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Der Clan - Renn um dein Leben!

Über den Autor

Phillip Gwynne, geboren 1958 in Melbourne, war ein professioneller Football-Spieler, bis eine Verletzung seine sportliche Karriere beendete. Anschließend studierte er Meeresbiologie und begann nach mehreren Reisen und Auslandsaufenthalten zu schreiben. Viele seiner Romane sind preisgekrönt, einige wurden verfilmt. Er war u.a. für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

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Übersetzung aus dem australischen Englisch von Kai Kilian

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Reg, einen guten Freund,
der viel zu früh von uns gegangen ist

SAMSTAG

DER TAG, AN DEM ICH FÜNFZEHN WURDE

Mein fünfzehnter Geburtstag begann im Grunde wie jeder andere Tag: Um halb sechs Uhr morgens meldete sich der Wecker von meinem iPhone, und zwar mit dem Song, den ich am meisten hasste – Who Let the Dogs Out. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich aus dem Bett zu schälen, quer durchs Zimmer zu stapfen und den Alarm abzustellen. Da ich nun schon auf den Beinen war, blieb ich es. Und so hatten die unerträglichen Baha Men wieder mal ihren Job erledigt.

Am Abend zuvor hatte Mom – ja, Mom – vorgeschlagen, dass ich mir den nächsten Tag freinehmen solle, es sei schließlich mein Geburtstag.

»Du gehst ständig laufen«, hatte sie gesagt. »Jetzt hat die Lauferei mal Pause.«

Mom, meine Mum, ist zu hundert Prozent Amerikanerin, zu hundert Prozent Kalifornierin. Obwohl sie inzwischen seit mehr als zwanzig Jahren hier in Australien lebt, redet sie immer noch wie eine Amerikanerin. Ein Gehsteig heißt bei ihr »Fußweg«. Das Wort Aluminium spricht sie »A-luu-mi-num« aus. Das Wort Boje klingt aus ihrem Mund wie »Buu-ie«. Deswegen nennen wir Kids, und ab und zu sogar Dad, sie nicht Mum, sondern Mom.

Mein Coach Gus allerdings – der außerdem zufällig mein Großvater ist – war anderer Meinung gewesen als Mom.

Was im Grunde nicht weiter bemerkenswert war, denn einer Meinung sind die beiden nur selten.

Er hatte gesagt, eine Trainingspause könne ich mir wirklich nicht leisten, bis zur Queensland-Meisterschaft sei es immerhin bloß noch knapp einen Monat.

Ich schlüpfte in meine Trainingsklamotten – ärmelloses Trikot, Laufshorts, Socken –, schnappte mir meine Schuhe und schlich den Flur entlang, vorbei am Zimmer meines Bruders, am Zimmer meiner Schwester, am Zimmer meiner Eltern. Als ich die Wendeltreppe hinunterstieg, hörte ich ein Geräusch, das sich kurz darauf in die Stimme eines Nachrichtensprechers verwandelte.

»Wir unterbrechen den Ablauf unserer Sendung, um Ihnen folgende Eilmeldung mitzuteilen: Wie wir soeben erfahren haben, ist der als moderner Robin Hood bekannte sechzehnjährige Otto Zolton-Bander, auch der Facebook-Bandit genannt, vor Kurzem gefasst worden.«

Irgendwer muss gestern Abend den Fernseher angelassen haben.

Doch als ich im Erdgeschoss ankam, sah ich Dad, noch im Schlafanzug, die Fernbedienung in der Hand, den Blick wie gebannt auf den Plasmabildschirm gerichtet.

Mom witzelt immer herum, dass Dad, falls er sein Leben als Wirtschaftsmagnat irgendwann satthätte, sich einen Job beim Fernsehen besorgen könnte, als Moderator bei einem von diesen Lifestylemagazinen. Nicht dass er das jemals tun würde, aber ich weiß genau, was sie meint: Er hat diese irgendwie kerngesunde, gefällige Ausstrahlung.

»Dad!«, rief ich. »Wieso bist du so früh schon auf?«

»Happy birthday to you«, schmetterte er los wie der leibhaftige Pavarotti. »Happy birthday to you. Happy birthday, lieber Dominic. Happy birthday to you!«

»Das war echt spitze, Dad«, sagte ich. »Aber wenn ich du wäre, würde ich nicht gleich den Job wechseln.«

Nicht dass ich auch nur entfernt eine Ahnung hätte, was für einen Job er hat.

»Und die Sache mit heute Abend steht?«, fragte er. »Bei deinem Großvater, nach dem Festessen?«

In diesem Jahr sollte es keine große Geburtstagsparty für mich geben, da Mom und ich beschlossen hatten, uns die für nächstes Jahr aufzusparen, für meinen sechzehnten.

»Geheimes Männerding?«, sagte ich und grinste.

»Geheimes Männerding«, wiederholte er und grinste nicht.

»Klar«, sagte ich.

Dad ließ sein Moderatorenlächeln aufblitzen, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Bildschirm zu.

Ich verabschiedete mich und ging.

Auf der Eingangstreppe setzte ich mich, zog meine Laufschuhe an, schnürte sie eng, legte mir den Brustgurt von meinem Pulsmesser um, startete die Stoppuhr und lief los.

