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Der Dämon aus dem grünen See

1. KAPITEL

„Bist du sicher, dass wir noch richtig sind?“

Genau das hatte sich Cassie Sherman auch schon ein paarmal gefragt. Während ihre Freundin Linda angestrengt nach draußen in den dunklen Wald starrte und dabei nervös mit ihrem dunklen Pferdeschwanz spielte, ließ Cassie das Navi nicht aus den Augen. Der kleine Pfeil befand sich immer noch auf einer dünnen grauen Linie, also wenigstens nicht im Nirwana, aber laut der Karte auf dem Display musste in knapp hundert Metern eine Weggabelung kommen, und bisher war davon nichts zu sehen. Seit zehn Minuten waren die Wege immer schmaler und holpriger geworden, und inzwischen war es stockdunkel. Den letzten Briefkasten, der auf einem Baumstamm montiert war, hatten sie vor ein paar Minuten passiert, und das dazugehörige Haus, das man durch die Bäume nur schemenhaft hatte erkennen können, hatte unbewohnt ausgesehen. Umzudrehen wagte Cassie auf der schmalen Straße aber auch nicht – sie fuhr zwar den verbeulten Pick-up, den ihre Mutter ihr extra für die Reise geliehen hatte und der nicht gleich jedes Schlagloch übel nahm, aber wenn sie aus Versehen in einen Graben geriet oder stecken blieb, waren sie hier in der Wildnis ziemlich hilflos.

Zu dumm aber auch, dass sie in Tahoe beim Einkaufen der Vorräte – und ausgiebigem Shopping in Souvenir- und Klamottenläden – völlig die Zeit vergessen hatten und nun buchstäblich im Dunkeln standen.

„Cassie?“, hakte Linda drängend nach. Sie hatte ihre Haare losgelassen. Jetzt hielt sie sich mit einer Hand krampfhaft am Türgriff fest und versuchte mit der anderen, den imaginären Punkt auf der Landkarte nicht zu verlieren, an dem sie sich angeblich befanden.

„Das sieht hier völlig anders aus als auf dem Navi“, sagte sie zum wiederholten Mal. „Kannst du dich wirklich an gar nichts erinnern?“

Cassie schüttelte den Kopf mit den schulterlangen, ungebändigten rotblonden Locken. „Wie denn auch? Ich war vor fünf Jahren das letzte Mal hier, und da habe ich nicht auf markante Wegzeichen geachtet. Ach, warte, hier kommt tatsächlich eine Gabelung. Laut Navi müssen wir jetzt rechts.“

„Da ist aber gar keine Straße mehr, nur noch Fahrspuren“, stöhnte Linda, als sie die Rinnen, zwischen denen büschelhohes Gras wuchs, im Scheinwerferlicht sah.

„Das war damals auch schon so, daran kann ich mich erinnern“, versuchte Cassie, sie zu trösten. „Ich habe dir schließlich Ferien in unberührter Natur versprochen, kein Hotel an einer sechsspurigen Autobahn.“

„So wie’s aussieht, müssen wir aber die erste Nacht im Auto verbringen“, murmelte Linda. „Wenn du meinst, dass ich hier mitten im Wald aussteige …“

„Ganz ruhig, Süße“, erwiderte Cassie fröhlich. Sie hatte tatsächlich ein Wegzeichen wiedererkannt – eine große Zeder mit einem auffälligen Ast, der im Zickzack wuchs und über den Weg hing. „Wir sind gleich da.“

Linda spähte in die Dunkelheit. „Meinst du? Hier ist weit und breit nichts zu sehen.“

„Die Hütte liegt direkt am See, man sieht sie von hier aus nicht. Schau, da ist schon unser Briefkasten.“

Cassie hielt an, und die Scheinwerfer beleuchteten die Milchkanne, die mit der Öffnung nach vorn aufgehängt war und auf die in Schönschrift „Sherman“ geschrieben stand. Mehrere bunte Handabdrücke in verschiedenen Größen umrahmten den Namen.

„Hier kommt tatsächlich der Briefträger?“, fragte Linda kopfschüttelnd. „Unglaublich.“

„Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung. Wir haben hier noch nie Post bekommen. Ich glaube, die Briefkästen sind eher für die Nachbarn, wenn man sich mal eine Nachricht schreiben will. Und natürlich damit man weiß, wo man wohnt.“

Triumphierend kurbelte Cassie am Lenkrad und bog hinter der Milchkanne auf einen Grasweg ein.

