nur die offizielle Satzung einhalten«, unterbrach ihn Bürgermeister Butterblums abermals.

Milo sah, wie schwer es seinem Meister fiel, die neuerliche Unterbrechung mit gelassener Souveränität hinzunehmen. Seine Faust drückte noch immer auf die Tischplatte, und die Anspannung, die darin lag, spiegelte sich in seinen weißen Knöcheln wider.

»Ich habe die Versammlung einberufen«, begann er erneut mit bebender Stimme, »weil die jüngsten Ereignisse in Eichenblattstadt, wenn man sie genau betrachtet, ein bestimmtes Muster aufweisen. Und ich spreche damit nicht nur auf den Verlust unseres Wahrzeichens oder die jüngsten Vorfälle am Brunnen an.«

Tilmo Rindenstolz legte unvermittelt ein weiteres verknotetes Bündel aus blaugrün kariertem Stoff auf den Tisch, betrachtete es erwartungsvoll und zog damit alle Aufmerksamkeit auf sich. Mit breitem Grinsen öffnete er das verknotete Ende, klappte die vier Ecken zurück und strich jede einzeln mit dem Handrücken glatt. Zum Vorschein kamen drei herrliche Steinpilze, die man nicht schöner hätte malen können.

»Möchte jemand schnuppern?«, fragte Tilmo verlockend in die Runde. »Die Pilzsaison hat bereist begonnen, meine Lieben.« Im selben Moment erhellten sich die Gesichter der Ratsmitglieder, und das Bündel machte seine Runde. Nur Meister Gindawell wirkte irgendwie deprimiert, als er sich eine von Tilmos Kirschen in den Mund steckte und den Kern in die hohle Hand spuckte.

»Könnten wir jetzt bitte wieder auf das eigentliche Thema zurückkommen«, bat er. »Wie eben schon erwähnt, sind mir einige Dinge aufgefallen, die zu erklären ich mich außer Stande fühle. Ich habe ein wenig in der Dorfchronik und den Sitzungsprotokollen dieses Rates herumgestöbert. Ich hatte gehofft, etwas über den Brunnenbau zu finden und die mögliche Ursache des Sterbens der Eiche auf dem Dorfplatz. Leider wurde ich nicht fündig, aber dafür bin ich über etwas anderes gestolpert.«

Feierlich erhob sich Joos Findlings und schaute mit finsterer Miene von Gesicht zu Gesicht.

»Meine Untersuchungen haben etwas hervorgebracht«, beteuerte er stolz. »Ich habe die Ursache für das Kränkeln unseres Wahrzeichens gefunden.«

»Die alte Laubschleuder ist tot, du Vorstadtgaukler«, rief Vanilla Grünblatt eine Nuance zu laut und zwei Oktaven zu hoch dazwischen. »Gerade du solltest in deinem Alter besser wissen als jeder andere, dass nichts ewig lebt.«

Joos war niemand, der sich von ein paar Beleidigungen beeindrucken ließ, schon gar nicht von einer streitsüchtigen Tuchhändlerin. Er fuhr unbeeindruckt fort: »Das Rätsel um die verdorrte Eiche ist gelöst. Die Antwort ist Kupfer!«

»Was soll der Schwachsinn schon wieder«, entfuhr es Bürgermeister Butterblums. »Was hat Kupfer bitte schön mit einem Baum zu tun?«

»Kupfer ist eines der Elemente, die der Baum durch seine Wurzeln zusammen mit dem Wasser aufnimmt«, erklärte Joos. »Ich glaube, dass durch den Erzabbau der Zwerge im Norden Sedimente aus einer Kupferader herausgespült wurden und ins Grundwasser gelangt sind.«

»Es geht doch gar nicht um diesen dämlichen Baum«, schrie Meister Gindawell dazwischen und sprang auf. »Es geht um unsere kleingeistigen Zankereien hier am Tisch. Wen interessiert es denn, warum ein Baum eingeht, ob Kupfer im Grundwasser ist, warum Bons nicht einmal bis sechs zählen kann oder ob Vanillas Bluse heute noch geschmackloser ist als bei der letzten Ratssitzung? Die eigentliche Frage ist doch: Warum muss ich jede Woche aufs Neue mit solch einer Horde Schwachköpfe am Tisch sitzen?«