Es war einer von diesen warmen, wolkenlosen Tagen, die so typisch sind für die Gold Coast. Sogar noch typischer für Halcyon Grove, die private Wohnanlage, in der wir leben. Laut Werbeprospekt des Halcyon Grove Country Club haben wir siebenundzwanzig golffreundliche Tage mehr als jeder andere Ort in Australien. Nicht dass meine Eltern das jemals ausnutzen würden, dafür sind sie schlicht zu beschäftigt: mein Vater damit, Geld zu verdienen, und meine Mutter damit, dieses Geld auszugeben. Aber ich glaube, ihnen gefällt der Gedanke, dass sie aus siebenundzwanzig Tagen mehr auswählen können, sollten sie irgendwann mal beschließen, sich ein paar Stunden für ein Ründchen Golf freizunehmen.

In Halcyon Grove gibt es keine Zäune, und jedes Haus ähnelt einem Ozeandampfer – weiß, schimmernd, vielstöckig – auf einem Meer von Grün. So früh am Morgen waren auf den Straßen nur die Angestellten unterwegs: die Kindermädchen, die Gärtner, die Hunde-Fitnessberater. Sie hasteten an mir vorüber, hielten die Köpfe gesenkt und vermieden jeden Blickkontakt. Als ich am Haus der Havillands vorbeilief, tat ich, was ich immer tue: Ich sah hinauf zum zweiten Stock.

Imogen war da, wie gewöhnlich, ihr Gesicht im Rahmen des Fensters.

Einmal, als sie und ich in der Robina Mall waren, kam ein vollkommen Fremder, ein Typ mit Sonnenbankbräune und Leinenanzug, auf sie zu und bot an, aus ihr das künftige weltweite Supermodel zu machen. Zuerst dachte ich, der Kerl wäre irgend so ein Perversling (von denen gibt’s in der Robina Mall mehr als genug) oder würde sich einen Scherz erlauben – Imogen, ein verdammtes Supermodel? Aber er meinte es ernst. Er überreichte ihr eine Hochglanz-Visitenkarte, sagte, sie solle das Ganze mit ihren Eltern besprechen und ihn anrufen, sobald sie »bereit« sei.

Während ich zu ihrem Fenster hinaufsah, versuchte ich, mir Imogen als Supermodel vorzustellen, Imogen, wie sie in Mailand oder Paris über den Catwalk stolziert. Doch es gelang mir nicht. Ich sah bloß die unmodische Imogen vor mir, die ich schon mein Leben lang kannte.

Sie hielt ein DIN-A4-Blatt in die Höhe, auf das Happy Birthday, Penner gedruckt war. Ich erkannte die Schriftart als Gotham und fühlte mich einigermaßen geehrt, weil sie mich in ihrer Lieblingsschrift einen Penner nannte.

Ich grinste zu ihr hinauf, stieß dabei jedoch mit dem Fuß gegen irgendetwas – das Rad eines Fahrrads –, geriet ins Straucheln und schaffte es nur gerade so eben noch, das Gleichgewicht wiederzufinden und mich auf den Beinen zu halten.

»Idiot!«, brüllte ich und dachte daran, dass ein verstauchter Knöchel so kurz vor dem Meisterschaftslauf eine Katastrophe gewesen wäre.

Gut möglich, dass seine kleine Schwester das Rad versehentlich hier hatte liegen lassen, und doch kam mir unwillkürlich der Gedanke, dass Tristan Jazy das Ganze mit Absicht gemacht hatte. Ich hob den Blick zum Haus der Jazys und rechnete halb damit, ihn dort zu sehen, wie er mich vom Fenster aus beobachtete, mit diesem typischen blöden Grinsen in seinem Gesicht. Aber bei allen Fenstern – und es gab eine Menge davon – waren die Rollos heruntergezogen.

Rap ist Mist, Haie sind cool, unter keinen Umständen sollten Dads hautenge Badehosen tragen dürfen, und Tristan Jazy war so was von nicht okay!

Ich brauchte fünf Minuten und zweiunddreißigeinhalb Sekunden bis zum Tor. Wie immer wechselte ich kurz ein paar Worte mit Samsoni, dem tongaischen Wachmann, während ich langsam durch den Fußgängerdurchgang trabte.

»Sie sollten lieber im Innern der Anlage laufen, Mr Silvagni.«

Ich wünschte, er würde mich nicht Mr Silvagni nennen. Sondern »Dom«. Oder »Kid«. Oder von mir aus auch »Bro«. Aber das gehört zu den Regeln der Halcyon-Grove-Eigentümergemeinschaft: Die Angestellten haben alle Bewohner zu jeder Zeit mit der gebotenen Höflichkeitsform anzusprechen.

»Hier drin gibt’s keine Geländewechsel, Samsoni«, erwiderte ich wie immer.

Und Samsoni antwortete mit dem gleichen ergebenen Lächeln wie immer. Er wusste ebenso gut wie ich, dass Läufer, und besonders Mittelstreckler, Geländewechsel brauchen.

Ich lief an der Mauer um Halcyon Grove entlang und bog in eine schmale Straße ein. Offiziell heißt sie Byron Street, aber weil sie von Bäumen gesäumt ist und die Bäume von Vögeln bevölkert sind, die zu so früher Stunde stets um die Wette zwitschern, habe ich sie in Chirp Street umgetauft. Und die Chirp Street hielt für mich den ersten Geländewechsel bereit. Zwar keinen richtigen Hügel, eher so eine Art Bodenwelle, aber immerhin eine Gelegenheit, meinen Puls in die Höhe zu treiben, ohne schneller zu laufen.

