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Der Bund der Wächter, Band 2: Glasfaust

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Ich bin nicht unbedingt der größte Fan meines Vaters.

Nicht nur, weil er bei unserer letzten Begegnung einem seiner Handlanger befohlen hat, mich umzubringen. (Ein mieserer Vater kann man überhaupt nicht sein, oder?) Und auch nicht wegen seiner geheimen Identität als Haupt der Sinistra Negra, einer durch und durch bösartigen Vereinigung, deren Ziel es ist, das Ende der Welt herbeizuführen. Das alles ist an sich schon schlimm genug, aber das Schlimmste ist, dass er einer Frau die Seele gestohlen hat.

Er hat sie einfach aus ihrem Körper herausgekämmt. Dazu hat er einen seltsamen Apparat benutzt, das sogenannte Nadelöhr. Und dann ist er entkommen, noch bevor die Wächter des Lichts ihn gefangen nehmen konnten.

Manchmal sehe ich meinen neuen Freund Sammy an und denke, dass er es leichter hat als ich, weil er ein Waisenkind ist und seinen Dad nie kennengelernt hat.

Ein ziemlich verkorkster Gedanke, finde ich.

Immerhin habe ich noch meine Mom.

„Wann machen wir uns denn nun auf die Suche nach Dad?“, fragte ich sie zum hunderttausendsten Mal, während wir Kartons und Kisten in den alten, verbeulten weißen Lieferwagen luden.

„Sag ich nicht“, erwiderte sie wie üblich. „Also hör auf zu fragen.“

Meine Mutter ist so ziemlich genau das Gegenteil von meinem Vater. Sie gehört zu den Guten.

Sie sieht nicht nur gut aus und ist beängstigend klug und überhaupt die Sorte von Mutter, um die einen alle beneiden. Sie ist außerdem Mitglied einer Gruppe von Elitekämpfern, die sich die „Wächter des Lichts“ nennen. Sie beherrscht alle möglichen Waffen, aber mit dem Schwert kann sie besonders gut umgehen. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie sie sogar mit der Klinge Pistolenkugeln abgelenkt hat. Wirklich! Darum habe ich auch nicht widersprochen, als sie zu mir gesagt hat: „Ronan, geh und hilf Jack.“

„Na klar.“ Ich stellte eine Kiste mit Lebensmitteln ab und ging zu dem anderen Transporter, wo meine Freunde gerade alle möglichen Sachen auf einer Liste abhakten.

„Okay, wie wollen wir meinen Da…?“ Ich stockte. Schließlich wollte ich nicht, dass es sich zu persönlich anhörte. „Ich meine, wie wollen wir uns das Haupt der Sinistra Negra schnappen?“, sagte ich zu Dawkins. Dabei rammte ich mir die Faust in die geöffnete Handfläche.

Dawkins hob eine Augenbraue. „Was sollte das denn gerade sein?“

„Das?“ Ich schlug mir noch einmal in die Hand. „Na ja … also, damit du merkst, wie ernst ich es meine.“

„Wie jetzt? Du willst ihm tatsächlich eine reinhauen?“ Dawkins prustete. „Und du glaubst allen Ernstes, dass er sich zitternd in eine Ecke verkriecht, wenn du dich vor ihm aufbaust – der furchterregende, dreizehn Jahre alte Evelyn Strongheart?“ Dawkins trug eine schmutzige schwarze Jeans, ein T-Shirt und eine braune Lederjacke und sah aus wie ein Hipster, der demnächst seinen zwanzigsten Geburtstag feiert, aber in Wirklichkeit ist er fast zweihundert Jahre alt. Wie alle anderen Menschen, die in meinem Leben eine Rolle spielen, ist auch er nicht das, was er zu sein scheint. Er ist nämlich ein sogenannter Aufseher bei den Wächtern des Lichts. Deshalb altert er nicht, und außerdem ist er unsterblich.

Aber er kann Schmerzen empfinden. Deshalb verpasste ich ihm einen kräftigen Schlag auf den Oberarm.

Ich hasse es, wenn man mich Evelyn nennt.

„Du ungezogenes Bürschchen!“, sagte er und rieb sich den Bizeps. „Sag mal, weißt du überhaupt, wo dein Dad und die Sinistra Negra gerade sind?“

„Äh … nein“, murmelte ich.

„Ganz genau. Und das ist auch der Grund dafür, dass wir ihn uns noch nicht schnappen können. Aber sobald wir wissen, wo er steckt, fallen wir über ihn und seine Kameraden her wie ein hübsches und ziemlich ausgebufftes Höllenfeuer.“

„Ich glaube kaum, dass ein Höllenfeuer hübsch sein kann“, sagte Greta und strich sich die roten Haare aus dem Gesicht.

„Oder ausgebufft“, fügte Sammy hinzu.

Aber Dawkins winkte nur ab. „Was ich damit sagen will, ist Folgendes: Solange wir keine richtige Spur haben, bleibt uns sowieso nichts anderes übrig, als schön in Deckung zu bleiben und uns zu sammeln. Na ja, zumindest, was mich betrifft. Ihr drei müsst ja wie wahnsinnig schuften, damit ihr die Kunst und die Geheimnisse der Wächter des Lichts kennenlernt und irgendwann sogar beherrscht!“

Deshalb mussten wir jetzt das sichere Haus in Arlington verlassen. Nicht nur wir drei, sondern auch meine Mom und Gretas Dad, dazu Dawkins und ein anderer Aufseher namens Ogabe und noch ein halbes Dutzend weitere Wächter, die uns vor einer Woche zu Hilfe gekommen waren, als wir die Sinistra Negra in einem unterirdischen Kraftwerk gestellt hatten.

„Ich kann es kaum mehr erwarten“, sagte ich und das stimmte tatsächlich. „Bringt ihr uns in so ein High-Tech-Ausbildungszentrum?“

„Eigentlich … eher nicht“, erwiderte Dawkins, ohne den Blick von dem Klemmbrett mit der Liste zu nehmen.

Sammy lächelte. „Gibt es da Schießanlagen und Duellroboter mit Laserkanonen und …?“

„Roboter? Laserkanonen?“ Dawkins lachte. „Ich glaube, du verwechselst die Wächter des Lichts mit der CIA! Glaubst du etwa, wir werden von der Regierung mit Geld versorgt? Nein, wir sind eine äußerst kostenbewusste Organisation.“

„Aber ihr habt wenigstens eine Schule, oder?“, schaltete Greta sich ein.

