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Der Dieb der Finsternis

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Zitate
  6. Prolog
  7. 1.
  8. 2.
  9. 3.
  10. 4.
  11. 5.
  12. 6.
  13. 7.
  14. 8.
  15. 9.
  16. 10.
  17. 11.
  18. 12.
  19. 13.
  20. 14.
  21. 15.
  22. 16.
  23. 17.
  24. 18.
  25. 19.
  26. 20.
  27. 21.
  28. 22.
  29. 23.
  30. 24.
  31. 25.
  32. 26.
  33. 27.
  34. 28.
  35. 29.
  36. 30.
  37. 31.
  38. 32.
  39. 33.
  40. 34.
  41. 35.
  42. 36.
  43. 37.
  44. 38.
  45. 39.
  46. 40.
  47. 41.
  48. 42.
  49. 43.
  50. 44.
  51. 45.
  52. 46.
  53. 47.
  54. 48.
  55. 49.
  56. 50.
  57. 51.
  58. 52.
  59. 53.
  60. 54.
  61. 55.
  62. 56.
  63. 57.
  64. 58.
  65. 59.
  66. 60.
  67. 61.
  68. 62.
  69. 63.
  70. 64.
  71. 65.
  72. 66.
  73. Epilog
  74. Danksagungen

 

Die schönste Erfahrung, die wir machen können,
ist die Erfahrung des Unbegreiflichen.

– Albert Einstein

Die Märchen, die wahr werden, sind die,
an die man fest genug glaubt.

– George Orwell

Prolog

In der Wüste von Akbikistan

Das Staatsgefängnis Chiron erhob sich auf dem Gipfel eines mehr als neunhundert Meter hohen Felsplateaus und bot einen eindrucksvollen Blick über die rostfarbene Steinwüste von Akbikistan, einer kleinen abtrünnigen Republik im Norden Pakistans. Achtzig Kilometer fernab jeder Zivilisation hatte man den dreistöckigen Steinbau in den Gipfel des einsamen Berges gemeißelt und damit die einzige Orientierungshilfe in einer ansonsten toten, öden Wüstenlandschaft geschaffen. Um Mitternacht, wenn die Wachtürme erleuchtet waren, ähnelte der Bau einer Krone auf dem Haupt eines Dämons.

Das berüchtigte Zuchthaus war 1860 von den Briten errichtet worden, denen es als Kriegsgefangenenlager gedient hatte. Sah man davon ab, dass es inzwischen Strom gab, hatte sich in den hundertfünfzig Jahren, die seither vergangen waren, nicht viel verändert. Das knapp zwanzig Meter hohe Gebäude war ein Granitblock mit festungsartigen Mauern; an den vier Ecken stand jeweils ein achteckiger Wachturm.

Seinen Namen – Chiron – verdankte das Gefängnis dem obersten Wächter des siebten Höllenkreises in Dantes Inferno, doch eilte ihm der Ruf voraus, dass es dort noch wesentlich schrecklicher zuging als in den düstersten Visionen des italienschen Dichters.

In letzter Zeit war das Zuchthaus nur zu dreißig Prozent belegt, und das Wachpersonal war auf achtzehn Mann reduziert worden. Chiron standen keine ausreichenden finanziellen Mittel zur Verfügung; außerdem war das Zuchthaus Endstation für jene Sorte von Verbrechern, denen von Amnesty International nur wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde. Eine Haftstrafe in Chiron war selbst dann ein Todesurteil, wenn der Häftling gar nicht zum Tode verurteilt worden war. Und es spielte keine Rolle, ob er fünf oder fünfzig Jahre abzusitzen hatte. Kein Gefangener erlebte den Tag seiner Freilassung.

Der Tod kam auf unterschiedlichste Weise, meist durch Hinrichtung, je nach Laune des Gefängnisdirektors entweder auf dem elektrischen Stuhl oder durch Enthauptung. Bei einem Fluchtversuch starb man durch die Kugel eines Wachmanns, wenn man nicht vorher durch die Hand eines Mitgefangenen ums Leben kam. Die häufigste Todesart allerdings war Selbstmord.

Es gab nur eine Möglichkeit, nach Chiron zu gelangen – über eine ausgefahrene Straße, die sich über knapp zehn Kilometer Länge hinauf zum Plateau schlängelte und kaum breit genug war für einen Lastwagen.

Seit 1895 war niemand mehr aus dem Gefängnis ausgebrochen. Denn wer das Glück hatte, den meterdicken Mauern zu entkommen, hatte anschließend nur zwei Möglichkeiten: Entweder er rannte die zehn Kilometer lange Zufahrtsstraße hinunter – die vom einzigen Wachturm, der durchgängig besetzt war, rund um die Uhr beobachtet wurde – und trat anschließend einen aussichtslosen Marsch durch die tödliche Wüste an, oder er sprang von der tausend Meter hohen Klippe, die sich vor der Haftanstalt auftat, um fünfundzwanzig Sekunden die Luft der Freiheit zu schnuppern und dann von den Felsen am Fuße des Plateaus zerschmettert zu werden. Es war eines der wenigen Gefängnisse weltweit, die auf einen Stacheldrahtzaun verzichten konnten.

Chiron war ein Ort, der perfekt dazu geeignet war, Menschen verschwinden zu lassen. Es war ein Ort, an dem man keinen Gedanken an das Wohl der Insassen verschwendete und wo man Wirtschaftskriminelle, Schwerverbrecher und kleine Ganoven zusammenpferchte in der Hoffnung, dass sie sich gegenseitig umbrachten.

Simon Bellatori saß auf dem Lehmboden seiner zweieinhalb Quadratmeter großen Zelle; die Vollstreckung seines Todesurteils war für fünf Uhr früh angesetzt. Er hatte keine Ahnung, wer auf die Idee gekommen war, Hinrichtungen bei Morgengrauen vorzunehmen, aber er fand es barbarisch und unmenschlich.

Bellatoris Verbrechen war ein simpler Einbruch in das Büro eines Geschäftsmannes gewesen, um einen Brief zu stehlen, der illegal bei einer Auktion ersteigert worden war und großen antiquarischen Wert besaß. Ein muslimischer Großwesir hatte den Brief an seinen Bruder geschrieben, einen christlichen Erzbischof, und die Welt hatte niemals von seinem Inhalt erfahren sollen. Bellatoris Diebstahl war ein Verbrechen, für das man in der Welt von heute nie und nimmer mit der Todesstrafe belegt worden wäre, aber die moderne Welt existierte innerhalb der alten Gefängnismauern Chirons nur in den Träumen der Häftlinge.

Es war geplant gewesen, dass Simon und sein Partner so schnell wie möglich einbrachen, den Brief an sich brachten und schleunigst wieder verschwanden, um dann pünktlich um 21.00 Uhr in der Amsterdamer Altstadt unweit der Prinzengracht im Restaurant Damsteeg ein spätes Abendessen einzunehmen. Doch die besten Pläne von Mäusen und Menschen …

Jetzt, da er in Chiron in seiner Zelle saß, bereute Simon zutiefst, was er getan hatte. Nicht den Diebstahl oder eines der anderen Vergehen, die er sich im Lauf seines Lebens hatte zuschulden kommen lassen. Nein, er bereute nur, einen engen Freund in diese Sache mit hineingezogen zu haben, sodass dieser Freund jetzt in der Zelle nebenan saß. Es erfüllte ihn mit Bitterkeit, diesen Mann in diesem gottverlassenen Land an die Schwelle des Todes geführt zu haben – einen Mann, der ihm vertraute.

Denn morgen früh, wenn der neue Tag anbrach, würde man sie beide wecken und in den Raum nebenan führen. Dort würde der Henker auf sie warten, den Kopf unter einer mittelalterlich anmutenden Kapuze verborgen. Er würde sie über einen Tisch aus Zypressenholz legen, ihnen die Hände auf dem Rücken fesseln, ihre mit dem Gesicht nach unten liegenden Körper auf einem Holzblock festgurten und dann ihre Köpfe festschnallen.

Dann würde der Raum sich mit Zuschauern füllen. Die Wachen würden die anderen Gefangenen holen, damit diese sich das Spektakel zur Abschreckung anschauten.

Zum Schluss würde der Gefängnisdirektor den Raum betreten, in der Mitte Platz nehmen und den Todgeweihten zornig in die Augen und prüfend in die Seelen blicken. Irgendwann – mit einem angedeuteten Lächeln, da er in Gedanken bereits an seinem Frühstückstisch saß – würde er das Zeichen geben.

Und dann würde der Henker den Zeremoniensäbel ergreifen und den Delinquenten die Köpfe vom Rumpf trennen.

Drei Tage zuvor

Michael St. Pierre betrat das Wohnzimmer seines Bungalows in Byram Hills, eine Autostunde von New York City entfernt. Er warf seine Post auf das Ledersofa und ließ aus einer langen Pappröhre mehrere Entwürfe auf seinen Pooltisch fallen. Seine drei Berner Sennenhunde Hawk, Raven und Bear waren ihm gefolgt und ließen sich zu seinen Füßen nieder, als er die Schaltbilder der Alarmanlage auseinanderrollte und auf dem grünen Filz glattstrich. Vier Wochen hatte er damit zugebracht, die stecknadelkopfgroßen Kameras und die verschlüsselte Videoüberwachungs- und Alarmanlage zu konzipieren, die für ein Kunstlager bestimmt waren, das dem Milliardär Shamus Hennicot gehörte.

Michael konnte gut nachvollziehen, dass Hennicot seine Sammlung an Monets, Rockwells und van Goghs schützen wollte. Und indem er all seine Erfahrung und sein Wissen in das Projekt hatte einfließen lassen, hatte Michael ein Sicherheitssystem geschaffen, das es im Hinblick auf seine technische Unüberwindbarkeit mit den Systemen der CIA aufnehmen konnte.

Michael drehte sich um und blickte auf das große Gemälde, das über dem steinernen Kamin hing. Es zeigte einen majestätischen Engel mit weit ausgebreiteten Flügeln, der einem leuchtenden Baum entstieg – ein Gemälde, das mit seinem realistischen Pinselstrich und seinen warmen Farben das Zeitalter der Renaissance spiegelte. Es war ein Govier aus dem späten sechzehnten Jahrhundert, ein Geschenk von einer engen Freundin, die ihn gebeten hatte, das zweite Gemälde dieses Malers zu stehlen und zu vernichten. Diese Bitte hatte schwer auf Michael gelastet, denn sie war der letzte Wunsch dieser Frau gewesen – eine ungewöhnliche Bitte, die er erfüllt hatte.

Michael war ein Dieb gewesen, der gelobt hatte, der Welt des Verbrechens den Rücken zu kehren. Er hatte dieses Versprechen seiner Frau und sich selbst gegeben. Dann aber hatten äußere Umstände ihn rückfällig werden lassen. Seit damals hatte er jedoch nur wenige Dinger gedreht – vor allem, um sich Geld zu beschaffen, das er für die Krebsbehandlung seiner Frau benötigte. Außerdem hatte er mehrmals seinem Freund Simon geholfen. Jede dieser Taten war uneigennützig gewesen. Michael selbst hatte sich nicht bereichert. Was er getan hatte, war zum Wohle anderer geschehen – in Situationen, in denen er moralische Kompromisse hatte schließen müssen.

Aber das alles war nun endgültig Vergangenheit. Obwohl er immer noch ein Meisterdieb war, hatte Michael seine Talente in Rente geschickt. Er hatte sich ein legitimes Geschäft aufgebaut, ein Sicherheitsunternehmen mit einem wachsenden Kundenstamm. Seine Kunden wussten, dass Michael vor ein paar Jahren zu einer Haftstrafe verurteilt worden war, weil er in ein Botschaftsgebäude eingebrochen war, um Diamanten zu stehlen. Dennoch erhielt er immer wieder neue Aufträge, weil er sich den Ruf erarbeitet hatte, Qualitätsarbeit zu liefern, und über die Fähigkeit verfügte, so zu denken wie diejenigen, die auf der anderen Seite des Gesetzes standen und die Absicht hatten, in bewachte Gebäude einzubrechen, Computersysteme zu manipulieren und Alarmanlagen zu zerstören. Michael dachte wie der Feind, der darauf aus war, Sicherheitsvorkehrungen zu umgehen und in die Tresorräume von Banken einzudringen. Michael zu beauftragen war etwa so, als würde man einer Footballmannschaft eine Woche vor dem Entscheidungsspiel die Unterlagen stehlen, in denen der Trainer einstudierte Spielzüge notiert hatte. Man lernte, wogegen man sich verteidigen musste, wo die eigenen Schwachpunkte lagen und wie man sie minimieren konnte. Mit Michael St. Pierre lernte man das Siegen.

Michael rollte die Entwürfe zusammen, steckte sie zurück in die Pappröhre und legte diese zu der ungeöffneten Post aufs Sofa. Dann ging er ins Esszimmer. Der Tisch war für zwei gedeckt. Das marinierte Steak war im Kühlschrank und fertig für den Grill, der Wein war noch nicht geöffnet, die Kristallgläser warteten. In der Mitte des Tisches stand eine Vase mit frischen Blumen.

Nach achtzehnmonatiger Trauer um seine Ehefrau Mary zeigte Michael endlich wieder Interesse an Frauen. Mary war der Inbegriff seines Lebens gewesen. Nie hätte er gedacht, mit achtunddreißig Jahren allein dazustehen und ohne Mary leben zu müssen; niemals hätte er sich vorstellen können, wie schnell und wie bösartig Krebs sein konnte. Vor allem hatte er sich nicht vorstellen können, wie er jemals mit Marys Verlust fertig werden sollte.

Doch mit der Zeit und dank der Unterstützung seiner Freunde und seines Vaters hatte Michael langsam wieder Hoffnung geschöpft, hatte die Tragödie verdrängt, hatte sich stattdessen an Marys Lächeln erinnert und sich an den Worten erfreut: »Weine nicht, weil sie tot ist, sondern freue dich, weil sie am Leben war.«

Und so hatte er schließlich seinen Ehering vom Finger gestreift – er trug ihn seither an einer Kette um den Hals – und seinen engsten Freunden erklärt, er sei jetzt so weit.