In der Chirp Street ist eigentlich nie viel Verkehr, schon gar nicht so früh am Morgen, sodass es mich überraschte, als ich aus dem Augenwinkel einen Lieferwagen bemerkte, der sich von hinten näherte. Autos – oder Lieferwagen – sind nicht gerade mein Ding, und ich hätte nicht sagen können, von welcher Marke die Kiste war. Ich war allerdings ziemlich sicher, dass ich einen Transporter wie diesen noch nie gesehen hatte. Er war stromlinienförmig, sah irgendwie futuristisch aus und schien nicht das kleinste Geräusch zu machen. Da die Sonne sich in der Frontscheibe spiegelte, konnte ich nicht erkennen, wer hinter dem Steuer saß.

Der Wagen fuhr ungefähr drei Meter hinter mir, hielt sich an meine Geschwindigkeit. Erhöhte ich das Tempo, tat der Transporter dasselbe. Verlangsamte ich das Tempo, tat der Transporter dasselbe. Ich dachte an Samsonis Standardspruch: Sie sollten lieber im Innern der Anlage laufen, Mr Silvagni, und daran, wie ich ihn jedes Mal abgetan hatte.

Ja, dieser Knabe von meiner Schule, Jason Walker, war vor ein paar Jahren gekidnappt worden. Ja, sie hatten ihm das linke Ohr abgeschnitten. Ja, seine Eltern hatten eine Million Dollar gezahlt, um ihn – oder den Rest von ihm – wiederzukriegen, aber ich hatte mir immer eingeredet, der Grund dafür sei gewesen, dass er schlicht leichte Beute war, genau die Sorte dämliches reiches Kid, die ein Kidnapper kidnappen würde. So was könne mir nicht passieren, hatte ich mir gesagt. Aber da war ich nun, in einer menschenleeren Straße, verfolgt von einem unheimlich wirkenden Lieferwagen. Womöglich gab es eine ganz harmlose Erklärung dafür, dass er hier war, doch es waren die weniger harmlosen, die mir im Kopf herumschwirrten.

Als der Wagen sich neben mich setzte, fing mein Hirn an zu surren, machte dasselbe Geräusch wie eine Festplatte, auf die man gerade einen Haufen Dateien kopiert.

Was jetzt?

Urplötzlich ein Rauschen, dann Schwärze. So wie vor ein paar Jahren bei meiner Blinddarmoperation, als der Anästhesist mich »eingeschläfert« hatte.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Gehsteig.

Aus dem Augenwinkel sah ich den weißen Transporter um eine Kurve verschwinden.

Ich machte einen kurzen Check, wackelte nacheinander mit Armen und Beinen. Es schien nichts gebrochen zu sein. Ich bemerkte auch keine sichtbaren Schürfwunden.

Okay, der Wagen hatte mich also nicht angefahren, überlegte ich, während ich mich vorsichtig aufrappelte.

Aber was war mit mir passiert?

Dann entdeckte ich sie: eine kleine, rote Schwellung auf meinem rechten Handrücken. Ich fuhr mit dem Finger darüber. Es sah aus wie der Stich einer Wespe oder einer Biene.

Vielleicht war ich doch betäubt worden, und das hier war die Stelle, wo sie die Nadel oder was auch immer hineingesteckt hatten.

In diesem Fall sollte ich die Polizei rufen.

Also griff ich nach meinem Handy.

Doch im selben Moment kamen mir Zweifel: Was genau sollte ich den Cops sagen? Und was genau würden die dann unternehmen?

Über mir schien die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Um mich herum zwitscherten die Vögel.

Ich schob das Handy zurück in die Tasche.

Diese Sache war unheimlich, aber es war mein Geburtstag, und ich würde nicht zulassen, dass sie ihn ruinierte.

Also tat ich, was ich immer tue: Ich lief. Und wenn ich lief, also richtig lief, mich auf Bewegungen, Tempo, Rhythmus konzentrierte, gab es in meinem Kopf keinen Platz mehr für irgendwas anderes; sofort verschwand der Gedanke an das, was mir gerade passiert war.

Ich nahm die Brücke über den Kanal und erreichte den benachbarten Vorort, Chevron Heights. Verglichen mit dem verschlafenen Halcyon Grove war Chevron Heights immer ein kleiner Schock. Hier herrschte auch schon frühmorgens Hochbetrieb: Ladenbesitzer rüsteten ihre Shops für das Tagesgeschäft, an den Bushaltestellen standen die Leute Schlange. Ein paar Handwerker erledigten die letzten Arbeiten an einer weiteren dieser Hypothekenbankfilialen von Coast Home Loans; es kam einem vor, als gäbe es die entlang der Küste inzwischen an jeder Ecke.

Ein Stück vor mir erkannte ich die schmale Silhouette von Seb, der wie immer direkt vor Big Pete’s Pizza Parlour auf und ab lief und auf mich wartete.

