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Der Club der toten Mädchen

PROLOG

„Ich will nicht sterben!“, schluchzte sie atemlos und stützte sich erschöpft an einen Baum.

Sie war auf Stilettos durch den verschneiten Central Park um ihr Leben gerannt. Ihre Lungen brannten wie Feuer. Die Seitenstiche verursachten ihr Übelkeit. Und sosehr die Todesangst sie antrieb, der Körper versagte ihr den Dienst. Sie konnte nicht mehr weiter und musste sich ihrem Jäger stellen.

Gekrümmt vor Schmerz, sah sie ihren Verfolger zielstrebig auf sie zugehen. In seinen Turnschuhen war er ihr mühelos gefolgt.

In aller Ruhe baute er sich vor ihr auf. Das Messer mit der langen Klinge hielt er entspannt in der rechten Hand. In einer Mischung aus Neugier und Erheiterung betrachtete er ihr tränenüberströmtes Gesicht.

Als sie sah, dass seine schönen Lippen ein kleines Lächeln formten, hoffte sie für einen Moment, dem entsetzlichen Schicksal zu entgehen.

„Bitte, lass mich leben!“, bettelte sie. „Ich verstoße auch nie wieder gegen die Regeln.“ Sie schniefte. „Trotz aller Unstimmigkeiten zwischen uns können wir Freunde werden. Da bin ich mir absolut sicher. Bitte, lass es uns versuchen!“

Ihr Gegenüber schwieg.

Das kleine Lächeln wich einem Stirnrunzeln, als überdachte er ihr Angebot ernsthaft. Dann hellten sich seine Züge auf, er lachte auf. „Sicher können wir versuchen, Freunde zu sein.“

Er reichte der vor Furcht erstarrten blassen jungen Frau die Hand zur Versöhnung.

Sie zögerte, bevor sie sie ergriff. Und kaum berührten ihre Finger die des Jägers, packte er sie beim Handgelenk, riss sie an sich und rammte ihr die lange, silberne Messerklinge in den Bauch.

1. KAPITEL

„Park Avenue 806, bitte.“ Mila reichte dem Taxifahrer am New Yorker John F. Kennedy International Flughafen ihre Reisetasche und stieg ein. Währenddessen verstaute der Fahrer ihr Gepäck im Kofferraum.

Mila schlug das Herz bis zum Hals, als sie auf der Rückbank saß. Dennoch gab sie sich alle Mühe, gelassen zu wirken. Ganz so, als reise sie regelmäßig in den Big Apple. So regelmäßig, dass es sie beinah langweilte, schon wieder in der aufregendsten Stadt der Welt zu sein.

Dabei besuchte sie New York zum ersten Mal – und dann gleich, um hier zu leben. Und darum war an Besonnenheit gar nicht zu denken.

Kaum hatte sich der Taxifahrer hinter das Lenkrad gesetzt, versicherte er sich in gebrochenem Englisch mit starkem indischen Akzent: „Park Avenue, richtig?“

Mila beugte sich nach vorn, stützte sich an die Rückenlehne des Beifahrersitzes und strahlte den Mann an. „Korrekt! Park Avenue 806“, antwortete sie stolz.

„Upper East Side … sehr teuer“, bemerkte der Taxifahrer und fuhr los. „Sie dort wohnen?“, hakte er nach und musterte im Innenspiegel Milas modische, aber preiswerte Kleidung.

„Ja, ich wohne dort“, erwiderte Mila. Verlegen, weil sie sich nicht mit falschen Federn schmücken wollte, fügte sie hinzu: „Ab heute wohne und arbeite ich dort.“

„Oh, Sie Job in New York gefunden. Is schwer. Glückwunsch.“ Der Taxifahrer lächelte. „Was für Job? Hausangestellte?“

„So in etwa. Au-pair.“

„Aha, stinkig Windeln wechseln von reiche Leute Kinder“, fasste der Taxifahrer ihre neue Tätigkeit zusammen.

„Nix stinkige Windeln“, beeilte Mila sich zu sagen. „Der Junge, auf den ich aufpassen werde, ist schon sieben Jahre alt.“

„Dann er ungehorsam und Eltern kein Lust auf Stress“, erwiderte der Taxifahrer.

