Logo weiterlesen.de
Der Dortmunder

Roger Reyab

Der Dortmunder

(ist fast überall)


Dieses Buch ist dem Halbwestfalen gewidmet. Es ist eine Hommage an einen, der alles gab und nichts bekam. Dieses Buch ist nicht wichtig und wer drin ist, der ist es meist auch nicht. Manchmal schon, denn der, der nicht drin ist, gehört eben nicht dazu.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Prolog

„Wer mit 16 Kommunist ist, ist klug.

Wer es mit 30 immer noch ist,

ist dumm.”

Bernhard Shaw

"Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist”

Kurt Tucholsky

„Als die Mathematiker sich über meine Relativitätstheorie hermachten, habe ich sie selbst nicht mehr verstanden.”

 

Albert Einstein

„Als ich meinen leeren Kühlschrank sah,

habe ich die Welt verstanden.”

Roger Reyab

Einleitungsrede vom Wiesenmeister

Sehr verehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger,

Ich bin erfreut Ihnen ein Büchlein vorzustellen, das von einem stammt, der in uns und mit uns lebt.

Aus der Mitte unserer schönen City entstand eine Hommage an den Dortmunder. Und sind wir nicht alle ein wenig Dortmunder, mit Leib und Seele, mit Herzblut und mit unserer gesamten Steuer(abgaben)kraft? Seit dieser kleinen Fibel schallt ein Ruf durch die Republik und in die ganze Welt:

Wir alle sind Dortmunder, egal wo wir leben.

Frei nach dem in Tragik verschiedenen Präsidenten der Vereinigten Staaten, John Fitzgerald Kennedy, fühlen wir uns verleitet auszurufen:

Ich bin ein Dortmunder.

Das kleine poetische Werklein wurde auch in der Stadtverwaltung, den Ämtern und den ihnen unterstellten Dienststellen, heftig und kontrovers diskutiert. Und es ist sicher richtig, man kann es nicht allen recht machen. Der eine mag sich falsch beurteilt, der andere nicht erwähnt, ein Anderer gar gescholten fühlen. Aber unsere Stadt ist größer.

Die sprichwörtliche Dortmunder Toleranz ist weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und wir sind voller Freude über den Umstand, dass hier mal wieder ein Stück Dortmunder Stadtgeschichte Würdigung erfuhr. Es mag Bürgerinnen und Bürger geben, die in dieser Hommage auch bissige ja zuweilen ironische Untertöne zu entdecken meinen. Es ist auch unserer eingehenden Betrachtung nicht entgangen, dass der Autor nicht mit kritischen Seitenhieben spart.

Aber genau dies ist eben ein Stück gelebter Demokratie, die um so wichtiger wird, je mehr wir uns vielleicht nicht immer richtig beurteilt fühlen.

George Orwell prägte einmal den denkwürdigen Satz:

Wenn Freiheit auch nur irgendetwas bedeutet, dann die Freiheit, dass zu sagen, was niemand hören will”.

Frei nach diesem Sinnwort wollen wir uns also dankbar schätzen, dass die Freiheit in unserer lebendigen Stadt ein immer zu schützendes Gut bleiben wird. Der Autor aber hat auch mit Lob nicht gespart. So erfasste er das Wesen unserer Stadt sicher völlig richtig, wenn er unsere Stadt als weltoffen und tolerant, als wegweisend und am Puls der Zeit befindlich würdigte. Auch ist es mir eine besondere Freude das die Dortmunder Frauenförderung, um die sich unsere Stadtverwaltung in geradezu aufopfernder Hingabe bemühte, dass diese Seite unseres politischen Schaffens besondere Erwähnung fand.

Das diese Förderung uns alle reicher gemacht hat und uns den Weg in das neue Europa weisen wird, dies möchte ich als besonders erwähnenswerte Leistung unserer Politik ausdrücklich erwähnen. Ich möchte aber auch noch auf Anraten meiner politischen Freunde ergänzen, dass die Darstellung unserer Stadt an einigen Stellen missverstanden werden könnte. In manchmal drastischen, immer aber unseren Humor anregenden Worten, nutzt der Autor alle Nischen der künstlerischen Freiheit. Es mag uns manchmal befremdlich erscheinen, wenn wir den Sinn hinter Formulierungen suchen, die auf den ersten Blick verwirren. Aber ich kann der Dortmunder Bevölkerung versichern, dass dies den Ruhm unserer Stadt nicht schmälern kann. Es wird seine Leistungen nicht mindern und die Fahne nicht senken, die über unserer freien Stadt das Banner Europas verkündet.

In vielen Gesprächen mit unseren ausländischen Freunden äußerte sich auch manchmal die Sorge, dass dieses Büchlein ein Dortmund beschreibt, wie es nur im Kopf des Autors besteht. Ich gebe zu, dass bei oberflächlicher Betrachtung nur allzu leicht ein solcher Eindruck entstehen kann. Auch ist es wohl wahr, dass manchen Bevölkerungsschichten und ich meine besonders die Leistungsträger unserer Gesellschaft, dass in diesen Kreisen Unverständnis und manche Irritationen hervorgerufen wurde. Letztendlich aber überwog doch der Humor unserer Stadt, der sich schon immer durch tatkräftiges Anpacken auszeichnete. Es hat uns für immer mit dieser Republik verbunden, dass Dortmund diesem Land politisch, wirtschaftlich und kulturell mit unsichtbarer Hand zu neuer Blüte verhalf.