Michael war ein attraktiver Mann mit dichtem braunem Haar, wachen dunkelblauen Augen und einem markanten Gesicht, dem anzusehen war, dass er in seinem Leben schon einiges hinter sich hatte. Er war eins achtzig groß und körperlich fit dank Bodybuilding, Freiklettern und Schwimmen. Er trug noch die gleiche Jeansgröße wie mit achtzehn und hatte auch nicht die Absicht, sich gehen zu lassen wie so mancher Altersgenosse. Das konnte er sich allein schon wegen seines Berufs nicht erlauben.

Seine Freunde Paul und Jeannie Busch hatten Michael an mehreren aufeinander folgenden Freitagabenden verplant. Vier verschiedene Frauen und vier Abendessen, bei denen geplaudert und gelächelt wurde und bei denen man sich Geschichten erzählte; viermal ein verlegenes »Gute Nacht« und verlegene Abschiedsküsse.

Erst beim fünften Rendezvous war alles anders gewesen. Diesmal war es keine Einladung zum Abendessen, sondern ein Basketball-Duell an einem Samstagnachmittag, ein Rendezvous, das Michaels Freund Simon arrangiert hatte – ausgerechnet Father Simon Bellatori, ein unkonventioneller Priester, der die Vatikanischen Archive leitete. Father Simon war Einzelgänger; seine Arbeit nahm ihn jede wache Minute in Anspruch und ließ ihm nur wenig Zeit für Freunde, sah man von Michael ab. Gemeinsam hatten er und Michael mehr als einmal dem Tod getrotzt. Sie hatten eine persönliche Beziehung aufgebaut, die zu einer Bindung gereift war, die enger war als Familienbande. Deshalb hatte Michael, als Simon Kathleen Colleen erwähnte – kurz »KC« –, die Gefühle des Freundes nicht verletzen wollen, obwohl Michael sich nicht vorstellen konnte, dass ein Rendezvous, das sein Priester-Freund arrangiert hatte, zu irgendetwas führte.

Michael betrat den Außenplatz hinter der Byram Hills High School voller Vertrauen in seine Fähigkeit als Basketballer. KC war bereits da und warf Körbe, wobei sie sich mit geschmeidiger Eleganz bewegte. KC war groß, fast eins achtzig, und schlank. Ihr Haar besaß die Farbe von Mais und war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden; ihre smaragdgrünen Augen strahlten und waren wach und voller Leben. Sie war körperlich fit und doch durch und durch weiblich. Sie trug ein weißes T-Shirt über dunkelblauen Shorts. Michael konnte nicht anders und starrte auf ihre von der Sonne gebräunten, schlanken Beine, als er auf sie zuging.

»Hallo.« Er streckte ihr die Hand entgegen. »Ich bin Michael.«

»KC«, erwiderte sie mit einem britischen Akzent, nahm seine Hand und schüttelte sie selbstbewusst.

Dann standen sie ein wenig verlegen da und wussten beide nicht, was sie sagen sollten. Schließlich gingen sie auf den Platz und warfen einander den Ball zu, als wäre dies eine Sprache, die sich leichter sprechen ließ als Worte.

Das Spiel fing freundschaftlich an. KC täuschte nach links, nach rechts, warf von der Drei-Punkt-Linie und versenkte den Ball. Bei jeder ihrer Bewegungen schwang ihr Haar mit. Dann lächelte sie und warf Michael den Ball zu. Der schnappte sich ihn, bewegte sich nach links, nach rechts – und KC schoss blitzschnell dazwischen, nahm ihm den Ball ab, hechtete auf den Korb zu und versenkte den Ball.

Michael starrte sie an, als wäre sie eine weibliche Ausgabe von Michael Jordan. Er kam sich vor wie der arme Trottel, den man bei einem All-Star-Game von der Tribüne geholt hatte, um sein fehlendes Talent vor fünfzehntausend Fans zur Schau zu stellen.

Dann aber fand Michael zurück zu seiner Form. Er warf drei Körbe hintereinander, und so wurde das Spiel während der nächsten halben Stunde zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen. Jedes Mal, wenn Michael einen Ball versenkte, zog KC nach.

»Achtunddreißig zu achtunddreißig«, sagte sie schließlich.

»Der nächste Korb bringt die Entscheidung«, keuchte Michael.

KC nickte und dribbelte vor, aber Michael nahm ihr den Ball ab, drehte sich nach links, riskierte den Wurf und verfehlte den Korb. KC schnappte sich den Ball und hechtete auf den Korb zu, aber Michael nahm ihr erneut den Ball ab. Er tat so, als wollte er zur Drei-Punkt-Linie stürmen, warf den Ball aber aus dreizehn Metern Entfernung und versenkte ihn.

»Guter Wurf.« KC lächelte.

»Danke.« Michael stützte die Hände auf die Knie und versuchte, zu Atem zu kommen.

»Ich dachte schon, ich hätte dich.« KC schob sich ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht.

»Vielleicht beim nächsten Mal«, erwiderte Michael, hoffte allerdings, eine Revanche vermeiden zu können.

***

Das Abendessen fand im Valhalla statt, der Bar in Byram Hills, die Paul und Jeannie Busch gehörte. KC und Michael saßen in einer schummrigen Ecke wie zwei Teenager, die zum ersten Mal ein Rendezvous hatten. Obwohl sie beide hungrig waren, rührten sie ihre Steaks kaum an, denn sie unterhielten sich die ganze Zeit.

»Gibt es irgendeinen Sport, den du nicht treibst?«, fragte Michael, nahm einen Schluck Cola und stützte die Arme auf den Tisch.

»Es gibt jedenfalls keinen, den ich nicht ausprobieren würde«, antwortete KC. »Obwohl ich am liebsten Sportarten mache, bei denen es schnell und ein bisschen gefährlich zugeht.«

»Gefährlich?«

»Ja. Deshalb liebe ich die USA so sehr. Sie sind für Extremsportler wie ein Spielplatz. Du hast den Colorado River zum Wildwasser-Rafting, die Rocky Mountains zum Klettern, Kalifornien fürs Surfen, Lake Placid fürs Rodeln und Bobfahren und Wyoming für das Reiten und Drachenfliegen.«

»Ein Extremsport-Junkie.« Michael lachte. »Hast du schon mal Bungee-Jumping probiert?«

»Wenn ich an meinen ersten Sprung zurückdenke, kann ich immer noch den Schweiß auf meinen Handflächen spüren.«

Michael saß da und ließ sie auf sich wirken – ihre Worte, ihr Lächeln – und begriff plötzlich, warum Simon gewollt hatte, dass sie einander kennen lernten.

»Woher kennst du Simon?«, fragte er.

»Ich habe vor ein paar Jahren einen Artikel über den Vatikan geschrieben«, erwiderte KC.

»Du bist Journalistin?«

»War ich früher mal. Woher kennst du Simon?«

»Wir helfen einander von Zeit zu Zeit.« Michael hoffte, dass die Lüge nicht allzu offensichtlich war. »Er ist einer meiner engsten Freunde.«

»Für mich auch«, sagte KC. »Ich treffe mich sonst nie mit Unbekannten, aber er hat förmlich darauf bestanden. Es ist ein bisschen peinlich, wenn Freunde dir die Rendezvouspartner aussuchen. Es gibt dir das Gefühl, als wärst du selbst nicht in der Lage dazu.« Sie lächelte. »Was machst du beruflich?«

Michael überlegte einen Moment und sprach dann von der Gegenwart, ohne auf seine Vergangenheit anzuspielen. »Ich habe ein Sicherheitsunternehmen.« Rasch wechselte er wieder das Thema. »Und du? Schreibst du noch?«

»Nein, ich tauge nicht zur Autorin. Ich arbeite als Beraterin für die Europäische Union auf dem Gebiet des Kulturaustausches.«

»Hört sich aufregend an«, erwiderte Michael lachend.

»Jetzt verstehst du sicher, warum ich gerne mit einem Gummiband um die Fußknöchel von Brücken springe.« Sie grinste. »Aber mal im Ernst: In meinem Beruf komme ich viel herum und kann mir meine Arbeit selbst einteilen. Und was noch besser ist – die meisten Europäer haben im August Ferien, sodass ich meinen Hobbys nachgehen kann.«

»Den ganzen August? Wow. Als ich noch ein Junge war, hat mein Dad nie Ferien gemacht. Er war Buchhalter.«

»Meine Mutter hatte auch nie Urlaub«, erwiderte KC, und dabei schwang ein Hauch von Traurigkeit in ihrer Stimme.

»Hast du Geschwister?«, fragte Michael.

»Eine jüngere Schwester. Sie arbeitet in London für Goldman Sachs. Und du? Hast du auch Geschwister?«

»Ich bin Einzelkind. Hast du ein enges Verhältnis zu deiner Schwester?«

»Ja. Obwohl sie ständig jammert, weil sie ihre eigene Firma aufmachen will. Langsam wird es nervig.«

»Wenn sie mal Hilfe braucht …« Michael zückte seine Brieftasche, nahm eine Visitenkarte im Prägedruck heraus und reichte sie KC.

»Stephen Kelley«, las sie laut von der Karte ab.

»Er ist ein Finanzmensch, und wir stehen uns sehr nahe. Er könnte deiner Schwester vielleicht helfen. Sag ihr, sie soll Stephen sagen, dass sie mich kennt.«

»Vielen Dank.« KC lächelte. Sie griff über den Tisch und nahm Michaels Hand.

***

Während der nächsten Wochen trafen KC und Michael sich häufig. Sie spielten Golf und Tennis, aßen gemeinsam zu Abend und gingen zum Mittagessen ins Shun Lee Palace. Und ihre sportlichen Zweikämpfe waren zwar stets ernsthafter Natur, aber erfüllt von Lachen, Witzeleien und geistreichem Schlagabtausch.

Der jeweilige Sieger erwarb sich das Recht, das Restaurant auszusuchen. Die Zahl der Siege war gleichmäßig verteilt. Die Spiele waren stets ein Kopf-an-Kopf-Rennen, und der Verlierer kam am Ende immer mit der gleichen optimistischen Plattitüde: »Morgen ist ein neuer Tag.«

Ihre zunehmend engere Beziehung war mit nichts zu vergleichen, was Michael bisher erlebt hatte; es war, als wäre KC eine Freundin, die er schon ewig kannte. Sie konnten stundenlang miteinander reden, über alles und jeden. Manchmal saßen sie einfach nur da und erfreuten sich an der Gegenwart des anderen.

Michael verspürte ein Gefühl innerer Ruhe, wenn er in KCs Nähe war, und fand sie doch verlockend und sexy zugleich. KC wiederum besaß einen ausgeprägten Sinn für Humor, mit dem sie sich gern selbst auf die Schippe nahm.

Fast ein Monat war vergangen, seit sie einander zum ersten Mal begegnet waren. KC respektierte Michaels Gefühle und den Schmerz über den Verlust, den er erlitten hatte. Sie wusste, dass man manche Dinge nicht übereilen durfte; dass Intimität nur entstehen konnte zwischen Menschen, die mit sich im Reinen waren und keinerlei Schuldgefühle empfanden.

Michael hatte das Abendessen zubereitet. Die marinierten Steaks lagen bereits auf dem Grill. Auf dem gedeckten Tisch standen frische Blumen, und der Wein war entkorkt und dekantiert. Als KC zur Tür hereinkam, sah sie die kleine Schachtel, die auf ihrem Teller lag. Sie war von Tiffany’s, rechteckig und blassblau.

Sie lächelten einander an; dann öffnete KC die Schachtel und nahm eine Kette mit einem kleinen silbernen Amulett heraus. Behutsam drehte sie sie um und las die Gravur:

Morgen ist ein neuer Tag.

Sie hielt das Amulett in der Hand und spürte, wie ihr warm ums Herz wurde. Als sie aufblickte, konnte sie durch Michaels Augen in sein Inneres schauen: Er schenkte ihr viel mehr als nur dieses Schmuckstück.

Das Abendessen fand nie statt. Das Steak verbrannte.

Michael nahm KC in die Arme. Es war wie sein erster Kuss, wie sein erstes Mal. Es war lange her, doch verlor er sich in der Intimität ihrer Umarmung. Beide konzentrierten sich nur auf den anderen, vergaßen Zeit und Raum. Die Leidenschaft riss sie davon.

Als sie später nebeneinanderlagen, genossen sie die Stille und das Wissen, dass ihnen kein Leid geschehen konnte, solange sie einander in den Armen hielten.

Am nächsten Tag kam der Anruf: KC musste abreisen. Eine Geschäftsreise nach Paris stand an. In einer Woche würde sie zurück sein.

Der Abschied ging zügig vonstatten, als wären sie bereits geübt darin. Als Michael beobachtete, wie KC von seiner Auffahrt fuhr, lächelte er glücklich. Er hatte etwas gefunden, von dem er geglaubt hatte, es für immer verloren zu haben.

***

Jetzt, da er auf den Abendbrottisch starrte, auf die ungeöffnete Flasche Wein und die frischen Blumen, fragte er sich, wie er so dumm hatte sein können. Schon vor vier Tagen hatte KC zurück sein wollen. Sie hatte nicht angerufen, hatte sich nicht gemeldet. Er selbst hatte ihr zahlreiche Nachrichten hinterlassen, aber keine Antwort erhalten. Er fühlte sich wie ein Narr, der sein Herz geöffnet und seine Seele ausgebreitet hatte, weil er so naiv gewesen war zu glauben, noch einmal Liebe zu finden.

Michael tröstete sich mit dem Gedanken, dass er Mary gehabt hatte. Er verdrängte seine Gefühle und vertrieb Katherine Colleen Ryan aus seinem Gedächtnis.

Er räumte gerade die unbenutzten Teller vom Tisch, als es an der Haustür klopfte. Das Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken, und seine drei Hunde begannen wie verrückt zu bellen.

Michael ging durchs Wohnzimmer, bedeutete den Hunden, still zu sein, und öffnete die Haustür. Ein hochgewachsener, schlanker, durchtrainierter Mann stand auf der Vortreppe. Seine Augen waren wach und klar, das graumelierte Haar perfekt frisiert. Er trug eine blaue Sportjacke und eine hellbraune Hose mit scharfen Bügelfalten. Alles an dem Mann war exakt und präzise.

