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Der Bund der Wächter, Band 3: Schattenmaske

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In diesem Sommer bin ich ständig an der Wand eines brennenden Hauses hochgeklettert.

Na gut, nicht wirklich – es war bloß ein immer wiederkehrender Traum. Mein Gehirn hat mir andauernd ein fürchterliches, monatealtes Erlebnis vorgegaukelt. (Schönen Dank auch, liebes Gehirn.)

Und so sah das dann aus:

Rauchschwaden wirbeln um mich herum und dazu Schneeflocken. Meine Hände, Brust und Zehen verbrennen fast auf den glühend heißen Backsteinen, während meine Fersen und mein Rücken eiskalt sind.

Ich schaue nach oben – die Dachkante ist unendlich weit entfernt. Ich weiß, dass ich es niemals schaffen werde. Darum sehe ich nach unten.

Großer Fehler.

Ich bin so wahnsinnig weit oben, dass die Fahrzeuge unten auf der Straße wie Spielzeugautos aussehen. Der verschneite Vorgarten unseres Hauses ist ungefähr so groß wie eine Briefmarke. Und alles wird von prasselnden Flammen in einen unheimlichen, orangefarbenen Schimmer getaucht.

Ich werde von Todesangst gepackt. Mir stockt der Atem, meine Finger verkrampfen sich, mein rechter Fuß rutscht ab und …

Ich klammere mich an die Wand und kann den Absturz gerade noch verhindern.

Dann klettere ich weiter nach oben, weil ich sowieso keine andere Wahl habe.

Ich habe das Gefühl, als würde ich Stunden dafür brauchen.

Und jetzt kommt das Verblüffende: Ich schaffe es tatsächlich! Meine Finger spüren keine Mauer, sondern nichts mehr, weil ich nämlich die Dachkante erreicht habe.

Da packt jemand meinen Arm.

Das ist mein Dad. Er ist frisch rasiert und trägt einen Nadelstreifenanzug, als wäre er auf dem Weg zu einer wichtigen Sitzung und hätte nur einen kleinen Abstecher hierher gemacht – trotz all dem Schnee und der Asche und dem Rauch.

Er hält mich fest und ich strecke ihm auch die andere Hand entgegen, damit er mich vollends nach oben ziehen kann.

Dann sagt er: „Mein Werk hier ist vollbracht, Evelyn.“

Es klingt wie eine Pointe, aber eigentlich gehört er nicht zu den Vätern, die Witze machen.

Dann lässt er los.

Und ich stürze, einfach so, in den sicheren Tod.

Er sieht mir nach. Sein Gesicht ragt über die Dachkante. Die Hausfassade brennt lichterloh, und wir schauen uns in die Augen, bis ich mit einem Schlag, der meinen gesamten Körper durchzuckt, aufwache.

In Wirklichkeit war mein Dad nicht auf dem Dach gewesen, um mich in Empfang zu nehmen. Aber er hat unser Haus angezündet. Wieso? Ich habe schon viele Erklärungen dafür gehört, aber keine, die auch nur annähernd einen Sinn ergibt.

Dieser Traum hat mich den ganzen Sommer über verfolgt, aber ich habe es für mich behalten. Sonst wäre Dawkins oder meine Mom womöglich auf die Idee gekommen, dass ich noch nicht reif genug bin, um mich den Wächtern des Lichts anzuschließen. Ich wollte das Rätsel dieses Traums alleine lösen.

Du hast irgendwas übersehen, du Idiot, sagte ich mir immer wieder.

Aber was?

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In einem Punkt hat mein Traum aber tatsächlich den Nagel auf den Kopf getroffen. Seit diesem Erlebnis habe ich nämlich eine höllische Höhenangst.

Normalerweise spielt das ja auch keine große Rolle. Ich meine, wie oft kommt es im Alltag schon vor, dass man kurz davor ist, in den sicheren Tod zu stürzen? Nicht richtig oft.

Deshalb war ich auf dem Hubschrauberflug, der uns von Agatha Glass’ Anwesen wegbrachte, auch kein bisschen nervös. Ich saß zwischen meinen Freunden Sammy und Greta auf der Lederrückbank und trug einen Helm auf dem Kopf, während die vier Dobermänner der Apokalypse zu meinen Füßen lagen. Da fiel es mir nicht besonders schwer, zu vergessen, dass wir in einer lärmigen, kleinen Glaskugel Tausende Meter über dem Erdboden durch den Abendhimmel sausten.

Wir hatten den Hubschrauber genommen und die anderen Wächter des Lichts zurückgelassen, weil das der schnellste Weg war, um nach Brooklyn zu gelangen. Dort wohnte Gretas Mutter, und wir mussten sie davon überzeugen, dass sie mit uns kommen sollte, bevor mein Vater und seine bösen Kumpane bei ihr auftauchten.

Mein Dad ist ein hohes Tier in einer üblen Verbrecherorganisation namens Sinistra Negra. Die hat sich vorgenommen, das Ende der Welt herbeizuführen. Dazu will sie sechsunddreißig besonders „reine“ Wesen, die die Welt eigentlich im Gleichgewicht halten, aufstöbern und töten. Und die Reine, die ganz oben auf ihrer Liste steht, ist zufälligerweise meine beste Freundin Greta.