Seb ist einen halben Kopf kleiner als ich und gut ein paar Kilo leichter – mit anderen Worten: ein ziemlicher Hänfling. Bei den meisten Sportarten wäre das von Nachteil – ein Ziemlicher-Hänfling-Basketballer macht keine Slam Dunks, und wer will schon einen Ziemlicher-Hänfling-Footballer sehen? Beim Mittelstreckenlauf ist das allerdings anders. Die letzten drei 1500-Meter-Weltrekordhalter – Saïd Aouita, Noureddine Morceli und Hicham El Guerrouj – waren allesamt ziemliche Hänflinge. Ich war auch mal ein ziemlicher Hänfling. Doch in dieser Saison bin ich schlagartig gewachsen. In die Höhe. Und in die Breite. Und auch wenn ich an meiner Schule noch immer die Bestzeiten über 800 und 1500 Meter hielt, bereitete mir mein schwindendes Hänflingtum allmählich Sorgen.

Langes, zurückgebundenes schwarzes Haar, knielange Basketballhose, Trägershirt – Seb sah eher nach einem Skater aus als nach einem Läufer. Und vielleicht ist er sogar ein Skater – woher soll ich das wissen? –, aber er ist definitiv ein Läufer, und zwar ein ziemlich guter. Dadurch haben wir uns ja kennengelernt. Vor ein paar Monaten sind wir uns – buchstäblich – ständig über den Weg gelaufen, auf unseren jeweiligen Morgenrunden. Zuerst haben wir uns nur zugenickt, dann haben wir angefangen, miteinander zu reden, und irgendwann sind wir das erste Mal gemeinsam gelaufen.

»Du bist spät«, sagte Seb.

»Nein, bin ich nicht«, sagte ich.

»Doch, bist du.«

Wenn ich um die übliche Uhrzeit startete – was der Fall gewesen war – und das übliche Tempo lief – was der Fall gewesen war –, erreichte ich das Big Pete’s immer um 06:12. Als ich jetzt meine Uhr checkte, zeigte sie 06:16. Seb hatte recht: Ich hatte vier Minuten verloren.

Mir blieb keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn wir hatten bereits den Anfang der heftigsten Steigung auf unserer regelmäßigen Route erreicht, einen Geländewechsel, den wir den Gut Buster nennen. Da mein nächster Meisterschaftslauf nicht mehr fern war, zeigte meine Trainingskurve nach unten, was bedeutete, dass ich es nicht übertreiben durfte, dass ich »mit angezogener Handbremse« laufen sollte, wie Gus es ausdrückte. Seb hatte keine Trainingskurve, was bedeutete, dass er machen konnte, was er wollte, und so schnell laufen durfte, wie es ihm gefiel.

Lass die Handbremse angezogen, sagte ich mir, während Seb sich vor mich setzte und eine Zwei-Meter-Lücke riss.

Du musst deine Kräfte sparen, sagte ich mir, während die Lücke auf fünf Meter anwuchs.

Willst du dich hier im Anstieg ernsthaft von diesem Hänfling einseifen lassen?, fragte ich mich, während ich die Handbremse löste, die Steigung hinauffegte und kurz vor der Kuppe an Seb vorbeizog.

Ich wusste sofort, dass mein Puls höher war, als er sein sollte, und dass Gus es sehen würde, sobald er die Daten von meinem Pulsmesser ausgelesen hatte, und dass er vermutlich nicht besonders glücklich darüber sein würde. Genau das war der Grund, weshalb er beharrlich darauf bestand, ich sollte allein trainieren, und weshalb ich ihm nie etwas von Seb erzählt hatte.

Wir trabten den Hügel hinab Richtung Sonnenaufgang, während die Meeresbrise uns um die Nase wehte, und nahmen den Rest unserer üblichen Route in Angriff, am Naturschutzgebiet Ibbotson Reserve entlang.

So lautet der offizielle Name, aber wir nennen es Preacher’s Forest wegen dieses verrückten Alten, dem Prediger, der schon seit Ewigkeiten dort campt.

Das Gebiet ist riesig: Es besteht zum Teil aus Regenwald, zum Teil aus Mangroven, zum Teil aus sandigen Hügeln, und es ist von Bächen durchzogen, mit einem sumpfigen See in der Mitte und einem verlassenen Flughafen auf der anderen Seite. Alle zwei Wochen redet irgend so ein Bauunternehmer im Fernsehen darüber, wie sehr die Zukunft der Gold Coast davon abhängt, dass Ibbotson Reserve endlich Bauland wird. Gefolgt von irgend so einem Umweltschützer, der darüber redet, wie sehr die Zukunft der Gold Coast davon abhängt, dass Ibbotson Reserve niemals Bauland wird.

Wir konnten die Stimme des Predigers hören, der sich in einer seiner gewohnten Tiraden erging.

»Du Verwüsterin, wohl dem, der dir vergilt, was du uns angetan hast!«

Seb und ich wechselten einen Blick: Was für ein übergeschnappter alter Trottel!

»Du Verwüsterin!«, wiederholte Seb.

Zweiunddreißig Minuten später näherten wir uns wieder Big Pete’s, diesmal aus der anderen Richtung. Als wir den Pizzaschuppen erreicht hatten, sagte Seb: »Locker wie ’n Rocker vom Hocker«, bevor er in einer Seitenstraße verschwand und hinlief, wo immer er hinlief, sobald unsere Wege sich trennten.

