Logo weiterlesen.de
Der Blutkönig

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. DANKSAGUNG
  6. WIDMUNG
  7. DIE CHRONIKEN DES NEKROMANTEN
  8. KAPITEL EINS
  9. KAPITEL ZWEI
  10. KAPITEL DREI
  11. KAPITEL VIER
  12. KAPITEL FÜNF
  13. KAPITEL SECHS
  14. KAPITEL SIEBEN
  15. KAPITEL ACHT
  16. KAPITEL NEUN
  17. KAPITEL ZEHN
  18. KAPITEL ELF
  19. KAPITEL ZWÖLF
  20. KAPITEL DREIZEHN
  21. KAPITEL VIERZEHN
  22. KAPITEL FÜNFZEHN
  23. KAPITEL SECHZEHN
  24. KAPITEL SIEBZEHN
  25. KAPITEL ACHTZEHN
  26. KAPITEL NEUNZEHN
  27. KAPITEL ZWANZIG
  28. KAPITEL EINUNDZWANZIG
  29. KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
  30. KAPITEL DREIUNDZWANZIG
  31. KAPITEL VIERUNDZWANZIG
  32. KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
  33. KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
  34. KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
  35. KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
  36. KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
  37. KAPITEL DREISSIG
  38. KAPITEL EINUNDDREISSIG
  39. KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG
  40. KAPITEL DREIUNDDREISSIG
  41. KAPITEL VIERUNDDREISSIG
  42. KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG
  43. KAPITEL SECHSUNDDREISSIG
  44. KAPITEL SIEBENUNDDREISSIG
  45. KAPITEL ACHTUNDDREISSIG
  46. KAPITEL NEUNUNDDREISSIG
  47. KAPITEL VIERZIG
  48. Hauptcharaktere
  49. Fußnote

Über die Autorin

Gail Martin wurde in Meadville, Pennsylvania, geboren. Sie ist Historikerin und Marketing-Fachfrau und hat zwanzig Jahre als Marketing-Leiterin für diverse Firmen und Organisationen gearbeitet. Regelmäßig schreibt sie Artikel für Fachzeitschriften. Sie ist Dozentin für Public Relations an der Universität in North Carolina. Ihre Leidenschaft für SF und Fantasy entdeckte sie bereits in der Grundschule. Geschichten schreibt sie seit ihrem 14. Lebensjahr. Gail Martin ist verheiratet und hat drei Kinder.

Gail Martin

DER
BLUTKÖNIG

Die Chroniken des Beschwörers – Band 2

Ins Deutsche übertragen von
Susanne Picard

DANKSAGUNG

Dieses Buch wurde möglich durch die liebevolle Geduld meiner Familie; sie hatten sich schon daran gewöhnt, mich mit Tris zu teilen und sind jetzt so großzügig, von mir und meiner Zeit noch mehr den Lesern und den Verpflichtungen, die mit einer Veröffentlichung einhergehen, abzugeben. Danke auch an meinen Ehemann Larry, einen wundervollen ersten Lektor und wunderbare Muse, und an meine Töchter Kyrie und Chandler, die die Rohentwürfe gelesen haben und ihren Freunden von diesem Buch erzählt haben. Und an meinen Sohn Cody, der so geduldig war, während ich geschrieben habe! Vielen Dank auch an die Crew beim Solaris-Verlag – Mark, Christian, George, Vincent und Caroline. Und natürlich an meinen Agenten Ethan, der den Stein ins Rollen gebracht hat.

DIE CHRONIKEN DES NEKROMANTEN

ES HATTE EIN abendliches Fest werden sollen, mit einem Bankett und Lustbarkeiten für den ganzen Hof. Aber am Ende des Feiertags für die Dahingeschiedenen, Spuken, ändert sich das Leben des neunzehnjährigen Prinzen Martris Drayke für immer, denn sein Halbbruder Jared tötet ihren gemeinsamen Vater und usurpiert den Thron. Unterstützt von seinem dunklen Magier Foor Arontala bringt Jared die gesamte königliche Familie um – alle außer Martris, der gerade noch mit der Hilfe einer Hand voll Freunde entkommen kann.

