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Der Dude und sein Zen Meister

Über die Autoren

Jeff Bridges, ist oscarprämierter Schauspieler, Musiker, Songwriter und Fotograf. Als Mitbegründer des End Hunger Network und Sprecher für die Kampagne No Kid Hungry setzt er sich für Kinder aus benachteiligten Familien ein. Jeff Bridges ist seit 1977 verheiratet und hat drei Töchter.

Bernie Glassman gründete die New Yorker Zen-Gemeinschaft, aus der später Zen Peacemakers hervorging. Als langjähriger Zen-Lehrer gründete er auch das Greyston-Mandala-Netzwerk, das mit gewinnorientierten gemein nützigen Unternehmen Bedürftige und ihre Familien mit Arbeitsplätzen und Wohnraum unterstützt.

JEFF BRIDGES UND BERNIE GLASSMAN

DER DUDE UND SEIN ZEN MEISTER

Das Leben, die Liebe und wie man immer locker bleibt

Aus dem amerikanischen Englisch von Maria Mill

BASTEI ENTERTAINMAENT-Logo

Inhalt

  1. Jeffs Vorwort
  2. Bernies Vorwort
  3. WIRF EINFACH DEN BEK…TEN BALL, MANN!
  4. 1  Es gibt Tage, da verspeist man den Bären, und Tage, da wird man eben vom Bären verspeist
  5. 2  Es muss irgendwo da unten sein, lass mich noch mal nachsehen
  6. 3  Du bist wirklich echt uncool, Dude
  7. DER DUDE PACKT DAS UND DER DUDE IST NICHT DA
  8. 4  Ja, weißt du, das ist vielleicht … deine Meinung, Mann
  9. 5  Dein Telefon klingelt, Dude
  10. 6  Neuer Sch… kommt ans Licht
  11. DER TEPPICH HAT DAS ZIMMER ERST RICHTIG GEMÜTLICH GEMACHT, HAB ICH RECHT?
  12. 7  Weißt du, ich hab selbst mal damit geliebäugelt, Pazifist zu werden. Natürlich nicht, als ich in Vietnam war.
  13. 8  Sie meinen Koitus?
  14. 9  Was macht einen Mann aus, Mr. Lebowski?
  15. 10  Was machen Sie beruflich, Mr. Lebowski?
  16. 11  Niemand ist hier im A…, Dude
  17. ERFREU MICH AN MEINEM KAFFEE
  18. 12  Tut mir leid, hab grad nicht zugehört
  19. 13  Immer wieder mal ’n Strike, und dann mal wieder nichts
  20. 14  Dann essen wir’n paar Burger, trinken paar Bier, unsere bek…ten Sorgen haben ein Ende, Dude.
  21. 15  Haben Sie nochma so’n guten Sarsaparilla?
  22.   
  23. Danksagung
  24. Anmerkungen
  25. Originaltitel der im Text erwähnten Filme
  26. Über die Autoren

Jeffs Vorwort

Da … sagt doch mein Kumpel Bernie Glassman eines Tages zu mir: »Weißt du eigentlich, dass viele Buddhisten den Dude aus The Big Lebowski als Zen-Meister betrachten?«

»Was redest du denn da für’n Scheiß, Mann?«, sagte ich.

»O doch«, meinte er.

Und ich: »Du machst wohl Witze. Wir haben beim Dreh von Lebowski nie über Zen oder Buddhismus geredet. Die Brüder haben nie auch nur ein Wort über so was verloren.1

»Ja ja«, lachte Bernie. »Du musst dir doch bloß ihren Namen mal angucken – die Koan-Brüder.«

Koans sind Zen-Geschichten, die nur dann einen Sinn ergeben, wenn man begreift, dass Leben und Wirklichkeit und unsere Sicht darauf zwei Paar Stiefel sind. Die meisten richtig berühmten Koans wurden vor langer Zeit in China ersonnen.

Bernie fuhr fort: »Der Big Lebowski ist voller Koans, nur dass sie, um den Dude zu zitieren, in ›der Sprache unserer Zeit‹ daherkommen.«

»Wovon redest du eigentlich, Mann? Was willst du denn damit sagen?«, fragte ich ihn.

»Der Film ist voll davon, zum Beispiel: Der Dude packt das – ungeheuer zenmäßig, Mann; oder Der Dude ist nicht da – klassisches Zen; oder Donny, das ist nicht dein Fachbereich, oder Dieser Teppich hat das Zimmer erst richtig gemütlich gemacht. Er strotzt davon.«

»Ach ja?«, fragte ich ungläubig.

