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Der Dirigent

Inhaltsübersicht

Prolog

TEIL I

Das Klopfen an der Tür

Die Nachricht

Die Bank

Vorfreude

Der Geburtstag

Nikolais Trauer

Möbelpreise

Ein fast unentrinnbares Vermächtnis

Nachtwache

In Sollertinskis Büro

Der erste Kampf

Auf dem Fischmarkt

Der Wendepunkt

TEIL II

Der Kosak und der tote Junge

Der Versuch zu lügen

Branntwein, Gespräche und der zwölfte Juli

Die Wahrheit über Nina Warsar

Der Reiter

Die Verschlossenheit der männlichen Eliasbergs

Der Marsch

Rückwärts zählen

Ins Rampenlicht

Begegnungen und Abschiede

Sie geht nicht

Die Bitte

TEIL III

Der Niedergang

Rette sich, wer kann

Die Brandnacht

Eine Art Rückzug

Helden

Die Vergangenheit ausbeuten

Das Schlimmste von allem

Verwandte

Das Geschenk

Rivalen

Der Dieb

Befehle

TEIL IV

Kriechtempo

Entschlüsse

Der Auftrag

Nach dem Schnee

Eine neue Front

Die Fehlenden

Elias kommt nach Hause

Der Briefkasten

Prioritäten

Generalprobe

Epilog

Danksagungen

Anhang

1. Dmitri Schostakowitsch

2. Die Leningrader Sinfonie

3. Die Belagerung Leningrads

4. Interview mit Sarah Quigley

Prolog

Ich wurde ohne Herz geboren.

Das glauben sie jedenfalls. Ich höre ja auf den Proben, was sie sagen. Zum Musikmachen reicht ihre Atemluft kaum – da kann ich schmeicheln und betteln oder poltern wie Donner, es nützt alles nichts. Aber wenn sie über mich tuscheln, dröhnen ihre Stimmen durch den Saal, als träfen Spitzhacken auf Eis.

Ein Dirigent muss abseitsstehen. Das ist Teil der Aufgabe, des Privilegs, der Bürde. Der Schritt zum Nicht-Gemochtwerden ist klein. Mich kümmert das nicht. Genauer: Es kann mich nicht kümmern. Für den Luxus, beleidigt zu sein, fehlt mir gegenwärtig die Kraft. Sollen sie doch reden, soviel sie wollen – über meine Hakennase, meine schmalen Lippen, meine altmodische Brille. Sollen sie sich über mein Beharren auf Pünktlichkeit ruhig lustig machen. So hart, wie ich sei, müsse ich wohl mit dem großen Führer unserer gefürchteten Regierung verwandt sein! (Sie haben sich angewöhnt, solche Sachen tonlos zu sagen, hinter vorgehaltener Hand, aus Angst, Stalins Leute könnten an der Tür lauschen.) Vielleicht – das äußern sie schon lauter – ähnelte ich in meiner abweisenden Art aber auch eher Hitler, dem größten Feind unseres Landes. Ich höre diese Vergleiche und finde sie lästig, wenn auch kaum überraschend. Vom Beginn meiner Karriere an hat man mir immer wieder vorgeworfen, ich sei streng, fordernd, feindselig – und, ja, diktatorisch.

Was ist es, das ich vor meinen Musikern verbergen muss? Dass ich, Karl Iljitsch Eliasberg, einmal so gefühlvoll war wie jeder andere. Dass ich an einem Junitag vor vielen Jahren, als der helle Staub wie lange zitternde Gardinen in der Luft tanzte, die hohen Fenster weit geöffnet waren und Sonnenlicht die Marmorhalle erfüllte, auf der geschwungenen Treppe des Konservatoriums stehen blieb und mir, während ich zuhörte, das Herz aufging. Vor Neid, vor Bewunderung, vor Liebe.

Mein Widersacher, mein Freund. Über die Jahre ist er beides für mich gewesen. Seinetwegen bin ich heute hier, verhöhnt, verhasst, vermeintlich herzlos. Hätte ich die Kraft dazu, dann würde ich lachen, so paradox ist das. Natürlich habe ich kein Herz! Ich habe es ja vor vielen Jahren, auf jener Treppe in Leningrad, Schostakowitsch geschenkt.

TEIL I

Frühling – Sommer 1941

Das Klopfen an der Tür

Ihm war, als hätte er sein Leben lang auf das Klopfen an der Tür gewartet. Im Schlaf hörte er es gedämpft an die Oberfläche seiner Träume pochen. Bei der Arbeit hörte er es im drängenden Grollen der Pauken oder im scharf gezupften Pizzicato. Er hörte es in seinen eigenen Schritten auf der Straße, sodass er ihm, selbst wenn er rannte, nie entkam.

Tag und Nacht folgte ihm die Angst wie ein störrischer streunender Hund.

Schostakowitsch! Schostakowitsch! Rief da jemand seinen Namen? Mühsam öffnete er die Augen. Das Zimmer war an den Rändern seines Blickfelds verschwommen, rund um einen gleißenden Fleck in der Mitte herum, wo der Schreibtisch stand.

»Nina?«, rief er, doch seine Stimme war belegt von halb erinnerten Träumen.

Er griff blind nach seiner Brille, tastete auf der Matratze und dem niedrigen Hocker neben dem Bett herum. Den Arm zu heben strengte ihn an; seine Finger fühlten sich ganz schlaff an, ohne die gewohnte Kraft. Er hatte bis spät in die Nacht gearbeitet und abgesehen von etwas hartem, in Tee getunktem Roggenbrot seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen. Das Gute an Hunger und extremer Müdigkeit war, dass sie die Angst milderten. Das Geräusch, das ihn geweckt hatte – war es das Klopfen gewesen? Wenn sie ihn jetzt mitnähmen, wäre er beinahe erleichtert.

Seine Finger fanden die Stahlbügel seiner Brille, dann die tröstliche Rundung der Gläser. Er schob die grobe graue Decke weg – angeblich ein Privileg. Aber auch ein Privileg konnte kratzen.

Sobald er die Brille aufgesetzt hatte, löste sich das weiße Flimmern auf. Die schäbigen Wände traten zurück, der Raum hielt den Atem an. Jetzt war er sich nicht mehr sicher, was er gehört hatte – jemanden auf der Straße? Oder bloß das Klappern des losen Fensterrahmens?

»Nina?«, rief er noch einmal. Er schwang die Beine über den Bettrand, fuhr sich mit der Hand durchs Haar und schlurfte zur Tür.

Vorsichtig spähte er in das andere Zimmer; es war leer.

Die Nachricht

Unten in der Gemeinschaftsküche eine nackte Glühbirne. Er stieß mit dem Kopf dagegen, wie immer, und fluchte. Der durchdringende Geruch von Reinigungsmittel, Kohl und billigem Fleisch verursachte ihm Übelkeit. Während er seinen Haferbrei anrührte, hielt er sich die Hand fest über die Nase und atmete demonstrativ durch den Mund, obwohl er kein Publikum hatte. Wofür er allerdings dankbar war. Er hatte noch nie gern vor Mittag geredet und hasste es, wenn er von der Treppe aus den Lärm gleich mehrerer Spirituskocher hörte und sich ihm schon am frühen Morgen Stimmen in den Kopf bohrten. (Wie gleichgültig Nina auch wirken mochte, wie sehr sie sich auch gegenüber seinem Leiden zu verschließen schien – wenigstens klang sie nie wie ein Fischweib!)

Er lehnte am Tisch und wischte sich ein wenig Staub von der Brille, als er hinter sich ein Geräusch vernahm. Kleine katzengleiche Schritte, schnüffelnder Atem. Er warf einen raschen Blick über die Schulter und sah ein rissiges Paar Überschuhe, ein mageres Paar Knöchel.

Er seufzte. Wann immer er den Herd oben ausgehen ließ und gezwungen war, sich hier herunterzuwagen, musste er sich auf diese Prüfung gefasst machen, es sei denn, er schaffte es, so leise zu sein wie wachsendes Frühlingsgras.

»Aaahhh, Herr Schostakowitsch!« Wie üblich lag eine heillose Genugtuung in dem Gruß. »Ich habe schon an dem Geschlurfe über meiner Zimmerdecke gehört, dass Sie es sind.«

»Irina Barinowa!« Er tat, als sei er in seiner eigenen Welt versunken gewesen. Genau das erwartete sie schließlich von ihm: die Zerstreutheit des Künstlers, die ihn als Nachbarn und Menschen untauglich machte. »Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen.«

»Guten Morgen?«, wiederholte Irina Barinowa und schaffte es, einen zugleich nachdenklichen und scharfen Ton anzuschlagen. »Ist es noch Morgen?« Ihre Stimme hob sich, ebenso wie ihre schrumpelige Hand, die zur Vorderseite ihrer verschlissenen grünen Jacke wanderte (es war ja wesentlich vornehmer, alte Kleidungsstücke auszubessern, als protzige neue zu kaufen). Sie kramte in den Taschen ihres Hauskleids. »Aaahhh«, sagte sie wieder, und ihr Triumph, dieses Mal unverkennbar, schlug eine Schneise in die dunstige Luft. »Es ist aber schon Nachmittag, Herr Schostakowitsch.«

Er biss sich vor Ärger auf die Zunge und schmeckte Blut. »Scheiße«, murmelte er. Schweigend sah er hin, als die alte Irina Barinowa ihm mit leicht zitternden Händen die goldene Uhr ihres Vaters zeigte, eine Erinnerung an bessere Tage.

»Du meine Güte!«, sagte er. »Ist es wirklich schon Nachmittag! Kein Wunder, dass unser Ofen aus war, als ich aufgewacht bin.«

Irina ließ die schwere Uhr samt Kette wieder in der Tasche ihres geblümten Baumwollkleids verschwinden. Beim Gleiten der Glieder, ihrem langsamen, unaufhaltsamen Verschwinden musste Schostakowitsch an ein Schiff denken, das seine Vertäuungen löst. Und mit einem flauen Gefühl im Magen dachte er wieder: Wo ist Nina?

»Ich nehme an, Sie haben bis spät in die Nacht gearbeitet«, sagte Irina. »Wie das wohl sein muss, so ein Leben als Genie!« Nun, da sie ihn als schamlosen Bohemien bloßgestellt hatte, als nichtsnutzigen Vater und Ehemann, der den Familienherd kalt werden ließ, begann sie ihm zu schmeicheln. Es war alles Teil des Immergleichen.

Weiter im Programm, dachte Schostakowitsch. Er sehnte sich danach, zu gehen, doch sein Magen war leer, und der Haferbrei kochte noch nicht.

Irina sah ihn unter ihren weißen Wimpern hervor beinahe schüchtern an. »Wenn ich denke, dass Dmitri Schostakowitsch in meinem Haus wohnt. Leningrads berühmtester Sohn, hier, unter dem Dach meines seligen Vaters.«

Schostakowitsch zog den Kopf ein. Diese Art Reden bereiteten ihm körperliche Qualen.