Ab jetzt ist Tris ein Ausgestoßener, gejagt von Jareds Meuchelmördern. Während Trauer und Gefahren Tris an seine Grenzen bringen, entdeckt er, dass er selbst der Magiererbe seiner Großmutter, der Magierin Bava K’aa, ist – einer mächtigen Zauberin, deren Geistmagie sie zu einer Seelenruferin gemacht hat, mit der es ihr möglich ist, zwischen den Lebenden, den Toten und den Untoten zu vermitteln. In einer Welt, in der die Geister sich frei bewegen können und in der des Nachts die untoten Vayash Moru umgehen, könnte diese starke Form der Magie der Vorteil sein, den Tris braucht, um den Thron zurückzugewinnen – wenn es ihm gelingt, seine neu entdeckten Kräfte davon abzuhalten, ihn vorher zu zerstören.

Tris flieht aus dem Palast Shekerishet mit drei guten Freunden: Carroway, einem Meisterbarden; Ban Soterius, Hauptmann der königlichen Leibwache und Tov Harrtuck, einem loyalen Offizier. Verzweifelt suchen sie nach einer Zuflucht in einem der benachbarten Königreiche, doch die vier werden von Kopfgeldjägern verfolgt, die Jared ausgeschickt hat, um Tris zu töten. Harrtuck bringt sie zu Jonmarc Vahanian, einem Söldner und Schmuggler, der sie über die gefährlichen Berge bringen kann, in das sichere Königreich Fahnlehen. Als sie sich einer reisenden Karawane anschließen, treffen sie dort die Heilerin Carina und ihren Bruder Cam, die in einer eigenen Mission unterwegs sind: Sie suchen nach einem Weg, König Donelan von Isencroft von einer durch Magie verursachten Krankheit zu heilen.

Als von Jared geschickte Sklavenhändler, die nach Tris und seinen Freunden suchen, die Karawane angreifen und zerstören, werden Cam, Soterius und Harrtuck scheinbar getötet. Nur Tris’ halbausgebildete Magie ist imstande, sie alle im Wald von Ruune Videya zu retten, als bösartige Geister dort ihre lang erwartete Rache an ihnen nehmen wollen. Tris und seine Freunde nehmen eine der Gefangenen der Sklavenhändler mit, ein Mädchen namens Berry, das ihnen bei der Flucht geholfen hat. Zwei der untoten Vayash Moru, Gabriel und Mikhail, schließen sich der Gruppe auf ihrem Weg an.

Unterwegs trifft Tris auch auf Kiara, die Tochter des Königs Donelan von Isencroft, die auf eine gefährliche Initiationsreise gegangen ist, um der vor langer Zeit eingegangenen Verlobung mit König Jared von Margolan zu entgehen. Kiara glaubt, dass Arontala hinter dem Fluch steckt, der ihren Vater langsam umbringt. Sie schließt sich der Sache von Tris an. Die Truppen des margolanischen Königs dicht auf den Fersen, finden sie schließlich Unterschlupf in der legendären Bibliothek von Westmark. Die Bibliothek ist ein Aufbewahrungsort uralter magischer Weisheit und steht unter der Aufsicht des exzentrischen Wächters Royster. In Westmark beginnt auch Tris’ Training mit den Schwestern, einer zurückgezogen lebenden Gruppe mächtiger Zauberinnen.

Tris lernt von der Schwesternschaft, dass Arontala den Orb, in dem Bava K’aa einst die Seele des Obsidiankönigs – eines dunklen und mächtigen Seelenrufers, der die Winterkönigreiche in den schicksalhaften Magierkriegen fünfzig Jahre zuvor nahezu zerstörte – gefangen hatte. Arontala plant, den Geist des Obsidiankönigs in der Nacht der Sommersonnenwende, dem Hagedornmond, freizulassen und ihm zu erlauben, in ihn zu fahren – und so dem uralten Bösen wieder einen Körper zu geben und Jareds Macht über Margolan und das ganze Gebiet der Winterkönigreiche zu zementieren.

