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Der Diamant

1. KAPITEL

London, 1816

Amanda Reynolds erspähte Captain Christian Ramsford am anderen Ende des Ballsaals. Mit seinem schwarzen Haar und den finster blickenden dunkelbraunen Augen und der grimmigen Miene, die er heute aufgesetzt hatte, erweckte er den Eindruck, er hätte jedes beliebige Schlachtfeld auf dem Kontinent diesem Ball bei Lady Catsworth vorgezogen.

Amanda war der Liebling der Saison, ein Diamant reinsten Wassers, nachgeahmt von den jungen Damen und bewundert von den Gentlemen des ton - abgesehen von einem einzigen jungen Captain. Es verstimmte sie, dass er sie abzulehnen schien, besonders da sie den Ramsfords von Anfang an freundschaftliche Gefühle entgegengebracht hatte. Es tat ihr leid, dass die Familie des Captains offenbar immer noch nicht ganz vom ton akzeptiert wurde, obwohl der Vater unerwartet den Titel eines Viscount geerbt hatte. Wäre der Captain mir gegenüber nicht so kühl, könnte ich ihm und seiner Familie helfen, größeres Ansehen in der Gesellschaft zu erlangen, überlegte Amanda. Sie könnte seine Mutter den einflussreichsten Damen vorstellen und seine Schwester zu der besten Modistin bringen. Sie könnte ihm vielleicht sogar beibringen zu lächeln.

Aber der Captain hatte offensichtlich kein Interesse an ihr.

In diesem Moment bemerkte er ihren Blick, und zu ihrer Verblüffung nickte er ihr zu. Viel erfreuter, als eine so zurückhaltende Geste eigentlich rechtfertigte, wandte Amanda ihre Aufmerksamkeit wieder der Schar junger Männer zu, die sich bemühte, sie zu unterhalten. Doch plötzlich wichen sie ein wenig zurück, um dem Earl of Greythorne Platz zu machen, der - so wurde allgemein erwartet - der Mann war, den Amanda schließlich zu ihrem Gatten wählen würde.

„Ich wünsche mit Ihnen zu sprechen, Miss Reynolds.“ Greythornes Stimme zitterte vor Zorn.

Ihre Verehrer schienen sich in Luft aufzulösen. Plötzlich hatten alle offenbar etwas Wichtigeres zu tun, das sie an weit entfernte Punkte des Ballsaals entführte, und so war Amanda allein.

Greythorne schien der Inbegriff des vollkommenen Gentleman zu sein. Seine Manieren waren einwandfrei, sein Auftreten und seine Kleidung tadellos, und er besaß einen Titel und ein großes Vermögen. Allerdings hatte Amanda vor Kurzem von ihrem Freund Lord Devlin etwas erfahren, das sie zutiefst erschreckte. Der Earl sollte demzufolge ein Anhänger des skandalösen Marquis de Sade sein, der kein Hehl daraus machte, dass er am Schmerz der anderen Vergnügen fand. Deshalb hatte sie, als Greythorne vor einer Weile auf sie zugekommen war, ihre Abneigung nicht verbergen können und ihm unumwunden deutlich gemacht, dass sie kein Interesse mehr an seiner Gesellschaft hatte.

„Ich habe Ihnen nichts weiter zu sagen, Lord Greythorne“, erwiderte sie jetzt nur und versuchte, an ihm vorbeizugehen.

Doch er packte sie so unsanft am Arm, dass Amanda vor Schmerz zusammenzuckte. „Wir werden uns an einen ruhigeren Ort zurückziehen“, sagte er gefährlich leise.

Plötzlich legte jemand Greythorne eine Hand auf die Schulter und drückte fest zu. Captain Ramsford! Amanda wurde schwach vor Erleichterung. Er war ihr zu Hilfe geeilt - ausgerechnet er!

„Miss Reynolds hat mir diesen Tanz versprochen“, behauptete er unverfroren.

Greythorne starrte ihn an, als hätte einer der Lakaien es gewagt, ihn anzusprechen. „Ich habe Wichtiges mit Miss Reynolds zu bereden“, sagte er gereizt.

„So wichtig es auch sein mag, es kann sicherlich noch ein paar Minuten warten“, antwortete Ramsford, ohne mit der Wimper zu zucken. Als der Earl jedoch nicht auf seine Worte einging, verstärkte er seinen Griff, bis Greythorne gezwungen war, Amanda freizugeben.