Ich habe auch und auch dies soll kurz Erwähnung finden, die Kritik der Kleingartenvereine, Kaninchenzüchter und Hobbykünstler vernommen, die sich über ihre Nichterwähnung in diesem Büchlein beschwerten. Der Autor hat mir aber zu ihrer Beruhigung versichert, dass er sie in einem eigens ihnen gewidmeten Essay zu einem späteren Zeitpunkt zu würdigen gedenkt. Ich danke allen Bürgerinnen und Bürgern, die durch ihre tatkräftige Unterstützung, ihren Fleiß und ihre konstruktive Mitarbeit, diese Stadt lebendig erhalten, und verbleibe mit den allerbesten Grüßen:

Ihr Herr Mingau

(Jagd- und Obermeister)

Vorwort

Dieses Buch ist natürlich nicht wahr.

Es verallgemeinert, verdreht, verzerrt und erklärt die Ausnahme zur Regel. Auch fußt es nicht auf Erfahrungen, sondern ist frei erfunden. Es entsprang dem nicht zu zähmenden Mitteilungsbedürfnis und den Wahnideen eines Verirrten, der sich in die urbane Realität einer prosperierenden Großstadt einfach nicht einzufügen vermochte. Nicht, dass der Autor nicht tatsächlich in dieser Stadt gewohnt hätte.

Auch ist es nicht so, dass der Autor ferngesteuert von Fremdmächten (dem FC-Schalke etwa?) eine Hasstirade in Auftrag bekommen hat. Dieses Buch umreißt eher den kläglichen Versuch ein komplexes Phänomen, und den Dortmunder da zu verniedlichen wäre eine nicht gelungene Analyse, in die unzureichende Enge zweier Buchdeckel zu zwängen. Oder um es einfacher zu sagen: Es ist ein Monument einer Fassungslosigkeit. Denn sich vom schleichenden Einfluss dieser Stadt freizusprechen, das wäre wohl genauso naiv, wie ihn gänzlich zu bejahen.

Ein Dortmunder wird man nicht. Das ist man.

 

Niemand ist jemals zum Dortmunder geworden, nicht durch Konvertierung, nicht durch Einbürgerung, nicht durch Zuzug oder gar Verheiratung. Um als kompletter und echter Dortmunder seinen Stehplatz in der Geschichte einzunehmen, bedarf es schon der Gnade der Geburt. Ein nicht in Dortmund geborener Dortmunder wird sich nie in die feinen Mechanismen der verschlungenen Wesensart einfinden, sie verstehen oder nachvollziehen können. Insofern mag man dem Autor also auch vergeben, dass er ein Phänomen beschreiben will, das niemand wirklich begreiflich machen kann. Da reichen nicht die 20 erbärmlichen Jährchen, die der Autor unter den Dortmundern weilte. Da wäre es wohl auch mehr als vermessen, dem Dortmunder Phänotyp auch nur annähernd gerecht werden zu wollen. Es gibt leider bis dato keinen Lehrstuhl, keine Forschungseinrichtung, kein Konzil und auch nur über die Finger einer Hand hinausgehende Literatur, die den Dortmunder als eigentümliche Spezies würdigt.

So bleibt es dem Autor nur anzuregen, dass sich die soziologische Forschung diesem Gebiet annähert. Dies um es für wissbegierige Generationen der Zukunft verfügbar zu machen und dadurch vielleicht Schlimmeres zu verhindern. Manch einer wird erstaunt über die Ergebnisse sein, die sich der Autor in mühevoller Recherche und unter Einbeziehung hoch geheimsten Quellenmaterials erarbeitet hat.

Das gesamte Ausmaß des flächendeckenden Großstadtexperiments wird sich aber wohl nur dem erschließen, der die Unsummen an Schmiergeldern und Informantengehältern ermessen kann. Es gab viele Bücher mit Lokalkolorit. Die zumeist mit Herzblut verfassten Oden an Städte wie New York, Hamburg, Dresden und wo immer jemand geboren sein durfte. Die herzschmerzverirrten Lieder an Bochum, Herne und Wanne-Eickel, die Gedichte und Liebesschwüre - all dies hat es gegeben; aber dies ist mit diesem Buch natürlich nicht vergleichbar.

Denn Dortmund ist nicht New York.

Wenn es vielleicht eine winzige Gemeinsamkeit zwischen den ungleichen Städtchen gibt, dann wohl die, dass beide Metropolen sind.

Aber bevor der Dortmunder jetzt in jubelnde Selbsterhöhung ob der unverhofften Gemeinsamkeit verfällt, sei die Warnung ausgesprochen, dass dies auch nur eine sehr vage Allegorie darstellt. New York ist deshalb eine Metropole, weil das Treiben der urbanen Einwohner früher oder später Auswirkungen auf die gesamte Staatengemeinschaft der amerikanischen Hemisphäre zeitigt. Und dies ist wohl auch der tiefere Sinn einer Metropole, denn was wäre eine wert, wenn sie unbeachtet und vergessen vor sich dahin vegetiert.

Und dies gilt eben auch für Dortmund. Die zusammengewürfelte Gemeinschaft der 52 ehemaligen Dörfchen, die sich irgendwann zu einer Stadt mit Namen Dortmund formierte, ist eine Metropole im schlechtesten Sinne des Wortes.