»All dieses.« Sie zeigte mit einem zweigartigen Arm im Raum herum. »Das hat früher alles meinem Vater gehört – vom Dachboden bis zum Keller.«

»Ja, ich weiß. Das erzählen Sie mir an dreihundertfünfundsechzig Tagen im Jahr, und es hat inzwischen sooo einen langen Bart.« Um es ihr zu demonstrieren, hielt er die flache Hand an seinen Bauchnabel; dann stach er den Holzlöffel in seinen Brei.

»Früher hatten wir Dienstmädchen und Köche.« Irina seufzte schwer. »Jetzt ist es ein Haus voller Fremder.«

Schostakowitsch starrte auf den Brei, als könnte er ihn zwingen, endlich Blasen zu werfen.

»Apropos Dienstmädchen«, sagte Irina, im Handumdrehen wieder in der Gegenwart zurück. »Wo ist eigentlich Ihre Fenja? Ich habe sie seit Tagen nicht gesehen.«

»Fenja besucht ihre Eltern.« Er riss den Topf vom Herd. Plötzlich erschien ihm halbgarer Haferbrei ungemein reizvoll. »Deshalb koche ich mir ja meinen Haferbrei selbst!«

»Und was ist mit Nina? Wie geht es der lieben Nina?«

Schostakowitsch ließ den Löffel fallen, und etwas Brei spritzte ihm auf die Hemdbrust.

»Ich habe sie heute morgen fortgehen sehen«, sagte Irina nachdenklich. »Mit den Kindern. Ich glaube, sie hatten Reisetaschen dabei. Vielleicht wollen sie Verwandte besuchen?«

Schostakowitsch ging um den Tisch herum, stieß sich erneut an der Glühbirne. Für eine so kleine Frau war Irina Barinowa erstaunlich geschickt darin, Fluchtwege abzuschneiden. »Sie müssen mich jetzt wirklich entschuldigen.« Er machte eine etwas ungestüme Geste mit dem Topf. »Nichts ist schlimmer als kalter Haferbrei zum Frühstück.«

»Frühstück?« Irina hob erneut die schrumpelige Hand an die Brust. »Mein Vater war gewaschen und rasiert und hatte bereits einen Gang durch den Park hinter sich, wenn das Frühstück serviert wurde, und zwar um Punkt acht Uhr.«

Er eilte die Treppe hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Die leere Wohnung hatte jetzt nichts Verstörendes mehr – sie war ein Segen. Am alten Holztisch schaufelte er sich den Haferbrei im Stehen direkt aus dem Topf in den Mund. Er goss kaltes Wasser auf starken kalten Tee und gab einen Löffel Honig dazu, der wie ein Stein auf den Boden des Glases fiel. Gott, hatte er Hunger. Und Durst. Er musste allmählich ans Arbeiten denken.

Als er fast aufgegessen hatte, bemerkte er die Nachricht auf dem Boden. Sie war unter der Tür hindurchgeschoben worden und deshalb mit Staub bedeckt, sein Name jedoch gut zu entziffern, die Handschrift vertraut. Er schob sich den Rest lauwarmen Brei in den Mund, während er zum Lesen ans Fenster trat. Stellte mit zweistimmigem Geschepper Topf und Löffel ab. Trank den letzten Schluck Tee. Zog sich die Stiefel an, die Mütze mit den Ohrenklappen, einen geflickten Mantel – und verließ das Haus.

Die Bank

Auf der Bank Ecke Zamkowaja- und Klenowaja-Straße saß ein großer, zottiger Bär. Schostakowitsch näherte sich ihm behutsam von hinten.

»Du bist spät dran«, sagte der Bär. »Sehr spät.«

»Ich habe verschlafen«, sagte Schostakowitsch. »Dann hat mich Irina Barinowa in der Küche aufgehalten. Ich dachte schon, ich käme nie mehr weg.« Er schluckte missmutig und setzte sich neben Sollertinski, der in seinen unförmigen, einem Landstreicher gemäßen Pelzmantel gehüllt war. Der halbgare Haferbrei war zu salzig gewesen, und an der Innenseite seiner Wange bildete sich eine Geschwulst. »Frischst du gerade Sprache Nummer achtzehn auf?« Er warf einen Blick auf die georgische Grammatik in Sollertinskis Pranke. »Deine Loyalität gegenüber unserem Führer ist für alle anderen beschämend.«

»Nummer drei«, sagte Sollertinski und zwinkerte. »Ich fühle mich heute ein wenig malcontent, die neuen Nachrichten haben mir einen frisson beschert.«

Schostakowitsch sah sich das Buch genauer an. Ein hellblauer Umschlag verbarg einen glanzlosen grauen; darin steckte ein französischer Text. »Du bist ein meisterhafter Heuchler.«

Sollertinski zuckte mit den Schultern und blickte sich um zu den hohen, glitzernden Fenstern, dem Schutzwall aus Bäumen rund um den Park. »Heuchler leben länger als Dissidenten, das wissen wir doch beide.«

Die Sonne stach wie Nägel, und Schostakowitsch zog sich den Kragen über die Ohren. »Du hast schon immer gewusst, wie man Aufmerksamkeit vermeidet.« Seine Stimme hatte zwei Tonlagen: an der Oberfläche Bewunderung, darunter so etwas wie Neid. »Wenn du mir was zu sagen hast, dann lass uns irgendwo hingehen, wo wir weniger exponiert sind.«

Im Wirtshaus war es nach dem gleißenden Licht regelrecht dunkel. Schostakowitsch stolperte über einen Stuhl, als er Sollertinski folgte, der auf einen Ecktisch zusteuerte.

»Du siehst ein wenig mitgenommen aus«, sagte Sollertinski gut gelaunt. »Harte Nacht?«

»Harte drei Nächte. Kein Schlaf bis zum Morgengrauen.«

»Wieder in der Tretmühle?« Sollertinski gab dem jungen Mann an der Bar ein Zeichen. »Mein armer, gepeinigter Freund.«

»Für mich nur Tee«, sagte Schostakowitsch. »Ich habe erst vor einer Stunde gefrühstückt.«

»Na und?«

»Also schön. Einer geht vielleicht.«

Es war behaglich, mit seinem alten Freund dort zu sitzen, zu spüren, wie seine Hände langsam auftauten und die Wärme des Wodkas sich in seinem Magen ausbreitete. Behaglich und scheinbar wie an jedem anderen Tag – und trotzdem stimmte etwas nicht. »Ich habe seit Tagen Schwierigkeiten mit der Verdauung«, sagte er. »Vielleicht fühle ich mich deshalb so komisch.«

»Warte, bis du das Neueste gehört hast«, sagte Sollertinski. »Das wird dich schon zum Scheißen bringen.«

»Was ist denn passiert?« Wegen der Kälte und der grellen Sonne und des Gefühls, in seiner Wohnung etwas Unerledigtes zurückgelassen zu haben, hatte Schostakowitsch gar nicht mehr daran gedacht, dass sein Freund ihm etwas erzählen wollte.

Sollertinski beugte sich vor, begrub den kleinen runden Tisch förmlich unter sich. Er hob die prächtigen Brauen, nahm einen großen Schluck Wodka und bewegte ihn geräuschvoll zwischen den Wangen hin und her. Doch als er sprach, war seine Stimme so leise, dass Schostakowitsch ihn kaum verstand.

»Was? Wer verlässt die Stadt?«

Sollertinski hob auf verschwörerische Art einen Finger an den rechten Nasenflügel. »Mein Schneider hat es mir heute Morgen erzählt. Anscheinend hat Herr Lehmann letzte Woche eine große Bestellung storniert. Und Herr Ziegler am nächsten Tag ebenfalls.«

Schostakowitsch schüttelte den Kopf. »Zwei Deutsche stornieren ihre Anzugbestellungen. Na und?«

»Zwei deutsche Diplomaten«, korrigierte ihn Sollertinski. »Zwei hochrangige Deutsche haben seit langem bestehende Aufträge bei einem Leningrader Schneider storniert, dessen Ruf so hervorragend ist, dass man vor Neujahr unmöglich noch einen Termin bei ihm bekommt. Ein absolut präziser, brillanter Schneider, der nicht mal dann mit heißer Nadel nähen würde, wenn seine Frau ins Armenhaus gesteckt zu werden drohte. Zwei deutsche Diplomaten haben kurzfristig Bestellungen bei Juri Davidenko storniert, dessen Warteliste so lang ist wie die Wolga!«

»Bist du sicher?«, fragte Schostakowitsch langsam. »Absolut sicher?«

»Allerdings. Ich habe es selbst überprüft. Du glaubst doch wohl nicht, dass ich Davidenko bei etwas Wichtigerem als dem Zuschnitt meiner Hose Vertrauen schenken würde.« Sollertinski klang leicht ungeduldig, als spräche er mit einem seiner dümmeren Musikwissenschaftsstudenten. »Nachdem wir meine Schrittlänge ermittelt hatten, beschloss ich, dass die Lehmanns unbedingt frisches Brot brauchten. Und zwar auf der Stelle.« Er hielt inne, um noch einen Schluck Wodka zu trinken. »Ich habe ihnen also ihr Frühstück gekauft, bin zu ihnen gegangen und habe geklingelt.« Er machte wieder eine Pause, dieses Mal um der Wirkung willen. »Ich habe einmal geklingelt, zweimal, dreimal.«

»Und?«

»Sie waren weg. Und damit meine ich nicht, dass sie einen Sonntagsspaziergang machten. Sie sind auf und davon, für immer. Die Wohnung steht leer.«

»Woher weißt du das?«

»Ich habe natürlich durchs Schlüsselloch gespäht.«

»Iwan Sollertinski! Man hätte dich sehen können! Du solltest an deine Stellung denken.«

»Zuerst habe ich nur das Ohr an die Tür gelegt und gelauscht«, protestierte Sollertinski. »Und tiefe Stille vernommen. Kein Stühlescharren, kein quengelndes Gör. Daraufhin habe ich durchs Schlüsselloch geguckt. Hauptsächlich aus Sorge, dass ich einen ganzen Laib frisches Brot allein aufessen müsste. Was ich dann im Laufe des Vormittags beinahe doch fertiggebracht habe.« Er rülpste wohlig. Dass er einer der gebildetsten Männer Leningrads war, hielt ihn nicht davon ab, bisweilen alle Manieren zu vergessen.