„Welchen Teil des Wörtchens kostenbewusst hast du nicht verstanden?“

„Ihr habt nicht mal eine Schule?“ Greta runzelte die Stirn.

„Es ist Sommer!“, rief Dawkins. „Was willst du denn an einer dämlichen Schule? Laaaangweilig! Aber wie hört sich das hier an: ein einsamer Ort in den Bergen! Dazu jede Menge Natur in ihrer … ganz natürlichen Umgebung!“

„Wo sie schließlich auch hingehört“, stellte Greta fest.

„Aber es gibt doch einen Computer, oder?“ Sammy spielt wahnsinnig gern Computerspiele und noch lieber hackt er irgendwelche Programme.

Kostenbewusst im Sinne von schlicht und einfach“, sagte Dawkins schließlich. „Kostenbewusst insofern, als wir ein Geheimbund sind, der es sich nicht leisten kann, entdeckt zu werden … und der sich bedauerlicherweise auch sonst nichts leisten kann.“

Die weißen Lieferwagen, die wir gerade beluden, waren tatsächlich ziemlich verbeult.

„Wir haben bis jetzt noch nie irgendwelche Wächter-Kandidaten ausgebildet. Ihr drei seid die ersten.“ Auf Dawkins’ Gesicht breitete sich das strahlende Lächeln aus, das er jedes Mal zum Einsatz bringt, wenn er charmant wirken will. „Aber eins könnt ihr mir wirklich glauben: Es wird euch dort wahnsinnig gut gefallen!“

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Es gefiel uns überhaupt nicht.

Und Greta wahrscheinlich am allerwenigsten.

Wir durften die von Schimmelpilzen überwucherte alte Geisterstadt Wilson Peak nicht verlassen, ja wir durften nicht einmal telefonieren oder E-Mails verschicken. Und das nahm Greta persönlich. „Meine Mom wird am zweiten September vierzig“, sagte sie. „Und das lasse ich mir bloß wegen so einem blöden Sommerlager garantiert nicht entgehen.“

„Ist doch nur ein Geburtstag“, sagte Sammy. „Du kannst ja nächstes Jahr wieder hingehen.“

„Nein.“ Greta blickte ihn finster an. „Ich bin dieses Jahr dabei.“

·  ·  ·

Bei unserer Ankunft im Juni fanden wir den Ort schon irgendwie cool, das muss ich zugeben. Sogar ein bisschen aufregend. Ein Versteck hoch oben in den Bergen! Das verborgene Hauptquartier der Wächter des Lichts! Ein streng geheimes Ausbildungslager!

Ein Gefühl, das ungefähr zehn Minuten lang anhielt.

Der Ort war nichts Besonderes – vier mickrige Sträßchen, die in alle vier Himmelsrichtungen von einem schäbigen, kleinen Park abgingen. Ein altes Steinhaus, das den Wächtern des Lichts als Hauptquartier diente. Ein leer stehendes Feuerwehrhaus, eine verbarrikadierte Kirche und ein paar Dutzend faulige Holzhütten, die fast alle kein Dach, keine Fenster und keine Türen hatten. Unser Zuhause für den Sommer.

„Wilson Peak ist in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts als Wintersportort gegründet worden“, erklärte Dawkins, während er uns herumfuhr. „Aber nach dem Zweiten Weltkrieg hat man es wieder dichtgemacht. Die einzige Straße, die hier hochführt, wurde gesperrt und der Ort auf den Landkarten ausradiert … untergegangen im Nebel der Zeit, von allen vergessen.“

Von allen, außer den Wächtern des Lichts.

Ein Dutzend ehemalige Wächter, die nicht mehr im aktiven Dienst waren, hatten Wilson Peak an das Stromnetz angeschlossen, ein paar Ruinen wieder bewohnbar gemacht, zusätzliche Telefon- und Datenleitungen verlegt und den ganzen Ort mit einem Elektrozaun umgeben, damit niemand unbemerkt einbrechen konnte.

Und hier fand unsere Ausbildung statt.

Jeden Tag nach dem Frühstück ging es los, und zwar mit einer dürren alten Dame, die von allen nur „das McDermott“ genannt wurde. Sie unterrichtete die Geschichte der Wächter des Lichts – und dazu noch eine ganze Menge normaler Geschichte. In der zweiten Stunde hatten wir Computerunterricht, Programmieren und Hacken, bei Ogabe. Das war seine Spezialität. Dass Sammy ein Naturtalent war, stellte sich gleich heraus. In der dritten Stunde zeigte uns Gretas Dad, der ebenfalls ein Wächter des Lichts ist, wie man Schlösser knackt. Aber die Einzige von uns, die es wirklich schaffte, war Greta.

„Leute“, sagte sie und verdrehte die Augen, „das ist ein Master Lock Nummer drei. Das ist das Leichteste überhaupt.“ Greta ist mir mittlerweile eine sehr gute Freundin geworden, deswegen vergesse ich manchmal, was sie damals war, als ich sie kennengelernt habe: die nervigste Streberin der Welt.

„Versuchen wir’s noch mal“, sagte ihr Dad, warf Sammy und mir einen kurzen Blick zu und verdrehte dann die Augen genau wie seine Tochter.

Nachmittags kam schließlich ein älterer Typ im Rollstuhl angesaust und wollte uns das Fechten beibringen. Er hieß Griffin.

Sie sind der Lehrer?“, sagte ich in der ersten Stunde. „Ist das nicht ein bisschen unfair?“

„Du kannst es ja mal ausprobieren“, meinte er.

Ich nahm eines der Übungsschwerter und drehte mich zu ihm um.

Ich hatte noch keine zwei Schritte auf ihn zugemacht, da balancierte er den Rollstuhl auf den Hinterrädern, drehte sich blitzschnell um die eigene Achse und schlug mir mit einer seiner Fußrasten das Schwert aus der Hand. „Stimmt. Total unfair. Dir gegenüber!“ Mit diesen Worten rollte er lachend davon.

