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Der Boss und die sexy Lügnerin

1. KAPITEL

Vance Waverly blickte auf die eindrucksvolle Fassade des Auktionshauses, das seinen Namen trug. Das Gebäude hatte im Laufe der letzten 150 Jahre ein oder zwei Faceliftings erhalten, aber seine Bestimmung zeigte sich immer noch deutlich: Hier wurde das Schöne, das Antiquarische, das Einzigartige ausgestellt.

Er lächelte und ließ den Blick über alle Stockwerke schweifen, sieben insgesamt, eine Glückszahl. Vor dem Eingang standen zwei Zypressen schweigend Wache. Auf den Fensterscheiben spiegelte sich die Frühsommersonne. Der Balkon im zweiten Stock hatte ein schwarz geschmiedetes Eisengitter. Der graue Stein, aus dem das Haus gebaut war, verlieh ihm seine Würde, und auf dem ovalen Fenster über der Flügeltür stand schlicht: Waverly.

Ein Anflug von Stolz erwachte in Vance, als er das Werk betrachtete, das sein Urgroßonkel Windham Waverly geschaffen hatte. Mit diesem Auktionshaus hatte er sich unsterblich gemacht. Das Haus war weltweit bekannt und genoss einen ausgezeichneten Ruf.

Nun war Vance einer der letzten Waverlys. Daher lag es in seinem ureigensten Interesse, dafür zu sorgen, dass das Haus weiterhin seine Spitzenstellung unter den Auktionshäusern weltweit behauptete. Er war Vorstandsvorsitzender und stets in alles involviert – von der Gestaltung des Katalogs bis zum Aufspüren von Gegenständen, die es wert waren, bei Waverlys versteigert zu werden. Er war hier mehr zu Hause als in seiner Luxuseigentumswohnung, die auf den Hudson blickte. Dort schlief er lediglich.

Hier lebte er.

„Hey, Kumpel!“, rief jemand hinter ihm. „Wollen Sie da den ganzen Tag rumstehen?“

Ein FedEx-Fahrer mit einer Sackkarre, auf der sich die Pakete stapelten, stand ungeduldig hinter ihm. Vance trat zur Seite und ließ ihn vorbei.

Bevor er das Haus betrat, grummelte der Mann: „Die Leute meinen alle, der Gehweg gehöre ihnen allein.“

„New York muss man einfach lieben“, murmelte Vance.

„Morgen.“

Vance blickte nach rechts. Sein Halbbruder kam über die Straße auf ihn zu. Roark war nur selten in New York und gerade hierhergeflogen, um einige seiner Geschäftskontakte zu treffen. Er war genauso groß wie Vance, über eins achtzig, hatte braune Haare und grüne Augen. Da endete die Familienähnlichkeit auch schon, aber sie hatten ja auch nur den Vater gemeinsam. Und bis vor fünf Jahren, als Edward Waverly gestorben war, hatte Vance nicht einmal von seinem Halbbruder gewusst.

Seit damals hatte sich zwischen ihnen eine enge Freundschaft entwickelt, für die Vance sehr dankbar war – auch wenn Roark darauf bestand, dass sie ihre familiäre Verbindung geheim hielten. Roark war immer noch nicht davon überzeugt, dass Edward Waverly wirklich sein Vater war. Als Beweis gab es nur einen Brief, den Edward, zusammen mit dem Testament, hinterlassen hatte. Vance reichte das, doch er respektierte den Wunsch seines Bruders.

„Danke, dass du kommst.“ Vance nickte ihm zu.

„Könnte wichtig sein“, erwiderte Roark, während sie gemeinsam das Auktionshaus passierten und weiter zu einem kleinen Café um die Ecke gingen. „Ist spät geworden gestern, und ich bin eigentlich noch gar nicht wach.“

Er trug eine dunkle Sonnenbrille, eine abgetragene braune Lederjacke, ein T-Shirt, Jeans und Stiefel. Kurz beneidete Vance seinen Bruder. Er hätte auch lieber Jeans getragen, aber die Arbeit bei Waverlys verlangte nun mal Anzug und Krawatte. Und Vance tat immer, was verlangt wurde.

