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Der Bund der Wächter, Band 1: Feuerzeichen

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Ich war’s nicht. Ich habe unser Haus nicht angezündet.

Normalerweise wäre ich nicht einmal da gewesen, sondern in der Schule. Aber die hatten mich wegen meines Fiebers nach Hause geschickt.

Ich hatte mich also hingelegt, um ein bisschen zu schlafen. Und das Nächste, woran ich mich erinnern kann, waren die Flammen, die unter meiner Zimmertür hindurchzüngelten, und der weiße Rauch, der immer dichter wurde.

Sekunden später stand ich auf dem Mauervorsprung vor meinem Fenster im zweiten Stock, dicht an die Hauswand gedrückt.

Ich ärgerte mich, dass ich mir nichts übergezogen hatte. Es schneite heftig und das Mauerwerk war glitschig. Die Fassade unter mir brannte lichterloh, aus den Fenstern leckten gierige Feuerzungen.

Also entschied ich mich für die andere Richtung: nach oben.

Im Schneesturm an einer brennenden Häuserfassade hochzuklettern, und das auch noch barfuß und im Schlafanzug, gehört nicht gerade zu meinen liebsten Freizeitbeschäftigungen. Aber manchmal hat man eben keine andere Wahl.

Irgendwann war ich am Dachrand angelangt und konnte mich über die Kante ziehen.

Endlich in Sicherheit, dachte ich.

Das geteerte Dach fühlte sich angenehm warm an. Wie gerne hätte ich mich hingelegt und einfach weitergeschlafen.

Es ist warm – mitten in einem Schneesturm?

Schlagartig war ich hellwach. Und rannte los.

Kaum war ich auf das Nachbarhaus gesprungen, krachte unser Dach zusammen. Funken stoben in alle Richtungen, dann regnete es Schnee und Asche.

Während ich noch dastand und zusah, fragte ich mich, wie ich das Mom erklären sollte. Es kam mir alles so unwirklich vor – und das lag nicht nur am Fieber und dass ich einen angekokelten Schlafanzug trug. Sondern vielmehr daran, dass unser Haus das einzige in einer ganzen Reihe rotbrauner Sandsteinhäuser war, das Feuer gefangen hatte.

Vorsätzliche Brandstiftung sagten die Ermittler später, doch das war nur eine Vermutung. Ein Beweis wurde nie gefunden. Aber es konnte sich auch niemand vorstellen, weshalb wir – meine Eltern oder ich – unser eigenes Haus hätten abfackeln sollen. Darum gab die Polizei nach einer Weile auf und tat das Ganze als unerklärlichen Unfall ab.

Wir zogen in ein anderes Haus in einem anderen Bundesstaat. Ich kam auf eine neue Schule mit neuen Mitschülern, die mich nicht ständig dumm anmachten und Feuerteufel nannten.

Damals dachte ich, ich hätte den schlimmsten Augenblick meines Lebens bereits überstanden. Dass es nichts gab, was auch nur annähernd so schrecklich sein könnte wie dieser eine Tag.

Aber da habe ich mich getäuscht. Und zwar gewaltig.

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Nennt mich Ronan. Das ist mein zweiter Vorname. Mein erster lautet Evelyn und mein Nachname Strongheart, und das ist, man kann es nicht anders sagen, eine absolute Katastrophe. Ich bin nämlich ein Junge.

Meine Mom hat einen Onkel namens Evelyn, aber der kommt aus Großbritannien. Ich schätze, dort ist es völlig normal, einen Jungen so zu nennen.

Jedenfalls hatte dieser Onkel ein Haus an einem großen See im Norden von Michigan, mitten im Wald. Dort ist Mom, als sie neun Jahre alt war, gerne Kanu gefahren. Und nur deshalb hat sie mir diesen blöden Mädchennamen verpasst. Da fehlen einem die Worte, was?

Mein Name beschert mir jedenfalls viel Aufmerksamkeit. Als ich in den Kindergarten kam, war ich die Hänseleien schon gewöhnt. Später die Raufereien. Ich denke da zum Beispiel an Dennis Gault, der unbedingt meine Brotdose haben wollte.

„Gib her, Evelyn!“, forderte er.

Dennis war zwar nur ein Jahr älter als ich, aber er sah aus wie ein Riese, mit Fäusten so groß wie Honigmelonen.

Es war keine besondere Brotdose – bloß so ein billiges Dragon-Ball-Z-Teil –, aber ich war nicht bereit, sie kampflos rauszurücken.

„Nenn mich nicht Evelyn!“, erwiderte ich.

Eine Stunde später kam ich nach Hause, ohne Brotdose, aber dafür mit blutender Nase. Ich weiß nicht mehr, was ich von Mom erwartet hatte. Vielleicht, dass sie den Rektor anrief und sich beschwerte. Aber was tat sie? Sie meldete mich beim Judo an.

„Es wird Zeit, dass du lernst zu kämpfen.“

„Ich will aber gar nicht kämpfen!“

„Hör auf zu jammern. Das wird dir guttun.“

Damals war ich sechs.

Jetzt bin ich dreizehn und habe, weil meine Mom es so wollte, praktisch alle Kampfsportarten gelernt: von Aikido über Judo bis hin zu Krav Maga und Kendo. (Kendo ist eine japanische Kampfkunst, bei der man seinen Gegner mit einem langen Stock verprügelt. Das macht Spaß, aber nur so lange, bis der Gegner anfängt, sich zu wehren.)

Doch Mom hat mich nicht nur in alle möglichen Selbstverteidigungskurse gesteckt. Sie hat mich auch zum Swingtanzen angemeldet, zum Reiten, zum Überlebenstraining in der Wildnis und und und. Na ja, sie sorgt jedenfalls dafür, dass mir nie langweilig wird.

Dank all dieser Kurse kann ich mich mittlerweile ziemlich gut wehren. Zumindest legt sich jetzt keiner mehr mit mir an. Oder nennt mich Evelyn.