»Hi, Michael«, sagte Stephen Kelley.

»Hi, Dad«, erwiderte Michael erstaunt.

»Bist du allein?«, fragte sein Vater und lugte an ihm vorbei ins Haus.

»Könnte man sagen. Komm rein. Was ist los?«

»Es geht um Simon.«

1.

Der orkanartige Wind zerrte an Michaels Haar und seiner Kleidung und ließ die Haut auf seinen Wangen brennen. Sein Körper befand sich in perfekter Lage: Arme und Beine waren zur Seite ausgestreckt, um die Richtung des Falls beeinflussen zu können. Erst fünf Sekunden waren vergangen, seit er aus dem Flugzeug gesprungen war, und doch hatte er bereits eine Fallgeschwindigkeit von zweihundert Stundenkilometern erreicht.

Michael warf einen kurzen Blick auf den Höhenmesser an seinem Handgelenk und sah, wie die Zahlen immer weiter in Richtung der Viertausend-Fuß-Marke fielen, an der sich der Fallschirm öffnen musste. Obwohl er ein erfahrener Fallschirmspringer war, ging er kein Risiko ein und zog die Reißleine, kaum dass er den kritischen Punkt erreicht hatte. Der Fallschirm öffnete sich und riss ihn wieder ein Stück in die Höhe.

Jedes Mal, wenn Michael seinen Fallschirm öffnete, vergewisserte er sich, dass er jederzeit nach dem Hakenmesser an seinem Gürtel greifen konnte. Obwohl er den Schirm vor jedem Sprung selbst packte, befürchtete er stets, sich darin zu verfangen; dann hätte er den Hauptschirm wegschneiden müssen, um noch rechtzeitig den Reserveschirm öffnen zu können. Er wusste, dass beim Fallschirmspringen nur in den seltensten Fällen ein Anfänger zu Tode kam; viel häufiger ereilte dieses Los erfahrene Springer, die sich zu viel zutrauten.

Michael griff nach den Steuerleinen des Gleitschirms und schwebte auf den Rand des Plateaus zu. Das Zuchthaus stand auf einer Klippe, die eher einem Tafelberg in Wyoming ähnelte als einem Berg in der Wüste Akbikistans. Die Lichter des Gefängnisses waren im Umkreis von achtzig Kilometern die einzigen Anzeichen von Zivilisation. Chiron war ein imposantes Bauwerk, das aussah, als wucherte es aus der Erde heraus – oder aus der Hölle, was besser gepasst hätte. Es gab keinen Stacheldraht und keine Zäune; die Lage und die Höhe des Gefängnisses – tausend Meter über der lebensfeindlichen Wüste – waren viel wirksamer als jeder Drahtverhau.

Der Halbmond am wolkenlosen Nachthimmel tauchte die Welt in einen dunklen Blauton, ließ die Felsklippen weniger scharf erscheinen und färbte auch die Wüste, sodass sie fast so beruhigend wirkte wie das Meer.

Einen halben Kilometer vom Gefängnis entfernt landete Michael weich auf der Kante des Tafelberges. Er zog den Gleitschirm ein, rollte ihn zusammen, legte das Gurtzeug ab und stopfte es unter einen Baum. Dann löste er den Karabinerhaken, an dem vor seiner Brust die schwarze Tasche hing, kniete sich auf den Boden und öffnete sie.

Er nahm zwei 9mm-Pistolen heraus – geölt und im Holster – und legte sie sich um. Michael hasste Schusswaffen und hatte nie welche eingesetzt, bis Simon ihm beigebracht hatte, wie man sie benutzte, aber an seiner Abneigung hatte das nichts geändert. Doch weil er allein in das Gefängnis eindrang und es mit einer Gruppe bewaffneter Wachen zu tun bekommen würde, hatte er keine andere Wahl.

Er zog zwei kleine Rucksäcke hervor, sogenannte Hilfsschirme. Im Unterschied zu dem Gleitschirm, den er gerade benutzt hatte, waren sie mit einer Vorrichtung versehen, die der Springer beim Absprung aus niedrigen Höhen in der Hand hielt; ließ er sie los, öffnete sich der Schirm.

Dann packte er drei Stück C4-Plastiksprengstoff aus. Zwei versah er mit einem Zeitzünder; den dritten steckte er sich in die Hosentasche. Anschließend öffnete er eine der Seitentaschen und zog eine kleine elektrische Dose heraus, einen Frequenz-Scrambler, der nicht nur alle tragbaren Funkgeräte, sondern auch sämtliche Mobiltelefone unbrauchbar machen konnte.

Michael hatte Kunstgegenstände gestohlen, Diamanten und goldene Schatullen, aber so etwas wie diesmal hatte er noch nie getan: In dieser Nacht stahl er einen Freund aus einem berüchtigten Foltergefängnis.

Michael arbeitete sich um das gesamte Gefängnis herum. Es waren keine Wachen auf Streifengang, und es standen keine Posten auf den Gefängnismauern; nur in den Türmen im Norden und Osten waren zwei Wachmannschaften stationiert, aber die interessierten sich wahrscheinlich mehr für das Fußballspiel, das auf ihren kleinen Fernsehern lief.

Michael schaute über das öde Landstück, das sich vor dem Gefängnis über ungefähr hundert Meter erstreckte; dann glitt sein Blick über das felsige Terrain in Richtung des Klippenrands. Er vergewisserte sich, dass es dort keine Hindernisse gab. Der Schatten des Gefängnisbaues hinter ihm sorgte dafür, dass das Gelände im Schatten lag. Wenn sie ungefähr fünfzehn Sekunden rennen konnten, ohne von einer Kugel getroffen zu werden, hatten sie eine hauchdünne Chance.

Michael holte ein Stück C4 hervor und vergrub den Plastiksprengstoff an der Südseite des Gefängnisses. Die rote LED-Anzeige leuchtete kaum merklich durch den Staub.

Michael schlich hinter das Gefängnis und lief die etwa achthundert Meter zum Kraftwerk, wo das Dröhnen des Generators von den Mauern widerhallte. Stromleitungen und Elektrizität waren immer noch Fremdworte in diesem abgelegenen Teil des Landes. Aufgrund der geographischen Lage war man in Chiron gezwungen, eigenen Strom zu erzeugen, was mittels eines Generators geschah, der mit Benzin betrieben wurde. Der Strom wurde für die minimale Beleuchtung des Gefängnisses genutzt sowie für die Funkgeräte, Satellitentelefone und Suchlichter der Wachtürme, die nur eingeschaltet wurden, wenn jemand zu fliehen versuchte. In erster Linie sicherte die erzeugte Elektrizität allerdings den Komfort des Gefängnisdirektors.

Das Benzinlager enthielt zwei Zwanzigtausend-Liter-Tanks, die alle zwei Monate von einem Lastwagen nachgefüllt wurden, dessen Fahrer den dreifachen Lohn dafür erhielt, dass er den schmalen Gebirgspass hinauffuhr. Er wurde immer im Voraus bezahlt, denn das Geld sorgte dafür, dass der Mann die Konzentration nicht verlor, wenn er an den verkohlten Überresten vorüberkam, die die Tanklaster seiner Vorgänger gewesen waren und die jetzt im Tal verstreut lagen.

Vorsichtig befestigte Michael ein Stück C4 an dem ersten der beiden Treibstofftanks und überprüfte drei Mal die Fernzündung. Dann kroch er zum Generator und fand den Verteilerkasten für den Strom. Er brach das Schloss fast ebenso schnell auf, wie er es mit einem Schlüssel geöffnet hätte. Er fand die Hauptsicherung und legte den Hebel um, ohne zu zögern. Schlagartig erloschen im Gefängnis die Lichter. Michael schloss den Verteilerkasten, legte das Schloss wieder vor und versteckte sich in der Dunkelheit.

Es dauerte fünf Minuten, bis er die Taschenlampen der beiden Wachmänner sah, die bei jedem Schritt, den sie näher kamen, auf und nieder hüpften. Die Glut ihrer Zigaretten glimmte in der Nacht. Wegen des Lärms, den der Generator machte, konnte Michael die zwei Männer nicht hören, doch er sah, dass sie das Schloss vom Verteilerkasten entfernten, den Hebel der Hauptsicherung wieder umlegten und die Stromversorgung wiederherstellten.

Michael wartete, bis die Männer wieder im Gefängnisbau verschwunden waren; dann öffnete er den Verteilerkasten und schaltete erneut das Licht ab. Dieses Mal erschienen die beiden Wachmänner sehr viel schneller; in jedem ihrer raumgreifenden Schritte war die Wut abzulesen, dass man sie erneut gestört hatte.

Michael versteckte sich rasch auf der anderen Seite, genau gegenüber von der Gefängnistür, aus der die Männer gekommen waren, und wartete. Sie schalteten den Strom wieder ein. Michael beobachtete, wie sie zum Gefängnisbau zurückgingen. Der leitende Wachmann nahm einen Schlüsselring vom Gürtel und öffnete die Tür. Dann verschwanden beide im Innern. Die Tür fiel hinter ihnen krachend ins Schloss.

Michael schlich zurück zum Verteilerkasten, stellte den Strom ein drittes Mal ab und versteckte sich wieder in der Dunkelheit.

Dieses Mal dauerte es zehn Minuten, bis die Wachmänner kamen, und dieses Mal konnte man sie trotz des Dröhnens des Generators laut und deutlich fluchen hören. Vor Zorn fiel ihnen Michael gar nicht auf, obwohl er nur einen Meter von ihnen entfernt in der Dunkelheit stand.

Michael zog eine der Pistolen und drückte ab.

Beide Wachmänner waren tot, bevor sie auf dem Boden aufschlugen.

Michael steckte die Pistole rasch zurück in seinen Holster, bückte sich und nahm den beiden Wachmännern ihre Waffen, Schlüssel und Funkgeräte ab. Dann nahm er sich die Jacke des leitenden Wachmanns, zog sie an, setzte den Hut des Mannes auf und machte sich auf den Weg zum Gefängnis.

***

Michael schob den Schlüssel in die Seitentür, die in den Gefängnisbau führte. Ein eisiger Schauer durchlief ihn; er hasste Gefängnisse mehr als alles auf der Welt. Für ihn waren sie Orte, an denen man bereits mit einem Fuß in der Hölle stand. Er hatte drei Jahre in Sing Sing verbracht, und diese Zeit bereitete ihm immer noch Albträume.

Doch er schüttelte diese Gedanken ab, konzentrierte sich, öffnete die Tür und betrat einen rechteckigen, verliesartigen Raum. Ein stechender Geruch hing in der Luft. Es gab nur zwei Möbelstücke: einen Tisch und einen Stuhl, die einander direkt gegenüberstanden. Der Fußboden war zur Mitte hin leicht abschüssig. Dort befand sich ein Abfluss, von dunklen Flecken umgeben, die nach außen auf die Möbelstücke zuliefen. Michael sah sich beides genauer an. Die Möbel waren klobig, aus dickem, schwerem Holz und mit dunklen Rückständen verklebt, die einen scheußlichen Geruch verströmten. Michael taumelte zwei Schritte zurück, als ihm klar wurde, was er vor sich hatte: Der schwere Tisch verdankte seine Kerben den zahllosen Enthauptungen, und beim elektrischen Stuhl waren die Brandspuren an den Armlehnen und der Rückenlehne zu sehen.

Michael machte, dass er aus dem grauenvollen Raum herauskam. Er gelangte auf einen Gang und hielt erst einmal inne, um sein Entsetzen niederzukämpfen.

Aus den Informationen, die er auf die Schnelle hatte sammeln können, war hervorgegangen, dass Chiron unter Geldmangel litt, was sich schon daran zeigte, dass hier keine Wachen patrouillierten. Michael wusste, dass das Gefängnis auf planlose, beinahe chaotische Art und Weise geführt wurde und dass das Pflichtgefühl der Wachmänner von Bitterkeit und Zorn geschmälert wurde, da sie kaum besser behandelt wurden als die Gefangenen. Der Gedanke, dass jemand versuchte, hier auszubrechen, wurde mit schallendem Gelächter quittiert; deshalb wusste Michael, dass man mit einen Einbruch am allerwenigsten rechnete. Aus welchem Grund sollte sich jemand, der bei gesundem Verstand war, in diese Hölle auf Erden begeben?

Fast lautlos eilte Michael den Gang hinunter, lauschte auf Geräusche und hielt nach Bewegungen Ausschau. Vor Anspannung schlug ihm das Herz bis zum Hals. Normalerweise machte es ihm Spaß, Sicherheitssysteme zu überlisten, doch hier empfand er nichts als Furcht, denn er hatte keine Ahnung, in welchem Zustand sein Freund Simon war. Wenn er verletzt war, würde Michael ihn hinaustragen müssen.

Er bahnte sich seinen Weg durch den Gang und blickte durch die schmalen, schlitzförmigen Fenster, die jeweils in die Mitte der massiven Holztüren eingelassen waren. Die Zellen dahinter waren klein und dunkel. Beißend hing der Gestank menschlicher Exkremente in der Luft.

Michael huschte den Gang hinunter. Es gab zehn dieser Türen, doch die ersten sechs Zellen waren leer. Er erreichte die siebte Zelle und lugte durch die schmale, mit Gitterstäben gesicherte Öffnung. Eine Gestalt kauerte auf dem Boden, mit dem Rücken zur Wand. Michael konnte nur mit Mühe die Umrisse erkennen.

»Simon?«, flüsterte er.

Der Kopf der Gestalt ruckte hoch. Kein Wort fiel, als sie sich erhob und zur Tür kam.

Erst jetzt erkannte Michael, dass es nicht Simon war. Diese Person hier war kleiner, die Schultern schmaler. Michael hob seine Taschenlampe, knipste sie ein und leuchtete in die Zelle. Da das schmutzige Haar nicht das ganze Gesicht bedeckte, konnte Michael die Augen sehen, die ihn mit voller Furcht, Zorn und Scham anblickten. Die smaragdgrüne Farbe dieser Augen wirkte stumpf.

Michaels Herz setzte aus. Für einen Moment war er fassungslos über den unerwarteten Anblick der Frau, die hier im Todestrakt saß.