Nun ist mein Kumpel Bernie ja selbst ein Zen-Meister. In den frühen Sechzigern hat er seinen Job als Flugtechniker bei McDonnell Douglas aufgegeben, um bei seinem Lehrer Maezumi Roshi, einem großen japanischen Meister (der mithalf, Zen nach Amerika zu bringen) im Zen-Zentrum von Los Angeles zu studieren. Bernie wurde einer der ersten amerikanischen Lehrer. Er hat nicht nur die Zen Peacemakers ins Leben gerufen, sondern auch Häuser für obdachlose Familien und Kindertagesstätten gebaut, Unterkünfte und medizinische Behandlung für Aidskranke organisiert sowie Firmen gegründet – unter anderem eine Bäckerei –, um Menschen einzustellen, die vorher arbeitslos waren. Die Bäckerei hat einen Preis für den besten New York Cheesecake gewonnen und stellt inzwischen Brownie-Produkte für Ben & Jerry’s Ice Cream her. Er selbst gilt als einer der bedeutendsten Unternehmer des gesellschaftlich engagierten Buddhismus weltweit.

Ich lernte Bernie bei einem Essen kennen, das eine Nachbarin von mir für ihn und Ram Dass gab, den Autor von Be Here Now und von vielen anderen wunderbaren Büchern. Ich saß zwischen den beiden Typen und amüsierte mich königlich. Bernie und ich verstanden uns wirklich auf Anhieb – da uns viele Dinge gleichermaßen am Herzen lagen.

Und hier kommt nun der Lebowski ins Spiel. Bernie beschäftigt sich schon eine ganze Weile damit, Zen unserer Zeit und Kultur näherzubringen, es relevant und volksnah zu machen, und er fand, dass das im Lebowski wirklich spitzenmäßig gelungen war. Und so fragte er mich, ob ich ein Buch darüber schreiben wollte.

»Okay«, sagte ich.

Und so haben wir es dann gemacht. Wir fuhren mit unserem Mitimprovisator Alan Koslowski rauf auf meine Ranch in Montana und jammten dort fünf Tage lang. Alan fungierte dabei als Fotograf und Tonmann; er nahm unsere Dialoge auf, machte Bilder, gab seinen Senf dazu etc. Danach fuhren wir wieder nach Hause. Bernies Frau Eve begann, an den Abschriften zu arbeiten. Wir trafen uns noch ein paar Mal, hingen am Telefon, skypten, feilten an einigen Stellen herum, und … da ist es nun.

Irgendwie ist das Buch für mich wie eine Schlangenhaut. Eine Schlangenhaut ist etwas, was man vielleicht am Straßenrand findet und aus dem man etwas machen kann – einen Gürtel zum Beispiel, oder ein Hutband. Die Schlange selbst zieht weiter und tut, was Schlangen so tun, treibt’s mit Schlangenladys, frisst Ratten, produziert weitere Schlangenhäute, Sie verstehen schon.

Genauso betrachte ich Filme. Der letzte Film ist die Schlangenhaut, die wirklich interessant und wertvoll sein kann. Denn die Schlange ist das, was geschieht, während wir den Film drehen – die Beziehungen, die wir eingehen, die Erfahrungen, die wir machen. Ich versuche, mich weit zu öffnen und wirklich einzulassen auf die, mit denen ich arbeite – den Regisseur, die Besetzung, das Produktionsteam –, während wir alle in einem geschützten und großzügigen Raum etwas ausbrüten, versuchen, unseren Job zu erledigen. Und wir müssen die Sache so schnell wie möglich in Gang bringen, weil unsere gemeinsame Zeit begrenzt ist, auf zwei, drei Monate, vielleicht auch sechs. Mehr Zeit haben wir nicht, um zu verwirklichen, was wir uns vorgenommen haben. Oder gelegentlich – und wunderbarerweise – auch etwas, was all unsere Sehnsüchte und Absichten übertrifft. Ich liebe es, wenn das passiert, und wenn man all die Unwägbarkeiten in diesem Geschäft betrachtet, kommt es sogar ziemlich häufig vor. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum ich immer noch Filme mache.

Die »Schlange« dieses Buchs war im Grunde das Rumhängen, die Sessions mit Bernie, Eve, Alan und all den anderen, die dabei mitgeholfen haben. Die Möglichkeit, zu improvisieren, zu gestalten, mit Freunden zusammen und frei zu sein.

Und da ist es nun. Ich hoffe, Sie können was damit anfangen.

Es ist schon eine interessante Sache mit der Hoffnung, nicht wahr? Ich kann sie nicht abstellen, es ist hoffnungslos.