Erschrocken über sich und seine eigenen Worte, stand Gindawell am Tisch und starrte bedrückt auf das Glas Wasser vor sich. Ihm schien der Mut zu fehlen, sich den anderen von Angesicht zu Angesicht zu stellen. So eine kränkende Taktlosigkeit hätte man vielleicht von einem ungebildeten Tölpel oder der frustrierten, männerhassenden Besitzerin eines Tuchladens erwartet, aber auf keinen Fall von Humi Gindawell, einem Kleriker und Tempelmeister. Man konnte erkennen, wie er an dem Kloß in seinem Hals zu schlucken hatte. Es war beängstigend, mit anzusehen, wie er, ein Mann des Zuspruches und des Glaubens, an seinen eigenen Worten zu ersticken drohte. Wie vom Blitz getroffen, ließ er sich zurück auf seinen Stuhl fallen.

»Genau das ist es, was ich meinte«, stammelte er. »Seht ihr es nicht auch? Es macht vor keinem von uns Halt.«

Einen Moment lang herrschte bedrücktes Schweigen. Jeder versuchte sich selbst, natürlich im Rahmen seiner Möglichkeiten, einen Reim aus dem Geschehenen zu machen.

»Jetzt wird mir einiges klar«, schrie Vanilla Grünblatt urplötzlich, sprang von ihrem Stuhl auf, der nach hinten umkippte und eine halbhohe Bodenvase mit sich riss. »Das ist wieder einmal so ein Versuch, uns davon zu überzeugen, dass das Wasser im Brunnen auch uns schaden könnte. Ich kann diese ›Trink bloß kein Wasser aus dem Brunnen‹ nicht mehr ertragen. Durch deinen mahnenden Finger und diese Glaubensschwüre wirst du es nicht schaffen, uns auf deine Seite zu ziehen.«

Mit hochrotem Gesicht stand sie da wie eine Furie und zeigte mit zitternder Hand auf Meister Gindawell. Bons Butterblums, der neben ihr saß, verschwand fast gänzlich hinter den wallenden Stoffen ihrer weit ausladenden, geschmacklos gemusterten Bluse. Milo konnte nicht genau erkennen, ob er versuchte, Vanilla zu beruhigen, oder ob er lediglich daran interessiert war, freie Sicht auf die anderen Ratsmitglieder zu bekommen. Auf jeden Fall griff er nach dem Stoff und zupfte zaghaft daran herum.

»Nein, nein, das seht ihr verkehrt. So habe ich das nicht gemeint«, stammelte Gindawell mehr zu sich selbst.

»Na, worum geht es bitte schön dann?«, kreischte Vanilla quer über den Tisch, während Bons immer noch versuchte, sich ein freies Blickfeld zu verschaffen.

»Es geht darum, dass irgendjemand oder irgendetwas in dieser Stadt es schafft, dass wir uns wegen Nichtigkeiten an die Gurgel gehen.«

»Dann schau in den Spiegel, du Taufbeckenbader, dann weißt du, nach wem du suchen musst«, kreischte Frau Vanilla.

In diesem Moment wurde Bürgermeister Butterblums von einem Kirschkern im Gesicht getroffen. Instinktiv krallte er sich an die Bluse seiner Tischnachbarin, um Halt zu finden.

Mit der Eleganz eines Tanzbärs und der Energie einer Rachegöttin wirbelte Vanilla Grünblatt herum und schrie den Bürgermeister an: »Du fettes Schwein, hör endlich auf, mich zu begrapschen.«

Bons Butterblums sank eingeschüchtert zurück auf seinen Stuhl.

Als Vanilla sich wieder den anderen Ratsmitgliedern zudrehte, erwartete sie die schallende Ohrfeige von Meister Gindawell. Noch bevor die roten Fingerabdrücke auf ihrer Wange die endgültige Färbung angenommen hatten, zog Vanilla Grünblatt eine silberne Haarforke aus ihrer Tasche und rammte sie in den Tisch. Mit wutentbranntem Gesicht blickte sie in die Runde und stellte fest, dass die Augen nicht auf ihr ruhten. Zögerlich folgte sie den Blicken der Anwesenden über die hölzerne Tischplatte. Ihre Haarforke hatte sich durch Meister Gindawells Handrücken gebohrt und nagelte ihn an dem Tisch fest. Als sich ihre Blicke trafen, packte der Kleriker mit seiner freien Hand, ohne einen Klagelaut oder sonst etwas von sich zu geben, Vanilla an der Kehle und drückte zu. Joos Findlings war der Erste, der seine Fassung wiedererlangte und unverzüglich zu murmeln begann. Noch bevor der Zauberspruch eine Wirkung zeigen konnte, zog Tilmo Rindenstolz einen silbernen Dolch mit Ebenholzgriff aus seinem Gürtel und rammte ihn dem Zauberer in den Bauch. Mit vor Entsetzen starren Augen sackte Joos auf seinem Stuhl zusammen.

