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Der Drachenzahndolch

Elvira Zeißler

Der Drachenzahndolch

Die Saga der Drachenrüstung: Band 1 - Fantasy





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Prolog

Flo schlich voll grimmiger Entschlossenheit durch den dunklen Wald. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals – vor Anstrengung, vor Aufregung … und vor Angst. Der Angst davor, was aus ihm werden würde, wenn er versagte. Er musste Keyla befreien. Er musste es einfach. Ohne sie würde er den Weg zurück niemals finden. Ohne sie wäre er auf ewig gestrandet, in einer fremdartigen, barbarischen, rückständigen Welt. Es musste ihm einfach gelingen.

Er steckte seine Hand in die Jackentasche und ertastete die vertraute kühle Form seines Handys. Vor sich konnte er schon das flackernde Licht des Lagerfeuers durch die Bäume erkennen. Flo suchte nach der Play-Taste und legte seinen Finger darauf. Es musste einfach klappen. Daran, was die Männer ihm antun würden, wenn es nicht funktionierte, wagte er nicht einmal zu denken.

Ganz plötzlich teilten sich die Bäume und der Junge stolperte auf eine Lichtung, in deren Mitte das Lagerfeuer flackerte. Vor Überraschung zögerte er einen verhängnisvollen Augenblick lang.

Drei Köpfe in Lederhelmen wandten sich zu ihm um. Der Anführer lächelte.

Drei. Zu spät erinnerte sich Flo, dass es vier hätten sein müssen.

Bevor er reagieren konnte, spürte er eine kalte Klinge an seinem Hals.

Nummer vier, fuhr es ihm durch den Kopf und ihm wurde fast übel vor Angst.

Das Grinsen des Anführers wurde breiter.

Flo zitterte. Seine Augen huschten panisch von einer Seite zur anderen, auf der Suche nach einem Ausweg, den es nicht gab.

Er wurde von hinten hart nach vorne gestoßen und seine Knie knickten ein. Wie hatte er nur so dumm sein können?

Kapitel 1

Schläfrig schlug Flo nach seinem Wecker. Er verfehlte ihn knapp und das nervige Piepen wurde drängender. Unwillig öffnete der Junge die Augen, dann machte sich jedoch ein Lächeln auf seinem Gesicht breit. Er hatte Geburtstag. Fünfzehn! Heute wurde er fünfzehn Jahre alt! Ob er wohl das Playstationspiel bekommen würde, das er sich so sehr gewünscht hatte? Die neueste Fortsetzung von Dungeon Hunter sollte laut allen Fachzeitschriften seine Vorgänger bei Weitem übertreffen. Und die waren schon echt super gewesen. Er hatte sich sogar den einen oder anderen Kampfzug von dort abgeschaut und seinen Trainer richtig beeindruckt.

Flo war zwar kein Kampfsportfreak, aber das Training und die gelegentlichen Wettkämpfe machten ihm Spaß und vor zwei Monaten hatte er immerhin den grünen Gürtel erworben. Er wusste noch, wie stolz seine Eltern auf ihn gewesen waren. Das hatte er für einen guten Zeitpunkt gehalten, sie an seinen bevorstehenden Geburtstag und Dungeon Hunter IV zu erinnern.

Das haben sie bestimmt nicht vergessen, dachte Flo optimistisch und sprang aus dem Bett. Je schneller er nach unten zum Frühstück kam, desto schneller würde er es erfahren.

Einen Wermutstropfen hatte der Tag aber doch – Schule. Wieso musste man an seinem Geburtstag überhaupt zur Schule gehen? Flo fand, es sollte eine Regel geben, die das verbot. Andererseits würde er die sechs Stunden schon irgendwie überstehen. Wenn der doofe Englischtest nicht wäre, den er in der zweiten Stunde schreiben musste. Vielleicht schaffte er es ja, sich zumindest darum zu drücken. Am Geburtstag einen Test zu schreiben, ging doch wirklich zu weit, überlegte Flo, während er sich mit Lichtgeschwindigkeit die Zähne putzte. Dabei stellte er sich das Gesicht seiner Englischlehrerin, Frau Steinig, vor, wenn er sie um einen Geburtstagsbonus bat, und musste plötzlich schlucken. Sie hatte ihren Namen gewiss nicht umsonst. Wieso nur hatte er gestern so wenig Gedanken an den Test verschwendet? Englische Grammatik war noch nie seine Stärke gewesen.

Flo seufzte schuldbewusst. Er wusste genau, weshalb er nicht gelernt hatte. Sein bester Freund, Martin, war vorbeigekommen und sie hatten so lange gemeinsam gezockt, bis Martins Mutter anrief und ihn augenblicklich nach Hause bestellte. Gestern war der Englischtest auch noch sehr weit weg gewesen.

Und wenn schon, dachte Flo trotzig. Er hatte Geburtstag und würde sich den Tag nicht vermiesen lassen. Wenn er den Test verhauen sollte, dann war das jetzt auch nicht mehr zu ändern. Es war immerhin keine Klassenarbeit oder so.

Und nach der Schule würde er mit seinen Kumpels Pizza essen und dann ins Kino gehen, ein neuer Fantasy-Blockbuster lief gerade an. Der sollte zwar erst ab sechzehn sein, wegen der vielen Kampf- und einiger Erotikszenen, wie sich Flo voller Vorfreude erinnerte. Doch er war immerhin schon fünfzehn, das eine Jahr würde der Kassiererin bestimmt nicht auffallen.

Rasch zog er sich an und lief nach unten in die Küche. Dort ließ er tapfer die Glückwünsche und die unausweichlichen Küsse seiner Mutter über sich ergehen. Als sie fertig war, wischte Flo sich verstohlen mit dem Handrücken über die Wange. Er fand es ja gut, dass seine Mutter ihn so lieb hatte, doch er war kein kleines Kind mehr und auch kein Mädchen. Da waren ihm der Händedruck und die kräftige, aber männlich-kurze Umarmung seines Vaters deutlich lieber. Seine Aufmerksamkeit war jedoch abgelenkt. Neben seinem Teller mit Frühstücksflocken auf dem Küchentisch hatte Flo ein Päckchen erspäht, das offensichtlich von den fachkundigen Händen einer Verkäuferin eingepackt worden war und einen Video Markt-Aufkleber trug. Das Paket hatte genau die richtige Größe.