Trotz aller Gefahren verlieben sich Tris und Kiara ineinander. Sie verlassen die Sicherheit der Westmark, damit Tris seine magische Ausbildung bei der Schwesternschaft fortsetzen kann, doch sie werden von margolanischen Attentätern angegriffen. Kaum haben sie sich aus einem Hinterhalt frei gekämpft, werden sie auch schon von den Soldaten des Königs Staden von Fahnlehen gefangen genommen. In der Überzeugung, sofort in Ketten zu Jared zurückgebracht zu werden, entdecken Tris und die anderen, dass ihre Gefangennahme Stadens Art und Weise war, sie sicher an seinen Hof zu bringen, wo Soterius und Harrtuck bereits das Vertrauen des Königs gewonnen haben. Berry, Stadens Tochter Berwyn, hatte ihren Vater überredet, Tris’ Sache zu unterstützen. Der anbrechende letzte Monat des Jahres beginnt für Tris im Exil. Er ringt darum, die machtvolle Geistmagie zu beherrschen, die gleichzeitig die Gefahr birgt, ihn zu zerstören. Tris muss einen Weg finden, den Thron von Jared zurückzugewinnen und Arontala zu besiegen – um Margolan zu befreien und die dunkle Magie des Obsidiankönigs daran zu hindern, sich wieder zu manifestieren.

KAPITEL EINS

MARTRIS DRAYKE, MARGOLANS Prinz im Exil, schrak auf, als die Tür des Kriegersaales sich öffnete und König Staden von Fahnlehen in die Ratskammer schritt.

»Heute reden wir von Krieg«, sagte Staden, als die Versammelten sich ehrerbietig erhoben. Er war mit einem Mann hereingekommen, der sehr steif wirkte und dessen militärische Haltung seine Aufgabe deutlich machte. Ebenso war ein nervöser Mann beim König, dessen Augen ständig über den gesamten Raum schweiften.

»Ich gab Euch mein Wort, meine besten Strategen zur Verfügung zu stellen, Prinz Drayke«, meinte Staden stolz. »Hier sind sie. Dies«, er wies auf den hochgewachsenen Mann, der selbst in dieser Situation strammzustehen schien, »ist General Darrath, und das hier«, er zeigte auf seinen anderen Begleiter, »ist mein bester Stratege Hant. Wenn ein erfolgreicher Feldzug geplant werden kann, dann werden die beiden das bewerkstelligen.«

Tris Drayke verbeugte sich anerkennend. »Danke, Euer Majestät«, antwortete er. »Ich stehe in Eurer Schuld.«

Nur ein Tag war vergangen, seit Tris und seine Begleiter in Stadens Palast gebracht worden waren. Sie waren von der königlichen Leibwache an der Grenze gefangen worden, als sie vor einem Hinterhalt von Mördern geflohen waren, die Jared von Margolan geschickt hatte. In diesem Moment, die Waffen beschlagnahmt und unter schwerer Bewachung stehend, war Tris sicher gewesen, dass man sie Jared hatte ausliefern wollen – wie Spielmarken in einem hochdotierten Würfelspiel. Stattdessen hatte Staden sie als Helden willkommen geheißen, dankbar für die Rückkehr seiner Tochter Berry. Am gestrigen Abend hatte es zu Ehren von Tris und seinen Freunden ein Bankett gegeben, mit dem die sichere Heimkehr der Prinzessin gefeiert worden war. Sie waren reichlich belohnt worden, mit Gold und Juwelen, und Jonmarc Vahanian war für seine Heldentat zum Lord von Dark Haven ernannt worden. Die Belohnung würde ausreichen, um Tris eine Söldner-Armee bezahlen zu lassen, um seinen Thron zurückzugewinnen. Unbeeindruckt von Jareds Drohungen hatte Staden Tris und seine Gefährten offen willkommen geheißen. Und so fand sich Tris nun an einem Tisch zusammen mit Fahnlehens führenden militärischen Offizieren und Strategen wieder, und begann, einen Krieg zur Befreiung Margolans von Jareds Herrschaft zu planen.

