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Der Chronist der Winde

 

HenningMankell

 

Der Chronist der Winde

 

Roman

 

Aus dem Schwedischen

von Verena Reichel

 

Paul Zsolnay Verlag

 

 

 

»Zwei Augen hat die Seel:

eins schauet in die Zeit,

Das andre richtet sich hin in die Ewigkeit.«

                                                        angelus silesius

 

 

»Wenn dies die beste aller Welten ist

wie müssen dann erst die anderen sein?«

                                                  voltaire: candide

 

 

»Da die Tiefen noch nicht waren,

da war ich schon geboren;

da die Brunnen noch nicht mit Wasser quollen …«

                                                                  sprüche, 8, 24–25

José Antonio Maria Vaz

Auf einem Hausdach aus sonnengebranntem, rötlichem Lehm stehe ich, José Antonio Maria Vaz, in einer schwülen, feuchten Nacht und warte auf den Untergang der Erde. Ich bin schmutzig und fiebrig, meine Kleider hängen in Fetzen, als wären sie auf wilder Flucht vor meinem dürren Leib. In den Taschen habe ich Mehl, und das ist für mich kostbarer als Gold. Denn vor einem Jahr stellte ich noch etwas dar, ich war Bäcker, im Gegensatz zu heute, da ich nichts bin, ein Bettler, der tagsüber rastlos unter der sengenden Sonne umherstreift und die endlosen Nächte auf einem verlassenen Hausdach verbringt. Aber auch Bettler haben Zeichen, die ihnen eine Identität verleihen, sie von allen anderen unterscheiden, die ihre Hände an den Straßenecken feilbieten, als wollten sie sie weggeben oder ihre Finger verkaufen, einen um den andern. José Antonio Maria Vaz ist der zerlumpte Kerl, der bekannt wurde als Chronist der Winde. Tag und Nacht, ununterbrochen, bewegen sich meine Lippen, als würde ich eine Geschichte erzählen, die niemand je anzuhören bereit war. Es ist, als hätte ich schließlich akzeptiert, daß der Monsun, der vom Meer herantreibt, mein einziger Zuhörer ist, immer aufmerksam, geduldig wie ein alter Priester darauf wartend, daß das Bekenntnis schließlich zu einem Ende kommt.

In den Nächten nehme ich Zuflucht zu diesem verlassenen Dach, da ich meine, dort Überblick und Raum zu gewinnen. Die Sternbilder sind stumm, sie applaudieren mir nicht, aber ihre Augen funkeln, und ich habe das Gefühl, ich könnte direkt in das Ohr der Ewigkeit sprechen. Und wenn ich den Kopf neige, sehe ich, wie die Stadt sich ausbreitet, die Nachtstadt, wo unruhige Feuer flackern und tanzen, unsichtbare Hunde lachen, und ich staune über all die Menschen, die da schlafen, atmen und träumen und lieben, während ich auf meinem Dach stehe und von einem Menschen spreche, den es nicht mehr gibt.

 

Ich, José Antonio Maria Vaz, bin auch ein Teil dieser Stadt, die sich an den Steilhängen zur breiten Flußmündung hinab festklammert. Die Häuser klettern wie Affen an den Hängen empor, und mit jedem Tag scheinen sich die Menschen, die da wohnen, zu vermehren. Sie kommen aus dem unbekannten Inland, aus der Savanne und den fernen, abgestorbenen Wäldern zur Küste hinabgewandert, an der die Stadt liegt. Dort lassen sie sich nieder und bemerken scheinbar nicht all die feindseligen Blicke, die ihnen begegnen. Niemand kann mit Sicherheit sagen, wovon sie leben oder wo sie Unterschlupf finden. Sie werden von der Stadt verschluckt, werden ein Teil von ihr. Und jeden Tag kommen neue Fremde, alle mit ihren Bündeln und Körben, die hochgewachsenen schwarzen Frauen mit riesigen Stoffballen auf ihren majestätischen Köpfen, wie Reihen von kleinen schwarzen Punkten vor dem Horizont dahinwandernd. Mehr und mehr Kinder werden geboren, neue Häuser klettern die Hänge empor, um weggespült zu werden, wenn die Wolken schwarz sind und Orkane wie mörderische Banditen wüten. So geht es nun schon seit Menschengedenken, und viele Leute liegen nachts wach und grübeln, wie das wohl enden wird.

Wann wird die Stadt die Abhänge hinabstürzen und vom Meer verschlungen werden?

Wann wird das Gewicht all dieser Menschen zu schwer?

Wann wird die Erde untergehen?

 

Einst habe auch ich, José Antonio Maria Vaz, nachts grübelnd wach gelegen.

Aber jetzt nicht mehr. Nicht mehr, seit ich Nelio begegnet bin und ihn aufs Dach getragen habe und ihn sterben sah.

Die Unruhe, die mich früher manchmal überkam, ist jetzt vorbei. Besser gesagt, ich habe begriffen, daß es einen entscheidenden Unterschied macht, ob man Angst hat oder beunruhigt ist.

Auch das hat Nelio mir erklärt.

– Wenn man Angst hat, ist das, als würde man an einem unstillbaren Hunger leiden, sagte er. Ist man dagegen beunruhigt, leistet man der Unruhe Widerstand.

Ich erinnere mich an seine Worte, und heute weiß ich, daß er recht hatte. Mitunter stehe ich hier und schaue hinaus auf die nächtliche Stadt, die unruhig flackernden Feuer, und ich erinnere mich an alles, was er in den neun Nächten gesagt hat, die ich bei ihm war und ihn sterben sah.

Aber auch das Dach ist ein lebendiger Teil der Geschichte. Es ist, als befände ich mich auf dem Meeresgrund, ich bin gesunken und kann nicht tiefer kommen. Ich stehe auf dem Grund meiner eigenen Geschichte, hier, auf diesem Dach, hat alles angefangen, und hier hat es geendet.

Manchmal stelle ich mir genau das als meine Aufgabe vor: daß ich für immer auf dem Boden dieses Dachs herumwandere und meine Worte an die Sterne richte. Genau das ist meine Aufgabe, für immer.

Dies ist meine merkwürdige Geschichte, wie mir scheint, unmöglich zu vergessen.