Überhaupt sprechen die Leute nur selten mit mir. Ich habe hier nicht viele Freunde. Als wir nach Connecticut gezogen sind, hatten die anderen Kinder längst ihre Freundschaften geschlossen. Und natürlich war es auch nicht besonders hilfreich, dass ich nach der Schule immer gleich losmusste, um einen meiner merkwürdigen Kurse zu besuchen: ob Fechten, Metallarbeiten oder Kunstturnen …

Ich meine, stellt euch mal vor, ihr müsst eurem neuen potenziellen Freund erklären, dass ihr keine Zeit habt, mit ihm abzuhängen und Playstation 3 zu spielen, weil ihr – in einen hautengen Gymnastikanzug gequetscht – an eurem Abgang vom Barren arbeiten sollt. Da ist doch klar, dass ihr bald gar nicht mehr eingeladen werdet, oder?

An dem Nachmittag, an dem alles begann, wollte ich zum Turnen. Die Schule war aus und in den Fluren war jede Menge los. Ich stand vor meinem Spind und hörte, wie die anderen in meiner Nähe über eine Pool-Party sprachen, die irgendein beliebter Achtklässler an diesem Wochenende schmeißen wollte. Er hatte fast alle eingeladen. Mich nicht.

Ich stopfte gerade mein Mathebuch zum Gymnastikanzug in den Rucksack, da trat Nathan Romaneck neben mich und fragte: „Gehst du am Samstag auch zu Cassie?“

Nathan war in meinem Förderkurs für leistungsstarke Schüler und ein ziemlicher Langweiler. Mit seiner Igelfrisur und den alten T-Shirts sah er aus wie acht, aber er war einer der wenigen Jungs, die ich wenigstens ansatzweise als Freund bezeichnen konnte.

„Hab meine Einladung verloren.“

„Ich hab auch keine gekriegt.“ Nathan zuckte mit den Schultern. „Aber ich gehe trotzdem hin. Bei den vielen Leuten fallen wir gar nicht auf.“

„Ich würde wirklich wahnsinnig gerne mitkommen, aber ich habe …“

„… Trapez-Training oder sonst irgendwas“, fiel er mir ins Wort. „Und am Sonntagmorgen dann Fechten. Ich weiß schon: Du musst tun, was deine Mom sagt, damit du an ein gutes College kommst.“

„Stimmt doch gar nicht“, widersprach ich. Aber wir wussten beide, dass er Recht hatte. Ohne Gnade sorgte Mom dafür, dass ich viel zu viele Termine hatte.

Ich war zwar nicht begeistert darüber, aber es machte mir auch nicht allzu viel aus. Wenn man immer etwas zu tun hat, ist es nicht so schlimm, ein Außenseiter zu sein.

Ich schloss meinen Spind ab und kämpfte mich durch die Schülermassen auf dem Hof.

Da hörte ich, wie jemand rief: „Evelyn Ronan Strongheart!“

Es gibt nur einen Menschen, der mich so nennt: Mom.

Sie lehnte an ihrem gelben VW-Käfer, der auf einem eindeutig beschilderten Lehrerparkplatz stand. Sie trug ein blaues Männerhemd mit hochgekrempelten Ärmeln und eine Jeans voller Farbflecken. Die langen schwarzen Haare waren zerzaust und zu einem Pferdeschwanz gebunden.

Mom sticht aus jeder Menschenmenge hervor. Das liegt hauptsächlich an ihrem intensiven, alles durchdringenden Blick: Wenn sie dich anschaut, hast du das Gefühl, die Sonne würde nur für dich scheinen.

„Bringst du mich zum Turnen?“, fragte ich, als ich auf sie zutrat.

Ich hatte nicht mit ihr gerechnet. Sie hatte eine volle Stelle als Museumskuratorin und normalerweise erst viel später Feierabend.

Ich warf meinen Rucksack auf den Rücksitz und stieg ein. „Ich kann auch zu Fuß gehen, das macht mir nichts aus.“

„Spezialbehandlung“, sagte sie und blickte rasch nach rechts und links.

Ich tat es ihr nach, aber da war nichts Besonderes zu sehen. Nur Hunderte von Kindern, die sich lärmend nach draußen schoben, und eine Reihe gelber Schulbusse, die an der Haltestelle im Leerlauf vor sich hin tuckerten.

„Schnall dich an, Schätzchen!“, sagte Mom. „Wir haben es wahnsinnig eilig.“

Kaum hatte ich die Tür zugezogen, raste sie schon los. Nach ein paar scharfen Kurven jagten wir an der Rückseite der Schule entlang, dann durch das Tal zur Innenstadt.

„Turnen ist in der anderen Richtung. Und fährst du nicht ein bisschen zu schnell?“

„Vielen Dank für den Hinweis, doch du gehst heute nicht zum Turnen.“ Während Mom Auto um Auto überholte, huschte ihr Blick immer wieder zum Rückspiegel.

„Super!“ Mann, war ich froh, heute nicht in die engen Klamotten schlüpfen zu müssen. „Aber … wieso?“

Da sah ich etwas Neues in ihrem Gesicht: Angst. Mom hatte die Lippen fest zusammengepresst und eine tiefe Falte zwischen den Augenbrauen.

„Was ist los?“

„Festhalten!“, rief sie statt einer Antwort und trat auf die Bremse. Plötzlich riss sie das Lenkrad nach links. Die Reifen quietschten bedrohlich und die Welt draußen drehte sich um hundertachtzig Grad.

Mir war, als müsste ich mich jeden Moment übergeben.

Jetzt blickten wir genau in die entgegengesetzte Richtung. In eine Einbahnstraße.

„Das …“, sagte sie, während sie das Gaspedal durchtrat und auf die uns entgegenkommenden Autos zuraste, „war ein Powerslide. Eines Tages zeige ich dir, wie man das macht.“

„Mom!“, brüllte ich. „Was soll das?“

„Ich versuche, unsere Verfolger abzuhängen.“

Sie biss sich auf die Unterlippe und beugte sich leicht nach vorne. Mit einem Affenzahn umkurvte sie einen laut hupenden Mülllaster. Dahinter tauchten zwei dunkelrote Geländewagen auf. Sie fuhren direkt nebeneinander und nahmen beide Fahrspuren ein.