»Unsinn«, bellte Staden. »Lasst uns nicht wieder davon anfangen. Ich werde euch die Mahlzeiten hierher schicken. Nehmt euch die Zeit, die ihr braucht. Ich habe anderes zu tun«, meinte er geschäftig und wandte sich den massiven Holztüren zu. »Nehmt das Abendmahl mit mir ein«, lud er sie noch über die Schulter hinweg ein, als er den Saal verließ und die Tür mit einem Ruck hinter sich zu zog.

»Ihr seid also Martris Drayke?«, fragte Darrath mit einer Stimme, die rau genug war, um Holz zu schmirgeln.

»Der bin ich«, antwortete Tris.

»Komm näher, Junge.« Darrath winkte mit einem Finger. »Ich will dich aus der Nähe betrachten.«

Tris trat einen Schritt näher, aber der General winkte noch einmal. »Nah genug, damit ich dir in die Augen sehen kann. Ich will wissen, was in dir steckt.«

Tris überragte den General mit den markanten Gesichtszügen um einen Kopf. Darrath betrachtete ihn mit einem kalten Blick, als könne er bis auf die Knochen durch ihn hindurchsehen und für einen langen unbehaglichen Moment trafen Darraths Augen die seinen. Tris spürte, wie Darrath versuchte ihn einzuschätzen.

»Du bist dir im Klaren darüber«, meinte General Darrath endlich, »dass – falls wir dich unterstützen – Fahnlehen sich im Krieg mit deinem Heimatland befindet.«

»Darüber bin ich mir im Klaren.«

»Und du weißt«, fuhr Darrath fort, »dass viele Männer sterben werden, um dich wieder auf Margolans Thron zu setzen. Einige werden sagen, das sei nicht unsere Angelegenheit.«

»Es ist bereits die Angelegenheit Fahnlehens«, erwiderte Tris. »Jared hat seine Truppen bereits über eure Grenzen geschickt, um Kiara gefangen zu nehmen, die Schwesternschaft zu verfolgen und mich zu suchen. Er hat mit Sklavenhändlern verhandelt, die eure Prinzessin entführt haben und die einen Tag von Fahnlehens Grenze entfernt Gefangene genommen haben. Margolanische Flüchtlinge sammeln sich an euren Grenzen. Was Arontala noch nicht genommen hat, wird er sich nehmen, wenn erst der Hagedornmond gekommen ist. Margolans Sorgen sind bereits die von Fahnlehen.«

Darrath sah ihn für einen Moment schweigend an, dann nickte er. »Wohl gesprochen, Prinz Drayke. Dennoch erbittet Ihr einen enormen Gefallen. Ich frage mich: Habt Ihr den Mut, gegen König Jared und seinen dunklen Magier zu bestehen? Ihr zählt kaum zwanzig Sommer.«

»Ich bin kein kleiner Junge mehr«, antwortete Tris. »Ich bin ein Magier – und ein Seelenrufer. Und wenn die Lady es will, dann werde ich Margolan von Jared und seinem Zauberer befreien oder bei dem Versuch sterben.«

Darrath nickte erneut. »Ihr seid also gewillt, Euer Leben dafür zu geben. Aber seid Ihr auch gewillt, das Leben Eurer Freunde zu opfern?«

»Ich würde mein Leben gerne hingeben, um ihres zu retten«, erwiderte Tris. »Ich habe sie nicht gebeten, mit mir zu gehen. Sie haben ihre eigenen Gründe, Margolan von seiner Dunkelheit befreien zu wollen. Es ist ihre Entscheidung.«