Greta weiß nicht, dass sie ein reines Wesen ist – und ich darf es ihr auch nicht sagen. Das war eine der allerersten Lektionen, die Dawkins mir eingeimpft hat: Sobald die Reinen nämlich wissen, dass sie rein sind, ändert das ihr innerstes Wesen. Falls Greta die Wahrheit erfahren würde, dann würde sie genau diese besondere Eigenschaft, die sie zu einer Reinen macht, verlieren. Und das wäre der Anfang vom Ende der Welt.

Mein Dad kannte die Wahrheit über Greta, aber er hatte im Moment keine Chance, sie in die Finger zu bekommen. Deshalb nahmen wir an, dass er versuchen würde, sich ihre Mom zu schnappen.

Es sei denn, wir waren schneller.

Im Augenblick flogen wir über ein kleines Städtchen im Norden von New Jersey und hatten unser Ziel fast erreicht, als Agatha den Hubschrauber plötzlich nach vorne abkippen ließ. Wir sausten im Sturzflug Richtung Erdboden. Die Welt jenseits der Glaskuppel über unserer Kabine stand schief, und kantige Wohnblocks kamen uns wie die Häuschen einer Modelleisenbahn entgegengerast.

„Wir fliegen jetzt unterhalb des Radars. So bekommt niemand mit, dass wir auf dem Weg nach New York sind“, erklärte Agatha. „Man kann nie vorsichtig genug sein.“

Ich rief laut: „Ahhhhh!“, und bemühte mich mit aller Kraft, einigermaßen normal zu atmen. „Wieso ist es eigentlich so dunkel?“, wollte ich wissen.

„Weil du dir die Augen zuhältst.“ Greta zog mir die Hände weg, die ich vor das Visier geschlagen hatte. Der riesige Helm verdeckte ihr Gesicht. „Iiihh, wie eklig. Du bist ja ganz nass geschwitzt.“

„Weil wir so hoch oben sind“, erwiderte ich und starrte die Rückenlehnen von Agatha und Dawkins an.

„Aber vorher waren wir doch noch höher“, sagte Greta.

„Hast du mir nicht mal so eine verrückte Geschichte erzählt, dass du an einer brennenden Hauswand hochgeklettert bist oder so was?“ Sammys Stimme klang ziemlich skeptisch.

„Das war was ganz anderes“, murmelte ich und rieb mir die Narbe auf meiner Handfläche. „Aber das hier …“

Wir zischten ungefähr dreißig Meter über den Hausdächern durch die Luft. Agathas vier Dobermänner lagen auf dem Boden vor mir, blinzelten mich an und legten den Kopf schief.

„Ihr braucht gar nicht so zu glotzen“, sagte ich zu ihnen. „Mir wird ganz bestimmt nicht schlecht!“

„Das kaufen sie dir nicht ab, Ronan.“ Dawkins hatte sich zu mir umgedreht und reichte mir eine weiße Papiertüte. „Genauso wenig wie ich.“ Jack Dawkins könnt ihr euch ungefähr so vorstellen wie den nervigen Bruder eures besten Freundes – ein magerer Hipster, der ständig so tut, als wäre er unglaublich erfahren und weltgewandt, obwohl er aussieht wie ein Teenager. Na ja, andererseits muss man zugeben, dass Dawkins tatsächlich unglaublich erfahren und weltgewandt ist, weil er nämlich fast zweihundert Jahre auf dem Buckel hat. „Diese Höhenangst, die du so plötzlich entwickelt hast, ist vielleicht eine Nachwirkung der Nahtoderfahrung, die Sammy gerade erwähnt hat. Traumatische Erlebnisse hinterlassen ihre Spuren in unserem emotionalen Gedächtnis, verstehst du?“

„Aber das hatte ich noch nie“, entgegnete ich. „Fliegen hat mir noch nie was ausgemacht.“

„Vielleicht hat deine Psyche ja jetzt erst einen Knacks gekriegt … wie ein zu voll gepackter Vollkorn-Cracker.“ Er leckte sich die Lippen. „Hat noch jemand von euch das Gefühl, dass vor dem Abflug eigentlich ein Abendessen angesagt gewesen wäre?“ Dawkins hat immer Hunger. Wirklich immer.

„Meine Psyche ist nicht wie ein Vollkorn-Cracker“, beharrte ich.

„Ist ja auch egal. Jedenfalls kann es sein, dass diese Angst wieder verschwindet, wenn du dich ihr bewusst stellst“, beendete Dawkins seine Ausführungen.

„Kann schon sein“, sagte ich.

Der Hubschrauber wurde jetzt ziemlich durchgeschüttelt.

„Nur eine kleine Turbulenz … ’tschuldigung!“, rief Agatha nach hinten. Sie ist auch schon total alt, genau wie Dawkins, aber sie sieht wahnsinnig jung aus. Sie ist eine zweihundert Jahre alte Frau, die im Körper einer Neunjährigen steckt. Sie saß in einem Kindersitz auf dem Platz des Piloten, und wenn ich ganz ehrlich sein soll: Ich fühlte mich dadurch nicht unbedingt sicherer. „Keine Angst, wir sind im Nu wieder auf dem Boden.“

„Und genau davor habe ich Angst“, murmelte ich leise.

„Ganz ruhig, Ronan“, flüsterte Greta mir zu und trocknete mir mit dem Ärmel ihres grünen Kapuzenpullovers das Gesicht.