Es ist aber im Gegensatz zu den New Yorkern dem Dortmunder nicht im geringsten bewusst, dass auch sein auf den ersten Blick unscheinbar wirkendes Gebaren, tiefe Auswirkungen auf die gesamte Republik, wenn nicht gar auf den gesamten Globus hat. Der Dortmunder weiß von alledem nicht viel. Er will es wohl auch nicht wissen. Seine gesamte kognitive Architektur ist nicht dazu angelegt, sich über solche Dinge Gedanken zu machen. Der zweifelhafte Platz in der Geschichte, den der Dortmunder eines Tages einnehmen wird, wurde aber gerade ihm deshalb zuteil, weil sich ab und an Spione unter die Dortmunder mischten und gnadenlos alle Geheimnisse dieser merkwürdigen Stadt outeten.

Denn machen wir uns nichts vor.

Von außen sieht diese Stadt aus wie irgendeine andere. Überall wird gebaut, wird jeden Tag eine neue Straße aufgerissen, werden Bäume im Rahmen der Begrünung verschandelt, heulen Ambulanzen als ewige Hintergrundmusik des städtischen Rhythmus. Nichts unterscheidet die Dortmunder auf den ersten Blick von anderen Erdbewohnern. Es liegt auch nicht an der außergewöhnlich hässlichen Fassade dieser City, die gnadenlos alle Baustile vergangener Epochen nebeneinanderstellt und geschmacklos vermischt. Das Wesentliche, das Einzigartige am Dortmunder ist seine stoische Ignoranz. Es gab schon viele ignorante Ideologien, Völker, Politiker und was immer. Aber es gab wohl nie eine solch ausgeprägte und stillschweigend dem Dortmunder mit in die Wiege gelegte Nichtbeachtung Allem und Jedem gegenüber. Hinzu kommt die dem Dortmunder eigene Sprache, die eigentlich des Namens nicht würdig ist.

Denn es ist wohl eher eine ihm ureigene Sprachlosigkeit, die sich freilich durch stetes Plappern, Gackern und babylonische Sprachverwirrung zu übertönen versteht. Dem Dortmunder aber kommt der zweifelhafte Ruhm zu, dass er weit an der Spitze rangiert. Er ist dem Fortschritt um Jahre, und wenn es etwas Hoffnung gibt, vielleicht Jahrzehnte und Jahrhunderte voraus.

Seine ihm ureigene „Herzlichkeit” prangt turmhoch über anderen Städtern und Nationen, ist im schlechtesten Sinne des Wortes weg- und zukunftsweisend. Das sich unter dem Tarnnamen der „Ehrlichkeit” jahrelang eingebürgerte Gerücht erweist sich bei näherem Hinsehen als perfide Propaganda der Dortmunder, die so dem wenig vertrauten Laien Sand in die Augen zu streuen vermochten.

Der Dortmunder ist nicht ehrlich. Jedenfalls nicht ehrlicher als jeder andere. Gnadenlos unehrlich wird er aber, wenn irgendjemand am ausgefeilten Image zu rütteln versucht und dann kann der Dortmunder auch schon mal zum ehrlichen Übel mutieren.

Es ist viel über Illuminaten, UFOs, Verschwörungen, Freimaurer usw. geschrieben worden. Allen Publikationen gemeinsam ist aber der Gedanke, dass sich verschworene und dem Außenstehenden nicht erkennbare Gemeinschaften formieren, die die Geschicke der Nationen im Geheimen lenken. Nun ist es aber nicht so, dass der Dortmunder irgendeiner Loge oder einem Geheimbund nahesteht. Dies würde ein Mindestmaß an Organisation und innerer Solidarität erfordern, die dem Dortmunder aber von Natur aus fremd sind. Der Dortmunder hat sich aber auch nicht einfach so, unabhängig von Außeneinflüssen entwickeln können. Er ist auch keine Verirrung der Evolution, die sich zum Zwecke des Überlebens eine Mutation genehmigte.

Der Dortmunder ist eher eine eigenartige Spitze eines Eisberges, der sich schleichend in einer Republik entwickelte, die sein Überleben auf unerklärliche Weise begünstigte. Es ist dabei nun müßig zu vermuten, ob es nun von Dortmund ausging, oder sich unabhängig entwickelte. Sicher ist aber dass der Dortmunder die Geschichte beeinflusst. Als Spezifikum dieser hochsensiblen Fähigkeit an der Spitze des Fortschritts zu stehen, ist der Dortmunder somit Ausblick auf eine Welt von Morgen, die sich in der modernen City schon heute begutachten lässt. Als der Autor erstmalig dieses Buchprojekt Verlagen anbot, bekam er zugleich den rauen Wind einer Stadt zu spüren, die über ein feines Netzwerk von Befürwortern und geheim agierenden Unterstützern verfügt. Obwohl es dem Autor aber fernliegt, an Verschwörungen zu glauben, ließ sich der Eindruck doch nicht gänzlich verdrängen, dass Dortmund mehr ist als eine Stadt.

Das Buch schien Tabus zu enthüllen, von denen sich der Autor nicht bewusst war, dass sie welche sind. Man riet dem Autor auch zugleich verschlüsselte Pseudonyme zu verwenden, die Herkunft und Urheberschaft gänzlich zu verschleiern und empfahl mehrere Sicherheitsunternehmen, die Erfahrung im Schutz hoch gefährdeter Personen besäßen. Und da schwante es mir, dass ich mit meinem naiven Unterfangen wohlmöglich auf eines der letzten gehüteten Geheimnisse dieser ansonsten so geheimnislosen Republik gestoßen bin. Ich hätte nie geahnt, wie schnell man zu einer Art „Salman Rushdie der Stadtchronik” werden kann.