Schostakowitsch sah sich um. Der Schankraum war leer, bis auf den spitznasigen Michail Druskin, der sich tief über sein Notizbuch beugte und bestimmt gerade die Aufführung von Prokofjews Orchestersuite niedermachte, welche die Philharmoniker kürzlich gespielt hatten. »Die Deutschen ziehen also ihre Leute ab?«

»So interpretiere ich das jedenfalls. Man kann nur hoffen, dass ich damit falschliege.« Sollertinski, der sonst fast alles mit einem Lachen quittierte, schien sich ausnahmsweise einmal zu ärgern – oder war es nur der von Druskins Tisch herüberziehende Rauch, der ihn die Augen zusammenkneifen ließ?

»Ich muss pinkeln.« Schostakowitsch schob seinen Stuhl zurück und schlenderte zu der schmuddeligen Toilette. Am Pissoir stehend, blickte er auf den langen, vertrauten Sprung im Porzellan. In der Vergangenheit hatte er darin wahlweise einen Horizont über einem Weizenfeld gesehen oder die dünne graue Linie, die aus dem Schornstein eines Dampfschiffs aufstieg. Heute war er so aufgewühlt, dass seine Brille beschlug und er überhaupt nichts sah.

Sollertinski kam hereingeschlurft und drehte das Wasser auf. »Es mag zwar eine schlechte Nachricht für uns sein«, sagte er leise, »aber es kommt doch nicht ganz unerwartet. Entsprechende Gerüchte gibt es seit Monaten. Aus London, aus Washington – aber auch aus dem Inland.«

»Aber er hat beschlossen, sie nicht zu hören. Und jeder, der ihn zwingt, seine Ohren aufzusperren, wird teuer dafür bezahlen.« Aus der verschwommenen Wand tauchte ein bekanntes Gesicht auf, wirklich und unwirklich zugleich, wie der Geist, der Hamlet erscheint. Mandelförmige graue Augen, weiße Zähne, ein starker Kiefer über einem mit Marschallsternen geschmückten Kragen. »Tuchatschewski!«, flüsterte Schostakowitsch – doch das Bild löste sich bereits in rotem Nebel auf, Blut lief an der Wand hinunter in die Abflussrinnen. Der fähigste Marschall der Roten Armee, einer von Schostakowitschs besten Freunden, erschossen von Stalins Schergen.

»Natürlich will Stalin nichts davon hören«, stimmte Sollertinski ihm zu. »Oder sehen. Die Möglichkeit, dass er von Hitler verschaukelt worden ist, passt nicht sonderlich gut in sein Weltbild.«

»Also verschließt er seine verfluchten Augen.« Schostakowitsch machte selbst die Augen zu. Das Wasser, der Alkohol so früh am Tag, die Erscheinung: Ihm war ein wenig mulmig zumute. »Die deutschen Ratten verlassen das sinkende Schiff, und wir – tja, was sollen wir tun?«

Sollertinski schüttelte den Kopf. »Im Moment bleibt uns nichts anderes übrig, als abzuwarten. Ich bin heute Morgen nur bei dir vorbeigekommen, um dir zu erzählen, was ich herausgefunden habe – nicht damit du auf der Stelle handelst.« Er seufzte. »Aber du bist ja nicht mal aufgewacht. Wenn Dmitri Schostakowitsch erst mal schläft, könnte er ebenso gut tot sein. Ich habe geklopft, bis fast die Tür zerbrochen ist. Ich fürchtete schon, deine Frau würde jeden Moment rauskommen und mich mit dem Besen davonjagen.«

»Nina!« Schostakowitsch erschrak. »Als ich aufgewacht bin, war Nina fort.« Allmählich kam die Erinnerung zurück. »Sie hat gestern Abend gedroht, sie würde die Kinder nehmen und für ein paar Tage zu ihren Eltern fahren. Sie war sehr wütend.«

»Kein Wunder!« Sollertinski drehte den Wasserhahn zu. »Wie fändest du es denn, mit dir verheiratet zu sein – tagaus, tagein?« Er ging, Schostakowitsch voraus, wieder in den mittlerweile halbvollen Schankraum. »Nichts für ungut, mein Freund, aber selbst ich mit meinen Nerven aus Stahl wäre der Aufgabe, dein Ehepartner zu sein, nicht gewachsen.«

Schostakowitsch bestellte per Handzeichen noch mehr Wodka. »Nina ist selbst nicht einfach«, entgegnete er rebellisch. »Sie scheint unfähig, zu verstehen, dass ich manchmal allein sein muss, um zu arbeiten.«

»Manchmal?«, wiederholte Sollertinski. »Sei mal ehrlich. Hast du diese Woche Vierundzwanzig- oder Achtundvierzig-Stunden-Schichten eingelegt?«

»Letzteres.« Schostakowitsch errötete. »Aber ich kann jetzt nicht aufhören, unmöglich. Erst muss der Entwurf fertig sein.« Er starrte in sein leeres Glas und sah dort den gesamten vergangenen Abend: die Schreierei, das Türenknallen, die weinende kleine Galina, die noch verschwommene, aber hartnäckige Melodie in seinem Kopf.

»Die Sache mit den englischen Dichtern? Mein Gott, Dmitri! Die meisten Männer würden sich alle zehn Finger danach lecken, mit der schönen Nina verheiratet zu sein, und du sperrst sie für Romanzen musikalischer Art – für Raleigh, Burns und Shakespeare – aus dem Zimmer?« Trotzdem klopfte Sollertinski ihm aufmunternd auf die Schulter. »Nina bleibt nie lange fort. In ein paar Tagen ist sie wieder zurück. Du weißt doch, dass sie sich unwiderstehlich von dir angezogen fühlt.«

»Wie die Motten vom Licht«, sagte Schostakowitsch trübsinnig. »Bloß dass sie genauso hitzig ist wie ich. Aber ich muss weiterarbeiten. Du weißt doch, wie es ist, wenn man in Fahrt kommt. Dann aufzuhören ist gefährlich, wenn nicht fatal.«

Sollertinski hob zuerst die Augenbrauen und dann sein randvolles Glas. »Auf die Musik und die eheliche Eintracht. Mögen sie eines Tages zusammengehen.«

»Auf das langsame Denken und das schnelle Schreiben«, konterte Schostakowitsch und stürzte seinen Wodka hinunter. »Zu Hause wartet ja nun niemand auf mich. Wenn ich schon die nächsten Tage als Junggeselle leben soll, kann ich ruhig noch einen trinken.«

Drei Wodkas später hallte das Wirtshaus von lauten Stimmen und Gelächter wider. Sogar Druskin, der selten froh war, zeigte den zufriedenen Gesichtsausdruck eines Kritikers, der bis zur Perfektion an einem Verriss gefeilt hat. Als sie gingen, rief Sollertinski ihm einen Gruß zu, während Schostakowitsch einen raschen Blick in das geöffnete Notizbuch warf. »Anmaßend«, las er dort. »Ungelenk. Mehr Farce als Komödie. Die Melodien schlaffer als ein feuchtes Taschentuch

Druskin, der seine Neugier bemerkte, schlug das Buch zu.

»Ach, kommen Sie!«, sagte Schostakowitsch. »Was immer man Prokofjew für Sünden vorwerfen mag – dass er ein seltenes Talent für Melodien hat, können Sie nicht leugnen.«

Druskin zuckte die Schultern. »Pech für Sergej Prokofjew, dass nicht Sie die Kritik schreiben.«

Schostakowitsch starrte in Druskins sprödes, graues Gesicht. »›Sei gütig, denn jeder, dem du begegnest, schlägt eine große Schlacht.‹«

Druskin wirkte verblüfft.

»Philon von Alexandria«, sagte Sollertinski schroff, als er die Tür aufstieß und in das kalte, helle Licht trat. »Mein Gott, es ist ja schweinekalt.«

»Der Frühling lässt dieses Jahr in der Tat auf sich warten«, stimmte Schostakowitsch ihm zu und zog die Schultern ein.

Sollertinski schlug den Kragen seines Jacketts hoch, das mit seinen von Schlüsseln ausgebeulten Taschen und den vielen losen Fäden mindestens zehn Jahre alt aussah, obwohl er es erst sechs Monate zuvor gekauft hatte. »Geht es dir auch gut?« Er zog sich den Mantel an. »Ich könnte schwören, ich hätte dich eben Herrn Prokofjew verteidigen hören.«

»Prokofjew hat die Seele einer Gans und das Talent eines Truthahns«, sagte Schostakowitsch achselzuckend. »Trotzdem, er ist einer von uns, und wir Komponisten müssen uns gegen den Feind verbünden.«

»Jetzt redest du schon in der Sprache des Krieges. Geh besser nach Hause.« Sollertinski packte seine Hand, küsste ihn auf beide Wangen und beschwor ihn aufzupassen, nicht nur auf seine Ehe, sondern auch auf sich selbst, immerhin sei er der beste Trinkkumpan in der ganzen Stadt und nebenbei auch ein einigermaßen begabter Komponist.

Schostakowitsch wandte sich schon zum Gehen, drehte sich dann aber noch einmal um. »Weißt du, was das Schlimmste an dieser ganzen elenden Verbrüderung mit den Deutschen ist?«

»Nein, was denn?« Sollertinskis Frage wehte auf einer Wodkabrise zu ihm herüber.

»Dass wir so viele Jahre den kriegswichtigen Wagner ertragen mussten«, sagte Schostakowitsch und marschierte davon.

Vorfreude

Karl Iljitsch Eliasberg, allgemein als Elias bekannt, saß da und zählte, wie oft seine Mutter vor dem Schlucken kaute. Zehn. Schlucken. Zwölf. Schlucken. Eine von Ärzten empfohlene Methode, die die Verdauung fördern sollte. Dennoch, sie aßen ja nur eine Art Püree, das er aus Steckrüben gekocht hatte, stundenlang hatte er es gekocht, bis es aus Rücksicht auf das lückenhafte Gebiss seiner Mutter zu einem geschmacklosen grauen Mus geworden war.

Er konzentrierte sich darauf, seine eigene Portion möglichst geräuschlos zu essen, in der Hoffnung, seine Mutter würde seinem Beispiel folgen. Selbst wenn er allein war, aß, trank und bewegte er sich so leise, wie er konnte, als wollte er die unbelebten Gegenstände um sich herum nicht stören. Die Welt lief auf einem Gleis, er selbst auf einem anderen. So war es schon immer gewesen.

Fünfzehn. Schlucken! Wie konnten so wenige Zähne, die auf verflüssigtem Wurzelgemüse herummanschten, so viel Lärm machen?

»Mutter!«, entfuhr es ihm, schärfer als beabsichtigt.

Seine Mutter blickte auf. Sie hatte sich die Haare noch nicht frisiert; gräuliche Strähnen hingen ihr wie Flechten bis über die Schultern. Der Anblick verstimmte Elias noch mehr. Wie auch immer der Zustand der Welt im Großen sein und wie schnell Europa im Chaos versinken mochte, für Verwahrlosung gab es keine Entschuldigung, selbst um acht Uhr morgens nicht.

»Karl?« Ihre Augen waren so blass wie die Briefumschläge, die sie Tag und Nacht mit sich herumtrug.