„Ja“, sagte er, als sie sich einen Tisch vor dem Café aussuchten. „Es ist wichtig. Oder könnte es sein.“

„Faszinierend.“ Roark drehte im selben Moment wie Vance seine Kaffeetasse um, und sie warteten beide, bis die Kellnerin die Tassen gefüllt und ihre Bestellungen entgegengenommen hatte, bevor sie ihr Gespräch fortsetzten. „Also, lass hören.“

Vance umfasste seine Tasse mit beiden Händen und musterte die schwarze Flüssigkeit darin. Normalerweise gab er nichts auf Gerüchte oder Tratsch. Und für Menschen, die das taten, hatte er nichts übrig. Doch wenn es um Waverlys ging, konnte er nicht einfach weghören.

„Hast du das Gerede über Ann mitbekommen?“

„Ann Richardson?“, fragte Roark. „Unsere Geschäftsführerin?“

„Ja, die Ann.“ Mal im Ernst, wie viele Anns kannten sie schon?

Roark legte die Sonnenbrille auf den Tisch und schaute sich kurz um. „Welches Gerede?“

„Über sie und Dalton Rothschild. Du weißt, wer das ist, oder? Leiter des Rothschild-Auktionshauses, unseres größten Konkurrenten?“

Ein, zwei Sekunden lang starrte Roark ihn einfach nur an. Dann schüttelte er den Kopf. „Nie im Leben.“

„Ich will das ja auch nicht glauben“, gab Vance zu.

Ann Richardson war eine brillante Geschäftsführerin. Klug und fähig wie sie war, hatte sie sich in der Firma nach oben gearbeitet und war die jüngste Leiterin eines Auktionshauses dieser Größe.

Roark lehnte sich zurück. „Und was genau hast du gehört?“

„Tracy hat mich angerufen und vorgewarnt wegen der Kolumne, die heute in der Post erscheint.“

„Tracy Bennett, die Reporterin? Deine Ex?“

„Ja. Sie hat gesagt, die Story würde heute rauskommen.“

„Welche Story?“

„Dass Ann eine Affäre mit Dalton hatte.“

„Ann ist zu klug, um auf Dalton reinzufallen.“ Roark winkte ab.

Zu gern hätte Vance dasselbe getan. Aber seiner Erfahrung nach trafen Menschen ständig dumme Entscheidungen. Und gaben dann „der Liebe“ die Schuld daran. Aber in Wahrheit war das doch nur eine Ausrede, damit sie tun und lassen konnten, was immer ihnen gefiel. Liebe war ein Märchen, das Grußkartenfirmen und Hochzeitsmessen einem weismachen wollten.

„Ich stimme dir ja zu“, sagte er, „aber wenn da irgendwas zwischen ihnen …“

Roark pfiff. „Was könnten wir da schon tun?“

„Nicht viel. Ich werde mit Ann reden, ihr von dem Artikel erzählen.“

„Und?“

„Und ich möchte, dass du die Augen und Ohren offen hältst.“ Vance fixierte seinen Bruder. „Ich vertraue Ann, aber ganz sicher nicht Dalton. Der wollte Waverlys schon immer aus dem Weg haben. Wenn er uns nicht aufkaufen kann, wird er es mit einer Übernahme versuchen – oder versuchen, uns ein Grab zu schaufeln.“ Vance trank einen Schluck Kaffee und blickte Roark entschlossen an. „Und das werden wir nicht zulassen.“

„Guten Morgen, Mr Waverly. Ich habe Ihren Kaffee und den Terminplan für die Woche vorbereitet. Oh! Und die Einladung zur Gartenparty von Senator Crane ist gestern noch gebracht worden.“

Vance blieb vor seinem Büro stehen und musterte seine neue Assistentin. Charlotte Potter war zierlich und kurvig und trug ihr gewelltes blondes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie hatte lebhafte blaue Augen, und ihr geschwungener Mund schien ebenso wie sie auch ständig in Bewegung zu sein.