Bons Butterblums zog sich am Kleid von Frau Grünblatt hoch, um sich in Sicherheit zu bringen, als er von der wild um sich schlagenden Tuchverkäuferin, die versuchte, dem Würgegriff ihres Gegenüber zu entkommen, mit dem Ellenbogen im Gesicht getroffen wurde. Vom Schlag betäubt, kippte der Bürgermeister nach hinten über. Sein Gewicht ließ den Stuhl unter ihm zusammenbrechen, und sein Genick schlug mit einem knackenden Geräusch auf die Rückenlehne.

Im selben Moment stürzte sich Jeroll Butterblums auf Tilmo Rindenstolz und nahm ihn in den Schwitzkasten. Mit aller Kraft drückte er den Kopf von Tilmo auf die Tischplatte und schlug ihn in gleichmäßigem Rhythmus immer wieder auf die Kante. Der blitzende Dolch tauchte in Jerolls Rücken auf und fuhr kurz hintereinander mehrfach zwischen seine Rippen. Butterblums drosch ungeachtet der Stiche weiter auf Tilmo ein, bis dessen Arm kraftlos zur Seite fiel und der Dolch sich aus seinen Fingern löste. Dann brach auch Jeroll zusammen und blieb regungslos über den Tisch gebeugt auf seinem Peiniger liegen. Joos Findlings versuchte, sich ein letztes Mal aufzubäumen, doch seine Kraft reichte nur aus, seinen Arm durchzustrecken, als sich aus seinen Fingerspitzen ein gleißender Blitzstrahl löste und seine Gabelungen gleichmäßig über die Ratsmitglieder verteilte.

Es dauerte einige Zeit, bis Milos Augen sich von dem gleißenden Licht erholt hatten. Doch trotz seiner Gebete, dass es sich bei dem Geschehenen um einen Tagtraum handeln mochte, starrte er abermals fassungslos auf den verwüsteten Tisch mit den regungslos daliegenden Ratsmitgliedern.

Seine Augen zeichneten noch hier und da kleine schwarze Flecken in die Szenerie, die sich fast wie beabsichtigt auf die Gesichter der Toten legten. Sein Mund stand nach wie vor offen, und seine Lippen fühlten sich spröde an. Die hechelnde Atmung ließ seinen Rachen austrocknen, und sein Herz raste. Milos Finger waren taub und seine Füße eiskalt.

Langsam und mit kleinen schlurfenden Schritten, die niemals den Kontakt zum Boden verloren, ging er auf seinen Meister zu. Gindawell kauerte zusammengesackt auf den Knien vor seinem Stuhl, eine Hand am Tisch festgenagelt, die andere noch immer an der Kehle von Vanilla Grünblatt.

Vorsichtig zog Milo am Ornat seines Meisters. Gindawell kippte zur Seite weg und riss dabei einen Stuhl um, doch die Haarforke in seiner Hand verhinderte, dass er vollends zu Boden stürzte. Leblos hing sein Körper an der Seite des Ratstisches. Auf der Höhe seines Herzens prangte ein schwarz verkohltes Loch in seinem weißen Hemd.

Milo versuchte, Gindawells Körper wieder aufzurichten, um ihm diese demütigende Position zu ersparen, doch plötzlich packte ihn die Hand seines Meisters am Arm und drückte zu. In Panik versuchte Milo, dem Griff zu entkommen, doch die Umklammerung wurde nur noch stärker. Überwältigende Furcht lähmte ihn für einen Moment, doch dann kroch er auf Gindawell zu. Mit zwei Fingern fühlte er den Puls am Hals des Meisters, doch er war nicht zu erspüren. Dann bewegten sich die Lippen des scheinbar Toten. Milo kroch weiter an ihn heran und lauschte dem Flüsterton.