Jeff Bridges, Santa Barbara, Kalifornien

Bernies Vorwort

Mein ganzes Leben lang ging es mir darum, meine Wahrheit so auszudrücken, dass sie für praktisch jeden verständlich ist. Ein berühmter japanischer Zen-Meister, Hakuun Yasutani Roshi, meinte, wer Zen nicht so erklären könne, dass es auch ein Fischer verstehe, wisse nicht, wovon er rede. Vor gut fünfzig Jahren erzählte mir ein Professor der UCLA das Gleiche über angewandte Mathematik. Wir verstecken uns gern hinter Fremdwörtern und mathematischem Jargon vor der Wahrheit. Es gibt ein Sprichwort: Zwar begegnen alle der Wahrheit, aber sie wird nur selten erkannt. Wenn wir sie aber nicht erkennen, können wir weder uns selbst noch anderen helfen.

Irgendwann Ende der 1990er begegnete mir der Dude auf einer DVD. Einige Jahre später traf ich Jeff Bridges in Santa Barbara, und wir fingen an abzuhängen, wie er sich gern ausdrückt, häufig beim Rauchen einer Zigarre. Jeff hat von Kindesbeinen an Filme gedreht; weniger bekannt womöglich, aber fast genauso alt ist sein Engagement gegen den Welthunger. Ich selbst war in den Anfangsjahren meiner Berufstätigkeit Luftfahrtingenieur und Mathematiker, die meiste Zeit in meinem Leben habe ich aber Zen-Buddhismus unterrichtet, und dabei sind wir uns ebenfalls begegnet. Nicht nur beim Meditieren, woran sicher die meisten denken, wenn sie Zen hören, sondern beim Zen des Handelns, dem Zen eines freien Lebens in der Welt, ohne Leiden zu verursachen, dem Zen, das mit der Linderung unseres eigenen und fremden Leidens zu tun hat.

Bald entdeckten wir, dass sich oft eine dritte schemenhafte Gestalt zu uns gesellte, eine Figur namens Dude. Beide liebten wir seine Art, Dinge auf den Punkt zu bringen, und es macht einfach Spaß, von jemandem zu lernen, den man nicht sieht. Allerdings waren seine Sprüche derart kurz und knapp, dass sie näherer Erläuterung bedurften.

Daher dieses Buch. Möge es seine Billigung finden, und möge es allen Wesen von Nutzen sein.

Bernie Glassman, Montague, Massachusetts

Wirf einfach den beka…ten Ball, Mann!2

1  Es gibt Tage, da verspeist man den Bären, und Tage, da wird man eben vom Bären verspeist.

JEFF:  Wir sind also gerade bei den Dreharbeiten zu The Big Lebowski, und jeder, der den Film mal gesehen hat, weiß, dass der Dude und Walter vom Bowlen wirklich Ahnung haben, nicht wahr? Also, ich hab zwar früher selbst mal ein bisschen gebowlt, aber ich bin kein Fachmann wie der Dude. Folglich heuern die Coen-Brüder einen Meisterbowler an, um John Goodman, Steve Buscemi und mir beizubringen, wie man bowlt. Dieser Meisterbowler ist ein Weltchampion und hat seinen Assistenten dabei.

Frag ich den Meisterbowler: »Was meinen Sie, wie der Dude bowlen könnte? Bereitet er sich langwierig darauf vor? Muss er sich erst in die entsprechende Stimmung versetzen? Ist er wie Art Carney in The Honeymooners, jenem Vorläufer Fred Feuersteins aus den 1950er Jahren? Wann immer man Art Carney bat, was zu unterschreiben, etwa eine Urkunde, sagte Jackie Gleason zu ihm: »Da unterschreiben, Norton«, und Carney begann sich zu winden und rumzurutschen, und zwar so lange, bis Gleason schließlich brüllte: »UNTERSCHREIB DAS DOKUMENT!« Und ich frage den Bowlingmeister, ob der Dude womöglich so sein könnte.

Sein Assistent beginnt so heftig zu lachen, dass er sich fast in die Hosen macht. Der Meisterbowler schüttelt den Kopf, verdreht die Augen und wirkt verlegen, sodass ich ihn frage, was denn los sei.

»Oh, nichts, gar nichts«, meint der Assistent.