Sein Vorgänger hatte sie sehr geschätzt, und nur auf dessen Bitte hin hatte Vance sie übernommen. Gerade mal eine Woche war sie jetzt seine Assistentin, aber Vance wusste bereits, dass ihre Zusammenarbeit nicht funktionieren würde.

Sie war zu jung, sie sah zu gut aus und war zu … Sie drehte sich um und bückte sich, um die unterste Schublade des Aktenschranks zu öffnen, und Vance schüttelte den Kopf. Er starrte auf ihre runden Pobacken in der schwarzen Stoffhose. Charlotte war zu … viel.

Als sie sich aufrichtete und ihm einen dicken Umschlag überreichte, sagte er sich, er solle sie einfach an jemand anderen im Unternehmen abschieben. Er konnte sie schließlich nicht feuern, nur weil sie ihn ablenkte. Aber ihm missfiel diese Ablenkung.

Vance hatte lieber matronenhafte Frauen oder einen Mann im Vorzimmer, ob es nun politisch korrekt war oder nicht.

Seine frühere Assistentin Claire war mit fünfundsechzig in Rente gegangen. Sie war kühl, unerschütterlich und notorisch pedantisch gewesen, was ihren Arbeitsplatz anging. Jeder Bleistift hatte stets an seinem Platz gelegen. Vance hatte immer darauf vertrauen können, dass Claire alles im Griff hatte.

Charlotte hingegen … Mit gerunzelter Stirn betrachtete er den Benjamini in der Ecke, die Farne auf dem Regal am Fenster und die dunkelvioletten Usambaraveilchen auf dem Schreibtisch. Dort standen auch gerahmte Fotos, die er noch nie näher betrachtet hatte; bislang hatte er einfach nur das Durcheinander wahrgenommen.

Ihre Stifte steckten in einem Becher, der wie ein Footballhelm der New York Jets geformt war, und neben dem Telefon stand eine Schüssel mit M&Ms. Ganz klar, diese Bitte hätte er niemals erfüllen dürfen. Keine gute Tat bleibt ungestraft, hatte sein Vater immer gesagt.

Vance mochte keine Ablenkung an seinem Arbeitsplatz, und jetzt, wo ihm Schwierigkeiten mit Rothschild drohten, duldete er sie noch viel weniger. Und wenn ihn das zu einem verdammten Chauvinisten machte, nun, dann war das eben so.

Als einer der letzten Waverlys, die noch im Auktionshaus arbeiteten, zog Vance es vor, seine Geschäftsstunden ganz und gar dem Geschäftlichen zu widmen. Und eine attraktive junge Frau förderte nun einmal nicht seine Konzentrationsfähigkeit.

„Danke, Charlotte.“ Er ging auf sein Büro zu. „Und stellen Sie bitte keine Anrufe durch, bis die Vorstandssitzung vorbei ist.“

„Natürlich. Oh, und nennen Sie mich doch Charlie“, erwiderte sie fröhlich.

Vance blieb stehen und blickte zurück. Ihr strahlendes Lächeln war einfach umwerfend. Sie ging zu ihrem Schreibtisch und begann, die Post zu sortieren. Ihr langes Haar fiel ihr über eine Schulter und lag auf ihrer Brust. Etwas in ihm zog sich zusammen. Er hasste es, sich das einzugestehen, aber er musste zugeben, dass man diese Frau unmöglich ignorieren konnte.

Verärgert über sich selbst lehnte er sich gegen den Türrahmen und nippte an dem Kaffee, den sie ihm gegeben hatte. Er beobachtete sie und merkte, dass sie vor sich hinsummte, dieselbe Melodie wie schon die ganze Woche lang. Sie summte sie völlig schräg. Vollkommen unmusikalisch schräg.

Erschöpft schüttelte er den Kopf. Er musste das Londoner Büro anrufen, sich nach den anstehenden Auktionen dort erkundigen. Auch die Gerüchte über Ann beschäftigten ihn immer noch, die Gefahr, die drohte, wären die Gerüchte wahr. Und er war ganz und gar nicht in Stimmung für die Vorstandssitzung, die für den Nachmittag anberaumt war.