 

Es war an jenem Abend, gegen Ende November, vor einem Jahr, als Vollmond war und der Himmel nach heftigen Regenfällen aufgeklart hatte, als ich Nelio auf die schmutzige Matratze legte, wo er neun Tage später, in der ersten Morgendämmerung, sterben sollte. Da hatte er bereits viel Blut verloren, der Verband, notdürftig hergestellt aus Stoffetzen, die ich aus meinen eigenen zerschlissenen Kleidern riß, half nicht viel. Lange vor mir wußte er, daß er bald nicht mehr dasein würde.

Damals hat auch alles von vorn angefangen, als wäre eine neue, besondere Zeitrechnung plötzlich in Kraft getreten. Das weiß ich noch ganz genau, obwohl seit diesem Abend über ein Jahr vergangen und viel passiert ist in meinem Leben.

 

Ich erinnere mich an den Mond am dunklen Himmel.

Ich erinnere mich an ihn als Widerschein von Nelios bleichem Gesicht, auf dem die salzigen Schweißtropfen glitzerten, während das Leben langsam, fast vorsichtig, als gelte es, einen Schlafenden nicht zu wecken, seinen Körper verließ.

 

An diesem frühen Morgen, nach der neunten Nacht, als Nelio starb, ist etwas Wichtiges zu Ende gegangen. Es fällt mir schwer zu erklären, was ich meine. Aber mitunter fühlt es sich in meinem Leben so an, als wäre ich von einer großen Leere umgeben. Als befände ich mich in einem riesigen Raum aus unsichtbarem Gewebe, aus dem ich mich nicht befreien kann.

So habe ich es an dem Morgen empfunden, als Nelio im Sterben lag, von allen verlassen, mit mir als einzigem Zeugen.

 

Später, als alles vorbei war, tat ich, worum er mich gebeten hatte.

Ich trug seinen Körper die Wendeltreppe hinab, in die Bäckerei, wo die Hitze so groß ist, daß ich mich nie daran gewöhnt habe.

Ich war allein dort in der Nacht, der große Ofen war heiß in Erwartung des Brotes, das bald für den hungrigen Tag gebacken werden sollte. Ich schob seinen Körper in den Ofen, schlug die Klappe zu und wartete genau eine Stunde. So lange würde es dauern, hatte er gesagt, bis sein Körper verschwunden wäre. Später, als ich die Klappe wieder öffnete, war nichts mehr übrig. Sein Geist wehte an mir vorbei, wie ein kühler Hauch aus der höllischen Hitze, und das war alles.

 

Ich ging zurück aufs Dach. Dort blieb ich, bis es wieder Nacht wurde. Und da, unter den Sternen und der kaum sichtbaren dünnen Mondsichel, während der milde Wind vom Indischen Ozean mir das Gesicht fächelte, inmitten der Trauer, wurde mir bewußt, daß ich es war, der Nelios Geschichte erzählen mußte.

Kein anderer könnte es tun.

Keiner außer mir. Niemand.

Und die Geschichte mußte erzählt werden. Sie durfte nicht einfach als abgelegtes und friedloses Erinnerungsbild in der Rumpelkammer liegenbleiben, die es in jedem menschlichen Gehirn gibt.

 

Denn es war ja so: Nelio war nicht nur ein armes, schmutziges Straßenkind gewesen. Er war vor allem ein bemerkenswerter Mensch, ungreifbar, vieldeutig, wie ein seltener Vogel, von dem alle reden, obwohl ihn nie jemand wirklich gesehen hat. Obwohl er erst zehn Jahre alt war, als er starb, verfügte er über eine Erfahrung und Lebensweisheit, als hätte er hundert Jahre gelebt. Nelio – wenn er denn tatsächlich so hieß, mitunter nannte er sich nämlich ganz anders – umgab sich mit einem unsichtbaren magnetischen Feld, das niemand durchdringen konnte. Von allen – sogar von den brutalen Polizisten und den unentwegt nervösen indischen Händlern – wurde er mit Ehrerbietung behandelt. Viele suchten seinen Rat oder hielten sich nur vorsorglich in seiner Nähe auf, in der Hoffnung, etwas von seinen geheimnisvollen Kräften würde sich auf sie übertragen.

Und jetzt war Nelio tot.

Tief im Fieber versunken hatte er mühsam seinen letzten Atemzug ausgeschwitzt.

Eine einsame Dünung hatte sich über die Weltmeere fortgepflanzt, dann war alles vorüber, und die Stille erschrekkend in ihrer Leere. Ich sah zum Firmament auf und dachte, nichts würde mehr so sein, wie es war.

Ich wußte, was viele dachten. Ich hatte es selbst gedacht. Daß Nelio eigentlich kein Mensch war. Sondern ein Gott. Einer der alten, vergessenen Götter, die trotzig oder vielleicht tollkühn auf die Erde zurückgekehrt waren und sich in Nelios mageren Körper geschlichen hatten. Oder, wenn schon kein Gott, so war er wenigstens ein Heiliger. Ein Straßenkindheiliger.

Und jetzt war er tot. Fort.

 

Der milde Wind vom Meer, der über mein Gesicht strich, fühlte sich plötzlich kalt und bedrohlich an. Ich sah hinaus auf die dunkle Stadt, die an den Hängen zum Meer hinabkletterte, sah die flackernden Feuer und die vereinzelten Straßenlaternen, von Faltern umtanzt, und dachte: Hier hat Nelio eine kurze Zeit gelebt, mitten unter uns. Und ich bin der einzige, der seine ganze Geschichte kennt. Mir hat er sich anvertraut, nachdem man auf ihn geschossen hatte und ich ihn aufs Dach getragen und auf die schmutzige Matratze gelegt hatte, von der er sich nicht mehr erheben sollte.

– Es ist nicht, weil ich Angst habe, man könnte mich vergessen, hatte er gesagt.

Es ist, damit ihr nicht vergeßt, wer ihr selber seid.

Nelio hat uns daran erinnert, wer wir eigentlich sind. Menschen, von denen ein jeder heimliche Kräfte besaß, die er nicht kannte. Nelio war ein bemerkenswerter Mensch. Seine Anwesenheit bewirkte, daß wir uns bemerkenswert fühlten.

Das war sein Geheimnis.

 

Es ist Nacht am Indischen Ozean.

Nelio ist tot.

Und wie unwahrscheinlich es auch klingen mag, mir schien, daß er nicht einmal Angst hatte beim Sterben.

Wie ist das möglich? Daß ein Zehnjähriger stirbt, ohne auch nur einen Funken Entsetzen darüber zu zeigen, daß er nicht mehr teilhaben kann am Leben?