Flos Mutter hatte seinen Blick bemerkt und lächelte nachsichtig. „Na los, pack es schon aus.“

Kaum hatte Flo das Geschenkpapier aufgerissen, erstrahlte sein Gesicht. Er hatte es sich zwar gewünscht, und für gewöhnlich richteten sich seine Eltern auch danach, ein Restrisiko blieb dennoch immer bestehen. Es hätte schließlich auch irgendeine Lernsoftware sein können. Bei Eltern konnte man nie ganz sicher sein. „Dungeon Hunter IV, danke!“, rief Flo begeistert aus und umarmte kurz seine lächelnden Eltern. Dann machte er sich hungrig über die Frühstücksflocken her.

„Wann kommst du heute nach Hause?“, fragte seine Mutter.

„Ich weiß nicht, so gegen sieben, vielleicht.“

„Gut, ich mache deine Lieblingstorte. Dann können wir abends noch ein wenig zusammen sitzen.“

„Schoko-Mokka-Torte?“ Flos Grinsen wurde noch eine Spur breiter. Wenn die blöde Schule nicht wäre, wäre heute wirklich der perfekte Tag.

„Hier, für die Pizza und das Kino.“ Sein Vater reichte ihm zwei 50-Euro-Scheine. „Den Rest kannst du behalten“, lächelte er.

„Jetzt musst du aber auch los, Schatz“, ermahnte Flos Mutter ihn mit einem Blick auf die Wanduhr. „Hast du für die Schule alles eingepackt?“

„Ja, Mama.“ Flo fragte sich, wann sie endlich aufhören würde, ihn wie ein Kind zu behandeln. Immerhin war er schon fünfzehn. „Dann bis später“, sagte er, schnappte sich seinen Rucksack und seine Jacke und huschte hinaus.


Martin wartete bereits ungeduldig vor dem Schuleingang auf ihn. „Wurd’ ja auch Zeit“, brummte er, als er Flo erblickte. Dann schien er sich zu erinnern, was es für ein Tag war, und grinste seinen Freund breit an. „Hey, Glückwunsch, Mann“, sagte er und schlug ihm spielerisch gegen die Schulter.

„Danke.“ Flo grinste zurück.

„Und, hast du es gekriegt?“, fragte Martin gespannt.

„Klar doch!“ Flo strahlte.

„Stark!“ Martin schien sich genauso darüber zu freuen wie sein Freund. „Wann können wir es ausprobieren?“

„Morgen nach der Schule“, entschied Flo. „Dann zeige ich dir, wer dein Meister ist.“

Martin lachte spöttisch. „Das will ich sehen. Ich habe ein paar Tricks im Internet gefunden. Damit mache ich dich fertig!“ Freundschaftlich zankend gingen sie den langen Schulflur entlang. Als Martin jedoch wie gewöhnlich in das Treppenhaus, das zu ihrem Klassenraum führte, einbiegen wollte, zerrte Flo ihn weiter. „Ich will noch einen Blick auf den Vertretungsplan werfen“, sagte er. Sie waren zwar schon spät dran, aber Martin widersprach nicht. Er hoffte auch auf ein Wunder, das die Stunde und den blöden Test ausfallen ließ.

Doch sie wurden enttäuscht. Es gab kaum einen Eintrag. Anscheinend erfreuten sich alle Lehrer erschreckend guter Gesundheit. „So’n Mist“, entfuhr es Flo halblaut.

„Hast wohl nicht gelernt, was?“, erkundigte sich Martin mitfühlend.

Flo schüttelte den Kopf.

„Komm, lass uns lieber gehen“, drängte Martin, als es zur Stunde schellte. Sie rissen sich los vom deprimierenden Anblick des fast leeren Vertretungsplans und eilten zum Treppenhaus.

Herr Scheubert, der Mathelehrer, war bereits im Klassenzimmer und packte seine Unterlagen aus. Cindy, ein zierliches blondes Mädchen, das mit Mathe nicht viel am Hut hatte, wischte konzentriert die Tafel. Sie sorgte immer für eine blitzblanke Tafel in den Mathestunden. Wahrscheinlich erhoffte sie sich davon einen Bonus, der ihre mangelnde Beteiligung im Unterricht ein wenig ausglich. Herr Scheubert ließ sie schon seit über einem Jahr stillschweigend in diesem Glauben, auch wenn alle wussten, dass eine saubere Tafel keinen Einfluss auf Cindys Note hatte.

Der Lehrer blickte kurz auf, als die Jungs in die Klasse stürmten und die Tür hinter sich zuzogen, sagte jedoch nichts. Er wartete, bis Cindy mit der Tafel fertig war, und dankte ihr wie gewöhnlich mit einem Kopfnicken. Wie immer erwiderte sie sein Nicken mit einem hoffnungsvollen Blick. Dann begann er mit dem Unterricht.

Normalerweise mochte Flo die Mathestunden sehr gern. Die klare Logik der Zahlen war irgendwie beruhigend, alles war berechenbar. Ein Ergebnis war entweder richtig oder falsch, es gab keine Grauzonen, keine Zufälle. Und er liebte das Gefühl, wenn eine schwierige Gleichung plötzlich Sinn ergab, wenn aus einer kompliziert anmutenden Ansammlung von x und y oder a und b plötzlich ein klares Ergebnis herauskam.

Doch heute konnte er sich nicht so recht konzentrieren. Der Englischtest in der nächsten Stunde hing wie eine schwarze Wolke über seinem Kopf. Wie hatte er gestern noch so ruhig sein können? In was für einem Zustand geistiger Umnachtung hatte er glauben können, den Test schon irgendwie zu schaffen? Flo überlegte kurz, ob er das Buch herausholen und unter dem Tisch ein wenig lernen sollte. Doch Herr Scheubert fing gerade mit einem neuen Thema an und Flo wusste, dass er den Anschluss nicht verlieren durfte.

Als es endlich zur Pause klingelte, lief ein kalter Schauer seinen Rücken hinunter. Nur noch fünf Minuten trennten ihn von der Furcht erregenden Englischstunde. Hastig zog er sein Lehrbuch hervor und schlug es auf. Verzweifelt begann er damit, den völlig sinnlosen Text der ersten Grammatik-Regel zu lesen.