Der Dortmunder hat Geduld. Der Dortmunder ist auch weltoffen.

Aber dieses Buch überspannte die Dortmunder Geduld bei Weitem und ließ seine viel beschworene Weltoffenheit zu einem kleinen Törlein der jungfräulichen Verschlossenheit schrumpfen.

Nicht, dass der Dortmunder dieses Buch verstanden hätte.

Es war mehr sein unbestechlicher Instinkt, der den Dortmunder durch jedes Fahrwasser der Korruption schippern lässt, der ihm unkorrumpierbar die Tangierung ureigenster Sicherheitsinteressen anzeigte.

Es war ein Akt der nationalen Sicherheit. Auch rieten mir anonyme Freunde, dass dieses Buch schon im Ansatz sinnlos sei und deshalb am besten noch vor der Drucklegung in einem Schredderunternehmen in alle Buchstaben atomisiert werden sollte. Sinnlos auch gerade deshalb, weil es den Dortmunder nicht interessiert oder aggressiviert oder bei dem Rest der Republik, wie eine Fliege im Chitin des Nashorns wirkt.

Ich ließ mich aber dennoch von meinem Vorhaben nicht abbringen und vollendete ein Werk, dessen Zweifelhaftigkeit wohl über jedem Interesse am schnöden Mammon thront. Dies tat ich im Übrigen nicht aus einer selbstgierigen und aus niederen Motiven herrührenden Rachefantasie, sondern in der festen Überzeugung der Menschheit einen unschätzbaren Dienst erwiesen zu haben. Es wäre ein nicht zu ersetzender Verlust, wenn dieses Puzzlesteinchen der modernen Ethik keine ausreichende Würdigung neben Standardwerken wie „Die Kunst des Liebens” oder „Grimmecks Tierleben” erführe. Diese anmaßende Haltung begann ich aber dann zu relativieren, als mir ein guter Freund riet, mich doch lieber bescheiden an „Gullivers Reisen” oder „Das Kapital” zu orientieren. Stilistisch ist dieses Buch natürlich eine Katastrophe.

Wie sollte dies auch anders sein, wenn man dem Autor wohlwollend in Rechnung stellt, dass 20 Jahre Dortmund, auch an ihm nicht spurlos vorbeigegangen sein können.

Ganz im Gegenteil beschlich den Autor eher das undefinierbare Gefühl, dass der eingesogene Virus der Dortmunder auch sein unbestechliches Gehirn vernebelt hatte. So schien es mir an einigen Stellen als hätte die Dortmunder Ver(w)irrung auch schon meine eigene Wahrnehmungskraft aufs Schändlichste geschmälert. Zum Glück waren diese kurzen Momente des jesuitischen Zweifels aber nicht von Dauer. Ich wurde letztendlich doch darin bestätigt, dass meine Wahrnehmung noch ohne die Folgen der Gehirnwäsche arbeitete, die für den Dortmunder doch so charakteristisch ist.

Ich glaube nicht, dass ein Dortmunder dieses Buch lesen wird.

Auch wird es keine literarischen Dortmunder Zirkel geben, die dieses Buch besprechen, denn es gibt in Dortmund keine. Dies Buch wird in keiner Dortmunder Schule gelehrt, in keiner Dortmunder Zeitung erwähnt, oder gar in irgendeinem Dortmunder Seminar erörtert werden.

Wenn es weit kommt, wird vielleicht mal hinter den verschlossenen Türen einer Arbeitsloseninitiative leise über das Machwerk geflüstert. Wie im Laufe des Buches noch zu beweisen sein wird, wäre dies auch völlig untypisch für Dortmund. Denn der Dortmunder treibt sein Unwesen lieber im Verborgenen und leistet seinen subversiven und zersetzenden Einfluss hinter dem Siegel der Verschwiegenheit. Die Dortmunder halten zusammen. Wie mit einem unsichtbaren Band verbunden, wie von einer unbekannten gemeinsamen Mutter, ist der Dortmunder unbestechlich auf der eigenen Seite.

Der Dortmunder spürt die Gefahr schon im ersten Anflug eines unmerklichen Lüftchens in der Sommerbrise. Unbeirrt erkennt er das eigene Blut und grenzt es gegen alles ab, was ihm nichtdortmunderisch dünkt. Der Dortmunder täuscht den Forscher aber dadurch, dass seine Erscheinung zwar unterschiedlich ist, sich sein Wesen aber gleicht wie ein Ei dem anderen. Der Charakter des Dortmunders ist daher nur dem wirklich ergründlich, der sich mit dem Studium des harmlos wirkenden Halbwestfalen beschäftigt hat.

Um allen Unkenrufen einer Verallgemeinerung, der in diesem Buch das Wort geredet würde zuvorzukommen, verweist der Autor auf die tendenzielle Beobachtung. Natürlich ist es wahr, dass der Dortmunder nicht immer so ist.

Und natürlich ist es auch wahr, dass es vielleicht sogar 0,001 % eingeborene Dortmunder geben wird, die nicht in das Raster dieses Elaborates passen werden. Und sicher stimmt es auch, dass mit zunehmendem Bildungsgrad und monetärer Sicherheit das Dortmunder Wesen eine Abschwächung erfährt. Sicher ist es auch nicht von der Hand zu weisen, dass der Dortmunder auch ab und an fast normal wirkender Regungen fähig ist.

