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Der Concierge

Über den Autor

Jürgen Carl, den meisten schlicht bekannt als »Herr Carl«, wurde im Oktober 1939 in einem Dorf bei Bunzlau/Schlesien geboren. Er hatte neun Geschwister und wuchs in einem Kinderheim in Franken auf. Nach dem Volksschulabschluss absolvierte er eine Gärtnerlehre, war Gärtner bei den Ludwigshafener Stadtwerken und wechselte dann ins Hotelfach. Seit 1966 tut er ununterbrochen Dienst im Steigenberger-Hotel »Frankfurter Hof«. Er begann dort als einfacher Kofferträger und arbeitete sich zum Chefconcierge hoch.

INHALT

  1. Entrée
  2. I. Felix Carl – oder: Die Halle
  3. II. Menschen im Hotel
  4. III. Ihr habt die Uhren – wir haben die Zeit
  5. IV. Der Junge mit der Kohlenschaufel
  6. V. Die goldenen Schlüssel
  7. VI. Bücher und anderer Luxus – oder: Warum eine reife Mango Glück bedeuten kann
  8. VII. Von guten Mächten wunderbar geborgen
  9. VIII. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne
  10. Dank

ENTRÉE

»Ein prachtvoller Kronensaal mit Porphyrsäulen und in der Höhe des Entresols umlaufenden Galerie nahm mich auf, wo viel Menschheit hin und wider wogte und reisefertig gekleidete Personen, auch Damen mit zitternden Hündchen auf dem Schoß, wartend die tiefen Fauteuils einnahmen, welche auf Teppichen an den Säulen standen.«

Ich ließ das Buch sinken. Meine schrundigen Finger, von denen ich den Schmutz und die Erdreste kaum mehr abbekam, egal, wie heftig ich schrubbte, blieben dabei leicht an den Seiten hängen. Ich bekam eine Gänsehaut. Das kostbare Buch! Es hatte so viel Geld gekostet!

Welch wunderbare Welt mir Thomas Mann in seiner unvergleichlichen Sprache vor Augen führte. Eine Welt, die ich noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte und wahrscheinlich auch nie sehen würde. Aber es gab sie, das wusste ich. Die Welt der Grandhotels, in denen feine Damen und gebildete Herren ein- und ausgingen, wo sie speisten und wohnten. Eine Welt voller Magie, die ich nur vom Hörensagen kannte – und von Felix Krull. Und in dieser Welt arbeiteten Menschen, ganz normale Menschen. Sie schleppten Koffer, hielten Türen auf, halfen Damen in den Wagen, nahmen Herren die Mäntel ab und waren behilflich, wo immer sie gebraucht wurden.

Das Zentrum dieses Kosmos war die Conciergeloge, in der »ein matt und kalt blickender Herr in goldbetreßtem Gehrock und offenbar an hohe Kontributionen gewöhnt, in drei oder vier Sprachen dem die Loge umdrängenden Publikum Auskünfte erteilte und zwischenein solchen Gästen des Hotels, die danach verlangten, mit distinguiertem Lächeln ihre Zimmerschlüssel überhändigte«.

Etwas begann in mir zu klingen, je länger ich Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull las. »Ach«, dachte ich beim Lesen hin und wieder sehnsüchtig, »was ist das doch für eine schöne Welt! Vielleicht wäre das auch etwas für mich?«

Noch heute schüttle ich beim Gedanken daran den Kopf. Ich war ein Naivling, ein Gärtner, der von Hotels und vom Hotelfach überhaupt keine Ahnung und außer durch die Brille des alten Zauberers noch nie ein Hotel von innen gesehen hatte. Ausgerechnet ich, der ich in der Bescheidenheit eines evangelischen Kinderheims groß geworden war, wollte in solch einer luxuriösen Umgebung arbeiten?

Vielleicht war es Fügung, so wie vieles in meinem Leben Fügung war und mich in eine neue Richtung lenkte. Die Lektüre von Felix Krull war jedenfalls mein erster Kontakt mit dem Hotelfach. Und Thomas Manns faszinierender Roman war es dann auch, der mich letzten Endes dazu bewog, den entscheidenden Schritt zu tun und mich um eine Anstellung in einem Hotel zu bewerben.

Das ist heute mehr als fünfzig Jahre her, und ich habe die Entscheidung noch an keinem einzigen Tag, zu keiner einzigen Stunde bereut. Ich kann mir nichts Faszinierenderes vorstellen, als in einem großen Hotel zu arbeiten, denn ein Hotel ist eine Welt im Kleinen. In einem Hotel spiegelt sich all das, was auch draußen das Leben der Menschen prägt: Liebe und Leid, Glück und Unglück, Wohlstand und Armut, Hoffnung und Enttäuschung, Erfolg und Misserfolg, Wahrheit und Täuschung, Gesundheit und Krankheit, Leben und Tod.