Es war die Frau, die er erst vor zwei Wochen in seinen Armen gehalten hatte.

Michael blickte bestürzt in KCs Augen.

***

Dreiundsechzig Stunden zuvor hatte KC in die dunkle Vertiefung eines sechzig mal sechzig Zentimeter großen Wandsafes geblickt. Sie stand mitten in einem Büro in Amsterdam, das sich im obersten Stock eines Wolkenkratzers befand. Die mitternächtliche Welt um sie her war stockdunkel. Der Raum war aufwendig eingerichtet mit Tischen und Stühlen von Hancock & Moore, antiken Perserteppichen, kostbaren Kunstwerken und teuren elektronischen Geräten. Um den Kopf trug KC ein schmales Stirnband; die in der Mitte des Bandes befestigte Leuchte erhellte den offenen Wandsafe vor ihr. Mit der Hand umfasste sie einen vergilbten Brief, der in einer durchsichtigen Plastikhülle steckte. Der Brief war uralt; die Tinte der mit der Hand geschriebenen schwarzen Buchstaben war verlaufen. Da der Brief in Türkisch geschrieben war, konnte KC ihn nicht entziffern; sie erkannte nur die ineinander verschlungenen Symbole von Christentum, Judentum und Islam, die im rechten oberen Eck zu sehen waren.

Sie reichte Simon den Brief, der ihn rasch durch einen tragbaren Scanner laufen ließ, der an sein Mobiltelefon angeschlossen war; auf diese Weise schickte er Fotos des Briefes direkt an sein Büro in Italien.

Behutsam schloss KC die Tür des Safes und achtete darauf, dass sie nicht über das Alarmsystem stolperte, dem sie fünfzehn Minuten zuvor so gekonnt ausgewichen war. Sie hängte das Bild wieder über die Safetür und stellte den Schnickschnack und die Kuriositäten, die das Regal darunter zierten, wieder richtig hin.

Sie hatte sich bereits zum Gehen gewandt, als sie plötzlich das Gemälde erblickte, das an der Wand neben dem Schreibtisch hing. Es hieß »Das Leiden« und war von Goetia, ein Meisterwerk aus dem Jahre 1762, das entstanden war, als der Künstler den Höhepunkt seiner Karriere erreicht hatte. KC kannte es gut, wahrscheinlich besser als irgendein anderes Gemälde auf der Welt. Sie hatte recherchiert, wem es in der Vergangenheit gehört hatte, kannte den Lebenslauf des Künstlers, wusste, welche Art von Farbe er benutzt und auf welche Leinwand er gemalt hatte. KC war Expertin in Sachen Goetia geworden, denn »Das Leiden« war das erste Stück gewesen, das sie gestohlen und auf dem Schwarzmarkt verkauft hatte.

KCs Gedanken überschlugen sich. Sie starrte Simon an.

»Was ist?«, fragte Simon, als er ihre sorgenvolle Miene sah.

»Ich habe das Gemälde vor zehn Jahren gestohlen«, erwiderte KC und ließ dabei den Blick durch den Raum schweifen. »Wir müssen hier weg, sofort.«

Simon förderte einen bereits adressierten und frankierten Briefumschlag zutage und eilte aus dem Büro. Er steckte den mit Plastik verhüllten Brief in den Umschlag, rannte in die Lobby und warf den Umschlag in den Hauptbriefkasten.

KC eilte zu ihm. »Meinst du, das war eine Falle?«

Simon blickte sie an. »Nein. Ich …«

Bevor er weitersprechen konnte, öffneten sich die Türen des Fahrstuhls. Im Innern war das Licht abgeschaltet. Drei Wachleute stürzten heraus, während zwei Männer in der Dunkelheit der Kabine verharrten und schweigend beobachteten, wie Simon und KC sich ergaben. Obwohl KC die Gesichter der Männer nicht sehen konnte, wusste sie genau, wer der Kleinere der beiden war. Es lag nicht nur an seiner Silhouette, es hatte vor allem mit einer plötzlichen Veränderung der Atmosphäre zu tun, einem Gefühl von Angst und Schrecken, das sie nicht mehr empfunden hatte, seit sie ein Teenager gewesen war.

***

Barabas Azem Augural, seines Zeichens Direktor von Chiron, saß in seiner Wohnung im obersten Stock des Gefängnisbaues. Es war ein hundertzehn Quadratmeter großes Reich, dessen luxuriöse Einrichtung einen beinahe aberwitzigen Kontrast zum tristen Gefängnis bildete.

Die Wände waren mit Holz verkleidet und mit Kunstwerken und antiken Spiegeln behängt. Die Einrichtung war elegant und gediegen zugleich: Sofas aus Wildleder, mit Seide bezogene Ohrensessel, Schränke und Truhen aus Edelholz. Aus den großen Fenstern hatte man einen Blick über die Wüste, deren Sand im Mondlicht schimmerte und deren Felsgestein sich bis zum Horizont erstreckte.

Es war angenehm kühl in den Räumlichkeiten, doch der Generator war defekt, und allmählich kroch Feuchtigkeit in die Zimmer. Barabas fluchte. Es würde Wochen dauern, bis der Generator repariert war.

Zehn Minuten waren vergangen, seit Jamer und Hank zum dritten Mal an diesem Abend losmarschiert waren, um den Strom wieder einzuschalten. Barabas wusste, dass er sich persönlich darum hätte kümmern sollen. Es gab in diesem Gefängnis niemanden, der auch nur über einen Funken Intelligenz verfügte, abgesehen von ihm selbst natürlich.

Er hatte in der akbikischen Armee Karriere gemacht und den Rang eines Colonels erreicht – durch Ehrgeiz, Bestechung und die Beseitigung eines Generals, der Barabas’ Neigung zur Unmenschlichkeit kritisiert hatte. Bald darauf hatte Barabas sich in den Ruhestand versetzen lassen und bezog jetzt eine üppige Rente. Daneben besaß er ein dickes Bankkonto, das er seinem ausgeprägten Geschäftssinn und seiner Fähigkeit verdankte, die Menschen und das Land, die er zu schützen gelobt hatte, zu erpressen und unter Druck zu setzen. Die Stelle als Gefängnisdirektor hatte er nur deshalb angenommen, weil Chiron für ihn die perfekte Oase war, von der aus er seine Geschäfte tätigen konnte, zu denen auch das Verschwindenlassen von Menschen gehörte, von denen manche hierher nach Chiron kamen, ohne verurteilt worden zu sein. Barabas ließ sie zunächst in den Eingeweiden des Gefängnissen und schließlich in namenlosen Gräbern verschwinden.

Nun leuchtete er mit der Taschenlampe durch sein Apartment, entdeckte sein Funkgerät und drückte den Daumen auf die Sprechtaste. »Jamer!«, brüllte er. »Wenn der Strom nicht innerhalb von dreißig Sekunden wieder da ist, lass ich dich einen Kopf kürzer machen!«

Er wartete auf Antwort, doch sie blieb aus. Barabas kochte vor Wut. Jeder, der nicht blind gehorchte oder ihm in die Quere kam, zahlte einen hohen Preis. Und Jamer würde den höchsten Preis überhaupt zahlen. Barabas’ Männer wussten, dass er keine Hemmungen kannte, einem Untergebenen eine Kugel durch den Kopf zu jagen und seine Leiche von der Klippe ins Tal zu werfen. Sie wussten, dass er in Kriegszeiten Unschuldige wegen einer Flasche Wodka abgeschlachtet hatte.

Barabas ging zum Kleiderschrank und streifte sich seine Uniform über, wobei er die beiden Wachmänner die ganze Zeit verfluchte. Er schnappte sich seine Pistole, sein Funkgerät und eine Taschenlampe. Dann stürmte er zur Tür hinaus.

***

Das Wachpersonal erging sich in tatenloser Trägheit. Dass dreimal hintereinander der Strom ausgefallen war, hatte bei den Männern die Befürchtung aufkommen lassen, dass das Wetter schließlich seinen Tribut gefordert und dem hoffnungslos überlasteten Generator den Garaus gemacht hatte.

Den meisten war die Dunkelheit im Grunde sogar recht – auf diese Weise merkte wenigstens niemand, dass sie in der Gluthitze von über vierzig Grad einnickten.

Als sie Barabas’ Wut über den Äther ihrer Funkgeräte kommen hörten, grinsten sie vor sich hin. Obwohl keiner seine Meinung kundgetan hätte aus Angst vor Repressalien, jubelten sie innerlich, denn vielleicht musste der Direktor ja endlich mal selbst die Wüstenhitze ertragen, unter der sie ständig zu leiden hatten.

Die Gefangenen schliefen und bekamen nichts mit, da ihre Zellen weder über Licht noch über Strom verfügten; Sonne und Mond waren die einzigen Lichtquellen, die es seit anderthalb Jahrhunderten in den Gefangenenblöcken gab.

Den Häftlingen und dem Wachpersonal machte der Stromausfall deshalb nichts aus, nicht einmal dann, wenn er tagelang anhielt. Sie brauchten den Strom schließlich nicht. Und es war ja nicht so, als hätten sie wichtige Termine.

***

Michael steckte den Schlüssel, den er dem Wachmann abgenommen hatte, ins Schloss. Dabei richtete er den Blick auf KCs Augen. Ihr Gesicht war starr wie eine Maske. Sie trug einen schwarzen zerrissenen Overall, der nicht die Standardkleidung des Gefängnisses war, dazu passte er zu perfekt. Ihr Gesicht und ihre Hände waren mit Schmutz und Unrat verschmiert. Michael konnte vor Verwirrung keinen klaren Gedanken fassen, als er auf die Frau blickte, die ihn vor zehn Tagen verlassen und seither kein Lebenszeichen von sich gegeben hatte.

Doch die Verwirrung wandelte sich rasch in Wut. KC war zu klug und zu geschickt, als dass sie aus Versehen hier sein konnte. Michael begriff, dass der eine Monat, den sie miteinander verbracht hatten, nichts als Lüge gewesen war. Sie hatte ihn getäuscht.

Plötzlich erklang aus dem Funkgerät des Wachmanns, das an Michaels Gürtel hing, das Kreischen atmosphärischer Störungen, dem Worte in einer unverständlichen Sprache folgten.

KC blickte Michael an und brach endlich ihr Schweigen. »Über Funk wird gerade durchgegeben, dass jemand eingebrochen ist«, erklärte sie. »Niemand dürfe lebend hier rauskommen. Es soll ohne Warnung geschossen werden.«

Michael hörte, wie in dem bislang totenstillen Gefängnis in den Etagen über ihnen Chaos ausbrach. Rasch verdrängte er seine Gefühle – wie auch die verwirrte Frage, woher KCs Fremdsprachenkenntnisse stammten –, und erkundigte sich mit leiser Stimme: »Wo ist Simon?«

»Michael?«, rief in diesem Moment jemand aus der angrenzenden Zelle.

Michael schloss die Tür zu seiner Linken auf – und riss sie im nächsten Moment beinahe aus den Angeln. Simon stand da, in seiner ganzen Länge von eins fünfundachtzig, bekleidet mit dunklem Hemd und dunkler Hose, beides schmutzig und zerrissen. Er sah wie ein Soldat aus, nicht wie ein Priester. Sein zerfurchtes Gesicht war mit Blutergüssen und Schürfwunden übersät, sein tiefschwarzes Haar verfilzt, wodurch die grauen Strähnen noch deutlicher auffielen als sonst. Auf seinen schwieligen Fingerknöcheln waren Striemen, die erkennen ließen, dass er seine Hände nicht nur zum Beten benutzt hatte.

Simon sagte kein Wort, blickte Michael nur an. Michael warf ihm eine der Pistolen zu, die er den Wachmännern abgenommen hatte. Simon zog den Schlitten zurück, warf das Magazin aus, überprüfte die Waffe und machte sie schussbereit.

»Verschwinden wir!«

Als die drei den Gang hinuntereilten, wurde Michael klar, dass sein Einbruch ins Gefängnis soeben außer Kontrolle geraten war. Wenn er nicht schleunigst einen Ausweg fand, würde keiner von ihnen überleben.

***

Michael, Simon und KC schlüpften durch die Hintertür in die Nacht hinaus. Wieder drang die quäkende Stimme aus dem Funkgerät des Wachmanns. Michael öffnete seine schwarze Tasche, zog den Frequenz-Scrambler heraus, dessen Rückenteil mit einem Magnet versehen war, und befestigte ihn an einem Rohr neben der Tür. Dann legte er den Schalter um und beobachtete, wie die kleinen roten Lichter zu glühen und zu flackern begannen. Er horchte auf das Funkgerät des Wachmanns; es gab nur noch kreischende Geräusche von sich. Der kleine schwarze Kasten hatte sämtliche Funkverbindungen blockiert.

Michael griff erneut in seine Tasche, zog die beiden Objektsprung-Hilfsschirme heraus und reichte KC einen davon.

»Weißt du, wie man so ein Ding benutzt?«, fragte er.

»Was meinst du wohl?«, erwiderte KC.

»Ja oder nein?«

»Ja!«

»Dann streif ihn dir über.«

»Und wohin gehen wir?«, fragte KC, als sie sich den Schirm auf den Rücken schnallte.

Michael wies zum Rand des Felsplateaus, das etwa hundert Meter entfernt war und am anderen Ende des offenen Geländes vor dem Gefängnis lag.

Michael warf Simon den zweiten Fallschirm zu. »Du weißt, wie man …«

Simon hob die Hand und legte sich rasch die Gurte an.

In diesem Moment fiel KC und Simon auf, dass Michaels schwarze Tasche – seine Zaubertasche – leer war.

»Und was ist mit dir?«, fragte KC und stopfte ihr langes blondes Haar in den Overall.

»Macht euch um mich keine Sorgen. Wir treffen uns da unten.«

»Kommt gar nicht infrage.« Simon funkelte Michael zornig an. »Nimm meinen Schirm. Ich finde einen anderen Weg.«

»Ich habe doch gesagt, ihr sollt euch um mich keine Sorgen machen. Ich schaff es schon da runter.« Michael wies auf das Geländestück, das sie überqueren mussten. »Auf mein Zeichen rennt ihr beide los und springt so weit von der Klippe weg, wie ihr könnt. Zählt bis drei, dann öffnet den Schirm und steuert ihn in die Wüste.«

»Wir können doch nicht achtzig Kilometer durch die Wüste rennen«, sagte KC.