Und er Meister sagt: »Na los, du kannst es ihm sagen.«

Darauf der Assistent: »Nein, sag du’s ihm.«

Schließlich erzählt der Meister seine Geschichte. Anscheinend hat er vor Jahren mal probiert, zu bowlen, wie es im Buch Zen in der Kunst des Bogenschießens beschrieben wird. Dieses Buch lehrt den Schüler, sein Ego völlig loszulassen, um ins Schwarze zu treffen. Denn ist der Geist ruhig und frei, sind alle Pins praktisch schon abgeräumt, bevor der Bowler ausholt, um den Ball zu werfen. Also versuchte der Bowlingmeister, sich in diese Denke hineinzuversetzen, und endete wie Art Carney. Er hatte gewisse T(r)icks auf Lager, um die Anspannung in seinem Körper abzubauen, und vollführte dieses stresslösende Tänzchen, das sich fünf bis zehn Minuten hinziehen konnte, dann mitten in irgendeinem Turnier. Und seine Mannschaftskollegen hockten mittlerweile auf der Bank und brüllten ihre Version von Jackie Gleason: »WIRF EINFACH DEN BALL!«

Irgendwann wurde es so schlimm, dass er den Ball überhaupt nicht mehr werfen konnte. Er ließ ihn nicht mehr los, weil er sich nicht mehr in die richtige Verfassung versetzen konnte. Schließlich ging er zu einem Psychiater, und gemeinsam fanden sie eine Lösung.

»Und was machen Sie jetzt?«, frage ich ihn.

»Ich werfe einfach den bekackten Ball! Denk gar nicht drüber nach.«

Das verstand ich. Und ist es nicht interessant, dass man nach alledem den Dude den ganzen Film lang nicht ein einziges Mal bowlen sieht? Ist also Denken das Problem? Wir sind doch so gut darin; unsere Gehirne sind zum Denken gemacht, Mann!

BERNIE:  Denken ist nicht das Problem. Wir blockieren, weil wir ein bestimmtes Ergebnis erwarten oder wollen, dass alles perfekt ist. Wir können uns derart auf etwas versteifen, dass wir gar nichts mehr zustande bringen. Ziele sind ja schön und gut; aber ich halte nichts davon, sich in seinen Erwartungen und Zielvorgaben völlig zu verheddern. Die Frage ist doch, wie findet man zu einem freien Spiel?

JEFF:  Wirf einfach den bekackten Ball! Ja, klar, nur manchmal liegt mir einfach so viel daran. Als Kind habe ich ziemlich übel gestottert. Sogar heute stottere ich noch hin und wieder und hab das Gefühl, dass ich was sagen will, aber ich bringe es einfach nicht über die Lippen. Ich werde nervös, und dadurch verkeilt sich dann alles.

Auch beim Filmen passiert mir das. Oft grüble ich lange über eine große Szene nach: Wie kann ich die nur angehen? Gleichzeitig ist da eine andere kleine Szene, an die ich überhaupt keinen Gedanken verschwende, weil ich mir sicher bin, ich weiß, was ich da zu tun habe. Und dann kommt der Tag des Drehs, und die große Szene ist ein Klacks, während die kleine Ärger macht. Und ich denke: Die ganze Zeit hast du dir um die falsche Sache Gedanken gemacht! Mark Twain sagte mal: »Ich bin ein sehr alter Mann und habe unter sehr vielen Unglücken gelitten, von denen die meisten nie eingetroffen sind.«

Mein Bruder Beau hat mich auf Alan Watts angefixt, als er mir zu Beginn meiner Highschoolzeit dessen Buch Weisheit des ungesicherten Lebens schenkte. Später las ich auch Watts’ andere Bücher und hörte seine Kassetten. Ich habe Watts immer gemocht, weil er nicht so wichtig tat und sich nicht für einen Guru oder so was hielt, nicht versuchte, einen von irgendwas zu überzeugen. Er wollte dich einfach nur an seinen Gedanken teilhaben lassen. Und einer davon lautete: Wollte man warten, bis man alle »nötigen« Informationen beisammenhätte, so würde man niemals handeln, weil es da draußen eine unendliche Menge an Informationen gibt.

BERNIE:  Und sie ändern sich andauernd. Weswegen es ja auch sinnlos ist, sich auf Ergebnisse zu fixieren. Nur, wie stellt man das an?