Ich bin nie bei Seb zu Hause gewesen. Ich bin nie seiner Familie begegnet. Ich weiß nicht mal, auf welche Schule er geht. Ob er überhaupt zur Schule geht. Und als ich bei Google irgendwann seinen Namen eintippte, jedenfalls den, den er mir genannt hatte – Sebastian Baresi –, stieß ich bloß auf den Bassisten einer italienischen Death-Metal-Band namens Del Diavolo Testicoli. Wirklich, das Einzige, was ich über Seb weiß, ist, dass er leidenschaftlich gern läuft.

Während ich wieder über die Brücke joggte, bekam ich Gesellschaft von Elliott, dem Kelpie, der bellte und mit dem Schwanz wedelte. Ich hatte keine Ahnung, wessen Hund er war – den Namen hatte ich ihm verpasst, nach Herb Elliott, dem australischen Meisterläufer aus den Fünfzigern –, aber jeden Morgen gesellte er sich zu mir, an immer derselben Stelle.

»Braver Hund, Elliott!«, rief ich.

Kurz bevor wir die Chirp Street erreichten, verließ Elliott mich wieder, so wie immer.

»Mach’s gut, Elliott!«, rief ich, und er antwortete mit seinem typischen Stakkatogebell.

Den ganzen Nachhauseweg lang hatte ich das Gefühl, dass irgendwer mich beobachtete, mich überwachte.

Es war ein seltsamer Morgen gewesen. Ein echt seltsamer Morgen. Aber hey, womöglich war das Leben nun mal einfach so, wenn man fünfzehn Jahre alt war.

SAMSTAG

GEHEIMES MÄNNERDING

Die Schreibtischlampe warf nur einen schwachen Lichtkegel, sodass große Teile von Gus’ Büro im Dunkeln lagen. Ich konnte nicht einmal die deckenhohen Bücherregale erkennen, geschweige denn die Titel auf den Rücken der zahllosen Bücher lesen, aber ich wusste, dass die meisten von ihnen mit Laufen zu tun hatten. Die übrigen Wände waren mit gerahmten Fotos, Postern und Zeitungsausschnitten bedeckt, von denen die meisten ebenfalls mit Laufen zu tun hatten. Irgendwo dort in den Schatten durchbrach gerade Roger Bannister als Erster die Vier-Minuten-Schallmauer im Meilenlauf, stellte John Landy 1954 seinen 1500-Meter-Weltrekord auf, drückte Hicham El Guerrouj die aktuelle Rekordmarke auf exakt drei Minuten und sechsundzwanzig Sekunden.

Dad und Gus saßen nebeneinander auf einem der beiden Ledersofas, ich saß auf dem anderen. Meine Mum hatte diese Sofas bereits vor etwa fünfzig nervtötenden Umdekorierungen und achtzig sogar noch nervtötenderen Dekorateuren ausrangiert. Ja, das Leder ist eingerissen, und ja, die Füllung der Kissen ist klumpig, aber diese Sofas sind einfach genau das Richtige – oder »das Angesagte«, wie Gus es ausdrücken würde –, um sich darauf auszustrecken und in der neuesten Ausgabe der Running World zu blättern.

Gus trug seine üblichen Klamotten: ein verblasstes ärmelloses Trikot, das seine sehnigen alternden Muskeln zur Geltung brachte, und schlabbrige Shorts, die allerdings nicht schlabbrig genug waren, um den Stumpf zu verbergen. Als Gus nach Halcyon Grove kam, hatte ich panische Angst vor dem Stumpf. Doch dann gewöhnte ich mich an »Stumpy« und sein komisches zusammengenähtes Köpfchen. Wie ein Alien ohne Augen aus irgendeinem Science-Fiction-C-Movie. Trotzdem war es mir lieber, wenn Gus seine Prothese trug, aber ich nehme an, wer sich seit seinem fünfzehnten Lebensjahr tagtäglich ein künstliches Bein anschnallt, hat die Prozedur irgendwann reichlich satt.

Dad und Gus tranken Whisky – pur, on the rocks – aus klobigen Gläsern, ich blieb bei Cola. In den letzten Minuten hatte draußen der Wind aufgefrischt, und aus dem leeren oberen Stockwerk von Gus’ Haus hörte man hin und wieder einen Ast mit seinen hölzernen Knöcheln gegen ein Fenster klopfen.

Dad und Gus wechselten ständig Blicke und räusperten sich, als wären sie beide ein wenig ratlos, wie sie das Gespräch beginnen sollten. Also tat ich es für sie und ersparte ihnen damit ein paar überaus heikle Unannehmlichkeiten.

»Ich weiß alles über Sex«, verkündete ich. »Hatten wir schon in der Schule.«

»Hattet ihr?«, fragte Dad.

»Japp, letztes Halbjahr. Mit Mrs Prefontaine.«

»Mrs Prefontaine?«

»Genau, sie hat uns alles darüber beigebracht. Na ja, zumindest die Basics.«

Ein erleichterter Ausdruck huschte über Dads ebenmäßiges Gesicht.

»Dom, eigentlich wollten wir dir keinen Vortrag über Bienen und Blumen halten«, sagte er.

»Bienen und Blumen?«

»Dein Vater meint Sex«, sagte Gus.

»Es gibt da etwas weitaus Ernsteres, worüber wir uns mit dir unterhalten müssen«, sagte Dad.