Charlotte richtete sich auf und drehte sich um. Sie keuchte auf und legte eine Hand auf ihre Brust, als müsse sie dafür sorgen, dass ihr Herz darin bliebe. Dann lachte sie kurz und schüttelte den Kopf. „Sie haben mich vielleicht erschreckt. Ich habe gedacht, Sie wären in Ihr Büro gegangen.“

Das hätte er auch tun sollen. Stattdessen hatte er sich ablenken lassen. Nicht gut. „Haben Sie schon die Tagesordnung für die Sitzung heute fertig? Ich möchte noch ein paar Notizen machen, bevor ich mich mit dem Vorstand treffe.“

„Natürlich.“ Sie zog einen Hefter aus einem Stapel und reichte ihn ihm. „Ich habe neben der Tagesordnung auch gleich noch eine Liste mit den Privatsammlungen ausgedruckt, die in den nächsten Wochen zur Auktion anstehen.“

Er schlug den Hefter auf und blätterte darin. Seine alten Notizen waren jetzt fett gedruckt auf der Tagesordnung vermerkt, und er schaute sich die weiteren Papiere dahinter an, hielt bei der letzten Seite inne. „Was ist das?“

„Oh.“ Sie lächelte. „Das Layout für den nächsten Katalog hat ein wenig gedrängt gewirkt, daher habe ich ein paar der Bilder neu angeordnet und …“

Er betrachtete ihre Arbeit und musste zugeben, dass es so viel besser aussah. Die Vasen aus der Ming-Dynastie wurden jetzt einzeln präsentiert und erstrahlten in all ihrer Schönheit, im Gegensatz zu vorher, wo sie alle zusammen auf ein Blatt gequetscht worden waren.

„Ich weiß, das hätte ich nicht tun sollen, aber …“

„Sie haben gute Arbeit geleistet.“ Er schloss den Hefter und blickte in ihre sanften blauen Augen.

„Wirklich?“ Sie strahlte ihn an. „Danke. Das ist toll. Ich war ein bisschen nervös, weil ich mir das einfach rausgenommen habe, das kann ich Ihnen sagen. Mir liegt viel an meinem Job hier, und ich will alles richtig machen.“

Als er den Feuereifer in ihrem Blick sah, machte sich ein ungewohntes Schuldgefühl in Vance breit. Sie vibrierte förmlich vor Begeisterung über ihren neuen Job. Und er fühlte sich noch schlechter, weil er bereut hatte, sie eingestellt zu haben.

Vielleicht sollte er dem hier also eine Chance geben. Er musste einfach aufhören, Charlotte als Frau zu sehen.

Doch ein kurzer Blick auf ihre zierliche, kurvige Figur machte diesen Gedanken zunichte.

Das Telefon klingelte, und sie hob ab. „Vance Waverlys Büro.“

Ihre Stimme klang sanft. Verführerisch. Oder vielleicht bildete er sich das nur ein.

„Warten Sie bitte einen Moment.“ Sie drückte eine Taste auf dem Telefon und drehte sich zu Vance um. „Das ist Derek Stone vom Londoner Büro.“

„Oh, gut.“ Er war dankbar für den Vorwand, in sein Büro gehen zu können. „Stellen Sie ihn bitte durch, Charlotte. Und danach keine weiteren Anrufe mehr.“

„Selbstverständlich, Mr Waverly.“

Vance schloss die Tür. Kaum bemerkte er das dumpfe Geräusch seiner Schritte auf dem polierten Holzfußboden. Gemälde Alter Meister sowie noch unentdeckter Künstler hingen an den elfenbeinfarbenen Wänden. Hinter seinem Schreibtisch boten große Fenster einen Ausblick auf die Madison Avenue und das immer geschäftige Manhattan.