Mila antwortete nicht. Sie war viel zu verblüfft. Bisher hatte sie keinen Gedanken daran verschwendet, dass ihr Au-pair-Job in New York schwierig werden könnte. Dafür hatte sie sich viel zu sehr über die Zusage gefreut.

Schließlich war sie die einzige Zwanzigjährige aus Yellowknife, die nach dem Abschluss nicht sofort heiratete oder in der Diamantenmine zu arbeiten begann, sondern aus Kanadas tiefster Provinz verschwand – und zwar nach NEW YORK! Und damit nicht genug, sie war nicht irgendjemandes Au-pair, sondern das der Fontaines, DER Familie des ungekrönten amerikanischen Geldadels.

„Und Eltern sicher auch etwas verrückt …“, fügte der Taxifahrer hinzu.

Mila überlegte, ob sie ihm über den Mund fahren sollte, weil er für ihren Geschmack viel zu persönlich wurde. Aber sie hatte keine Lust auf Ärger und entschied, das soeben begonnene Gespräch einschlafen zu lassen, stattdessen aus dem Fenster zu sehen und ihre neue Heimat zu erkunden. Nichts und niemand – und schon gar kein vorlauter Taxi-Chauffeur – würden ihr die Freude verderben. Schließlich fing ihr neues Leben gerade erst an.

Der Taxifahrer schien verstanden zu haben. Oder er musste seine ganze Aufmerksamkeit auf das starke Verkehrsaufkommen auf dem Expressway Richtung Manhattan konzentrieren. Jedenfalls hielt er den Mund, bis sie den biederen Stadtteil Queens hinter sich gelassen hatten und via Queensboro Bridge über den East River nach Manhattan fuhren.

„Da! Berühmte Aussicht! Kennen alle Menschen auf Welt“, posaunte der Taxifahrer heraus und deutete auf die atemberaubende Skyline von Manhattan.

Beim Anblick der eleganten Hochhäuser aus Marmor, Glas und Stahl begann Milas Herz erneut zu rasen, und wie ein kleines Mädchen presste sie die Nase an die Fensterscheibe.

„Mache klein Sightseeingtour. Kein Sorge. In Festpreis drin“, kündigte der Taxifahrer an und klopfte auf einen vergilbten Zettel, der in der unteren Hälfte des Beifahrerfensters klebte und auf dem eine Pauschale für den Trip vom Flughafen bis nach Manhattan in Höhe von 45 Dollar angepriesen wurde.

Und schon bog er nach dem Überqueren der Brücke auf Höhe der 59ten Straße in die entgegengesetzte Richtung von der Upper East Side ab, um Mila den Time Square in Midtown und die Theater am Broadway zu zeigen. Dabei ratterte er die Namen unzähliger Restaurants und Bars herunter, die Mila besuchen sollte, gab aber zu, selbst noch in keinem der Läden gewesen zu sein. „Meine Fahrgäste mir sagen, die gut. Ich nur behilflich sein.“

Mila nickte und ließ ihn weiterreden, ohne richtig zuzuhören. Sie war viel zu beeindruckt vom prallen Leben auf den Straßen, den edlen Boutiquen und den bunten Lichtern der Ausgehtempel, die selbst an diesem sonnigen Maimorgen grell flackernd für ihre Veranstaltungen warben. Sie wollte alles in sich aufsaugen – und zwar sofort! Sie hatte unzählige Bücher über New York gelesen und noch mehr Dokumentationen gesehen. Aber die Realität übertraf ihre kühnsten Erwartungen.

In New York werde ich ein neuer Mensch, dachte Mila. Hier erfüllt sich mein Schicksal. Und ich finde die Liebe meines Lebens – einen gut aussehenden, reichen Prince Charming.

„Sie jung und unerfahren“, tönte es vom Fahrersitz.

„Was? Wie bitte?“ Mila wandte sich dem Fahrer halbherzig zu. Denn sie wollte nichts verpassen, da das Taxi nun das brodelnde Treiben verließ und in die ruhigen Nobelstraßen der Upper East Side fuhr.