Das verstehe ich nicht. Überhaupt nicht.

Ich, ein Erwachsener, kann nicht an den Tod denken, ohne eine eisige Hand an meiner Kehle zu spüren.

Aber Nelio lächelte nur. Offenbar hatte er doch ein Geheimnis, das er nicht mit uns anderen teilte. Das ist sonderbar, denn er war sehr freigebig mit den wenigen Dingen, die er besaß, ob es die schmutzigen Hemden aus indischer Baumwolle waren, die er immer trug, oder einer seiner immer wieder überraschenden Gedanken.

Daß es ihn nicht mehr gibt, nehme ich als Zeichen, daß die Erde bald untergehen wird.

Oder täusche ich mich?

Ich stehe auf dem Dach und denke an das erste Mal, als ich ihn sah, als er auf dem schmutzigen Boden lag, getroffen von den Kugeln des verwirrten Mörders.

Der sanfte Nachtwind, der vom Meer herantreibt, hilft mir, mich zu erinnern.

Nelio hat oft gefragt:

– Spürst du, wonach der Wind schmeckt?

Ich wußte nie, was ich antworten sollte. Kann der Wind wirklich einen Geschmack haben?

Nelio war davon überzeugt.

– Geheimnisvolle Gewürze, sagte er plötzlich, ich glaube, es war in der siebten Nacht. Sie erzählen uns von Ereignissen und Menschen in weiter Ferne. Die wir nicht sehen können. Aber wir können sie spüren, wenn wir den Wind tief in unseren Mund einsaugen und ihn dann essen.

So war Nelio. Er glaubte, der Wind ließe sich essen.

Der Wind könnte den Hunger betäuben.

Und wenn ich versuche, mir in Erinnerung zu rufen, was ich in den neun Nächten mit Nelio gehört habe, kann ich mir vorstellen, daß mein Gedächtnis weder besser noch schlechter ist als das von irgend jemand anders.

Aber ich weiß auch, daß ich in einer Zeit lebe, in der die Menschen öfter das Vergessen suchen als die Erinnerung. Daher verstehe ich auch meine eigene Furcht besser, daß es tatsächlich der Untergang der Erde ist, den ich erwarte. Der Mensch lebt, um etwas zu schaffen und seine guten Erinnerungen mit anderen zu teilen. Aber wenn wir ehrlich zu uns selber sind, sehen wir ein, daß die Zeit dunkel ist, genauso dunkel wie die Stadt zu meinen Füßen, die Sterne leuchten widerwillig über unserer verschandelten Erde, und die Erinnerungen an schöne Erlebnisse sind so rar, daß die großen Räume in unserem Gehirn, in denen ihr Gedächtnis bewahrt werden soll, leer und verriegelt sind.

Eigentlich komisch, daß ich das sage.

Ich bin kein Schwarzmaler. Ich lache viel öfter als ich weine.

Auch wenn ich heute ein Bettler in Lumpen bin, habe ich in meinem Leib das fröhliche Herz des Bäckers bewahrt.

Ich merke, daß es mir schwerfällt zu erklären, was ich meine. Hat man wie ich seit seinem sechsten Lebensjahr in einer heißen, stickigen Bäckerei Brot gebacken, ist es mit den Worten nicht so leicht.

Eine Schule habe ich nie besucht. Ich habe in alten, zerrissenen Zeitungen lesen gelernt. Oft so alt, daß die Stadt, von der da die Rede war, noch ihren früheren, heute abgeschafften Kolonialnamen trug. Ich lernte lesen, während wir darauf warteten, daß das Brot in den Öfen durchgebacken war. Es war der alte Meisterbäcker, Fernando, der es mir beigebracht hat. Ich kann mich noch ganz genau an all die Nächte erinnern, in denen er darüber schimpfte und fluchte, daß ich so faul sei.

– Die Buchstaben und Worte kommen nicht zu einem Menschen, seufzte er. Der Mensch muß zu ihnen kommen.

Aber schließlich habe ich es gelernt. Ich habe gelernt, mit Worten umzugehen, wenn auch auf Distanz und immer mit dem Gefühl, ihrer nicht ganz würdig zu sein.

Noch immer sind die Worte Fremde für mich. Zumindest, wenn ich erzählen will, was ich denke oder fühle. Aber ich muß es versuchen. Ich kann nicht länger warten. Ein Jahr ist bereits vergangen.

 

Noch habe ich nicht von dem blendend weißen Sand erzählt, den raschelnden Palmen und den Haien, die man mitunter dicht an der verwitterten Hafenmauer sehen kann.

Aber das werde ich später tun.

Jetzt will ich von Nelio sprechen, dem Bemerkenswerten. Er, der aus dem Nirgendwo in die Stadt kam. Er, der sich in einem Standbild einquartierte, das vergessen auf einem Platz in der Stadt thronte.

Und genau hier kann ich meine Geschichte beginnen lassen.

Alles beginnt mit dem Wind, dem geheimnisvollen, verlockenden, der vom ewig wandernden Indischen Ozean in unsere Stadt hineintreibt.

 

Ich, José Antonio Maria Vaz, ein einsamer Mann auf einem Dach, unter dem tropischen Sternenhimmel, habe eine Geschichte zu erzählen.

Die erste Nacht

Als in dieser verhängnisvollen Nacht die Schüsse fielen und ich Nelio in seinem eigenen Blut fand, hatte ich bereits viele Jahre in der Bäckerei der konfusen und wunderlichen Dona Esmeralda gearbeitet. Keiner hatte es so lange ausgehalten wie ich.