»Tris spricht für uns alle«, meldete sich Kiara Sharsequin zu Wort. Die Prinzessin von Isencroft, die wie auf ihrer Reise die Tunika und die halblangen Hosen eines Soldaten trug, war ganz sicher eine fähige Kriegerin, die für sich selbst sprechen konnte. »Er hat uns nicht gebeten, ihm zu folgen. Aber keiner von uns kann Foor Arontala die Macht des Obsidiankönigs gewinnen lassen.« Neben ihr zischte ihr Jagdgyregon Jae. Tris wechselte einen Blick mit seinen Gefährten. Jonmarc Vahanian, ein Kämpfer, dessen Abenteuer – und Gesetzesübertretungen – Legende waren. Ban Soterius, einst Hauptmann der Leibgarde des verstorbenen König Bricen. Tov Harrtuck, Bricens Waffenmeister. Carroway der Barde, der zusammen mit Soterius und Harrtuck nach Jareds Staatsstreich dafür gesorgt hatte, Tris aus der Festung zu schmuggeln. Carina Jesthrata, die sich Tris’ Sache angeschlossen hatte, um Arontalas magischen Fluch über König Donelan von Isencroft zu brechen. Ihre Gesichter und die gemurmelte Zustimmung zeigten ihre Solidarität. Es waren ungewöhnliche Rebellen, jeder mit seinen eigenen Gründen dabei und jetzt, zusammengeschweißt durch geteilte Gefahr und tiefe Freundschaft, bereiteten sie einen Krieg gegen den Thronräuber Jared vor, um den Obsidiankönig zu zerstören.

Darrath blieb für einen Moment still, als bedenke er Kiaras Worte. »Sehr schön«, sagte er dann und bedeutete ihnen mit einer Geste, sich zu setzen. »Dann lasst uns anfangen.«

AM ABEND WAREN sie so in Diskussionen vertieft, dass Staden sich ihnen anschloss, und die Diener anwies, ihnen das Essen im Waffenzimmer zu servieren. Mikhail kam bei Sonnenuntergang.

»Ich hoffe, Ihr fandet, dass unsere Küche gut mit Hirschblut ausgerüstet ist?«, fragte Staden Mikhail.

Auf den sonst so blassen Gesichtszügen des Vayash Moru war genügend Farbe zu sehen, um zu erkennen, dass er erst kürzlich etwas zu sich genommen hatte. »Euer Koch war äußerst großzügig. Ich habe hervorragend gespeist.«

Obwohl seine Züge und seine Gestalt die eines Mannes in den frühen Zwanzigern waren, war Mikhail, einer der Untoten, bereits vor zweihundert Jahren ein Gefolgsmann von Tris’ Ahnherrn König Hotten gewesen. Jetzt hatte sich Mikhail den Bemühungen angeschlossen, Jared Drayke zu stürzen.

Beim Klang der Abendglocken hatte die Gruppe die Befähigung sämtlicher Söldnertruppen in Fahnlehen überprüft. Fahnlehen war berühmt für die bezahlten Truppen, die innerhalb seiner Grenzen operierten und dabei die verhältnismäßig kleine reguläre Armee gut ergänzten. Fahnlehen war klein und wohlhabend, und seine nördlichen Goldminen bekannt für ihre reichen Adern. Es hatte seine Unabhängigkeit dreihundert Jahre zuvor erlangt, ein Überbleibsel der sich über Generationen hinziehenden Auseinandersetzungen zwischen der Ostmark, Margolan und Dhasson, als sich ein Kriegsherr zur Macht aufgeschwungen hatte, während die Großmächte von ihren eigenen Kämpfen abgelenkt waren.

Damals hatte Algor der Lange gute Beziehungen zu den besten Söldner-Heeren unterhalten und mit ihnen die bescheidene Armee, die Fahnlehen mit seiner eigenen spärlichen Bevölkerung unterhielt, aufgestockt. Im Gegenzug für die Erlaubnis, ihr Geschäft frei zu betreiben, versprachen die Söldner-Heere ihre Absicht, wenn schon nicht ihre Loyalität, das kleine Land zu beschützen und schworen, dass sie nie ihre Schwerter gegen Fahnlehen erheben würden. Es war ein Arrangement, das dem Königreich zum Vorteil gereichte: Die Söldner-Heere, die von Fahnlehen als Basis aus operierten, waren die vertrauenswürdigsten in einem unsicheren Gewerbe, und die Mächtigeren wussten, es war den Ärger nicht wert, das Königreich zu erobern.