Und jeder Schultag endete mit Dawkins und seinem seltsamen Unterricht, der wirklich absolut unsinnig war.

Manchmal ließ er uns Brennball spielen, und zwar drei gegen einen. Der eine war er.

„Ihr müsst vorhersehen, was euer Gegner im Schilde führt“, sagte er und tippte sich an die Schläfe. „Welche Schachzüge heckt sein Superhirn aus? In welche Richtung wird er springen? Auf welche Bewegung wird er mit einem Angriff reagieren? Das müsst ihr wissen, noch bevor er selbst es weiß.“

„Das ist doch Schwachsinn!“, sagte Greta, täuschte eine Drehung nach rechts an und warf sich nach links … direkt in die Flugbahn des roten Gummiballs, den Dawkins geworfen hatte.

„Das hat wehgetan!“, beschwerte sie sich beim Aufstehen.

„Geschieht dir recht“, erwiderte Dawkins. „Auf so eine schlaffe Finte fällt doch niemand rein.“

Einmal forderte er uns auf einer Fläche aus riesigen Eisblöcken zum Kampf heraus. Sie war ungefähr sieben Mal sieben Meter groß und sah aus wie ein Boxring aus nassem Glas. In der einen Ecke lag ein Stapel aus Blechbüchsen, Holzstücken, alten Schuhen, Bratpfannen und noch mehr unhandlichem Zeug, das ich nicht so recht erkennen konnte.

„Das sind meine Waffen“, sagte Dawkins. „Und das da sind eure.“ In der Ecke auf der anderen Seite lagen drei Schwerter auf dem Eis. „Seid ihr in der Lage, euch auch unter schwierigen Bedingungen zu verteidigen? Bleibt ihr im Gleichgewicht, wenn ihr mit Müll und Beleidigungen bombardiert werdet? Wir werden sehen.“ Vorsichtig stellte er sich auf die Eisfläche. „Pikst mich mit der Schwertspitze, wenn ihr könnt.“

Aber wir kamen nicht einmal in seine Nähe.

Einmal schleuderte er etwas Kleines, Weißes in meine Richtung. Ich reagierte ganz automatisch und schwang mein Schwert wie einen Baseballschläger durch die Luft.

Ich traf den Gegenstand mit einem lauten Bong! und er zischte im hohen Bogen davon. Gleichzeitig flutschten meine Füße nach vorne und ich landete auf dem Hintern.

„Disqualifiziert!“, röhrte Dawkins.

Ich sah den weißen Punkt hinter den nächsten Häusern verschwinden.

„War das mein Baseball? Der von den New York Mets?“, sagte ich.

„Vielleicht?“ Dawkins blickte ihm mit zusammengekniffenen Augen hinterher. „Könnte sein, dass ich ihn auf der Terrasse vor eurer Hütte gefunden habe.“

„Das war ein Sammlerstück!“ Ich war empört. „Der ist wertvoll.“ Was ich nicht sagte, war: Den habe ich von meinem Dad bekommen.

„Wie gewonnen, so zerronnen, Ronan.“ Er reichte mir die Hand und half mir auf die Füße. „Wenn du schon jammern musst, dann jammere lieber über die Mets, die diese Saison mal wieder nichts gebacken kriegen.“

Die Unterrichtsstunden bei Dawkins liefen alle so ab, eine verrückter als die andere. Am ersten wirklich heißen Tag setzte er sich auf einen selbst gebastelten Ausguck über dem Schwimmbad von Wilson Peak und ließ uns mit Steinschleudern auf einen bestimmten Punkt schießen. Bei einem direkten Treffer würde er selbst ins Wasser plumpsen.

Dann fing er an, uns zu verhöhnen. „War das etwa schon alles, Evelyn?“

Ich kam mit der Schleuder nicht klar, genauso wenig wie Greta. Dann stellte sich Sammy hin und sagte: „Halt mal die Luft an.“ Er kniff ein Auge zu, zog das Gummiband zurück und ließ los.

„Und du solltest lieber den Mund halten, bevor du …“

Der Stein traf mit einem lauten Klonk! genau ins Ziel.

Noch bevor Dawkins seinen Satz zu Ende bringen konnte, landete er im Wasser.

„Was sollen wir dabei eigentlich lernen?“, wollte Greta eines Tages wissen, nachdem wir „Fahne erobern“ gespielt hatten. Die Fahne war an Dawkins festgemacht, der kreuz und quer über das Gelände sauste und dabei ununterbrochen „Huu-huu!“ brüllte.

„Als Wächter des Lichts braucht man viele verschiedene und ziemlich verrückte Fähigkeiten“, erläuterte er. „Und auch wenn du es vielleicht nicht gemerkt hast – genau darum geht es hier. Dass du die unterschiedlichsten Dinge lernst. Wie du sie letztendlich zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügst, ist ganz allein deine Sache.“

·  ·  ·

In der zweiten Juliwoche startete Greta den ersten Ausbruchsversuch.

Sie verschwand mit einer Schaufel im Wald. Am Abend war sie wieder da. Wie ein Wäschesack lag sie über Ogabes mächtiger Schulter.

„Ich habe sie am südlichen Zaun aufgegabelt.“ Behutsam stellte er sie auf die Füße. „Sie wollte sich darunter durchbuddeln.“

Wir hatten uns alle in dem Pavillon im kleinen Park in der Mitte des Ortes versammelt: Gretas Dad (Mr Sustermann), Sammy, ich und meine Mom, dazu Dawkins und Bentley, ein dunkelgrauer Weimaraner-Welpe mit Schlappohren, der Dawkins nicht von der Seite wich.

Greta sah aus, als ob man sie lebendig begraben hätte, so schmutzig war sie. „Was soll denn die Aufregung?“, sagte sie. „Ich hab doch bloß ein Loch gegraben.“

„Du darfst nicht nach Hause, Greta“, sagte Mr Sustermann. „So lautet die Abmachung. Wir bilden dich aus, damit du ein Mitglied der Wächter des Lichts werden kannst. Aber dafür musst du dein altes Leben hinter dir lassen.“

„Aber dass ich auch Mom hinter mir lassen muss, das war nicht abgemacht“, erwiderte Greta. „Und … sie hat bald Geburtstag.“

„Ich weiß“, sagte Mr Sustermann. „Und ich weiß auch, dass es dir nicht nur um ihren Geburtstag geht.“ Abgesehen von den roten Haaren haben die beiden nicht viel gemeinsam: Greta ist zierlich und ziemlich klein, er dagegen groß und muskulös. „Aber was immer die wahren Gründe sein mögen – solange wir nicht wissen, wo sich die Sinistra Negra herumtreibt, ist es hier für dich am sichersten. Wir können nicht ausschließen, dass sie deine Mom beschatten und dort auf dich warten.“

„Aber die wollen doch gar nichts von mir. Die wollen sich Ronan schnappen“, entgegnete Greta.