Plötzlich fiel ein Schatten auf sein Gesicht. „Hallo, Flo“, sagte Jessica, als er aufblickte. „Alles Liebe zum Geburtstag.“

„Danke“, brummte er. Jessica war in Ordnung, aber im Augenblick hatte er andere Sorgen.

„Hast du gelernt?“, fragte sie mit einem Blick auf sein aufgeschlagenes Englischbuch.

„Nicht so richtig“, gab er missmutig zu.

„Hast wohl auf den Geburtstagsbonus gehofft?“, fragte sie mitfühlend. „Aber bei Frau Steinig musst du schon tot umfallen, um von dem Test entschuldigt zu werden.“

„Vermutlich“, stimmte er ihr zu. Konnte sie ihn nicht endlich in Ruhe lernen lassen?

„Mathe war eben ganz schön heftig, findest du nicht auch?“, fragte sie im Plauderton.

Aha, dachte Flo gereizt, jetzt kam sie endlich auf den Punkt. Dann schämte er sich seines Grolls. Schließlich konnte sie ja nichts dafür, dass er sich nicht auf den Test vorbereitet hatte. Jessicas Mutter war mit seiner eng befreundet, daher kannten auch die Kinder sich eigentlich schon seit der Krippe. Und obwohl sie in den letzten Jahren nicht mehr so viel Kontakt gehabt hatten, schließlich hatte jeder von ihnen eigene Interessen, waren sie noch immer Freunde. Irgendwann hatte sich ihre Beziehung um eine Zwecklerngemeinschaft erweitert. Er erklärte ihr Mathe und sie half ihm dafür hin und wieder bei Englisch aus der Patsche. So hatte jeder was davon. Und auch die Tatsache, dass Jessica seit einigen Wochen mit diesem Blödmann Mirco ging, hatte daran nichts geändert. Noch nicht, fügte Flo in Gedanken hinzu, als er bemerkte, mit was für einem Blick Mirco ihre Unterhaltung vom anderen Ende des Klassenzimmers verfolgte. Flo zuckte innerlich mit den Achseln. Wäre Mirco selbst nicht so ein Blödmann, müsste sich seine Freundin nicht von Flo Nachhilfe holen.

„Ich fand Mathe eigentlich ganz ok“, beantwortete er daher lächelnd Jessicas Frage.

Sie verdrehte in gespielter Verzweiflung ihre großen braunen Augen hinter der markanten modischen Plastikbrille. „Ich weiß echt nicht, wie du das machst“, sagte sie.

„Talent, Baby.“ Er zwinkerte ihr fröhlich zu. Seine Laune besserte sich allmählich, da es bereits wieder zur Stunde geklingelt hatte und die sonst überpünktliche Frau Steinig noch nicht aufgetaucht war. Flo spürte, wie sich ein leichter Hoffnungsschimmer in ihm breit zu machen begann.

„Na dann, bis später“, sagte Jessica, der vermutlich Mircos Blicke endlich aufgefallen waren.

Flo nickte. Seine Stimmung stieg mit jeder Minute, die verstrich, ohne dass Frau Steinig auftauchte.

Und tatsächlich kam nur wenig später der Schulleiter in das Klassenzimmer gerauscht, um ihnen mitzuteilen, dass Frau Steinig sich leider eine schwere Erkältung eingefangen hatte und die Stunde nun ausfallen müsste. Nicht einmal seine Anwesenheit konnte den Begeisterungssturm, der daraufhin losbrach, im Zaum halten.

„Das ist ja ein hammermäßiger Geburtstagsbonus“, raunte Martin Flo bewundernd zu, als wäre die Krankheit der Lehrerin sein Verdienst. Flo grinste.

Der Schulleiter wartete, bis sich die Aufregung etwas gelegt hatte. „Ich weiß, dass für heute ein Grammatik-Test angesetzt war“, fuhr er fort. Augenblicklich wurde es mucksmäuschenstill und dreißig Augenpaare richteten sich besorgt auf sein Gesicht. „Dieser Test wird auf nächste Woche verschoben. Bis dahin ist Frau Steinig hoffentlich wieder fit.“ Allgemeine Erleichterung folgte seinen Worten. Es wäre ihr voll zuzutrauen gewesen, dass sie den Test trotzdem schreiben ließ.

„So, und jetzt macht eure Hausaufgaben oder womit ihr euch sonst noch zu beschäftigen habt, solange es leise geschieht“, sagte er und setzte sich an das Lehrerpult, um einen Stapel mitgebrachter Arbeiten zu korrigieren.

Flo witterte seine Chance, dem Test beim nächsten Mal nicht ganz so hilflos ausgeliefert zu sein. Er wandte sich zu Jessica um, die schräg hinter ihm saß. „Ich tausche Mathe gegen Englisch“, raunte er ihr zu. Jessica nickte zustimmend und wand sich unter Mircos Arm hervor, den er ihr um die Schultern gelegt hatte. Als sie sich mit ihrem Heft neben Flo setzte, schoss Mirco ihm einen Blick zu, der nichts Gutes verhieß. Flo tat, als bemerkte er das nicht. Er konnte ohnehin nicht verstehen, was Jessica überhaupt an dem Typen fand.

Es hatte länger gedauert, als Flo gedacht hatte, ihr das Mysterium der quadratischen Ergänzung näher zu bringen. Aber am Ende blieb doch noch ein wenig Zeit, in der sie ihm den Unterschied zwischen simple past und present perfect erklären konnte. Mit ein bisschen Übung würde es in der nächsten Woche schon schief gehen, beschloss er optimistisch. Nun, da dieser Stein von seinem Herzen gefallen war, freute er sich riesig auf den Rest des Tages. Es versprach, ein wirklich perfekter Geburtstag zu werden.


Nach der Schule warteten Flo und Martin noch auf Marcel und Jan, ihre beiden anderen Freunde aus der Parallelklasse. „Was läuft eigentlich zwischen Jessica und dir?“, fragte Martin plötzlich seinen Freund.

„Heh?“ Flo, der in die Betrachtung einer Ameise versunken gewesen war, die über einen Riss im Asphalt zu krabbeln versuchte, sah ihn verständnislos an.

„Du weißt schon, Jessica – Brille, braune Haare“, half Martin ihm auf die Sprünge.