»Ceeth mùe fammamè, such in Zargenfels.«

Dann hauchte Meister Gindawell seinen letzten Atem aus, und sein Körper erschlaffte.

Wie versteinert hockte Milo auf dem blank polierten Fußboden des Ratssaals und starrte auf einen kleinen Kirschkern vor sich. Seine Augen füllten sich mit Tränen, doch er konnte weder schreien noch laut weinen.

Keines der Mitglieder des Rates war mehr am Leben, und keiner von ihnen würde je herausfinden, warum. Für Milo war das alles wie ein schrecklicher Alptraum. Es schien, als hätte sich ein dunkler Schatten aus dem Nichts gebildet, hätte alles um sich herum verschlungen und war genauso schnell wieder verschwunden, wie er gekommen war.

Milo wartete darauf, aufzuwachen, doch stattdessen schreckte er plötzlich hoch, weil eine der unteren Türen im Schrank der großen Kommode, die an der gegenüberliegenden Wand stand, mit Wucht aufschlug. Kurz darauf wurden ein paar schmutziger Halblingsfüße aus dem Schrank hervorgestreckt – Füße, die Milo nur zu gut kannte, weil sie schon oft auf seinen Schultern geruht hatten, in sein Gesicht gestreckt wurden oder in seinen Hintern getreten hatten.

»Bonne, was hast du hier zu suchen, du Idiot?«, entfuhr es Milo, bevor sich sein Bruder überhaupt aus seinem Versteck befreit oder etwas gesagt hatte.

Bonne schien ihn nicht zu hören und antwortet auch nicht. Tränenüberströmt und mit leerem Blick schlurfte er hinten um den Ratstisch herum. Milo beobachtet ihn, wie er einen Geist beobachtet hätte.

Kurz vor seinem Bruder kam Bonne zum Stehen. Er bückte sich, hob etwas vom Boden auf und präsentierte Milo den Kirschkern in der hohlen Hand.

»Ich wollte ihn nur in den Ausschnitt von Frau Grünblatt schnippen«, wimmerte er. »Er flog schon, als sie sich zur Seite drehte. Der Kern traf Bürgermeister Butterblums am Auge, und dann …« Bonne brach den Satz ab und begann erneut zu weinen.

»Es ist nicht deine Schuld«, versuchte Milo, ihn zu trösten. »Irgendetwas anderes geht hier vor, und Meister Gindawell wusste davon. Nun ist er tot.«

»Was sollen wir jetzt tun? Was sollen wir Vater erzählen?«

Milo machte ein ernstes Gesicht. Etwas, dass einem Halbling nicht gerade in de Wiege gelegt wurde.

»Wir werden gar nichts sagen«, verkündete er. »Man würde uns ohnehin nicht glauben.«

»Was willst du dann tun?«

»Wir werden von hier verschwinden«, erklärte Milo. »Wir gehen zum Krähenturm und bitten Tante Rubinia um Hilfe. Lauf los und hol unsere Sachen und Proviant für zwei bis drei Tage. Beeile dich! Solange es regnet und stürmt, wird keiner herkommen und sehen, was passiert ist.«

»Und was machst du in der Zwischenzeit?«, fragte Bonne, noch immer den Tränen nahe. »Was soll ich sagen, wenn Vater mich fragt, wofür ich all die Sachen brauche. Er wird wissen wollen, wo ich bei dem Sturm hin will.«

»Du sagst gar nichts. Lass dir einfach nichts anmerken. Du wirst das schon schaffen. Stell dir einfach vor, es ist eine Mutprobe. Wenn du fertig bist, komm zum Tempel. Ich muss noch einmal ins Haus von Meister Gindawell. Wir brauchen seine Unterlagen. Bevor der Sturm aufgehört hat, müssen wir weg sein.«

4. DORN

»Das ist alles meine Schuld«, stöhnte der große grobschlächtig aussehende Mann seiner ebenso grazil wirkenden wie auch bildhübschen Begleiterin zu. »Ohne mich wärst du bestimmt besser dran, Senetha.«

Die junge Frau schien ihm gar nicht zugehört zu haben. Sie stand vor dem alten schmiedeeisernen Tor und tastete um das Schloss herum, als wenn es sich in einer Glaskugel befände und sie den Zugang dazu suchte. Nach einer Weile zuckte sie zurück, riss die Arme in die Höhe und ballte die Fäuste.