„Geht schon.“ Ich zwang mich zu einem Grinsen, was mir alles andere als leichtfiel. „In zwanzig Minuten oder so sind wir zu Hause. Verrückt, was?“

„Verrückt, da hast du recht.“ Gretas Lächeln erstarb. „Wie soll ich das alles meiner Mom erklären?“

Gute Frage. Irgendwie musste Greta ihrer Mutter klarmachen, dass Gretas Vater während ihrer Ehe eine zweite, geheime Identität gehabt hatte. Er war, genau wie meine Mom, ein Mitglied der Wächter des Lichts. Das ist ein altehrwürdiger Orden aus furchtlosen Rittern (und Ritterinnen), die die sechsunddreißig Reinen vor ihren Verfolgern beschützen.

Aber ob Ms Sustermann ihr auch nur ein Wort glauben würde? Ich hätte meiner Mom vielleicht auch nicht geglaubt, hätte ich nicht mit eigenen Augen gesehen, wie sie einen riesigen, zehn Meter weiten Satz durch die Luft gemacht und dabei mit einem Schwert Pistolenkugeln abgewehrt hatte. Wenn man so was mal gesehen hat, dann glaubt man wirklich alles.

„Ja, klar, das wird sicher nicht einfach“, stimmte ich ihr zu. „Trotzdem ist es ein schönes Gefühl, nach Hause zu kommen.“

„Aber du hast ja nicht einmal mehr ein Zuhause.“ Greta runzelte die Stirn. „Es ist ja bloß noch ein Trümmerhaufen.“

Natürlich war mir in einem Teil meines Bewusstseins klar, dass unser verkohltes, niedergebranntes Haus nicht mehr stand. Aber etwas zu wissen und etwas zu fühlen sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Mein Magen verkrampfte sich, als mir bewusst wurde, dass mein altes Leben schon längst nur noch Vergangenheit war.

Doch dieser Augenblick ging schnell vorüber, und ich war bloß froh, dass ich das alles hinter mir hatte.

Vor anderthalb Jahren, als ich noch am First Place gewohnt hatte, da war ich nichts weiter als ein gestresster, überlasteter Schüler mit einem ständig abwesenden Vater und einer viel zu nervösen Mutter gewesen – also mit einer ganz normalen Familie, wie jede andere in unserem Viertel in Brooklyn auch. Aber das alles hatte sich in dem Moment in Feuer und Rauch aufgelöst, als mein Vater unser Haus angezündet hatte.

Ich hielt den Atem an.

„Was ist denn jetzt schon wieder los?“, wollte Greta wissen.

„Es ist bloß …“ Ich streckte den Finger aus. „Das da.“

Wir flogen jetzt über Wasser, während sich vor uns die leuchtenden Wolkenkratzer von New York aus der Dunkelheit lösten.

„Wow!“, sagte Sammy und beugte sich nach vorne. „Krass.“

Sogar ich musste zugeben, dass das ein ziemlich beeindruckender Anblick war. Die düsteren Hochhäuser waren mit zahllosen Lichtpunkten übersät, während die Straßen durch Autoscheinwerfer und Straßenlaternen in einen goldenen Schimmer getaucht wurden. Die Stadt hatte mir gefehlt. Ich hatte vergessen, wie schön sie ist.

Da Agatha in Brooklyn nirgendwo landen konnte, hatte Dawkins ein Helipad in Manhattan ausfindig gemacht, wo uns ein anderer Wächter des Lichts in Empfang nehmen würde. Der sollte uns dann, nach Dawkins’ Worten, „mit Bleifuß und Todesverachtung“ zu Gretas Haus kutschieren.

Mit einem Mal klatschten Regentropfen auf die Glaskuppel und die vier Dobermänner fingen an zu knurren.

„Bloß ein bisschen Regen“, sagte Dawkins und kraulte einen der Hunde hinter den Ohren.

Krieg, Hungersnot, Pest und Debra stemmten sich gegen ihre Sicherheitsgurte.

„Vielleicht sind sie ja enttäuscht. Vielleicht haben sie gedacht, dass die Freiheitsstatue viel größer ist“, meinte Sammy. Vor dem linken Fenster war das vertraute, grünlich weiß schimmernde Denkmal zu sehen.

„Aus der Nähe wirkt sie längst nicht so klein“, erwiderte Greta. „Und hier auf dieser Seite seht ihr die Brooklyn Bridge.“

Sammy drehte sich um. „Und wieso sieht die so orange aus?“

Ich riskierte ebenfalls einen Blick. Er hatte recht. Ein Drittel der Brücke leuchtete in hellem Orange, als hätte man sie in ein riesiges Zelt eingepackt. „Das ist wirklich seltsam“, sagte ich. Allerdings war alles durch den prasselnden Regen nur verschwommen zu erkennen.

Agatha stemmte sich gegen den Steuerknüppel, während der Hubschrauber sich erst aufbäumte und dann zehn Meter nach unten sackte.

Greta hielt sich den Bauch. „Jetzt wird sogar mir langsam schlecht.“

„Gut, dass wir gleich da sind.“ Der Hubschrauber schwankte von einer Seite auf die andere, und Agatha musste alle Kraft aufbieten, um die Steuerung im Griff zu behalten. „Der Landeplatz ist gleich dort neben dem West Side Highway.“

„Wenn wir noch ein bisschen tiefer fliegen, trifft uns das Unwetter vielleicht nicht ganz so schlimm“, sagte Dawkins.