Mehr als einen Kerzenabschnitt lang diskutierten Harrtuck und Vahanian hitzig über die Vorteile einer Armee vor der anderen, immer wieder unterbrochen von Soterius’ deutlich zum Ausdruck gebrachten Meinungen und Mikhails eher gemäßigter Haltung. Kiara warf ebenfalls mehr als einmal ihre Meinung in die Runde und bewies dabei ein Wissen über Söldner-Heere und ihre Kampftechniken, die Tris beeindruckte. Carina und Carroway saßen am anderen Ende des Tisches, ganz klar in der Absicht, anwesend zu sein, aber zu schweigen und die Diskussion aufmerksam zu verfolgen. Royster, der Bibliothekar der Westmark, der Hochburg der Schwesternschaft, protokollierte die Debatte, um sie seiner Chronik hinzuzufügen.

Tris lehnte sich nach vorn, um auch wirklich jedes Wort mitzubekommen. Er wusste genau, wie behütet er als König Bricens zweiter Sohn aufgewachsen war. Müde strich er sich eine Locke seines weißblonden Haars aus der Stirn, die ihm in die Augen gefallen war. Er wollte dazulernen und so überließ er die Diskussion den erfahrenen Soldaten. Darrath führte die Diskussion mit lang geübter Geduld, und warf hin und wieder seine eigenen Eindrücke über die Heere ein, die hier in der Gegend überwinterten.

Sie legten fest, dass Harrtuck die Söldner-Truppen kommandieren würde und aßen, während sie angeregt darüber debattierten, wie sie Jared und seine Armee beschäftigen konnten. Hant sagte wenig und beobachtete das Gespräch mit unheimlichem Schweigen, so, als wolle er das Wesen eines jeden hier am Tisch erfassen. Seine dunklen Augen wanderten von Sprecher zu Sprecher. Schließlich hob er die Hand und bat um Ruhe.

»Habt Ihr euch Folgendes überlegt«, meinte Hant in einem Ton, der deutlich machte, dass dieser Gedanke tatsächlich noch niemandem hier gekommen war, »dass es eine Alternative dazu gibt, Margolan mit Gewalt zu erobern?«

Harrtuck runzelte die Brauen, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Wie lautet Euer Vorschlag, um das zu erreichen? Einmarschieren und Jared bitten, freundlich beiseite zu treten?«

Hants Mundwinkel zuckten in einem kalten Lächeln. »So etwas in der Art. Vielleicht ein bisschen weniger zivilisiert. Mein Vorschlag wäre, dass die Armeen engagiert werden, aber nicht in Margolan einmarschieren.«

»Und wozu soll das gut sein?«, verlangte Soterius zu wissen und fuhr mit der Hand durch sein kurzgeschnittenes rotbraunes Haar.

»Ihr wart Hauptmann der königlichen Wache, nicht wahr?« Hant richtete seinen kalten Blick auf den nickenden Soterius. »Waren Eure Truppen kaltblütige Killer?«

Soterius sah beunruhigt aus. »Margolans Armee war eine diszipliniert kämpfende Truppe. Aber es waren keine Monster.«

Hant legte nachdenklich seine Finger zusammen. »Kennt Ihr diese Männer persönlich?«

Soterius bestätigte das. »Viele von ihnen. Ich würde sogar noch mehr vom Sehen her wiedererkennen, auch wenn ich vielleicht keinen Namen zu den Gesichtern hätte.«

»Dann wären vielleicht einige – wenn sie nicht verhext sind – dazu bereit, das Böse aufzuhalten, das in Eurem Heimatland wächst, wenn sie an einen Sieg glaubten?«, fragte Hant.