»Wenn du mich noch öfter in meiner Konzentration störst, wenn ich einen Zauber anwende, wäre ich vielleicht bald gewillt, dir zu glauben. Dennoch, nein! Es ist nicht deine Schuld, Dorn.«

Der Mann schob sich schluchzend an ihr vorbei und umklammerte die Gitterstäbe zum Tor, das zu einem der städtischen Friedhöfe von Zargenfels führte. Er brachte seine Füße parallel zum Eingang, atmete tief ein, und mit einem Ruck riss er die zwei Flügelhälften auseinander. Unbeeindruckt von seiner eigenen Leistung, trat er beiseite und ließ der jungen Frau den Vortritt.

»Das sagst du nur, um mir nicht wehzutun«, knüpfte er an das Gespräch erneut an.

»Dorn, das glaubst du nicht wirklich«, seufzte die Frau, während sie ihren drei Fuß langen Wurzelholzstab nahm, der an der Friedhofsmauer lehnte, durch das Tor ging und es dabei betrachtete, als wäre es ein Wunder.

»Senetha?«

»Was denn noch?«, fragte die Frau ärgerlich und fuhr zu ihrem Begleiter herum.

»Hast du?«

»Habe ich was?«

»Mich angelogen?«

Senetha machte einen Schritt auf Dorn zu, blieb direkt vor ihm stehen und musterte seine Größe und Kraft. Dann lächelte sie ihn an.

»Nein, habe ich nicht«, sagte sie sanft. »Die Mitglieder der Diebesgilde wären sicherlich froh gewesen, wenn du dich ihnen angeschlossen hättest. Jemanden wie dich können sie jederzeit gebrauchen, wenn ihre Fingerfertigkeiten mal nicht ausreichen, ein Schloss zu öffnen.«

Sie zeigte auf das aufgebrochene Tor. »Wer ihnen nicht zugesagt hat, das war ich. Eine untalentierte Magierin, und eine Frau noch dazu, waren wohl selbst für die Langfinger zu viel. Du hast es ja gehört, als Bettlerin hätten sie sich mich vorstellen können. Ein paar Illusionen, zerrissene Kleidung und etwas Schmutz, damit hätte ich sie glücklich machen können.«

»Du bist keine Bettlerin. Du bist eine Zauberin.«

Senetha brachte ein gequältes Lachen hervor und streichelte Dorns Oberarm.

»Eine Zauberin, die noch nicht mal ein Jahr in der Akademie durchgehalten hat, bevor man sie wegen Unfähigkeit vor die Tür setzen musste. In ein Gauklervarieté würde ich passen, waren sie der Meinung. Gauklerin, Bettlerin, Prostituierte, so sehen mich die Leute.«

Dorn schloss die zerbrechlich wirkende Frau in seine Arme und drückte sie fest an sich.

»Du bist ein guter Freund«, schluchzte sie. »Der beste.«

Als sie sich wieder gefangen hatte, löste sie sich aus der Umarmung und wischte die Tränen aus dem Gesicht.

»Komm jetzt, wir sind nicht hergekommen, um Trübsal zu blasen. Bei meinem Glück werden uns die Stadtwachen verhaften und in den Kerker werfen, bevor wir das erste Grab geöffnet haben.«

Sie wandte sich dem vor ihr liegenden Friedhof zu und versuchte, Dorn hinter sich herzuziehen. Der stämmige Mann bewegte sich jedoch keinen Zoll und zog sie stattdessen wieder zu sich heran.

»Niemand wird dich verhaften, solange ich bei dir bin«, sagte er. »Vorher werde ich sie alle töten.«

»Ich glaube, das wird nicht nötig sein. Wenn sie uns jetzt erwischten, würden sie denken, dass wir lediglich ein ungestörtes Plätzchen suchen. Der Prinz und die Magd«, lachte Senetha und tat die Offerte als Albernheit ab.

Tief ihn ihr drin wusste sie aber, dass Dorn keinen Scherz gemacht hatte.