Linda atmete hörbar auf, als sie eine sanfte Kuppe überwunden hatten und dahinter tatsächlich ein Holzhaus sichtbar wurde. Neben ihm glitzerte eine Wasserfläche im Mondlicht. Da das Haus auf einer geräumigen Lichtung stand, war jetzt sogar wieder der Mond zu sehen.

„Tadaaa! Na, hab ich dir zu viel versprochen?“, fragte Cassie zufrieden, parkte den Wagen neben dem Haus und stellte den Motor ab.

„Kommt drauf an, wie’s drinnen aussieht“, meinte Linda grinsend, jetzt wieder deutlich entspannter.

„Tja, da hast du natürlich recht. Wir werden erst mal die ganzen Spinnweben wegmachen müssen, bevor wir da drin schlafen können, ganz zu schweigen von den toten Fliegen und lebendigen Riesenkäfern“, erwiderte Cassie.

Sie genoss einen Moment lang Lindas völlig entsetzten Gesichtsausdruck, dann konnte sie sich das Lachen doch nicht mehr verkneifen.

„Wie schade, dass meine Kamera im Kofferraum liegt! Keine Angst, meine Mutter hat Pia und Ken, das Ehepaar, das hier regelmäßig nach dem Rechten sieht, gebeten, alles sauber zu machen und für uns vorzubereiten. Wir haben Gas, Strom, Warmwasser und wahrscheinlich sogar frisch bezogene Betten. Aua!“ Sie rieb sich die Stelle am Oberarm, wo Linda sie unsanft geknufft hatte. „Ist das der Dank dafür, dass ich dir hier vier Wochen lang einen Traumurlaub im Luxusdomizil mit eigenem Sandstrand biete?“

Linda murmelte nur undeutlich vor sich hin, doch das erinnerte Cassie selbst unsanft daran, dass dies nicht ganz der Urlaub war, den sie für die Semesterferien geplant hatte. Eigentlich wäre sie jetzt schon mit Tom auf der Jacht seines Vaters durch die Florida Keys gesegelt. Seit drei Monaten freute sie sich darauf – und dann hatte Tom sie im letzten Moment ausgeladen. Mit der fadenscheinigen Ausrede, sein Vater hätte ihm ein Projekt im Familienunternehmen aufgedrückt und gedroht, ihn zu enterben, wenn er sich nicht darum kümmere. Er müsse dringend nach New York und dort eine Zweigstelle eröffnen, blabla … So ein Quatsch.

Cassie hatte freiwillig darauf verzichtet, nachzuhaken oder gar nachzuforschen, was an dieser Geschichte wirklich dran war, denn wahrscheinlich steckte wieder mal ihr Stiefbruder Marc dahinter. Bis jetzt hatte er noch jeden Jungen, der sich für sie interessierte, in die Flucht geschlagen …

„Was ist jetzt? Wollen wir nicht aussteigen?“, unterbrach Linda ihre Gedanken.

„Was? Ach so, klar.“

Nicht drüber nachdenken, sagte Cassie sich und öffnete schwungvoll die Autotür. Jetzt bist du eben mit Linda in den Bergen und machst das Beste daraus. Irgendwann würde sie sich mal in einen Typen verlieben, der sich auch von einem Marc nicht beeindrucken ließ. Und bis dahin würde sie nicht mal ihrer besten Freundin Linda davon erzählen – die kannte auch nur die „Tom-musste-dringend-nach-New-York-und-hat-unseren-Urlaub-dafür-sausen-lassen“-Geschichte. Dass es ihr lieber Stiefbruder war, der es immer wieder schaffte, ihre Freunde in die Flucht zu schlagen, war einfach zu peinlich.

Sie stieg aus und angelte vom Rücksitz ihre Umhängetasche, in der sie auf dem Weg zur Haustür nach dem Schlüssel kramte. Mittlerweile war sie selbst gespannt, wie es drinnen aussah. Sie war ja schon eine ganze Weile nicht mehr am Emerald Lake gewesen, während ihre Mutter und ihr Stiefvater Pete öfter ein langes Wochenende hier verbrachten.