Wer in einem Hotel arbeitet, wird mit all diesen Dingen konfrontiert, tagtäglich. Deshalb ist im Hotel kein Tag wie der andere. Man weiß nie, was einen erwartet, wenn man seinen Dienst antritt. Man kann noch so gut vorbereitet sein, und doch kann alles ganz anders kommen als gedacht.

Das ist das Faszinierende, aber auch das Herausfordernde an diesem Beruf. Nur Menschen, die von der Arbeit in einem Hotel geradezu hypnotisiert sind, halten diese ständige Spannung aus und sind trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – in der Lage, ihre Arbeit gut und mit Freude zu machen.

Mein Beruf hat mir zudem Gelegenheit verschafft, vielen wunderbaren, sonderbaren, beeindruckenden Menschen nicht nur zu begegnen, sondern sie in vielen Fällen auch näher kennen zu lernen. Aus einigen dieser Begegnungen sind im Lauf der Jahre sogar Freundschaften entstanden.

Dabei mache ich immer wieder die Erfahrung, dass Gäste als etwas Besonderes erleben, was im Dienstleistungsgewerbe eigentlich normal sein sollte: die Hinwendung zu den Menschen, die zu uns kommen, der Wunsch, ihnen jeden Wunsch bestmöglich zu erfüllen.

Der fast überschwängliche Dank, den ich oft ernte, wenn ich einem Gast bei der Lösung eines Problems geholfen habe oder dafür sorgen konnte, dass ihm ein besonderer Wunsch erfüllt wurde, beschämt mich manchmal. Denn das, was meine Kollegen und ich für unsere Gäste tun, ist keine besondere Leistung. Es ist unsere Aufgabe, unsere Pflicht, es gehört zu unserem Berufsbild – und vor allem: Es macht uns Freude.

Deshalb habe ich mich überzeugen lassen, dieses Buch zu schreiben. Es soll zeigen, was den Beruf des Concierges ausmacht, so wie ich ihn verstehe, und es soll vor allem ein Dank sein an unsere langjährigen und treuen Gäste.

Es soll aber auch ein wenig von den vielen unterschiedlichen Erfahrungen mit Menschen widerspiegeln, die ich im Lauf meines Lebens machen durfte, und von den Erkenntnissen erzählen, die ich daraus ziehen konnte.

So wurde mir beim Schreiben immer klarer, dass mir drei Dinge besonders am Herzen liegen und sich deshalb wie ein roter Faden durch die Geschichten meines Lebens ziehen: das Streben nach Menschlichkeit, nach Toleranz und nach Respekt gegenüber anderen.

Ich möchte Sie einladen, mir über die Schulter zu schauen und mich während einer Woche bei meinem Tun im und außerhalb des »Steigenberger Frankfurter Hof«, wie der vollständige und korrekte Name des Hauses lautet, zu begleiten. Vielleicht gelingt es mir, Ihnen ein wenig von der Faszination zu vermitteln, die die Arbeit in einem Hotel ausmacht, und von der Zufriedenheit, die daraus erwächst. Es sind diese beiden Faktoren, die es mir erlauben, über mich zu sagen: Ich bin ein glücklicher Mensch, denn ich habe meinen Platz gefunden.

I. FELIX CARL – ODER: DIE HALLE

SONNTAG

Goldfarbene, sonnenbeschienene Säulen ragen im Halbrund vor mir auf, zeitlos, ehrfurchtgebietend. Es sind die Säulen, die den imposanten Ehrenhof des Frankfurter Hof umschließen. Für mich strahlen sie stets einen Hauch von Ewigkeit aus.

Fein gekleidete Menschen kommen mir gemächlich auf dem Gehsteig entgegen, entspannt plaudernd, lachend, nicht so gehetzt, hektisch und stur geradeaus blickend, wie das unter der Woche meist der Fall ist.

Wo sonst ein Auto nach dem anderen vorbeifährt, herrscht hier in der Frankfurter Innenstadt, rund um den Kaiserplatz, feiertägliche Stille. Man kann sogar hin und wieder Vogelgezwitscher hören, inmitten von Hochhäusern und Bürogebäuden, wo kaum ein Baum wächst.

Ich liebe diese Stadt, und ganz besonders liebe ich sie am Sonntag. Sie ist meine Heimat seit über vierzig Jahren, die Stadt, in der ich bis heute mehr als die Hälfte meines Lebens verbracht habe. Und es ist die Stadt, in der das Haus steht, dem ich unendlich viel zu verdanken habe: der altehrwürdige Frankfurter Hof, die First Lady der Frankfurter Luxushotels und, wie manche meinen, auch die First Lady der deutschen Grandhotels. Zu Recht, wie ich finde. Aber das ist meine ganz persönliche Meinung, denn ich bin befangen: Welcher Concierge wäre nicht stolz auf »sein« Hotel?

Der Sonntag ist gemeinhin in Deutschland der Tag, an dem die meisten Menschen frei haben. Sie erholen sich von den Anstrengungen der zurückliegenden Arbeitswoche und sammeln Kraft für das, was vor ihnen liegt.