„Unser Gespräch ist nur aufgeschoben, meine Liebe“, fuhr er sie an. Er drehte sich auf dem Absatz um und machte einen wenig würdevollen Abgang.

Amanda war sekundenlang sprachlos vor Dankbarkeit.

Als gleich darauf die Musikanten einen Walzer anstimmten, runzelte Captain Ramsford die Stirn. „Ich nehme an, wir werden den Tanz wohl oder übel antreten müssen.“

Erst nachdem er sie auf die Tanzfläche geführt hatte, fand Amanda die Sprache wieder. „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken kann, Captain.“

Er betrachtete sie aufmerksam, fast schien es ihr, als sei er besorgt. „Hat er Sie verletzt?“

Sein eindringlicher Blick raubte ihr sekundenlang den Atem, und sie schluckte, bevor sie antworten konnte: „Nein … nein …“ Sie wirbelte in seinen Armen über die Tanzfläche, und das Gefühl, ihm so nahe zu sein, verwirrte sie so sehr, dass sie erst nach einer Weile wieder das Wort ergriff. „Der Vorfall von eben muss Ihnen äußerst seltsam vorgekommen sein.“

„Der Vorfall, ob seltsam oder nicht, kann kaum von Interesse für mich sein“, erwiderte er trocken.

Aber aus irgendeinem Grund wollte Amanda nicht, dass Captain Ramsford sich ein falsches Bild machte. „Ich … ich habe seinen Antrag abgelehnt, wissen Sie. Und er ist recht verärgert.“

Er hielt mitten im Tanzschritt inne und sah ihr in die Augen. „Sie haben Greythorne abgewiesen?“

Amanda nickte.

Ramsford setzte den Tanz fort, und Amanda fand, sie habe sich noch nie so sicher in den Armen eines Mannes gefühlt. Sie wusste, dass sie vor Greythorne sicher sein würde, solange der Captain bei ihr war und auf sie aufpasste.

Als die Musik verstummte, viel zu früh nach Amandas Empfinden, brachte Ramsford sie zu ihrer Tante zurück, verbeugte sich knapp und schritt davon.

Tante Ellen zog sie rasch beiseite. „Lord Greythorne sagt, du hast seinen Antrag abgelehnt.“

Amanda warf dem hochgewachsenen Captain einen letzten sehnsüchtigen Blick zu und wappnete sich dann für das Gespräch mit ihrer Tante. „Das stimmt“, sagte sie scheinbar gelassen.

Ellen schüttelte sie aufgebracht. „Du kleiner Dummkopf! In nur einem Monat hast du Geburtstag.“

Amanda sah sie verständnislos an. „Und welche Bedeutung hat mein Geburtstag in dieser Sache?“

Ihre Tante rang verzweifelt die Hände. „Wenn du nicht vor deinem einundzwanzigsten Geburtstag heiratest, mein Kind, wirst du dein gesamtes Erbe verlieren. Du wirst mittellos sein.“

Amanda verbrachte eine schlaflose Nacht und grübelte über den Teil im Testament ihres Vaters nach, der ihr bisher verheimlicht worden war. Sie konnte sich nur einen Grund denken, warum ihr Vater eine so grausame Klausel eingefügt haben könnte. Er schien gefürchtet zu haben, dass sie genauso unabhängig werden könnte wie ihre Mutter, wenn sie nicht in sehr jungen Jahren heiratete.

Eigentlich hätte Amanda schon mit achtzehn in die Gesellschaft eingeführt werden sollen, aber ihre Mutter kam in jenem Jahr bei einem Kutschenunfall ums Leben, und bald darauf starb auch ihr Vater. Jetzt erlebte sie also ihre erste Saison in London. Die ihr zum Vormund bestimmten Herren, denen sie noch nie begegnet war, hatten Tante Ellen als Anstandsdame zu ihr geschickt, obwohl Amanda auch sie nur ein oder zwei Mal in ihrem Leben gesehen hatte.

„Ich war mir sicher, dass du Greythorne nehmen würdest“, erklärte Tante Ellen ihrer entsetzten Nichte am Tag nach dem Ball. „Und deine Vormünder stimmten mit mir darin überein, dass kein Grund vorhanden war, dich ins Bild zu setzen.“

Amanda war sprachlos.

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