„Was soll mit ihr sein?“

„Willst du was von ihr?“

„Hau ab!“, sagte Flo lachend. „Wie kommst du denn auf diesen Blödsinn?“

„Ich weiß nicht.“ Martin zuckte mit den Schultern. „Ihr verbringt ziemlich viel Zeit zusammen.“

„Da läuft nichts.“ Flo schüttelte entschieden den Kopf. „Wir kennen uns einfach schon ewig.“

„Bist du sicher, dass Mirco das auch so sieht?“, fragte Martin vorsichtig.

Flo schnaubte verächtlich. „Ist mir doch egal, was der sieht und was nicht!“

„Ich an deiner Stelle wäre trotzdem etwas vorsichtiger. Ich glaube nicht, dass ihm die Geschichte zwischen dir und Jessica gefällt. So, wie er dich heute angestarrt hat.“

„Das ist sein Problem. Ich lass mir von ihm doch nicht den Umgang mit Jessica verbieten!“

„Ich dachte, dir liegt nichts an ihr?“ Martin blickte seinen Freund vielsagend an.

„Ich sagte, dass zwischen uns nichts läuft. Nicht, dass sie mir völlig egal wäre“, stellte Flo leicht gereizt klar. „Wir sind halt Freunde.“

„Wenn du das sagst.“ Martin wirkte nicht ganz überzeugt. Er selbst war fünfzehn Jahre alt und er konnte sich nicht vorstellen, einfach so mit einem Mädchen befreundet zu sein.

Bevor Flo etwas darauf erwidern konnte, kamen Jan und Marcel um die Hausecke herumgeschlendert. „Wurde auch Zeit“, brummte Flo und warf Martin einen schnellen Blick zu, in der Hoffnung, dass das Thema nun erledigt war. Martin schien den Wink zu verstehen, denn er grinste die beiden Neuankömmlinge lediglich an und streckte zum Gruß die Hand aus.


Nach der riesigen Pizza, einer richtig guten Pizza, wie Flo fand, mit Thunfisch, Salami, Schinken, Pilzen, Peperoni und reichlich Käse, der beim Schneiden herrliche Fäden zog, konnte er sich kaum noch bewegen. Doch zum Glück war das Kino nicht weit weg und Flo ließ sich in Erwartung des Films erleichtert in den bequemen Sessel sinken, während Jan sich noch eine Portion Popcorn holte. Es war einfach unglaublich, wie viel der essen konnte, dachte Flo neidisch.

Er musste noch mal aufstehen, um Jan wieder vorbei zu lassen. Zum Glück hatte der Film noch nicht angefangen. Flo hasste es, bei Filmen gestört zu werden. Deswegen war er auch so froh, dass das kleine Kino, das er so gern besuchte, keine Unterbrechung in den Vorstellungen machte. Im Gegensatz zu den großen Ketten, die sich überall breit zu machen begannen.

Der Film war ganz ok, fand Flo. Ein typischer Fantasy-Streifen, in dem der Held eine magische Geheimwaffe findet, das Herz der Prinzessin erobert und anschließend in letzter Minute die Welt vor dem Bösen rettet. Flo fragte sich flüchtig, ob das nicht allmählich langweilig wurde, doch die gespannten Gesichter der Leute um ihn herum zeigten ihm, dass er mit seiner Meinung allein dastand. Er mochte ja Fantasy-Geschichten, den Herrn der Ringe hatte er praktisch verschlungen. Alles Weitere schien ihm oft ein billiger Abklatsch zu sein. Er lächelte leicht, als auf dem Bildschirm eine magische Kugel in einem gewaltigen Feuerregen zerbarst. Zumindest konnten die Regisseure auf immer bessere Effekte zurückgreifen, um die ansonsten doch ziemlich gewöhnliche Story ein wenig aufzupeppen.

Wenn es tatsächlich eine Fantasy-Welt gab, würde es ihn mal echt interessieren zu erfahren, was deren Bewohner von der menschlichen Interpretation dieser Welt halten würden. Wäre sie wohl wirklich so bunt und schillernd und voller übler Schurken und edler Helden?

Flo schnaubte und schüttelte lächelnd den Kopf. Es war schon witzig, wie die Gedanken manchmal abdrifteten, wenn man ihnen freien Lauf ließ.

Neben ihm hielt Martin gespannt die Luft an, als die Heldin in einem knappen Oberteil einem hinterhältigen Dolchstoß nur knapp entging. Und Flo beschloss, etwas mehr auf den Film zu achten, der anscheinend doch ein paar sehenswerte Szenen enthielt.


Es war schon nach sechs, als sie das Kino verließen. Flo musste sich beeilen, um seinen Bus nach Hause zu erwischen. Martin ging mit ihm in Richtung Bahnhof, Jan und Marcel schwangen sich auf ihre Fahrräder – die glücklichen hatten es nicht besonders weit.

Fröhlich über den Film diskutierend bogen Flo und Martin in eine kleine Seitenstraße ein. Sie führte an den Hintereingängen und Mitarbeiterparkplätzen einiger ansässiger Geschäfte vorbei, deren schickere Fassaden zur Hauptstraße hin zeigten. Flo und Martin kümmerte es jedoch nicht, dass die Rückwände nicht ganz so nett aussahen, immerhin stellte die kleine Straße den kürzesten Weg zum Bahnhof dar.

„Schau mal an, wer endlich auftaucht“, unterbrach eine laute Stimme plötzlich spöttisch ihren Wortwechsel.

Flo spürte Wut in sich aufsteigen, als er Mirco lässig an eine Hauswand gelehnt stehen sah. „Was willst du?“, fragte er betont ruhig. Er hatte keine Lust, sich den schönen Tag von dem Blödmann verderben zu lassen.

„Was ich will? Was ich will!?“ Mirco löste sich von der Wand und blickte sich nach seinen drei Freunden, die einen Schritt hinter ihm gingen, um, als erhoffte er sich davon eine Eingebung. Dann fixierte er Flo mit einem bösen Blick und trat ganz nah an ihn heran. „Ich will, dass du meine Freundin in Ruhe lässt!“, zischte er.

Flo konnte es nicht fassen, wie arrogant und selbstsicher Mirco wirkte, mit der geballten Kraft seiner drei Freunde im Rücken. Er selbst blickte sich zu Martin um, der ihm einen grimmigen Ich-hab’s-dir-ja-gesagt-Blick zuwarf. Trotzdem wollte Flo nicht klein beigeben. „Ich kann sie wohl kaum davon abhalten, mit mir zu sprechen“, erwiderte er gereizt.