Dona Esmeralda war eine erstaunliche Frau, die jeder in der Stadt kannte und sie entweder insgeheim bewunderte oder für verrückt erklärte. Als Nelio ohne ihr Wissen auf dem Dach der Bäckerei im Sterben lag, war sie über neunzig Jahre alt. Manche behaupteten, sie wäre schon hundert, aber keiner konnte es mit Sicherheit sagen. Von Dona Esmeralda ließ sich einzig mit Gewißheit sagen, daß nichts sicher war. Es schien, als wäre sie schon immer dagewesen, untrennbar mit der Stadt und deren Gründung verbunden. Es konnte sich auch niemand daran erinnern, daß sie je jung gewesen wäre. Seit jeher hatte sie ihr altes Auto in hohem Tempo gefahren, mit offenem Verdeck, mal auf der einen, mal auf der anderen Straßenseite. Ihre Kleider waren seit eh und je aus flatternder Seide, ihre Hüte mit breiten Bändern unter dem runzligen Kinn festgebunden. Aber obwohl sie schon immer sehr alt gewesen war, erklärte man den Fremden, die sich gerade noch retten konnten, wenn sie in wilder Fahrt angerast kam, sie sei die jüngste Tochter des berüchtigten Gouverneurs Dom Joaquim Leonardo dos Santos, der während seines skandalumwitterten Lebens unter anderem die Plätze im Zentrum der Stadt mit einer Vielzahl von Reiterstandbildern bevölkert hatte. Über Dom Joaquim kursierten zahllose Geschichten, nicht zuletzt über die beachtliche Anzahl von unehelichen Kindern, die er hinterlassen hatte. Mit seiner Frau, der vogelartigen Dona Celestina, hatte er drei Töchter gehabt, wovon Esmeralda diejenige war, die ihm am meisten glich, wenn nicht im Aussehen, so doch in der Art. Dom Joaquim stammte aus einer der ältesten Kolonialfamilien, die Mitte des 19. Jahrhunderts von der anderen Seite des Meeres herüberkam. Seine Familie war innerhalb kürzester Zeit eine der mächtigsten im Land geworden. Dom Joaquims Brüder hatten sich wichtige Positionen verschafft, teils durch das Schürfen von Edelsteinen in den fernen Provinzen, teils als Großwildjäger, Prälaten und Militärs. Dom Joaquim selbst hatte sich bereits in jungen Jahren auf das unübersichtliche Terrain der lokalen Politik begeben. Da das Land als Provinz von einer Macht jenseits des Meeres regiert wurde, hatten die Gouverneure vor Ort mehr oder weniger freie Hand, es konnte ohnehin keiner kontrollieren, was sie trieben. In den wenigen Fällen, in denen das Mißtrauen überhand nahm, schickte man Regierungsbeamte über das Meer, um nachzuprüfen, was da in der kolonialen Verwaltung eigentlich vorging. Einmal hatte Dom Joaquim das Büro der Kontrolleure mit Schlangen gefüllt, ein andermal eine Gruppe von wilden Trommlern in einem benachbarten Haus einquartiert, worauf die Regierungsbeamten entweder durchdrehten oder in tiefes Schweigen versanken, um dann so schnell wie möglich das nächste Schiff zu besteigen, das gen Europa segelte. In ihren Berichten hieß es dann stets, in der Kolonie stehe alles zum Besten, und zur Bekräftigung hatte Dom Joaquim ihnen kleine Stoffbeutel mit Edelsteinen in die Taschen gesteckt, wenn er sie am Kai verabschiedete. Als Dom Joaquim zum erstenmal bei einer Regionalwahl zum Stadtgouverneur gemacht wurde, war er kaum älter als zwanzig Jahre. Sein Gegner, ein freundlicher, gutgläubiger alter Oberst, hatte sich aus dem Wahlkampf zurückgezogen, nachdem Dom Joaquim sehr geschickt das Gerücht in Umlauf gebracht hatte, der Mann sei in seiner Jugend, als er noch jenseits des Meeres lebte, für ein nicht näher benanntes Verbrechen bestraft worden. Obwohl die Anschuldigungen falsch waren, erkannte der Oberst, daß er gegen die Verleumdungen nicht ankommen würde, und gab auf. Wie bei allen anderen Wahlen war auch hier der Wahlbetrug die unabdingbare organisatorische Voraussetzung gewesen, und er war mit einer Mehrheit gewählt worden, die bei weitem die Gesamtzahl der damals registrierten Stimmberechtigten überschritt. Der wichtigste Bestandteil seines Wahlprogramms war das Versprechen gewesen, die lokalen arbeitsfreien Feiertage erheblich zu vermehren, was er dann auch sofort realisierte, nachdem er eingesetzt worden war und sich zum erstenmal auf der Treppe der Residenz zeigte, auf dem Kopf den dreieckigen, mit Federbusch geschmückten Hut, das höchste Zeichen seiner neuen, demokratisch erworbenen Würde. Dom Joaquims erste Maßnahme als frisch gewählter Gouverneur war, daß er an der Vorderfront der Residenz einen großen Balkon errichten ließ, von dem aus er bei geeigneten Gelegenheiten Reden an die Bevölkerung der Stadt halten konnte. Einmal gewählt, sorgte er umsichtig dafür, daß ihm niemand seine Gouverneurswürde streitig machte, und in den folgenden sechzig Jahren wurde er mit immer größeren Mehrheiten wiedergewählt, obwohl die Bevölkerung in dieser Zeit erheblich zurückging. Als er schließlich starb, hatte er sich jedoch lange nicht mehr öffentlich gezeigt. Da war er bereits so verwirrt und so tief im Dämmer des Alters versunken, daß er mitunter glaubte, er wäre schon gestorben, und nachts schlief er dann in einem Sarg, der neben dem breiten Bett im Gouverneurspalast aufgestellt war. Niemand hatte jedoch den Mut gehabt, ihn als Gouverneur in Frage zu stellen, alle hatten ihn gefürchtet, und als er endlich gestorben war, halb aus seinem Sarg hängend, als hätte er ein letztes Mal auf den Balkon kriechen wollen, um auf die Stadt hinauszusehen, die sich in den vielen Jahren seiner Macht bis zur Unkenntlichkeit verändert hatte, hatte niemand etwas zu unternehmen gewagt, bis er nach einigen Tagen in der großen Wärme zu riechen begann.