Doch auch dicht über dem schäumenden Wasser des Hudson River ließ der Regen nicht nach. Im Gegenteil, er wurde eher noch heftiger.

Und dann wurde das Innere der Kabine schlagartig in grelles Licht getaucht.

„Ein Gewitter?“, sagte Agatha, als ein zweiter Blitzschlag durch die Luft knisterte.

Ich blinzelte ein schwaches, violettes Nachbild von meiner Netzhaut.

„Das war knapp!“, sagte Greta.

„Viel zu knapp“, schaltete sich Dawkins ein. „Und was das Schlimmste ist: Es war die falsche Richtung.“

„Die falsche Richtung?“, wiederholte Agatha, während sie noch ein wenig tiefer ging.

„Für gewöhnlich kommen Blitze aus den Wolken und schlagen im Boden ein. Aber diese Blitze kommen von da unten.“

„Die Sinistra Negra“, sagte Greta.

„Unser ganz persönliches Empfangskomitee“, meinte Dawkins. „Obwohl ich keinen Schimmer habe, woher die wissen, dass wir kommen.“ Sein Blick huschte zu Agatha.

„Ich hab niemandem was gesagt“, protestierte sie. „Ich war doch die ganze Zeit bei euch!“

„Ich glaube dir“, erwiderte er. „Aber ich misstraue den Umständen. Ist das deine übliche Route?“

„Ja.“

Ich hätte nicht gedacht, dass eine so kleine Person überhaupt noch schrumpfen konnte, aber Agatha schien fast im Pilotensitz zu verschwinden. „Vielleicht hat uns ja jemand beobachtet, als wir losgeflogen sind.“

„Richtig“, sagte Dawkins. „Das ist gut denkbar, wegen Ronans Dad. Uns steht ein heißer Empfang bevor, Leute.“

„Wahrscheinlich haben sie auch den Sturm gemacht“, sagte ich. Und ich erinnerte mich daran, wie eine Hand der Sinistra Negra es einmal geschafft hatte, einen Fluss rückwärts fließen zu lassen. Wenn sie zu so etwas imstande waren, dann war ein Gewittersturm vermutlich kein großes Kunststück für sie. „Ein paar von ihnen können in die Natur eingreifen.“

„Das stimmt – wenn genügend von ihnen zusammenarbeiten. Wenn wir Glück haben, sind es nur fünf Agenten und eine Hand. Aber wenn es mehr sind, werden wir höchstwahrscheinlich bald sehr, sehr nass.“ Dawkins legte ein paar Schalter auf dem Armaturenbrett um. „Agatha, hättest du etwas dagegen einzuwenden, wenn ich das Kommando übernehme?“

„Fliegen ist schwieriger, als es aussieht“, erwiderte Agatha.

„Ich habe schon vor einem halben Jahrhundert in Vietnam einen Bell UH-1 gesteuert. Vertrau mir, ich komme mit diesem Vögelchen schon klar.“ Jetzt schoss uns aus der Dunkelheit des vor uns liegenden Ufers ein violetter Lichtblitz entgegen und Dawkins riss den Hubschrauber nach links. Der Tesla-Strahl jagte laut knisternd knapp über den Rotor hinweg und hinterließ einen lavendelfarbenen Schatten auf meinen Augenlidern.

„Die Rotorblätter“, stieß ich atemlos hervor. „Das, was ihr mit dem Schwert anstellen könnt … funktioniert das auch mit etwas Größerem?“ Ich hatte es erst zweimal gesehen – einmal, als meine Mom ein Schwert verzaubert und anschließend zwei mit Pistolen bewaffnete Agenten der Sinistra Negra angegriffen hatte, und das zweite Mal bei Dawkins, mit einem Taschenmesser.

Dawkins lachte. „Vorzügliche Idee!“ Er flüsterte einen kurzen, melodiösen Zauberspruch in einer Sprache, die ich nicht kannte, und ließ dabei die Finger seiner linken Hand durch die Luft tanzen. Als er wieder damit aufhörte, waren die Rotorblätter über unseren Köpfen in ein blassblaues Leuchten getaucht. „Jetzt haben wir einen Schutzschild!“, sagte Dawkins. „Jedoch, oh Not und Pein, er funktioniert nur, wenn wir in einem bestimmten Winkel fliegen. Verzeih mir, Ronan.“

„Wieso de…?“, wollte ich sagen, als Dawkins den Hubschrauber so steil nach vorne kippen ließ, dass wir alle nur noch in unseren Gurten baumelten – einschließlich der Hunde. Ihre Krallen scharrten über das Blech der Trennwand.

Jetzt konnte ich durch die Glaskuppel nichts anderes mehr erkennen als die Schaumkronen auf dem Hudson. Wir flogen im 45-Grad-Winkel darauf zu, sodass die Kabine hinter den schimmernden Rotoren versteckt war.

„Ich glaube, jetzt wird mir auch noch schlecht“, sagte Sammy und ließ seine Arme wie Windräder durch die Luft kreisen.

Ich hob den Blick und sah ein Stück weiter unten eine betonierte Fläche. Darauf waren fünf Gestalten zu erkennen, die in einer Reihe standen. Viele kleine, weiße Lichter verliehen ihnen eine Art Heiligenschein – das war das Landefeuer des Helipads. Direkt dahinter verlief der viel befahrene West Side Highway.