Hand in Hand schlenderten sie im fahlen Mondlicht auf die flachen Steingebäude zu. Eines sah aus wie das andere, und fast erinnerten sie an die Gebäude nahe der Stadtmauer, wo die einfachen Leute wohnten, die es nicht zu Eigentum gebracht hatten. Lediglich das Fehlen von Fenstern wies auf den eigentlichen Sinn der Bauwerke hin: Ruhestätten für die, die es hinter sich hatten.

»Die hier sieht gut aus«, entschied Senetha.

Dorn zuckte mit den Achseln.

»Sieh nicht immer alles so schwarz«, sagte sie, als sie seinen zweifelnden Blick bemerkte.

»Wir hätten gleich zum Nordfriedhof gehen sollen«, gab Dorn zu bedenken.

»Wir sind noch Anfänger im Grabräubergewerbe. Der Nordfriedhof wird gut bewacht, und die Gruften sind gut gesichert.«

»Ich würde sie alle …«

»… erschlagen, ich weiß«, beendete Senetha den Satz. »Grabräuber leben aber davon, Dinge aus Gräbern herauszuholen und nicht welche hineinzulegen.«

Ungeachtet Dorns Knurrlauten, wandte sich Senetha dem Eingang der Grabstätte zu.

»Diese hier scheint schon vor langer Zeit versiegelt worden zu sein. Mit etwas Glück finden wir noch ein paar alte Schmuckstücke, an die sich niemand mehr erinnert, wenn wir versuchen, sie zu Geld zu machen. Hast du die Eisenstange?«

Dorn zog ein zwei Fuß langes Brecheisen unter seinem zerlumpten Umhang hervor und drehte es in seinen Händen wie einen Tambourstab.

»Willst du es nicht zuerst mit einem Zauber versuchen?«, fragte er unsicher. »Dieses Ding wird ordentlich Krach machen.«

»Würde ich ja gern, aber hier ist kein Schloss, und durch Wände gehen gehört nicht zu meinem Zauberrepertoire«, erwiderte Senetha und fügte halblaut hinzu: »Ebenso wenig wie Blitze hervorrufen, unsichtbar machen, Gedanken lesen und so weiter.«

Dorn trat vor, schob Senetha beiseite und positionierte sich vor dem Eingang, der keiner mehr war. Nachdem er Maß genommen und tief Luft geholt hatte, ramme er die Spitze des Brecheisens mit ganzer Kraft in den schmalen Spalt getrockneten Lehms zwischen den Steinwänden. Dieses Prozedere wiederholte er einige Male, bis sich ein ansehnlicher Riss gebildet hatte. Dann steckte er das Eisen hinein, setzte den Fuß gegen die Wand und begann zu hebeln. Knirschend bewegten sich die massiven Steinwände auseinander. Mit jedem Ruck wurde der Spalt einen Finger breiter.

Senetha schaute sich währenddessen auf dem Friedhof um, ob ihre wenig professionelle Vorgehensweise vielleicht doch neugierige Stadtwachen anlockte.

Dorn hatte es nach wenigen Minuten geschafft, den Eingang so weit freizulegen, dass man sich hindurchzwängen konnte.

»Und jetzt?«, grunzte er, nachdem er einen Blick in das finstere Gewölbe riskiert hatte.

Senetha zwängte sich an ihm vorbei. »Jetzt ist meine große Stunde. Sieh zu und staune. Lucere durabilis.«

Im Zentrum der Gruft formte sich ein kleiner glühender Punkt, der stetig zu wachsen begann, und der genau wie die Miniaturnachbildung eines Sonnenaufganges wirkte. Innerhalb weniger Herzschläge hatte er das ganze Gewölbe erhellt.

»Eine Laterne hätte es auch getan«, brummte Dorn.

»Hast du eine? Nein! Also hör auf, rumzujammern«, zische Senetha.

Sie strich ihm liebevoll über den kahl geschorenen Kopf und zeichnete mit dem Finger die ornamentartige Tätowierung nach, die über seine Stirn und um das Auge herum verlief.

Das Innere des Gewölbes war so, wie man sich eine Gruft vorstellte – jedenfalls die von weniger wohlhabenden Bürgern. Der schmale Mittelgang wurde zu beiden Seiten von je drei übereinanderliegenden Reihen Ruhestätten mit jeweils sechs Gruftnischen gesäumt. Jede von ihnen war fein säuberlich mit behauenen Quadern und Lehm verschlossen.