Er war Dona Esmeraldas Vater gewesen, und sie war ihm ähnlich. Wenn sie in ihrem offenen Wagen durch die Stadt fegte, konnte sie überall die mächtigen Standbilder sehen, die sich auf den Plätzen der Stadt drängten, und alle erinnerten sie an ihren Vater. Dom Joaquim hatte immer sorgfältig auf die kleinsten Anzeichen von revolutionärer Unzufriedenheit und Unruhe im Land geachtet. In jungen Jahren hatte er einen Stab von Geheimpolizisten eingesetzt, einen Stab, den jeder kannte, der aber offiziell gar nicht existierte. Ihre einzige Aufgabe war, sich unters Volk zu mischen und die kleinsten Äußerungen von Unruhe zu registrieren. Zugleich hatte Dom Joaquim rasch zugeschlagen, wenn eine Revolution in einem der Nachbarländer die jeweiligen Despoten ins Gefängnis geworfen, sie in die Verbannung getrieben oder sie vor eine Anzahl von Gewehrläufen gestellt hatte. Er hatte dann sofort ein Angebot für die Standbilder gemacht, die von den rasenden Volksmassen umgestürzt worden waren. Er hatte gut gezahlt und sie mit Booten und Wagen in die Stadt transportieren lassen. Dort hatte man die ursprünglichen Inschriften abgeschliffen, und Dom Joaquim hatte befohlen, den Standbildern seinen eigenen Familiennamen einzugravieren. Da seine Familie ein einfaches Bauerngeschlecht aus dem südeuropäischem Flachland war, hatte er sich ohne Skrupel einen neuen Stammbaum zugelegt. So kam es, daß sich die Stadt mit Statuen ehemaliger Heerführer aus seiner Verwandtschaft füllte, die es nie gegeben hatte. Da in den Nachbarländern dauernd Revolutionen stattfanden, war der Zuwachs an Standbildern so groß, daß er eigens Plätze anlegen lassen mußte, um Raum für alle Neuerwerbungen zu schaffen. Bei seinem Tod waren alle erdenklichen Plätze der Stadt mit britischen, deutschen, französischen und portugiesischen Monumenten von Personen angefüllt, die mittlerweile zu der Schar der Heerführer, Denker und Entdecker gehörten, mit denen Dom Joaquim in seiner unermüdlichen Phantasie sein Geschlecht ausgestattet hatte.

An all diesen Zeugnissen von Dom Joaquim und seinem Leben raste seine Tochter, die 90jährige Esmeralda, auf ihrer unruhigen Suche nach einem Sinn in ihrem eigenen Dasein vorbei. Viermal war sie verheiratet gewesen, nie länger als ein Jahr am Stück, da sie selbst es bereits nach kürzester Zeit leid war und die von ihr erwählten Männer aus Furcht vor ihren heftigen Launen davonliefen. Kinder hatte sie keine – obwohl es hieß, sie hätte irgendwo einen heimlichen Sohn, der eines Tages ans Licht der Öffentlichkeit treten würde, um sich in der Nachfolge seines Großvaters zum Gouverneur wählen zu lassen. Aber es war kein Sohn erschienen, und Dona Esmeraldas Leben hatte immer wieder die Spur gewechselt bei ihrer rastlosen Suche nach etwas, von dem sie offenbar gar nicht wußte, was es eigentlich war.

Während dieser Zeit in der Geschichte der Stadt, die man Dona Esmeraldas Zeit nennen könnte, hatte der Kolonialkrieg auch dieses Land erreicht, als eins der letzten auf dem ganzen afrikanischen Kontinent. Die jungen Männer, die sich entschieden hatten, ihre unausweichliche historische Pflicht zu tun und das Land von der immer schwächer werdenden Kolonialmacht zu befreien, hatten die Nordgrenze zum Nachbarland überschritten, das seine Vergangenheit bereits abgeschüttelt hatte, hatten ihre eigenen Basen, ihre eigenen Universitäten errichtet und waren, als die Zeit reif schien, wieder über die Grenze zurückgekehrt, diesmal mit Waffen beladen und voller Zuversicht.

Der Krieg hatte an einem dunklen Septemberabend begonnen, als ein lokaler chefe de posto1 von einem neunzehnjährigen revolutionären Soldaten, der später der erste militärische Oberbefehlshaber des Landes werden sollte, in den Daumen geschossen wurde. Das Land jenseits des Meeres hatte sich in den ersten fünf Jahren des Krieges geweigert zu akzeptieren, daß überhaupt einer stattfand. In seiner immer fadenscheinigeren Propaganda hatte es die revolutionäre Armee als verblendete Terroristen bezeichnet, verwirrte criminosos2, und die Bevölkerung war ermahnt worden, sie hart am Kragen zu packen statt ihrer böswilligen Rede von einer bevorstehenden neuen Zeit und neuen Welt zu lauschen. Nach und nach hatte die Kolonialmacht jedoch einsehen müssen, daß die jungen Männer außerordentlich zielbewußt waren und daß sie ganz offensichtlich auch die Unterstützung der treulosen Bevölkerung hatten. Schleunigst wurde eine koloniale Armee eingeschifft, man begann aufs Geratewohl zu bombardieren, wo man die Basen der revolutionären Befreier vermutete, und ohne es eigentlich zu merken, manövrierte man sich von einer Niederlage in die nächste. Bis zuletzt weigerten sich alle, die als Kolonialherren ins Land gekommen waren, das, was da passierte, anzuerkennen. Selbst als die jungen Revolutionäre die Hauptstadt umzingelt hatten und nur wenige Kilometer vor den Wohnbezirken der Schwarzen standen, verwalteten und planten die weißen Kolonialherren weiter für eine Zukunft, die niemals eintreten würde.

Erst später, als die Niederlage eine Tatsache war und das Land seine Selbständigkeit erklärt hatte, entdeckte man die langen Reihen von weißen Grabsteinen auf dem Friedhof. Da lagen die jungen Kerle, oft nicht mehr als achtzehn, neunzehn Jahre alt, die übers Meer gekommen waren, um an einem Krieg teilzunehmen, von dem sie nichts verstanden, und von Soldaten getötet zu werden, die sie niemals zu Gesicht bekamen. In der Stadt brach Chaos aus, viele der Kolonisatoren flüchteten Hals über Kopf, sie verließen ihre Häuser, ihre Autos, ihre Gärten, ihre Schuhe, ihre schwarzen Geliebten, trampelten sich in der Abflughalle des Flughafens gegenseitig nieder und schlugen sich um die Plätze auf den Schiffen, die aus dem Hafen auslaufen sollten. Wer weitblickend genug war, hatte sein Geld und seine Besitztümer in Edelsteine umgetauscht, die jetzt in kleinen Stoffbeuteln unter den durchgeschwitzten Hemden versteckt waren. Die anderen ließen alles zurück und flohen aus dem Land, voller Haß auf die frevelhaften Revolutionäre, die ihnen alles geraubt hatten, was sie besaßen.