Es wird dem Autor eine innere Verpflichtung sein, auch solche seltenen Blüten eingehend zu würdigen. Alles in allem aber kann man über gar nichts mehr schreiben, wenn man immer die 0,001 % miteinbezieht. Wenn man es genau nimmt, dann sind das immerhin schon 2 Bürger, die mein Buch vielleicht kaufen werden.

Somit erlaubt sich der Autor eben die Verallgemeinerung, da an der Tendenz das Wesen der Dinge offensichtlich wird. Denn war es nicht Hannibal Lector aus dem Märchen „Schweigen der Lämmer”, der mit diesem Wesen der Dinge der niedlichen FBI-Agentin wichtige Hinweise eröffnete?

Es sollte vielleicht noch Erwähnung finden, dass der Autor über nichts geschrieben hat von dem er nichts weiß. Wir sind es ja gewohnt, dass viele Menschen über Dinge schreiben von denen sie nichts verstehen. Wer also hier eine geschichtliche Chronik oder ein Zahlenwerk erwartet, dem sei die Enttäuschung erspart. Dafür hat dieses Büchlein aber den Vorteil, dass es 30 Jahre Dortmund beschreibt. Aus meiner Sicht.

Ein Vorwort sollte immer nur so lang sein, dass es den Umfang des Buches nicht überschreitet. Daher sei nur noch erwähnt, dass es mir ein stetes Rätsel bleiben wird, warum die Japaner dieses Buch so lieben. Als ich dieses Buch ins Russische, Litauische, Moldawische, Indische, Singhalesische und viele andere Sprachen mehr, übersetzen ließ, hätte ich nie geahnt, dass gerade die Japaner diesem Werk den Platz in der Geschichte zugewiesen haben, den es verdient. Auch freute mich die jüngste Einladung zu einem Kongress in Tokio, bei dem ganz nebenbei ein Festzelt eröffnet wurde, indem mir und den grölenden Japanern zur Freude ein Schauspiel der besonderen Art eröffnet wurde. Die Japaner hatten die drollige Idee, und man sollte ihnen dafür ewig dankbar sein, die jährlich stattfindende Gaudi des „Dortmunder Sommers” zu erfinden.

In dem heillos verwirrten Volksfest werden lustige Masken frei nach der Beschreibung dieses Buches getragen und Dialoge zelebriert, wie sie schöner in den Dortmunder Kneipen und Cafés nicht zu hören wären.

Ich bin den Japanern auf ewig dankbar, dass sie den Humor dieses Buches teilen und ihm ewige Bedeutung verliehen haben. Ansonsten wünsche ich viel Freude mit diesem ernsten Werk und empfehle mich der Leserin und dem Leser des Dortmunder Lehrbuches, zu dessen 432. Auflage ich mir das deutschsprachige Vorwort zu schreiben nicht verkneifen konnte.

Ihr  Roger Reyab im Sommer 2004

Unter Feinden

Als ich noch jung und unerfahren war, erschien mir die Welt offen. Offen für meinen wissbegierigen Geist, meiner Sucht nach Trost und Liebe, meiner Neugier und meinem Erfahrungsdrang. Wild und ungestüm forderte ich das der Jugend eigene Recht auf selbst erfüllte Arbeit, nach exzessivem Sex und relativ nicht gepanschten Drogen ein. Hätte ich damals geahnt in welche Abgründe tiefster Selbstzerissenheit mich meine verschlungenen Lebenswege führen würden, ich hätte mir wahrscheinlich gleich ein Ticket auf der Titanic gesichert.

Es gab damals mehrere Alternativen und Möglichkeiten meine Lebensgier zu stillen. In der kleinen Stadt, in der ich damals lebte, gab es vier Schilder. Eins nach Norden, eins nach Süden, eins nach Osten und eins nach Dortmund. Ich hätte also drei Wege gehen können, die mich in relativer Selbstzufriedenheit ein bescheidenes Dasein hätten fristen lassen. Aber wie so oft im Leben entschied ich mich mal wieder für den Weg des größten Widerstands. Ich ahnte damals noch nicht das mit dieser fatalen Fehlentscheidung, die Weichen für ein ozeanisches Fahrwasser gestellt wurden, das an stürmischen Exzessen verzweifelter Selbstentweihung seinesgleichen suchen sollte.

Das Wort Dortmund ist ja eigentlich ein normales Wort.

Es assoziiert das Dort und den Mund, also beides eigentlich keine Hinweise darauf, dass es hier ein Leben im Schlund des Löwen würde. Auch gab es keine warnende Literatur, irgendwelche mir bekannten Dortmunder/innen und so war ich frei von jedem Verdacht meine geistige Exkommunizierung vorzubereiten. Ich kam aus bescheidenen Verhältnissen, freilich nicht so bescheiden wie viele Dortmunder. Aber ich hatte damals den durchaus zutreffenden Gedanken, dass nur eine große Stadt meinem Ego würdig und meinem Expansionsdrang angemessen sein könnte. Ich hätte mich auch für kleinere Städte oder welche mit Flair entscheiden können. Aber wie so oft war es die ZVS, die zentrale Vergabestelle der Studienplätze, die mein Schicksal auf unheilvolle Weise besiegeln sollte.