„Und das …“, sagte Mom, während sie aufs Gas trat und die beiden Geländewagen ins Visier nahm, „ist das Angsthasenspiel.“

Im letzten Augenblick wichen die Geländewagen auf die Bürgersteige aus und donnerten links und rechts an uns vorbei.

Ich warf einen Blick nach hinten und stellte fest, dass sie wendeten.

„Warum sind die hinter dir her?“, fragte ich.

„Hinter uns, Schätzchen.“ Sie drückte mir den Arm. „Die sind hinter uns her, weil sie uns gefangen nehmen und wahrscheinlich auch töten wollen. Aber das werde ich nicht zulassen.“

„Ach, hör doch auf, Mom!“ Ich lachte. Das konnte nur ein schlechter Scherz sein. „Die wollen uns töten?“

Doch ihr kurzer Seitenblick sagte mir, dass sie es ernst meinte.

Sie überfuhr eine rote Ampel – noch mehr Hupen, noch mehr quietschende Reifen – und lenkte den Wagen dann scharf nach links in die Einfahrt des Brickman Naturreservats. Letzten Herbst hatte sie mich hierher zu einem ziemlich anspruchsvollen Baumkletterwettkampf geschickt.

Dicht über das Lenkrad gebeugt, preschte sie über die landschaftlich wunderschöne Straße, die sich durch schattige Wälder bergauf schlängelte.

„Das ist eine Sackgasse“, erinnerte ich sie.

Hinter uns spiegelte sich die Sonne in einer Windschutzscheibe – die roten Geländewagen verfolgten uns.

Auf dem winzigen Parkplatz am Gipfel des Hügels angekommen, fuhr Mom an den Straßenrand und legte den Leerlauf ein. Der Motor lief weiter. Unter uns breitete sich eine wellige Graslandschaft aus, und in nebeliger Ferne war die Innenstadt von Stanhope zu erkennen.

Der Park war voller Fahrradfahrer, Leuten, die ihre Hunde ausführten, und spielenden Kindern. Von der Mitte des Hügels aus führte eine lange Betontreppe hinab zu einem anderen Parkplatz und einem kleinen See. Hier und da glitzerte das Wasser im Sonnenlicht.

Durch die geöffneten Fenster des Käfers hörten wir die röhrenden Motoren der Geländewagen, die hinter uns den Hügel hinaufrasten. Es gab nur eine Straße, die von hier wegführte: den Weg, den wir gekommen waren. Wir saßen in der Falle.

„Kannst du mir vielleicht mal verraten, was hier los ist?“ Ich legte die Hand an den Türgriff.

„Wir nehmen die Treppe. Halt dich gut fest, Schätzchen!“

Ich schrie, als wir vom obersten Treppenabsatz ins Leere schossen. Der Motor heulte laut auf, als die Räder den Asphalt hinter sich ließen, und ich spürte, wie ich aus dem Sitz gehoben und in den Sicherheitsgurt gedrückt wurde. Ich sah einen v-förmigen Vogelschwarm am blauen Himmel vorbeiziehen, dann krachte das Auto auf die Stufen.

Die Türen schrappten am Geländer entlang, die Seitenspiegel flogen ab. Als die Airbags aufplatzten, wurde ich auf meinen Sitz zurückgedrückt.

Trotzdem schaffte es Mom irgendwie weiterzufahren. Sie griff um den Airbag herum, bediente Schaltung und Gas und ließ den Käfer ruckend die Stufen hinunterhüpfen.

Auf dem Absatz in der Mitte der Treppe wurden wir langsamer. Die Airbags hatten zwar ein wenig Luft verloren, aber jetzt war der gesamte Innenraum des Autos – einschließlich meiner Mom und mir – mit einer pudrigen grauen Staubschicht überzogen. Es roch stark nach Gummi.

„Bist du verrückt geworden?“, fragte ich hustend. „Können wir nicht mal stehen bleiben und uns unterhalten?“

Aber schon ging es weiter. Begleitet von grässlichen Kratzgeräuschen, rumpelten wir den zweiten Teil der Treppe hinab.

Die ganze Zeit über drückte Mom auf die Hupe – als hätte irgendjemand das Auto überhören können, das da lautstark die Treppe heruntergepoltert kam.

Durch die Windschutzscheibe sah ich, wie die Leute über das Geländer hechteten und sich schreiend in Sicherheit brachten.

Endlich landeten wir mit einem ohrenbetäubenden Rums! am Fuß der Treppe.

Mom hielt den Wagen an. „Alles in Ordnung, Schätzchen?“ Sie tätschelte mir die Schulter und strich mir über das Gesicht. „Nun sag doch was!“

„Ja, alles okay.“

Ich wischte mir mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn und beugte mich aus dem Fenster. Die Seiten des Käfers waren stark eingedellt und unter der Motorhaube quoll Dampf hervor. Der Motor gab ein leises Ticken von sich, während sich unter dem Wagen eine Flüssigkeit ausbreitete.

„Mom, was soll das?“, schimpfte ich. „Du hättest uns fast umgebracht!“

Doch sie hatte den Kopf abgewandt und starrte nach oben, die Treppe hinauf.

Auf dem Hügel hob sich ein roter Geländewagen deutlich vom strahlend blauen Himmel ab. Er hatte dasselbe probiert wie wir, war aber stecken geblieben. Der zweite Wagen stand daneben, den Kühlergrill an das Geländer gedrückt. Fünf Männer und eine Frau, alle in dunkelblauen Anzügen, beobachteten uns.

„Was sind das für Leute?“, wollte ich wissen.

„Böse Menschen“, erwiderte Mom. „Das ist kompliziert zu erklären.“ Sie klang erstaunlich ruhig, aber als sie den Gang einlegte, zitterte ihre Hand. „Irgendjemand hat das Haus verwüstet … nach etwas gesucht … und jetzt ist dein Dad … verschwunden.“

Das war das letzte, das entscheidende Puzzlestück, das mich endgültig davon überzeugte, dass Mom unter Wahnvorstellungen litt.

Sie behauptete, wir würden von Leuten verfolgt werden, die uns töten wollten. Na gut. Sie riskierte unser Leben und schrottete den Käfer. Okay. Aber mein Vater – mein stiller, geistesabwesender Dad, der als Revisor (was auch immer das sein soll) in einem multinationalen Konzern arbeitete – sollte das Opfer einer Entführung sein? Niemals!

„Wer sollte Dad denn entführen wollen?“, fragte ich. „Er ist doch bloß so eine Art Buchhalter.“

Sie gab keine Antwort. Schweigend folgten wir dem breiten, betonierten Fußweg, der sich am Ufer des Sees entlang bis zum Parkplatz auf der anderen Seite schlängelte.

„Vielleicht hat er das Haus verwüstet“, sagte ich schließlich. „Vielleicht hat Dad irgendwas gesucht und dann halt nicht aufgeräumt. Hast du daran schon mal gedacht?“

„Ja, daran habe ich sehr wohl gedacht“, zischte Mom in ihrem Ender-Diskussion-Tonfall. „Es gibt da ein paar Dinge, die du wissen musst.“

Sie hupte eine rothaarige Frau mit Kinderwagen an, die hastig den Weg verließ. „Erstens, die Wahrheit über mich: Ich gehöre zu einer Gruppe, die sich die ‚Wächter des Lichts‘ nennt. Wir beschützen bestimmte Menschen vor den Bösen.“ Sie atmete lautstark aus. „Das ist das Wichtigste. Ich gehöre zu den Guten, Ronan. Und du auch.“

„Wächter des Lichts?“, wiederholte ich. „Weiß Dad darüber Bescheid?“

Mom bremste und ich wurde in meinen Sicherheitsgurt geschleudert. Der Wagen kam quietschend zum Stehen.

„Vielleicht“, sagte sie seufzend. „Vielleicht weiß er Bescheid.“

Mittlerweile waren wir bei dem kleinen Parkplatz angelangt. Er war leer bis auf einen Streifenwagen der Polizei, der quer vor der Ausfahrt stand. Die blau-roten Blinklichter auf dem Dach drehten sich. Ein Mann und eine Frau knieten hinter der Motorhaube.

Sie hatten ihre Pistolen gezogen. Und zielten genau auf uns.

Mom griff hinter sich und suchte etwas auf der Rückbank. Als sie den Arm wieder nach vorne zog, hielt sie einen langen, dunklen Gegenstand in der Hand: eine Art Schwert, das in einer ungewöhnlichen Lederscheide steckte.

„Was ist das?“, fragte ich, obwohl ich die Antwort bereits kannte. Schließlich nehme ich seit der vierten Klasse Fechtunterricht.

Auf dem Rücksitz lag eine große, offene Sporttasche voller Schwerter und anderer Dinge, die ziemlich gefährlich aussahen. Und ein blauer Koffer. Mein blauer Koffer.

„Buschmesser.“ Sie schloss die Augen und flüsterte ein paar unverständliche Worte vor sich hin.

„Mom, das sind Polizisten. Mit Pistolen.“

Meine Mom legte mir die Hand auf den Arm. „Schätzchen, das sind keine echten Polizisten.“

Also, für mich sahen die ziemlich echt aus. Sicher, es war schon ein bisschen seltsam, dass sie keine Uniform trugen. Und keine Mütze. Ich konnte sie hinter dem Streifenwagen nicht gut erkennen, aber die Frau hatte kurze braune Haare und der Mann eine Glatze.

„Zweitens …“, stieß Mom wütend hervor, „sind die Leute oftmals nicht das, was sie zu sein vorgeben. Die beiden da drüben?“ Sie nickte zu dem Polizeiauto hinüber, stieß die Fahrertür des Käfers auf und zog das Buschmesser aus der Scheide. Die Klinge gab einen hübschen, metallischen Ton von sich. „Das sind Killer. Wenn du überleben willst, merk dir eins: Vertraue niemandem!“

„Geht klar.“ Im Stillen dachte ich, dass ich vor allem ihr nicht trauen sollte.

„Bleib im Auto und behalt den Kopf unten, Schätzchen. Kann sein, dass es gleich Patronen hagelt.“

Und dann rannte Mom über den Parkplatz und schwang das Buschmesser.

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Mom rannte geradewegs auf das Polizeiauto zu. Die Klinge des Buschmessers glänzte blau, als hätte sie das Licht des Mondes in sich gespeichert. Und jede Bewegung der Messerspitze hinterließ einen grellen Lichtbogen in der Luft.

Doch das war nicht der Grund dafür, dass mir der Mund vor Staunen weit offen stand.

Meine Mutter rannte nicht, sie verschwamm. Im einen Augenblick waren ihre Beine noch sichtbar, im nächsten sah ich nur noch Farbstreifen über den Asphalt sausen. Innerhalb eines Atemzuges hatte sie die Entfernung zwischen sich und dem Polizeiauto halbiert. Kein normaler Mensch kann sich so schnell bewegen.

Trotzdem war sie nicht schnell genug. Noch bevor sie die Polizisten erreicht hatte, schossen Lichtblitze aus den Pistolen.

Mom ließ sich davon nicht aufhalten. Sie schwang ihr Buschmesser, bis sie von einem silbern leuchtenden Lichthof umgeben war, dann ertönte ein schrecklich lautes, metallisches Kloing!

Mit einem Satz war sie in der Luft und flog gut fünfzehn Meter weit. Im Flug duckte sie sich und schlug einen Salto. Als sie die Drehung vollendet hatte, fuhr sie das rechte Bein aus und traf den Glatzkopf mit dem Fuß an der Schläfe. Er ging zu Boden.

Sie landete in der Hocke auf der Motorhaube des Streifenwagens. Es sah ganz leicht aus. Die Spitze ihres Messers war auf den Hals der Frau gerichtet.

Moms Gegnerin ließ die Pistole fallen und nahm die Hände hoch.

Ich krabbelte aus dem Käfer. Als ich beim Polizeiauto ankam, hatte Mom die Frau und ihren bewusstlosen Partner bereits mit Handschellen an das rostige Gittertor des Parkplatzes gekettet.

„Du wirst brennen!“, zischte die Frau, während Mom die Taschen des Bewusstlosen durchsuchte.

Aus der Nähe betrachtet sahen die Frau und ihr Partner eindeutig nicht wie Polizisten aus. Sie trugen dunkle Anzüge wie Geheimagenten, und auf dem linken Handgelenk hatten beide die gleiche Tätowierung: ein weit geöffnetes Auge.

„Hübsches Tattoo“, sagte ich.

Mom hob ruckartig den Kopf. „Ronan! Ich hab dir doch gesagt, du sollst im Auto bleiben!“

Die Frau schlug mit der Hand auf den Boden und versuchte krampfhaft, eines der beiden langen Schwerter zu erwischen, die in gewebten Scheiden neben dem Auto lagen.

Als Mom die Waffen mit einem Fußtritt außer Reichweite kickte, spie ihr die Frau entgegen: „Brennen wirst du!“

„Du wiederholst dich.“ Mom wandte sich mir zu. „Schätzchen, hol deine Sachen.“

Ich rannte zum Käfer, schlang mir den Rucksack über die Schulter, schnappte meinen Koffer und die Tasche mit den Waffen. Dann rannte ich wieder zurück.

Mom warf unsere Sachen in den Kofferraum des Streifenwagens. Anschließend schleuderte sie ihren eigenen Autoschlüssel weit von sich. Er landete irgendwo zwischen den Bäumen.

Mom und ich stiegen in den Polizeiwagen.

„Ronan, schau bitte mal, wie die Sirene angeht.“

„Du willst ein Polizeiauto klauen? Ist das dein Ernst?“, schrie ich entsetzt. „Verdammt noch mal, was soll das alles?“

Mom lächelte und schob mir die Haare aus der Stirn, dann ließ sie den Streifenwagen in Richtung Ausfahrt rollen. „Sei so lieb und schnall dich an, ja? Außerdem: Verdammt sagt man nicht. Das gehört sich nicht für einen jungen Mann.“

Die Sirene verschaffte uns jede Menge Aufmerksamkeit. Autos schlingerten kreuz und quer über die Straße, um uns Platz zu machen, und blieben am Straßenrand stehen, bis wir vorbeigerast waren.

Mit hundert Sachen brachte Mom uns aus dem Park heraus und über den Fluss in die Innenstadt von Stanhope.

Das hätte alles ziemlich viel Spaß machen können, wenn nicht gerade eben erst ein paar Leute versucht hätten, uns umzubringen.

All meine Zweifel diesbezüglich hatten sich in Luft aufgelöst, als Mom die beiden falschen Polizisten im Park ausgeschaltet hatte.

Ich musterte ihr Gesicht und suchte darin nach … ich weiß auch nicht. Nach irgendeinem Hinweis, dass sie schon immer ein Doppelleben geführt hatte, in dem sie Polizeiautos klaute, Bösewichte besiegte und zu einer Geheimgesellschaft namens die Wächter des Lichts gehörte.

Aber außer meiner guten alten Mom konnte ich nichts entdecken.

Sie warf einen Blick in den Rückspiegel. „Mist!“

„Was ist denn?“

„Sie wissen, dass wir das Auto gewechselt haben.“ Mom riss das Lenkrad herum. Der Streifenwagen vollführte eine perfekte Neunzig-Grad-Drehung, bevor er in eine schmale Straße zwischen zwei Hochhäusern bretterte.

Wir rumpelten durch diese und die nächste Straße, bis wir eine verschlafene Gegend erreichten. Die Häuser hatten Glasfassaden und auf den Bürgersteigen waren nur wenige Menschen zu sehen.

„Ist Dad …? Die tun ihm doch nichts an, oder?“ Das war nicht fair. Dad war vollkommen harmlos.

Er gehörte zu der Sorte von Männern, die sich nur im Anzug wohlfühlten. Er trug eine Streberbrille und einen noch strebermäßigeren Bart. Den hatte er sich wachsen lassen, als er langsam eine Glatze bekam. Er arbeitete viel – so viel, dass er im Lauf der letzten Jahre praktisch vollständig mit seinem Job verschmolzen war. Seit unserem Umzug nach Connecticut hatte ich ihn kaum noch zu Gesicht bekommen.

„Ihm wird nichts passieren, Schätzchen – bevor sie ihm etwas antun können, spüre ich sie auf und setze diesem ganzen Spuk ein Ende.“

„Ich komme mit!“, entschied ich. „Ich kann mit Schwertern umgehen. Schließlich hast du mich zum Fechttraining gezwungen!“

Und mit einem Mal ergaben all die Jahre voller Kurse und Hobbys einen Sinn. Mom hatte immer gesagt, dass sie wichtig seien, zur Abrundung meiner Persönlichkeit. Damit ich die Chance hätte, auf ein gutes College zu kommen. Aber in Wirklichkeit waren es Vorbereitungen auf einen Tag wie diesen gewesen.

Mom lächelte. „Leider kannst du mir in diesem Fall nicht helfen. Ich muss das alleine erledigen – und das schaffe ich nur, wenn ich weiß, dass du in Sicherheit bist. Darum werde ich dich jetzt zum Bahnhof bringen.“ Sie bog in eine Nebenstraße ab, raste durch eine vermüllte Gasse und ließ den Wagen schließlich in eine Tiefgarage rollen.

Noch bevor sich meine Augen an die düstere Umgebung gewöhnen konnten, hatte Mom den Wagen schon in einer Ecke hinter der Rampe abgestellt.

„In der obersten Tasche deines Koffers steckt eine Fahrkarte für den Zug um 15.41 Uhr nach Washington, D.C. Den musst du unbedingt bekommen. Deine Eskorte erwartet dich dort.“

„Eskorte?“ Mir ging das alles zu schnell. „Wer?“

Sie biss sich auf die Lippe. „Einer der Wächter. Ich hatte nicht genug Zeit, in Erfahrung zu bringen, wer genau.“ Sie rüttelte mich sanft an der Schulter. „Pass auf: Du erkennst die Eskorte daran, dass er dir die exakte Uhrzeit nennen kann, wenn du ihn danach fragst.“

„Die Uhrzeit? Mom, die kann mir doch jeder sagen, wenn ich mich halbwegs höflich anstelle.“

„Aber nur deine Eskorte weiß, dass es zwölf Minuten vor Mitternacht ist.“ Mom deutete auf eine Tür, die ins Treppenhaus führte. Sie war in der Dunkelheit kaum zu erkennen. „Du gehst die Treppe rauf, und dann sind es bloß noch ein paar Querstraßen bis zum Bahnhof. Nicht trödeln.“

„Du lässt mich einfach hier stehen?“

Sie nahm mein Gesicht in beide Hände und sah mir fest in die Augen. Ich konnte sehen, dass sie Angst hatte – nicht vor den Leuten, die uns auf den Fersen waren, sondern um mich.

„Jemand muss sie von dir ablenken – und das ist meine Aufgabe. Ich melde mich bald wieder, versprochen.“ Sie zog mich an sich und drückte mich so fest, dass mir beinahe die Rippen brachen. „Ich weiß, dass ich das viel zu selten sage, aber ich liebe dich sehr, Ronan.“

Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen schossen, und ganz kurz dachte ich, sie würde mich nie wieder loslassen. Doch dann schob sie mich weg und wischte sich mit dem Handrücken die Nase ab. „Jetzt steig aus und tu, was ich dir gesagt habe.“

„Warte …“

„Nein, du musst diesen Zug kriegen.“

Als ich mich immer noch nicht von der Stelle rührte, sagte sie: „Schätzchen, bitte.“

Also schnappte ich mir meinen Rucksack, hob den Koffer aus dem Wagen und zog ihn am Griff zur Treppe. An der Tür drehte ich mich noch einmal um.

Mom lächelte mich an. Obwohl es ziemlich dunkel war, konnte ich die glänzenden Tränenspuren auf ihren Wangen deutlich erkennen. Dann gab sie Gas und fuhr zur Ausfahrt hinaus.

In diesem Augenblick wusste ich, dass das alles wirklich passiert war. Und dass ich womöglich weder meine Mutter noch meinen Vater jemals wiedersehen würde.

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Bis zum Bahnhof waren es nur ein paar Hundert Meter. Auf den Bürgersteigen tummelten sich Geschäftsleute, Mütter mit Kindern und alte Menschen, die anscheinend nichts weiter zu tun hatten, als das schöne Wetter zu genießen. Alles sah total normal aus.

So lange, bis nur noch eine Straße zwischen dem Bahnhof und mir lag. In diesem Augenblick fuhr ein roter Geländewagen an mir vorbei.

Ich blieb wie erstarrt stehen. Da rempelte mich ein Typ an.

„Oh, Entschuldigung, alter Freund“, sagte er.

Er war jung, vielleicht achtzehn, und so dürr, dass ihm die braune Lederjacke um die Schultern schlotterte. Sein Gürtel konnte die schwarze Jeans nur mit Mühe auf den schmalen Hüften halten.

Unter der Jacke trug er ein schmutziges rotes T-Shirt. Darauf war eine müde aussehende Katze mit einem riesigen Kaffeebecher abgebildet, und dazu die Worte: SCHLAFEN KANN ICH, WENN ICH TOT BIN.

Er schob sich die struppigen blonden Haare hinter die Ohren, lächelte mich flüchtig an und sagte: „Beeil dich mal lieber. Du willst doch nicht deinen Zug verpassen, oder?“ Dann lief er über die Kreuzung und verschwand im Bahnhof.

Ich holte tief Luft, überquerte die Straße und folgte ihm ins Innere.

Der Hauptbahnhof von Stanhope sieht aus wie viele andere Bahnhöfe an der Ostküste: riesig und eindrucksvoll und irgendwie auch ein bisschen heruntergekommen.

Mächtige Säulen stützen das hohe Deckengewölbe, und das gelbgraue Licht, das durch die großen Rundbogenfenster hereinfällt, lässt den Marmorfußboden spiegelglatt wirken, wie in einem Palast.

Man sieht gleich, dass Züge früher einmal etwas ganz Besonderes waren. Heute jedoch stinken die Bahnhöfe nach Staub und Reinigungsmitteln, die Holzbänke sehen alt und unbequem aus und das ohrenbetäubend laute Stimmengewirr hört sich an wie das Echo all der Leute, die jemals hier durchgekommen sind. Da kann man schon mal ein bisschen Angst kriegen, vor allem dann, wenn man sowieso schon Angst hat. Und ich machte mir vor Angst fast in die Hose.

Ich zog meinen Koffer zu einer der Bänke und setzte mich hin. Dann suchte ich in der obersten Tasche nach meinem Ticket.

Und tatsächlich: Ich fand dort eine einfache Fahrkarte nach Washington, dazu einen cremefarbenen Briefumschlag. Darauf stand in der Handschrift meiner Mutter:

Gib das deiner Eskorte.
Pass gut darauf auf.
Es ist sehr wertvoll.
Ich liebe dich.
Mom

Im Umschlag lag etwas Schweres.

Ich machte ihn auf und ließ eine Glasscheibe in meine Handfläche gleiten. Sie hatte einen violetten Schimmer und war ungefähr so groß und so dick wie ein Cracker, umrandet von einem gewundenen, stark angelaufenen Silberrahmen. An einer Seite befand sich ein kleiner Metallring.

Ich hielt mir die Scheibe vors Auge. Die Menschen waren jetzt nur noch als dunkle Schatten zu erkennen und das Licht schlug kleine Wellen, wie ein Ölfilm auf der Wasseroberfläche.

Ich nahm die Scheibe wieder herunter und warf einen Blick auf die riesige antike Uhr über dem Fahrkartenschalter: 15.27 Uhr. Noch vierzehn Minuten bis zur Abfahrt meines Zuges.

Ich schob die Linse in den Briefumschlag zurück und steckte ihn in meine Jeanstasche. Anschließend holte ich mein Handy aus dem Rucksack und schaltete es ein.

Es fing sofort an, wie verrückt zu piepen. Mom hatte, während ich in der Schule war, immer wieder versucht, mich anzurufen, und mir ein Dutzend SMS geschickt. Und jede klang noch beunruhigender als die vorherige.

Zum Beispiel: RUF MICH AN, WENN DU DAS LIEST!

Oder: GEH NICHT NACH HAUSE! DAS IST SEHR WICHTIG!!!

Und schließlich die letzte SMS, die mir am meisten Angst einjagte: VERTRAUE NIEMANDEM!

Das alles brachte mich so durcheinander, dass ich die Frau fast nicht bemerkt hätte. Obwohl sie am anderen Ende der riesigen Wartezone stand, war klar, dass sie mich anstarrte.

Sie war groß und blond und mit ihrem frisch gebügelten dunkelblauen Anzug, dem blitzsauberen weißen Hemd und den flachen schwarzen Schuhen – vernünftige Schuhe, wie Mom immer sagt – sah sie wie eine Büroangestellte aus.

Ihr Anblick jagte mir einen Schauer über den Rücken, aber es dauerte einen Moment, bis ich begriff, warum: Sie schaute keine Sekunde zur Seite. Schien nicht einmal zu blinzeln, auch wenn das auf die Entfernung natürlich schwer zu erkennen war.

Sehr seltsam.

Während ich aufstand und so tat, als würde ich mich für die riesige Anzeigetafel mit den Abfahrtszeiten interessieren, hielt sie sich ein Handy ans Ohr.

Natürlich war sie nicht allein.

Vor dem lang gestreckten Fahrkartenschalter standen zwei Männer, die die gleichen Anzüge trugen. Jetzt kamen sie mit steifen Bewegungen auf mich zu. Von der anderen Seite, dem Torbogen, der zu den Gleisen führte, tauchten ebenfalls zwei Anzugträger auf. Der nächste trat von der Straße herein.

Die sechs schlenderten in meine Richtung, als wäre es reiner Zufall, dass sie ausgerechnet meine Bank ansteuerten.

Panik schnürte mir die Brust zusammen. Mom ging fest davon aus, dass ich mich in diesen Zug setzte, und ich war nicht weiter gekommen als in die Bahnhofshalle.

Ich konnte weder an den Männern vorbei zu den Gleisen laufen noch zurück auf die Straße. Nicht einmal bis zu dem Wachmann am Ende des Fahrkartenschalters würde ich es schaffen.

„Tut mir leid, Mom“, flüsterte ich.

Die fünf Männer blieben in etwa sieben Meter Entfernung stehen. Sie bildeten einen Halbkreis und machten damit jede Hoffnung auf ein Entkommen zunichte.

Die blonde Frau, eindeutig die Chefin, kam direkt auf mich zu.

„Evelyn Ronan Strongheart“, sagte sie. „Du kannst nicht mehr fliehen. Nirgendwohin.“

Doch da lag sie falsch. Ich schnappte mir meine Sachen, drehte mich um und rannte zu dem einzigen Ort, an den sie mir nicht folgen konnte.

Ich quetschte mich mitsamt Koffer durch die Tür der Herrentoilette. An einem der vielen schmuddeligen Waschbecken stand ein alter Mann und wusch sich die Hände.

Ein Typ in einer blauen Latzhose stand in der Ecke, träge auf einen Wischmopp gestützt.

Ich zog meinen Koffer an den beiden vorbei und spähte um die Ecke. Vielleicht gab es dort ja noch einen zweiten Ausgang.

Aber ich hatte Pech.

Vor einer Wand mit Fenstern, die offenbar seit Jahren niemand mehr geputzt hatte, standen ein überfüllter Mülleimer und acht grüne Toilettenkabinen.

Alle waren besetzt.

Oder fast alle. Ich zerrte meinen Koffer in die dritte Kabine, schob den Riegel vor und setzte mich hin.

Die Tür war mit uraltem Gekritzel übersät. An den oberen Rand hatte jemand mit einem silbernen Stift NICHT UMDREHN!! geschrieben.

Da fehlt ein Apostroph, dachte ich.

Die blonde Frau konnte nicht hier reinkommen, aber ihre fünf Handlanger schon. Würden sie es wirklich wagen, ein Kind aus einer Toilettenkabine zu zerren, während der Wischmopp-Mann sie beobachtete? Unwahrscheinlich. Vermutlich würden sie einfach den Ausgang bewachen und dafür sorgen, dass ich meinen Zug verpasste. Sie mussten nur abwarten. Schließlich konnte ich nicht ewig auf dem Klo sitzen bleiben.

Doch offensichtlich hatten sie keine Lust auf Geduldsspielchen. Die Eingangstür knallte auf und dann klackten Absätze über die harten Fliesen.

Vorsichtig zog ich den Koffer von der Kabinentür weg und versuchte krampfhaft, halbwegs ruhig weiterzuatmen.

Ein Paar schwarzer Schuhe ging langsam an meiner Kabine vorbei.

Ich hörte, wie an die letzte Tür in der Reihe geklopft wurde, gefolgt von einem empörten „Besetzt!“.

Noch ein paar Schritte, ein weiteres Klopfen und eine andere Männerstimme: „Ocupado!

Ich sah auf mein Handy. In vier Minuten ging mein Zug. Ich musste von hier verschwinden.

Wieder fiel mein Blick auf die Kabinentür. NICHT UMDREHN!! – Wieso eigentlich nicht?

Das Fenster über der Kloschüssel war aus Milchglas und nicht abgeschlossen. Leise öffnete ich den Fenstergriff und schob die Scheibe so weit wie möglich nach oben.

Eine frische Brise wehte herein. Vor dem Fenster verlief ein Gang für die Arbeiter, die zu den Gleisen wollten.

Der Fensterschlitz war zwar breit genug für mich, aber trotzdem würde es nicht einfach werden. Selbst wenn ich mich auf die Klobrille stellte, war der Sims noch auf Schulterhöhe. Ich musste also klettern, und dabei würde ich zwangsweise auch jede Menge Lärm machen.

Ich schob meinen Rucksack nach draußen und ließ ihn fallen. Jetzt klopfte es an die Kabinentür neben mir. Statt zu antworten, zog der Mann, der dort saß, die Spülung.

Ich hoffte inständig, dass das Geräusch laut genug war, um meine Flucht zu übertönen, machte die Augen zu und dachte an das Kunstturn-Training.

Ich weiß, ich weiß … Ich steckte in einer öffentlichen Toilette fest, wurde von einer Bande mysteriöser Gestalten gejagt und meine Eltern kämpften irgendwo gerade um ihr Leben. Warum sollte ich da ausgerechnet an Gymnastikanzüge und perfekte Abgänge oder gewagte Figuren am Barren denken?

Aber durch die vielen Trainingsstunden reagierte ich jetzt ganz automatisch. Ich brauchte mich nur auf meine Hände zu stützen und zu springen. Allerdings war meine Ausgangsposition sehr ungünstig. Ich stand immer noch auf dem Toilettensitz. Ich konnte mich doch niemals so kräftig abstoßen, wie es nötig gewesen wäre, um …

Da klopfte es an meine Tür.

Ich holte tief Luft, stellte mir vor, was ich zu tun hatte … und sprang einfach über den Sims nach draußen. Mühelos landete ich in dem schmalen Durchgang.

„So was hab ich ja noch nie gemacht“, flüsterte ich vor mich hin. Wenn das mein Trainer gesehen hätte!

Durch das Fenster hinter mir hörte ich es wieder klopfen.

„Evelyn“, sagte ein Mann. Seine Stimme klang völlig ausdruckslos. „Ich weiß, dass du da drin bist. Komm raus. Wir sind hier, um dir zu helfen.“

Ich zog mich am Fenstersims hoch und spähte zurück in die Toilette. Da sah ich meinen Koffer. Den hatte ich total vergessen.

„Eine Minute!“, rief ich. „Ach, und könnten Sie mir einen Gefallen tun? Nennen Sie mich nicht Evelyn!“

Plötzlich durchzuckte mich ein Gedanke. Vielleicht hatte ich ja alles durcheinandergebracht und das hier waren die Guten. Die Leute, die mich in Empfang nehmen sollten.

Ich räusperte mich. „He, wissen Sie vielleicht, wie spät es ist?“

Keine Antwort.

Dann rüttelte der Mann an der Tür und sagte: „So spät, dass du diese Tür aufmachen solltest, Evelyn. Wozu das Theater? Wir haben wichtige Informationen für dich. Über deinen Vater.“

Also doch nicht die Guten.

Nur noch zwei Minuten, dann ging mein Zug. Den Koffer konnte ich also vergessen. Gut, dass die Fahrkarte in meiner Hosentasche steckte.

Der Kerl trommelte jetzt so fest gegen die Tür, dass die ganze Kabine wackelte. „Du kommst da raus, und zwar sofort! Sonst holen wir dich!“

Da schimpfte eine Stimme: „Lassen Sie den Jungen sein Geschäft erledigen oder ich rufe den Sicherheitsdienst!“

Mir reichte es. Ich ließ mich wieder auf den Boden fallen, griff nach meinem Rucksack und rannte, so schnell ich konnte, zum Bahnsteig.

Es war einer dieser modernen Züge, die innen wie ein Raumschiff aussehen, mit Kunststoffwänden und Glastüren zwischen den Waggons, die sich zischend öffnen, wenn man auf einen Knopf drückt.

Ich ließ mich so gelassen wie möglich auf einen freien dunkelblauen Sitz mit Blick auf die hintere Tür plumpsen. So konnte ich sehen, wer nach mir in den Zug stieg.

Dann holte ich tief Luft. Ich zitterte. Auf meinem Handy war es 15.40 Uhr.

In der letzten Minute kamen noch alle möglichen Leute hereingestürmt, stolperten mit ihren Taschen und Koffern durch den Gang, suchten nach einem freien Platz, aber die blonde Frau aus dem Bahnhof war nicht dabei, genauso wenig wie ihre fünf Kumpels.

Endlich schlossen sich die Waggontüren. Eine Stimme vom Band begrüßte die neu zugestiegenen Fahrgäste und gab die fahrplanmäßige Abfahrt bekannt, dann setzte sich der Zug langsam in Bewegung.

Ich blickte hinaus, auf den Bahnsteig, der am Fenster vorbeizog, und versuchte, meinen Puls wieder unter Kontrolle zu bekommen. Ich war in Sicherheit. Ich hatte es geschafft.

Den Koffer, den Mom für mich gepackt hatte, hatte ich zwar zurückgelassen und in meinem Geldbeutel waren gerade noch zwölf Dollar, aber trotzdem: Handy, Rucksack und Fahrkarte waren noch da. Washington war nur wenige Stunden entfernt. Dort würde ich treffen, wen immer ich treffen sollte, und dann würde ich Antworten auf all meine Fragen bekommen.

Plötzlich sah ich einen der Typen im blauen Anzug. Er lief den Bahnsteig entlang. Dabei konnte er mit dem Tempo des Zuges mühelos mithalten. Er hätte eigentlich total fertig sein müssen, aber die schwarzen Haare saßen immer noch perfekt und sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos.

Er rannte neben einem der Zugfenster her, spähte ins Innere und beschleunigte dann, bis er das nächste Fenster erreicht hatte.

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