Soterius dachte darüber nach, seine dunklen Augen sahen nüchtern aus. »Ich denke schon«, antwortete er. »Es sei denn, Jared hat alle guten Männer getötet und sie mit solchen von seiner Art ersetzt.« Er schwieg für einen Moment. »Eins der schwierigsten Dinge wird die Unterscheidung sein, welche Soldaten denn getötet und geplündert haben – ob nun auf eigene Faust oder auf Befehl Jareds hin.«

»Befehl oder nicht, jeder Soldat ist für seine Entscheidungen selbst verantwortlich.« In Vahanians Stimme hallten seine bitteren Erfahrungen nach. »Die Soldaten, um die es euch geht, werden jetzt Ausgestoßene sein – wenn sie nicht schon gehängt wurden. Die, die jetzt noch Uniform tragen, sind Feinde.«

»Ich habe kein Interesse daran, Fahnlehen und Margolan in einen Krieg verwickelt zu sehen, der vielleicht viele Jahre andauert«, sagte Darrath. »Ich glaube, ich weiß, was Hant sagen will. Wenn ihr heimlich nach Margolan eindringt und seine Truppen gegen Jared aufbringen könnt, dann brauchen wir keine bezahlten Soldaten gegen eure Leute einzusetzen. Seid ihr bereit, dieses Risiko auf euch zu nehmen?«

Wieder machte Soterius eine Pause, dann sah er Tris an und zurück zu Darrath. »Das bin ich.«

»Ich werde mit ihm gehen«, meldete Mikhail sich zur Überraschung aller freiwillig. Der Vayash Moru schien von ihrer Reaktion unbeeindruckt zu sein.

»Ich wäre dankbar für die Gesellschaft«, erwiderte Soterius.

»Und was ist mit den Söldnern?«, verlangte Harrtuck zu wissen.

»Die Söldner-Heere würden die Grenzen verteidigen«, meinte Darrath und beugte sich nach vorn, als er Hants Vorschlag in seiner vollen Tragweite begriff. »Ihr könnt Jared zwischen Margolans Nordgrenze und dem Fluss binden und an den Grenzen patrouillieren.« Er beugte sich über die Karte. »Die verzauberten Bestien, die Arontala geschickt hat, um Tris daran zu hindern, Dhasson zu erreichen, sollten Jared vom Osten abschneiden, bis sie gebannt wurden.«

»Wir wissen nicht, was in Isencroft vor sich geht«, fügte Kiara hinzu. »Carinas Bruder Cam hätte Vater sicher gefragt, ob er Tris unterstützen kann, aber wir haben keine Möglichkeit zu erfahren, was Vater wird tun können.«

»Vielleicht doch«, sagte Staden jetzt von der Tür her, wo ein Page dringend um Einlass ersucht hatte. Er trat beiseite, um einen schmutzigen und zerlumpten Boten einzulassen. »Dieser Reiter kam vor nicht ganz einem halben Kerzenabschnitt von Isencroft. Welche Nachrichten er auch immer bringt, sie müssen wichtig sein, wenn er einen so langen und gefährlichen Ritt auf sich genommen hat.«

Kiara und Carina waren eifrig von ihren Stühlen aufgesprungen, um dem erschöpften Reiter auf halbem Wege durch den Raum entgegenzukommen. Der Bote zog aus einer Tasche unter seinem Umhang ein versiegeltes Pergament hervor, das Kiara mit zitternden Händen entgegennahm. »Sieh«, meinte sie zu Carina. »Das ist Vaters Handschrift.«

»Lies!«

Kiara las die Botschaft schweigend, ihr kastanienbraunes Haar fiel ihr ins Gesicht, dessen Ausdruck erst immer ernsthafter, dann aber erleichtert wirkte. Sie sah auf, und ihre mandelförmigen, dunklen Augen leuchteten. »Der Trank, den die Schwestern mit Cam geschickt haben, hat es Vater ermöglicht, dem auszehrenden Fluch etwas besser zu widerstehen«, teilte sie aufgeregt mit. »Er konnte wieder einige seiner Aufgaben übernehmen. Und er hat die Armee zur margolanischen Grenze geschickt, damit sie den Kampf gegen Jared Drayke dort unterstützen kann – soweit das in Isencrofts schwachen Kräften steht. – Und da ist noch mehr. Er sendet König Staden seine Grüße«, sagte sie und warf einen Blick auf ihren Gastgeber, »und er erkennt Martris Drayke, Sohn des Bricen, offiziell als den rechtmäßigen König von Margolan an.« Sie sah Tris überrascht an.