»Schon gut.« Lautlos aß er seinen Teller leer.

»Ich hatte gehofft, es gäbe heute Morgen frische Brötchen.« Seine Mutter stupste ihren Brei mit dem Löffel an. »Hatten wir dieses Zeug nicht schon gestern zum Mittagessen?«

»Ja, Mutter«, sagte er ausdruckslos.

»Nicht dass es nicht schmecken würde«, räumte Frau Eliasberg ein. »Aber heute hätte ich doch gern ein wenig Brot gehabt.«

Elias legte den Löffel in einem präzisen Neunzig-Grad-Winkel zur Tischkante neben seinen Teller. »Ich hatte keine Zeit, mich heute Morgen in die Brotschlange zu stellen. Oder gestern Abend Teig anzusetzen. Bitte vergiss nicht, dass ich im Moment sehr viel zu tun habe.«

Seine Mutter zuckte zusammen und beugte sich wieder über ihr Essen. »Nur wie hell ...«, murmelte sie. »Wie ...«

»Was hast du gesagt, Mutter?«

Frau Eliasberg hob den Kopf. Kleine Steckrübenstückchen schaukelten in ihrem Haar. »Ich wollte dich nicht kränken, Karl. Mir war heute nur nach ein wenig Brot, das ist alles.«

»Ja, ja.« Seine Augen wanderten zu dem Schreibtisch an der Wand, doch er zwang sich, wieder seine Mutter anzusehen.

»Ich habe gesagt: ›Nur wie hell ist es hier, wie verwahrlost‹!« Langsam, gedankenverloren, wandte seine Mutter den Blick zum offenen Fenster.

Sie verfielen in Schweigen. Unten auf der Straße pfiff jemand fröhlich vor sich hin, jemand, der nicht gerade mit einem betagten Angehörigen breiiges Gemüse zu sich genommen hatte. Elias fummelte an seinem Löffel herum und streute sich aus reiner Gewohnheit Salz auf den leeren Teller.

»Denk an deine Gesundheit, Karl!« Seine Mutter schnalzte mit der Zunge. »Du willst doch nicht sterben, bevor du vierzig bist, wie dein armer Vater.«

»Aller Wahrscheinlichkeit nach«, sagte Elias, »werde ich an etwas anderem krepieren als an übermäßigem Verzehr von Salz.« An ständigem Genörgel zum Beispiel. Man würde ihn über seinem Schreibtisch zusammengesackt finden, mit dem Kopf auf einem Kissen aus Partituren, von einer halb gelähmten Matriarchin, deren Zunge als einziger Körperteil noch voll und ganz funktionstüchtig war, in den frühen Tod getrieben.

»›Müder Körper atmet schon besser ... Die Passanten wohl denken sich harmlos: Wahrscheinlich ist sie Witwe seit gestern.‹« Seine Mutter atmete schwer, während sie Anna Achmatowa zitierte: Zeilen, die sie in den vergangenen dreißig Jahren beinahe täglich gesprochen hatte. »Ein wundervolles Gedicht. Es fängt meine Situation perfekt ein. Wenn du doch nur auch so eine Gabe hättest.«

»Wörter waren nie meine Stärke.«

»Wohl wahr«, stimmte seine Mutter zu. »Du hast sehr spät sprechen gelernt. Von allen Herbstbabys, die im Umkreis von drei Kilometern um den Pischew-Bahnhof geboren wurden, warst du das letzte, das ein Wort von sich gegeben hat. Aber das habe ich dir vielleicht schon mal erzählt.«

»Ein- oder zweimal«, sagte Elias.

Mit lautem Gequietsche und Gekratze schob Frau Eliasberg die letzten Fasern ihres Gemüses zusammen, saugte dann am Löffel und schmatzte mit den Lippen.

»Nicht dass du es nicht auf deine Weise auch zu etwas gebracht hättest. Wenn nur dein armer Vater noch hätte miterleben dürfen, dass du der beste Dirigent Leningrads geworden bist!«

»Bitte, Mutter.« Elias lächelte verkrampft. »Ich bin nicht der beste, und ganz Leningrad weiß das.«

»Papperlapapp! Bester oder zweitbester, das ist Ansichtssache, und Ansichten gibt es so viele wie Blätter an einem Baum.«

»Vielleicht.« Elias trug die Teller zum Spülbecken und wischte sie mit einem Lappen sauber, den er dann mit kochendem Wasser aus dem großen, schwarz gewordenen Kessel ausspülte. »Aber jetzt muss ich mich an die Arbeit machen, Mutter.« Es war entscheidend, dergleichen beiläufig zu sagen, es wie nebenbei einzuschieben. Die Forelle, die das Maul am weitesten aufsperrt, hängt als Erste am Haken, dachte er.

Doch dank jahrelanger Übung, zuerst mit seinem Vater, dann mit ihm, hatte seine Mutter die selektive Taubheit zu einer Kunst verfeinert. »Schrecklich, dieser deutsche Krieg, nicht wahr?«

»Ja«, sagte Elias. Er blickte auf die leere Straße.

»Unvorstellbares Leid, heißt es«, fuhr sie, offenkundig zum Plaudern aufgelegt, fort.

»Ja«, wiederholte er und zog das Schiebefenster hoch, um sich hinauszulehnen und den Wind im Gesicht zu spüren. Hoch über den Dächern sah er den bleichen, mit Wolken gestreiften Himmel.

»Polen, Juden, wen immer sie in die Finger bekommen. Ich mag gar nicht daran denken, was sie gemacht hätten, wenn dein Vater noch ...«

»Mutter, du sollst dich nach dem Essen nicht aufregen. Davon bekommst du nur wieder Verstopfung.«

»Verstopfung, von dem faden Zeug? Also, für ein bisschen Fleisch, und sei es nur ein winziges Stückchen Wurst, würde ich Verstopfung liebend gern in Kauf nehmen.« Frau Eliasbergs berühmtes Zungenschnalzen konnte vieles bedeuten; in diesem Fall war es das Schnalzen einer Frau, der übel mitgespielt wurde.

»Wie wär’s, wenn ich dir den Stuhl ans Fenster rücken würde?«, schlug Elias vor. »Dann kannst du dir ein wenig die Sonne ins Gesicht scheinen lassen.« Wenn sie ihn noch einmal anschnalzte, würde er ihren Stuhl nehmen und ihn aus dem Fenster werfen. Mit ihr darauf.

Schon im nächsten Moment schämte er sich. Warum konnte er nicht barmherziger sein?

Er lehnte den Kopf an den Fensterrahmen und konzentrierte sich, so gut er konnte, auf den dicken Stapel Partituren hinter sich. Mahlers Fünfte; denk an Mahlers Fünfte! Im Geist schlug er den steifen grünen Umschlag auf und betrachtete die erste Seite.

Augenblicklich war sie da, fing ihn auf, bremste seinen Fall. Die tiefen wiederholten Töne der Trompete – voller Hoffnung oder schrecklicher Vorahnungen? In der drängenden Blechbläserstimme waren beide Möglichkeiten angelegt. Hoch zur Mollterz und weiter zur Oktave, dann die Abwärtsbewegung, das wiederholte Fallen, das erneute Steigen. Und schließlich der Sturz! Jener wunderschöne, allumfassende, volle und weltliche Klang, der alles aussperrte, kritische Mienen wie marschierende Füße, unheilvolle Nachrichten, Schuld und Angst. Alles weg, weg ...

»Was?« Undeutlich hörte er jemanden reden. Er drehte sich um, doch die Brise vom Fenster war noch in seinem Haar, und Mahler toste in seinem Kopf wie das Meer. Er sah, dass sich der Mund seiner Mutter bewegte, hörte jedoch nichts als die Trompete, deren Blechregen auf das bestickte Tischtuch prasselte. Seine Hände hatten sich vom Fenstersims aufgeschwungen, fuhren durch die Luft, formten, was er hörte.

»Was hast du gesagt?«, fragte er benommen.

»Ich sagte ...« Die Stimme seiner Mutter kam aus weiter Ferne. Doch gerade als die Geigenmelodie einsetzte, süßer als die Nachtigall, kehrte er in sein reales Leben zurück: eingesperrt in das vordere Zimmer der Wohnung, gezwungen, seiner hinfälligen Mutter zuzuhören. Er schloss das Fenster vor dem Wind und den Möglichkeiten all dessen, was jenseits der Stadt lag – Orte, die er nie gesehen, Musik, die er nie gehört hatte –, und wandte sich mit geübter selbstauferlegter Höflichkeit seiner Mutter zu.

»Ich habe dich gerade gefragt«, sagte sie, »ob du nicht allmählich über Kinder nachdenken willst? Du bist kein junger Mann mehr, hast die Fünfunddreißig schon überschritten. Und bevor die Deutschen oder die Engländer diese Welt in Stücke sprengen, würde ich gern noch ein Enkelkind mit dem lieben Gesicht deines Vaters zu sehen bekommen.«

»Mutter«, wandte er ein, »ich habe doch noch gar keine Frau. Nicht die Spur davon.«

Sie winkte ab. »Aber im Orchester gibt es bestimmt reichlich Mädchen, die nach einem ansehnlichen Mann Ausschau halten. Eine nette Bratschistin vielleicht oder eine hübsche Flötistin?« Plötzlich hielt sie besorgt inne. »Aber vielleicht eignen sich Musikerinnen gar nicht so gut als Ehefrauen. Sie können launisch sein, habe ich mir sagen lassen.«

Elias sah seine Chance. »Ja, das sind sie allerdings – vor allem wenn ich zu spät zur Probe komme. Welche Frau könnte einen Mann lieben, der nicht pünktlich ist?«

»Da hast du recht!« Frau Eliasberg rollte mit ihrem Stuhl über den unebenen Boden und nahm seine Handschuhe vom Musikschrank. »Zieh dich an! Verschwende deine Zeit nicht mit mir.«

Elias ließ sich die Handschuhe geben. »Komm, ich schiebe deinen Stuhl hier ans Fenster. Blendet dich die Sonne?«

»Nein, nein!« Seine Mutter verscheuchte ihn. »Es ist alles bestens so. Wenn du mir auf dem Weg nach draußen meinen Nähkorb geben würdest, kann ich schon mal anfangen, deine Socken zu stopfen. Löcher in den Strümpfen sind keine gute Voraussetzung für die Brautwerbung.«

Den ganzen Weg die vier finsteren Stockwerke hinunter und zur Haustür hinaus behielt Elias exakt das gleiche Tempo bei, wie ein Soldat, Kopf hoch, Füße geradeaus. An der Kreuzung, wo die Straßenbahnen klingelnd um die Ecke bogen, drehte er sich um und hielt schützend die Hand über die Augen. Er sah das weiße Taschentuch seiner Mutter aus dem Fenster flattern und hob seine schwere Aktentasche zu einer Art Gruß.