„Was du kannst oder nicht, ist mir egal. Ab jetzt hältst du dich fern von ihr, verstanden?“

„Wenn du etwas mehr Zeit mit ihr verbringen würdest, anstatt mir so treu hinterher zu laufen, hätte sie es vielleicht nicht nötig, sich das, was ihr fehlt, von mir zu holen!“, konnte Flo sich nicht verkneifen. Einen kurzen Moment lang genoss er das triumphale Gefühl, in Mircos völlig blutleeres Gesicht zu blicken. Und dann geschah alles so schnell.

„Nimmst die Klappe ja richtig voll!“, brüllte Mirco wütend. „Mal gucken, ob du gleich auch noch so große Töne spuckst!“

Wie in Zeitlupe sah Flo ihn die rechte Hand aus seiner Jackentasche ziehen, etwas blitzte im Schein der untergehenden Sonne. Reflexartig hob Flo den linken Arm, um den Angriff abzuwehren, während er seinerseits mit dem rechten ausholte, um seine Faust in Mircos Magengrube zu versenken. Ein brennender Schmerz durchzuckte Flos linken Unterarm. Mirco wurde nach hinten geschleudert und sank unsanft auf den Hintern. Ein Messer fiel aus seiner Hand zu Boden.

„Mann, du spinnst wohl!“, fuhr einer von Mircos Freunden ihn panisch an. Sein Blick war auf die Klinge gerichtet, auf der ein paar rote Tropfen glänzten.

„Lass uns von hier verschwinden!“, rief der Anderere und packte Mircos Ärmel. „Sorry!“, rief er verängstigt Flo zu, der seinen verwundeten Arm umklammert hielt. „Wir hatten nichts damit zu tun!“ Sie rannten weg.

Flo blinzelte und starrte auf seine blutige Hand. Es war alles so schnell passiert, dass er es noch gar nicht verarbeitet hatte.

„Alles in Ordnung?“, fragte Martin unsicher. Er war sehr blass. „Sollen wir ins Krankhaus fahren?“

„Ich weiß nicht.“ Flos Stimme zitterte vor Schock und seine Beine knickten plötzlich ein. Er setzte sich auf den Boden. Das schien zu helfen. Vorsichtig begann er, den zerrissenen Ärmel hochzurollen.

„Lass mal sehen.“ Martin ließ sich besorgt neben ihm nieder und begutachtete den Schnitt. „Tut es sehr weh?“, fragte er mitfühlend.

„Es geht“, erwiderte Flo. „Aber es blutet wie Sau.“

Martin beugte sich näher hinab. „Ich glaube, es ist nicht besonders tief. Wir sollten aber trotzdem lieber ins Krankenhaus. Vielleicht muss es genäht werden.“

Flo öffnete und schloss versuchsweise seine Hand. Bei der Bewegung brannte sein Schnitt zwar ein wenig, aber zumindest schien keine Sehne verletzt zu sein. Martin hatte mittlerweile eine Packung Taschentücher aus seiner Jackentasche geholt und begann damit, Flos Arm vorsichtig abzutupfen.

Allmählich hörte die Blutung auf und Martin besah sich erleichtert den etwa zehn Zentimeter langen Schnitt.

„Ich glaube, das geht auch so“, sagte Flo, der seinen Arm so zu sich gedreht hatte, dass er den Schaden begutachten konnte. „Wenn wir ins Krankhaus gehen, werden sie meine Eltern informieren. Und das wird eine Menge Fragen nach sich ziehen.“

„Willst du Mirco etwa so damit durchkommen lassen?“, fragte Martin entrüstet. „Er hat dich mit einem Messer angegriffen!“

„Ich weiß“, sagte Flo grimmig. Dann grinste er jedoch. „Aber ich glaube, der hat sein Fett weg. Und wenn er mir noch mal dumm kommt, drohe ich einfach damit, die ganze Geschichte zu erzählen. Zeugen habe ich ja genug.“

Martin nickte. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Mircos Kumpels ihn bei dieser Sache decken würden. „Na, wenn du meinst.“ Er zuckte mit den Achseln und erhob sich, wobei er sich den Staub von der Hose klopfte. „Wir sollten jetzt aber echt weiter, sonst verpassen wir auch noch den nächsten Bus.“

Flo nickte und erhob sich ebenfalls. Martin streckte vorsichtshalber seinen Arm aus, um seinen Freund bei Bedarf zu stützen, aber Flo hatte sich anscheinend wieder einigermaßen im Griff. Missmutig blickte er auf seinen blutgetränkten Ärmel hinab. Wenn er so zu Hause auftauchte, würde er den besorgten Fragen seiner Eltern wohl kaum entkommen. „Gib mir deine Jacke“, wandte er sich an Martin.

„Was?“ Dieser sah ihn verständnislos an.

„Na, ich kann wohl kaum so zu Hause auftauchen“, erwiderte Flo ungeduldig. Vor seinem geistigen Auge sah er bereits das Gesicht seiner Mutter: ‚Hattest du einen schönen Geburtstag?’ ‚Oh ja, ganz toll. Und zum Schluss noch eine kleine Messerstecherei.’ Das ging auf gar keinen Fall.

Martins Gedanken mussten in eine ähnliche Richtung gegangen sein, denn er zog wortlos seine Jeansjacke aus und reichte sie Flo. Als sie sich zum Gehen wandten, fiel Flos Blick auf das Messer, das noch immer dort auf dem Boden lag, wo Mirco es hatte fallen lassen. Ohne weiter darüber nachzudenken, beugte er sich herunter und hob es auf.

Martin sagte nichts, schaute nur auf seine Armbanduhr. Sie mussten sich nun wirklich beeilen.


Während Flo das Stück von der Bushaltestelle zu seinem Haus lief, war er nicht mehr ganz so sicher, dass es eine gute Idee gewesen war, nicht ins Krankenhaus zu fahren. Sein ganzer Unterarm pochte und er fing an, sich Gedanken über eine mögliche Infektion zu machen. Und vielleicht musste der Schnitt auch wirklich genäht werden. Als er endlich das Haus erreichte, versuchte er, eine möglichst unbekümmerte Miene aufzusetzen. Er schloss die Tür auf und lief geradewegs in seine Mutter.