 

Obwohl Dona Esmeralda sich nie für politische Fragen interessiert hatte und zu dieser Zeit schon mindestens achtzig Jahre alt war, hatte sie in einem frühen Stadium, vermutlich rein instinktiv, begriffen, daß die jungen Revolutionäre den Krieg gewinnen würden. Es zog tatsächlich eine neue Zeit herauf, und sie mußte ihren Standpunkt wählen. Es hatte ihr keine Schwierigkeiten bereitet zu erkennen, daß sie zu den jungen Revolutionären gehörte. Die schwerfällige Bürokratie, anscheinend das einzige, womit die Kolonialmacht ihrer fernen Provinz beistand, würde sie mit einer Mischung aus Wut und Vergnügen nur zu gern bekämpfen. Sie setzte den dunkelsten Hut auf, den sie besaß, möglicherweise um ihre verräterischen Absichten zu kaschieren, und fuhr in ihrem Auto stadtauswärts, auf der Straße nach Norden. Sie passierte eine Reihe von militärischen Straßensperren, wo man sie vergeblich zum Umkehren zu bewegen suchte, mit der Warnung, jetzt geriete sie in ein von blutrünstigen Revolutionären kontrolliertes Gebiet, die ihren Wagen beschlagnahmen und ihr den Hut vom Kopf reißen würden, um ihr anschließend die Kehle durchzuschneiden. Als sie trotzdem weiterfuhr, hielt man sie für verrückt, und dort, an diesen Straßensperren, entstand das Gerücht, das mit Bestimmtheit behauptete, Dona Esmeralda sei geistesgestört.

Tatsächlich wurde sie von den jungen Revolutionären angehalten, aber sie rissen ihr weder den Hut vom Kopf, noch schnitten sie ihr die Kehle durch. Sie behandelten sie ganz im Gegenteil freundlich und mit Respekt. Von dem lokalen Kommandanten einer nahe gelegenen Basis wurde sie darüber verhört, zu welchem Zweck sie allein in ihrem großen offenen Wagen herumfuhr. Daraufhin teilte sie kurz und bündig mit, sie wolle der revolutionären Armee beitreten, und zog eine alte, verrostete Reiterpistole, einst im Besitz ihres Vaters, aus der Handtasche. Der junge Kommandant mit Namen Lorenzo, der später wegen seines gewaltsamen Verlangens nach den Frauen anderer Männer in Ungnade fiel, schickte sie zehn Meilen tiefer in den Busch, zu einer Basis, wo es einen höheren Befehlshaber der revolutionären Armee gab, der besser darüber entscheiden konnte, was mit Dona Esmeralda geschehen sollte. Dieser Mann, Marcelino, der Oberst in der revolutionären Armee war, hatte den alten Gouverneur Dom Joaquim gut gekannt. Er hieß Dona Esmeralda willkommen, gab ihr eine Uniformmütze statt des gemusterten Hutes und führte sie persönlich in die ideologischen Glaubenslehren ein, auf die der revolutionäre Kampf sich ganz und gar verließ. Anschließend schickte er Dona Esmeralda in ein ambulantes Feldlazarett, wo sie seiner Meinung nach von größtem Nutzen wäre. Unter der Anleitung einiger kubanischer Ärzte lernte sie in kürzester Zeit, bei komplizierten Operationen zu assistieren. Dort blieb sie für den Rest des Kolonialkrieges, und als die neuen Führer schließlich ihren umjubelten Einzug in der Stadt hielten, erlebte die Bevölkerung verblüfft die Rückkehr des offenen Wagens, den sie so gut kannte, jedoch einige Jahre auf den Straßen vermißt hatte, mit Dona Esmeralda als Chauffeur, während einer der revolutionären Führer winkend auf dem Rücksitz stand. In dem Chaos, das in der berauschten Zeit nach der Befreiung herrschte, wurde sie von dem neuen Präsidenten gefragt, welche Rolle sie in der soeben beginnenden revolutionären Umwälzung der alten Gesellschaft zu spielen gedenke.

– Ich will ein Theater gründen, hatte sie ohne Zögern geantwortet.

Der überraschte Präsident hatte sie zu bewegen versucht, eine Aufgabe von größerem revolutionärem Wert zu übernehmen, aber sie hatte entschieden darauf beharrt. Schließlich mußte der Präsident einsehen, daß er sie nicht dazu bringen würde, ihre Meinung zu ändern. Per Dekret, das er später vom Kulturminister bestätigen ließ, übertrug er Dona Esmeralda die Verantwortung für das einzige Theater der Stadt.

So begann die neue Zeit. Dona Esmeralda, ganz erfüllt von ihrem neuen Leben, merkte nicht einmal, daß die Standbilder, von ihrem Vater mit so großer Mühe aus dem Nachlaß verschiedener Diktaturen erworben, jetzt wieder umgestürzt und zu einer alten Festung transportiert wurden, wo sie gelagert oder eingeschmolzen wurden. Die Stadt, bisher von ihrer erfundenen Verwandtschaft geprägt, verwandelte sich, ohne daß sie es bemerkte. Sie selbst verbrachte all ihre Zeit in dem dunklen, verfallenen Theater, das lange verlassen dagestanden hatte. Es befand sich in einem kloakenähnlichen Zustand, der Gestank war entsetzlich, und Ratten, groß wie Katzen, beherrschten die Bühne, auf der alte Kulissen vor sich hin moderten.

Mit irrsinniger Energie erklärte Dona Esmeralda als erstes den Ratten und dem Gestank den Krieg und stürzte sich dann in einen gewaltsamen Angriff, mit dem einzigen Ziel, das Theater zurückzuerobern, das gleich einem gestrandeten Schiff in diesem Morast lag. Niemand, der sie in dieser Zeit sah, konnte sich die Bemerkung verkneifen, Dona Esmeralda sei jetzt vollends verrückt geworden. Mit Abscheu und kaum verhohlener Verachtung stellte man fest, sie widme sich einer absolut überflüssigen Arbeit, die größte Sünde, die ein Mensch begehen kann. Gelegentlich bekam sie Hilfe von jungen Menschen, die ebenso beschäftigungslos wie unwissend waren, was Theater eigentlich war. Dona Esmeralda gab gern die Erklärung, es sei wie ein Film ohne Projektor, und wenn sie ihnen die verlockende Möglichkeit ausmalte, eines Tages ihr Talent auf der Bühne erproben zu dürfen, die jetzt noch zur Hälfte in der überschwemmten Kloake begraben lag, brachte sie sie mitunter dazu, daß sie die Röcke schürzten, die Hosenbeine hochkrempelten und durch den Morast wateten, die Ratten mit Knüppeln verjagten und all die morschen Kulissen wegschleppten.