„Du fliegst ja direkt auf sie zu!“, sagte ich.

„Unsere Waffe ist viel gefährlicher als ihre, Ronan … mal sehen, was sie dazu sagen.“ Ein Tesla-Strahl prallte mit voller Wucht auf die Rotoren. Lavendelfarbene Lichtbögen spritzten nach allen Seiten weg.

„Wir stürzen gleich ab!“, schrie Agatha.

„Tun wir nicht“, erwiderte Dawkins. „Vertraut mir.“

Dann gab er Vollgas, und der Hubschrauber raste mit dem Rotor voraus dem Erdboden entgegen. „Festhalten!“, brüllte Dawkins.

Alle vier Dobermänner fingen an zu jaulen.

Greta und Sammy kreischten aus voller Kehle.

Ich hätte gerne mit eingestimmt, aber ich hatte genug damit zu tun, mich zu übergeben.

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Was als Nächstes passierte, konnte ich nicht sehen. Ich war viel zu beschäftigt damit, die Papiertüte zu füllen, die Dawkins mir gegeben hatte. Aber ich konnte es hören und spüren.

Dawkins musste im letzten Augenblick den Steuerknüppel herumgerissen haben, sodass der Hubschrauber schlagartig nach hinten kippte. Innerhalb von Sekundenbruchteilen hingen wir nicht mehr in unseren Sicherheitsgurten, sondern wurden mit voller Wucht gegen die Rückwand gedrückt. Durch die Windschutzscheibe bekam ich für einen kurzen Moment den nagelneuen Freedom Tower zu sehen.

Der Motor stotterte noch einmal, dann verstummte er.

Wir stürzten ab.

Und dann krachten wir auf den Boden.

Beim Aufprall wurden wir alle heftig durchgeschüttelt – die blauen Flecken, die ich den Sicherheitsgurten zu verdanken hatte, würden noch Wochen lang zu sehen sein –, aber was mich am allermeisten schockierte, war der unfassbare Lärm. Wenn drei Tonnen Glas und Metall aus fünfzehn Metern Höhe auf eine Betonfläche prallen, dann macht das jede Menge Krach. Sämtliche Fenster zersplitterten, die Streben einer der beiden Kufen stießen durch das Armaturenbrett und verfehlten Agatha nur um wenige Zentimeter, und die Kabinenwände wurden zusammengepresst wie bei einem Akkordeon.

Warmer Regen fiel durch die zerstörte Glaskuppel herein.

Dann war alles still, nur einer der Hunde stieß ein leises Winseln aus.

Und dann schrie Agatha: „Du hast meinen Hubschrauber kaputt gemacht!“

„Tut mir leid“, erwiderte Dawkins. „Ich würde ja gerne sagen, dass ich dir den Schaden ersetze, aber wir wissen beide, dass mir das nötige Kleingeld dafür fehlt.“

Greta setzte ihren Helm ab. „Wieso stehen wir eigentlich so schief?“

„Weil zwei Sinistra-Negra-Agenten unsere Landung ein wenig abgefedert haben“, sagte Dawkins und glitt zwischen den beiden Pilotensitzen hindurch. Er schnallte die Hunde ab und schob die linke Kabinentür auf. Die Kabine schaukelte vor und zurück. „Aber offensichtlich reicht ihnen das immer noch nicht.“ Dawkins hielt inne und zog eine Machete aus einer Sporttasche auf dem Kabinenboden. „Sehr ihr den Bunker dahinten?“ Er zeigte auf ein rechteckiges Gebäude aus Beton am Flussufer. Es war ungefähr so groß wie eine Doppelgarage. „Da lauft ihr hin. Ich kümmere mich derweil zusammen mit den Hunden um das Empfangskomitee.“ Von einem hellen, metallischen Sirren begleitet, zog er die Klinge aus der Scheide.

„Mir nach“, sagte Agatha. Sie sprang durch die geöffnete Schiebetür, dicht gefolgt von Greta und Sammy.

Ich wollte ihnen gerade hinterher, als Dawkins mir ein Schwert in die Hand drückte. „Lass endlich den Beutel fallen und nimm lieber das da.“

Ich blickte auf meine Hände – und stellte fest, dass ich immer noch die Spucktüte festhielt. Also warf ich sie auf den Boden, schnappte mir das Schwert und sprang auf den Asphalt.

Innerhalb kürzester Zeit waren wir alle bis auf die Haut durchnässt.

„Genug herumgetrödelt“, sagte Dawkins und zeigte mit seiner Klinge auf den Bunker. „Los jetzt!

Greta, Sammy und Agatha verschwanden platschend in der Dunkelheit, während Dawkins mich mit einer Hand zurückhielt. „Du nicht, Ronan. Dich brauche ich hier.“

Nun gut, ich hatte mir gerade erst die Seele aus dem Leib gereihert und einen Hubschrauberabsturz überlebt. Außerdem war ich so nass, dass das Wasser schon in meinen Schuhen stand, aber das alles spielte in diesem Moment überhaupt keine Rolle mehr. „Was hast du vor?“, wollte ich wissen.