Bei mir ist es anders: Seit Jahren ist der Sonntag für mich der erste Tag meiner Arbeitswoche. Mein Dienst beginnt in der Regel um 14:30 Uhr und endet um 23 Uhr. Das hat mit meinem Glauben zu tun: Mein Sonntag ist der Samstag. Aber davon später.

Der Sonntag im Frankfurter Hof ist etwas Besonderes. Es ist ja ein Hotel, in dem überwiegend Geschäftsreisende absteigen, und kein Ferienresort. Das Gebäude liegt mitten in der Stadt und ist der bevorzugte Wohnort von Geschäftsleuten, Managern und Industriellen, die in der deutschen Bankenmetropole ihren Geschäften nachgehen. Familien sieht man hier eher selten. Und wenn, dann begleiten Frauen und Kinder ihre Männer und Väter auf Geschäftsreisen.

So ist es unter der Woche. Aber am Sonntag kommen die Frankfurter selbst, um hier zu brunchen oder um nachmittags Tee zu trinken in der schönen Lobby mit den eleganten, klassischen Polstersesseln, den bequemen Sofas und dem blauen Teppichboden mit dem hellen Muster. Ganz Hartgesottene trinken auch schon mal ein erstes Gläschen Bier oder Champagner in der berühmten Autorenbar. Es sind wohlhabende, vornehme Menschen, gut angezogen und mit guten Manieren, meistens jedenfalls. Zum Brunch bringen viele auch ihre Kinder mit, das ist heute nicht anders als vor dreißig oder vierzig Jahren.

Manche der heute Erwachsenen kannte ich schon, als sie noch klein waren. Damals kamen sie mit ihren Eltern zum Frühstück oder zum Nachmittagstee ins Hotel und langweilten sich entsetzlich. Sie trugen Sonntagskleidung, die sie nicht bekleckern durften, mussten stillsitzen, durften nicht laut reden und hatten sich anständig zu benehmen.

Früher oder später standen sie dann alle bei mir in der Halle, nachdem sie endlich von den Eltern die Erlaubnis bekommen hatten, vom Tisch aufzustehen. Aus irgendeinem Grund mögen Kinder mich gerne, und diese Sympathie beruht auf Gegenseitigkeit. Sie bewunderten meine graue Uniform mit den schönen goldenen Knöpfen, durften, wenn sie wollten, auch mal Hoteldiener spielen und eine Tasche tragen, wenn sie nicht zu schwer war, und zur Belohnung gab es statt Trinkgeld eine Runde Aufzug fahren, wenn sonst wenig los war.

Kinder schätzen es sehr, wenn ein Erwachsener ihnen Zuwendung schenkt, und sie vergessen ihm das nicht. Da sind Kinder nicht anders als Erwachsene: Wenn sie merken, dass man es gut mit ihnen meint, hat man sie gewonnen fürs Leben. Auch Kinder sind Gäste und verdienen es, dass man ihnen Aufmerksamkeit und Respekt entgegenbringt. Häufig denke ich, das sollte nicht nur für das Hotel gelten, sondern für den Umgang mit Kindern generell. Vielleicht gäbe es dann ein paar Probleme weniger auf der Welt.

Ich betrete das Hotel durch den Personaleingang, der sich an der Rückseite des Gebäudes befindet. Der Haupteingang an der Seite ist für die Gäste reserviert.

Viele Gäste, die das erste Mal zu uns kommen, sind erstaunt, dass der Haupteingang nicht hinter den Säulen des Ehrenhofs liegt, wie man das vielleicht erwarten würde, sondern sich fast bescheiden an der linken Seite versteckt. Das Gefühl trügt sie nicht: Tatsächlich befand sich der Haupteingang vor dem Zweiten Weltkrieg hinter der imposanten Front und wurde erst im Zuge des Wiederaufbaus verlegt. Dadurch kann der Ehrenhof heute als Terrasse für das Gourmetrestaurant Français und das Restaurant Oscar’s dienen und bildet eine Oase inmitten des Verkehrs der Frankfurter Innenstadt.

Hinter einer Glastür, die rund um die Uhr offen steht und vor der der uniformierte Wagenmeister den ankommenden Gästen zur Hand geht, führen acht mit rotem Teppich belegte Stufen zu einer zweiten Glastür hinauf. Und dann öffnet sich die Halle: Die Fußböden sind aus schimmerndem weißem Marmor, die weißen Wände sind holzvertäfelt, in der Mitte des Raumes steht ein exquisiter runder Empire-Tisch, auf dem stets ein riesiger, raffiniert arrangierter Blumenstrauß die Blicke der Besucher auf sich zieht.