Der Taxifahrer beobachtete sie über den Rückspiegel. „Sie aufpassen müssen. Sie Mädchen von Land, ich sehe“, sagte er. „Sie Böses nicht erkennen. So wie andere zwei Au-pairs. Beide Mädchen jetzt tot. Krrk!“ Er fuhr sich mit dem Zeigefinger über die Kehle und gab einen gurgelnden Laut von sich. „Sie nett, aber naiv. Groß Vorsicht!“

„Ich bin nicht naiv!“, protestierte Mila beleidigt. Was redete dieser anmaßende Typ da für einen Schwachsinn? Ruby, die Vermittlerin der Agentur Nanny Inc., hatte ihr nichts von ermordeten Au-pair-Mädchen erzählt. Mila wollte den Taxifahrer gerade auf den Wahrheitsgehalt seiner Behauptung abklopfen, als er vor einem edlen Gebäude im Art-déco-Stil hielt.

„Park Avenue 806“, sagte er, stellte den Motor ab und stieg aus. Nachdem er die Reisetasche aus dem Kofferraum gehoben hatte, trug er sie bis zum Eingang. Dort öffnete ein junger Portier die Tür und nahm das Gepäck in Empfang.

Mila drückte dem Taxifahrer die 45-Dollar-Pauschale in die Hand und legte nach kurzem Zögern noch zehn Dollar Trinkgeld drauf. Sie hatte sich zwar über seine forsche Art geärgert, aber der Mann hatte einen harten Job. Das musste honoriert werden.

„Danke, viel Dank!“, rief er erfreut angesichts des guten Trinkgelds und schaffte es beinah mit seiner nächsten Bemerkung, dass Mila ihm die zehn Dollar extra wieder abnahm. „Und nich vergessen: Sie aufpassen! Sonst mausetot – okay?“

„Ja, ja. Ich pass schon auf“, antwortete Mila ungehalten und war froh, als der Taxifahrer einstieg und davonbrauste. Sie seufzte und verbuchte ihre Geduld mit dem nervigen Inder als gute Tat des Tages. Dann sah sie an der eleganten Front der Park Avenue 806 hoch und murmelte glücklich: „Hallo mein wunderschönes neues Zuhause!“

„Miss Azarov?“, sagte der Portier.

Mila wurde knallrot. Hoffentlich hatte er nicht gehört, dass sie mit dem Haus gesprochen hatte. Sonst hielt er sie jetzt schon für bekloppt. Normalerweise störte sie nicht, was andere von ihr dachten. Aber der junge Portier sah so gut aus, dass Mila ihn gerne als weltgewandte Neu-New-Yorkerin beeindruckt hätte. „Ähm, ja, ich bin Mil … äh … Miss Azarov“, stammelte sie.

„Herzlich willkommen! Ich hoffe, Sie hatten einen guten Flug.“ Er verbeugte sich. „Wie schön, dass Sie sich bei uns sofort wie zu Hause fühlen.“

Mila zuckte zusammen. War das eine dumme Anspielung auf ihrem albernen Willkommensgruß ans Haus? Sie musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen.

Sein hübsches Jungengesicht mit den markanten Wangenknochen und den Sommersprossen auf der Nase zeigte keinerlei Regung. Der professionell-höfliche Gesichtsausdruck des Concierge blieb unbewegt. Aber seine grünen Augen verrieten ihn. Sie funkelten vor Übermut. Und Mila wusste sofort, dass er sich über sie und ihren Ausspruch lustig machte. Am liebsten hätte sie ihn geboxt. Doch dann wäre die Blamage noch größer gewesen. Also setzte sie eine möglichst arrogante Miene auf und meinte: „Ms und Mr Fontaine erwarten mich.“

„Ms und Mr Fontaine sind unterwegs“, entgegnete er spöttisch lächelnd. „Sie haben mich beauftragt, Sie ins Penthouse zu führen und Ihnen mit dem Gepäck zu helfen.“ Er hielt ihr die Tür auf und hob ihre Reisetasche hoch, die er neben sich abgestellt hatte.