„Da bist du ja endlich!“, sagte sie fröhlich. „Hat der Film länger gedauert oder hast du den Bus verpasst?“

„Ich hab den Bus verpasst“, sagte Flo schnell und versuchte, sich an ihr vorbeizudrängen.

„Wohin willst du so eilig?“, fragte sie verwundert. „Und was ist das für eine Jacke?“

„Martin hat sie mir geliehen. Und ’tschuldige, aber ich muss ganz dringend aufs Klo.“ Er ging an ihr vorbei und lief die Treppe hoch.

„Alles in Ordnung?“, rief seine Mutter ihm besorgt hinterher.

„Aber ja“, antwortete Flo, während er ins Bad huschte. „Die Pizza war wohl etwas zu viel.“ Hastig schloss er die Tür hinter sich.

Es kostete ihn einige Mühe, sein Sweatshirt über den verletzten Arm zu ziehen, der Stoff hatte sich an dem getrockneten Blut festgeklebt. Durch die Anstrengung fing die Wunde wieder zu bluten an. Hastig wusch Flo sie unter dem Wasserhahn aus und tupfte sie vorsichtig mit Toilettenpapier ab. Keine gute Idee. Nun musste er die kleinen Papierreste entfernen, die dabei auf seinem Arm hängen geblieben waren. Flo fluchte leise. Dann öffnete er den Spiegelschrank, in dem seine Mutter das Verbandzeug aufbewahrte. Zum Glück hatte er notgedrungen schon oft dabei zugesehen, wie sie seine aufgeschürften Knie behandelt hatte. Sich jedoch selbst den höllischen Schmerz des Desinfektionsvorgangs zuzufügen, war fast mehr, als er ertragen konnte. Doch er biss die Zähne zusammen und ballte seine Fäuste. Nach ein paar Sekunden war es dann auch schon überstanden.

„Flo, alles in Ordnung?“, fragte seine Mutter plötzlich durch die Tür.

„Aber ja“, keuchte er. „Ich komm gleich raus“, brachte er dann mit seiner fast normalen Stimme hervor.

„Gut, ich mache schon mal Tee.“

„Okay.“ Er hörte, wie sie die Treppe wieder hinunterging. Hastig schnitt er sich ein großes Stück Pflaster ab. Es war gar nicht so einfach, es sich mit nur einer Hand aufzukleben, doch schließlich gelang es ihm. Anschließend wickelte er eine Mullbinde mehrmals um seinen Unterarm, um ihn ein wenig zu stabilisieren. Flo hoffte sehr, dass diese Notversorgung für seine Wunde ausreichte. Sie tat nun höllisch weh, auch wenn sie gar nicht so gefährlich aussah. Aber solange sie sich nur wieder schloss, würde er den Schmerz schon irgendwie aushalten.

Schnell beseitigte er alle Spuren im Bad und stopfte sich die Jacke und das Sweatshirt unter den Arm. Dann lauschte er an der Tür. Er hatte vor, unbemerkt in sein Zimmer zu huschen, um sich umzuziehen, und wollte sichergehen, dass seine Eltern nicht vor der Tür auf ihn warteten.

Darauf bedacht, kein Geräusch zu machen, schloss Flo langsam die Tür auf und spähte vorsichtig hinaus. Von unten kam Licht aus dem Esszimmer, doch das Obergeschoss war dunkel und leer. Auf Zehenspitzen lief er in sein Zimmer und schloss erleichtert die Tür. Der schwierigste Teil war überstanden. Hastig kramte er sich einen schlabberigen Longsleeve-Pulli aus dem Schrank. Trotz des Verbandes musste Flo vor Schmerzen die Zähne zusammenbeißen, als er den verletzten Arm durch den Ärmel schob. Seine Stirn war klatschnass und er wischte sich schnell mit dem anderen Ärmel übers Gesicht. Dann schaute er prüfend in den Spiegel. Erleichtert stellte er fest, dass der Verband sich nicht unter dem Ärmel abzeichnete, dann machte er das Licht aus und lief hinunter ins Esszimmer.

„Da bist du ja endlich“, sagte seine Mutter stirnrunzelnd. „Hattest du heute Morgen nicht etwas Anderes an?“

„Hab zu sehr geschwitzt“, sagte Flo hastig und setzte sich an den Tisch.

„Geht’s dir wirklich gut?“ Seine Mutter beugte sich zu ihm herüber und legte ihm prüfend ihre Hand auf die Stirn. „Du bist so blass.“ Sie legte die Außenseite ihrer Finger an seine Wange. „Und so kalt.“

„Wie wär’s mit einem Stück Kuchen?“, fragte Flo leichthin.

„Hört sich gut an“, stimmte ihm sein Vater, der sich im Wohnzimmer gerade die Ergebnisse der Bundesliga angesehen hatte, zu.

„Aber klar doch.“ Flos Mutter lächelte, wirkte jedoch nicht ganz besänftigt. „Das Geburtstagskind bekommt natürlich das größte Stück.“

Flo grinste und hielt ihr bereitwillig seinen Teller hin, damit sie ihm ein wirklich riesiges Stück Torte aufladen konnte. Enthusiastisch schob er sich einen Teil davon in den Mund. „Fmeckt schuper“, murmelte er kauend, obwohl er gar keinen Hunger hatte. Und dafür hätte er Mirco am liebsten noch eine reingehauen. Sein Arm tat so weh, dass Flo das Meisterwerk aus Sahne und Schokolade auf seinem Teller gar nicht genießen konnte. Wenn er ehrlich war, drehte sich ihm bei jedem Bissen sogar fast der Magen um.

„Schatz, wenn du satt bist, musst du das nicht in dich reinstopfen“, sagte seine Mutter, die ihn die ganze Zeit über im Blick behalten hatte. „Morgen schmeckt sie auch noch.“

„Wenn dann noch was da ist“, lachte sein Vater und nahm sich ein zweites Stück. Dann sah er seinen Sohn auch genauer an. „Hast du heute was getrunken?“, fragte er leise, als Flos Mutter kurz in der Küche verschwand.

Flo wollte schon entschieden den Kopf schütteln, doch dann überlegte er, dass Alkohol eine gute Erklärung für seinen Zustand liefern konnte.