Gleich hinter der Ecke beschleunigte er seine Schritte, ja fing fast an zu rennen. Würde, ermahnte er sich selbst, als er den Schweiß zwischen seinen Schulterblättern spürte. Die Würde muss um jeden Preis gewahrt werden. Da, gleich auf der anderen Straßenseite, war der Zeitungsstand. Elias sah nichts als den Stapel Zeitungen, der davor auslag.

»Morgen.« Der Mann im Kiosk hatte eine hemdsärmelige, fast unverschämte Art. Der Stummel einer billigen Zigarette ragte ihm aus dem Mundwinkel wie ein schiefer Zahn. »Noch was?«

»Nein.« Elias wandte sich vom Kiosk ab und schüttelte die Zeitung auf – und da war es.

»Ungelenk ... mehr Farce als Komödie ...« Die Sonne schien so grell, dass er die Wörter fast nicht entziffern konnte. »Ein leichtfertiges Spektakel, in dem der Stil der Vitalität geopfert wird.« Fast tat Prokofjew ihm leid. Immer, unweigerlich, fiel man bei den Kritikern irgendwann in Ungnade.

Doch das war es nicht, wonach er gesucht hatte. Seine Augen rasten die Spalte hinunter. »Natürlich«, murmelte er langsam. »Was hattest du denn erwartet.« Er faltete die Seiten einmal, zweimal, dreimal, bis er sich die Zeitung als harten Pfropf unter den Arm stecken konnte. Dann wechselte er wieder auf die andere, schattige Straßenseite und lehnte sich an die Mauer eines Wohnblocks, presste sich gegen den kalten Stein, als könnte er dessen Kraft in sich aufnehmen.

»Aha!« Jemand trat aus dem Eingang links von ihm. »Wenn das nicht Karl Eliasberg ist!«

Elias blinzelte und sah Sollertinski neben sich stehen. »Einen schönen guten Morgen, Iwan«, sagte er mit so fester Stimme wie irgend möglich.

»Den wünsche ich Ihnen auch!« Sollertinski war dabei, sich den Schlips zu einem unordentlichen Knäuel zu schlingen. Für einen so hervorragenden Dozenten und erst recht für den künstlerischen Leiter der Leningrader Philharmoniker sah er ziemlich verwahrlost aus. »Zumindest hoffe ich, dass es ein guter Morgen ist. Ich werde mir gleich eine Zeitung kaufen, um zu sehen, was für ätzende Worte dieser Mistkäfer Druskin über mein Orchester gefunden hat.«

Elias schluckte so laut, dass er meinte, es müsse noch über den Lärm der Straßenbahn hinweg zu hören sein. »Ich habe die Kritik eben gelesen«, sagte er.

»Ah! Und wie vernichtend ist sie?« Sollertinski klappte seinen Kragen über den schief sitzenden Schlips herunter und blinzelte Elias an.

»Gar nicht vernichtend, Herr Sollertinski.« Elias biss sich auf die Lippe; selbst die Mängel in Sollertinskis Aufmachung retteten ihn nicht vor übertriebener Ehrerbietung. »Das heißt, Prokofjew kommt nicht besonders gut weg, aber Mrawinsky – nun, Mrawinsky hat die Lage einmal mehr gerettet.«

»Tatsächlich?« Sollertinski entdeckte die Zeitung unter Elias’ Ellbogen. »Darf ich?«

»Natürlich.« Elias gab sie ihm, als wäre sie glühend heiß.

Sollertinski strich das Papier glatt. »›Nur Jewgeni Mrawinski und seine erfahrenen Musiker konnten die Musik vor Fadenscheinigkeit bewahren‹«, murmelte er, den Artikel überfliegend. ›Seine Stocktechnik ist so sparsam wie souverän.‹ Schön! ›Schubkarren voller Selbstvertrauen, das sich in absolute Autorität übersetzt.‹ Sehr gut! ›Leningrad kann sich glücklich schätzen, einen Dirigenten von diesem Format zu haben.‹ Na bitte! Er richtete sich auf, doch die Zeitung in seinen Händen blieb gebogen wie ein alter Nagel. »Wer hätte gedacht, dass sich in Druskins Herz so viel Wärme verbergen könnte, was?«

»In der Tat.« Elias versuchte zu lächeln; er fürchtete, sein Gesicht würde vor Anstrengung Risse bekommen. »Erstaunliche Kritik für eine so harte Nuss.«

Mit elegantem Schwung hielt Sollertinski ihm die absurd aussehende Zeitung wieder hin, doch er winkte ab. »Bitte, behalten Sie sie. Ich habe schon genug gelesen.«

Der Geburtstag

Glück oder die Abwesenheit davon hielten sie immer vom Schlafen ab. Heute Nacht war sie glücklich. Sie lag auf dem Rücken, betrachtete die Tigerstreifen, die der Mond an die Wand malte, und zwang sich, in derselben Stellung zu verharren, während sie ihre Atemzüge zählte.

Als sie bei vierzig angekommen war – einatmen, ausatmen –, konnte sie nicht mehr leugnen, dass sie schneller atmete als sonst. Die Bettdecke raschelte kaum, so flach arbeitete ihre Lunge, so aufgeregt war ihr Herz.

»Mäuseatem«, schalt sie sich selbst. »Du schummelst!« Als sie die vorgesehenen fünfzig Atemzüge gemacht hatte, fügte sie zur Strafe noch zehn hinzu, obwohl das Verlangen, sich auf die Seite zu drehen, fast unerträglich geworden war. »Du bist die geborene Lehrerin!«, sagte Papa immer, wenn sie eine Lektion noch einmal neu schrieb, weil sie auf der letzten Zeile einen Tintenklecks gemacht hatte. »Ich kenne nur einen einzigen anderen Menschen, der genauso viel Wert auf Perfektion legte wie du.« Er lachte und seufzte zugleich, als er das sagte. »Vielleicht brauchst du nicht ganz so streng mit dir zu sein. Das Leben ist Zuchtmeister genug, weißt du.«

Sonja hörte Papa in letzter Zeit oft seufzen. Außerdem war ihr aufgefallen, dass sein Bart unten ausfranste, weil er beim Schreiben andauernd daran zupfte. Und noch etwas – ihre Wohnung war nicht wie die von anderen Leuten. Überall lag stapelweise Papier herum, und Staubknäuel sausten unter dem Sofa hin und her wie Mäuse. Wenn Papa ein bisschen ordentlicher wäre, dachte sie insgeheim, hätte er bestimmt auch weniger graue Strähnen in seinem braunen Bart und weniger Falten auf der Stirn.

Sie atmete tief ein und aus, bis sie bei sechzig war; jetzt – jetzt! – setzte sie sich im Bett auf und schaute. Und da stand es, ans Fenster gelehnt: erst einen Tag ihrs, aber zwei Jahrhunderte alt und genauso vollendet. Die Anmut des Halses im Mondlicht, die Schnecke, die sich zu ihr hin neigte wie ein Schwanenkopf.

Tante Tanja war anscheinend nicht damit einverstanden gewesen, dass sie es bekam. »Hast du dir das auch gut überlegt, Nikolai?« Sie hatte Papa in eine Ecke gezogen, und da standen sie, zu dicht beieinander, zwischen Klavier und Fransenstehlampe eingezwängt. »Sie wird es fallen lassen«, zischte Tante Tanja. »Sie wird es kaputt machen. Sie ist zu klein dafür.«

»Sie wird es in Ehren halten«, widersprach Papa. »Sie wird es beherrschen lernen. Sie wächst noch hinein.«

Es stimmte, Sonja war tatsächlich ein bisschen zu klein für das Cello, doch wenn sie ein Kissen auf ihren Stuhl legte und den Hals reckte (wobei sie sich vorstellte, sie wäre eins der hohen Gebäude am Newski-Prospekt) und wenn sie die Arme so lang wie möglich machte (und dabei an Orang-Utans im Zoo dachte) – dann wurde sie größer, als es ihrem Alter entsprach, und das Geburtstagsgeschenk passte perfekt.

»So etwas Törichtes«, sagte Tante Tanja, die Wangen noch stärker gerötet als sonst. »Ein echtes Storioni! Wie kann man einem Kind ein so kostbares Instrument anvertrauen!«

»Sonja ist alles andere als bloß ein Kind.« Papa hatte sich ziemlich verärgert angehört. »Im Übrigen werde ich den Verdacht nicht los, dass du aus den völlig falschen Gründen Einwände erhebst.«

»Und die wären?« Tante Tanjas Hals war leicht marmoriert.

Sonja hörte auf, die Wurst klein zu schneiden und Brotwürfel damit zu belegen; sie stellte sich in die Tür, damit sie besser sehen konnte.

»Du fürchtest, ich könnte sie vergessen ...« – Papa räusperte sich – »... ich könnte sie ersetzen wollen.« Er hielt inne und schlug mit der flachen Hand auf das Klavier, sodass das Metronom klingelte und prestissimo zu ticken begann. »Als ob!«, sagte er und brachte das Metronom und Tante Tanja mit einer einzigen zornigen Handbewegung zum Schweigen. »Als ob ich sie je vergessen könnte!«

»Guck mal!«, Sonja stupste Konstantin an, der schon da war, um ihr bei den Vorbereitungen zu helfen. »Guck dir Tante Tanjas Hals an!« Sie blickte fasziniert auf die Flecken über dem Kragen ihrer Tante, die ineinanderflossen wie die Blutpfützen unter den auf dem Markt hängenden Schweinen. »Nun guck dir das doch mal an!«

Aber Konstantin war zu sehr damit beschäftigt, Süßigkeiten auszupacken und sich immer gleich mehrere davon in den Mund zu stopfen.

»Apropos Schweine«, sagte sie, dabei hatte niemand von Schweinen gesprochen, nur sie selbst war im Geist mal eben über das mit Borsten übersäte Kopfsteinpflaster gelaufen, um sich die in Reihen aufgehängten gedunsenen Leiber anzuschauen. »Du bist nicht besser als ein Schwein!«, sagte sie streng und sah Konstantin an, der wie eine stämmige, Blätter verlierende Eiche inmitten bunter fantiki-Bonbonpapiere stand. »Was ist mit den Schostakowitschs? Du musst ihnen auch noch was übrig lassen.« Sie schnappte Konstantin die Messingschüssel weg und ging damit ins Wohnzimmer, wo sie sie auf das Sofa stellte und ein Kissen darüber deckte.

»Warum kommen denn die Schostakowitsch-Kinder?«, rief Konstantin ihr hinterher. »Das sind doch Babys.« Das Gesicht des Zehnjährigen glänzte vor Zucker und strotzte vor Spott.