„Wir haben zwei Agenten zerquetscht, aber drei oder vier laufen immer noch irgendwo rum. Ich werde mal versuchen, mich bemerkbar zu machen, damit die Hunde was zu tun bekommen. Aber sobald alle beschäftigt sind, schleichst du dich an und erledigst den Agenten, der ganz in deiner Nähe ist.“ Er stieß einen leisen Pfiff aus, und schon war er zusammen mit den Hunden um die Vorderseite der zerschmetterten Kabine gehuscht.

Ich entschied mich für die andere Seite und schlich vorsichtig um das Heck des Hubschraubers herum, bis ich drei Agenten im Regen stehen sah, zwei Frauen und einen Mann. Die eine Frau hatte lange schwarze Haare und hielt ein Tesla-Gewehr in der Hand. Die andere war rothaarig und mit einem Säbel bewaffnet. Der Mann hatte eine Glatze und den Kopf in den Nacken gelegt. Dabei bewegte er die Hände wie ein Dirigent. Vermutlich lenkte er das Gewitter.

„Warum werft ihr nicht einfach eure Waffen weg?“, sagte Dawkins und ging direkt auf das Grüppchen zu. „Dann muss ich auch niemandem wehtun.“

Die Frau mit den schwarzen Haaren ließ ein kehliges Knurren hören und richtete ihr Gewehr auf Dawkins.

„So was hatte ich schon befürchtet“, sagte Dawkins, während er in die Hocke ging.

Dann verschwand er.

Ich hatte keine Ahnung gehabt, dass er das konnte! Ich habe mal gesehen, wie meine Mom beim Laufen gewaltige Sprünge machen konnte, aber sich einfach in Luft auflösen?

Der Tesla-Strahl knisterte dort, wo Dawkins eben noch gestanden hatte, durch die Luft. Begleitet vom lauten Zischen verdampfter Regentropfen. Dann schwang die Frau ihr Gewehr herum und zielte auf mich.

Sie hatte mich gesehen!

In diesem Augenblick kam Dawkins vom Himmel herabgestürzt. Er hatte die Beine angezogen wie bei einer Arschbombe vom Zehnmeterbrett und landete genau auf dem Glatzkopf, der das Gewitter dirigierte.

Erst jetzt wurde mir klar, dass Dawkins gesprungen war, dass er sich einfach in die Dunkelheit und den Regen hinaufkatapultiert hatte.

Der Glatzkopf wurde sofort ohnmächtig. Und schlagartig, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, hörte auch das Gewitter auf.

Dawkins sprang auf und riss seine Machete nach oben, gerade noch rechtzeitig, um den Hieb der rothaarigen Agentin abzublocken, die mit ihrem Säbel auf ihn losging.

Die schwarzhaarige Frau mit dem Gewehr beobachtete das Ganze. Sie schien keine Eile zu haben, ihrer Kollegin zu Hilfe zu kommen. Stattdessen legte sie wieder das Gewehr an und zielte.

Auf mich!

Ich kann nicht so hoch springen wie Dawkins … ich bin ja noch nicht mal ein Wächter des Lichts und habe die Fähigkeiten nicht, die Dawkins oder meine Mom besitzen. Darum warf ich mich einfach zu Boden und legte mir schützend die Hände über den Kopf.

Aber es fiel kein Schuss.

Stattdessen ertönte plötzlich von allen Seiten wildes Geknurre und wütendes Schreien.

Die Hunde.

Vier schwarz-braune Schatten fielen über die Agentin her, zerrten sie zu Boden, kletterten über sie hinweg und schnappten nach ihren Armen und Beinen. Es sah aus wie ein Ringkampf. Jedes Mal wenn die Agentin einen Arm oder ein Bein aus den Fängen eines der Hunde befreien konnte, stürzte sich ein anderes Tier darauf und packte es wieder. Sie wehrte sich ununterbrochen, schlug um sich, bäumte sich auf und hörte auch dann nicht auf, als die Dobermänner sie in die dunklen Schatten am Rand des Landeplatzes gezogen hatten.

Die Schreie der Frau übertönten das Geräusch meines Schwertes, als ich es aus der Scheide zog. Geduckt machte ich mich auf den Weg, um Dawkins zu helfen.

Er und die Agentin mit dem Schwert standen einander gegenüber. Sie trug ein wahnsinniges Grinsen im Gesicht.

„Ihr könnt niemals entkommen“, stieß sie hämisch hervor. „Ihr habt alle aufgeschreckt! Die Sinistra Negra ist bereits überall in New York.“

„Also, bitte!“, entgegnete Dawkins spöttisch. Dann trieb er sie mit ein paar geschmeidigen Angriffsstößen ein Stück zurück, in Richtung Hubschrauber. Zu mir. „Das ist doch gelogen. Ihr habt keinesfalls genügend Leute, um die ganze Stadt abzudecken.“

„Das ist die Wahrheit“, erwiderte sie und ließ ihre Waffe sinken. „Hunderte von Teams. Mehr als genug, um mit einem einzigen Aufseher der Wächter und einer Handvoll Kinder fertig zu werden.“

Als sie beinahe in meiner Reichweite war, hob ich mein Schwert und machte mich zum Angriff bereit.

Dawkins sprang auf sie zu.

Die rothaarige Frau lachte laut und wich ihm aus. Während er an ihr vorbeistolperte, wirbelte sie herum und traf ihn mit der stumpfen Seite ihrer Klinge am Kopf.