Die Haustür erreichte man über eine breite Veranda, zu der ein paar Stufen führten. Als sie sich näherten, ging das Verandalicht an. Der Bewegungsmelder funktionierte also. Die Tür war nur durch ein Vorhängeschloss gesichert, wie es sich für eine Blockhütte gehörte. Von innen gab es einen Riegel für nachts. Pete hatte damals Wert darauf gelegt, alles so authentisch wie möglich zu halten, daran erinnerte sich Cassie noch. Sie war sieben oder acht gewesen, als ihre Mom und Pete die Hütte gekauft und eingerichtet hatten. Bei einigen Dingen hatte sich ihre Mutter durchgesetzt – es gab eine richtige Küche mit Gasherd und gasbetriebenem Kühlschrank, einen großen Gastank hinter dem Haus und ein kleines Bad mit Dusche – bei anderen, wie der rustikalen Haustür, hatte Pete gewonnen.

Nachdem sie endlich den Schlüssel in das Vorhängeschloss bekommen hatte, zog Cassie die Tür auf.

„Willkommen im Fünfsterneresort Emerald Lake“, sagte sie, tastete nach dem Lichtschalter und zog Linda ins Haus. Der Strom für das Licht kam von einem Generator hinter dem Haus, den Pia und Ken auch schon in Betrieb genommen hatten. Er hatte eine Zeitschaltuhr und lief nur vom Einbrechen der Dunkelheit bis Mitternacht – ein weiterer Kompromiss zwischen Petes Wunsch, das Leben in der Hütte so ursprünglich wie möglich zu halten, und Moms praktischem Denken.

Sie standen direkt im Hauptwohnraum, der zugleich Wohnzimmer und Küche war. Die eine Hälfte nahmen die Küchenzeile und ein großer Esstisch mit rustikalen Holzstühlen ein, die andere Hälfte eine gemütliche Sitzecke mit Couchtisch. Auf dem Boden lagen bunte, gewebte Indianerteppiche, an den Holzwänden hingen Traumfänger in allen Größen und Varianten, die ihre Mutter sammelte. Auf dem Couchtisch stand ein großer Blumenstrauß, und darunter lag eine riesige Schachtel Pralinen.

Mit klopfendem Herzen griff Cassie nach der Karte, die an der Blumenvase lehnte. Einen winzigen Moment lang hoffte sie, die Überraschung wäre von Tom. Vielleicht hatte er herausbekommen, wo sie war, hatte seine Meinung geändert, wollte sich mit ihr treffen …

Cassie, ein herzliches Willkommen von Deiner Mom und Pete. Sie wünschen Euch Mädchen eine schöne Zeit am Emerald Lake! Wenn Ihr was braucht, meldet Euch bei uns, wir helfen gern. Pia & Ken Mussin

Cassie versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, zumal sie sich ja über die nette Geste freute, und las Linda die Karte vor.

„Das ist ja lieb“, meinte Linda. „Du hast echt Glück mit deinen Eltern.“

Das stimmte. Streng genommen war Pete zwar ihr Stiefvater, aber sie kam bestens mit ihm aus. An ihren eigenen Vater erinnerte sie sich kaum; er hatte sie und ihre Mutter verlassen, als sie noch ganz klein war. Aber Pete war ein Schatz. Er vergötterte ihre Mutter und gab Cassie immer das Gefühl, seine leibliche Tochter zu sein.

Cassie unterdrückte ein Seufzen. Wenn nur ihr Stiefbruder Marc nicht wäre … Er war Petes Sohn aus erster Ehe, drei Jahre älter als sie und nahm seine Rolle als „großer Bruder“ für ihren Geschmack ein bisschen zu ernst.

„Wo geht es da hin?“, unterbrach Linda ihre Gedanken und deutete auf die beiden Türen im hinteren Teil des Raumes.

„Zu den Schlafzimmern. Wir haben drei. Du kannst dir eins aussuchen.“

Sie durchquerte das Wohnzimmer und öffnete schwungvoll die Türen. Hinter der rechten lag das Elternschlafzimmer, in dem ein riesiges Doppelbett stand, hinter der anderen zwei kleinere Zimmer, die durch eine Schiebetür getrennt und mit je zwei Einzelbetten bestückt waren. Dazwischen lag das Bad, das sowohl vom Elternschlafzimmer als auch dem vorderen Schlafraum zugänglich war.

„Wow, wofür braucht ihr hier so viele Betten? Ihr seid doch nur zu viert“, fragte Linda.