JEFF:  Wirf einfach den bekackten Ball. Tu’s einfach. Lass dich drauf ein, schau, was es mit dir macht. Ich habe mal mit Sidney Lumet an seinem Film Der Morgen danacha) gearbeitet, zusammen mit Jane Fonda. Sidneys Methode ging so, dass er zweimal am Tag den ganzen Film mit uns durchging. Mit Klebeband markierte er die Umrisse sämtlicher Kulissen auf diesem Turnhallenboden, damit wir ein Gefühl für den Raum bekamen, in dem wir spielen würden. Seine Generalanweisung an uns lautete: »Ich will nicht, dass ihr mir sagt, was ihr vorhabt, ich will, dass ihr es tut. Spart es euch nicht für später auf. Lernt euren Text, so gut ihr könnt, löst euch davon und legt einfach los.«

Sidney war selbst Schauspieler; er hatte keine Scheu vor Proben. Manche Schauspieler und Regisseure befürchten, dass man, wenn man zu lange probt, beim wirklichen Dreh versagt. Man bringt seine Bestleistung, ist am frischesten und spontansten bei der Probe, und wenn dann wirklich gefilmt wird, ist man verbraucht und reproduziert nur sein früheres Spiel. Ich kenne all die Bedenken. Wenn die Kamera läuft, will ich, dass sie mich dabei einfängt, wie ich den Charakter gerade entdecke, und nicht, wie ich wiederkäue, was ich Tage vorher entdeckt oder begriffen habe. Ich bewundere und bemühe mich um ein Spiel, das sich scheinbar dem Publikum nicht verpflichtet fühlt; das Publikum ist nur eine Fliege an der Wand. Im Leben sind wir spontan, haben einfach Orgasmen, nehmen’s, wie es kommt.

Auch Sidney wollte Frische, doch seine Art, sie zu bekommen, war eine andere. Ich glaube, irgendwie übte er den Orgasmus, übte das Nichtüben. In den Proben wollte er erreichen, dass man locker und vertraut mit der Rolle wurde und möglichst viel von sich einbrachte, ohne sich oder irgendetwas zurückzuhalten. Dabei entdeckte man jedes Mal kleine Dinge, die sich aufs nächste Mal auswirkten. Man musste es wieder und wieder und wieder spielen und dennoch immer wieder zur Leere zurückkehren, dorthin, wo noch nichts klar ist. Das ist der Haken dabei. Wenn dir die Rückkehr zur Leere nicht gelingt, plapperst du nur Worte, statt deine Arbeit zu tun, dann wiederholst du nur, statt deine Figur jedes Mal neu zu entdecken.

Bei Sidney übten wir, indem wir immer wieder von vorn anfingen. Zweimal täglich gingen wir den ganzen Film durch, sodass wir die ganze Geschichte in- und auswendig kannten. Man muss ja bedenken, wenn man einen Film dann tatsächlich dreht, dreht man ihn nicht der Reihe nach, sodass man nicht wirklich in die Geschichte eintaucht, obwohl das das Wichtigste ist. Tatsächlich besteht bei dieser Art des Drehens die Gefahr, dass einem jede einzelne Szene so wichtig erscheint, dass man zu viel Betonung darauf legt. Und allzu leicht vergisst man dabei, dass eine Geschichte erzählt wird.   

Wenn wir den ganzen Film durchgingen, hielten wir uns nicht bei einzelnen Szenen auf, wir spielten ihn nur einmal runter. Es war, als würde man sich in Frische und Wachheit üben. Sidney meinte immer, dies sei die einzig wahre Methode, die Sache anzugehen, und dass wir, solange wir voll engagiert dabei seien, jedes Mal Neues entdecken würden.

An dem Tag, an dem wir dann wirklich filmten, war es ein Klacks. Sobald wir alle in unseren Kostümen steckten und am Set waren, brauchte es für jede Szene lediglich ein, zwei Aufnahmen; Sidney sammelte dann immer die Akkus ein, meinte »Auf geht’s, Bubele« und zog weiter zur nächsten Einstellung. Wir legten ein ziemliches Tempo vor, und weißt du was? Es fühlte sich noch frischer an als bei den Proben, weil wir in unseren Kostümen und am Drehort waren.

Bei den Dreharbeiten zu Tucker (1988) machte Francis Coppola mit Martin Landau und mir eine tolle Übung. In dem Film haben wir beide eine starke Beziehung, sodass Coppola etwas sagte wie: »Ich will, dass ihr zwei was improvisiert. Und wir machen das nur ein einziges Mal, aber sobald ihr es gemacht habt, denkt nicht mehr dran, denn es wird Teil eurer persönlichen Geschichte, ist in euren Hirnen gespeichert. Ich möchte, dass ihr den Tag eurer ersten Begegnung improvisiert. Ihr trefft euch in einem Zug, und hier sind eure Plätze.« Er zog zwei Stühle heran, die er nebeneinanderstellte. »Also, Marty, setz dich mal dahin. Und Jeff, du kommst hierher und setzt dich neben ihn. Okay, Jungs – und Action!«

Dieses Spiel aus dem Stegreif prägte den ganzen Film. Du investierst, stürzt dich mit Haut und Haaren hinein, und es wird Teil von dir und tut seine Wirkung.