Erhobenen Hauptes schritt Mila an ihm vorbei – um in der nächsten Sekunde über den Perserteppich in der Lobby zu stolpern. Sie versuchte sich zu fangen, knickte jedoch um und torkelte wie eine Betrunkene weiter, ohne Halt zu finden. Fast hätte sie sich der Länge nach hingelegt. Aber der Portier ließ geistesgegenwärtig die Reisetasche fallen und fing ihren Sturz in letzter Sekunde ab. Mila stieß mit dem Kopf gegen seinen, und ihr Mund streifte seine Lippen, bevor sie sicher in seinen starken Armen landete.

„Das war knapp“, meinte er, ohne auf den unfreiwilligen Kuss einzugehen. „Haben Sie sich wehgetan?“

„Nein.“ Mila spürte die Hitze im Gesicht. Drei peinliche Auftritte innerhalb einer Minute – das war rekordverdächtig! Erst grüßte sie ein Haus, dann rutschte sie aus und schließlich knutschte sie diesen wildfremden Wahnsinns-Typen. Und als wäre das noch nicht genug, lag sie nun so eng an seinen Körper geschmiegt da, dass sie durch die Portiersjacke seine durchtrainierten Brustmuskeln spürte und von seiner sexy Ausstrahlung völlig konfus wurde. Was für ein Einstand!

Sie räusperte sich und befreite sich aus seinen Armen. „Ich falle normalerweise nicht gleich mit der Tür ins Haus.“

„War auch keine Tür, war ein Teppich“, erwiderte er. An seinem Tonfall hörte sie, dass er mühsam das Lachen unterdrückte.

Sie schaute ihn an, und als sie bemerkte, dass er sie an- und nicht auslachte, entspannte sie sich und grinste. „Sag’s ruhig. Ich bin ein Trampel.“

„Na ja, wirklich ladylike sah es nicht aus. Aber ich bin ja der einzige Zeuge, und ich kann schweigen.“

„Das hoffe ich“, meinte Mila. „Und ich hoffe auch, es ist okay, dass ich dich duze. Aber nachdem ich dich bereits 30 Sekunden nach dem Kennenlernen geküsst habe, wäre siezen wohl albern.“

„Das sehe ich auch so. Ich bin übrigens Tyler. Meine Freunde nennen mich Ty.“

„Mila.“

„Freut mich.“ Er musterte sie interessiert. „Du bist also das neue Au-pair der Fontaines … Na dann, viel Spaß!“

Sein kritischer Unterton ließ Mila aufhorchen. „Wie darf ich denn das verstehen?“

Tyler antwortete nicht, sondern nahm die Reisetasche, legte seine freie Hand leicht an ihren Ellbogen und führte Mila zum Aufzug. Er wartete, bis die Kabine da war, und ließ Mila beim Einsteigen den Vortritt.

„Sind die Fontaines ätzende Arbeitgeber?“, versuchte Mila erneut, Ty eine Antwort zu entlocken.

„Nein, du musst nicht viel tun“, entgegnete er knapp und deutete auf die Tastenleiste. „Das Penthouse der Fontaines befindet sich im 46. Stock.“ Tyler drückte die entsprechende Taste. „Auf der Etage wohnen zwei Parteien. Die Fontaines und die St. Clairs. Allerdings sind die Wohnungseigentümer die meiste Zeit des Jahres auf den Bahamas. Nur der Sohn lebt ständig hier.“ Ty griff in die Jackentasche seiner Uniform, zog einen Briefumschlag heraus und reichte ihn Mila. „Darin befindet sich der Zugangscode zum Penthouse. Die Geheimzahl wechselt monatlich. Ich hoffe, du hast ein gutes Zahlengedächtnis. Denn es ist bei Todesstrafe verboten, sich die Nummern aufzuschreiben.“

„Todesstrafe? Sehr witzig“, bemerkte Mila und nahm den Briefumschlag entgegen.