„Meine Eltern laden oft Freunde ein, wenn sie hier sind“, erklärte Cassie. „Und seit ich zwölf oder dreizehn bin, war ich immer sehr froh, dass ich mir das Zimmer nicht mit Marc teilen musste, wenn wir hier Urlaub gemacht haben.“

„O ja, das kann ich verstehen.“ Linda hatte drei Brüder. Erst vor Kurzem, als ihr ältester Bruder ausgezogen war, hatte sie sich ein eigenes Zimmer erobert. „Obwohl – ich fände es jetzt nicht wirklich schlimm, mir ein Zimmer mit Marc zu teilen. Oder ein Bett …“ Sie kicherte und wurde rot.

Cassie warf ihr einen bösen Blick zu. Hatte ihr Stiefbruder sich etwa jetzt auch noch an ihre Freundin rangemacht? Zuzutrauen wäre es ihm. Aber egal. Jetzt war Marc weit weg, und sie hatte vier Wochen lang ihre Ruhe.

„Also, was meinst du? Wollen wir im selben Zimmer schlafen oder …“, fragte sie, wurde aber von einem dumpfen Klatschen unterbrochen. Erschrocken drehte sie sich zum Fenster um. Etwas Großes, Schwarzes flog mit einem unheimlichen Geräusch immer wieder gegen die Scheibe. Es klang nicht wie das aufgeregte Flattern eines Vogels, der gegen ein unerwartetes Hindernis anfliegt, sondern eher, als schlage jemand ein nasses Handtuch gegen das Glas.

„Was … was ist das?“, kreischte Linda entsetzt.

Cassie schluckte. Klar, die Hütte stand mitten im Wald in den einsamen Bergen, und man konnte hier allen möglichen Tieren begegnen – Rehen und Hirschen, Streifenhörnchen, Berglöwen, sogar Bären. Aber bis auf die Streifenhörnchen waren die normalerweise alle ziemlich scheu und darauf aus, eine Begegnung mit Menschen zu vermeiden. Von einer Tierart, die sich mit Gewalt Einlass in die Hütte verschaffen wollte, hatte Pete – der sich mit so was richtig gut auskannte – nie etwas erwähnt.

„Keine Ahnung“, gab sie zurück. „Wahrscheinlich irgendein Tier, das vom Licht angezogen wird. Komm, wir gehen ins Wohnzimmer.“

Sie nahm Linda bei der Hand und zog sie zurück in den Wohnraum, schaltete das Licht im Schlafzimmer aus und zog die Tür zu. Noch ein paarmal war das unheimliche Klatschen gedämpft zu hören, dann wurde es still.

„Na siehst du“, sagte Cassie erleichtert. „Nur irgendein Nachtvogel.“

Trotzdem ging sie vorsichtshalber zur Haustür und legte den Riegel vor. Genau in dem Moment klatschte das dunkle Etwas gegen das Küchenfenster.

Linda schrie auf und sprang sie von hinten an, was Cassie fast genauso erschreckte wie das Geräusch am Fenster.

„Hey, du erwürgst mich ja“, brachte sie hervor.

„Tut mir leid.“ Linda nahm ihren Arm weg. „Ich hab eben Angst! Was ist das für ein Ding?“

Cassie atmete tief durch. „Irgendein Tier, was soll es denn sonst sein? Hier brennt ja nicht so oft Licht. Da müssen die halt mal nachschauen, was hier los ist.“

Wie immer half es ihr, die Dinge von der komischen Seite zu sehen. Linda war allerdings nicht so leicht zu beruhigen.

„Aber was machen wir denn jetzt?“

„Wir holen unsere Sachen aus dem Auto und gehen ins Bett. Ich bin ganz schön müde, du nicht?“

Entsetzt starrte Linda sie an. „Du meinst, wir gehen noch mal da raus?“

„Wieso denn nicht? Draußen haben wir doch Licht.“

„Ja, aber … dieses Ding …“

Immer noch klatschte das unförmige Etwas in unregelmäßigen Abständen gegen das Fenster.

„Ja, ich hoffe, es tut sich nichts. Wir sollten so schnell wie möglich alle Lichter ausmachen, damit es Ruhe gibt.“

„Können wir nicht einfach gleich ins Bett gehen?“, fragte Linda.

Mit jemandem an ihrer Seite, der ihre Vernunft bestärkte, wäre Cassie ohne Zögern noch einmal zum Auto gegangen. Doch Lindas offensichtliche Nervosität übertrug sich langsam auf sie, und es wurde ihr immer unheimlicher, obwohl sie einfach wusste: „Das Ding“ am Fenster konnte nur ein Tier sein. Und wahrscheinlich würde der Spuk von selbst aufhören, wenn sie einfach alle Lichter löschten und ins Bett gingen. Vielleicht war das wirklich die beste Idee.