BERNIE:  Leute kommen oft nicht weiter, weil sie Angst haben, etwas zu tun; im schlimmsten Fall kaprizieren wir uns derart auf ein Endresultat, dass wir völlig blockiert sind. Wir brauchen Hilfe, nur um weiterzumachen, doch das Leben wartet nicht.

JEFF:  Und da hilft es nicht, sich zu sagen: »Ich darf keine Erwartungen haben«, weil ja auch das eine Erwartung ist. Sodass man in einen paradoxen Strudel hineingeraten kann.

BERNIE:  Es gibt ein kleines Liedchen, das die Sache irgendwie ganz hübsch illustriert.

JEFF:  Schieß los.

BERNIE:

Row, row, row your boat,

gently down the stream.

Merrily, merrily, merrily, merrily.

Life is but a dream.

Rudere, rudere, rudere dein Boot,

sanft die Strömung hinab,

heiter, heiter, heiter, heiter.

Das Leben ist nur ein Traum.

Stell dir vor, du ruderst flussabwärts und versuchst gleichzeitig dahinterzukommen, wie man so was eigentlich macht. Rudere ich erst mit dem rechten Ruder und dann mit dem linken, oder umgekehrt? Was macht meine Schulter, was der Arm? Das ist, als ob Joe der Tausendfüßler rauszufinden versucht, welches Bein er als erstes bewegen muss.

JEFF:  Der Art Carney der Tausendfüßler.

BERNIE:  Er wird es nicht hinkriegen, ebenso wenig wie der im Ruderboot. Und während der Ruderer angesichts all dieser Fragen schier durchdreht, reißt die Strömung ihn immer weiter mit sich fort. Du willst dein Boot sanft und sachte dahinrudern. Dann mach keinen großen Wirbel darum. Putz dich nicht selbst runter, weil du kein Profiruderer bist; fang nicht an, zu viele Bücher zu lesen, um alles richtig zu machen. Rudere einfach, rudere, rudere dein Boot sanft die Strömung hinab.

JEFF:  Heiter, heiter.

BERNIE:  Ganz wichtig. Ein englischer Philosoph hat mal gemeint, alles, was kosmisch sei, sei auch komisch. Tu dein Bestes und nimm’s nicht zu ernst.

JEFF:  Ich war noch wirklich jung, als meine Mutter mich zu einem Tanzkurs anmeldete. »Ich bin zu jung dafür«, protestierte ich. Sie zwang mich irgendwie dazu, letztendlich aber liebte ich es, und schon nach der ersten Stunde kam ich heim und meinte: »Komm, Mom, ich zeig dir mal den Box Step.« Das war nicht nur meine Einführung ins Tanzen, sondern auch in die Zusammenarbeit mit einem anderen Menschen, ohne dabei ein bestimmtes Ziel zu verfolgen; schließlich erreicht man ja nichts damit, man tanzt nur. Noch Jahre später meinte sie, wann immer sie mich zur Arbeit schickte: »Denk dran, amüsier dich dabei und nimm’s nicht zu ernst.« Und so habe ich einen neuen Begriff erfunden für eine Menge Dinge, die ich in meinem Leben mache: arbielen. Ich arbeite weder, noch spiele ist, ich arbiele.

Spielen muss ja auch schließlich nichts Albernes sein. Man denke nur an eine Beethoven-Symphonie, die ist ernst, wird aber dennoch gespielt. Ich glaube, Oscar Wilde hat mal gesagt, dass das Leben zu wichtig sei, um ernst genommen zu werden.

BERNIE:  Ich hab ja immer diese rote Nase in der Tasche stecken, und wenn es mal aussieht, als nähme ich oder mein Gesprächspartner die Dinge zu ernst, setze ich meine Nase auf. Egal, was wir gerade machen oder worüber wir reden, egal, ob wir uns einig oder uneinig sind: Die Nase verändert alles.

JEFF:  Clownsville, Mann. Anspannung gerät eigentlich allem in die Quere, außer der Anspannung.

BERNIE:  Mit einer Clownsnase kann man nicht arrogant oder abgehoben sein. Ich erzähle den Leuten immer, wenn sie sich über das Gerede von jemandem aufregen, sollen sie sich ihn oder sie mit einer Clownsnase vorstellen, dann regt man sich nicht mehr so auf. Heiter, heiter. Unsere Arbeit mag zwar wichtig sein, doch wir nehmen sie nicht zu ernst. Denn sonst fixieren wir uns auf einen ziemlich kleinen Ausschnitt und ignorieren alles Übrige – schaffen eine kleine Nische für uns selbst, statt die gesamte Leinwand zu bearbeiten.