Er griff nach dem Telefonhörer und wandte dem Ausblick den Rücken zu, während er am Schreibtisch Platz nahm. „Derek. Gut, dass du anrufst.“

Völlig erschöpft stieß Charlotte den Atem aus und schlich sich an ihren Schreibtisch zurück. Das fröhliche Grinsen auf ihrem Gesicht fühlte sich so spröde an, als könnte es jeden Moment zerbrechen, und sie hoffte bei allen Heiligen, dass Vance Waverly nicht gemerkt hatte, wie nervös er sie machte.

„Warum muss er auch so gut riechen?“, murmelte sie vor sich hin, als sie sich setzte. Sie stütze sich mit den Ellbogen auf und legte den Kopf in die Hände. Sie musste sich in den Griff bekommen.

Ihre Hormone waren leider nicht ihrer Meinung und tanzten weiter aufgeregt durch ihren Körper. Das passierte ihr jedes Mal, wenn sie Vance Waverly begegnete, und es war verdammt beschämend. Wie konnte sie sich so zu dem Boss hingezogen fühlen, der die Hälfte der Leute hier im Haus in Angst und Schrecken versetzte?

Aber so war es nun mal. Er war groß und breitschultrig. Und seine dunkelbraunen Haare sahen immer leicht verwuschelt aus. In den braunen Augen fanden sich kleine Goldsprenkel, und seinen Mund verzog er so gut wie nie zu einem Lächeln. Bei ihm ging es immer nur ums Geschäft, und sie hatte das deutliche Gefühl, dass er sie genauestens beobachtete und nach einem Vorwand suchte, sie zu feuern.

Sie würde ihm keinen liefern.

Dieser Job war das Wichtigste in ihrem Leben. Nun ja, dachte sie und schaute auf das Foto des lächelnden Kleinkinds, das Zweitwichtigste. Aber auf beruflicher Ebene gab es nichts Besseres. Für Vance Waverly, einen Vorstandsvorsitzenden, zu arbeiten war ihre große Chance, und die würde sie nicht aufs Spiel setzen.

Charlie nickte vor sich hin und atmete tief durch. Sie warf noch einmal einen Blick auf das Foto von ihrem Sohn Jake und rief sich in Erinnerung, dass sie vielleicht auf Bitten eines alten Freundes hin eingestellt worden war, aber alle Qualifikationen mitbrachte, diesen Job hervorragend zu meistern. Sie würde stets gut gelaunt und optimistisch und fröhlich bleiben, auch wenn es sie umbrachte.

Als ihr Telefon klingelte, griff sie eilig danach. „Vance Waverlys Büro.“

„Wie läuft’s?“, ertönte die bekannte weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung.

Charlie blickte schnell auf die geschlossene Tür zum Büro ihres Chefs. „Bislang ganz gut.“

„Und was hat er zu deinen Ideen zum Katalog gesagt?“

„Du hast recht gehabt, Katie.“ Sie stellte sich vor, wie ihre Freundin unten in der Buchhaltung grinste. Charlie hatte im Geheimen am neuen Layout des Katalogs gearbeitet und die Vorstellung davon genossen, wie sie ihn gestaltet hätte. Erst auf Katies Vorschlag hin hatte sie ihre Ideen Vance gezeigt. „Er meint, ich habe gute Arbeit geleistet.“

„Hab ich’s dir nicht gesagt?“ Katie tippte, während sie sprach; Charlie hörte, wie sie mit den Fingern auf die Tastatur einhämmerte. „Ich wusste doch, dass ihm deine Ideen gefallen würden. Er ist klug. Er muss einfach merken, dass du fantastische Arbeit leistest.“

„Die ganze letzte Woche lang hat er mich einfach nur beobachtet, als würde er darauf warten, dass ich Mist baue.“

„Vielleicht beobachtet er dich einfach nur, weil du umwerfend aussiehst.“

„Das glaube ich nicht.“ Obwohl der Gedanke einen heißen Schauer in ihr auslöste. Sofort löschte sie ihn mit einem Schwall imaginären Eiswassers. Schließlich war sie nicht wegen einer Verabredung hier. Sie wollte sich ein besseres Leben aufbauen, für sich und für ihren Sohn. Und der neue Job mit der wunderbaren Gehaltserhöhung war Teil des großen Plans. Sie musste nur ihren neuen Boss davon überzeugen, dass sie unverzichtbar war.