Hinten und an der rechten Seite des Raumes gibt es marmorne Tresen, an denen die Gäste empfangen werden, einchecken und zum Schluss bezahlen. Und hier befindet sich auch mein Arbeitsplatz seit vielen Jahren: die Loge des Concierge. Neun Stunden am Tag stehe ich hinter dem Tresen, begrüße Gäste, beantworte Fragen, trage Koffer, wenn gerade kein Hoteldiener zur Verfügung steht, erledige Besorgungen, beantworte Telefonate und diene als Blitzableiter, wenn einmal etwas nicht so funktioniert, wie es sollte. Und das kommt auch in einem Haus wie dem unseren vor. Denn jedes Hotel, selbst das beste und teuerste, ist ein Unternehmen, in dem Menschen arbeiten. Sie geben ihr Bestes, aber jeder macht auch ab und zu Fehler. Dafür, dass solche Fehler unkompliziert und zur Zufriedenheit des Gastes wiedergutgemacht werden, leistet sich ein Hotel einen Concierge.

Längst nicht jedes Hotel hat einen Concierge, doch wenn es ihn gibt, so ist das ein Zeichen für ein echtes Luxushotel. Denn ein Concierge ist selbst ein Luxus. Er ist der Luxus, den ein Luxushotel sich leistet, um sicherzustellen, dass die Wünsche seiner anspruchsvollen, weit gereisten und viel beschäftigten Klientel in der bestmöglichen Weise befriedigt werden.

Menschen, die viel reisen, wissen, was sie erwarten können, wenn sie in einem Fünf-Sterne-Haus ankommen: Sie sollen sich fühlen, als kämen sie nach Hause. Deshalb gibt es einen festen Ablauf, nach dem neu ankommende Gäste in Empfang genommen werden.

Wenn alles seine Richtigkeit hat, werden sie draußen vor dem Eingang zuerst vom Wagenmeister begrüßt, der ihnen das Gepäck abnimmt und vielleicht auch das Auto wegfährt. Dann geht der Gast zum Empfang, um dort einzuchecken. Viele Stammgäste kommen aber auch erst zu mir, weil sie mich hinter meinem Tresen sehen und mich kennen. Manche, die ich schon lange kenne, umarme ich sogar zur Begrüßung – besonders gerne Frauen, das gebe ich zu. Aber solch eine persönliche Geste ist tatsächlich ungewöhnlich, nicht jeder Concierge kann sie sich erlauben. Sicherlich hat es mit meinem Alter zu tun und damit, dass sich zu vielen meiner Gäste über lange Jahre ein Verhältnis aufgebaut hat, das über eine normale geschäftliche Bekanntschaft hinausgeht. Jüngeren Kollegen, die noch am Anfang ihrer Conciergelaufbahn stehen, würde ich jedoch abraten, mich in dieser Hinsicht kopieren zu wollen. Jeder Mensch hat seinen eigenen Stil und seine eigenen Qualitäten, und diese sollte er hervorheben.

In gewisser Weise bin ich – so glaube ich jedenfalls – ein Unikum. Wenn ich zu einem weiblichen Gast sage: »Sie sehen heute aber wieder blendend aus!«, dann kann ich das sagen, weil ich die Dame schon lange kenne und das auch so meine. Aber ich weiß genau, bei wem ich das sagen darf, und bei wem ich es besser bleiben lassen sollte. Entscheidend ist, dass ein solches Kompliment wirklich von Herzen kommt und nicht eine bloße Höflichkeitsfloskel ist. Sonst halte ich besser meinen Mund.

Hat der Gast am Empfangstresen eingecheckt und seinen Zimmerschlüssel erhalten – der früher ein richtiger Schlüssel war, aber heute aus Sicherheitsgründen aus einer codierten Plastikkarte besteht –, wird er von einem Angestellten auf sein Zimmer begleitet. Dies ist die Aufgabe des Pagen oder des Hoteldieners. Er trägt die Koffer aufs Zimmer und erklärt dem Gast alles, was er wissen muss, um sich in dem Zimmer und im ganzen Haus so rasch wie möglich heimisch zu fühlen.

Genau so habe auch ich angefangen. Ich war jahrelang Hoteldiener, bis ich mich zum Portierassistenten und schließlich zum Concierge hocharbeitete.

Mitte der fünfziger Jahre, ich war neunzehn, Deutschland begann gerade, sich von den Folgen des Zweiten Weltkriegs zu erholen, beschloss ich, mein Glück im Hotelgewerbe zu suchen.

Ich hatte noch nie ein Hotel von innen gesehen. Mein gesamtes Wissen darüber, wie es in einem Hotel zugeht, hatte ich aus Felix Krull – und der spielt nicht in einer normalen Herberge, sondern in einem prächtigen Luxushotel. Darunter hätte es Thomas Mann vermutlich auch nicht getan.

Die Beschreibungen faszinierten mich und gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Glitzernde Kronleuchter, weiche Fauteuils, kostbare Teppiche, schöne Frauen, distinguierte Herren, edle Kleider, goldbetresste Uniformen – das klang alles so viel schöner als das, womit ich mich als einfacher Angestellter der Stadtgärtnerei Ludwigshafen von morgens bis abends zu beschäftigen hatte. Ich liebe die Natur sehr, doch ich hatte es satt, den ganzen Tag bei Wind, Wetter und Kälte im Dreck zu wühlen, ich wünschte mir eine Tätigkeit, bei der ich mit schönen Dingen zu tun hatte. Nicht, dass ich das von Kindheit an gewöhnt gewesen wäre, ganz im Gegenteil: Ich bin in einem Kinderheim aufgewachsen und besaß, als ich in die Welt entlassen wurde, nichts außer dem, was ich auf dem Leib trug.