Und noch was zu Rudere, rudere, rudere dein Boot sanft den Strom hinab. Es gibt verschiedene Ströme. Manchmal kommt man an einen Wasserfall, manchmal in ein Wildwasser. Der Ruderer muss sich der jeweiligen Situation anpassen. Paddelt man ein Bächlein hinunter, geht das nicht mit demselben Ruderschlag wie beim Durchqueren der Niagarafälle. Und auch wenn es sich nur um einen Bach handelt, kann so einiges geschehen: Der Wind kann drehen, vielleicht auch die Strömung, und auf einmal ist alles anders. Weswegen das Wörtchen »sanft« hier wirklich angebracht ist. Quäl dich nicht, würg dir keinen ab; überlass dich der Situation. Frag dich: Was läuft hier? Ich will da rüber, aber irgendwas hindert mich daran. Wie bewege ich mich im Einklang mit der Situation? Soll ich warten oder weiterfahren? Und wenn ich warte, warte ich einen Tag, ein Jahr, fünf Jahre? Wenn ich aber weiterfahre, muss ich dann gegen den Wind kreuzen? Sieh dir die Situation genau an und hab Vertrauen, dass sich die richtige Handlungsweise ganz natürlich einstellen wird. Denn andernfalls bist du aufgeschmissen und denkst nur: Ich kann überhaupt nichts ausrichten, alles ist völlig verkorkst.

JEFF:  Und wie ernst wir doch alles nehmen! Gedanken ändern sich wie Wasser und Wind, wenn du in deinem Boot sitzt; Gedanken sind darin nicht anders als alles andere.

Kevin Bacon und ich spielten kürzlich in einem Film – R. I. P. D. (2013) – zusammen. Jedes Mal, bevor wir mit einer Szene begannen und wenn alle das gewohnte Lampenfieber hatten, musterte Kevin mich und die anderen Darsteller mit todernster Miene und meinte: »Nicht vergessen, davon hängt jetzt alles ab!«

Damit brachte er uns zum Lachen. Einerseits ist das natürlich Quatsch, doch andererseits hängt wirklich alles davon ab, von exakt diesem Moment und unserer Einstellung dazu.

Apropos Boot: Boote gibt es auch alle möglichen. Nehmen wir etwa eine Jolle. Angenommen, ich will auf dich zusegeln, allerdings bläst mich der Wind von dir fort. Wenn ich weiß, wie man mit dem Wind tanzt, kann ich seine Kraft nutzen, um erst in diese, dann in jene und dann wieder in diese Richtung zu segeln, bis ich dich schließlich erreicht habe. Beim Rudern beanspruchst du in erster Linie Arme und Schultern. Beim Segeln jedoch zieht man größeren Nutzen aus Wind und Wellen. Man arbeitet mit mehreren Elementen, einschließlich des eigenen Verstands und dessen Wahrnehmung der Dinge, statt sich hauptsächlich auf seine Muskeln zu verlassen …

Oh-oh, ich werde allmählich zu ernst, Mann. Gib mir mal kurz deine Nase. Ich brauch einen nose hit3. Mit den Nasenlöchern nach unten, oder?

BERNIE:  Wenn du noch atmen willst.

JEFF:  Ich liebe es, wenn ich jemanden wirklich ernsthaft spielen sehe wie Jackie Gleason. Er bringt mich zum Lachen, weil er mir meine eigene Ernsthaftigkeit spiegelt und mir gleichzeitig zeigt, wie lächerlich sie doch ist. Es ist immer leichter, jemand anderen in dieser Rolle zu sehen. Dann kann man leicht darüber lachen. Es ist wie das klassische Ausrutschen auf der Bananenschale, oder wenn einer eine Torte ins Gesicht geklatscht bekommt. Warum bringen uns solche Dinge zum Lachen? Ist es die Erleichterung, nach dem Prinzip: Gott sei Dank hat es nicht mich erwischt? Oder ist es etwas anderes? Ich bin absolut ernst. Ich doziere ernst und feierlich über … und dann BATSCH! TORTE INS GESICHT! Die Zerstörung der Selbstgewissheit. Ich glaube, das bringt uns zum Lachen, weil wir alle sehen, dass das Leben genauso ist, so ungewiss, wie man sich’s nur vorstellen kann.