Nach einem halben Jahr hatte sie es geschafft, daß die Bühne und der Zuschauerraum mit den ramponierten roten Plastikstühlen wieder benutzbar waren, und schließlich bekam sie sogar die elektrischen Leitungen wieder in Gang. Es war ein großer Augenblick, als sie das Licht zum erstenmal anknipste. Zwei der dreißig Jahre alten Scheinwerfer explodierten sofort mit einem gewaltigem Knall. Doch für Dona Esmeralda waren sie wie salutierende Raketen. Jetzt konnte sie endlich ihr Theater sehen, und was sie da sah, überzeugte sie davon, daß sie recht hatte, obwohl noch niemand wußte, was sie eigentlich wollte.

Nach einem weiteren halben Jahr hatte sie eine Gruppe von geneigten Leuten um sich versammelt, und sie hatte ein Schauspiel über eine halakawuma3 verfaßt, die ihrem König dauernd falsche Ratschläge gab. Das Stück hatte eine Dauer von über sieben Stunden. Dona Esmeralda baute die Kulissen, nähte die Kostüme, probierte mit den Schauspielern und übernahm selbst die unbesetzbaren Rollen.

An einem Dezemberabend sollte die Eröffnung des neuen Theaters stattfinden, sie hatte dem Präsidenten und dem Kulturminister Einladungen geschickt, die jedoch nicht uneingeschränkt damit zufrieden waren, daß Dona Esmeralda die vielen Bürokraten aus dem Ministerium abgewiesen hatte, die mit guten Ratschlägen kamen, wie die Theaterarbeit am besten aufzuziehen sei. Ein Platzregen legte die elektrischen Leitungen lahm, gerade als die Vorstellung anfangen sollte, der Präsident hatte mit Bedauern abgesagt, doch der korpulente ehemalige Schuhmacher Adelinho Manjate, der dank seiner tänzerischen Erfolge während seiner Zeit als revolutionärer Soldat jetzt Kulturminister war, hatte sich eingefunden. Die Vorstellung begann mit mehreren Stunden Verspätung, durch das Dach strömte unablässig Regenwasser auf das festlich gekleidete, aber immer mißgelauntere Publikum.

Es war nach zehn, als Dona Esmeralda die Scheinwerfer einschalten konnte und der erste Schauspieler, der seinen Text vergessen hatte, die Bühne betrat. Die Vorstellung wurde zu einem seltsamen Abenteuer, das erst in der Morgendämmerung des folgenden Tages endete. Keinem der Anwesenden, am wenigsten den Schauspielern, war es gänzlich gelungen zu verstehen, wovon das Stück eigentlich handelte, aber andererseits würde keiner von ihnen vergessen, was er hier erlebt hatte. Als Dona Esmeralda in der frühen Morgenstunde endlich allein auf der Bühne zurückblieb, durchströmte sie jenes seltsame Glück, das nur jemand empfinden kann, der das Unmögliche vollbracht hat. Mit Wehmut dachte sie an ihren Vater, den alten Gouverneur, der diesen stolzen Augenblick nicht hatte erleben dürfen, und dann merkte sie plötzlich, daß sie hungrig war. Während des letzten Jahres war ihr kaum Zeit zum Essen geblieben.

Sie ging hinaus in die Stadt, der Regen hatte aufgehört, es duftete frisch von den blühenden Akazien, welche die Hauptstraßen der Stadt säumten. Neugierig musterte sie die Menschen, denen sie begegnete, als würde ihr zum erstenmal bewußt, daß sie nicht allein in der Stadt war, und sie entdeckte, daß all die Standbilder, die ihr Vater sein Leben lang zur Zierde der Plätze aufgetrieben hatte, auf einmal verschwunden waren. Für einen kurzen Moment fühlte sie sich alt und traurig, weil die neue Zeit offenbar bedeutete, daß nichts so bleiben würde, wie es einmal gewesen war. Doch ihr Triumph war stärker als die Trauer, rasch vergaß sie die düsteren Gedanken, kehrte in ein Café ein, setzte sich an einen Tisch, bestellte ein Glas Kognak und ein Stück Brot. Während sie überlegte, wie sie die Mittel für den weiteren Betrieb des Theaters beschaffen könnte, kaute sie nachdenklich auf dem Brot herum. Dabei kam ihr in den Sinn, daß man die alte Kassenhalle und das verlassene Café, die zum Foyer des Theaters gehörten, in eine Bäckerei verwandeln könnte. Durch den Verkauf von Brot würde sie das nötige Geld erwirtschaften. Sie kaute die letzten Reste des Brotes, erhob sich, kehrte ins Theater zurück und fing sofort an auszuräumen, um Platz zu machen für Knetmaschinen und Öfen. Das Geld für die nötigen Investitionen beschaffte sie, indem sie ihr Auto an einen Beamten der britischen Botschaft verkaufte, und drei Monate später öffnete sie die Türen der Bäckerei.

 

Ich, José Antonio Maria Vaz, war zu Dona Esmeralda gegangen, kaum daß sich in der Stadt das Gerücht verbreitet hatte, sie wolle eine Bäckerei aufmachen. Damals arbeitete ich beim Bäcker Felisberto im Hafenviertel und hatte keineswegs vor, dort aufzuhören. Trotzdem konnte ich es nicht lassen, eines Nachmittags nach der Arbeit zu Dona Esmeralda zu gehen, die gerade die neuen Bäcker einstellte. Eine lange Schlange ringelte sich vor dem niedrigen Nebeneingang des Theaters. Ich stellte mich hinten an, obwohl es bestimmt zwecklos war. Doch war die Versuchung zu bleiben, um die bemerkenswerte Dona Esmeralda wenigstens einmal aus der Nähe zu sehen, für mich unwiderstehlich. Als ich schließlich an der Reihe war, wurde ich eingelassen und in einen Raum geführt, wo die glänzende Knetmaschine aus rostfreiem Stahl schon einsatzbereit dastand. Mitten im Raum, auf einem niedrigen Schemel, saß Dona Esmeralda in einem langen Seidenkleid, auf dem Kopf einen breitkrempigen, geblümten Hut. Ernst sah sie mich an. In ihrem Blick lag etwas Fragendes, als überlegte sie, ob sie mich schon einmal gesehen hätte. Dann nickte sie plötzlich, als hätte sie einen wichtigen Entschluß gefaßt.