Zunächst und dies war eine zynische Laune der Natur, verschlug mich aber mein Karma in eine westfälische Stadt, in der mal irgendwann jemand einen Frieden besiegelte und damit den Dreißigjährigen Krieg beendet hatte. Diese Stadt war so erzkonservativ, dass ich nicht nur auffiel, ich war das Enfant terrible in dieser Stadt der Fahrräder und Museen, der Straßencafés und der klangvollen Titel der Professoren. Wäre ich hier geblieben, ich hätte vermutlich mal eine Tochter eines Beamten geehelicht und wäre fest angestellt in einer Einrichtung für defizitäre Spätaussiedler verschieden.

Aber das Schicksal wollte es anders.

Der schnöde Mammon setzte mir einen Riegel vor diese Pläne. Es war ein wunderbarer verliebter Sommer am Aahsee, der mit dem Rhein-Herne-Kanal nur vom Geruch her vergleichbar ist. Meine Liebe stammte übrigens auch nicht aus Dortmund und es sollte kein Zufall sein, wie mein weiterer Lebensweg eindrucksvoll belegen wird. Es gab also alles in allem keinen Grund dazu, sich zu sorgen. Wäre da nicht der Wechsel zum Dortmunder Campus gewesen, der erste dunkle Schatten auf mein bisher so sorgloses Studentenleben warf.

Als ich den verliebten Sommer am Aahsee hinter mir ließ und den Ort meines zukünftigen Schaffens erstmals inspizierte, überkamen mich immer noch keine Zweifel, die die katastrophale Entwicklung hätten stoppen können. Sicher war es ein regnerischer Tag und sicher war das eher ein Verhau als eine Uni und sicher war die Gegend alles andere als anheimelnd. Die Oestermärschstraße, und ich gebe zu, dass ich bis heute nicht weiß, wie man diesen Namen ausspricht oder gar schreibt, war eigentlich mehr eine Eisenbahnbrücke als eine Straße. Und dort wo heute ein nie genutzter Spielplatz dem erstaunten Besucher Kinderfreundlichkeit vorgaukelt, dort hatten sie eben diesen Asylantenheimverschnitt auf Stelzen in die Landschaft geklatscht.

Aber ich war jung und voller Energie und so störte mich dieses hässliche Umfeld ebenso wenig wie das Wetter und die ebenfalls hässlichen Kommilitoninnen. Der Fachbereich war aber, und dies erkannte ich erst Jahre später, durchaus keine zufällige architektonische Glanzleistung der Dortmunder Stadtplaner.

Im Verlaufe meiner zukünftigen Dortmunder Studien sollte ich immer wieder auf dieses Phänomen stoßen, das die Dortmunder Architektur von allen anderen so unheilvoll unterscheidet. Ich wechselte meinen Wohnsitz von der 20-qm-Luxuswohnung zu einer respektierlichen 54qm Wohnung in der Dortmunder Nordstadt. Hätte ich geahnt, welchem Strukturwandel ich nun beizuwohnen genötigt wurde, ich hätte mir wahrscheinlich die Pulsadern aufgerissen.

Anzufügen zu der 20-qm-Luxuswohnung in der westfälischen Metropole bleibt nur noch, dass es ein Durchgangsklo besaß. Jeder, der einmal das Vergnügen hatte mit zwei hoch emanzipierten Germanistikstudentinnen ein Klo zu teilen, das auf der einen Seite eine Tür zu meiner Wohnung und auf der anderen eine Tür zur Speerspitze der feministischen Kampfbewegung hatte, mag ermessen, was das bedeutet. Jeden Tag, und es sei mir verziehen, dass ich die Toilette täglich benutzen musste, erwarteten mich andere Weisheiten der allgemeinen Lebensführung, die in riesigen Lettern in Sichthöhe das Klo plakatierten.

„Hier wird im Sitzen gepinkelt” oder „Eine Klobürste hat einen Sinn” oder „Es geht auch leiser”, waren die kleinen Nettigkeiten, mit denen mich meine Sandalen tragenden Nachbarinnen täglich zu beglücken wussten.

Ich rächte mich damit, dass ich eines Tages mit meiner Freundin die Dusche derart exzessiv benutzte, dass die Feuerwehr Tage brauchte, um das Wasser abzupumpen. So sah ich es anfänglich durchaus als einen Fortschritt an, dass ich von nun an in einer Wohnung leben konnte, die ein eigenes Klo, ein eigenes Fenster und eine eigene Dusche hatte. Meine Freundin fand aus einem Anflug weiblicher Intuition heraus, die neue Stadt allerdings von Anfang an nur hässlich, was durch den Umstand begünstigt wurde, dass sie eigentlich Bäume ohne Arbeiter, die daran rumzuppeln, kannte.

Ich machte mir aber nichts aus den vernünftigen Warnungen meiner naturverbundenen Liebschaft und fand den Dortmunder Norden sogar anfänglich inspirierend. Hier war es nicht so steif wie in der westfälischen Beamtenmetropole und hier gab es auch mal Kneipen, die sich sogar ein Student leisten konnte.

Das damalige Biotop der Nordstadt hatte aber schon damals alle Anzeichen einer inneren Verwahrlosung, die ein junger Mensch eher schleppend, ein in der Nordstadt aber ansässiger Mittfünfziger sicher schon damals als bedrohlich erkannt hätte. Wir reden hier über die Zeit der beginnenden 90er und die Nordstadt war damals noch nicht ganz das, was sie heute ist. Tatsächlich lebten hier viele Studenten, es gab auch vereinzelte Künstler und so mancher Langzeitalkoholiker hatte hier ein Domizil der Unauffälligkeit gefunden.