„Meinetwegen“, antwortete sie. „Wenn du nichts mehr aus dem Auto brauchst? Im Bad müssten ein paar unbenutzte Zahnbürsten liegen; meine Eltern hatten früher immer welche hier.“

Linda rannte fast zurück in das erste Schlafzimmer und flüchtete sich, ohne dort Licht zu machen, ins fensterlose Bad. Wahrscheinlich war es wirklich besser, das Deckenlicht im Schlafzimmer nicht mehr einzuschalten, aber Cassie hatte auch keine Lust, im Dunkeln herumzuirren.

Früher hatte immer eine Taschenlampe in der untersten Küchenschublade gelegen …

Es kostete sie etwas Überwindung, näher an die Küchenzeile und damit an das Fenster heranzugehen, an das noch immer in unregelmäßigen Abständen der schwarze Schatten klatschte. Was war das bloß für ein seltsames Tier? Von drinnen sah es fast aus wie eine große schwarze Hand …

Jetzt mach dich bloß nicht auch noch verrückt, rief sich Cassie zur Ordnung. Es reicht ja wohl, wenn Linda fast ausflippt.

Sie bückte sich und zog die unterste Schublade auf, wo tatsächlich die Taschenlampe lag. Gerade als sie sich wieder aufrichten wollte, hörte sie über sich eine Stimme.

„Da bist du ja endlich. Ich warte schon so lange auf dich …“

Erschrocken richtete Cassie sich auf. Dabei stieß sie sich die Schulter an der Arbeitsplatte.

„Aua, verflixt! Was, zum Teufel …“

Während sie sich die Schulter rieb, schaute sie in Richtung Bad, doch die Tür war immer noch zu, und nur ein schmaler Lichtstreifen schien darunter hervor. Offenbar fühlte sich Linda dort wohl. Aber wer hatte dann gerade mit ihr geredet?

Unwillkürlich wandte sie sich zum Fenster um – und schrie auf. Statt des schwarzen Schattens sah sie dort ein Gesicht. Oder was sie dafür hielt – denn bevor sie es richtig erkennen konnte, war Linda neben ihr.

„Was ist passiert? Was hast du?“, fragte sie und klammerte sich an ihren Arm.

Die Berührung holte Cassie in die Realität zurück. Gleich fühlte sie sich wieder besser. Wahrscheinlich hatte sie sich das Gesicht nur eingebildet. Eine Lichtreflexion auf den verwischten Abdrücken, die das Tier auf dem Fenster hinterlassen hatte, oder so etwas.

„Sorry, alles gut“, beruhigte sie Linda. „Ich hab mich gestoßen, als ich nach der Taschenlampe gesucht habe.“ Sie schwenkte das Teil, das so lang und dick wie ihr Unterarm war. „Aber nun habe ich sie. Wir brauchen also nicht im Dunkeln ins Bett zu schleichen. Und wenn das Viech noch mal an unser Fenster flattert und uns stört, kann ich ihm damit auch noch eine drüberziehen.“

Das brachte sogar Linda zum Lachen. „Das glaubst du ja wohl selbst nicht. Eher leuchtest du ihm, damit es die Nacht schön kuschelig in deinem Bett verbringen kann, du Tierfreundin. Können wir jetzt schlafen gehen, damit das endlich aufhört?“

Nach einem letzten Blick zum Fenster – wenn sie sich das Gesicht auch eingebildet hatte, die Stimme hatte sie doch wirklich gehört, oder? – wandte sich Cassie achselzuckend ab, knipste das Deckenlicht aus, die Taschenlampe an und folgte Linda in den vorderen Schlafraum.

„Ist es für dich okay, wenn wir heute Nacht beide hier drin schlafen?“, fragte Linda.

„Na klar, sonst ist es doch nicht lustig“, gab Cassie zurück.

Ein Tier, das vom Licht angelockt wurde, war eine Sache. Aber die Erinnerung an diese sanfte und gleichzeitig etwas sehnsüchtige Stimme verursachte ihr im Nachhinein eine Gänsehaut.

Nachdem sie sich die Zähne geputzt hatte, schlüpfte sie in T-Shirt und Slip unter die Steppdecke, die Linda in Schein der Taschenlampe schon für sie aufgeschlagen hatte.

„Und, ist es weg?“, flüsterte sie.