Sie wollte ihn aufreißen, doch Tyler legte seine Hand auf ihre und hinderte sie daran. „Öffne ihn erst, wenn du vor der Tür stehst. Ich darf den Code nicht sehen.“

„Okay.“ Mila hielt das Briefchen fest. Sie spürte, dass das zarte Papier an ihren feuchten Fingern pappte. Sie konnte nichts dafür. Sie platzte fast vor Vorfreude auf das, was sie im 46. Stock erwartete.

Der Aufzug bremste sanft ab, und die Tür öffnete sich. Mila hatte nicht einmal bemerkt, wie schnell der Fahrstuhl in die Höhe geschossen war. Sie trat hinter Tyler aus dem Lift und folgte ihm den mit hellem Marmorboden und teuren goldfarbenen Tapeten ausgeschmückten Flur hinunter zu einer massiven Mahagonitür. Tyler blieb einige Schritte vor dem Eingang stehen und zeigte auf ein Tastenfeld. „Dort musst du die Geheimzahlen eintippen.“

Mila trat vor, riss das Briefchen auf und zog den Zettel mit dem Zahlencode hervor: 2606. Sie tippte die Ziffern ein. Ein grünes Licht blinkte auf. Sie sah Tyler fragend an. Er nickte, drehte den Knauf und stieß die Tür auf. Er wartete, bis sie eingetreten war. Dann stellte er ihre Reisetasche hinter dem Eingang an die rechte Apartmentwand, ohne die Wohnung zu betreten.

„Kommst du nicht mit rein?“, fragte Mila verwundert.

„Nein. Das würde meine Kündigung bedeuten.“

„Was?“

„Ich darf nur auf ausdrückliche Aufforderung in die Privaträume eintreten und dann auch nur …“ Er druckste herum.

„Wenn die Besitzer es dir erlauben und nicht das Au-pair, richtig?“

Tyler nickte. „Allerdings gibt es etwas, das nur du und nicht die Fontaines mir erlauben können.“

„Was ist das?“

„Am Samstag mit mir auszugehen.“ Er grinste süß.

„Wow! Du lässt aber nichts anbrennen“, stellte Mila überrascht fest.

„Wir hatten einen rasanten Start. Das macht mir Mut, das Tempo beizubehalten.“

„Du bist ganz schön frech!“ Mila musterte ihn. Ty sah heiß aus, wirkte intelligent und hatte Humor. Drei Kriterien, die für ein Date sprachen.

In Yellowknife konnte ein Mädchen froh sein, wenn die Jungs nur eins dieser Attribute hatten. Mila wollte gerade Ja sagen, als ihr ihre Vorsätze für New York einfielen.

Ihr Plan lautete, ihr Leben zu ändern und Landei Mila in eine New Yorker Jetsetterin zu verwandeln. Dazu gehörte auch der passende Mann. Und so hinreißend Ty aussah und so positiv er auf den ersten Eindruck wirkte … Er war kein reicher Prince Charming, sondern Portier. Und Jungs mit Hungerleider-Jobs und zero Einfluss hatte Mila in Yellowknife zur Genüge getroffen.

Sie schämte sich für ihre berechnenden Gedanken. Denn sie mochte Ty jetzt schon. Aber so schwer es ihr fiel, sie blieb bei ihrem Vorhaben. „Das geht mir ein bisschen zu schnell. Ich überlege mir das mit unserem Date. Okay?“

„Okay.“ Falls Ty enttäuscht war, ließ er es sich nicht anmerken. Er lächelte so niedlich wie zuvor, als er den Rückzug zum Fahrstuhl antrat und ihr aus dem Lift zurief: „Viel Erfolg bei den Fontaines!“

Mila fiel erneut der seltsame Unterton auf, mit dem er über ihre Arbeitgeber sprach. Sie wollte ihn fragen, ob er die Fontaines nicht mochte, aber da meinte Ty: „Und was unsere Verabredung angeht … Nächstes Mal überleg dir eine bessere Ausrede. Du entkommst mir eh nicht. Ich frag dich jeden Tag, ob du mit mir ausgehst!“ Er zwinkerte ihr noch zu, bevor sich die Aufzugtür schloss.

Mila lächelte. Auch wenn Tyler als fester Freund nicht infrage kam, gefiel es ihr, einen so gut aussehenden Verehrer zu haben. Vielleicht konnten sie ja Freunde werden.