Er landete mit dem Gesicht voraus auf dem Boden, alle viere von sich gestreckt, während seine Machete über den nassen Asphalt schlitterte.

„Und mit den Kindern werde ich genauso leicht fertig wie mit dir.“ Die Frau baute sich vor ihm auf, packte ihr Schwert mit beiden Händen und hob es hoch über ihren Kopf. Dann drehte sie sich kurz zu mir um und zwinkerte mir zu. „Du bist der Nächste, Kleiner.“

Der Abstand zwischen uns betrug knapp zehn Meter. Das war niemals zu schaffen. Ich konnte nicht verhindern, dass sie ihre Klinge in Dawkins’ Rücken rammte.

Aber irgendetwas musste ich doch unternehmen!

„Nein!“, brüllte ich und rannte los.

Doch ich hatte erst wenige Schritte gemacht, als ein durchdringendes Hupen ertönte und ich wie angewurzelt stehen blieb. Begleitet von einem schrillen, metallischen Kreischen, schoss jetzt ein kleines, kastenförmiges gelbes Taxi auf den Bürgersteig. Es war das verrückteste Taxi, das ich je gesehen hatte, mit hell leuchtenden Plasmabildschirmen an den Türen, auf der Motorhaube und sogar, wie eine Art High-Tech-Rückenflosse, auf dem Dach.

Außerdem war es völlig außer Kontrolle geraten.

Es schleuderte über den regennassen Beton und drehte sich mit quietschenden Reifen einmal, zweimal um die eigene Achse. Wasserfontänen spritzten in alle Richtungen, als es sechs, sieben Meter rechts von mir vorbeischlitterte. Nach der dritten Umdrehung blieb der Wagen abrupt stehen. Die Frau mit dem Schwert stand jetzt mit immer noch hocherhobener Klinge im Scheinwerferlicht.

Das Taxi raste genau auf sie zu.

Die Schwertkämpferin sprang mit einem großen Satz nach hinten, doch der Taxifahrer hatte schon damit gerechnet. Als das Taxi nämlich zwischen der Sinistra-Negra-Agentin und Dawkins hindurchschoss, machte der Fahrer kurz die Tür auf und holte die Schwertkämpferin damit unsanft von den Beinen. Sie prallte gegen die Stoßstange und fiel zu Boden.

„Was ist denn passiert?“, wollte Dawkins wissen, während er sich wieder aufrappelte.

„Ein durchgeknallter Taxifahrer“, sagte ich und reichte ihm die Hand.

Das Taxi war jetzt am hinteren Ende des Hubschrauber-Landeplatzes angelangt. Der Fahrer ließ das Heck um hundertachtzig Grad herumschleudern, sodass die Scheinwerfer wieder in unsere Richtung zeigten. Genau diesen Trick hatte meine Mutter mir am Anfang des Sommers auch vorgeführt. Jetzt rollte das Taxi langsam auf uns zu.

Dawkins zerrte an der Jacke der bewusstlosen Schwertkämpferin und zog sie ihr über die Hände. Anschließend verknotete er die Ärmel so, dass sie die Arme nicht mehr bewegen konnte. „Unser Wagen ist da. Gerade noch rechtzeitig.“

„Der durchgeknallte Taxifahrer da? Der soll uns fahren?“, fragte ich ungläubig.

Die“, sagte die Taxifahrerin, während sie die Tür öffnete. Sie war ziemlich groß, aber durch die Berge von pinkfarbenem Haar, das sich auf ihrem Kopf türmte, wirkte sie noch größer. „Und an deiner Stelle wäre ich ein kleines bisschen höflicher, schließlich hat dieser ‚verrückte Taxifahrer‘ dir gerade eben das Leben gerettet.“ Sie zog ihr Kleid zurecht, richtete ihre klobige silberne Halskette und holte einen Schirm hervor. Er war genau wie ihr Kleid mit riesigen Blumen bedruckt. Ich war mir wegen ihrer Sonnenbrille nicht ganz sicher, aber ich hatte das Gefühl, als würde sie mich ausführlich mustern. Dann schob sie sich mit zufriedener Miene die Sonnenbrille auf die Stirn. „Du bist okay“, sagte sie. „Aber du solltest mich nicht so anstarren. Es gibt auch Mädchen, die sich dadurch verunsichern lassen.“

„Ähm, ja“, sagte ich. „Ich, also … ich hab nur Ihre Haare angeschaut.“

Ihre roten Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen. „Gefällt es dir? Man nennt das einen Bienenkorb.“ Sie zeigte auf den bewusstlosen Glatzkopf. „Das wäre Nummer eins und die Frau ist Nummer zwei. Wo sind die anderen?“

„Zwei liegen unter dem abgestürzten Hubschrauber dort …“

„Lass mich raten“, sagte die Taxifahrerin, legte den Kopf schief und sah Dawkins an. „Du warst der Pilot.“

„Ja, aber ich habe damit zwei Agenten erledigt, deshalb war das ein strategischer Absturz.“ Dawkins steckte die Finger in den Mund und pfiff. „Da war noch eine Agentin mit einem Gewehr, aber die haben die Hunde weggeschleppt.“

Die Dobermänner kamen langsam näher und zerrten die Agentin auf dem Bürgersteig entlang. Jeder von ihnen hatte ein Handgelenk oder ein Hosenbein oder, im Fall von Pestilenz, ein Stück Jackett im Maul.