»Sie sind süß«, sagte Sonja. »Sie können ja nichts dafür, dass sie noch so klein sind. Und Nina Schostakowitsch ist die schönste Frau in ganz Russland.« Sie blickte zum Fenster, das wegen der Nachmittagshitze offen stand. Das durchs Glas fallende Licht zeichnete ein vollkommenes weißes Quadrat mit einem Schattenkreuz darin auf den Teppich. »Die schönste lebende Frau«, verbesserte sie sich.

Konstantin kam einen Schritt näher. Seine Miesepetrigkeit und das plötzliche Verschwinden der Süßigkeiten waren vergessen, doch der Zuckerrausch hielt an. »Du bist schön«, sagte er. »Ich könnte dir ein verdammt guter Ehemann sein, wenn ich groß bin.« Sein Mund stand offen, und sie sah grellbunte Spuckefäden zwischen seinen Lippen.

Sonja wich zurück, bis sie vom Klavier gebremst wurde. Rums! Sie landete mit dem Hintern auf der Tastatur und erzeugte ein Kuddelmuddel aus Tönen. Der Missklang ließ sie zusammenzucken. »Konstantin Kuschnarow! Du sollst nicht fluchen! Außerdem bin ich erst neun. Neun Jahre und drei Minuten, genauer gesagt.«

In dem Moment klingelte es an der Tür. Papa und Tante Tanja beendeten ihr hitziges Geflüster, und der Geburtstag – der schon ein Reinfall zu werden drohte – war gerettet. Schon kamen die Gessen-Kinder herein (Papa nannte sie Gessen eins, Gessen zwei und so weiter), der Sohn von Hausmeister Boris und die vier Schostakowitschs, alle auf einmal. Einer nach dem anderen gratulierte ihr, sodass Sonja sich selbst kaum »Danke« und »Herzlich willkommen« sagen hörte.

Maxim Schostakowitsch, winzig klein in seinem schwarzen Pelzmantel, hielt sich an der Hand seiner Mutter fest. Wie ein Papagei drehte er seinen kleinen, runden Kopf immer hin und her, als er sich im Raum umschaute. »Siehst du«, zischte Sonja Konstantin zu. »Ich hab dir doch gesagt, er ist süß.«

Konstantin machte ein eifersüchtiges Gesicht. »Warum hast du einen Pelzmantel an?«, fragte er Maxim. »Dir kann doch nicht kalt sein, in drei Wochen ist Mittsommernacht.«

»Er zieht ihn zu Partys immer an«, sagte Galina. »Und das ist auch völlig in Ordnung.« Sie hatte einen schnurgeraden Mittelscheitel und zwei lange, glänzende, geflochtene Zöpfe. Genau wie Maxim konnte sie ihrem Gegenüber unverwandt in die Augen schauen, und das machte sie jetzt mit Konstantin.

»Ihr seht beide sehr hübsch aus«, sagte Sonja schnell. »Ich hole euch ein bisschen Wurst.«

Als sie aus der Küche zurückkam, sah sie erfreut, dass Galina sich unter die anderen gemischt hatte, aber Maxim hielt weiterhin die Hand seiner Mutter umklammert, und sein Mantel war noch bis oben hin zugeknöpft.

»Etwas zu essen?« Sonja musste den Teller zuerst nach oben und dann nach unten halten, weil Mutter und Sohn so unterschiedlich groß waren.

Frau Schostakowitsch nahm mit der freien Hand ein Stück Wurstbrot und biss sofort hinein: Ihre Zähne waren lang und viereckig wie die eines Pferds. »Hmmm. Köstlich.«

»Kösslich«, plapperte Maxim ihr nach.

»Die hab ich selbst gemacht«, sagte Sonja. »Wenigstens habe ich sie klein geschnitten. Der Schlachter hat die Wurst extra für uns hergestellt, als er gehört hat, dass wir heute eine Geburtstagsparty feiern.«

»Du hast heute noch ein ganz besonderes Geschenk bekommen, nicht wahr?« Frau Schostakowitschs dunkles Haar türmte sich über ihrer weißen Stirn hoch auf. »Einen wahren Schatz.«

Sonja nickte. »Es hat früher meiner Mutter gehört. Sie ist gestorben, als ich noch ganz klein war, kleiner als Maxim.«

»Ich weiß«, sagte Frau Schostakowitsch. Ihre Augen waren von dem gleichen klaren Braun wie ihre Bernsteinkette, und in ihren Ohrläppchen steckten kleine Perlen. Sie nahm Sonja beiseite. »Kannst du mir helfen?«, flüsterte sie. »Maxim ist ein bisschen schüchtern, deshalb muss er seinen Pelzmantel auch drinnen tragen.«

»Damit er sich mutiger fühlt.« Sonja verstand das gut; sie trug oft ihr Emaille-Medaillon mit dem gepressten Veilchen darin, wenn sie Schutz brauchte. »Ich kümmere mich um ihn.«

»Danke.« Frau Schostakowitsch lächelte und nahm ein Glas Preiselbeersaft von Tante Tanja entgegen, die immer noch eine Spur rot im Gesicht war. »Auf Sonja!«, sagte sie und hob ihr Glas.

»Auf Sonja!«, sagten die fünf Gessen-Kinder, Boris aus dem Keller, Galina mit den glänzenden Zöpfen und Konstantin, der niemals, nicht in einer Million Jahren, Sonjas Ehemann werden würde. Die rote Rose auf dem Fenstersims nickte im Wind, als wollte sie sagen: Alles Gute zum Geburtstag.

»Auf Sonja!«, riefen ihr Vater und ihre Tante, und Herr Schostakowitsch kam zu ihr, um ihr die Hand zu schütteln. »Auf deine Gesundheit und dein Glück«, sagte er und verbeugte sich wie vor einer richtigen Dame. Die Sonne funkelte in seinen großen Brillengläsern, sodass Sonja seine Augen nicht sehen konnte, aber seine Stimme klang aufrichtig. »Ich wusste ja gar nicht, dass Nikolai Nikolajew so eine erwachsene Tochter hat.«

»Ich bin erst neun«, sagte Sonja. »Neun Jahre und –« Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, »dreiunddreißig Minuten.«

»Ein perfektes Alter«, sagte Herr Schostakowitsch. »Weder zu alt noch zu jung.« Er nahm einen großen Schluck Preiselbeersaft. »Glaubst du, dein Vater hat vielleicht ein bisschen Wodka da?«

»Ganz sicher. Er hat erst neulich mit Herrn Sollertinski welchen getrunken.«

»Aha. Wenn Herr Sollertinski neulich Abend hier war, dann könnte es allerdings sein, dass kein Wodka mehr übrig ist. Es heißt, er sei in der Lage, die Newa leer zu trinken.«

»Dmitri!« Frau Schostakowitsch hob alarmiert die Augenbrauen.

»Ein kleiner Scherz«, sagte Herr Schostakowitsch hastig. »Weiter nichts.« Er wandte sich wieder Sonja zu. »Vielleicht spielst du uns nachher etwas auf deinem Geburtstagsgeschenk?«

Sonja errötete. »Sehr gern.«

»Es wäre uns eine große Ehre«, sagte Herr Schostakowitsch.

Während der Nachmittag sich davonstahl, füllte sich das Zimmer mit einem seltsamen orangefarbenen Licht. Sonja, die mit Tellern voller Speisen zwischen ihren Gästen umherging, fühlte sich, als schwimme sie in einem verzauberten Teich. Oder tauche in eine der wunderschönen Perlen an Frau Schostakowitschs sahnigem Hals ein, in denen sich die tief stehende Sonne spiegelte.

Maxim saß klein und ernst auf einem Kissen in der Sofaecke. Den Mantel hatte er inzwischen ausgezogen, gab aber, mit einer Hand auf dem Ärmel, gut darauf Acht. Sonja versorgte ihn mit Limonade und den Süßigkeiten, die sie unter dem Kissen hervorholte und in Sicherheit brachte, nachdem Tante Tanja eine Zeitlang darauf gesessen hatte.

»Wie kann sie denn nicht merken, dass sie auf einer großen Messingschüssel sitzt?«, flüsterte Galina.

»Weil sie so einen großen Messinghintern hat«, sagte Konstantin.

Sonja musste ein bisschen lachen, und Konstantin grinste und sah unter seinem Partyhütchen verschmitzt und gut aus. Aber Sonja wusste trotzdem, dass sie nie jemanden heiraten würde, der so schlechte Witze machte.

Weitere Gäste erschienen, meistens Leute, die mit ihrem Vater im Konservatorium arbeiteten. Der Geräuschpegel stieg. Jemand fing an, Klavier zu spielen, und obwohl Herr Sollertinski erst kürzlich zu Besuch gewesen war, kam mehr als genug Wodka auf den Tisch. Irgendwann gähnte das erste Gessen-Kind, dann das zweite, woraufhin Frau Schostakowitsch auf die Kaminuhr blickte und sagte, sie müsse jetzt die Kinder ins Bett bringen.

»Alles zu seiner Zeit, meine Liebe.« Herr Schostakowitsch trat, mit etwas schief sitzendem Schlips, auf Sonja zu. »Darf ich jetzt das Storioni sehen?«, fragte er respektvoll.

Das Cello lag im halbdunklen Schlafzimmer auf der Seite. Sonjas Herz tat einen Sprung, als sie es sah: Es war so schön! Behutsam richtete sie es auf und hielt es Herrn Schostakowitsch hin, der mit den Händen bewundernd über die rotbraune Vorderseite und den geschwungenen Rücken strich.

»Ein sehr schönes Instrument«, sagte er. »Ich habe deine Mutter oft darauf spielen sehen, bevor du geboren wurdest.«

»Ja?« Sonja konnte sich kaum vorstellen, wie die Welt damals gewesen war. »Wo hat sie denn gespielt?«

»In der Philharmonie«, sagte Herr Schostakowitsch und hielt das Cello in den Armen, als wiege es nicht mehr als ein Baby. »Wunderschön. Ganz wunderschön.« Es war nicht klar, ob er das Cello, Sonjas Mutter oder den Konzertsaal mit den hohen weißen Säulen meinte.

»Ich habe noch nicht viel darauf gespielt. Nur heute Morgen ein bisschen, bevor ich mit den Vorbereitungen für meine Party angefangen habe.«

»Mag es dich?« Herr Schostakowitsch sah sie eindringlich an.