– Du siehst aus wie ein Bäcker, sagte sie. Hast du einen Namen?

– José Antonio Maria Vaz, antwortete ich. Seit ich sechs war, habe ich Brot gebacken.

Ich erzählte ihr, wo ich arbeitete, aber ich war nicht sicher, ob sie überhaupt hörte, was ich sagte.

– Was bezahlt dir Felisberto? unterbrach sie.

– 130.000, sagte ich.

– Ich gebe dir 129.000, entgegnete sie. Wenn du wirklich hier arbeiten willst, begnügst du dich mit weniger, als du bei Felisberto bekommst.

Ich nickte. Damit war ich angestellt. Das ist jetzt mehr als fünf Jahre her. Aber ich erinnere mich immer noch an diesen Moment, als sei es gestern gewesen. Dona Esmeralda bat mich, sofort mit der Arbeit anzufangen. Sie wollte, daß ich ihr half, die Einkäufe von Mehl, Zucker, Hefe, Butter und Eiern zu planen. An den langen Tagen und Abenden, die wir zusammen arbeiteten, bevor die Bäckerei eröffnet wurde, erzählte sie von ihrem Leben. So erklärte es sich, daß ich von ihr weiß, was ich weiß. Durch sie begann ich etwas von der Stadt zu verstehen, in der ich lebte, und von dem Land, das meines war.

Ob Dona Esmeralda verrückt war oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Hingegen kann ich mit Bestimmtheit sagen, daß sie eine Energie und einen Willen besaß, wie sie mir nie zuvor begegnet sind. Menschen in ihrer Umgebung konnten vor Erschöpfung umfallen, wenn sie nur sahen, wie sie in ihrem Theater und ihrer Bäckerei herumfuhrwerkte. Obwohl sie jetzt zwischen achtzig und neunzig war, ruhte sie nie aus. In vielen Nächten mochte sie nicht einmal nach Hause gehen, sondern rollte sich einfach auf ein paar Mehlsäcken zusammen, rief den Bäckern gute Nacht zu, und stand nach einer halben Stunde wieder auf, von neuer Energie erfüllt, als wäre sie nach dem Schlaf einer langen Nacht aufgewacht. Gelegentlich, während wir darauf warteten, daß der Teig aufging, redeten wir darüber, wann und was Dona Esmeralda eigentlich aß. Regelmäßig schabte sie mit den Fingern den restlichen Teig vom Rand der Knetmaschinen ab. Niemand hat sie je etwas anderes essen sehen. Allerdings hatte sie immer eine Kognakflasche in Reichweite stehen. Wir ahnten, daß sie daraus die Kräfte schöpfte, die sie brauchte. Aber da wir einfache Menschen waren, die weder Geld noch Gelegenheit hatten, ausländische destillierte Getränke zu kosten, sondern nur mit tontonto4 zu feiern pflegten, sprachen wir oft darüber, ob ihre Flaschen wohl etwas enthielten, was den Menschen jung bleiben ließ. Vielleicht hatte Dona Esmeralda einen curandeiro5, der ihren Getränken magische Eigenschaften verlieh?

Als ich, José Antonio Maria Vaz, in Dona Esmeraldas Bäckerei eintrat, der sie den Namen »Bäckerei des Heiligen Brots« gegeben hatte, war ich gerade achtzehn geworden. Ich war damals schon ein ausgebildeter Bäcker, auch wenn ich noch keinen Meisterbrief besaß. Aber ich hatte Brot gebacken, seit ich sechs war.

Mein Vater hatte mich zu seinem Onkel gebracht, Meister Fernando, der eine Bäckerei in dem afrikanischen bairro6 betrieb, das hinter dem Flughafen lag. Mein Vater, sein Leben lang ein äußerst unrealistischer Mann, hatte eines Tages meine Hände betrachtet und entschieden, sie seien geeignet, Croissants zu formen. Meine Zukunft und mein Auskommen sollte ich als Bäcker finden. Wie fast alle Afrikaner waren wir arm. Ich wuchs zu der Zeit auf, als noch niemand von den jungen Revolutionären gehört hatte, die bereits die nördliche Grenze überschritten hatten. Keiner konnte sich überhaupt vorstellen, daß die Weißen, die unser Land und unser Dasein beherrschten, jemals in ihrer Macht in Frage gestellt werden könnten, und noch weniger, daß sie eines Tages Hals über Kopf fliehen würden, auf Nimmerwiedersehen. Über Generationen hatte man uns gezwungen, unsere Nacken untertänig zu beugen. Obwohl ich jetzt weiß, daß man sich an Unterdrückung niemals gewöhnt, und obwohl es schon damals im stillen einen Widerstand gegen all die Weißen gab, die über unser Leben herrschten, glaubte niemand außer den jungen Revolutionären, daß ernstlich etwas zu ändern sei. Mein Vater, der sein langes Leben mit ununterbrochenem Reden verbrachte, hat bei vielen Gelegenheiten, wenn er sicher war, daß ihn kein Weißer hörte, jene verflucht, die übers Meer gekommen sind und uns gezwungen haben, auf ihren Teeplantagen und in ihren Obstpflanzungen zu arbeiten. Doch es war ein Protest, der in sich steckenblieb und nie etwas anderes bewirkte als noch mehr Worte.

Vierzig Jahre lang saß mein Vater unter einem Baum auf dem offenen Platz zwischen den Schuppen und Hütten des bairro7. Er saß im Schatten und schwatzte mit den anderen beschäftigungslosen Männern, während er darauf wartete, daß das Essen, von meiner Mutter über dem offenen Feuer bereitet, fertig würde. In all diesen Jahren schwatzte er ununterbrochen, meine Mutter hörte erschöpft und nie mit mehr als einem halben Ohr auf das, was er sagte, aber ich glaube trotzdem, daß es seine schöne Stimme war, mit der er sie einst für sich gewann. Elf Kinder hatten sie zusammen, ich war das achte, und sieben von uns wuchsen heran und überlebten beide Eltern. Mein Vater, Zeca Antonio, war aus einer der fernen westlichen Provinzen in die Stadt gekommen, und er sprach immer davon, einmal mit seiner Familie dahin zurückzukehren. Meine Mutter, Graça, hatte er kurz nach seiner Ankunft in der Stadt getroffen, sie war dort geboren, und sie hatte sich also von all seinen Worten verführen ...

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