»Ich dachte, Sex wär was Ernstes«, antwortete ich. »Mrs Prefontaine jedenfalls schien davon überzeugt zu sein.«

Jetzt übernahm Gus wieder das Reden und sprach mit seiner Ich-Coach-du-Sportler-Stimme.

»Du weißt doch, was eine Schuld ist, oder, Dom?«

Was für eine beknackte Frage, dachte ich. Ich bin vielleicht Sportler, aber ich bin nicht dämlich.

»Ja, der Begriff sagt mir was.«

Gus warf Dad einen Blick zu, dann fuhr er fort: »Nun, unsere Familie hat so eine Schuld.«

»Eine gewaltige Schuld«, fügte Dad hinzu.

»Ihr meint Geld?«, fragte ich und dachte an das Haus, in dem wir wohnen; an dieses Haus hier, das meine Eltern für Gus gekauft hatten; an unser Ferienhaus in Byron Bay; an Moms ganzen Schmuck.

»Nein, nicht Geld. Eine andere Art Schuld.«

Daran hatte mein Hirn zu knabbern: Um welche andere Art von Schuld könnte es denn sonst gehen?

Mit einem Mal dämmerte mir, dass das hier womöglich ein ausgeklügelter Streich war, den man allen männlichen Silvagnis an dem Tag spielte, an dem sie fünfzehn wurden. Ich ließ den Blick durch den Raum schweifen, auf der Suche nach versteckten Kameras. Doch ich konnte keine entdecken. Und um ehrlich zu sein, weder Dad noch Gus sieht es irgendwie ähnlich, Streiche zu spielen.

Gus erhob sich, stakste hinüber zum Schreibtisch, kramte von irgendwoher einen Schlüssel hervor und schloss die unterste rechte Schublade auf. Ich hatte mich schon immer gefragt, warum diese Schublade verschlossen war, was Gus darin vor mir geheim halten wollte. Er zog sie auf und brachte eine altmodische Mappe mit geprägtem Deckel zum Vorschein, aus rotem, abgegriffenem Leder. Damit kehrte er zum Sofa zurück, setzte sich und trank einen großen Schluck Whisky. Dann öffnete er die Mappe behutsam, nahm ein Foto heraus und beugte sich vor, um es mir zu geben.

»Weißt du, wer das ist?«, fragte er.

»Natürlich«, antwortete ich, während ich den in Hut und Umhang gekleideten bärtigen Mann auf dem sepiafarbenen Foto betrachtete. »Ich hab immerhin meinen Namen von ihm. Das ist Dominic, mein Ururururgroßvater.«

»Ganz recht«, sagte Gus und lächelte mich dabei an. »Mein Ur-Urgroßvater.«

»Und mein Urururgroßvater«, sagte Dad.

»Also, was weißt du über ihn?«

»Mal sehen«, erwiderte ich. »Vielleicht dass er zu Großem berufen war?«

Okay, das war bestimmt nicht der beste Witz, den ich je gerissen hatte, aber irgendeine Reaktion hätte er schon verdient gehabt, wenigstens ein schiefes Grinsen. Doch es kam gar nichts, weder von Gus noch von Dad.

Tatsächlich wusste ich eine Menge über Dominic Silvagni, denn als wir vergangenes Jahr in der Schule einen Vortrag über einen unserer Vorfahren halten sollten, hatte ich mich für ihn entschieden. Wahrscheinlich weil er der Einzige war, von dem ich ein Foto auftreiben konnte. Laut Gus hatte es in seinem alten Haus ein Feuer gegeben, bei dem eine Unmenge an Familienfotos verbrannt waren.

»Er wurde 1822 in Italien geboren, in einem kalabrischen Dorf namens San Luca. 1851 heiratete er Maria Barassi. 1852, während des Goldrauschs, kam er mit ihr nach Australien. Er wurde 1854 bei der Eureka Stockade getötet, einem Aufstand der Goldsucher gegen die gewaltigen Abgaben, die die viktorianische Regierung von ihnen verlangte. Einen Monat nach seinem Tod wurde sein Sohn, mein Urururgroßvater, geboren«, sagte ich.

Ich erinnerte mich daran, wie stolz ich damals in der Schule gewesen war, die Geschichte meines Namenspatrons vorzulesen. Besonders als Mr Ryan gesagt hatte, dass die Männer, die bei der Eureka Stockade gestorben waren, Helden gewesen seien, dass sie für ihre Rechte gekämpft und einen wichtigen Beitrag zur Gründung des demokratischen Staates Australien geleistet hätten.

»Das war schon sehr gut«, sagte Gus. »Aber es gibt da noch etwas, das du wissen musst.«

Er nahm einen weiteren Schluck Whisky. Dann öffnete er den Mund, als wollte er weitersprechen, brachte jedoch kein Wort heraus.

»Dominic Silvagni war der Spross einer ’Ndrangheta-Familie«, sagte Dad.

»Er war was?«, fragte ich.

»Papier und Stift?«, wandte Dad sich an Gus.

Mein Großvater stapfte zu seinem Schreibtisch hinüber und kehrte mit einem Notizblock und einem schwarzen Filzstift zurück. Dad schlug eine leere Seite auf und schrieb in Großbuchstaben: ’NDRANGHETA.

Jetzt, wo ich das Wort vor mir sah, kam es mir irgendwie bekannt vor.

»Ist das nicht so was Ähnliches wie die Mafia?«, fragte ich.