BERNIE:  Als ich mal in die klassische Clownspantomime hineingeschnuppert habe, wurde mir von Wavy Grave, dem berühmten Clown und Aktivisten, ein Trainer zugeteilt. Mein Trainer hieß Mr. YooWhoo und koordiniert bis heute die amerikanische Abteilung einer in Barcelona gegründeten internationalen Gruppe namens Clowns ohne Grenzen. Diese Clowns arbeiten in kriegsgeschundenen Ländern überall auf der Welt, vor allem mit Kindern in Flüchtlingslagern. Ich begleitete ihn einige Male, und überall liebten es die Kinder, wenn jemand auf einer Bananenschale ausrutschte oder aber, wenn YooWho oder ich eins über den Schädel kriegten.

Bei meiner ersten Begegnung mit YooWho musste er in einem Laden in Berkeley, Kalifornien ein Computerteil abholen. Der Geschäftsführer zeigte einem anderen Kunden irgendwelche Software und versuchte dabei, unter einem hohen Stapel eine Schachtel hervorzuziehen. Als er sie schließlich herausgezerrt hatte, stürzte der ganze Kistenstapel auf ihn herunter. YooWhoo lächelte, schüttelte den Kopf und meinte: »Also, für so eine Nummer muss ich wochenlang trainieren.«

2  Es muss irgendwo da unten sein, lass mich noch mal nachsehen

BERNIE:  Wenn ich dir mal ’ne wunderbare Zen-Übung aufgeben darf: Du wachst morgens auf, gehst ins Bad, pinkelst, putzt dir die Zähne, guckst in den Spiegel und lachst dich an. Und das tust du dann jeden Morgen, um den Tag zu beginnen – als Übung.

JEFF:  Hab ich gelegentlich schon gemacht. Verrat mir doch mal deine Definition von Übung.

BERNIE:  Rudere, rudere, rudere dein Boot sanft die Strömung hinab. So wie wir bestimmte Ruder wählen, um ein Boot zu rudern, wählen wir auch Ruder, um aufzuwachen; ich nenne diese Ruder Übungen. Und es gibt alle möglichen davon: Zen-Ruder, christliche, jüdische, muslimische, was auch immer. Oder vielleicht ist es gar keine spirituelle oder religiöse Praxis, sondern etwas, was mit Kunst, deiner Familie oder deiner Arbeit zu tun hat. Vielleicht aber besteht die Übung auch darin, in den Spiegel zu blicken und sich anzulachen.

JEFF:  Für mich ist es, als würde man sich an einer bestimmten Stelle einklinken. Bei der Schauspielerei tut man das, weil man Unmengen kleiner Änderungen vornehmen muss: Okay, jetzt spiel die Szene mal so, und nun spiel sie so. Jedes Mal, wenn man etwas verändert, klinkt man sich an einer neuen Stelle ein.

Als mein Vater mir eine Rolle in Abenteuer unter Wasserb) anbot, war ich noch ein Kind, und wir übten verschiedene grundlegende Schauspieltechniken miteinander. Wenn wir eine gemeinsame Szene hatten, sagte er zum Beispiel immer: »Warte nicht einfach bloß, bis ich mit dem Reden aufhöre, ehe du antwortest. Hör zu, was ich sage, sodass sich das auf deine Erwiderung auswirken kann. Wenn ich also etwas auf eine bestimmte Art sage, dann reagierst du auf die eine Art, und wenn ich es anders sage, dann reagierst du auch anders.« Oder er gab mir die folgende Anweisung: »Lass es so wirken, als würde es zum ersten Mal passieren.« Oder gleich danach: »Und nun geh raus, komm wieder zurück und mach es noch mal ganz anders. Nimm eine kleine Korrektur vor.«

Wenn man meditiert, nimmt man ebenfalls häufig kleine Anpassungen vor, um sich in den Raum des einfachen Seins zurückzuversetzen.

BERNIE:  Aber die meisten von uns sind ja nicht nur einfach, sondern wir kämpfen und rudern, um irgendwo hinzukommen, an irgendein anderes Ufer, ein Ziel, einen idealen Ort, den wir erreichen wollen. Wo also wollen wir hin? Worin besteht das andere Ufer?

Im Zen sagen wir, dass das andere Ufer schon hier, vor unseren Füßen liegt. Was immer wir da suchen, den Sinn des Lebens, Glück, Frieden – es ist schon da. Sodass die Frage nicht mehr lauten muss: Wie komme ich von hier nach dort? Sondern vielmehr: Wie komme ich von hier nach hier? Wie erlebe ich es, wenn ich nirgendwohin muss, um etwas zu bekommen, weil es bereits hier und gegenwärtig ist? Das war’s schon; das ist schon das andere Ufer. Im Buddhismus nennen wir es manchmal das Reine Land.

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