»Das ist die richtige Gruft«, sagte Senetha. »Siehst du, wie sie die einzelnen Nischen geschlossen haben? Heutzutage machen sie es einfach mit gebrannten Ziegeln oder sogar mit Holz. Diese hier sind alt, sehr alt.«

»Reicht es nicht vollkommen, wenn sie tot sind, müssen sie auch noch lange tot sein?«

»Ich habe meinen Vater und meine Mutter in solchen Grabkammern beerdigen lassen«, erklärte Senetha. »Glaube mir, wir waren keine armen Leute. Mein Vater hatte einen gut gehenden Krämerladen, und meine Mutter kam aus reichem Hause. Soll ich dir sagen, was wir ihnen als Grabbeilagen mit auf den Weg gegeben haben? Ich werde es dir sagen. Nichts, nichts außer einem weißen Totenhemd.«

Senetha wartete auf irgendeine Reaktion ihres Begleiters. Sie wusste, dass Dorn nicht der Schnellste war, wenn es um Logik ging. Doch Dorn schien über etwas nachzugrübeln.

»Was ist los?«, fragte sie, als sich der Ausdruck auf dem Gesicht des Kriegers nach einer Weile immer noch nicht geändert hatte.

»Deine Eltern mussten sich ein Hemd teilen?«

»Nein, natürlich hat jeder eines bekommen«, antwortete sie gereizt. »Ich wollte damit nur sagen, dass der Totenkult schon lange nicht mehr die Bedeutung hat wie früher einmal.«

»Woher weißt du, dass es früher anders war?«, fragte Dorn.

»Kennst du den Begriff ›Grabräuber‹?«, stellte Senetha gelangweilt die Gegenfrage.

Dorn nickte.

»Glaube mir, du würdest ihn nicht kennen, wenn sie früher nichts in die Grabstätten gelegt hätten. Keine Grabbeigaben, keine Grabräuber.«

Dorn ließ es auf sich beruhen. Es war schon zu spät, um sich solche tiefschürfenden Gedanken zu machen.

»Soll ich sie aufmachen?«, fragte er, um sich aus der Situation zu retten.

Senetha nickte. »Fang an!«

Dorn machte sich sofort ans Werk. Mit der Brechstange in einer Hand schlug er auf den ersten Gruftdeckel ein. Die dünne Marmorplatte gab nach wie die Hülle eines leeren Kokons und stürzte in sich zusammen.

Dorn stutzte einen Augenblick, wie einfach es war, die Totenstätte zu öffnen, doch dann fuhr er fort, die übrigen Deckel einzuschlagen. Eine Kammer nach der anderen fiel der Grabschändung zum Opfer, und innerhalb weniger Minuten waren alle geöffnet.

Senetha stützte sich auf ihren Wurzelholzstab und wartete, bis Dorn mit seiner Arbeit fertig war. Erst dann widmete sie sich den Grabstätten und ihren Insassen.

Dorn schielte unterdessen angewidert zu Boden. Sicherlich hatte er keine Probleme damit, Tote zu sehen, doch sie in ihrer Ruhe zu stören war etwas anderes und verstieß gegen die Prinzipien eines Kriegers.

Senetha inspizierte zuerst die untenliegenden Grabstätten, schien aber wenig angetan von dem, was sich darin verbarg. In der mittleren Reihe stieß sie dann endlich auf etwas Vielversprechendes.

»Dieser hier«, sagte sie und wartete auf irgendeine Reaktion von Dorn, die aber ausblieb.

»Dieser hier«, wiederholte sie energisch. »Zieh ihn schon raus.«

Dorns Gesichtsausdruck zeigte wenig Vorfreude. Widerwillig riskierte er einen Blick in die Grabstätte. Nach ein paar zögerlichen Handgriffen packte er die skelettierten Füße des Leichnams und zog vorsichtig.

»Er hält sich fest«, sagte Dorn nach einem Moment.

»Er hält sich nicht fest«, versicherte Senetha ihm. »Er ist tot, also gib dir etwas mehr Mühe.«

Dorn versuchte es erneut, diesmal energischer. Es gab ein Geräusch wie brechendes Reisig, als der Krieger plötzlich zurücktaumelte und beinahe über die am Boden verstreuten Marmorbruchstücke stolperte. Mit eisigem Blick starrte er einen Moment auf die zwei Skelettfüße in seinen Händen, dann ließ er sie fallen.