Wir gingen ihnen entgegen. Die Taxifahrerin bückte sich und fesselte die Hände der Frau mit schmalen Kabelbindern, die sie aus ihrem Taxi geholt hatte, auf den Rücken. „Plastikfesseln“, sagte sie, als sie meinen starren Blick bemerkte. „Benutzt die Polizei neuerdings auch.“

Dawkins beugte sich vor und kraulte die Hunde hinter den Ohren. Ihre wedelnden Schwänze schlugen gegen seine Beine. „Gute Arbeit, ihr Furchtbaren Vier.“

„Mit der da wären es also insgesamt fünf“, sagte die Taxifahrerin, während sie aufstand. „Aber wo ist ihre Hand?“ Sie schob die Sonnenbrille wieder herunter und drehte sich langsam im Kreis. Dabei fiel mir etwas auf, was ich zuvor nicht bemerkt hatte: Ein Brillenglas war deutlich dicker als das andere.

Ich kam ein Stück näher, um es besser sehen zu können. „Ist das ein Wahrheitsglas?“, flüsterte ich. „In Ihre Sonnenbrille eingebaut?“

„Funktioniert fast wie ein Nachtsichtgerät“, erwiderte sie leise, und dann sagte sie zu Dawkins: „Da sind nirgendwo andere Sinistra-Negra-Leute zu sehen.“

„Oh, aber das wird sich bald ändern!“, rief unsere Gefangene laut. Die regennassen, langen schwarzen Haare hingen ihr quer über das Gesicht, sodass ich ihre Augen nicht sehen konnte, aber der bösartige Wahnsinn in ihrer Stimme war klar und deutlich zu vernehmen. „Ich bin Legion, und ich werde euch vernichten!“

„Du bist ja süß“, erwiderte Dawkins, während Greta, Sammy und Agatha von hinten angerannt kamen. Sie waren völlig außer Atem.

„Alles okay?“, erkundigte sich Greta.

Sammy sagte: „Wir haben dich gesehen, Jack … du bist ja fast zwanzig Meter hoch in die Luft gesprungen!“

In diesem Augenblick hielt eine lang gestreckte schwarze Limousine auf dem Seitenstreifen des West Side Highway an. Ein Mann mit Kappe stieg aus und winkte ihnen zu.

Agatha winkte zurück. „Mein Chauffeur. Da ihr hier alles unter Kontrolle habt, ergreife ich nun endlich die Flucht und …“

„Ihr werdet uns niemals entkommen!“ Die Sinistra-Negra-Agentin konnte uns durch den dichten Vorhang aus nassen Haaren zwar nicht sehen, aber sehr wohl hören. Und auch das Reden schien ihr offensichtlich keine Mühe zu bereiten. „Das habe ich diesem miserablen Fechter da auch schon gesagt – die Sinistra Negra wird schon in Kürze hier sein, in großer Zahl.“

„Dann sollten wir uns auch langsam auf den Weg machen, Jack“, meinte die Taxifahrerin.

„Einen Augenblick noch.“ Dawkins ging neben der Frau in die Hocke und schob ihr die Haare aus dem Gesicht. Sie schnappte mit den Zähnen nach seinen Fingern. „Erstens“, sagte er, „bin ich ein exzellenter Fechter. Und zweitens … habe ich gar nicht mit dir gekämpft. Woher weißt du also, was die andere Agentin zu mir gesagt hat? Bist du etwa die Hand?“

„Ja! Nein!“, erwiderte die Frau und wand sich auf dem Boden hin und her. „Ich bin es, die ihr sucht, und ich bin es nicht.“ Sie drehte den Kopf so weit nach hinten, dass sie den Hubschrauber sehen konnte. „Warum fragst du nicht die da?“

Die unter den Kufen des Hubschraubers eingeklemmten Agenten stießen wüste Beschimpfungen aus. „Ich bin Legion!“ – „Ich bin hier! Ich bin dort! Ich bin an jedem Ort!“

„Das ist doch sinnlos, Jack“, sagte die Taxifahrerin. „Du hast gehört, was sie gesagt hat … dass noch mehr Agenten auf dem Weg hierher sind. Das ist doch bloß Verzögerungstaktik.“

Aber Dawkins hatte noch eine letzte Frage. „Hat Haupt Strongheart euch gewarnt? Hat er euch verraten, dass wir auf dem Weg hierher sind?“

Ich zuckte zusammen. Ja, genau, mein Dad ist ein mieser Schurke, und ich trage seinen Namen. An manche Dinge gewöhnt man sich eben nie.

„Strongheart?“ Die Agentin brach in quiekendes Hexengelächter aus. „Dieser feige Versager? Dieser schmählich Verstoßene? Dieser einfältige Scharlatan? Dieser …“

„Wir haben’s kapiert“, fiel Dawkins ihr ins Wort. „Du kannst ihn nicht leiden.“

„Strongheart hat nichts mehr zu sagen! Er ist erledigt! Gescheitert! Am Ende! So gut wie tot!“

„Das reicht.“ Dawkins erhob sich. „Also gut, alle miteinander. Wir verschwinden, sofort.“

„Wer ist das eigentlich?“, erkundigte sich Agatha, während sie mit einer Kopfbewegung auf das Taxi wies.

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