Meine Mom warf mir einen strengen Blick zu. Mein Dad hatte tatsächlich eine Zeit lang versucht, mich mitzunehmen, aber das war vorbei. Ich hatte eindeutig klargestellt, dass ich mich nicht auf seine Seite schlagen würde.

„Du musst mir versprechen, dass du so etwas auf gar keinen Fall noch einmal machst“, sagte Dawkins.

Greta verschränkte die Arme vor der Brust. „Na gut. Ich verspreche, dass ich so etwas auf keinen Fall noch einmal mache.“ Sie schnupperte an ihren Kleidern. „Und wenn ihr nichts dagegen habt, dann gehe ich jetzt unter die Dusche. Ich bin dreckig.“ Damit stapfte sie zu dem Bungalow, den sie gemeinsam mit ihrem Dad bewohnte.

„Ich rede mit ihr“, sagte Mr Sustermann und lief ihr hinterher.

Sobald sie außer Hörweite waren, wandte meine Mom sich an Dawkins: „Glaubst du, dass sie das Versprechen einlösen wird?“

„Auf keinen Fall“, erwiderte Dawkins.

„Aber sie hat ihr Wort gegeben“, protestierte ich.

„Und ich bin sicher, dass sie sich daran halten und nicht noch einmal versuchen wird, sich unter einem Zaun durchzubuddeln. Aber sie wird irgendwas anderes machen.“

„Sie will eben unbedingt am Geburtstag ihrer Mutter zu Hause sein“, sagte ich.

Dawkins verzog das Gesicht. „Das sagt sie zumindest.“

„Und außerdem findet sie es hier absolut grässlich.“ Das war Sammy.

Ogabe richtete seinen Zeigefinger auf uns. „Und wie ist es mit euch beiden? Findet ihr es hier auch grässlich?“

„Es ist … nicht gerade toll“, erwiderte ich.

„Aber deinen Programmier-Unterricht finde ich super“, sagte Sammy.

„Dann hast du die Hausaufgaben bestimmt schon erledigt und das Programm fertig geschrieben, oder?“

„Schon ewig.“ Sammy gähnte demonstrativ. „Das war ein Klacks.“

„Dann sehen wir’s uns doch mal an.“ Ogabe nickte uns anderen zu, und die beiden gingen zur Hütte.

Dawkins sah ihnen nach. „Ich kann Greta nicht ständig im Auge behalten, Ronan. Das musst du übernehmen.“

„Was? Ich soll sie ausspionieren? Das kann ich ihr unmöglich antun.“

„Ich verlange ja gar nicht, dass du sie verpetzt“, erwiderte Dawkins. „Aber … falls sie weglaufen will, dann begleite sie einfach. Und nimm auf jeden Fall den Hund mit.“ Er beugte sich zu Bentley hinunter und murmelte ihm etwas ins Ohr. Bentley wedelte mit dem Schwanz, sodass er gegen mein Schienbein schlug. „Brems sie so lange, bis jemand von uns sie aufhalten kann.“

„Das ist jetzt deine Aufgabe, Ronan“, sagte meine Mom. „Du weißt, wie wichtig Greta ist.“

Das wusste ich. Und Greta? Sie hatte keine Ahnung.

Nach den Überlieferungen der Wächter des Lichts leben sechsunddreißig sogenannte „Reine“ auf dieser Welt – besonders gesegnete Menschen, die bis in ihr tiefstes Inneres so voller Güte sind, dass sie die Schlechtigkeit aller anderen ausgleichen können. Dawkins behauptet, dass das Ende der Welt bevorsteht, wenn auch nur einem einzigen dieser Reinen etwas zustößt.

Und das ist der Punkt, an dem die Wächter des Lichts – und ich, falls sie mich jemals aufnehmen sollten – ins Spiel kommen. Wir sollen die Reinen nämlich beschützen, vor sich selbst und vor denen, die ihnen Böses wollen.

Vor Leuten wie meinem Dad.

Was wir nicht immer schaffen.

Die Frau, die jetzt im Koma liegt, weil mein Vater ihre Seele gestohlen hat, ist auch eine von diesen Reinen. Sie heißt Flavia und hat zwei kleine Kinder, aber ich schätze, das alles hat meinen Vater nie interessiert.

Und, wie sich herausgestellt hat, ist auch Greta eine Reine. Ich wollte mir nicht ausmalen, was mein Vater mit ihr anstellen würde, falls er irgendwann dahinterkäme.

Ich drehte mich zu Dawkins um. „Du kannst auf mich bauen.“

„Ronan.“ Dawkins klopfte mir auf den Rücken. „Das weiß ich doch längst.“

·  ·  ·

Als Greta dann eine Woche später wieder versuchte sich davonzuschleichen, kamen Sammy und ich mit.

„Jungs, das ist mein Problem“, sagte sie.

„Dann ist es auch unser Problem“, entgegnete ich. „Wir sitzen im selben Boot, oder etwa nicht?“

Sammy nickte. „Und wie genau hauen wir ab?“

Einmal folgten wir einem Bachlauf auf der Rückseite des Berges, und zwar bis zu der Stelle, wo der Bach durch ein Metallgitter verschwand. Beim nächsten Mal dachte Greta sich einen ausgesprochen komplizierten Plan aus, bei dem wir auf Bäume klettern und mit Pfeil und Bogen eine Seilrutsche herstellen mussten, um den elektrischen Zaun zu überqueren. Selbst Greta musste zugeben, dass die Idee viel zu verrückt war, um sie überhaupt auszuprobieren. In der nächsten Woche stibitzte sie die Ersatzschlüssel eines der weißen Lieferwagen und wir versteckten uns in der Nacht vor dem wöchentlichen Großeinkauf im Laderaum. Aber Bentley spürte uns auf, und als sich kurz vor dem Morgengrauen die Heckklappe öffnete, standen Mr Sustermann, Dawkins und meine Mom vor uns.