Und nun zu den wirklich wichtigen Dingen, dachte sie und drückte die Mahagonitür ins Schloss. Nachdem Mila den oval geschnittenen Vorraum des Penthouses durchquert hatte, betrat sie die Wohnräume. Gleißendes Licht blendete sie, und sie hielt die Luft an.

„Oh mein Gott! Ich träume!“, stieß sie hervor, als sich ihre Augen an das strahlende Sonnenlicht gewöhnt hatten. Sie stand im Wohnzimmer der Fontaines, das so groß war wie der gesamte erste Stock ihres Elternhauses in Yellowknife. Der Raum war geradezu eine Symphonie in Crème – von der Decke, den Wänden, den Teppichen bis hin zu den Möbeln. Es gab keine andere Farbe.

Doch es war nicht die schlichte Eleganz, die Mila beeindruckte, sondern die bodentiefe Fensterfront, die den gesamten Raum zur Stadt hin öffnete und einen 180-Grad-Blick auf den Central Park und die gegenüberliegende Upper West Side ermöglichte.

„Ich heul gleich!“, murmelte sie, so unglaublich schön fand sie den Ausblick. Sie trat ganz dicht an das Glas und schaute die 46 Stockwerke hinab auf den pulsierenden Verkehr der Straße. „Wahnsinn!“

„Ich hoffe, du bist schwindelfrei“, sagte plötzlich jemand hinter ihr.

Mila zuckte zusammen und streckte unwillkürlich den Rücken durch, als wäre sie gerade bei etwas Verbotenem ertappt worden, und wandte sich um.

Im Eingang vom Flur zum Wohnzimmer stand ein hübscher Typ. Mila schätzte ihn auf Anfang 20. Er war groß, blond und blauäugig, trug einen Armani-Anzug und spielte lässig mit dem Anhänger seines Autoschlüssels, dessen Logo verriet, dass er einen Porsche fuhr. Er musterte Mila von Kopf bis Fuß und grinste. Offensichtlich gefiel ihm, was er sah. „Du bist das neue Au-pair.“ Es war eine Feststellung, keine Frage. „Freut mich sehr.“

Er ging auf sie zu und reichte ihr die Hand. „Ich bin Sebastian Fontaine, Sohn des Hauses.“

„Du bist der Sohn? Aber nicht der, auf den ich aufpassen soll, oder?“ Mila lächelte charmant und schüttelte ihm die Hand. Sebastians fester Griff passte zu seinem selbstsicheren Auftreten. Er duftete angenehm nach einem exklusiven Herrenparfum.

Seb lachte. „Du bist schlagfertig. Das gefällt mir. Und nein, ich bin nicht der Fontaine, auf den du aufpassen sollst. Leider. Hast du schon das Penthouse und dein Zimmer gesehen, Martine? Nein, warte. Das ist nicht dein Name.“ Er grübelte. „Meine Mom hat ihn mir gesagt … Michelle. Monique … nein. Michaela!“

„Äh … ja, mein Geburtsname ist Michaela. Aber alle nennen mich Mila“, erklärte sie und flunkerte ein bisschen. Denn nicht alle nannten sie Mila. Eigentlich nannte sie niemand so. Bisher hatten Freunde und Familie sie Michaela genannt. Doch passend zu ihrem Neuanfang in New York hatte sie sich auf dem Flug einen neuen, außergewöhnlicheren Namen ausgesucht und war auf Mila gekommen.

„Mila“, wiederholte Sebastian und ließ sich ihren Namen wie Schokolade auf der Zunge zergehen. „Sehr schön.“

„Du heißt Mila? Wie ordinär!“ Ein wunderschönes Mädchen mit langem blondem Haar, schrägen bernsteinfarbenen Katzenaugen und überheblichem Gesichtsausdruck war hinter Sebastian ins Wohnzimmer getreten und musterte sie kalt.

Mila zuckte unter dem abweisenden Blick zusammen, als wäre sie geohrfeigt worden, und wusste einen Moment lang nichts zu sagen.