»Wie bitte?«

»Zeigt es Sympathie für dich? Ob es dich kennt, spielt keine Rolle – es wird dich ja noch kennenlernen. Aber es ist sehr wichtig, dass es dich mag, und umgekehrt.« Die Locke über Herrn Schostakowitschs Stirn löste sich plötzlich aus ihrem Wachsüberzug und hüpfte vor seinem Gesicht hoch und nieder. »Ich habe vor langer Zeit im Swetlaja lenta Stummfilme begleitet, und weißt du was? Das Klavier hat mich gehasst! Wir haben uns jeden Tag gestritten, jeden Abend miteinander gerungen.« Er seufzte. »Es war eine grässliche Arbeit. Gegen das Klavier zu kämpfen war, wie Tag für Tag mit einem Menschen zusammenzuarbeiten, den man verabscheut.«

Sonja betrachtete das glänzende Cello. »Als ich es heute Morgen aus dem Kasten genommen habe, habe ich als Erstes die A-Saite gezupft.«

»Und?« Herr Schostakowitsch schien regelrecht gespannt. »Wie klang es?«

»Wie –« Sonja schloss eine Sekunde lang die Augen. »Wie eine Stimme.« Als sie die Augen wieder öffnete, strahlten Herrn Schostakowitschs Brillengläser ihr mitten ins Gesicht. »Es schien etwas zu sagen, ich weiß nur nicht, was.«

Herr Schostakowitsch nickte. »Meiner Meinung nach ist die A-Saite von allen vier Saiten die verschwiegenste. Wenn man sie falsch behandelt, behält sie ihre Geheimnisse womöglich auf ewig für sich.«

»Dann glauben Sie also, dass es mich mag?« Sonja wagte es nicht zu hoffen.

»Eindeutig.« Herr Schostakowitsch gab ihr das Cello zurück. »Kein Zweifel. Würdest du denn etwas für deine Gäste spielen, wenn ich dich begleite?«

»Wir könnten eine Bearbeitung von Faurés Elégie spielen«, schlug Sonja vor. Die hatte sie mit ihrem geborgten Einhalb-Cello das ganze vergangene Jahr geübt und letzte Woche endlich auswendig gelernt.

»Eine perfekte Wahl für einen Geburtstag.« Herr Schostakowitsch machte ein feierliches Gesicht. »Das Fortschreiten der Zeit ist eine ernste Angelegenheit.«

Sobald er auf dem Klavier ein A angeschlagen hatte, damit Sonja ihr Instrument stimmen konnte, wurden alle still, selbst die unruhigen Gessen-Kinder. »Ein aufmerksames Publikum«, sagte Herr Schostakowitsch. »So haben wir es gern!«

Sonja war ein bisschen aufgeregt, aber das Licht war inzwischen noch weicher geworden, Kerzen brannten, und ihr Vater sah so glücklich aus wie schon lange nicht mehr. Wie lieb sie ihn hatte! »Faurés Elégie, in einer Bearbeitung«, kündigte sie mit leicht gepresster Stimme an. »Für meinen Vater.«

»Ich bin bereit, sobald du bereit bist«, sagte Herr Schostakowitsch.

Sonja richtete sich gerade auf und stemmte die Füße in den Boden. Das Cello lehnte sich an sie. Ich bin auch bereit, sagte es mit hölzernem Flüstern. Sonja brachte die linke Hand in Stellung und legte vorsichtig den Bogen auf die Saiten – kein Quietschen, kein Kratzen.

Bislang hatte sie die Elégie als ein silbriges, klares, fast eisiges Stück betrachtet. Doch heute, in den stillen Momenten, bevor sie begann, empfand sie es anders. Faurés vertraute Noten verwandelten sich: wie reife, goldene Früchte, rund und undurchsichtig, hingen sie in der Luft. Seltsam! Schon jetzt hatte das Cello ihre Sichtweise verändert. Sie holte tief Luft, nickte Herrn Schostakowitsch zu, und der erste Ton fiel, vollendet gestimmt und so süß wie Honig, in die Stille.

Bald schien es Sonja, als singe das Cello von ganz allein. Sie brauchte nur ihre Finger auf die Saiten zu legen, schon strömte die Musik nur so heraus, Phrase für Phrase, als hätte sie mit einem Zauberschlüssel eine geheime Welt aufgeschlossen. Dann ein Seufzen – kam es von ihr oder dem Cello? –, und mit einem letzten heiseren Strich glitt der Bogen über die Saite. Stille. Sie ließ die Arme fallen, die von der Anstrengung, das etwas zu große Cello umfasst zu halten, schmerzten. Kurz strich sie ihm über den glatten Rücken. Danke, sagte sie. Du warst wunderbar.

Herr Schostakowitsch sprang vom Hocker auf und klatschte stürmisch in die Hände. Auch alle anderen applaudierten, und Sonjas Vater drückte sie so fest an sich, dass sie einen Knopf an seinem Hemd knacken hörte. »Du warst wunderbar!«, sagte er, genauso wie sie es eben zu dem Storioni gesagt hatte. »Du warst fabelhaft.«

Das Licht schwand, und die Gäste begannen ihre Mäntel zu holen. Sonja stellte sich an die Tür. »Auf Wiedersehen«, sagte sie und schüttelte jedem die Hand. »Danke, dass ihr gekommen seid.« Und zu Galina: »Du hast es gut. Ich hätte auch gern so einen Bruder wie du.«

»Ja, er ist ganz in Ordnung.« Galina nahm Maxim lässig an die Hand. »Wir können ja irgendwann mal wiederkommen.«

»O ja, bitte«, sagte Sonja und wandte sich dann an Herrn Schostakowitsch. »Vielen, vielen Dank, dass Sie mich begleitet haben.«

»Ich sollte dir danken. Das war ein guter Vortrag.« Er verbeugte sich so tief, dass ihm die Haarlocke wieder in die Stirn fiel. »Sie haben eine sehr begabte Tochter«, sagte er zu Sonjas Vater. »Erlauben Sie ihr um Gottes willen nicht, Lehrerin zu werden. Lassen Sie sie musizieren, was auch immer geschieht!«

»Hm!« Papa tat beleidigt. »Nur weil Sie sich für einen schlechten Lehrer halten, ist noch lange nicht der ganze Beruf unnütz. Manche sehen darin eine sehr ehrenwerte Art des Broterwerbs.« Er legte Sonja eine Hand auf die Schulter. »Aber sie spielt brillant, da haben Sie schon recht.«

»Das war eine der nettesten Feiern, auf denen ich je gewesen bin«, sagte Frau Schostakowitsch. »Wenn man sich gut amüsieren will, sollte man immer auf die Geburtstagsfeiern von Neunjährigen gehen – und nie zu offiziellen Anlässen.«

Viel später, als sie schon im Bett lag, beobachtete Sonja ihren Vater, der, ein höchst ungewohntes Bild, aufräumte. »Ist Herr Schostakowitsch berühmt?«

»O ja.« Ihr Vater bückte sich, um Bücher ins Regal zu schieben. »Sehr berühmt.«

»Die Bücher gehören aufs oberste Bord«, sagte Sonja. »Und du?«

»Ob ich berühmt bin?« Ihr Vater sah sich zu ihr um. »Nein, nicht wirklich. Und darüber sollten wir froh sein.«

»Warum? Ist es schwer, mit einem berühmten Menschen verwandt zu sein? Galina sagt, ihr Vater ist oft nicht bei der Sache. Manchmal sitzt er ganz lange am Klavier, und dann steht er plötzlich auf und knallt mit der Tür oder brüllt. Danach fährt Galinas Mutter mit ihr und Maxim immer zu ihren Großeltern, für eine sogenannte Auszeit.«

Aus irgendeinem Grund lachte ihr Vater darüber. »Ja, das ist ein Grund, Ruhm zu vermeiden. Und es gibt noch etliche andere. Für Menschen mit hohem Bekanntheitsgrad ist das Leben nicht so einfach.« Er hielt inne und räusperte sich. »Versuch jetzt zu schlafen. Konzerte sind ziemlich anstrengend, wenn meine Erinnerung an meine aktive Zeit mich nicht trügt.«

»Könntest du mein Cello da drüben hinstellen?«, fragte Sonja. »Ich möchte es vom Bett aus sehen.«

Ihr Vater lehnte es an die Wand, wo es ebenso müde wie elegant wirkte. »Ist das alles, Eure Exzellenz? Darf ich jetzt Tante Tanja beim Abwasch helfen?«

Nachdem er die Tür zugemacht hatte, wartete Sonja auf den Schlaf. Sie schloss die Augen, doch sie gingen immer wieder auf, als wäre Sonjas Glück zu groß, um es einzusperren. Und so lag sie da und betrachtete die hölzerne Schnecke ihres Cellos, in der sich der blassblaue Himmel spiegelte. Und sie wünschte, die Welt könnte stehen bleiben, denn in diesem Augenblick war alles vollkommen.

Nikolais Trauer

Eine Zeitlang hatte Nikolai geglaubt, vor Trauer wahnsinnig zu werden. Wenn er eine Straße überquerte, schaute er weder nach links noch nach rechts; er trat einfach mitten in den hupenden, wimmelnden Verkehr und ergab sich dem Schicksal. Wenn er von einem Auto erfasst würde, sei’s drum.

Seit jener furchtbaren Nacht im Januar konnte er ohnehin nicht mehr richtig sehen. Anstelle der erwarteten Finsternis war im Zentrum seines Blickfelds ein grelles Licht aufgetaucht. Er sah alles nur aus den Augenwinkeln und drehte dabei kaum den Kopf, als wollte er nicht hinschauen. Und so stellte die Welt sich ihm in Scheibchen dar: verzerrte Bäume, gebogene Laternenpfähle, schmale Häuserecken.

Er lief durch diese Wochen wie ein Blinder, der die Straßen durch seine Fußsohlen spürt. Seine Stiefel wetzten sich ab und irgendwann durch. »Warum kaufst du dir keine neuen?« Tanjas Ton lag irgendwo zwischen Sorge und Strenge. »Du siehst ja aus wie einer der Männer unten am Finnlandbahnhof.« Damit sie ihn in Ruhe ließ, gab Nikolai vor, auf etwas anderes zu sparen, von dem er noch nicht sprechen könne. In Wahrheit war das Laufen jetzt, da seine Stiefel ihm zur zweiten Haut geworden waren, leichter für ihn geworden: So wie ein Bergsteiger sich am Seil eine kalte, windige Gletscherspalte entlanghangelt, tastete Nikolai sich mit den Füßen voran. Nur dass er bei jedem unebenen Pflasterstein, jeder Bordsteinkante fürchtete, zu stolpern und Hunderte von Metern tief in eine blaue eisige Stille zu stürzen.

»Bist du fertig?« Sonja stand vor ihm, das Haar mit einer roten Schleife zusammengebunden, die Jacke zugeknöpft, die Füße in der ersten Ballettposition – Fersen aneinander, Zehen nach außen gedreht.

»Wie deine Schuhe glänzen! Sie funkeln ja richtig!« Mit zwispältigen Gefühlen kehrte Nikolai aus der Vergangenheit zurück: Freude beim Anblick von Sonja, darunter schmerzliches Bedauern. Das Fortschreiten der Zeit war nicht in jeder Hinsicht ein Segen. Er schloss die Augen und versuchte, das blasse, ovale Gesicht wiederzufinden, doch es war fort. Es gab inzwischen Tage, an denen er sich nicht mehr an die Farbe ihrer Haare erinnerte und die Welt jenseits des Fensters verzweifelt nach dem exakten Farbton absuchte, um sie zu sich zurückzuholen. An anderen Tagen wurde ihm bewusst, dass er sich den Schwung ihres Halses oder die Form ihrer Füße nie genau genug angeschaut hatte, sodass auch sie seinem Gedächtnis allmählich entglitten.