„Verräter!“, sagte Greta zu dem Hündchen und zog eine Grimasse. Bentley hüpfte in den Laderaum und schleckte ihr das Gesicht ab.

„Küssen nutzt auch nichts. Verrat ist Verrat!“, sagte sie, aber sie konnte sich das Lachen nicht verkneifen.

Dawkins sah mir in die Augen und neigte den Kopf in Bentleys Richtung. Von da an achtete ich darauf, dass der Hund immer in meiner Nähe war.

·  ·  ·

Am ersten Morgen unserer elften Woche weckte Greta uns frühmorgens auf. Die Sonne stand noch direkt über dem Horizont.

„Dieses Mal funktioniert der Plan garantiert“, sagte sie. „Das verspreche ich euch.“

Sammy und ich kamen mit, ohne uns nach Einzelheiten zu erkundigen, weil Freunde das eben so tun.

Und so saßen wir irgendwann nebeneinander, jeder auf einem zusammengefalteten Pappkarton an der Steilkante eines Berges am Rand des Städtchens und ließen die Beine herabhängen.

„Da willst du runterschlittern?“, sagte Sammy. Er zeigte mit dem Daumen auf den Pappkarton. „Damit?“

Zugegeben: Auch ich war etwas nervös. Die ehemalige Skipiste war so steil, dass ich mir vorkam wie auf dem Dach eines Wolkenkratzers. Sie verlief im Zickzack zwischen den Bäumen hindurch bis ins Tal. Im Winter lag hier bestimmt angenehm weicher Schnee, aber jetzt im Sommer war der Hang ein Meer aus langen gelben Grashalmen. Es sah beinahe hübsch aus.

Allerdings nicht so hübsch, dass ich mich freiwillig auf einem dünnen Stück Pappkarton da hinabstürzen wollte.

„Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?“, fragte ich Greta.

„Aber selbstverständlich!“, fauchte sie mich an. „Früher sind die Leute hier massenhaft runtergefahren, und zwar auf Skiern. Wir sitzen auf Pappkartons und fahren auf Gras. Das ist viel, viel langsamer. Wahrscheinlich geht alles gut.“

„Wahrscheinlich?“, wiederholte Sammy.

„Moment mal“, sagte ich und blickte mich um. „Wo ist eigentlich Bentley?“

„Der Hund?“, sagte Greta. „Wen interessiert das schon! Das ist unsere Chance, Jungs! Bevor alle anderen aufwachen.“ Sie stieß sich mit den Beinen ab, kippte über die Kante – und weg war sie.

Einen Augenblick später schoss ein grauer Schatten zwischen mir und Sammy hindurch. Greta sauste den Abhang hinunter. Schon war sie zehn Meter entfernt und beschleunigte immer noch, aber der Weimaraner-Welpe war viel schneller als sie.

Bentley sprang in die Luft und prallte gegen Gretas Schulter, sodass sie von ihrem Pappkarton rutschte und im Gras landete. Der Karton flog über sie hinweg und schlitterte weiter talwärts.

Greta überschlug sich noch ein paarmal und blieb dann liegen. „Dämlicher Köter!“, rief sie. „Was soll das?“

„Mein Fehler, Greta!“, rief Dawkins, der heimlich und leise hinter uns getreten war. „Ich fürchte, als ich gesehen habe, wie du dich abstößt, habe ich Bentley losgeschickt.“

Der Hund wedelte mit dem Schwanz und setzte sich dann neben Greta. Greta blitzte ihn wütend an.

„Hat dich Bentley etwa hierhergeführt?“ Ich hob den Kopf und sah Dawkins an. Auf seinem gelben T-Shirt prangte die Aufschrift YOLO – „You Only Live Once“. Den letzten Buchstaben hatte er mit einem dicken schwarzen Stift ausgeixt.

„Bist du so was wie ein Hundeflüsterer?“, wollte Sammy wissen.

Wir sahen zu, wie Greta den Abhang heraufgeklettert kam.

„Ach was. Hunde und ich, wir … verstehen uns einfach. Auf einer Ebene, die nur sehr wenige nachvollziehen können.“ Dawkins streckte die Hand aus und half Greta über die Kante. „Ich habe gute Nachrichten für euch, ja, es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass ich, Jack Dawkins, eure Rettung bin.“

„Meine bestimmt nicht“, sagte Sammy.

„Meine auch nicht.“ Greta klopfte Grashalme von ihrer Jeans.

„Ihr habt doch alle drei die Schnauze voll von Wilson Peak, stimmt’s?“, sagte Dawkins. „Du, Greta, hast keinen größeren Wunsch als von hier zu verduften! Du, Ronan, möchtest diesen sonnenverbrannten Hügel endlich hinter dir lassen und dich in das nächste Abenteuer werfen. Und du, Samuel …“

„Also, ich bin eigentlich ganz zufrieden hier“, meinte Sammy achselzuckend. „Ich wollte schon immer mal auf ein Sommerlager.“

„Und was ist jetzt die gute Nachricht?“, wollte Greta wissen.

„Zwei Dinge“, erwiderte Dawkins. „Erstens: Ihr seid ausgewählt worden, an einem Wettbewerb für ein unglaublich begehrtes Stipendium teilzunehmen, dem sogenannten Gläsernen Fehdehandschuh. Nur die …“

„Ein gläserner Fehdehandschuh? Wozu soll der denn gut sein?“, unterbrach ich ihn.

„Das ist nicht wörtlich gemeint. Es handelt sich um eine Art Prüfung aus mehreren Teilen, und die findet auf dem Anwesen der Familie Glass statt. Wie gesagt, nur die klügsten, wagemutigsten und unverbesserlichsten Waisenkinder werden dafür ausgesucht.“

„Wir sind aber keine Waisen“, sagte ich.

„Ich schon“, sagte Sammy.

„Und wir sind nicht unverbesserlich!“, sagte Greta.