Ich warte auf dich …

„Ich glaube schon“, erwiderte Linda ebenso leise. „Aus der Küche habe ich auch nichts mehr gehört.“

„Na siehst du“, sagte Cassie und versuchte, dabei überzeugter zu klingen, als sie es in Wirklichkeit war. „Morgen gehen wir der Sache nach. Wahrscheinlich war es nur ein Vogel oder so was.“

Ein Vogel mit weißblonden Haaren und eisblauen Augen, wenn das, was sie am Fenster gesehen hatte, nicht nur ein Lichtschimmer gewesen war …

2. KAPITEL

„Guten Morgen, Langschläferin, willst du denn gar nicht aufstehen? Draußen scheint die Sonne, und der See wartet auf uns!“

Stöhnend zog sich Cassie die Decke über den Kopf. Anscheinend hatte Linda die kleine Gruseleinlage vom Vorabend glänzend weggesteckt – ganz im Gegensatz zu ihr. Obwohl sich am Fenster nichts mehr gerührt hatte, hatte sie ewig nicht einschlafen können. Und als die Müdigkeit dann schließlich doch siegte, war sie nur in einen leichten Dämmerschlaf gefallen, in dem sie immer wieder die seltsame Stimme zu hören glaubte.

Wann kommst du? Ich warte auf dich …

Weder die Stimme an sich noch die Worte wirkten bedrohlich – ganz im Gegenteil, beides klang so sehnsüchtig, dass es schon fast schmeichelhaft war. Aber wieso hörte sie überhaupt eine Stimme, wo keine sein konnte? Das hatte Cassie sogar im Schlaf zu denken gegeben.

„Geh weg“, murmelte sie, als Linda an ihrer Decke zupfe. „Ich will noch schlafen.“

„O Mann, es ist schon fast zehn! Ich wollte eigentlich vor dem Frühstück eine Runde schwimmen, aber inzwischen habe ich einen Riesenhunger.“

„Dann iss doch was“, gab Cassie von unter der Decke zurück.

„Sehr witzig. Alle unsere Sachen sind im Auto. Das ist abgeschlossen, und ich weiß nicht, wo du den Schlüssel hingelegt hast. Ich kann ihn nirgends finden.“

Seufzend streckte Cassie den Kopf unter der Decke vor.

„Ehrlich gesagt, ich hab keine Ahnung.“

Sie hatte den Schlüsselbund noch in der Hand gehabt, als sie Linda die Räume gezeigt hatte. Doch dann hatte dieses Tier sie so verrückt gemacht, dass sie tatsächlich nicht mehr wusste, wo sie den Schlüssel danach gelassen hatte. Da half wohl nur suchen, denn an den offensichtlichen Plätzen hatte Linda bestimmt schon selbst nachgeschaut.

Seufzend setzte sie sich auf. Jetzt war sie endgültig wach, da konnte sie auch gleich aufstehen. Offenbar sah sie so aus, wie sie sich fühlte, denn Linda blickte sie zerknirscht an.

„Was ist denn mit dir los? Hast du schlecht geschlafen? Tut mir echt leid. Wenn ich das geahnt hätte, hätte ich dich noch nicht geweckt.“

„Ach was, schon gut. Du hast recht, nach einer Runde im See fühle ich mich bestimmt besser. Aber erst was essen. Ich hoffe, dieser Rosinentoast, den wir gestern gekauft haben, schmeckt noch so gut wie früher.“

„Und wo hast du die Autoschüssel hingetan?“

Verflixt.

„Hast du schon überall geschaut?“, fragte Cassie hoffnungsvoll.

„Ja, klar. So groß ist die Hütte jetzt auch wieder nicht. Weißt du es etwa nicht mehr?“

Als Cassie nicht antwortete, zuckte Linda die Achseln. „Weit können sie ja nicht sein. Als wir gestern reingekommen sind, hattest du sie in der Hand. Dann hast du mir die Zimmer gezeigt, und dann kam dieses blöde Viech …“

Genau so weit war Cassie in ihren Überlegungen auch schon gekommen.

„Dann sind wir in die Küche gegangen, du hast die Taschenlampe geholt und …“

Die Taschenlampe! Bei der Erinnerung an das Gesicht, das sie am Fenster zu sehen geglaubt hatte, bekam Cassie eine Gänsehaut. Aber immerhin wusste sie jetzt, wo die Schlüssel waren.

„Ich muss sie in ...

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