Sonja betrachtete ihre Schuhe. »Ich hab drauf gespuckt«, gab sie zu, »weil ich die Schuhcreme nicht finden konnte. Ich weiß nicht, wo Tante Tanja sie hingeräumt hat.«

»Ja, Tante Tanja ist eine über die Maßen ordentliche Frau«, sagte Nikolai. »Manchmal glaube ich, sie würde gern noch das Gras und die Bäume wegräumen und vermutlich auch die Newa. Die Natur ist Tante Tanja ein bisschen zu widerspenstig.«

Sonja warf einen Blick auf Nikolais Schreibtisch. Alle Schubladen quollen über, die Partituren türmten sich auf wie wacklige Pfannkuchenstapel. »Es gibt wohl für jeden Typ einen Platz auf der Welt«, sagte sie diplomatisch.

»Du würdest eine hervorragende Politikerin abgeben«, sagte Nikolai. »Vielleicht sollten wir dich nach Amerika schicken – da wärest du in null Komma nichts Präsidentin.«

»Nein!« Sonja lief zu ihm. »Ich will nicht von dir getrennt sein. Ich gehöre nach Leningrad. Ich gehöre hierher.«

Sie schlang Nikolai die Arme um den Hals, und die vertraute Panik stieg in ihm auf, so stark wie eh und je.

»Schick mich nicht fort!« Sonja atmete schnell, und auf ihrer Stirn bildete sich ein Schweißfilm.

»Ich hab doch nur Spaß gemacht, Maus«, sagte Nikolai schnell. »Solange dieser elende Krieg sich weiter ausbreitet, ist es nicht ratsam, irgendwo anders hinzugehen.«

Das beruhigte Sonja. Bei der bloßen Andeutung, sich von ihm trennen zu müssen, hatte sie das Gefühl gehabt, ihr zerspringe das Herz und die Bruchstücke hämmerten von innen gegen ihre Handgelenke und Schläfen. Nun normalisierte sich ihr Puls fast augenblicklich. »Der Krieg«, sagte sie mit unverkennbarer Erleichterung. »Solange Krieg ist, bleiben wir alle, wo wir sind. Niemand geht fort – weder du noch Tante Tanja noch die Gessen-Kinder noch Maxim Schostakowitsch. Stimmt’s?«

»Ja.« Nikolai schüttelte sich die Pantoffeln von den Füßen. »Ich kämme mich noch schnell, und dann amüsieren wir uns mal ein bisschen!«

Im Bad stützte er sich auf den Waschtisch und atmete tief ein und aus. »Acht Jahre und fünf Monate«, sagte er, während er in das rissige Becken blickte. »Acht Jahre, fünf Monate und drei Tage.« Sein Flüstern glitt in das schleimige Gespinst aus Haaren und Seife im Abfluss und verschwand. Als er in den Spiegel schaute, waren seine Augen feucht, und er trocknete sie mit einem gräulichen Handtuch ab.

Schostakowitsch war der Einzige, dem Nikolai die beschämende Wahrheit hatte anvertrauen können, was wohl auch an der Art und Weise lag, wie der Komponist den Proben beiwohnte: unerbittlich, ungerührt, scheinbar emotionslos. Selbst wenn seine Musik verhunzt und verstümmelt wurde, verriet sein Gesicht keinerlei Gefühlsregung. Da saß er dann, zwanzig oder dreißig Minuten lang, während Mrawinski mit den Philharmonikern rang: anfing, wieder aufhörte, den Fagottisten ermahnte, mit den Flötisten schimpfte. Still und starr wie eine Wachsfigur blieb er in der vierten oder fünften Reihe sitzen, so als hätte der Sturzbach, der sich aus den weit geöffneten Blechmäulern, von den Bögen und Handgelenken ergoss, nichts mit ihm zu tun.

Gelegentlich, an Tagen, wenn seine Lieblingsfußballmannschaft ein Spiel verloren oder er nicht geschlafen hatte, brach er sein gewohntes Schweigen. »Das Solo muss pianissimo gespielt werden!«, rief er dann. »Pianissimo, habe ich gesagt!« Der Kontrast zwischen der Lautstärke, in der er sein Anliegen vorbrachte, und dem Anliegen selbst hätte zu dem einen oder anderen Scherz Anlass geben können, wäre die Paarung Mrawinski-Schostakowitsch nicht so respekteinflößend gewesen und die Akustik im Großen Saal der Philharmonie nicht so hervorragend, dass der Furz eines Perkussionisten angeblich noch von einem Achtzigjährigen in den hintersten Reihen gehört werden konnte.

»Das steht nicht in der Partitur.« Mrawinski, der sein Orchester verteidigen wollte, blickte Schostakowitsch standhaft an. »Sehen Sie? Da ist keine Dynamik verzeichnet.« Je größer Schostakowitschs Zorn, umso ruhiger blieb Mrawinksi. Er galt allgemein als der einzige Mensch auf der Welt, mit Ausnahme von Schostakowitschs Frau, der keine Angst vor den heftigen, kurzlebigen Launen des Komponisten hatte.

Schostakowitsch schritt dann zum Podium und kritzelte etwas in die Partitur. »Das muss ein Versehen sein. Um der Musik gerecht zu werden, müsste ich pppppp schreiben. Aber aus Gnade mit Ihren Musikern begnüge ich mich mit pp. Es tut mir leid, wenn das schwer zu spielen ist, aber daran lässt sich nichts ändern. Hohes G, pianissimo, Ende der Debatte.«

Solche Distanziertheit, gepaart mit solcher Selbstsicherheit! Es war, als könne der Mann sich vollkommen loslösen: von seiner Arbeit, von seiner Familie, vom Leben selbst. Seine Studenten, die genau diese Eigenschaft an ihm reizte und faszinierte, hatten ihm den Spitznamen »der Mann vom Mars« verpasst – und ebendiese Distanz war es auch, die Nikolai das Gefühl gab, keinem anderen Menschen als Schostakowitsch sein Herz ausschütten zu können. Monatelang hatte er geschwiegen, um nicht verurteilt zu werden.

Doch eines Abends im Mai hatte er sich, dünn, schwach und zittrig, im Sommergarten mit Schostakowitsch getroffen und war mit ihm spazieren gegangen. Die lange Promenade war voller Menschen, hauptsächlich Paare, die unter dem dichten Baldachin der Lindenbäume ruhig dahinschlenderten. Nikolai blickte zu Boden, während er sprach, die Sohlen seiner geschundenen Stiefel weiter abschürfend.

Schostakowitsch hörte ihm bis zum Ende zu, bevor er etwas sagte. »Sie haben Angst, zu sehr zu lieben?«

Schwalben schossen knapp über ihnen durch die Luft und drehten mitten im Flug wieder ab. Nikolai duckte sich vor ihren Schatten und ließ sich auf die nächste Bank fallen. »Ich war es, der wollte, dass sie das Kind bekam! Sie war unsicher – sie war immer unsicher –, aber ich habe sie angefleht!« Die Wörter platzten aus ihm heraus wie ein lauter, peinlicher Schrei, und er schloss die Augen und dachte an jenen Abend zurück. Sie hatte am Fenster gesessen, sodass er nur ihre Silhouette sah. Deutlich zeichnete sich ihr Profil vor dem hellen Licht ab: das kleine, runde Kinn, die schräge Nase, die Wimpern, die so lang waren, dass alle Frauen in Leningrad sie darum beneideten. »Deine Karriere wird immer auf dich warten«, hatte er sie beruhigt. In Wahrheit war ihm ihre brillante Karriere in dem Moment herzlich egal. Ihre Karriere würde ihm keine Nachbildung dieses Profils schenken, dieses geraden Rückens, dieser weichen und doch leidenschaftlichen Stimme.

»Das war mein größter Wunsch.« Er trocknete sich die Augen. »Ich liebte sie so sehr, wissen Sie. Ich wollte sicher sein, dass ein Teil von ihr weiterleben würde, selbst wenn wir beide tot wären. Ich habe die Gefahr nicht bedacht.«

»Sie ist an Grippe gestorben«, sagte Schostakowitsch.

»Ja, aber weil sie durch die Geburt geschwächt war!« Nikolai konnte kaum atmen. »Weil sie durch die Geburt krank geworden war und eine Depression bekommen hatte ...«

»Und jetzt versuchen Sie, das Kind nicht zu lieben? Ich muss Ihnen sagen, mein Freund, das erscheint mir doch ein wenig unlogisch.«

»Nicht unlogisch. Paradox vielleicht. Wenn meine Liebe meine Frau getötet hat, wird sie mit meiner Tochter das Gleiche tun. Ich darf es mir nicht gestatten.« Nikolai legte den Kopf auf die Knie. »Um Ihnen die Wahrheit zu sagen – ich bringe es nicht über mich, sie anzusehen. Ich schaffe es nicht, auch nur in ihre Nähe zu gehen.«

Es war das schlimmste Geständnis, das er je gemacht hatte, und es war wahr. Wenn Tanja rief, er solle schnell kommen (Das Baby lächelt! Das Baby zeigt mit dem Finger!), tat er so, als hätte er sie nicht gehört. Er beugte sich dann verbissen über die Arbeiten, die er gerade korrigierte, oder stellte das Radio lauter, um das Gemurmel aus dem Nebenzimmer zu übertönen. Abends hielt er vor der geschlossenen Tür inne, doch die Klinke schien seiner Berührung zu widerstehen. Bleib draußen, warnte sie. Du überträgst Gefahr und Tod. Dann wandte Nikolai sich von den ruhigen Atemgeräuschen in dem dämmrigen Zimmer ab und rief Tanja zu, er müsse noch einmal ins Konservatorium, er habe etwas vergessen; nur um Stunde um Stunde am Kanal entlangzulaufen, jede Brücke überquerend, an die er kam, immer hin und her auf einem sinnlosen Kurs, der ihm Fluchtwege zu eröffnen schien und doch nirgendwo hinführte, schon gar nicht fort von sich selbst. Wenn er wieder vor seiner Wohnungstür stand, fühlte er sich vor lauter Schuldbewusstsein so schlecht, als wäre er im Puff gewesen und endgültig im moralischen Sumpf versunken.

»Ich möchte sie nicht lieben«, sagte er und sah Schostakowitsch an, der aufrecht neben ihm saß. Sein Profil war so scharf und deutlich wie aus einem Felsen gemeißelt, und Nikolai wartete benommen seinen Urteilsspruch ab.

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