„Hast du in letzter Zeit mal in den Spiegel geschaut?“, entgegnete Katie. „Glaub mir, wenn ich vom anderen Ufer wäre, dann würde ich versuchen, bei dir zu landen.“

Charlie lachte angesichts dieser Idee. Katie jonglierte mit so vielen Männern, dass sie kaum einen Moment für sich hatte. Aber Katie hatte nicht ganz unrecht. Die meisten sahen, wenn sie Charlie anschauten, die Blondine mit großen blauen Augen und Brüsten, auf die jede Barbiepuppe stolz gewesen wäre, und zogen daraus sofort den Schluss, dass sie keine einzige funktionierende Gehirnzelle haben könnte. Die meiste Zeit ihres Lebens hatte sie damit zugebracht zu beweisen, dass sie sich irrten.

Das eine Mal, das sie ihrem Herzen statt ihrem Verstand gefolgt war …

„So ist er nicht“, sagte sie und schaute wieder auf die geschlossene Bürotür.

„Süße, alle Männer sind so.“

Charlie ignorierte den Kommentar und senkte die Stimme. „Ich weiß, dass er mich nur aus Gefälligkeit gegenüber Quentin eingestellt hat.“

„Und? Wen kümmert’s, warum er dich eingestellt hat?“ Das Tippgeräusch verstummte plötzlich. „Es ist egal, wie du an den Job gekommen bist. Das Entscheidende ist, dass du ihn hast. Und bereits bewiesen hast, dass du perfekt dafür bist.“

„Danke“, sagte Charlie. „Dann werde ich jetzt an der perfekten Ablage arbeiten. Wir hören uns später wieder.“

Noch als sie auflegte, lächelte Charlie.

2. KAPITEL

Zwei Stunden später knüllte Vance die Zeitung zusammen. Schnell zügelte er seine aufsteigende Wut. Genau wie Tracy gesagt hatte, stand die Story um eine mögliche Affäre zwischen Ann Richardson und Dalton Rothschild auf Seite 26. Für einen Moment gestattete sich Vance die Hoffnung, die Story könnte zwischen all den Anzeigen auf der Seite unbemerkt bleiben.

Aber die Chancen dazu tendierten gegen null. Nichts liebten die Leute mehr als einen ordentlichen Skandal, und über diesen würde man wochenlang sprechen. Die Gerüchte um die Affäre beunruhigten ihn weniger als der Gedanke an mögliche geheime Absprachen. Er hoffte auf Teufel komm raus, dass da nichts dran war, denn sonst mussten sie mit offiziellen Nachforschungen, Anklagen – womöglich mit dem Ruin Waverlys – rechnen.

Er schnappte sich den Hörer und tippte eine Nummer. Ungeduldig wartete er, dass sein Anruf angenommen wurde. „Verdammt, Tracy!“, blaffte er, als sie sich meldete.

„Vance, das ist nicht meine Schuld.“ Tracys Stimme blieb ruhig. „Mein Redakteur hat einen Tipp bekommen, und dem sind wir nachgegangen. Ich habe dich immerhin vorgewarnt.“

„Ja, das war wirklich eine große Hilfe.“ Spät in der Nacht hatte Tracy ihn angerufen. Nicht gerade viel Vorwarnzeit, und er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass sie das nur getan hatte, damit er noch etwas länger darüber brüten konnte.

„Gibt es irgendwelche Beweise für die Story?“

„Du weißt, dass ich dir darauf nicht antworten kann.“

„Schön. Aber wenn du noch weitere ‚Tipps‘ bekommst, lass es mich wissen, bevor du damit in den Druck gehst, ja?“

„Keine Versprechen“, konterte sie. „Klingt das irgendwie vertraut?“ Sie legte auf.