„Sagt die unverbesserliche Königin der Ausbrecher“, gab Dawkins zurück. „Hört zu, in Wirklichkeit brauche ich vor allem einen Vorwand, um auf das Grundstück zu kommen, wo dieser Gläserne Fehdehandschuh ausgetragen werden soll. Ich bin zu alt, um mich selbst zu bewerben, aber ihr drei seid perfekt geeignet. Ihr wollt Wächter des Lichts sein? Sehr gut. Dann ist das hier euer erster Auftrag. Ihr bekommt ein Wochenende voller Spaß und guter Laune, müsst nur ein paar Prüfungen bestehen …“

„Was soll denn an einem Wochenende voller Prüfungen so spaßig sein?“, unterbrach ihn Sammy.

„Prüfungen können tatsächlich Spaß machen“, murmelte Greta leise. „Ich mag Prüfungen.“

„… während ich für die Wächter ein bisschen Aufklärungsarbeit leiste. Also bekommen alle das, was sie wollen.“ Er klatschte in die Hände. „Aber was ich jetzt vor allem will, ist ein Frühstück.“

Greta blickte sehnsüchtig den Hügel hinunter. Ihr flacher Pappkarton war so weit nach unten gerutscht, dass er nur noch als kleiner brauner Fleck zu erkennen war.

„Warum rutscht ihr eigentlich auf einem Pappkarton herum?“, sagte Dawkins, während er uns zurück zur Hütte begleitete. „Gute Idee, aber ein bisschen lahm. Etwas, was weniger Reibung erzeugt, wäre besser, stimmt’s? Also, ich hätte mir als Erstes mal diese Eismaschine neben der Lagerhalle angeschaut. Diese riesigen Eisklötze auf dem endlosen, grasbewachsenen Abhang …“ Er rieb eine Handfläche über die andere. „Wie ein Ritt auf einer Raketenspitze.“

Greta hörte gar nicht zu. „Du hast doch gesagt, du hast zwei Neuigkeiten.“

„Ach so, ja“, sagte Dawkins. „Ronans Mom hat etwas geschafft, was sonst niemandem gelungen ist.“

„Was denn?“, erkundigte ich mich, während ich mir überlegte, wie lange es wohl dauern würde, bis Greta uns zu überreden versuchte, auf riesigen Eiswürfeln den Abhang hinunterzurutschen.

„Sie hat deinen Dad gefunden.“

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Ich beeilte mich.

Die Panik schnürte mir den Brustkorb zusammen. Das Nächste, woran ich mich erinnern kann, ist, dass ich rannte. Eigentlich hätte ich total begeistert sein müssen, dass meine Mom meinen Dad gefunden hatte, stimmt’s? Mein Vater ist ein Superschurke – ein Lügner, ein Killer, ein Seelendieb – und ich hatte schon den ganzen Sommer über gehofft, dass die Wächter des Lichts ihn endlich schnappten, damit er seine gerechte Strafe bekam.

Ich hätte eigentlich erleichtert sein müssen, aber stattdessen war ich völlig außer mir.

Bentley hopste neben mir her und freute sich des Lebens. Wahrscheinlich dachte er, dass wir bloß ein bisschen joggen gingen.

Bei dem Pavillon in dem kleinen Park von Wilson Peak hatte ich fürchterliches Seitenstechen. Ich blieb kurz stehen und überlegte, was ich jetzt machen sollte, als ich eine Stimme hinter mir hörte.

„Ronan! Halt!“

Greta.

Keuchend verlangsamte sie ihre Schritte. „Wo willst du denn hin?“

Ich keuchte auch und sah mich um. „Keine Ahnung.“

„Na ja, ist mir irgendwie auch egal. Ich komme jedenfalls mit.“ Wir beugten uns beide nach vorne, stützten uns auf die Knie und kamen langsam wieder zu Atem. „Dein Dad kriegt dich ganz bestimmt nicht, Ronan. Aber das ist dir doch sowieso schon klar, oder?“

War es das? Hatte ich Angst, dass mein Dad mich „kriegen“ würde?

Ja. Und nein. Ich hatte Angst davor, ihm noch einmal zu begegnen, das war klar. Immerhin hatte er beim letzten Mal versucht, mich umzubringen. Aber das war nur ein Teil des Problems. Ich war kein Wächter des Lichts. Noch nicht. Ich war überhaupt nichts. Wenn er mich vernichten wollte, dazu noch meine Mom, Sammy und Greta, alles und alle, die mir etwas bedeuteten … ich konnte ihn nicht daran hindern. Das letzte Mal hatte ich einfach nur Glück gehabt. Und darauf konnte ich mich nicht ständig verlassen.

„Ich … ich will ihn nie wieder sehen.“ Wie sollte ich ihr erklären, was mir durch den Kopf ging? Greta darf ja nicht erfahren, wieso mein Dad für sie eine tödliche Gefahr bedeutet. Genau wie alle anderen Reinen darf auch sie nicht wissen, dass sie eine Reine ist.

„Du Dussel“, sagte sie. „Glaubst du wirklich, dass sie uns noch einmal einer solchen Gefahr aussetzen? Niemals. Ogabe, mein Dad, deine Mom und dazu noch ein ganzer Haufen Wächter, die allesamt mit Schwertern bewaffnet sind, werden das übernehmen. Und du und ich und Sammy? Wir hocken irgendwo rum, wo es langweilig und ungefährlich ist, und lösen irgendwelche Prüfungsaufgaben.“

Ich musste lachen. „Wobei du selbstverständlich mit Abstand die Beste sein wirst.“

„Selbstverständlich.“

Greta hatte Recht. Wir würden weit weg von meinem Dad sein, und meine Mom konnte gut auf sich selbst aufpassen. „Da sind sie ja.“

Am Ende der Straße waren Sammy und Dawkins gerade um die Ecke gebogen. Dawkins winkte uns zu.