„Meine Schwester Iva, die Eisprinzessin“, stellte Seb das unverschämte Mädchen vor, das weder ihn noch Mila weiter beachtete. Stattdessen trug sie das halbe Dutzend verschiedener Nobeldesignertüten, die sie in Händen hielt, in den hinteren Teil des Penthouses und verschwand.

„Mach dir nichts draus“, sagte Sebastian zu Mila. „Iva ist ein Snob. Wer nicht in der Upper East Side geboren ist, ist für sie kein Mensch. Zudem ist für sie jedes schöne Mädchen automatisch Konkurrenz … Okay, zweiter Anlauf: Hast du den Rest des Apartments schon gesehen?“

„Nein. Ich bin gerade erst angekommen.“

„Na, dann los. Ich zeige dir unsere bescheidene Hütte, bevor mein kleiner Bruder Trevor nach Hause kommt. Wenn er erst mal da ist, bleibt für eine Wohnungsbesichtigung keine Zeit mehr. Er wird dich umgehend mit Beschlag belegen. Und dann gehörst du nur noch ihm.“ Sebastian nahm wie selbstverständlich ihre Hand und führte Mila in die Richtung, in die Iva gegangen war.

Mila zögerte. Sie wollte der Tochter des Hauses nicht so bald wieder in die Quere kommen. Sie hatte sich noch nie gut gegen stutenbissige Mädchen wehren können.

„Keine Sorge“, beruhigte Seb sie prompt. „Iva siehst du für die nächsten zwei Stunden nicht. Sie stürzt sich auf ihre Beute namens Versace und Co.“ Er zog Mila mit sich und deutete im Vorbeigehen auf eine geschlossene Tür. „Das Reich des Bösen: Ivas Zimmer.“

Mila lachte. „Magst du deine Schwester nicht?“

„Ganz im Gegenteil. Ich liebe sie! Aber wir sind wie Feuer und Wasser. Und es bereitet mir einen höllischen Spaß, mich auf ihre Kosten zu amüsieren. Das muss Iva abkönnen. Schließlich quält sie andere ständig. Übrigens: Hier siehst du unsere Terrasse. Lass uns rausgehen! Ich bin gespannt, ob du es wagst, ohne gläsernen Schutz über die Brüstung in die Tiefe zu sehen.“

„Darauf kannst du Gift nehmen!“ Mila folgte ihm hinaus auf die Terrasse – oder vielmehr in den Dachgarten. Denn der Außenbereich, den man über das Wohnzimmer erreichte, maß beinah die Länge und Breite dreier Tennisplätze. Es gab einen Jacuzzi, einen Swimmingpool und eine Bar mit kleiner Tanzfläche und angrenzender Grünfläche voller exotischer Pflanzen.

„Unser Garten Eden“, raunte Seb Mila ins Ohr. „Hier finden unsere sündigen Partys statt.“ Er grinste betont anzüglich.

Mila lachte verlegen. Er stand so nah neben ihr, dass ihr von seiner maskulinen Ausstrahlung und seinem teuren Herrenduft schummerig wurde.

„Sebastian! Bist du auf der Terrasse?“, rief eine nasale, fordernde Frauenstimme.

„Ja, Mom, ich zeige Trevors neuer großen Freundin unser Zuhause.“

„Oh, das neue Au-pair ist eingetroffen. Wie schön! Bring das Mädchen bitte zu mir“, antwortete Mrs Fontaine.

„Dein Wunsch ist mir Befehl, Mom“, murmelte Sebastian und grinste Mila an. „Na komm, sie beißt nicht, auch wenn sie sich so anhört.“

Mila lachte. Anscheinend hatte sie in sexy Sebastian einen verständnisvollen Verbündeten gefunden.

Und den hatte sie auch dringend nötig, wenn Mrs Fontaine sich als ausgewachsene Version ihrer Tochter entpuppen sollte. Rein optisch stimmten Mrs und Miss Fontaine nahezu perfekt überein. Mrs Fontaine war lediglich 25 Jahre älter und trug ihr langes blondes Haar im Gegensatz zu ihrer Tochter nicht ...

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