Da fiel mir eines Tages eine Zeitungsanzeige in die Hände. Das Hotel Steigenberger Mannheimer Hof, damals wie heute das erste Haus am Platz in Mannheim, suchte einen Hoteldiener!

Kurz entschlossen fasste ich mir ein Herz. Ich hatte schon einmal für kurze Zeit als Aushilfskraft in einem Feinschmeckerrestaurant in Nürnberg gearbeitet, war zwar klein, aber kräftig, und konnte anpacken. Vielleicht würden sie mich ja nehmen.

Ich zog meine besten Kleider an: ein sauberes Hemd und eine Hose. Einen Anzug besaß ich nicht. Mein einziges Paar Schuhe befreite ich sorgfältig von der Gartenerde, die ständig daran klebte, und brachte es mit Spucke und Zeitungspapier auf Hochglanz, so gut es ging. Dann machte ich mich mit großer Entschlossenheit und klopfendem Herzen zu Fuß auf den Weg.

Hin und wieder sah ich im Vorbeigehen noch die Spuren des Krieges: schwarze Trümmerberge, von Gras und Moos überwuchert – die Reste von einst stattlichen Häusern, die vermutlich nie wieder aufgebaut würden. Gartenzäune, von denen nur noch schiefe steinerne Pfosten standen, das Metall der Gitter hatte anderweitig wohl bessere Dienste geleistet. Türstöcke, die ins Leere führten. Kahle Gärten, da die Bäume längst zu Brennholz verarbeitet worden waren. Mannheim, die einst so stolze und prächtige Residenzstadt mit ihren breiten Straßen, war durch die verheerenden Luftangriffe und Häuserkämpfe während des Zweiten Weltkriegs in Schutt und Asche gelegt worden. Jetzt, keine fünfzehn Jahre danach, gab es überall Neubauten, zwar schnell hochgezogen und eher zweckmäßig als schön. Doch es ging voran, das war an allen Ecken und Enden zu sehen und zu spüren.

Schließlich langte ich an der angegebenen Adresse an: Augustaanlage 4, im Herzen der Stadt, wo während der Bombardements kein Stein auf dem anderen geblieben war. Vor mir erhob sich ein fünfstöckiges Gebäude aus grauem Beton, die Fassade nur von schlichten, sprossenlosen Fenstern durchbrochen. Unter einem rechteckigen Vordach prangte groß der Schriftzug »Steigenberger Mannheimer Hof«. Das also war ein Luxushotel.

Heute rümpft man die Nase über die strenge, schnörkellose Nachkriegsarchitektur der fünfziger Jahre und ersetzt solche Bauten, wo es geht, durch neue, schönere, attraktivere. Damals, nach dem Stein gewordenen Größenwahn der nationalsozialistischen Architektur, war dieser Baustil das Nonplusultra, ein Zeichen für Moderne und für Demokratie schlechthin.

Das Herz klopfte mir jetzt bis zum Hals. Schon draußen, vor dem Haupteingang, stand wartend ein hochgewachsener Mann in einem langen dunklen Mantel, mit weißen Handschuhen und schwarzem Zylinder. Er sah ein bisschen aus wie ein Kutscher auf alten Postkarten und musterte mich, wie ich fand, ziemlich herablassend. Später erfuhr ich, dass es sich dabei um den Wagenmeister gehandelt hatte. Er erkannte vermutlich sofort, dass es für ihn in meinem Fall nichts zu tun gab, und wendete sich anderen Dingen zu.

Ziemlich verschüchtert durch diesen ersten Eindruck, aber dennoch fest entschlossen, mich nicht von meinem Vorhaben abbringen zu lassen, betrat ich das Gebäude durch den Haupteingang, denn einen Personaleingang konnte ich nirgends entdecken. Dann stand ich in einem Hotel, zum ersten Mal in meinem Leben.

Vor mir öffnete sich eine prächtige Halle mit Kronleuchtern und glänzendem weißen Marmorboden. Es duftete nach Blumen; in den Sesseln, die überall standen, saßen gut gekleidete Menschen und unterhielten sich mit gedämpften Stimmen. Rechts warteten livrierte Boys in Reih und Glied, und links, hinter einem marmornen Tresen, über dem in goldenen Buchstaben »Concierge« stand, thronte ein älterer, strenger Herr im Schwalbenfrack.

Ich atmete erst einmal tief durch und ging dann, die Zeitungsanzeige in der Hand, geradewegs auf den furchteinflößenden Concierge zu, der mich überhaupt nicht wahrzunehmen schien. Ich rechnete jeden Moment damit, dass er mich hinauswerfen oder mir zumindest sagen würde, dass der Lieferanteneingang dort hinten um die Ecke sei.

Aber es passierte nichts dergleichen. Also ging ich weiter.