Michael schaute sie grinsend an. »Ich dachte, du stehst auf Extremsport.«

Simon und KC blickten auf das freie Stück Land, das sich vor ihnen auftat, zogen die kleinen Hilfsschirme aus den Rucksäcken und hielten sie fest umschlungen.

Michael streckte den Arm aus, um ihnen zu bedeuten, dass sie noch warten sollten. Kurz blickte er auf die Armbanduhr, sah, wie die Sekunden dahintickten, und zog die Fernbedienung aus der Hosentasche, deren hohe Frequenz über denen der blockierten Funkverbindung lagen. Dann drückte er auf den Knopf.

Die Explosion auf der anderen Seite des Gefängnisses ließ die Dunkelheit erzittern.

Simon und KC sprinteten in Richtung Klippe, während Michael in die entgegengesetzte Richtung davonrannte.

***

Barabas starrte auf die leeren Zellen der beiden Europäer. Er hatte gleich gewusst, dass er auf das Ritual der morgendlichen Hinrichtung hätte verzichten sollen. Hätte er dem Mann und der Frau doch sofort bei ihrer Ankunft einen Kopfschuss verpasst!

Barabas versuchte, eine Funkverbindung herzustellen, hörte aber nur atmosphärische Störungen. Er fluchte wild. Jetzt hatten sie kein Licht und keinen Strom mehr, und die tragbaren Funkgeräte streikten ebenfalls. Wenigstens hatte er noch seine altmodische, aber solide Waffe. Das war keine empfindliche Elektronik, sondern zuverlässige Mechanik. Barabas zog den Schlitten zurück, lud durch und durchquerte den Hinrichtungsraum.

Plötzlich erschütterte eine Explosion das Gebäude. Barabas erschrak. Voller Wut und Entsetzen stürmte er am elektrischen Stuhl und dem Hackbrett vorüber zur Tür.

Man hatte Barabas fünfzigtausend Dollar gezahlt, damit er dafür sorgte, dass der Mann und die Frau zu Tode kamen. Er hatte die beiden von jemandem übernommen, der als ihr Ankläger und Richter fungiert hatte – von einem Mann, der ihm dreißigtausend Dollar mehr bezahlt hatte, als Barabas normalerweise für solche Aufträge kassierte, weil er ganz sicher sein wollte, dass Barabas schnell und diskret vorging. Barabas stand in dem Ruf, effizient und skrupellos zu sein. Er hatte sich noch nie vor jemandem gefürchtet und hatte noch bei keiner seiner Unternehmungen versagt. Doch der Ankläger und Richter hatte in Barabas ein Gefühl entfacht, das er nicht kannte: Angst. Wenn er nicht dafür sorgte, dass die beiden geflohenen Sträflinge starben, hatte er keinen Zweifel, dass der Ankläger und Richter zurückkommen würde, um ihn, Barabas, zu töten.

Barabas stürmte aus der Hintertür und blickte sich um. Er sah den kleinen schwarzen Kasten mit den blinkenden Lichtern, der neben der Tür befestigt war, riss ihn von der Wand, warf ihn auf den Boden und zertrampelte ihn mit dem Stiefel. Dann legte er an seinem Funkgerät den Schalter um und lächelte vor sich hin, als das Gerät zu neuem Leben erwachte.

»Es sind Gefangene ausgebrochen. An alle Wachen: gezielt schießen!«

Er schaute auf seinen Jeep, der auf dem Hof stand, ein 72er Modell, das noch über keinerlei nennenswerte Elektronik verfügte. Er schwang sich in den Sitz. Als der Wagen auf Anhieb startete, stieß er einen erleichterten Seufzer aus. Er schaltete die Scheinwerfer ein, trat das Gaspedal durch und schoss vom Parkplatz in Richtung der Vorderseite des Gebäudes.

***

KC und Simon rannten über das offene Gelände vor dem Gefängnis. Simon war schnell, aber KC zog glatt an ihm vorbei. Sie rannte federleicht, mit perfektem Laufstil und ebensolcher Armhaltung, wie ein Schatten in der Nacht. Sie waren umhüllt von Dunkelheit, konnten aber die bläulichen Konturen der Klippe erkennen, die sich vor ihnen auftat. Ganz fest hielten sie ihre kleinen Hilfsschirme in den Händen. Simon schaute sich nicht nach den Türmen und Mauern des Gefängnisses um; er wusste aber so, dass die Kugeln jede Sekunde fliegen würden. Und obwohl die Wachen ihre rennenden Zielscheiben vermutlich nicht sehen konnten, würden sie mit ihren Schnellfeuerwaffen sehr wahrscheinlich ihre Ziele treffen. Simon hatte bereits in der Vergangenheit unter Beschuss gestanden, wusste aber nicht, ob KC je erlebt hatte, wie groß die Furcht war, die man empfand, wenn man einem Kugelhagel ausgesetzt war. Sie war eine hervorragende Diebin, genauso gut wie Michael. Dass man sie beide geschnappt hatte, war nicht KCs Schuld gewesen. Sie waren Opfer von Umständen geworden, die keiner von ihnen hatte voraussehen können.

Obwohl die Schießerei jeden Moment losbrechen konnte, war ihre jetzige Situation immer noch besser, als in dem grauenhaften Gefängnis zu sitzen, das sich düster und dräuend hinter ihnen erhob. Jetzt hatten sie zumindest eine Chance – eine Chance, die sie Michael verdankten. Simon konnte nur hoffen, dass Michael sich nicht opferte, damit sie überlebten.

Aber jetzt galt es erst einmal, von diesem verdammten Felsen herunterzukommen.

***

Im Gefängnis herrschte das Chaos. Die Wachen brüllten zornig, während sie durch die dunklen Korridore stolperten. Einer rief den anderen. Irgendwann stimmten auch die Gefangenen mit ein, weil sie mit einem Mal begriffen, dass einer ihrer Leidensgefährten das sinkende Schiff verlassen hatte. Sie begannen zu kreischen und zu jubeln und schlugen mit allem, was ihnen in die Finger kam, gegen die Wände ihrer Zellen. Es war ein Lärm, als hätten sich die Pforten der Hölle geöffnet.

Die Wachen wussten nicht, was sie tun sollten. Sie rannten zu den Gefängnismauern und spähten in die Nacht, konnten aber nichts sehen. Dennoch hoben sie ihre Gewehre.

***

Simon und KC hörten, wie sich hinter den Gefängnismauern ein Höllenlärm erhob. Simon riskierte einen Blick über die Schulter und sah die Konturen der Wachen, die mit erhobenen Waffen über die Mauern huschten. Er machte sich auf die unvermeidliche Schusssalve gefasst, drehte den Kopf wieder nach vorn und rannte noch schneller.

Und dann fielen die ersten Schüsse. Kugeln schlugen um sie her in den felsigen Boden und sirrten als Querschläger durch die Luft. Simon konnte das Zischen der Projektile hören, die an ihm vorübersurrten. Die Schussdetonationen der Gewehre klangen wie Donner und hallten von den Bergen wider.

Zehn Meter voraus erblickte Simon den Klippenrand. Er drehte sich zu KC und sah, wie sie sich konzentrierte. Seite an Seite erreichten sie den Felsen. Ohne zu zögern oder auch nur eine Spur langsamer zu werden, stießen sie sich vom Klippenrand ab und sprangen vom Plateau, segelten hinein in die Nacht.

***

Als Michael zu dem Waldstück rannte, hörte er das Getöse, das aus dem Innern des Gefängnisses drang, in dem offenbar ein Aufstand der Häftlinge drohte. Er wusste nicht, welche Verbrechen diese Leute begangen hatten und was für Menschen sie waren, aber eine Haftstrafe in Chiron war der sichere Tod. Dies hier war kein Ort, an dem Menschen eine gerechte Strafe verbüßten, sondern eine Hölle auf Erden, in der Schuld oder Unschuld keine Rolle spielten.

Im Schutz der Dunkelheit rannte Michael die vierhundert Meter bis zu der Stelle, an der er seinen Fallschirm versteckt hatte. Er hoffte, dass seine Kraft reichte, denn er musste es zuerst bis dorthin schaffen und dann den ganzen Weg zurück zur Klippe bewältigen. Michael verfluchte sich selbst, verfluchte alles um sich herum. Er war immer vorsichtig gewesen, hatte sich aber entschieden, keinen zusätzlichen, überflüssigen Hilfsschirm mitzunehmen. Wie hätte er auch damit rechnen können, zwei Menschen zum Ausbruch verhelfen zu müssen? Erst recht hatte er nicht ahnen können, dass es sich bei der zweiten Person um KC handeln würde. Michael hatte Mühe, die Konzentration zu wahren, weil der Strudel von Emotionen seine Denkfähigkeit einschränkte. Seine Gefühle schwankten zwischen Liebe und Hass, Furcht und Wut, Zuversicht und Niedergeschlagenheit. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, warum KC und Simon hier waren oder was sie getan hatten. Er wusste nur, dass er Antworten wollte, wenn es ihnen gelang, hier herauszukommen.

Michael erreichte das Waldstück. Es dauerte nicht lange, und er fand den Fallschirm. Er zog sein Messer und schnitt den Hauptfallschirm vom Haltegurt, legte sich das Gurtzeug wieder um und betete, dass der Reservefallschirm korrekt gepackt war.

Ohne einen Moment weiter nachzudenken rannte er zurück, auf das Gefängnis zu.

***

Barabas’ Jeep bog um die Kurve. Die Scheinwerfer erfassten einen Mann im vollen Sprint. Es war keiner der beiden Gefangenen, weder der Mann noch die Frau. Barabas wusste nicht, um wen es sich handelte, aber es lag auf der Hand, dass der Unbekannte für den Ausbruch verantwortlich war. Der Gefängnisdirektor steuerte seinen Jeep geradewegs auf den rennenden Mann zu. Dann lehnte er sich aus der türlosen Seite des Fahrzeugs, zielte mit seiner Waffe und gab Gas.

Die Scheinwerfer erregten die Aufmerksamkeit der Wachen. Sie schauten von den Mauern herunter und sahen, wie der Jeep sich rasch dem rennenden Mann näherte. Sofort hoben alle ihre Gewehre und begannen zu feuern. Schüsse peitschten durchs Tal. Die Wachmänner ergötzten sich daran, Jagd auf den Flüchtenden zu machen. Was nur ein stumpfsinniger, langweiliger Abend gewesen war, wurde plötzlich zu etwas Aufregendem. Die Männer johlten jedes Mal, wenn sie den Abzug betätigten.

Auch Barabas zielte nun auf die Gestalt, die fünfzig Meter vor seinem Wagen her rannte. Obwohl er mit der anderen Hand den Jeep lenkte, brachte er seine Schusshand in die richtige Position und drückte ab.

Furcht erfasste Michael. Er hatte nicht damit gerechnet, im Fadenkreuz sämtlicher Wachmänner zu enden. Die fünfzehn Mann starke Truppe feuerte aus allen Rohren auf ihn. Die Kugeln prasselten hinter ihm auf den Boden, während er auf die Klippe zuhielt. Der Klippenrand tat sich vor ihm auf; dahinter war völlige Dunkelheit. Michael rannte schneller als je zuvor in seinem Leben, denn er wusste, dass alle Mühe vergeblich gewesen war, wenn er es nicht schaffte.

Aber die Kugeln kamen immer näher. Manche schlugen nur Zentimeter neben ihm ein. Es würde nur noch Sekunden dauern, bis einer der Schützen Glück hatte.

Ohne sein Tempo zu verringern, griff Michael in die Hosentasche und zog die kleine Fernsteuerung heraus. Mit dem Daumen öffnete er die Abdeckung und drückte den roten Knopf.

Hinter dem Gefängnis schoss ein gewaltiger Feuerball in den Himmel und erleuchtete die Welt um ihn her. Der Treibstofftank in Verbindung mit dem Plastiksprengstoff schuf einen Regen der Zerstörung, der über dem Kraftwerk niederging. Selbst aus der Ferne konnte Michael die Hitze der Explosion spüren.

Der Kugelhagel endete, als die Wachmänner in Deckung flohen.

***

Noch dreißig Meter. Barabas ließ sich nicht beirren. Er schaute nicht eine Sekunde in Richtung des Feuerballs, war völlig auf Michael fixiert und ließ sich von nichts ablenken. Dabei feuerte er, bis das Magazin seiner Waffe leer war. Er hatte keine Zeit, sie neu zu laden; stattdessen trat er das Gaspedal noch mehr durch. Nur noch Sekunden, und er würde den Mann überrollen, der sein Gefängnis zerstört, seine Gefangenen befreit und sein Leben ruiniert hatte.

Michael hörte hinter sich das Dröhnen des Motors, das immer lauter wurde, als der Wagen mit unverminderter Geschwindigkeit näher kam. Er konnte das Mahlen der Reifen und das Prasseln der Steinchen hören, die unter die Bodenwanne des Jeeps schlugen. Die Scheinwerferlichter wurden heller und erleuchteten den Klippenrand, der nur noch einen Meter entfernt war …

Michael sprang in die Nacht. Ein heftiger Wind erfasste seinen Körper. Ohne einen Hilfsschirm konnte er nur beten, dass der Reserveschirm ordnungsgemäß gepackt war und sich schnell genug öffnete. Er hielt die Reißleine fest umschlungen, als er im freien Fall in die Finsternis stürzte.

***

Barabas sah den Abgrund zu spät. Seine Aufmerksamkeit hatte ausschließlich dem fliehenden Mann gegolten. Nun trat er verzweifelt auf das Bremspedal. Der Jeep schlitterte nach links und rechts, als hätte er es darauf abgesehen, über die Felsenkante zu rutschen. Barabas riss das Steuer hart nach links und hoffte, das Unvermeidliche noch abwenden zu können, doch es war zu spät.

Der Jeep rutschte seitwärts weg und stürzte über den Klippenrand ins Vergessen.