Sein Vater interpretierte sein Zögern auf eigene Weise. „Ich hoffe, du weißt, wie unverantwortlich das ist. Aber darüber sprechen wir später. Jetzt gehst du am besten ins Bett und schläfst dich schön aus, verstanden?“

Flo nickte.

„Gut.“ Sein Vater wuschelte ihm kurz durch die Haare. „Und jetzt ab mit dir.“

„Gute Nacht, Ma“, rief er in Richtung Küche und lief eilig auf sein Zimmer, froh, den prüfenden Blicken seiner Eltern endlich entkommen zu sein.

Oben angekommen, bereute er es, kein Kühlpack aus dem Kühlschrank mitgenommen zu haben. Sein Unterarm pochte schmerzhaft und fühlte sich furchtbar heiß an. Alle möglichen Gedanken über eine Blutvergiftung kamen ihm in den Sinn. Er meinte förmlich zu spüren, wie die Seuche in sein Blut geriet und immer weiter seinen Arm entlangstieg, bis sie schließlich sein Herz oder sein Hirn erreichte. Flo war sich nicht ganz sicher, was gefährlicher wäre. Um sich abzulenken, schnappte er sich ein Buch und fing an, lustlos darin zu blättern. Wenn seine Eltern doch nur bald ins Bett gehen würden, dann könnte er sich endlich das Kühlpack holen. Frustriert warf Flo das Buch zur Seite. Seine Gedanken drehten sich sowieso nur um seinen Arm.

Er stand auf und öffnete das Fenster. Vielleicht würde die kühle Luft ihm zumindest ein wenig Linderung verschaffen. Dabei stolperte er über sein zerrissenes Sweatshirt. In seiner Hast hatte er es vorhin einfach auf den Boden geworfen. Er sollte es besser verstecken. Wenn seine Mutter es morgen in seinem Zimmer fand, würde er eine Menge Fragen beantworten müssen.

Wieso musste er eigentlich seine Eltern belügen? Wieso fühlte er sich nun schuldig?, dachte Flo plötzlich wütend. Er hatte schließlich nichts Falsches gemacht. Mirco saß jetzt bestimmt fröhlich und zufrieden mit Jessica herum und genoss sein Leben.

Stöhnend beugte er sich hinunter und riss das Sweatshirt hoch. Dabei fiel sein Blick auf Mircos Messer, das in seinem offenen Rucksack lag. Schaudernd bemerkte Flo die Spur getrockneten Blutes auf der Klinge. Seines Blutes. Seine Knie wurden plötzlich ganz weich, als er erkannte, wie knapp er eigentlich davongekommen war.

Widerstrebend hob Flo das Messer auf. Dann schnappte er sich ein Taschentuch und befeuchtete es mit Wasser aus einer Sprudelflasche. Vorsichtig wischte er damit über die verschmutzte Klinge. Als er fertig war, sah er sich das Messer genauer an. Es sah eigenartig aus. Eher wie ein Dolch als wie ein einfaches Messer. Der Griff war für seine Hand ein wenig zu groß, lag aber dennoch irgendwie gut darin. Die Klinge war lang, mehr als zwanzig Zentimeter, schätzte Flo, und leicht gebogen. Er war sich sicher, dass man einen Waffenschein für den Dolch brauchte. Den Mirco bestimmt nicht gehabt hatte. Außerdem sah die Waffe alt aus. Was hatte ihn nur geritten, den Dolch mitzunehmen? Wütend warf er ihn aufs Bett. Er würde gewaltigen Ärger bekommen. Mirco hatte ihn bestimmt irgendwo gestohlen und nun hatte Flo ihn an der Backe. Ob er zur Polizei gehen sollte? Aber was, wenn es doch nur ein Messer war, was, wenn sie ihn auslachten? Dennoch, einen Waffenschein musste man dafür haben. Unruhig nahm Flo das Messer wieder in die Hand und hielt es unter seine Schreibtischlampe. Die Schneide sah echt merkwürdig aus, nicht flach, wie bei einem normalen Messer, sondern sehr viel dicker. Versuchsweise strich er mit dem Finger über die Schneide und zuckte überrascht zurück, als sich ein kleiner Blutstropfen auf seiner Fingerkuppe zeigte. So scharf konnten nur die japanischen Messer sein, über die er einmal eine Reportage im Fernsehen gesehen hatte. Aber das sah nicht wie ein japanisches Messer aus. Die Klinge glänzte ganz anders, als Stahl das für gewöhnlich tat. Sie hatte einen warmen, leicht gelblichen Schimmer, der glänzte, aber kaum spiegelte. Sie schien das Licht eher in sich hineinzuziehen, als es zu reflektieren. Mitten auf der Klinge, dort, wo normalerweise die Einkerbung für den Blutabfluss war, waren merkwürdige Zeichen eingeritzt. So sehr Flo sich auch bemühte, er konnte nicht erkennen, was sie bedeuten sollten. Aber er war sich ganz sicher, dass sie nichts Gutes für ihn verhießen. Was auch immer Mirco angestellt haben mochte, um den Dolch zu bekommen, Flo würde es wohl ausbaden müssen. Resigniert legte er das leidige Messer in seine Schultasche, damit seine Mutter es nicht zufällig entdeckte. Vielleicht würde ihm ja morgen etwas einfallen. Dann legte er sich aufs Bett. Die Untersuchung des Dolches hatte ihn zumindest ein wenig von seinem pochenden Arm abgelenkt, doch nun, da er sich hingelegt hatte, kam der Schmerz mit ungeminderter Wucht zurück.

Während Flo darauf wartete, dass seine Eltern endlich zu Bett gingen, kam ihm schläfrig der Gedanke, dass er schon viele mittelmäßige Horror-Filme gesehen hatte, die so ähnlich angefangen hatten. Er hoffte sehr, dass dies kein böses Omen war.

Er versuchte zu schlafen. Doch der Schmerz und die Angst vor dem Ärger, den das Messer ihm noch bringen würde, hielten ihn wach. Er zermarterte sich das Hirn, woher Mirco es nur haben könnte. Dann fiel ihm plötzlich Mircos Onkel ein. Als sie noch kleiner – und befreundet – gewesen waren, hatten sie ihn ab und zu besucht. Er hatte einen kleinen Antiquitätenladen in der Stadt. Das war bestimmt der einzige Ort, an dem Mirco an so etwas hätte herankommen können.