Greta sagte: „Ich weiß übrigens, dass ihr beide Dawkins geholfen habt, mich an der Flucht zu hindern.“

„Haben wir gar nicht!“ Bentley drehte den Kopf immer hin und her, fast so als würde er das Gespräch verfolgen. „Na gut, ein kleines bisschen vielleicht.“

„Lasst das in Zukunft bitte sein. Ganz egal, ob die Wächter des Lichts deinen Dad gefangen nehmen oder nicht, ich komme garantiert nicht wieder hierher.“ Sie wich meinen Blicken aus. „Ich habe immer gesagt, dass ich den Geburtstag meiner Mom nicht verpassen will, aber in Wirklichkeit geht es um etwas viel Schlimmeres. Sie hat Krebs, Ronan. Sie braucht mich. Sie sitzt da einsam und allein in ihrer Wohnung in Brooklyn.“

„Okay“, erwiderte ich. „Aber du bist nicht allein. Ich kann dir helfen. Wenn wir diese Prüfungs-Fehde hinter uns haben, fahren wir nach Brooklyn und besuchen deine Mom.“

Greta sah mich mit zusammengekniffenen Augen an. „Versprichst du mir das?“

„Ich schwöre, auf Leben und …“

„Nicht“, fiel sie mir ins Wort. „Man sollte niemals auf den Tod schwören. Ein einfaches Versprechen reicht mir völlig.“

„Also dann, ich verspreche es“, sagte ich.

„Komme, was wolle?“

„Komme, was wolle.“

·  ·  ·

Eine Wand des alten Steinhauses bestand komplett aus Fenstern, vom Boden bis zur Decke. Außerdem gab es hier einen offenen Kamin, der so hoch war, dass sich ein Mensch aufrecht hineinstellen konnte. Man brauchte nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie sich draußen vor den Fenstern die Schneewehen türmten, während Dutzende von Skifahrern mit einem Becher heißer Schokolade vor dem lodernden Feuer saßen, um sich nach einem langen Tag auf der kalten Piste wieder aufzuwärmen.

Aber jetzt sah es hier ganz anders aus.

Die Wächter des Lichts hatten die Hütte in eine Einsatzzentrale verwandelt. Ein langer Holztisch zog sich quer durch den ganzen Raum. Darauf standen ein halbes Dutzend Computer, während an der Wand rund um den Kamin ebenso viele Flachbildschirme hingen. Ganz egal, ob die verstaubten Kronleuchter ein- oder ausgeschaltet waren, das kalte bläuliche Flackern der Monitore beherrschte den Raum.

Als meine Mom uns hereinkommen hörte, ließ sie ihren Schreibtischsessel herumschwingen. „Ach, Ronan“, sagte sie. „Gut, dass Jack dich noch vor unserer Abreise erwischt hat.“

„Jack hat gesagt, dass ihr Dad gefunden habt?“

„Das stimmt.“ Sie stand auf. „Und deshalb brechen die Wächter in einer Stunde auf.“

„In einer Stunde? So schnell schon?“

„Die Zeit wird immer knapper.“ Meine Mom nahm eine Fernbedienung und stellte den Ton von einem der Fernseher lauter. „Zunächst einmal deshalb.“

Ein Nachrichtensprecher berichtete von einem armen Kerl irgendwo in Iowa, der sich eine ganz schlimme Grippe eingefangen hatte.

Wie schlimm? Er war daran gestorben.

Mittlerweile waren auch Sammy und Dawkins hereingekommen. Dawkins murmelte: „So geht die Welt zugrunde: Nicht mit einem großen Knall, sondern mit einem … Ha-tschiii.“

„Gesundheit“, sagten Greta und ich gleichzeitig.

„Das war kein echtes Niesen.“ Dawkins deutete auf den Bildschirm. „Ich wollte damit bloß sagen, dass die Erkrankung dieses Mannes nur ein weiteres Anzeichen dafür ist, dass die Welt allmählich aus den Fugen gerät. Dieses Grippevirus, die rekordverdächtige Hitzewelle, die die Erde immer mehr verdorren lässt – das sind die ersten Hinweise.“

„Soll das ein Witz sein?“, wandte ich mich an meine Mom. „Eine Grippe? Das Ende der Welt habe ich mir immer anders vorgestellt. Eher mit Explosionen – Sturmfluten und Erdbeben.“

„Die große Grippe-Epidemie von 1918 hat fast hundert Millionen Menschen das Leben gekostet“, sagte Dawkins und schaltete den Fernseher aus. „Und schuld daran war nur ein winziges Erkältungsvirus – und die Sinistra Negra.“

„Der zweite Grund ist noch viel wichtiger …“ Meine Mom griff nach dem antiken Silbermedaillon, das sie an einer Kette um den Hals trug. „Der Zustand unserer Patientin hat sich deutlich verschlechtert. Sie liegt im Sterben.“

Das Medaillon gehörte Flavia, der Reinen, die im Koma lag. Darin befanden sich Bilder von ihren beiden Kindern. Ich kannte weder sie noch ihre Kinder und wusste auch nichts über ihr Leben. Alles, was ich wusste, war, dass sie eine Mutter war und dass sie ihre Kinder sicher liebte. Sonst hätte sie sie nicht in einem solchen Medaillon mit sich herumgetragen. Und falls diese Kinder auch nur ansatzweise so ähnlich waren wie ich, dann mussten die Angst und die Sorge um ihre Mom sie beinahe wahnsinnig machen. Sie war einfach verschwunden. Ich sah meine eigene Mom an und spürte ein vertrautes Ziehen in der Magengegend. Ich wusste genau, was diese Kinder empfanden. „Und was machen wir jetzt?“

„Es gibt nur eine einzige Möglichkeit, Flavia zu retten und die Welt ins Gleichgewicht zu bringen“, sagte meine Mom. „Wir müssen ihre Seele wieder mit ihrem Körper vereinen.“

„Und zwar schnell“, ergänzte Dawkins. „Der Doktor schätzt, dass sie noch maximal eine Woche zu leben hat. Eher weniger.“

Mir wurde schwindelig. Das schien ja alles immer schlimmer zu werden. „Wie habt ihr ihn gefunden?“, wollte ich wissen. „Dad, meine ich.

„Deine Mom hat einen Köder ausgelegt, von dem sie wusste, dass Haupt Strongheart ihm nicht widerstehen konnte“, sagte Dawkins.