 

Zwar begann schon damals die ausländische Mitbürgerschaft das Straßenbild zu dominieren aber es gab noch viele Gegenakzente, die über die Armenspeisung der „Kanna” hinausgingen. In meinem Haus lebte ein schizoider Konzertpianist, der sich vom KGB verfolgt glaubte ansonsten aber harmlos und umgänglich war. Manchmal legte er mitten in der Nacht ohrenbetäubend Beethovens 3. Klavierkonzert auf aber das störte mich wenig, bin ich doch seit dieser Zeit ein intimer Kenner der beethovenschen Spätwerke.

Neben mir lebte ein verrückter Schlangensammler, der manchmal seine Königsboa im Haus suchen ließ und sich ansonsten känguruhartig fortbewegte. Er hatte mal eine Pille mit dem harmlos anmutenden Namen „Lupo” geschluckt und war seit dem tatsächlich eine Figur aus Fix und Foxi geworden.

Die Nordstadt war von jeher Anziehungspunkt der Verrückten, Gestrandeten, Alleingelassenen, Drogenabhängigen und sozial schwächer Gestellten. Studenten waren damals in der Hierarchie noch tiefer als die Sozialfälle und daher war man geduldeter Anhang, solange man sich ruhig verhielt. In den Kneipen der Nordstadt dominierten damals die alternativen Kaschemmen, die meist von ehemaligen „68-ern” und dann zu den Grünen „konvertierten Althippies geführt wurden. Am Dienstag traf sich im damaligen „Komma” die Lesben-, am Mittwoch die Schach-, und am Freitag die Esoterikgruppe.

Die sogenannten „Opakneipen” gab es aber damals schon und sie waren meist schon morgens um 7 mit zitternden Trinkern bevölkert, die mit 29 schon die Faltenbildung eines ausgemachten Greises besaßen. In diesen Kneipen verkehrte ich damals nicht, doch wäre mein Leben nicht das, was es war, wenn nicht diese Erfahrung wichtiger Bestandteil der Erforschung der Dortmunder Lebensart geworden wäre. Da man sich einen Bierbauch erarbeitet und nicht verliehen bekommt, kann man mit Fug und Recht die damalige Nordstadt als den Hort der schwappenden Bäuche beschreiben.

Ich hatte keinen Bauch und auch ansonsten ließ mich das Schicksal der sozialen Härtefälle in der Dortmunder Nordstadt ziemlich unberührt. Einmal kam mein Konzertpianist von oben zu mir und es war nicht zu übersehen, was ihm fehlte. Sein Mund war zu einem greisenhaften Loch mutiert und er berichtete mir mit feuchter Aussprache, dass er sein Gebiss sanieren wollte. Dies wurde auch getan, aber als der Zahnarzt erfahren hatte, dass das Sozialamt die Sanierung nicht oder nur teilweise bezahlen würde, ließ man den armen Mann einfach ohne Zähne und weitere Behandlung. Es dauerte mehrere Wochen, bis der vom KGB verfolgte Pianist dem Sozialamt beweisen konnte, dass seine Mundhygiene den normalen Standards entspricht. So wurde ihm wenigstens ein Provisorium gewährt und mir ein besserer Anblick seines Mundes. Ansonsten lernte ich nun massenhaft Dortmunder Menschen kennen. Die unbeschreibliche Nichtanwesenheit des Dortmunders, diese Nichtfüllung des Raumes bei gleichzeitiger physischer Präsenz erschien mir anfänglich nicht sehr auffällig. Das merkwürdige Fehlen von Spurenbildung aber, dieses Unbesetztsein aller Stühle im vollen Lokal, dieses austauschbare Nichtatmen. All dies war mir zwar körperlich präsent, dennoch aber empfand ich es als normal.

Natürlich wusste ich damals noch nicht, dass dies nicht wirklich die Dortmunder Wesensart ist, sondern das dieses merkwürdige physikalische Phänomen von der Tatsache herrührte, dass dies alles von der Nichtwahrnehmung des Gegenübers ausging. Ich konnte damals noch nicht ahnen, dass der Dortmunder sich selbst besetzt hält und möglichst zu schützen versucht. Vor der Luft, vor dem anderen Denken, vor dem Einfluss anderer Städte, ja sogar der Stadtteile, vor der Aura, vor der anderen Lebensart. Was ich ganz vage spürte, was wie ein Hauch einer Wahrnehmung war, erschien mir erst als natürliche Eigenart. Aber es war schon vernehmlich. Anfänglich äußerte es sich in Missverständnissen.

Überhaupt ist der Dortmunder ein Meister des Missverständnisses.

Das Missverständnis beginnt bei seiner Geburt. Der Dortmunder glaubt, dass er geboren sei. In Wirklichkeit aber ist er nicht geboren so wie irgendein anderer Mensch, sondern er ist dahingestellt. Oder wie soll man es beschreiben, wenn ein Wesen in eine Welt fällt, dort klebt und sich verpuppt, ein Nest baut und sich einigelt?

 

Der Dortmunder besetzt seine Scholle wie der Inka seinen Bienenstock.

 

Ein Merkwürdiges noch zu entschlüsselndes Genom, (gibt es das Dortmund-Chromosom?), lässt ihn in diese Welt hineinplumpsen.

Und ist er einmal da, dann ist er niemals mehr woanders.

Die menschliche Geschichte ist voll von den Pionierleistungen des Homo sapiens. Seine Neugier ließ ihn neue Kontinente entdecken und Raketen zum Mond schicken.