***

Michael hörte das schabende Geräusch, als der Jeep über den Rand der Klippe schoss. Er spähte in die Höhe und sah die Scheinwerfer durch die Luft taumeln, als der Wagen sich immer wieder überschlug. Michael wartete damit, die Reißleine zu ziehen, weil er Angst hatte, unter das zwei Tonnen schwere Fahrzeug zu geraten, das genau in seine Richtung stürzte.

Michael drehte seinen Körper und dehnte ihn, um größtmöglichen Luftwiderstand zu schaffen und seine Fallgeschwindigkeit zu reduzieren. Es konnte nur noch Sekunden dauern, bis er entweder vom fallenden Jeep getötet wurde oder auf dem Boden aufschlug.

Wie in Zeitlupe segelte der Jeep neben ihm her. Für den Bruchteil einer Sekunde sah Michael den Fahrer, sah das Entsetzen auf dem Gesicht des Mannes, der verzweifelt das Lenkrad umklammerte, als könne ihn dies vor dem sicheren Tod bewahren.

Dann zog Michael die Reißleine.

Der Fallschirm schoss aus dem Container und wurde vom Wind nach oben in die Nacht gerissen. Der Schirm öffnete sich und bremste mit einem brutalen Ruck Michaels Fall. Michael sah, wie die Lichter des Jeeps weiter nach unten stürzten und zu winzigen Nadelspitzen wurden. Dann erglühte eine feurige Explosion am Fuß der Klippe. Die orangeroten Flammen loderten hoch auf, als versuchten sie, nach ihm zu greifen. Erst Sekunden später hallte ein dumpfes Dröhnen zu Michael hinauf.

Er drehte seinen Körper und steuerte den Fallschirm durch die Fahnen des aufsteigenden Rauchs nach Norden in die Wüste. Langsam kam er wieder zu Atem. Kurz darauf flackerten unter ihm Scheinwerfer und erhellten einen Teil der Wüstenlandschaft. Ehe er weich im Sand landete, sah Michael, dass KC und Simon an einem Land Rover lehnten. Ein hünenhafter Mann, dessen blondes Haar von der nächtlichen Sommerbrise zerzaust war, lief Michael entgegen.

»Du kommst zu spät, wie immer«, sagte Paul Busch, ehe er seine gewaltigen Arme um Michael schlang und ihn an sich zog.

2.

Mit siebenundvierzig Etagen war das Wake Financial das höchste Gebäude von Amsterdam. Seit 2007 erhob es sich über der Mündung der Amstel und bot einen unverbauten Blick auf die Nordsee. Das Hochhaus stand am südlichen Rand des Altstadtviertels der niederländischen Hauptstadt, die von zahlreichen Grachten durchzogen war, denen sie ihren Beinamen verdankte: Venedig des Nordens.

Die drei obersten Stockwerke des Wake Financial gehörten der PV Group. Auf der fünfundvierzigsten Etage wurden Aktien und Edelmetalle gehandelt, auf der sechsundvierzigsten kaufte und verkaufte man Immobilien, und im siebenundvierzigsten Stock wurden die eher illegalen Geschäfte abgewickelt.

Besitzer und Präsident des Konzerns war Philippe Venue. Der Zweiundsechzigjährige saß hinter einem gewaltigen Schreibtisch aus schwarzem Onyx, strich mit seinen dicken, rauen Händen über einen großen Briefbeschwerer und starrte dabei auf ein dunkles Ölgemälde an der Wand seines Büros. Es war über zweihundert Jahre alt und zeigte ein krankes Kind in den Armen seiner Mutter inmitten einer Horde von Göttern, die in sonnendurchfluteten Wolken gegeneinander kämpften.

Venues Büro war mehr als hundert Quadratmeter groß. Die Sitzgruppen waren aus teurem Leder. Der Konferenztisch aus Kirschholz bot sechzehn Personen Platz, und der große Kamin wurde während der kalten niederländischen Winter mit duftendem Holz befeuert. Die Bücherwände waren mit Antiquitäten dekoriert, vor allem mit byzantinischen Schnitzereien. Kostbare Renaissancegemälde und Expressionisten zierten die Wände, während antike griechische und römische Statuen auf niedrigen, geriffelten Sockeln standen. Ein Teil der Kunstwerke war über Auktionshäuser erworben worden; andere hatte Venue sich auf illegale Weise beschafft. Dabei ging er ähnlich vor wie beim Firmensammeln: bei manchen mit ehrlichen Finanztransaktionen, bei anderen mit brutaler Gewalt. Doch egal auf welche Weise die Kostbarkeiten in seinen Besitz gelangt waren – Venue inszenierte seine Stücke und brachte sie hier unter, in seiner palastartigen Bürosuite, dem Allerheiligsten eines Mannes, dessen Ruf zu einem Mythos geworden war.

Venue war eins neunzig groß und schwergewichtig. Das wenige Haar, das er noch besaß, war bereits seit seinem dreißigsten Lebensjahr grau. Sein Gesicht war breit und derb, verunziert durch eine schiefe, mehrmals gebrochene Nase und durch Narben, die er sich in seiner Jugend eingehandelt hatte – auf Straßen, die ihm eine Bildung vermittelt hatten, die man sich in Harvard oder Cambridge nicht aneignen konnte.

Venue trug einen schwarzen Nadelstreifenanzug von Armani, eine blaue Krawatte von Hermès und schwarze Lederschuhe von Gucci – seine bevorzugte Montur, wenn er Verhandlungen führen oder Leute einstellen oder feuern wollte. Er war ein Mann, der nur ein einziges Ziel verfolgte: sich selbst zu dienen. Innerhalb von fünfundzwanzig Jahren hatte er ein Vermögen von mehr als drei Milliarden Dollar angehäuft, ohne dass ihm dabei jemand zur Seite gestanden hatte. In Venues Leben gab es keinen Platz für die lächerlichen Ansprüche, die eine Familie oder Liebe stellten. In seinem Leben zählte nur das Streben nach Wohlstand und Macht.

Im Alter von achtunddreißig Jahren hatte Venue in Amsterdam eine Investmentfirma gegründet. Amsterdam war immer schon seine Lieblingsstadt gewesen, da sie in einem großartigen Land lag, in dem die Gesetze mild und die Moral locker waren. Er liebte die Grachten und die alte Architektur, die Ziegel-und Steinhäuser, von denen die idyllischen Wasserstraßen gesäumt wurden, und die vierhundert malerischen Brücken, die sie überspannten. Da Amsterdam eine der wenigen Städte war, die im Zweiten Weltkrieg von Bomben verschont geblieben waren, gab es noch eine intakte, wundervolle Altstadt, die den Übergriffen der modernen Welt trotzte.

Venue stellte Leute ein, die Experten waren in den Bereichen Aktienhandel und Immobilien- und Finanzmarkt, und er investierte sein Vermögen mit Bedacht, indem er Firmen aufkaufte, die sich fusionieren ließen. Gegenüber von seinem Schreibtisch ließ er an der Wand fünfzehn Überwachungsmonitore installieren, die Bilder von fünfzig Kameras übertrugen, die in den beiden Stockwerken darunter installiert waren, als wollte er die Produktivität jedes Angestellten persönlich im Auge behalten, wenn die Bilder über den Bildschirm huschten. Manchmal saß Venue tatsächlich stundenlang da und beobachtete das Treiben, das hysterische Geschacher, das allein zu seinem Wohl geschah. Ein Bienenvolk aus Männern und Frauen, das alles tat, um den Imker noch reicher zu machen, als er ohnehin schon war.

Die Firmen, die Venue aufkaufte, waren auf die unterschiedlichsten Sparten spezialisiert: Energiekonzerne, Textilfabriken, Pharmaunternehmen, Firmen aus der Unterhaltungsbranche. Hatte Venue seine Beute erst einmal ins Auge gefasst, ließ er nicht locker, bis er sie in den Konkurs getrieben hatte, damit sein Konzern sie schlucken konnte. Er hatte einen Verhandlungsstil, mit dem er den Willen auch des schwierigsten Verkäufers zu brechen vermochte. Während das organisierte Verbrechen darauf aus war, Drogenhandel und Prostitution zu kontrollieren, benutzte Venue vergleichbare Taktiken, um legale Unternehmen an sich zu reißen. Er unterwarf die Menschen seinem Willen, indem er ihnen Furcht einflößte und sie einschüchterte. Hin und wieder musste auch jemand sterben.

Anschuldigungen gegen Venue wurden höchstens geflüstert, und Anzeige zu erstatten wurde nicht einmal in Erwägung gezogen. Er hatte die Taschen der Beamten mit Bestechungsgeldern und ihre Herzen mit Furcht und Schrecken gefüllt. Er wurde gefürchtet wie der Teufel, und niemand glaubte, dass er aufzuhalten war.

Aber wie es im Leben nun mal ist, hatte sogar der Teufel hin und wieder einen schlechten Tag.

Die Märkte waren zusammengebrochen. Riesige Gewinne verwandelten sich in schreckliche Verluste. Die Immobilienpreise stürzten ins Uferlose und ruinierten Venues Kapital, das in hohem Maße fremdfinanziert war.

Wenn er seine Aufmerksamkeit jetzt auf die Bilder der Monitore richtete, war kaum Aktivität darauf zu sehen, sah man von einer Hand voll Händlern ab, die sich mühten, das Unternehmen zu retten, und von einer Schar Buchhalter, die damit beschäftigt waren, die Bilanzen zu frisieren, um sich die Behörden vom Hals zu halten.

Noch viel mehr als der Verlust seiner Reichtümer und seiner Macht erschütterte Venue jedoch die Tatsache, dass sie ihn gefunden hatten. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Welt erfuhr, wer er wirklich war und bis das, was von seinem fragilen Imperium noch übrig blieb, endgültig zusammenbrach.

Ein junger Mann namens Jean-Paul Ducete saß vor ihm. Er war blond und blauäugig und sehr attraktiv. Er war in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und verzehrte sich danach, seinen Eltern wenigstens einen Teil von dem zurückgeben zu können, was sie geopfert hatten, um ihm seine Ausbildung zu ermöglichen. Jean-Paul hatte sein Grundstudium an der Sorbonne absolviert und seinen akademischen Abschluss an der renommierten London School of Economics erlangt, beide Male als Jahrgangsbester. Nachdem man ihn zwei Jahre zuvor wegen seiner überragenden Intelligenz und seines unersättlichen Strebens nach Erfolg eingestellt hatte, arbeitete er sieben Tage die Woche und achtzehn Stunden am Tag für Venue. Seine Wohnung, nur einen Block von der Vristed Straat entfernt, wurde ausschließlich zum Schlafen genutzt. Er nahm sämtliche Mahlzeiten während seiner Arbeitszeit ein und hatte Privatleben und Ehe auf einen späteren Zeitpunkt verlegt, um stets an seinem Arbeitsplatz sein zu können. Er verschrieb sein Leben ganz und gar Venue und dessen Visionen, denn er war sicher, dass es sich eines Tages auszahlen würde, dass er sein Glück machte und in der Lage war, seiner Familie alles mit Zins und Zinseszins zurückzuzahlen.

Nur ist Glück ein Wort, das vieles bedeuten kann, und Venues Glück hatte sich eine knappe halbe Stunde zuvor erschöpft. Nicht er selbst hatte den Fehler begangen, sondern ein Untergebener. Es war ein dummer Fehler, den die Aufsichtsbehörde nicht gefunden hätte und den man hätte korrigieren können, ohne dass es Konsequenzen nach sich gezogen hätte. Dennoch war es ein Fehler. Und in den Augen eines Menschen wie Venue gab es keinen Platz für Fehler, sofern sie nicht von ihm selbst begangen wurde.

Venue hielt Jean-Paul eine zweistündige Strafpredigt, in der es vorwiegend um seine eigene Genialität ging, um seine Ehrbarkeit und Integrität. Dann verlangte er, dass Jean-Paul kündigte, und schickte ein entsprechendes E-Mail-Rundschreiben an die Angestellten heraus, in dem es hieß, dass Jean-Paul sie verlassen habe, um in Zukunft andere Interessen zu verfolgen.

Venue stand auf, kam um seinen Schreibtisch herum, lehnte sich dagegen, starrte auf Jean-Paul hinunter und erklärte, er wolle ihm nicht schaden, er habe nur einfach keinen Raum für irgendwelche Fehler. Er baute sich vor ihm auf wie ein Vater vor seinem Sohn und blickte den jungen Mann zutiefst enttäuscht an.

Im nächsten Moment griff er mit einer Geschwindigkeit, die außergewöhnlich war für einen Mann von zweiundsechzig Jahren, nach dem Briefbeschwerer, holte aus und schlug ihn Jean-Paul mit Wucht gegen die Schläfe und dann auf die Nase, sodass der Knochen ins Hirn getrieben wurde. Immer wieder schlug er zu. Das Blut spritzte durchs Zimmer. Jean-Paul versuchte sich abzudrehen, doch es war sinnlos. Er taumelte von seinem Stuhl. Venue warf sich auf ihn und schlug auf seinen Schädel ein, bis das Gesicht des Mannes nicht mehr zu erkennen war. Die blauen Augen waren zugeschwollen, das blonde Haar blutdurchtränkt.

Schließlich stand Venue auf, zog sich in sein privates Badezimmer zurück und duschte. Anschließend zog er sich ein Paar Leinenhosen an, eine grüne Sportjacke und Laufschuhe aus Krokoleder. Er ging zurück zu seinem Schreibtisch und achtete dabei darauf, nur ja einen weiten Bogen um Jean-Pauls blutigen Leichnam zu machen, denn er wollte sich seine sauberen Sachen und Schuhe nicht schmutzig machen. Noch einmal las er sein E-Mail-Rundschreiben durch, in dem es hieß, dass Jean-Paul gekündigt und die Firma verlassen habe, und drückte auf »Abschicken«.

Das Telefon auf Venues Schreibtisch läutete. Er schaltete den Lautsprecher ein und wurde von einer Stimme begrüßt, die von atmosphärischen Störungen begleitet wurde. »Venue?«

»Ja«, erwiderte der Geschäftsmann und machte es sich auf seinem Stuhl bequem.

»Barabas ist tot«, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung.

»Gehe ich recht in der Annahme, dass für seine neuesten Gefangenen nicht das Gleiche gilt?«

»Sie sind verschwunden«, erklärte der Mann, als verkündete er den Tod eines Familienangehörigen.

»Das hat man davon, wenn man Dinge korrupten Gefängnisdirektoren anvertraut.« Venue bemühte sich, seine Wut im Zaum zu halten. »Was für eine Geldverschwendung!«

»He, Barabas war einer Ihrer Leute«, parierte der Mann. »Er hat nach Ihrer Pfeife getanzt, nicht nach meiner.«

»Wenn wir sie hier getötet, oder wenigstens die Polizei eingeschaltet hätten, wie ich von Anfang an gesagt habe …«

»… hätte man sie in Amsterdam umgebracht und ihre Leichen zu Ihnen zurückverfolgt, und dann hätte man ihnen den Prozess gemacht, und es wäre herausgekommen, was sie gestohlen hatten. Denken Sie mal darüber nach.«

»Bilde dir ja nicht ein, dir wäre kein Vorwurf zu machen«, sagte Venue.

»Es sieht so aus«, gab der Mann zurück, »als müsste ich immer häufiger den Dreck für Sie beseitigen.«

»Und das wirst du auch weiterhin tun, bis ich dir etwas anderes sage«, brüllte Venue und schlug mit der Faust auf den Schreibtisch, was den Mann zum Schweigen brachte. »Wie konnten die überhaupt wissen, dass wir den Brief hatten? Woher wussten sie, dass er in meinem Büro war? Was geht da vor? Das Mädchen und ein Priester? Verdammt! Du weißt, wie ich dazu stehe.«

Der Mann am anderen Ende schwieg weiter. Nur seine regelmäßigen Atemzüge waren zu vernehmen.

Venue schwieg ebenfalls einen Moment, um sich wieder zu beruhigen. »Da wir gerade beim Dreckwegmachen sind«, sagte er dann. »Ich weiß, dass du ein paar Tausend Kilometer weit weg bist, aber du musst mir jemanden in mein Büro schicken, um eine Entsorgung vorzunehmen.« Er blickte auf Jean-Paul, der auf dem Boden in einer Lache seines eigenen Blutes lag. »Würde es dir etwas ausmachen, mir zu sagen, wohin diese Leute geflüchtet sind? Wohin sie unterwegs sind?«

»Was meinen Sie wohl? Die kommen hierher.«

»Ich dachte, die hätten den Brief nicht.«

»Was spielt das für eine Rolle?«, fragte der Mann. »Wir haben eine Kopie. Ich dachte, es würde Ihnen nichts ausmachen, wenn sie das Original bekämen.«

»Weil ich der Meinung war, sie würden das Gefängnis nicht überleben. Und dass sie nicht versuchen würden, uns zuvorzukommen.«

»Ich habe beide persönlich durchsucht. Sie hatten den Brief nicht.«

»Die sind eben cleverer als du.«

»Cleverer?« Ein Hauch von Wut schwang in der Stimme des Mannes am anderen Ende der Leitung.

»Ja, cleverer. Sie haben den Brief und werden ihn zu nutzen wissen.« Venue spürte, wie heißer Zorn ihn erfasste; fest umklammerte er mit der Hand den Briefbeschwerer. »Was hast du eigentlich die ganze Zeit getrieben? Schon vor zwei Wochen habe ich dir die Kopie des Briefes gegeben. Da hast du behauptet, das Ganze sei gar kein Problem und dass du mir besorgen könntest, was ich haben will.«

»Man darf diese Dinge nicht überstürzen. Das dauert seine Zeit.«

»Zeit ist ein Luxus, den du nicht mehr hast. Du musst die Karte stehlen, bevor sie es tun.«

»Entspannen Sie sich, ich habe einen Plan.«

»Und wie sieht der aus?«

»Das spielt keine Rolle«, erwiderte der Mann und versuchte, den Fortgang der Unterhaltung selbst zu bestimmen. »Vertrauen Sie mir einfach.«

Venue schaute auf die Bildschirme an der gegenüberliegenden Wand, die leere Büros zeigten, und fragte sich, wie es kam, dass ihm alles entglitt. »Es kümmert mich einen Dreck, was du tun musst! Er ist mir gleich, wer lebt oder stirbt. Töte den Priester, töte das Mädchen, wenn es sein muss, es ist mir scheißegal. Ich brauche diese Karte. Meine Welt stürzt zusammen. Und wenn meine Welt zerbricht, gilt das auch für deine.«

3.

Der Range Rover holperte über die von Schlaglöchern übersäte Straße, die sich wie eine Schneise durch die nächtliche Wüste von Akbikistan zog. Paul Busch beschleunigte den Wagen trotzdem auf hundertdreißig Stundenkilometer, weil er diesem trostlosen Teil der Welt so schnell wie möglich entfliehen wollte. Er war dankbar für die gute Federung des Wagens, die ihnen die Schlaglöcher erträglicher machte. Mit seiner Länge von eins fünfundneunzig und einem Gewicht von mehr als hundert Kilo passte Buschs Körper so gerade eben in den Fahrersitz.

Busch ritt wesentlich lieber in Hawaii auf den Wellen, als zwei ausgebrochene Häftlinge und ihren Befreier aus diesem Wüstenland herauszukutschieren. In den vergangenen achtzehn Monaten hatte er sich körperlich wieder in Form gebracht, joggte jeden Tag zehn Kilometer und war stolz darauf, dass er beim Bankdrücken wieder sein eigenes Körpergewicht stemmen konnte. Erfreulich waren auch die Kommentare, die seine Frau Jeannie über sein immer besseres Aussehen machte. Sie behauptete sogar, er sähe wieder ganz so aus wie damals, als er noch blutiger Anfänger bei der Polizei gewesen sei. Doch Busch hatte die leise Befürchtung, dass sie mit diesen Schmeicheleien nach einem dritten Kind angelte.

Paul behauptete gern, er sei Barkeeper im Valhalla, obwohl seine Frau es vorzog, ihn als Gastronomen oder zumindest als Eigentümer der Bar zu bezeichnen. Nach zwanzigjähriger Dienstzeit hatte Busch seinen Abschied von der Polizei genommen und war mehr als zufrieden mit seiner neuen Beschäftigung, Getränke auszuschenken und eine mittlerweile florierende Bar zu führen. Was einst ein heimeliges Speiserestaurant gewesen war, hatte sich zu einem Treff gemausert, der manchmal eine Woche im Voraus ausgebucht war. Für die Bar brauchte man selbstverständlich keine Reservierung, doch sie war immer bis zum letzten Platz mit Singles besetzt, die auf der Suche nach ihrer nächsten Eroberung waren.

Obwohl die Bar ihm ein einträgliches Leben bescherte, spielte Busch immer noch jede Woche Lotto und steckte das hoffentlich Glück bringende Zettelchen in seine Hosentasche – und das, obwohl hinten in seiner Schublade mit den Socken eine unbezahlbare Rubinhalskette aus Russland versteckt lag, ein Erinnerungsstück an eine lebensbedrohliche Heldentat, die Busch gemeinsam mit Michael vollbracht hatte. Man hätte die Halskette für ein kleines Vermögen verkaufen können, doch hatte Busch beschlossen, sie vorerst unter den Socken mit dem Rautenmuster liegen zu lassen. Er war der Ansicht, dass die Vorfreude auf die Erfüllung eines Wunsches oft schöner war als die Erfüllung des Wunsches an sich. Das Leben war angenehmer, wenn man hatte, was man brauchte, aber trotzdem noch ein paar Wünsche blieben, die bislang unerfüllt waren. Das hielt das Leben in Schwung und die Hoffnung am Leben.

Busch war ein zufriedener Mann, obwohl er immer noch die Zeiten vermisste, da er für die Polizei Verbrecher gejagt, Unrecht in Recht verwandelt und arrogante Mistkerle eingebuchtet hatte, die sich einbildeten, sie stünden über dem Gesetz.

Seine Einstellung, das Gesetz sei dazu da, um eingehalten zu werden, hatte in der Vergangenheit zu Konflikten zwischen ihm und Michael geführt, besonders zu der Zeit, als er Michaels Bewährungshelfer gewesen war und die Verantwortung dafür getragen hatte, dass Michael ein gesetzestreuer Bürger blieb. Doch es waren Michaels uneigennützige Taten im Dienst an anderen gewesen, die Busch damals erkennen ließen, dass manchmal gegen Gesetze verstoßen werden musste, um einem höheren Wohl zu dienen.

Michael war sein bester Freund, so etwas wie ein kleiner Bruder. Und wie die meisten kleinen Brüder hatte Michael die Angewohnheit, Schwierigkeiten wie magisch anzuziehen. Oft musste Paul ihm dann beistehen, um ihn aus dem Dreck zu befreien. Und so kutschierte er Michael auch diesmal wieder aus dem Schlamassel, mit dem einzigen Unterschied, dass eine junge Frau in die Sache verwickelt war.

Als Busch auf die Rückbank des Range Rovers blickte, war ihm immer noch nicht so richtig ins Bewusstsein gedrungen, dass KC mit Simon in diesem Gefängnis gewesen war. Das hatte sie beide überrascht, ihn ebenso wie Michael. Busch hatte KC zweimal in New York getroffen. Sie war perfekt für Michael: schön, intelligent, mit Sinn für Humor. Busch war glücklich, dass sein Freund wieder eine Partnerin hatte.

Er fand es amüsant, Michael und KC streiten zu sehen wie ein altes Ehepaar. Er beobachtete, wie die beiden aufeinander losgingen, sich Wortgefechte lieferten, einander beschuldigten und kritisierten und sich in Selbstüberschätzung ergingen. Busch hatte nicht den geringsten Zweifel, dass sie perfekt zueinander passten.

»Hast du Schmerzen?«, fragte Michael, als er die blauen Flecken und Schürfwunden an ihrem Arm sah.

»Geht so«, sagte sie, obwohl man sehen konnte, dass das nicht stimmte. Sie war wund und blau, ihr Gesicht verschmiert, und an ihrer Nase klebte angetrocknetes Blut.

»Gibt es irgendetwas, was du mir zu erzählen versäumt hast?«, fragte Michael

»Was?«, fuhr KC ihn an, drehte den Kopf weg und schaute aus dem Fenster.

Michael versuchte, nicht aus der Haut zu fahren. Er starrte weiter auf ihren Hinterkopf, auf ihr blondes Haar, das schmutzig und verfilzt war. Dann streckte er versöhnend die Hand nach ihr aus. Doch in dem Moment, da die Hand sich ihrer Schulter näherte …

»Was jetzt?«, meinte KC, immer noch zum Fenster gewandt, als könne sie spüren, dass Michael sich ihr näherte.

Michael zog die Hand zurück.

»Was willst du von mir hören?« Sie drehte sich zu ihm um.

Michael kochte endgültig über. »Du willst eine Beraterin sein?«

»Hör mal, ich …«, begann KC.

»Du arbeitest gar nicht für die Europäische Union.« Michael wandte sich an Simon. »Wie konntest du uns zusammenbringen, ohne mir das zu sagen?«

Auch KC wandte sich nun an Simon und wurde nun ebenfalls laut. »Wie kommt es, dass du mir nichts gesagt hast?«

Simon saß auf dem Beifahrersitz. Die Fragen dröhnten ihm in den Ohren. Stur blickte er auf die nächtlich dunkle Straße vor ihnen, sagte kein Wort und hielt sich aus der Schlacht heraus.

»Wie kommt es, dass Simon dir was nicht gesagt hat?«, fragte Michael.

KC wandte sich ihm wieder zu. Ihre grünen Augen funkelten. »Hör bloß auf. Ein Mann, der eine Wach-und Schließgesellschaft betreibt, hat das Know-how und das nötige Kleingeld, um vom Himmel zu schweben, in ein Gefängnis einzubrechen, es in die Luft zu jagen und mit zwei Leuten im Schlepptau zu fliehen?« Sie wandte sich wieder an Simon. »Fandest du es toll, uns zwei zusammenzubringen?«

Simon blickte flüchtig zu Busch, der ihn seinerseits anschaute, ihm aber nicht zu Hilfe kam. Stattdessen legte er mitleidig den Kopf zur Seite, bevor er das Steuerrad noch fester umklammerte.

»Okay«, ließ KC es endlich gut sein und beruhigte sich. »Ich arbeite nicht für die EU, und du besitzt kein Sicherheitsunternehmen.«

»O doch«, sagte Michael. »Ein Unternehmen, mit dem ich mir auf anständige und legale Weise meinen Lebensunterhalt verdiene.«

»Träum weiter.« KC hob beide Hände. Dann schaute sie wieder aus dem Fenster.

Der Range Rover fuhr durch eine verrostete Stacheldrahtabsperrung und auf ein Flugfeld. Es gab keinen Radarturm, keine Abfertigungshalle. Die Scheinwerfer des Wagens waren die einzige Beleuchtung weit und breit. Ihre Lichtkegel erfassten eine Gruppe von fünf Privatmaschinen, die am anderen Ende des Flugfelds standen und von acht bewaffneten Männern bewacht wurden. Sie trugen hellgraue Hosen und Hemden; sie alle zielten mit ihren Gewehren auf den Range Rover. Busch betätigte mehrmals hintereinander das Fernlicht und gab auf diese Weise das vereinbarte Zeichen. Die Männer entspannten sich.

Busch brachte den Wagen neben den Wachleuten zum Stehen, und sie öffneten die Türen. Busch stieg aus und reichte dem Anführer eine Rolle Bargeld. Michael, KC und Simon verließen den Wagen und folgten Busch, der auf das größte der fünf Flugzeuge zuhielt und über die Gangway lief.

KCs Augen weiteten sich, als sie den Boeing Business Jet genauer betrachtete. Die Stirn gerunzelt, drehte sie sich zu Michael um. »Das muss ja ein ganz besonderes Sicherheitsunternehmen sein.«

4.

Der Jet stieg in den sternenklaren Himmel und flog nach Westen in Richtung Rom – mit Passagieren an Bord, die froh waren, die Wüste hinter sich zu lassen. Der Jet war topmodern, technisch auf dem neuesten Stand und in der Lage, eine Höchstgeschwindigkeit von achthundertfünfzig Stundenkilometern bei einer maximalen Flughöhe von zwölftausendfünfhundert Metern zu erzielen. Die Maschine war im wahrsten Sinne des Wortes imstande, um die ganze Welt zu fliegen. Sie verfügte nicht nur über einen geräumigen Sitzbereich; darüber hinaus bot sie ein komplett eingerichtetes Büro, ein Schlafzimmer und eine Lounge.

Simon saß an einem Konferenztisch aus Mahagoni, der besser in einen Sitzungssaal auf der Wall Street gepasst hätte. Vor ihm stand ein Erste-Hilfe-Täschchen, und er fädelte gerade einen schwarzen Faden in eine Nadel. Michael und Busch hatten sich Sandwiches und flaschenweise Wasser geholt und saßen in breiten Ledersesseln, deren hellbraune Sitze jeweils mit einem eigenen Telefon, Audio- und Videoanlage sowie ausklappbaren Tischen ausgestattet waren. KC saß ihnen gegenüber und aß die erste Mahlzeit seit drei Tagen.

Michael war froh, wieder im Flugzeug zu sein. Obwohl es nicht ihm gehörte, fühlte es sich an wie zu Hause. Und sie waren heil und unversehrt, hoch oben im klaren Nachthimmel.

»Ich habe dem Piloten gesagt, wir müssten dich nach Rom zurückbringen und dass er entsprechend auf Kurs gehen soll«, sagte Michael zu Simon.

Simon blickte auf und schaute Michael fragend an.

»Okay«, meinte Michael, »wenn nicht Rom, wohin dann?«

»Istanbul«, erwiderte Simon und stach die Nadel in das Fleisch seines Armes. »Ich muss dem Vatikanischen Konsulat einen Besuch abstatten.«

»Istanbul«, wiederholte Michael und tauschte einen besorgten Blick mit Busch.

»Eine wunderschöne Stadt«, fügte Simon bierernst hinzu.

»Okay«, gab Michael schließlich nach. »Egal ob Rom oder Istanbul, wir müssen in Aserbaidschan zwischenlanden, um aufzutanken.«

»Aserbaidschan?« Sorge schwang in Buschs Stimme mit, und er hockte sich aufrecht auf die Kante seines Sitzes.

»Es sei denn, dir wäre Teheran lieber. Ich glaube aber nicht, dass sie dich dort sehr gern sehen.« Michael drehte sich zu KC um, die noch kein Wort gesprochen hatte. Sie hatte soeben ihre beiden Sandwiches verputzt und eine Flasche Wasser hinterhergeschüttet. »Kann ich dir vielleicht noch etwas zu essen anbieten?«

»Ein Fünfunddreißig-Millionen-Dollar-Flugzeug …«, meinte KC. Es klang beinahe wie eine Anschuldigung, nicht wie ein beiläufiger Kommentar. Ihr Gesicht war voller Dreck und Schmier, und ihr verfilztes blondes Haar hing ihr strähnig ins Gesicht.

»Es ist nicht, was du denkst«, sagte Michael.

»Natürlich nicht«, meinte KC skeptisch. »Wie hast du uns überhaupt gefunden?«

»Dafür kannst du dich bei meinem Vater bedanken, dem das Ganze hier übrigens gehört«, antwortete Michael und wedelte mit dem Arm, um auf das Flugzeug anzuspielen. »Er hat einen Anruf vom Vatikan bekommen. Man hat dort den anonymen Hinweis erhalten, dass Simon in Chiron gefangen gehalten wird.« Michael hielt inne und ließ den Blick zwischen Simon und KC hin- und herschweifen. »Irgendeine Idee, wer Mister Anonym gewesen sein könnte, oder warum er meinen Vater angerufen hat?«

»Nein.« Simon schüttelte den Kopf und machte sich nicht einmal die Mühe, dabei aufzusehen, zumal er dabei war, die Platzwunde an seinem rechten Unterarm zusammenzuflicken.

KC sah Michael an, lange, mit festem Blick, doch ohne ein Wort zu sagen.

Michael drängte sie nicht, etwas zu verraten, was sie nicht verraten wollte. Manchmal brauchte man Geduld und Zeit, wenn man Antworten wollte. »In jedem Fall hat er Fotos erhalten, die Simon in Handschellen zeigten, zusammen mit einem Hinrichtungsbefehl und einer groben Skizze des Gefängnisses. Wir haben uns dann ein paar Satellitenbilder von der Gegend besorgt, und voilà …«

»Dein Vater ist reich?«, fragte KC.

»Das könnte man so sagen«, warf Busch ein und hob dabei die Augenbrauen. »Stinkreich.«

»Es ist nicht, was du denkst«, wehrte Michael ab. »Ich bin nicht irgend so ein Knabe, der mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurde.«

Sichtlich verwirrt starrte KC vor sich hin. »Du hast behauptet, dein Vater sei Buchhalter gewesen und wäre vor ein paar Jahren gestorben. Ich erinnere mich genau, dass du gesagt hast, du wärst in ganz normalen bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen. Von dem hier hast du nie ein Wort erwähnt.«

»Das ist eine lange Geschichte. In Kurzform gebracht: Ich bin adoptiert worden«, gab Michael zu. »Und nach dem Tod meiner Adoptiveltern bin ich dem Mann begegnet, der mich weggegeben hatte. Im Verlauf der letzten zwölf Monate haben wir eine enge Beziehung zueinander entwickelt. Deshalb durfte ich mir dieses Spielzeug hier von ihm ausleihen – eigentlich hat er sogar darauf bestanden.«

»Warum habe ich das Gefühl, als wäre das nicht die ganze Geschichte?«, sagte KC und sah sich dabei mit großen Augen im Jet um.

»Die ganze Geschichte ist immer noch mal eine ganz andere Geschichte«, erwiderte Michael. »Aber das weißt du so gut wie ich.«

KC sah Michael fest in die Augen und wechselte das Thema. »Hier gibt es aber nirgendwo ein Eckchen, an dem ich mich waschen könnte, oder?«

»Natürlich.«

»Könnte ich das Flugzeugtelefon benutzen, um meine Schwester anzurufen?«

»Nimm das im Schlafzimmer, da bist du mehr für dich.«

Michael stand auf und führte sie durch die Maschine, vorüber an der Bordküche und ins Schlafzimmer. Es war zwar klein, bot aber ausreichend Platz für ein Französisches Bett und war eingerichtet wie ein Gasthof in New England: Vorhänge und Bettdecke waren aus Spitze, die Möbel aus Eiche. Durch eine schmale Tür gelangte man in ein komplett ausgestattetes Badezimmer.

»Der Wasserdruck der Dusche ist nicht gerade doll.« Michael wies auf eine schwarze Reisetasche, die auf dem Bett stand. »Da sind ein paar Kleidungsstücke in meiner Tasche. Such dir aus, was du willst.«

KC sah sich um und sprach kein Wort; an derartigen Reichtum und Luxus war sie nicht gewöhnt.

»Und vergiss nicht, die Landeskennnummer mitzuwählen«, sagte Michael und zeigte auf das Telefon, das neben dem Bett an der Wand hing.

KC nickte. »Danke.«

Schweigend standen sie da, und der Augenblick schien sich endlos dahinzuziehen. Seit der Rettungsaktion waren sie zum ersten Mal allein miteinander und fühlten sich dabei so unbehaglich, als wären sie einander gerade erst vorgestellt worden. Beide sagten nichts und versuchten, nur ja sämtliche Gefühle zu verbergen. Michael trug einen inneren Kampf aus. Einerseits verspürte er den Wunsch, sie in seine Arme zu schließen, andererseits hätte er sie am liebsten angeschrien, weil sie sich in einen solchen Schlamassel gebracht und ihn belogen hatte. Sie waren intim miteinander gewesen, hatten eine enge Verbindung und ein hohes Maß an Vertrautheit aufgebaut, aber das alles schien von einer Woge aus Lug und Trug davongeschwemmt worden zu sein. Jetzt waren sie wie Fremde.

Ohne ein Wort betrat KC das Badezimmer und schloss hinter sich die Tür.

Michael drehte sich um, ging zurück durch den Jet und setzte sich Simon gegenüber an den Konferenztisch.

»Sie ist eine Diebin. Du hast mich mit einer Diebin verkuppelt.«

»Einer sehr guten Diebin«, erwiderte Simon, der soeben mit seiner Flickarbeit fertig geworden war. »Ich kenne sie schon seit vielen Jahren. Sie ist der anständigste Mensch, den du dir vorstellen kannst. Das Wohl der anderen ist ihr immer wichtiger als ihr eigenes, und sie hat viel durchgemacht in ihrem Leben. Sie ist ganz allein auf der Welt. Sie muss endlich mal zur Ruhe kommen und an sich selbst denken. Also habe ich sie zu dir geschickt. Ihr zwei seid einander ähnlicher, als euch bewusst ist.«

»Was?« Michael schüttelte den Kopf. »Das ist lächerlich.«

Busch drehte sich zu ihnen. »Du bist einfach nur sauer.«

»Da hast du verdammt recht!«

»Du bist sauer, weil sie dir nicht gesagt hat, dass sie eine Diebin ist, und weil sie dir Dinge verheimlicht hat. Ungefähr so, wie du Mary bestimmte Dinge verheimlicht hast, als sie noch am Leben war.«

Michael blickte Simon an, der beipflichtend nickte.

»Was für einen Blödsinn ihr labert«, schimpfte Michael.

»Nun hör doch auf, auf die ganze Welt sauer zu sein«, sagte Busch. »Hast du etwa vor, wegen so einer Kleinigkeit gleich alles scheitern zu lassen?«

»Was?« Busch war wie ein moralisches Barometer und kannte Michael besser, als er sich selbst kannte. Als Busch sein Bewährungshelfer gewesen war, hatte er sich in Michaels Herz und Verstand geschlichen. Sie waren wie Brüder: Sie konnten einander beschimpfen, dass die Fetzen flogen, und fünf Minuten später bei einem Glas Bier darüber lachen. So sehr es Michael auch ärgerte – er wusste, dass Busch die Wahrheit sagte.

»Sie ist die weibliche Ausgabe von dir, Michael. Und du kannst es nicht ertragen, in einen Spiegel zu schauen.«

***

Im Heck des Flugzeuges saß KC im Schlafzimmer auf der Bettkante, ein weißes Bettlaken um ihren frisch geduschten Körper geschlungen. Das heiße Wasser hatte die letzten Reste des Albtraums, dem sie gerade knapp entkommen war, abgewaschen.

»Hallo«, sagte eine Frauenstimme.

KC drückte sich das Flugzeugtelefon fest gegen das Ohr, um trotz des beständigen Dröhnens der Motoren hören zu können. »Cindy? Ich bin’s.«

»KC? Bist du okay? Ich habe mir große Sorgen gemacht.«

»Es geht mir gut«, erwiderte KC und schaute in den Wandspiegel, der allerdings etwas anderes sagte und eine todmüde Frau zeigte.

»Wo bist du?«

»In einem Flugzeug.«

»Das ist keine Antwort.«

»Ich bin auf dem Weg nach Istanbul.«

»Istanbul?« Es folgte eine lange Pause. »Wie bist du aus dem Gefängnis gekommen?«

»Woher weißt du, dass …« KC war dermaßen verwirrt, dass sie verstummte.

»Ich treffe dich dort. Ich war noch nie in Istanbul. Wir können einkaufen gehen«, meinte Cindy.

»Einkaufen?«, wiederholte KC verstört. »Nein, in ein paar Tagen bin ich wieder in London.«

»Warum musst du überhaupt nach Istanbul? Bist du mit diesem Typen zusammen?«

»Michael?«

»Wer sonst?«

»Ich sitze im Flugzeug seines Vaters«, antwortete KC, ließ dabei den Blick durch den Raum schweifen und konnte immer noch nicht verdauen, in welchem Luxus sie reiste.

»Er hat ein Flugzeug?« Cindy war beeindruckt, wechselte dann aber abrupt das Thema. »Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist, KC, aber wir müssen uns unbedingt unterhalten.«

»Wenn ich zurück bin, okay?«

»Nein, das duldet keinen Aufschub. Um Gottes willen, du warst im Gefängnis, in irgendeinem Wüstenland.«

»Woher weißt du das?«

»Das erzähle ich dir, wenn wir uns in Istanbul treffen.« Cindys Worte hatten einen herablassenden Beiklang.

»Flieg nicht nach Istanbul!« Allmählich wurde KC wütend.

»Du bist nicht meine Mutter, KC! Wage es nicht, in diesem Ton mit mir zu reden.«

»Weißt du was, Cindy?« KC konnte sich kaum noch beherrschen. Ihre Schwester verstand es besser als jeder andere, sie auf die Palme zu bringen. »Ich melde mich bei dir, wenn ich zurück bin.« KC warf den Hörer auf die Gabel.

***

Michael hatte sich endlich wieder beruhigt. Er saß Busch und Simon in einem der Ledersessel gegenüber und nippte an einer Cola, während er aus dem Fenster blickte. Die Sterne funkelten am nächtlichen Himmel, und sie jagten den untergehenden Mond Richtung Westen.

Michael hoffte, eine Mütze Schlaf zu bekommen. Bis Istanbul waren es über achttausend Kilometer. Mit dem einen Tankstopp in Aserbaidschan würden sie nach ungefähr achtstündigem Flug zu einer Zeit in der Türkei ankommen, wenn die Welt dort gerade erwachte. Nur konnte er nicht schlafen, bevor ihm nicht ein paar Fragen beantwortet wurden.

Er wandte sich Simon zu. »Würde es dir etwas ausmachen, mir zu erzählen, was ihr gestohlen habt?«

»Einen Brief«, erwiderte Simon und zog den Reißverschluss seines Erste-Hilfe-Täschchens zu.

»Die Post hat euch also zum Tode verurteilt«, lachte Busch und eilte zurück in die Bordküche, wobei sein Kopf um Haaresbreite gegen die Flugzeugdecke stieß. »Nun mach aber halblang.«

Simon schenkte ihm keine Beachtung. »Es war ein sehr alter Brief.«

»Und was stand drin?«, rief Busch von hinten.

Simon schaute Michael an. Situationen wie diese erlebten sie beide nicht zum ersten Mal.

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