»In dem Grab ist nichts. Lass uns ein anderes nehmen«, schlug er vor.

Senetha wollte den Krieger nicht auf eine Probe stellen, die er nicht gewinnen konnte, und machte sich daran, ein anderes lohnenswert scheinendes Grab zu finden. Schnell hatte sie eines in der oberen Reihe entdeckt und zeigte zielsicher in die düstere Nische.

Dorn, der mehr als einen Kopf größer war als die Zauberin, schaute missmutig hinein.

»Der liegt anders herum und auf dem Bauch«, stellte er mürrisch fest. »Will ich jedenfalls hoffen«, fügte er murmelnd hinzu.

Seine Hände umklammerten den völlig kahlen Schädel. Mit äußerster Vorsicht begann Dorn, die sterblichen Überreste herauszuziehen. Zoll für Zoll befreite er den Leichnam aus seiner letzten Ruhestätte. Als er ihn bis zum Oberkörper herausgezogen hatte, rutschte plötzlich ein silbernes Amulett unter dem Toten heraus. Frei baumelnd hing es an einer rostigen Kette, die um den Hals des Skelettes geschlungen war.

»Wusste ich es doch«, zischte Senetha. »Das wird uns ein gutes Sümmchen einbringen.«

»Oder ein Jahr im Kerker von Zargenfels bei Wasser und Brot«, brummte Dorn und schob die sterblichen Überreste hastig zurück in das Grab. »Still! Da kommt jemand.«

Senetha zog schon zu lange mit Dorn umher, um seine fast beiläufigen Warnungen zu ignorieren. Der Krieger hatte ein unglaubliches Gespür für drohende Gefahren. Es war nicht das erste Mal, dass seine Sinne sie beide retteten. Mit einer kurzen Handbewegung wies sie ihn an, sich neben dem Eingang zu postieren. Sie selbst riss das Medaillon vom Hals des Toten, und ließ es in ihrem Ausschnitt verschwinden. Dann riss sie sich ein Stück ihres dunkelblauen Unterrockes heraus, legte es wie einen Schleier über den Kopf und begann, leise zu wehklagen.

Einen Herzschlag später reckte sich ein ungepflegtes, aber offiziell aussehendes Gesicht durch den Eingang zur Gruft.

»Was in Regors Namen geht hier vor?«, schnauzte er mit der altbewährten Unfreundlichkeit einer Stadtwache.

Senetha spielte weiter die trauernde Ururenkelin und hoffte, ihr Plan würde aufgehen. Dorn stand mit gezogenem Kurzschwert dicht an die Wand gedrückt neben dem Eingang und hoffte ebenfalls auf das schauspielerische Talent seiner Gefährtin. Sein Vertrauen war jedoch nicht groß genug, um den Schwertarm sinken zu lassen und einen Schritt zurückzutreten.

»Das solltest du dir ansehen, Jorge«, grunzte der Mann von der Stadtwache. »Wir haben eine trauernde Witwe, die ihrem Mann die letzte Ruhe nicht gönnt. Was sagst du dazu?«

»Genau wie meine Alte, die kann es auch nicht ertragen, wenn ich irgendwo faul herumliege«, rief sein Kollege von draußen. »Mach nicht so ein Gewese darum und hol die Alte da raus.«

Senetha sah nur das schmutzige Grinsen auf dem Gesicht des Mannes und wusste, dass es nicht so laufen würde, wie sie es sich vorgestellt hatte.

»Das ist es ja eben, Jorge. Es ist keine alte Schnepfe, sondern eher eine junge Wachtel. Wie fändest du es, wenn wir ihr gleich hier eine Lektion verpassen? Wäre doch schade drum, sie einfach nur in den Kerker zu schmeißen. Wenn sie dort wieder rauskommt, wird sie übersät sein mit Narben und blauen Flecken, dann will sie bestimmt keiner mehr. Ich finde, wir sollten den Apfel kosten, bevor er vom Baum gefallen ist.«

»Dann lass deine Wachtel mal sehen«, schnaubte die zweite Wache. Er schien jetzt direkt hinter seinem Kameraden zu stehen: »Ist sie blond oder dunkel?«

Entweder waren es Dorns Sinne oder sein Gespür dafür, wann ein Plan gescheitert war, der ihn aus ...

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