Der Dortmunder hat diesen Drang nicht. Wenn es nach dem Dortmunder gehen würde, dann wäre eher der Florianturm auf 780 Meter erweitert worden als je ein Apolloprojekt gestartet worden. Der Drang des Dortmunders nach kultureller Erhöhung erschöpft sich nur auf die eigene Stadt.

Wenn es je ein überzeugenderes Argument dafür gegeben hat, dass uns die Aliens noch nicht besucht haben, dann sicher das, dass die Aliens die Dortmunder gesehen haben. Die Aliens und die Dortmunder. Eine größere Katastrophe ist nicht ausmalbar. Der Dortmunder ist deshalb so schwer zu ergründen, weil er nach außen hin alles tut, um weltoffen zu wirken. Aber der Dortmunder weiß nicht, dass die Welt kein Stadtteil ist. Die Welt, das muss man leider in Dortmund immer wieder erklären, ist nicht nur Brackel, oder Eving, oder Oestrich, oder Istanbul, die Welt ist auch Brooklyn und Sydney und Johinnesburg und Manila.

Es ist dem Autor dieses Elaborates unverständlich, dass in Dortmund nicht schon längst eine Art Bosnienkrieg ausgebrochen ist. Nichts läge in Dortmund näher, als das die Stadtteile sich blutige Kriege liefern würden. Ein Krieg zwischen Huckarde und Eving ist nur deshalb bisher erfolgreich verhindert worden, weil der Evinger ungern die Stadtmauern von Eving verlässt.

Auch giert es den Dortmunder nicht nach Eroberungen. Dazu würde ein Mindestmaß an Neugier und Pioniergeist erforderlich sein aber das ist es gerade eben, das dem Dortmunder absolut abhold ist. Der Dortmunder ist da nicht anders als viele andere Städter. So wie der Kölner, der auch ungern außerhalb von Köln verreist, aber spezifisch an ihm ist die so tief verankerte Provinzialität, die durch keinen Impuls von außen zu erschüttern ist. Als ich meine ersten Erfahrungen mit dem Dortmunder Naturell sammelte, war ich noch weit davon entfernt, diese zu verallgemeinern. Anfänglich erschienen mir all die kleinen Verirrungen und Ungereimtheiten als verschrobene Eigenart einer Spezies Mensch, wie sie überall vorkommen kann.

Das ich aber einem Phänomen von geradezu welthistorischen Ausmaßen auf der Spur war, dies wurde mir erst sehr langsam bewusst. Der Dortmunder liebt nichts mehr, als das „Wort im Mund umdrehen” und den Bezug auf den Einzelfall. Der Einzelfall ist beim Dortmunder immer die Regel. Dies fiel mir am Ersten auf.

So sprach ich mit einem Dortmunder und behauptete, wie dumm von mir, dass Wiesen meist die Eigenschaft besitzen grün zu sein. Also ich sagte:

 

Ja, die grünen Wiesen.”

 

Der Dortmunder runzelte seine Stirn, und warum habe ich es nicht schon damals begriffen, als er sagte:

 

„Ja, Moment mal, was erzählst du denn da? Es gibt auch braune Wiesen ..."

 

Ich war geschockt. Braune Wiesen? Hatte ich noch nicht gesehen aber weil ich ja ein wissbegieriger und neugieriger Mensch bin, fragte ich ihn:

 

Ja wie meinst du das, wie ... braune Wiesen ...?”

 

Der Dortmunder nahm erst einmal einen Schluck aus seinem Glas und setzte nun zu einer epischen Beschreibung der Flora und Fauna des Regenwaldes an ... und tatsächlich: Er hatte recht.

Es soll in einem kleinen, winzigen, verschlafenen und von kaum einem Menschen je betretenden Fleckchen Erde an der Grenze des Äquators eine braune Wiese geben.

Es war unfassbar ... und dann fügte der Dortmunder seiner Reisebeschreibung den berühmten und in Dortmund meist zitierten Satz hinzu:

 

Also, das kannst du so nicht sagen.

 

Ja, also in Dortmund kann man nichts einfach so sagen.

Es gibt immer ein Gegenbeispie,l das jede Regel, jedes Axiom, jede mathematische Formel, jedes Naturgesetz, jede Theorie entkräftet und zur Nichtigkeit schrumpfen lässt.

Der Dortmunder ist ein Meister des Einzelfalls. Es nimmt wirklich kein Wunder, das aus Dortmund kaum historische Persönlichkeiten stammen. Denn wenn es nach dem Dortmunder ginge, dann wäre die Erde noch eine Scheibe. Wenn irgendjemand in Dortmund behauptet hätte, die Welt ist eine Kugel, dann hätte bestimmt irgendein Dortmunder gesagt:

 

Na, Moment mal, das kannst du so nicht sagen.

 

Und dann hätte der Dortmunder so lange in allen möglichen Archiven der Sternenwarten gekramt, bis er irgendwo in unserem Weltall einen Planeten in Scheibenform entdeckt hätte und dann hätte er gesagt:

Siehst Du, da ist der Beweis, die Erde muss keine Kugel sein, die kann genauso gut auch eine Scheibe sein."

Es wäre kaum auszumalen wie der Verlauf der Geschichte ausgesehen hätte, wenn Dortmunder daran Anteil gehabt hätten.

Es gäbe kein Licht und keine U-Bahn, keine Sinfonien und Bücher, keine kommunistischen Manifeste und keine Waldhörner. Der Einzelfall hat nämlich für den Dortmunder unschlagbare Vorteile.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der Dortmunder" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen