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Der Bote des Zarathustra

Einführung

I M P R E S S U M

Der Bote des Zarathustra

von Walter Gerten

© 2002 Walter Gerten.

Alle Rechte vorbehalten.

Autor: Walter Gerten

info@smg-gerten.de

Dieses E-Book, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt und darf ohne

Zustimmung des Autors nicht vervielfältigt, wieder verkauft oder weitergegeben werden

Text, Zeichnungen, Bilder und Fotos von Walter Gerten. © 2002 Walter Gerten

Der Autor:

Walter Gerten lebt seit vielen Jahren in der Südeifel und hat sich bei seinen Romanen von dieser Landschaft beeinflussen lassen. Ausnahmen sind „Monte Nudo“ und „Unterwegs mit Tom Kerouac“, welche in Norditalien bzw. Frankreich spielen.

Menschen abseits der üblichen Handlungsmuster, getrieben von tiefgreifenden emotionalen und rationalen Strömungen verlieren sich in existentiellen Verstrickungen, zumeist auf einer psychologisch-kriminalistischen Bühne, auf der sich die Beteiligten an ihren Grenzen bewegen und den Leser einbeziehen.

Weitere Romane:

Manfred Wilt und der Tote am Fluss

Manfred Wilt und die Rocker

Monte Nudo

Unterwegs mit Tom Kerouac

Das Buch:

Der Autor führt den Leser in die älteste Stadt Deutschlands, wo er eine lebenslustige Clique kennenlernt, die durch einen Mord aus ihrem gewohnten Leben gerissen wird.

Abseits des städtischen Treibens existiert eine Unterwelt verstörter, aus der Arbeitswelt gefallener Obdachloser, die in einen schlimmen Verdacht geraten. Der Protagonist, selbst ein merkwürdig schräger Sonderling, scheint im Zentrum der Verknüpfungen nicht wirklich zu wissen, wie er die drängenden Fragen der schicksalhaften Situation beantworten kann.

Prolog

1. Kapitel Das Archiv

2. Kapitel Freundinnen

3. Kapitel Offene Zimmer

4. Kapitel Wind in den Hecken

5. Kapitel Kartenspiel

6. Kapitel Geburtstagsfeier

7. Kapitel Mönch aus Stein

8. Kapitel Konfrontation

9. Kapitel Profilsuche

10. Kapitel Rocks in my Bed

11. Kapitel Das Pendel 1

12. Kapitel Unfall

13. Kapitel Muster

14. Kapitel Versöhnung

15. Kapitel Festnahme

16. Kapitel Betteln

17. Kapitel Der Nazi

18. Kapitel Kimono

19. Kapitel Asyl

20. Kapitel Pulsschlag

21. Kapitel Dilemma

22. Kapitel Lageplan

23. Kapitel Die Flucht

24. Kapitel Hängen geblieben

25. Kapitel Verfolgung

26. Kapitel Das Wrack

27. Kapitel Konferenz

28. Kapitel Pinguin

29. Kapitel Krank

30. Kapitel Der Antipode

31. Kapitel Die Maske

32. Kapitel Das Pendel 2

33. Kapitel Der Beweis

34. Kapitel Epilog

Quellennachweis

Prolog

Inga schreckte schweißgebadet auf. Sie schlug die dünne Decke zurück. Ihre Finger tasteten über die bebende Brust. Sie versuchte, sich in dem halbdunklen Zimmer zu orientieren. Endlich erkannte sie den Mann neben ihr an den kurzen blonden Haaren, es war Jens.

Einen Moment lang war sie versucht, ihn zu wecken, doch dann setzte sie sich auf und drehte sich in Richtung des Fensters. Sie stützte den Kopf in die Hände.

Noch immer griffen die Nachtmahre des Traumes nach ihr, versuchten, sie zurück zu ziehen. Sie schüttelte schaudernd den Kopf, stand auf und trat ans Fenster. Sie sah ihren nackten

Körper in der spiegelnden Scheibe; die braune Haut, die vollen Brüste, das schwarze Lederbändchen am Hals mit dem glitzernden Vogel aus Silber. Sie nahm ihn zwischen

Daumen und Zeigefinger, drehte ihn. Schwarze und weiße Federn. Sie ließ ihn sinken, als sie die vor Schreck geweiteten Augen ihres Spiegelbildes sah.

Woher konnte ein solcher Traum kommen? - Schuld? Wem gegenüber? Jens?

Sie sah über die Schulter zu ihrem schnarchenden Mann, lächelte. Ihre roten Locken kitzelten im Genick. Sie beugte den Kopf zurück, fühlte, wie die Haare die Wirbelsäule hinab glitten. Sie legte die Hände auf die kalte Fensterbank. Sie kühlte die Stirn am Glas. Ihr Becken berührte die Wand. Das Schamhaar genau an der Kante der Marmorplatte. Feuchtes Moos an kaltem Fels.

Sie stützte die Ellbogen auf die Fensterbank, ließ den Po langsam hin und her schaukeln. Der Traum war fast vergessen, - fast. Draußen setzte die Dämmerung ein. Im Osten hing feiner Dunst über Trier. Eine Elster schrie.

Sie ging zurück zum Bett, legte sich auf den Rücken, fühlte nach dem kleinen Vogel. Schwarz und weiß, - wie er, ihr großer Vogel. Sie dachte an ihn, an seine schwarzen Haare. Die Augen fielen ihr zu.

Ganz vorsichtig, unbemerkt, kehrte der Traum zurück. Als sie es erkannte, war es zu spät.

Wieder war sie gefesselt. Die gestreckten Arme hatte er ihr irgendwo weit hinter dem Kopf festgebunden. Die Beine waren gespreizt und schmerzhaft gestreckt. Wenn sie den Kopf hochreckte, konnte sie die Pflöcke im Gras sehen, an denen er die Füße angebunden hatte. Rechts und links sah sie Heckenreihen, die sich im Sturm vor und zurück bogen. Am bleigrauen Himmel zogen tiefschwarze Wolken dahin, ließen ab und zu einen Stern aufblitzen. Sie war erstaunlicherweise ganz ruhig. Sie wußte, dass sie in die Falle getappt war.

Aber dann kam der Mann zurück. Dieser schreckliche weiße Mann. Sein Gesicht konnte sie nicht sehen. Immer, wenn sie hinsah, schien er plötzlich eine Maske davor zu halten, eine grinsende, bleiche Maske. Er tanzte über ihrem nackten Körper, schüttelte seine Hüften, sprang über ihren Bauch. Landete mit den Knien im Gras, hockte direkt über ihr und beugte sich vor, so dass er ihr Gesicht fast berührte. Dann bog er sich lachend wieder zurück, rollte sich rücklings zwischen ihre Beine, verschwand aus ihrem Blickfeld, um sofort danach wieder aufzutauchen. Er war mit einem weißen Hemd und einer weißen Hose bekleidet, die sich vorne immer größer ausbeulte.

Jetzt hatte sie Angst im Hals, würgte, fixierte ihn, ließ ihn nicht mehr aus den Augen. Er hatte so etwas wie ein Zepter in der Hand, fuchtelte damit vor ihrer Brust herum. Es war ein schwarzer Phallus, lang und glatt. Und oben auf der Eichel trug er - eine glänzende Klinge, die immer wieder wie ein Pendel dicht über ihrer schweißnassen Haut tanzte. Auf und ab, in Schlangenlinien. Hin und her, unruhig und suchend. Von den Brustwarzen zum Kinn, von den Lippen zum Bauchnabel.

Ihr Hals brannte vor Angst.

Die Klinge pendelte zu den Oberschenkeln, verharrte über dem krausen Schamhaar. Sie hielt den Atem an, ihr Blick wanderte das Zepter hinauf zu seiner Hand. Die Finger zitterten. Sein Arm schwankte. Sein Kopf - die Maske - sie war nicht mehr da. Seine Augen - sie sah in seine Augen. Zwei Augen wie von zwei verschiedenen Menschen.

Ein stolzes, mächtiges Auge, dessen weiße Pupille ihren Blick bannte. Sie kämpfte, sie spuckte. Sie schaute ihm in das zweite Auge. Und sah seine Furcht, ja ANGST! Seine bebende Angst, die seine Macht schrumpfen ließ, die seinen Stolz versengte.

Er sprang zurück, ein lauter, klagender Schrei entrang sich seiner Kehle. Er suchte die Maske im Gras. Drohend kam er wieder vor, berührte sie, fauchte und knurrte. Dann stand er unvermittelt auf. Er schien eine andere Folter zu beginnen.

Mit der Klinge schnitt er die Fesseln an ihren Händen durch. Sie setzte sich vorsichtig auf, rieb die schmerzenden Gelenke. Sie sah sich unsicher um, suchte ihn. Er hockte ihr gegenüber. Sie ließ ihn nicht aus den Augen, während sie die Füße von den Pfählen band. Sie kam selbst hoch in die Hocke. Unschlüssig wartete sie auf ein Zeichen, einen Ausweg. Sie spürte noch immer seine Angst, die er hinter seinem Stolz verbarg. Die Maske leuchtete bleich im Halbdunkel. Sie rieb die tauben Beine, bewegte die steifen Füße.

Dann sprang sie auf, rannte zu den Hecken, hob die Arme vor das Gesicht und drückte sich hindurch. Hinter ihr erklang ein schriller Pfiff, die Jagd hatte begonnen. Sie hörte seine Schritte, sein Keuchen. Die Äste zerkratzten ihre Beine, peitschten auf ihre Schultern. Sie fühlte die brennenden Schnitte. Sie hetzte weiter auf den Weg, stürzte. Schon war er bei ihr, versuchte lachend, sie fest zu halten. Sie hieb die Fäuste gegen seine Maske. Trat ihn mit den Füßen. Schrie ihn an. "Inga.", sagte er beruhigend.

"Inga, hallo Inga. Hör doch auf zu strampeln. Inga, wach auf!"

Sie öffnete die Augen. Jens stand über ihr. Er war bereits angezogen. "Du hast geträumt, Schatz.", sagte er.

1. Kapitel Das Archiv

Auf der Mosel war Flaute. Einige wenige Segelboote quälten sich im Zickzack-Kurs stromaufwärts. Die Strecke vom Trierer Yachthafen am Zewener Ufer vorbei bis nach Konz und zurück nahm den ganzen Nachmittag ein. So mancher Windsurfer hatte seine Balanceübungen auf dem stehenden Brett aufgegeben und frustriert eingepackt. Aber die flotten Inline-Scater auf dem Radweg genossen den sonnigen Feiertag. Sie flitzten an den Anglern vorbei, die im Schatten der Weiden saßen, ihre Bierdosen im Wasser kühlten, hin und wieder neue Köder aufspießten und den winzigen Schwimmer auf der Wasserfläche fixierten. Niemand beachtete den hochgewachsenen Mann mittleren Alters auf der Bank, der seine Brille putzte. Man mochte ihn für einen Büromenschen halten, einen Junggesellen, der mit einem solchen Tag nichts anzufangen wußte. Vielleicht notierte er sich in seinem Buch, das er neben sich liegen hatte, die Anzahl der gefangenen Fische, oder die Höhe der Wellen, die ans Ufer schlugen, wenn ein Motorboot vorbei fuhr. Nein, wohl kaum. Wenn man genauer hinsah, fiel auf, dass er seine Augen auf die Freizeitsportler, die Familien und die Liebespärchen lenkte. Ja, er schien sie zu beobachten, ihre Gespräche zu belauschen.

Martin Junker senkte den Kopf, leckte an der Spitze seines Bleistifts, drehte sie einmal auf der Zunge. Dann schrieb er weiter, blickte zwischendurch auf und betrachtete die Menschen am Ufer. Spaziergänger, Jogger, Mütter mit Kinderwagen, gelangweilte Teenager. Eine junge Frau sah zu ihm herüber. Kurze, bunte Hose, Turnschuhe, wippende Haare, knappes Top.

"Sie überlegt, ob sie sich zu mir auf die Bank setzt", dachte Martin.

Sie tänzelte auf der Stelle, drehte sich zum Wasser. Dann trabte sie weiter den staubigen Weg entlang; knirschende Sohlen auf den Steinen.

Martins Bleistift hatte derweil kleine Kringel produziert, einfach mitten im Satz aufgehört. Das würde heute sowieso nichts mehr werden.

Er klappte das Notizbuch zu, steckte es in die Tasche. Nichts ergattert, keine einzige neue Situation. Uninteressante, normale Begebenheiten.

"Na ja . . ", murmelte Martin und machte sich auf den Weg nach Zewen.

Schon sein Vater war Sammler gewesen, nicht gerade zur Freude seiner Mutter, die das ganze Zeug regelmäßig abstauben durfte. Automodelle, Plastik und Metall, in Regalen aufgebaut, alle Größen.

Martins älterer Bruder Kurt hatte mit Radkappen angefangen. Damals, bevor er ein Moped hatte. Verchromte, schwere Radkappen; unterschiedliche Modelle, große, kleine, - Kurt wußte genau, zu welchen Autos sie einmal gehört hatten. Sein Schulweg führte unterhalb der Fernstraße nach Trier. Kurt hatte Packtaschen am Rad und beeilte sich morgens, um genügend Zeit zum Absuchen der Hecken und Gräben neben dem Radweg zu haben, in denen sich die abgesprungenen Radkappen verfingen. In der großen Pause berichtete er Martin, welche Kostbarkeiten er wieder aufgelesen hatte. Martin ging in die gleiche Schule, drei Klassen tiefer.

Er interessierte sich überhaupt nicht für Radkappen, schon gar nicht für die zu der Zeit immer häufiger zu sehenden Plastikteile. Verkratzte, graue, wertlose Scheiben voller fettigem Dreck und schwarzem Staub von den Bremsbelägen. Notdürftig gereinigt stapelten sie sich in Kurts Bude, neben dem Plattenspieler. In langer Reihe an der Wand entlang; vierzig, fünfzig Stück. Wenn Kurts pickelige Freunde da waren, wurden sie scheppernd durchgeblättert, auf dem Boden präsentiert, bewundert.

Martin beobachtete die Szene hin und wieder durch die Türöffnung, wunderte sich über die Begeisterung, die man angesichts solcher Sammelgüter empfand.

Doch irgendwann, es muss ein oder zwei Jahre später gewesen sein, packte auch ihn die Sammelwut.

Kurt hatte inzwischen sein Radkappensortiment veräußert oder getauscht und seine Plattenauswahl merklich vergrößert.

Vielleicht hatte es im Biologieunterricht eine Initialzündung gegeben, oder vielleicht hing es auch einfach mit Martins Beobachtungsgabe zusammen, jedenfalls zogen plötzlich alle Zersetzungsprozesse seine Aufmerksamkeit magisch an.

Die Regale und Schränke, die Fensterbänke und Tische in seinem Zimmer füllten sich mit den unterschiedlichsten Sammelgütern, denen insgesamt nur ein Merkmal gemeinsam war: Sie befanden sich in verschiedenen Stadien der Auflösung. Am ansehnlichsten waren die in kleinen Kästchen aufbewahrten Metallteile, die je nach Fortschritt der Zerstörung durch Oxydation vielfältige Farben und Formen angenommen hatten.

Martin pflegte sie durch regelmäßiges Einsprühen mit Wasser.

Was aber letztlich den Zorn seiner Mutter und den Verlust der kompletten Sammlung heraufbeschwor, war das am Fenster aufbewahrte Gesamtkunstwerk aus halbvermoderten Schaumstoffen, Essensresten, auseinanderfallenden Rindenstücken und bereits zu Humus gewordenen Laubhäufchen.

Auf dem Höhepunkt der Entwicklung dieses Mikrokosmos, der von täglichen Veränderungen in der Farb- und Duftentfaltung begleitet war, hatte eine draußen vorbei gehende Nachbarin ihre Verwunderung über die seltsame Fensterdekoration zum Ausdruck gebracht und dadurch das Interesse der Mutter geweckt.

Mittags, nach der Schule, konnte er nur noch mit Entsetzen die vollendete Tatsache des Totalverlustes hinnehmen. Künstlicher Geruch nach Seife und Desinfektionsmitteln, sterile, kalte Leere auf den blankgeputzten Regalen, tödliche Leblosigkeit in den Kästchen und Schachteln. Dazu hagelte es Vorwürfe und Verbote.

Also paßte er sich notgedrungen an, verlegte sich auf das Sammeln von Motorrad-Emblemen. Blechschildchen, Aufkleber, Schriftzüge aus Metall, abgeschraubte Plastikbildchen. Er stöberte auf den Schrottplätzen nach alten Zweirädern, ergatterte seltene Namenszüge längst vergangener Marken. Er radelte in die Nachbarorte, wenn er erfuhr, dass dort irgendwo ein Moped oder Motorrad halb verrostet im Wald lag.

Martin seufzte, die Erinnerung malte ihm ein Bild überschaubarer, der Komplettierung entgegen strebender Sammlungen. Radkappen, Motorrad-Abzeichen, Automodelle - irgendwann hatte man das Ziel der Vollständigkeit nahezu erreicht und begann damit, die Begeisterung für das Sammelobjekt einzubüßen.

Daher hatte er sich im Laufe seiner bisherigen, dreißigjährigen Laufbahn immer komplexeren Themen zugewandt. Nach den üblichen Schallplatten, Cassetten, Skatspielen, Comics, Bierdeckeln, Filmen, Romanen bestimmter Autoren, Bildbänden bestimmter Maler und so weiter, und so fort, war er schließlich bei seinem jetzigen, umfangreichen Objekt gelandet, das ihn immerhin seit nunmehr acht Jahren in Bann hielt.

Wiederum befand sich seine Sammlung in Kästen, in vielen, gleichgroßen hölzernen Kästen, sorgfältig geordnet und in Reihe und Glied im Regal im Arbeitszimmer aufbewahrt. Er musste nun nicht mehr befürchten, dass seine Mutter ihm in die Quere kam, sie lebte seit einigen Jahren nicht mehr, und von seiner Lebensgefährtin, einer großen, schwarzen Katze, wußte er, dass sie die Kästen nicht erreichen konnte.

Würde er jemals sagen: Jetzt ist sie komplett, die Sammlung; jetzt bin ich fertig? Er wußte es nicht. Obwohl, die Ähnlichkeiten nahmen zu ... Vielleicht würde er das Ende wenigstens bald erahnen.

Martin betrat die Wohnung. Maya, die Katze, huschte mit ihm durch die Tür, schnurrte um seine Beine. Sie war ihm schon auf der Straße entgegengekommen, als er am Garten entlang schlenderte. Er streichelte ihr über den Rücken, fühlte das warme Fell, vom Liegen in der Sonne.

Während er ihr Fressen und das Milchschälchen neben den Kühlschrank stellte, dachte er: "Typisch, so ist es immer, jeden Tag."

Er ging sofort ins Arbeitszimmer zum Regal, zog das Notizbuch aus der Tasche.

Er blätterte die letzten Seiten durch, zischte mißbilligend durch die Zähne und legte es auf den Schreibtisch.

"Da muss ich auch wieder räumen", dachte er mit einem kurzen Blick auf die Reihe der Holzkästen. Dann ging er in die Küche, um sich sein Abendessen zu bereiten.

Maya leckte sich das Maul, warf einen neugierigen Blick in den offen gebliebenen Raum.

Martin hatte es bemerkt.

"Nix da, da darfst du nicht hinein!" Er schloß die Tür zum Arbeitszimmer, tätschelte ihr sanft den Kopf.

2. Kapitel Freundinnen

Judith schlürfte ihren heißen Kaffee, setzte die Tasse noch einmal ab und schneuzte in ihr Taschentuch. Der Zigarettenqualm in dem kleinen Raum brannte in ihren Augen, kratzte in der Nase. Durch die große Scheibe drang kaum Sonnenlicht in das Café. Immerhin stand die Tür offen und ließ etwas frische Luft herein.

"Scheiß Qualmerei.", sagte sie zu Inga, die ihr gegenüber saß an dem Blechtisch.

"Jetzt sag' bloß, du willst auch noch rauchen?"

Naserümpfend sah sie Ingas rote Fingernägel eine Zigarette aus der Packung zupfen.

"O.K., o.k., ich steck sie wieder weg. Bist ja echt empfindlich! Aber erzähl mal; hab' gehört, du hast dich mit diesem Martin getroffen. Was Ernstes?"

Judith schneuzte sich noch einmal, um ihre Verlegenheit zu überspielen und Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. Sie lehnte sich zurück, nippte am Kaffee und blickte ihrer Freundin in die grünen Augen, die geduldig auf eine Antwort warteten.

"Hmm, was Ernstes? Ja, ernst schon. Martin ist ja kein sonderlich lustiger Typ. Ernst und interessant. Und ungewöhnlich. Jedenfalls hab' ich mich auf der Party vorgestern gut mit ihm unterhalten. Der redet anders als die anderen; strengt sich nicht so an, lustig zu sein, oder geistreich, oder nur so blabla. Brauchst aber gar nicht weiter zu fragen, sonst war noch nix. Gestern waren wir zusammen im Kino und vorher auf'm Flohmarkt."

Inga strich die langen dunkelroten Haare aus dem Gesicht, eine Strähne fiel zurück und verdeckte links Wange und Auge. Unsicher entgegnete sie:

"Entschuldige Judy, ich wollte nicht neugierig sein. Ist ja deine Sache, und ich find's toll, wenn du endlich mal jemand Nettes kennen lernst. Kann dich nur beneiden, bei mir und Jens is' ja inzwischen auch die Routine eingekehrt. Kennst du ja selbst, am Schluß bleibt nur der Überdruß."

Sie schlug die makellosen Beine übereinander, zog das kurze schwarze Kleid etwas nach unten und strich es an der Hüfte glatt.

"Man tut ja, was man kann, um noch etwas Pep und Aufregung zu bewahren, aber ich habe das Gefühl, es wird immer schwieriger. Eines Tages wird es aussichtslos sein.

Ich will nicht jammern, Judy. Vielleicht geht's dir ja mal besser. Ich hab Jens ja auch wirklich stürmisch geliebt und liebe ihn immer noch. Bei ihm war's nicht anders, da bin ich mir sicher. Aber vielleicht hätten wir doch noch etwas warten sollen; so jung muss man sich nicht binden."

Sie zog wie abwesend eine Zigarette am Filter aus der Schachtel, steckte sie zwischen die Lippen und schnippte das Feuerzeug an.

"Oh, sorry, jetzt hab' ich doch 'ne Kippe im Mund."

"Nein, rauch' nur. Wir können ja danach nach draußen gehen. Ich dachte, Jens und du - , oh, vielleicht hab' ich mich auch getäuscht, Inga, aber ich dachte wirklich, ihr hättet euch getrennt. Hast du da auf der Party nicht mit diesem Japaner . . . Geht mich ja nix an, aber Jens war erst gar nicht hingekommen und der Japaner, Toshy, oder wie der heißt, - das ging doch heftig zur Sache, oder?"

Judith senkte kurz den Blick, strich sich mit dem Zeigefinger über den Mund.

Ihre Freundin hustete, drückte die Zigarette aus, drehte sich zur Theke.

"Komm wir gehen, du hast recht, es ist wirklich arg verqualmt hier drin."

Draußen hakte sie sich bei Judith unter und schlenderte mit ihr zum nächsten Schaufenster. Sie prüfte ihr Spiegelbild, strich die Falten des Kleides glatt und zupfte an ihren Locken. Dann richtete sie ihren Ausschnitt, drückte ein wenig unter die Brüste.

"Du brauchst das alles nicht", sagte sie zu Judith und wendete sich ihr zu. "Du siehst einfach immer gut aus, egal, was du anhast. Scheint von innen zu kommen."

Sie betrachtete das lange, luftige Sommerkleid ihrer Freundin, die kurzen, braunen Haare, die schwarze Halskette, das sympathische Gesicht.

Sie lachten beide mädchenhaft und gingen zusammen weiter in Richtung Palastgarten.

Dort angekommen setzten sie sich auf eine schattige Bank unter einem Baum. Inga zündete sich eine Zigarette an. Entspannt lehnte sie sich zurück, blies den Qualm in die großen Ahornblätter.

"Erzähl doch mal! Wie ist er denn so, der Martin? Hab' immer das Gefühl, der ist total schüchtern, traut sich kaum, was zu sagen, wenn er mich sieht. Aber manchmal, wenn ihn was interessiert, dann kann er richtig provokant werden, so unnachgiebig auf einen bestimmten Punkt hin. Weißt du, wie ich meine?"

"Ja, ich weiß. Ich glaube, dass da 'ne Menge herauskommt, wenn man den richtigen Schlüssel findet, um ihn aufzuschließen. Ich freu' mich darauf, ihn wiederzusehen, es ist richtig spannend zwischen uns, weil ich das Gefühl habe, wir verstehen uns sehr gut. Weißt du, ich bin richtig verliebt, . . . weißt du?"

Inga legte ihr den Arm um die Schulter und drückte sie herzlich an sich.

"Klar doch, Judith. Man sieht's dir an. Hast 'ne ganz andere Farbe im Gesicht, so . . . lebendig, so . . . schön und weiblich. Paß bloß auf, dass du mit dem nicht reinfällst.

Mit dem Toshy ist das übrigens nix Ernstes, nicht dass du dir da falsche Vorstellungen machst. War nur 'n kleiner Flirt, auf der Party, . . . und danach bei ihm in der Wohnung."

Sie stockte, legte den Finger über den Mund.

"Psch!! Bloß nicht weitererzählen, wenn Jens davon erfährt . . .

Du, die Wohnung von dem", sie flüsterte, "die ist so richtig japanisch eingerichtet. So helle Schiebewände aus Papier, kein Bett, keine Schränke. Nur in der Küche hat er zwei Hocker und 'nen Tisch. Und 'nen breiten Futon im Schlafzimmer."

Quer über die große Wiese flog eine Elster zu ihrem Nest hoch oben im Ahorn. Sie schimpfte ein wenig über die beiden Frauen auf der Bank, doch dann flatterte sie ein paar Äste tiefer, drehte den Kopf und lauschte dem Singsang der beiden Stimmen. Sie schloß die Augen, horchte, versuchte die Melodien zu erkennen, die sich in regelmäßigem Rhythmus abwechselten, einander umkreisten.

Unvermittelt entdeckte sie eine neue, rauhe Stimmung; eine Gefahr, die von irgendwo her eine der beiden zu bedrohen schien, eine lange suchende Hand, die wie eine dünne Wolke über den Himmel zog, für einen kurzen Moment die Sonne trübte.

Krächzend flüchtete die Elster auf die Mauer gegenüber der Wiese, beobachtete unruhig hin und her laufend die beiden Frauen, die jetzt ebenfalls aufstanden und davongingen.

3. Kapitel Offene Zimmer

 

Martin ließ die Beine über die Kante der Mauer baumeln, genoß sein Eis und achtete beiläufig auf die Menschen, die auf der Wiese lagen oder gingen.

Samstag.

Irgendwie hatte man am Wochenende andere Kleidung angelegt, innerlich. Die Schuhe hatten weichere Sohlen, das Hemd saß luftiger, ließ auf dem Weg durch Trier die Sonne auf den Pelz brennen. Ein Knistern und Singen erfüllte den Himmel und hatte ihn am Dom vorbei in den Palastgarten gelockt.

 

Flimmernd zog die schwarz-weiße Elster ihre Flugbahn über die Wiese, landete auf der Mauer, trippelte auf der Stelle. Was hatte sie aufgeschreckt?

Martin kniff die Augen zusammen und blickte hinüber zu dem großen Ahorn. Zwei Frauen schlenderten auf dem Weg davon.

"Ein typisches Bild", dachte er. "Freundinnen bei der Seelenmassage." Sie kamen ihm bekannt vor, zumindest die eine mit dem langen Kleid; sommerliche Farben, braune, kurze Haare . . . , Judith, oder? Die Entfernung war zu groß.

Die Elster krächzte, lenkte ihn ab. Er legte sich mit dem Rücken auf die warme Mauer, verschränkte die Arme unter dem Kopf, schloß die Augen, horchte.

 

Die rauhe, schimpfende Stimme des Vogels; Gelächter auf der Wiese, Rufen, Bellen, Klatschen. Eine grüne Fläche bildete sich in seiner Vorstellung, darauf regelmäßig verteilt kleine Gruppen von Menschen, Situationen.

Problematische Situationen, einfache, lustige, komplexe Situationen. Kräftefelder, Rollenspiele, Kämpfe und Sehnsüchte zwischen den Personen.

Waren es typische Konstellationen? Ließen sich die Situationen in eine begrenzte Anzahl von Typen einordnen? Ähnlich wie man die Menschen in lediglich zwölf oder sechzehn unterschiedliche Charaktere einteilen wollte?

Nun, das war nicht sein Thema, er war an seinen Kästen interessiert, darin bewahrte er die Ergebnisse seiner Sammelarbeit auf. Kaum jemand wußte davon, außer ihm selbst und Maya, die er jedoch nicht näher damit bekannt machen konnte. Acht Jahre akribisches Sammeln und niemand teilte seine Freude daran.

Martin fühlte jedoch, dass er sich der Vervollständigung näherte, die Auswahl wurde immer geringer, nahezu alle waren drin in seinen Kästen. Nachdem er aktiv in die Schaffung von Situationen einzugreifen begonnen hatte, war er mit großen Schritten vorangekommen.

Ein neues Bild entstand in seiner Vorstellung, eines, das ihm noch einmal ein besseres Verständnis seiner Sammlung zeigte.

Es war ein Haus, ein Wolkenkratzer, dessen spitzes Dach die Schleierwolken berührte.

D

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