»So was Ähnliches, allerdings weniger freundlich«, antwortete Dad.

Zuerst glaubte ich, das sollte ein Witz sein, doch auf dem Gesicht meines Dads lag nicht das leiseste Lächeln.

Gus, der offenbar seine Stimme wiedergefunden hatte, klärte mich dann über die Ursprünge der ’Ndrangheta auf.

Wahrscheinlich war sie im alten Italien als Zusammenschluss von Kleinbauern entstanden, die sich gemeinsam gegen von reichen Gutsherren begangenes Unrecht zur Wehr setzen wollten. Mit der Zeit allerdings wuchs sich das Ganze zu einer kriminellen Vereinigung aus.

»Aber wenn er ein Mitglied der ’Ndrangheta war«, wandte ich ein und verhaspelte mich bei der Aussprache, »warum kam er dann nach Australien?«

Erneut wechselten Dad und Gus einen Blick.

»Weil er rauswollte«, sagte Dad.

»Aus der ’Ndrangheta?«

Dad nickte.

»Normalerweise ist das unmöglich, denn wer in eine ’Ndrangheta-Familie hineingeboren wird, bleibt sein Leben lang ’Ndranghetista. Aber irgendwie hat er sie dazu gebracht, als Entschädigung für seine, nun ja, Freiheit eine gewisse Geldsumme zu akzeptieren.«

»Wie viel?«

»Heutzutage läge der Gegenwert bei etwa zwei Millionen Dollar«, sagte Dad.

Ich stieß einen leisen Pfiff aus. »Und woher hatte er so viel Geld?«

»Er hatte es nicht«, sagte Dad, und die Verachtung in seiner Stimme war nicht zu überhören.

»Er hätte es sich beschafft!«, rief Gus. »Wenn er nicht sein Leben gegeben hätte.«

»Sein Leben gegeben?«, erwiderte Dad höhnisch. »Er ist krepiert wie ein Hund wegen einer Sache, mit der er nicht das Geringste zu tun hatte.«

Obwohl ich sie zum ersten Mal mitbekam, schien diese Auseinandersetzung schon älter zu sein. Ein Streit, bei dem aus denselben Mündern immer und immer wieder dieselben Sätze fielen.

Dad fuhr fort. »Dein Ururururgroßvater ist nach Australien gekommen, um hier nach Gold zu schürfen, dabei ein Vermögen zu machen und anschließend seine Schuld zu begleichen. Aber dann ist er einfach losgezogen und hat sich umbringen lassen.«

»Für eine Sache, an die er geglaubt –«, begann Gus, aber Dad fiel ihm ins Wort: »Zeig es deinem Enkelsohn einfach, Dad.«

Gus zog eine Klarsichthülle aus der Mappe. Darin befand sich ein Dokument, anscheinend uralt, das Papier vergilbt, brüchig.

»Die ’Ndrangheta hatte nicht die Absicht, Dominic so ohne Weiteres ans andere Ende der Welt ziehen zu lassen, um dann nie wieder von ihm zu hören«, erläuterte Dad. »Also ließen sie ihn vor seiner Abreise dieses Papier unterzeichnen.«

»Sei vorsichtig damit«, sagte Gus und reichte es mir.

Ich nahm ihm das Dokument aus der Hand. Es war überschrieben mit Pagherò Cambiario.

»Aber das ist in Italienisch«, sagte ich.

»Im Grunde ist es eine Schuldvereinbarung«, sagte Dad. »Sie besagt, dass bei ausbleibender Tilgung der Summe, wozu es ja dann gekommen ist, sämtliche männlichen Silvagnis unmittelbar nach Vollendung ihres fünfzehnten Lebensjahres verpflichtet sind, sechs Rückzahlungen auf diese Schuld zu leisten.«

»Rückzahlungen?«, fragte ich. »Also doch Geld?«

»Nein, kein Geld. Stell dir das Ganze eher als eine Reihe von Aufträgen vor.«

Die Sache wurde mir allmählich zu wirr; ich musste die Augen schließen. ’Ndrangheta, ausbleibende Tilgungen, Aufträge: Was zur Hölle war hier eigentlich los?

Ehe ich die Augen wieder aufschlug, wünschte ich mir, dass ich nur träumte. Oder dass Dad und Gus über den gelungenen Scherz lachen würden, den sie sich gerade mit mir erlaubt hatten.

Langsam öffnete ich die Augen.

Sie lachten nicht. Es war kein Scherz.

»Was für Aufträge?«, fragte ich.

»Sie werden es dich wissen lassen«, antwortete Dad.

»Sie? Du meinst die Typen von der ’Ndrangheta?«

»Es ist wahrscheinlich klüger, wenn du dieses Wort nicht in den Mund nimmst«, erwiderte Dad, riss das Blatt aus dem Notizblock und zerknüllte es. »Am besten nennst du sie einfach ›Der Clan‹.«

Plötzlich erinnerte ich mich an den Lieferwagen, weiß, stromlinienförmig, irgendwie futuristisch – und an die verlorenen vier Minuten.

»Sie haben bereits Kontakt mit dir aufgenommen?«, fragte Dad und sah mich aufmerksam an.

»Ich glaub schon«, sagte ich und erzählte den beiden, was passiert war.

»Du hattest also keine Verletzungen oder so was?«, hakte Gus nach.