»Ich habe diese Anzeige gelesen und würde mich gerne bewerben!«, erklärte ich mit möglichst fester Stimme und hielt ihm das Stück Papier hin, in das ich so große Hoffnungen setzte.

Der Concierge sah mich über seinen Tresen hinweg an wie ein seltenes Insekt und ließ sich dann immerhin dazu herab, mich ins Personalbüro weiterzuschicken, das nicht weit entfernt im Verwaltungstrakt lag.

Wie einfach das ging! Ich war tatsächlich einen Schritt weiter, ohne dass mir etwas passiert war. Ich versuchte jedoch, mir meine Überraschung nicht anmerken zu lassen, und folgte dem ausgestreckten Finger des Concierge.

Im Personalbüro kam dann die nächste Überraschung: Die Menschen dort waren alle so nett und freundlich zu mir! Ich hatte mir Hotelangestellte ganz anders vorgestellt, einschüchternd und reserviert, aber das Gegenteil war der Fall. Ich wurde auf das Höflichste begrüßt, und nachdem man mich ein wenig befragt und sich mein gutes Zeugnis der Stadtgärtnerei angeschaut hatte, hieß es nur: »Gut, Sie sind eingestellt. Nächste Woche fangen Sie an. Aber kommen Sie bitte vorher noch einmal ins Haus, um sich Ihre Uniform abzuholen und ein paar Formalitäten zu erledigen.«

So stand ich da und war plötzlich Hoteldiener.

Ungläubig und noch etwas benommen von dem, was mir da soeben widerfahren war, verließ ich das Hotel so, wie ich gekommen war: durch den Haupteingang, vorbei an dem grimmigen Concierge. Doch ich nahm ihn überhaupt nicht wahr, so sehr freute ich mich über mein unverhofftes Glück. »Guck mal da, geht doch!«, sagte ich innerlich jubelnd zu mir selbst. »Du hast etwas gewagt, und du hast gewonnen!«

In den Jubel mischte sich allerdings bald ein wenig Beklommenheit, fast bekam ich Angst vor meiner eigenen Courage: Ich war doch nur ein Gärtner! Ein sehr gewissenhafter zwar, aber ein Hotel und eine Stadtgärtnerei, das waren doch zwei Welten. Ich kannte die Regeln nicht, die in einem Hotel herrschten, wusste nicht, wie ich mich verhalten musste und was meine Aufgaben sein würden. Alles, was man mir gesagt hatte, war, dass ich in eine Uniform gesteckt würde und in ein paar Tagen anfangen sollte – und dass ich zum Dienstantritt gute Schuhe und ein weißes Hemd mitzubringen hätte.

Ich besaß weder das eine noch das andere, und so gingen die paar Mark, die ich mir glücklicherweise von meinem letzten Gehalt aufgespart hatte, restlos für die Anschaffung von einem Paar schwarzer Schuhe und einem weißen Hemd drauf. Ich sollte diese Investition jedoch nie bereuen.

An meinen ersten Tag im Hotel muss ich heute noch manchmal denken, vor allem dann, wenn wir einen neuen Pagen oder Hoteldiener bekommen.

Angetan mit den auf Hochglanz polierten neuen schwarzen Schuhen, die ein wenig drückten, dem steifen weißen Hemd und meiner schönen Uniform, die mir dünnem Spargel um einiges zu weit war, kam ich pünktlich zu Dienstbeginn in die Halle, stellte mich erwartungsvoll vor den Desk des Concierge, und es passierte – nichts! Der Mann ließ mich einfach da stehen. Bestimmt fünfzehn Minuten harrte ich reglos aus, hatte nicht die blasseste Ahnung, was ich zu tun hatte, und mein neuer Vorgesetzter – denn das war der Concierge – sprach mich nicht einmal an. Bis sich schließlich einer der anderen Hoteldiener meiner erbarmte, zu mir kam und mir zuraunte: »He, du musst da drüben stehen an der Wand, wo die anderen sind!«

Etwas verwirrt folgte ich dem Kollegen und stellte mich brav in die Reihe. Der Concierge würdigte mich weiterhin keines Blickes. Mein erster Eindruck war tatsächlich der: Felix Krull hatte offensichtlich denselben Typen von Concierge gehabt wie ich. Aber so waren die Concierges früher – streng bis hin zur Arroganz, die unumschränkten Herrscher in der Halle.

Da war ich nun, ein neunzehnjähriger Junge, der nichts von der Welt gesehen hatte, mit einem Mal in einem Kosmos gelandet, der ihm vollkommen fremd war.

Was gab es hier für wunderschöne Dinge! Dinge, die ich in meinem Leben noch nie gesehen hatte: weiche Sessel mit dicken Polstern und exquisiten Bezügen! Im Kinderheim und auch später im Jugendheim hatten wir immer auf Holzstühlen gesessen. Im Speisesaal des Hotels gab es gepolsterte Stühle, akkurat gefaltete Stoffservietten und mit feinstem Porzellan, silbernem Besteck und glitzernden Kristallgläsern gedeckte Tische. Und auf den Fußböden lagen Teppiche! Dick und weich, die Füße versanken darin fast bis zu den Knöcheln. Und einen Aufzug! Und dann die schönen Salons! Sie waren so herrlich eingerichtet, wie in einem Schloss – so stellte ich mir das jedenfalls vor. Und samstags gab es häufig Bälle, zu denen die Damen mit kostbarem Schmuck und in Abendkleidern erschienen, während die Herren, wie es sich damals gehörte, Frack trugen.