Vance zuckte zusammen. Vor einem Jahr hatte er eine Affäre mit Tracy gehabt, ein paar Monate lang. Und als er mit ihr Schluss gemacht hatte, hatte er sie daran erinnert, dass er die Affäre mit den Worten „keine Versprechen“ begonnen hatte.

Diese Warnung gab er jeder Frau, die in sein Leben trat. Er suchte nicht nach einer lebenslangen Bindung. Er hatte erlebt, was der Tod seiner Mutter und seiner älteren Schwester seinem Vater angetan hatte. Zum Teufel, das hatte den Mann völlig gebrochen, ihn als leere Hülle zurückgelassen. Wenn Liebe eine solche Macht hatte, dann wollte Vance nichts damit zu tun haben. Da er also nicht nach einer Ehefrau suchte, keine Familie gründen wollte, war es da nicht besser, von Anfang an ehrlich zu sein?

Er schüttelte den Kopf, um die Gedanken loszuwerden, schließlich hatten sie mit der aktuellen Situation nichts zu tun. Vance steckte die Hände in die Hosentaschen. Waverlys war alles, was er hatte, und er würde es verdammt noch mal nicht verlieren. Seine Familie hatte dieses Unternehmen aufgebaut, und als einer der letzten Waverlys würde er alles dafür tun, um es zu erhalten.

Er aktivierte die Gegensprechanlage. „Charlie, würden Sie bitte in mein Büro kommen?“

Wenige Sekunden später stand sie in der Tür. Ihr langes blondes Haar hing über eine Schulter, und sie sah ihn aus großen blauen Augen an. Wieder spürte Vance, wie ihm heiß wurde, und er musste das Gefühl mit Macht unterdrücken.

„Gibt es ein Problem?“

„Das könnte man so sagen.“ Vance winkte sie herein. Er deutete auf das große Sofa an der gegenüberliegenden Wand. „Setzen Sie sich.“

Als sie auf dem Sofa Platz nahm, bemerkte er den wachsamen Ausdruck in ihren Augen.

„Entspannen Sie sich.“ Er setzte sich ans andere Ende des Sofas. „Ich werde Sie nicht feuern.“

Sie stieß den Atem aus und lächelte ihm zu. „Gut zu wissen. Was kann ich dann für Sie tun?“

Er blickte sie an. „Sie können mir alles erzählen, was Sie in letzter Zeit über Ann Richardson gehört haben.“

„Wie bitte?“

„Wenn es Gerede gab, will ich es wissen“, sagte er kurz angebunden. „Sie haben bestimmt von dem Artikel gehört.“

Sie sah kurz von ihm weg. „In der letzten halben Stunde stand das Telefon kaum still.“

„Großartig. Wer?“

„Ich habe einen ganzen Stapel mit Nachrichten auf dem Schreibtisch, aber hauptsächlich waren es die anderen Vorstandsmitglieder und ein paar Reporter. Und ein Kabelsender hat wegen eines Interviews angefragt.“

Er ließ sich gegen die Sofakissen fallen und schüttelte den Kopf. „Das wird noch viel schlimmer werden, bevor es vorbeigeht.“ Er musste dringend mit Ann reden. Herausfinden, was genau vorging. Und eine Verteidigungsstrategie ausdenken. Sein Blick bohrte sich in Charlies. „Ich weiß, dass die Leute hier im Unternehmen darüber reden. Was haben Sie gehört?“

„Ich höre nicht auf Tratsch.“

„Was eigentlich ja gut ist. Aber jetzt muss ich wissen, worüber getratscht wird.“

Sie wirkte, als würde sie einen Kampf mit sich selbst ausfechten. Kurz erwog Vance, aus seiner Bitte einen Befehl zu machen, unterließ das aber. Er brauchte so viele Informationen wie möglich und wollte sie daher nicht unnötig gegen sich aufbringen.

Sie biss sich auf die Unterlippe. „Alle sind besorgt. Sie haben Angst, Waverlys könnte geschlossen werden und sie könnten ihre Jobs verlieren. Ehrlich gesagt, bin ich ...

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