»Eigentlich nicht«, sagte ich, doch dann fiel es mir wieder ein. »Es gab da so eine komische rote Schwellung auf meinem rechten Handrücken.«

Ich zeigte ihnen die Stelle, und Gus fuhr sanft mit den Fingerspitzen über meine Haut.

»Außerdem hab ich seitdem ständig dieses unheimliche Gefühl, dass mich jemand –«, begann ich, aber Dad hob rasch beide Arme, wie um zu sagen: Stopp.

»Das wollen wir nicht wissen, klar? Wir dürfen nicht. Das hier ist eine Sache zwischen dir und dem Clan.«

Ich sah hinüber zu Gus. Auf seinem Gesicht lag ein resignierter Ausdruck, wie um zu sagen: Das sieht dein Dad leider ganz richtig.

»Na schön, was ist, wenn ich mich weigere, diese sechs Raten zu zahlen, diese sechs Aufträge zu übernehmen?«, fragte ich. »Was können die mir denn schon antun?«

»In caso di mancato pagamento, il creditore può reclamare una libbra della carne del debitore«, las Gus einen Satz aus dem Dokument vor.

»Und was zum Teufel soll das heißen?«

»Sollte die Tilgung durch den Schuldner ausbleiben, ist der Gläubiger berechtigt, ihm ein Pfund Fleisch zu nehmen.«

»Ein Pfund Fleisch?«, wiederholte ich.

»So ist es«, sagte Dad.

Der Ausdruck kam mir bekannt vor – war das nicht irgendein Shakespeare-Zitat? –, aber was genau bedeutete er im Zusammenhang mit all dem hier? Mein Blick wanderte fast wie von selbst hinüber zu Gus. Und seinen Krücken. Und seinem Stumpf.

Nein, unmöglich.

»Dein Bein?«, fragte ich.

Gus nickte.

»Es war nicht der Krebs?«

Gus schüttelte den Kopf. »Ich hatte nie welchen.«

»Du hast den Clan nicht bezahlt?«

Gus nickte.

»Und das haben die dir angetan?« Ich deutete auf den Stumpf.

»Sie haben sich ihr Pfund Fleisch genommen«, sagte Gus.

Diese Antwort raubte mir buchstäblich den Atem. Ich schnappte nach Luft und sackte auf dem Sofa zusammen.

Wieder hatte ich das Gefühl, dass all das hier gar nicht wirklich passierte, dass es nicht real war.

Doch als ich zu den Wänden hinaufblickte, erkannte ich denselben entsetzten Ausdruck auf den umschatteten Gesichtern von Roger Bannister, John Landy, Hicham El Guerrouj, von all den Läufern, die dort versammelt waren.

Der Clan hatte sich sein Pfund Fleisch genommen!

Dann, als ich meinen Dad anschaute, in seinem makellosen Kurzarmhemd und seinen makellosen Chinos, dämmerte es mir.

»Und du hast den Clan bezahlt?«

»Ich habe getan, was ich tun musste«, antwortete er und sah Gus dabei voller Verachtung an. »Ich habe unsere Familie wieder aus der Gosse gezogen.«

Was ging hier eigentlich vor? Ich wusste zwar, dass die Familie nicht viel Geld gehabt hatte, als mein Dad noch ein Kind gewesen war, allerdings hatte ich bisher nie gehört, dass er diese Zeit als »Gosse« bezeichnete.

»Aber wieso hat Dominic so einen Vertrag überhaupt unterzeichnet?«, fragte ich.

»Du darfst nicht vergessen«, antwortete Gus, »dass das völlig andere, man könnte auch sagen: unaufgeklärte Zeiten waren. Voller Grausamkeiten. Und dein Ururururgroßvater war ein Optimist. Er war fest davon überzeugt, dass er die vereinbarte Summe zusammenbekommt, dass er mehr als genügend Gold aus der Erde holt.«

»Der Mann war ein Narr«, sagte Dad.

Gus’ Finger schlossen sich fester um sein Whiskyglas.

»Ein Narr, der Narren gezeugt hat«, fuhr Dad fort, in einem Ton, den ich nie zuvor bei ihm gehört hatte: geringschätzig, hämisch. »Oder um es etwas moderner auszudrücken: In der Geschichte unserer Familie hat das Narren-Gen eine nicht unerhebliche Rolle gespielt.«

Gus’ Knöchel waren jetzt weiß, das Eis klackerte in dem zitternden Glas.

»Aber wir züchten es wieder heraus, und das ist die Hauptsache«, sagte Dad.

Er sah mich an und lächelte.

»Ist es nicht so, Dom?«

Aus dem oberen Stock kam ein lautes Klopfen.

Mein Verstand sagte mir, dass es sicher nur wieder der Ast war, der gegen die Scheibe des Fensters schlug. Doch in diesem Moment kam es mir wie etwas anderes vor, wie ein verhängnisvolles Omen, denn gerade war etwas überaus Böses und Finsteres in mein Leben getreten.

Dad schenkte Gus und sich selbst den letzten Rest Whisky ein und sagte: »Bleibt nur noch eine Sache, Dom.«

»Verflucht noch mal, David!«, zischte Gus.

Mein Dad funkelte seinen Dad an, stieß seinen Finger jäh auf das Dokument und sagte: »Es ist die Schuld!«

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