Ich wusste vor Staunen manchmal kaum, wo ich zuerst hinsehen sollte. Überall diese gut gekleideten, schön anzusehenden Menschen, die Wohlstand und Kultiviertheit ausstrahlten. Dass ich hier, in einem solchen Palast, arbeiten durfte!

Städte bestanden für mich bislang hauptsächlich aus Trümmerhaufen, Baulücken und rasch zusammengezimmerten Behelfsunterkünften. Ein neues und intaktes Gebäude wie der Mannheimer Hof wirkte da fast wie eine Fata Morgana. Doch das schöne Bild war echt, wovon ich mich täglich überzeugen konnte. Das Hotel war vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, ein zweckmäßiger Bau ohne Säulen oder sonstigen Zierrat, aber dafür mit einem entzückenden Innenhof mit Blumenbeeten und einem kleinen Rasenstück. Hier konnte man im Sommer sitzen und gepflegt Kaffee trinken. Alles war sehr hell und freundlich, weil durch den Innenhof und die großen Fenster viel Licht in die Halle fiel.

Für jemanden, der in einer schönen Wohnung aufgewachsen ist, wären Einrichtung und Ambiente wahrscheinlich gar nichts Besonderes gewesen. Aber für mich war es der Himmel auf Erden. Ich freute mich jeden Tag aufs Neue, solch ein Haus betreten zu dürfen, denn ich bin ein Augenmensch und liebe es, schöne Dinge um mich zu haben. Es muss nicht viel sein, aber es muss etwas Schönes sein.

Die Einrichtung war dem Geschmack der fünfziger Jahre entsprechend sehr traditionell und gediegen. Die Zimmer waren mit Stilmöbeln, schweren Vorhängen und Spannteppichen ausgestattet, zusätzlich lag in jedem Zimmer ein echter Orientteppich. Heute würde man das gar nicht mehr machen, aus Sicherheitsgründen: Der Gast könnte ja über den Teppich stolpern.

Und alles war so ordentlich und sauber! Dass die Einrichtung recht pflegeintensiv war, musste damals niemanden bekümmern. Es gab ja genügend Hauspersonal, das zu der Zeit praktisch nichts kostete. Heute wäre der Unterhalt eines solchen Interieurs kaum mehr zu bezahlen.

In dieser angenehmen Umgebung durfte ich nun arbeiten, sechs Tage die Woche, zehn Stunden am Tag, einen Tag hatte ich frei. Es gab zwar lächerlich wenig Geld, aber dafür schon damals vorbildliche Sozialleistungen: Die Uniform wurde gestellt, auch die Reinigung zahlte das Hotel, und es gab sogar eine Kantine, in der man jeden Tag ein warmes Essen bekam, was damals noch keineswegs die Regel war in größeren Betrieben.

Mein erster Arbeitstag in der Halle verlief allerdings ganz anders, als ich das bisher kannte. Ich war es gewohnt, dass man zur Arbeit ging, und dann wurde richtig angepackt. Da gab es keine Ruhepausen. Und immer musste alles flott gehen, »flott, flott«!

Im Hotel aber ist es so, dass man dasteht, höchst aufmerksam natürlich, und gewissermaßen auf Arbeit wartet. Denn auch wenn es manchmal wirkt, als würde es in einer Hotelhalle zugehen wie in einem Ameisenhaufen – Hoteldienst ist zum Teil Wachdienst. Es gilt, bereit zu sein, falls ein Gast etwas benötigt. Man ist ständig in Habachtstellung, auch wenn manchmal lange Zeit wenig oder gar nichts passiert, gerade spät abends.

Kaum hatte ich mich also in die Reihe der Hoteldiener an der Wand eingegliedert, fragte ich leise nach links und rechts: »Und wer sagt mir jetzt, was ich machen muss?« Da antwortete mir ein Kollege, ein kleiner, stämmiger Bursche, der ungefähr in meinem Alter war, in breitestem Mannemerisch: »Du bleibst jetzt hier stehen, das ist auch ein Teil deiner Arbeit! Und wenn ein Gast kommt, dann rennst du los, nimmst ihm den Koffer ab, hältst ihm die Tür auf und siehst zu, dass er direkt zum Empfangstresen geht.«

Also stand ich da und wartete, zusammen mit meinen drei Kollegen. Und dann kam der erste Gast zur Tür herein.

Sofort spurtete ich los, um dem Herrn den Koffer abzunehmen, genau wie es mir mein Kollege gesagt hatte. Erst als ich die grimmigen Gesichter der anderen Hoteldiener sah, dämmerte mir, dass ich etwas falsch gemacht hatte – nur was?