Flo atmete erleichtert auf. Vielleicht würde alles ja doch noch ohne Polizei ausgehen.

Schließlich wurde es still im Haus und der Junge entschied, dass es nun sicher war, sein Zimmer zu verlassen und in die Küche zu schleichen. Als er sich das Kühlpack aus dem Kühlschrank holte, stellte er zufrieden fest, dass er wieder etwas essen konnte. Daher schnappte er sich sein halb gegessenes Stück Kuchen und schlich herzhaft kauend nach oben.

Die Kühle tat seinem Arm wirklich gut und obwohl er sich noch immer Sorgen darüber machte, wie die Geschichte mit dem Messer ausgehen würde, schlief er bald ein.


Am nächsten Morgen betastete Flo als erstes besorgt seinen Unterarm. Erstaunlicherweise hatte er fast keine Schmerzen mehr, aber das könnte auch bedeuten, dass sein Arm bereits abgestorben war. Versuchsweise schloss und öffnete er die Faust und streckte den Ellbogen mehrmals durch. Ein leichtes Ziehen – wie vom Muskelkater, sonst nichts. Vorsichtig entfernte Flo seinen Verband, um einen misstrauischen Blick auf seinen Unterarm zu werfen. Er war kein Arzt, doch er fand, dass die Wunde ganz gut aussah. Die Ränder standen nicht auseinander und sie war von einer ordentlichen Schorfschicht bedeckt. So hatten seine Knie auch immer ausgesehen, wenn Mama sie verarztet hatte. Lediglich eine leichte tentakelförmige Rötung rund um die Wunde sah etwas besorgniserregend aus. Aber sie war so blass, dass er kurzerhand beschloss, sie zu ignorieren. Flo hatte die Wunde schließlich gründlich desinfiziert, also konnte ihm nichts passieren. Er setzte seine Untersuchung fort und tippte leicht mit seinen Fingern gegen die Kruste. Das tat weh. War aber wohl auch nicht anders zu erwarten. Immerhin hatte er einen Messerstich abgekriegt.

Irgendwie konnte Flo das immer noch nicht fassen. Die Ereignisse des Vortags waren mit seinem sonst so ruhigen Leben nicht vereinbar. Ebensowenig wie die Tatsache, dass das gewöhnliche Leben nun einfach wieder weiter ging.

Während Flo sein Frühstück herunterschlang, fragte er sich, wie Mirco wohl auf ihn reagieren würde. Würde er sein Messer zurückfordern? Würde er Ärger machen? Flo war sich nicht sicher, wie er ihm nun begegnen sollte. Er hätte mit Martin vereinbaren sollen, sich am Bahnhof zu treffen, damit sie das weitere Vorgehen in Ruhe besprechen konnten. Schnell wählte er die Nummer seines Freundes, doch da ging nur die Mailbox ran.

Nun ja, Flo zuckte gedanklich die Achseln, vielleicht würde Martin auch von allein darauf kommen, auf ihn zu warten. Und wenn nicht, auch egal. Spätestens seit gestern durfte klar sein, dass er mit Mirco auch allein fertig wurde.


Flos Sorge erwies sich als unbegründet. Mirco tauchte erst gar nicht in der Schule auf. Als Flo sich bei Jessica nach ihm erkundigte, blickte sie ihn überrascht an, sagte jedoch nichts zu diesem plötzlichen Interesse. „Ich habe ihn seit gestern in der Schule nicht gesehen. Er hatte etwas mit seinen Kumpels vor“, sagte sie. „War mir eigentlich auch ganz recht. Wir müssen ja nicht die ganze Zeit aneinanderkleben.“

Etwas in ihrem Ton ließ Flo aufhorchen. Neigte sich diese unsinnige Beziehung etwa dem Ende zu?

„Und heute Morgen hat er mir eine SMS geschickt“, erzählte Jessica weiter. „Er fühlt sich wohl nicht so gut. Ist aber nichts Ernstes. Vielleicht schaue ich nach der Schule mal bei ihm vorbei.“

„Gut. Richte ihm gute Besserung von mir aus“, sagte Flo mit einem schadenfrohen Grinsen, was Jessica ein verwirrtes Stirnrunzeln entlockte. Aber sie kam nicht dazu, ihn über sein Verhalten auszufragen, denn Frau Hunke betrat das Klassenzimmer und er musste sich auf seinen Platz setzen.


In der Pause erzählte Flo Martin von seinem Plan, den Antiquitätenladen zu besuchen.

„So‘n Mist!“, rief Martin bedauernd aus. „Ich habe um zwei Gitarrenunterricht. Kannst du nicht morgen hingehen? Ich wäre echt gern dabei! Besonders, wenn es Ärger für Mirco bedeuten könnte.“ Er grinste boshaft.

Aber Flo wollte nicht warten. „Mirco ist mir egal. Ich will selbst keinen Stress bekommen. Ich erzähle dir dann, wie es gelaufen ist.“

„Das will ich auch hoffen!“ Martin schien noch immer mit sich selbst zu ringen. „Nein“, entschied er schließlich. „Ich kann die Stunde heute nicht ausfallen lassen. Das Konzert ist schon nächste Woche und meine Mutter hat mir gedroht, dass sie mir den Unterricht ganz streichen wird, wenn ich ihn noch einmal schwänze. Da musst du wohl allein durch, Mann“, schloss er bedauernd.

„Sieht ganz so aus“, stimmte Flo ihm zu.


Es war nicht schwer gewesen, den Laden zu finden, nachdem Flo sich im Informatik-Unterricht heimlich die Wegbeschreibung ausgedruckt hatte, während der Lehrer eine öde Litanei über die Funktionalitäten des Textverarbeitungsprogramms hielt. Als ob die nicht eh schon jedes Kleinkind beherrschen würde. Nicht zum ersten Mal hatte sich Flo, während er im Internet surfte, gefragt, wie oft der Lehrplan eigentlich überarbeitet wurde. Aber nun ja, langweiliger Unterricht hatte eben auch seine Vorteile.

Als Flo vor dem Laden stand, erkannte er ihn sofort, obwohl er vor Jahren nur zwei oder drei Mal dort gewesen war. Er sah genauso aus, wie ein Antiquitätenladen aussehen sollte. Sogar die Schriftfarbe auf dem Schaufenster schien ein wenig abzublättern, obwohl der Laden ansonsten sauber und gepflegt war.

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