Mir wurde mit einem Mal warm. Ich spürte Wut, Scham und Angst, alles gleichzeitig. Strongheart, so lautet der Nachname meines Vaters. Und meiner natürlich auch. „Was für einen Köder?“

„Wir sind in einer verzweifelten Situation, Schätzchen“, sagte meine Mom. „Ich musste etwas benutzen, was ihm so viel bedeutet, dass er dafür sogar seine Tarnung riskiert.“

„Was soll das denn sein?“ Ich kannte meinen Dad mein ganzes Leben lang, und ich wusste, dass es nichts gab, was ihm so sehr am Herzen lag.

Hinter meiner Mom stand ein Computer. Jetzt erkannte ich, was auf dem Bildschirm zu sehen war: die Startseite einer Spieleplattform namens ILZ, auf der ich regelmäßig spiele. Oder besser: auf der ich regelmäßig gespielt habe. Nach unserer Ankunft in Wilson Peak mussten wir unsere Facebook-Profile und unsere Mailaccounts löschen und alle bisherigen Kontakte abbrechen.

„Da gibt es tatsächlich etwas“, sagte meine Mom.

„Wieso hast du dich bei ILZ eingeloggt?“ Ich war verwirrt. „Woher weißt du überhaupt von ILZ? Ist das etwa der Köder? Eine Spieleplattform?“

Meine Mom starrte mich an. „Die ILZ-Seite ist nicht der Köder.“

„Sondern du, Ronan.“ Dawkins legte mir die Hand auf die Schulter. „Du bist der Köder.“

·  ·  ·

Eine halbe Stunde später legte meine Mom sechs Säbel auf unseren Esstisch. Wir hatten uns auf dem ganzen Weg von der Steinhütte bis zu unserem Bungalow gestritten.

„Was willst du eigentlich, Ronan? Soll ich mich etwa dafür entschuldigen, dass ich deinen Vater angelogen habe? Also, das kannst du vergessen.“ Mit schnellen Bewegungen zog sie einen Säbel nach dem anderen aus der Scheide und prüfte die Schärfe der Klinge, bevor sie ihn wieder zurücksteckte. „Ja, okay, ich habe ohne dein Wissen deine alten Zugangsdaten verwendet. Ich habe mich für dich ausgegeben, um deinen Vater anzulocken. Und es hat geklappt. Es tut mir überhaupt nicht leid.“

„Du hättest mich wenigstens fragen können.“ Ich schob ihr das zusammengerollte Lederbündel mit den Wurfmessern hin. „Was will er überhaupt von mir?“

Sie öffnete den Knoten, der das Bündel zusammenhielt, und rollte es auseinander, sodass alle zwölf Klingen gut zu sehen waren. „Dasselbe wie ich, mein Süßer: Wir lieben dich.“ Sie zog eines der Messer heraus und deutete mit der Spitze auf mich. „So ist das nun mal mit Eltern: Man zeugt ein Kind und dann liebt man es, auch wenn es einem den letzten Nerv raubt.“

„Aber er hat einem von seinen Schlägertypen den Befehl gegeben, mich umzubringen“, sagte ich. „Beim Mourner’s Mouth.“

„Die Menschen handeln nicht immer vernünftig, Ronan.“ Sie steckte das Messer an seinen Platz zurück, rollte das Bündel zusammen und verknotete es wieder. „Er liebt dich, aber sich selbst liebt er noch mehr. Er war auf der Flucht und du warst ihm im Weg.“ Mit einem Ruck zog sie den Knoten fest. „Und außerdem kann ich mich noch gut daran erinnern, dass du ihm eine Kehrschaufel ins Gesicht geschleudert hast.“

Ich musste ein bisschen grinsen. „Ja, genau, das hat ihm nicht so gut gefallen.“

„Garantiert nicht.“ Sie warf die Schwerter und das Messerbündel in eine große Reisetasche. „Er erwartet dich in zwei Tagen in Minneapolis. Deshalb fahren Mr Sustermann und ich und ein halbes Dutzend Wächter des Lichts jetzt schon mal vor und stellen ihm eine Falle. Wir wollen ihn fangen und ihm Flavias Seele abknöpfen.“ Sie legte die Finger an das Medaillon.

„Glaubst du denn, dass er die Seele dabeihat? Einfach so, im Handgepäck?“

„Werd ja nicht frech, Evelyn“, erwiderte meine Mom und zog den Reißverschluss der Tasche zu.

Wenn sie meinen ersten Vornamen benutzt, ist das immer ein Zeichen dafür, dass sie wütend auf mich ist. „Ich finde einfach, dass das kein besonders guter Plan ist“, sagte ich. Was ich in Wirklichkeit dachte, behielt ich lieber für mich.

„Ist es auch nicht“, gab sie zu. „Aber wir haben keinen anderen. Falls er nicht funktioniert, hängt alles von Ogabe ab. Er ist mit einem anderen Auftrag unterwegs, während wir das hier versuchen.“

Ich hätte mich gerne ganz ruhig nach Ogabes Mission erkundigt, aber dann konnte ich mich doch nicht beherrschen und platzte heraus: „Du hast mich benutzt. Um Dad eine Falle zu stellen. Dasselbe wäre ihm auch zuzutrauen.“

„Ach, Ronan, darum geht es doch gar nicht!“ Sie streckte die Arme aus und legte mir die Hände auf die Schultern. „Hier geht es nicht um dich. Oder um mich. Oder um deinen Vater. Es geht um etwas viel Größeres, nämlich um Flavia und Greta und andere vollkommen Unschuldige. Es wird immer wieder vorkommen, dass du etwas, was um dich herum geschieht, ganz persönlich nimmst und auf dich beziehst. Aber du kannst mir vertrauen: Es geht niemals um dich.“

„Das verstehe ich ja“, sagte ich. „Ganz ehrlich. Aber ich kapiere nicht, wieso du mich nicht mitnehmen willst.“

Sie griff nach der Reisetasche. „Weil du auch eine wichtige Mission zu erfüllen hast.“

„Ein Wochenende mit einem Haufen Prüfungen.“ Ich wandte den Blick ab. „Tolle Mission.“

„Vielleicht schneidest du ja gut ab. Und was bekommt der Sieger?“

„Ein Stipendium“, murrte ich. „Prima.“

Sie lachte. „Begleitest du mich noch zum Wagen, mein Junge?“

Ich ging mit ihr zu dem kleinen Park mitten im Ort, stellte mich neben Dawkins und Bentley und sah zu, wie sie ...

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