»Jetzt sagt mir doch mal, wie läuft das hier genau ab?«, fragte ich schließlich in die Runde. Ich wollte ja mit niemandem Streit haben.

»Dafür gibt es eine feste Regel«, antwortete mir mein dicklicher Kollege, »es geht hier immer streng der Reihe nach! Jeder soll doch mal drankommen, verstehst du?«

Jetzt erst begriff ich: Es ging natürlich um Trinkgeld. Mit meinem Vorpreschen hatte ich mich also gleich richtig beliebt gemacht.

Dazu muss man sagen, dass das Trinkgeld ein ganz wesentlicher Bestandteil unseres Gehalts als Hoteldiener war. Ich ging damals, Ende der fünfziger Jahre, mit gerade einmal zweihundert Mark nach Hause. Davon konnte man keine großen Sprünge machen. Leben konnten wir tatsächlich nur von den Trinkgeldern, das eigentliche Gehalt ging für die Grundausgaben drauf.

Was die Trinkgelder anbelangt, so machten wir Hoteldiener damals in der Regel einen recht guten Schnitt, wahrscheinlich einen besseren als die jungen Kollegen heute. Man darf nicht vergessen: Es war die Aufbruchzeit nach dem Krieg. Der Dollar war im Vergleich zur Mark unglaublich viel wert – wenn man als Kofferträger einen Dollar Trinkgeld bekam, dann waren das stolze vier Mark! Davon sind wir heute weit entfernt, und auch bei unseren ausländischen Gästen sitzt das Geld nicht mehr so locker wie früher.

Der Großteil der Gäste waren damals Amerikaner, die Besatzungsmacht. Sie konnten es sich leisten zu reisen und in teuren Hotels abzusteigen. Für Amerikaner war Deutschland geradezu spottbillig: Ein Zimmer im Mannheimer Hof kostete sechzig oder siebzig Mark, umgerechnet also um die fünfzehn, zwanzig Dollar. Ein Dollar Trinkgeld war bei amerikanischen Gästen deshalb schnell verdient, wenn man als Hoteldiener seine Arbeit gut machte. Und die damalige Generation der Amerikaner war immer großzügig. Heute ist auch das anders geworden, und trotzdem gehören Amerikaner nach wie vor zu meinen liebsten Gästen.

Nicht zuletzt dank der Gäste fiel mir die Eingewöhnung in die Welt eines Luxushotels erstaunlich leicht. Vor allem die Amerikaner waren immer ausgesprochen hilfsbereit, das ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Sie merkten sofort, wenn ich unsicher war, weil ich etwas nicht wusste, und nahmen mir das nicht weiter übel. Auch wenn ich etwas gefragt wurde, das ich nicht verstand – ich sprach damals noch kein Wort Englisch, geschweige denn Französisch oder Italienisch –, halfen sie mir in den meisten Fällen ganz unkompliziert über die Klippen hinweg.

So war es eigentlich nur der erste Tag in der neuen Welt, der für mich ein wenig fremd und gewöhnungsbedürftig war. Am nächsten Morgen war das Fremdheitsgefühl bereits weitgehend verflogen, und ich stellte mich sehr schnell auf die neue, luxuriöse Umgebung ein. Ich schaute mir einfach von den anderen ab, wie sie sich verhielten und wie sie mit all den Dingen, die mir so neu waren, umgingen.

Eine große Hilfe war dabei die Freundlichkeit der Gäste. Niemand behandelte mich herablassend, weil ich nur der Kofferträger war. Ich wurde akzeptiert in dem, was ich tat – eine Erfahrung, die mich überraschte und beglückte. Dass Gäste hochnäsig oder gar unfreundlich sind, kommt in guten Hotels nur ganz selten vor. Menschen, die sich hier einquartieren, wissen sich in der Regel zu benehmen, auch im Umgang mit den Angestellten.

Nur einmal machte ich die unangenehme Erfahrung, dass ein Gast mich spüren ließ, welch niedrigen Rang ich für ihn bekleidete. Er kam spät abends an, hatte zwei schwere Koffer und zwei große Umhängetaschen dabei sowie zwei braune Boxer, die mich mit hängenden Lefzen und rot umränderten Augen unentwegt misstrauisch beobachteten.

Stück um Stück lud ich mir das Gepäck auf und war schließlich so schwer bepackt, dass ich unter der Last beinahe zusammengebrochen wäre. Doch als wäre das nicht genug, hängte mir dieser Mensch, er war ungefähr Mitte vierzig, auch noch seinen Fotoapparat über den Arm. Mühsam und leicht schwankend lief ich los, gefolgt von dem Gast und den beiden hechelnden Hunden, der Fotoapparat baumelte an meinem Arm hin und her.

Und da passierte es: In einem kleinen Moment der Unachtsamkeit schlug der Fotoapparat leicht gegen die Wand des Flurs. Im nächsten Moment kam die schneidende Stimme des Gastes hinter mir: »W

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