»Dann haben wir ihn!«, sagte Mikhail und arrangierte die kleinen, hölzernen Figuren auf der Karte der Winterkönigreiche neu, die auf dem Tisch ausgebreitet lag.

»Die Söldner also in den Nordosten, zum Fluss, Dhasson im Osten, Isencroft im Westen. Trevath im Süden hat guten Grund, sich vor einer Einmischung zu hüten. Jared wird so von allen Seiten bedrängt, während wir seine Armee gegen ihn aufbringen.«

»Aye.« Harrtucks Stimme war nüchtern. »Und nicht wenige der Flüchtlinge werden ebenfalls zu den Waffen greifen, wenn sie erst wissen, worum es geht, schätze ich. Mehr als einmal habe ich bereits erlebt, dass eine gut ausgebildete Armee einem Mob von Bauern mit einer Sichel und einem rechtschaffenen Ziel zum Opfer fällt.«

»Euer Vorschlag klingt gut«, sagte Tris langsam. »Aber was soll ich dabei tun? Hinter den Linien warten, bis Jared geschlagen ist?« Er schüttelte den Kopf, seine grünen Augen sahen besorgt in die Runde. »Das wird nicht funktionieren.«

Darrath sah ihn wieder schweigend an und Tris glaubte, ein kleines bisschen Anerkennung in dem Blick des abgebrühten Mannes zu sehen. »Was würdet Ihr tun, Prinz Drayke, wenn Ihr nicht warten wollt?«

»Ich muss mich Arontala stellen«, antwortete Tris und erwiderte Darraths unnachgiebigen Blick. »Ich muss nach Shekerishet zurück und die Sache beenden.«

»Allein?«, fragte Darrath herausfordernd.

»Nicht allein. Ich werde mit ihm gehen«, meinte Kiara.

»So wie ich«, fügte Carroway hinzu.

»Ich habe ebenfalls noch eine alte Rechnung zu begleichen«, knurrte Vahanian. »Zählt auf mich.«

»Und auf mich«, meinte Carina.

»Nehmen wir an, Ihr könntet Margolan lebend erreichen«, sagte Darrath. »Was dann? Werdet Ihr einfach zu den Palasttoren marschieren und um Einlass bitten?«

»Nein«, erwiderte Tris kopfschüttelnd. »Ich denke schon darüber nach, seit wir den Palast verlassen haben und es gibt nur einen Weg hinein.« Er machte eine Pause. »Von oben.«

Vahanian hob eine Augenbraue. »Kannst du fliegen?«

Tris grinste. »Nein, aber das muss ich gar nicht. Shekerishet ist in eine steile Klippe hineingebaut. Keiner hat es je von dort angreifen können, also wird Jared das jetzt nicht erwarten.«

Darrath räusperte sich. »Ich zweifle nicht an Euren Fähigkeiten als Seelenrufer, Prinz Drayke«, begann der alte Mann, »aber wenn keiner je vom Kliff her die Wälle Shekerishets eingenommen hat, wie wollt Ihr das dann jetzt anstellen?«

Tris tauschte ein wissendes Grinsen mit Soterius. »Nun, es wäre sicher korrekter, wenn man sagte ›keiner, der je mit Margolan im Krieg stand‹, hat je die Kliffseite des Palastes erklommen. Ich habe einmal mit Ban gewettet, dass er es nicht könnte und er hat die Wette unter der Bedingung angenommen, dass ich mit ihm komme. Er kommt aus dem Hochland, und dort können sie klettern wie die Bergziegen. Wir haben es bis zum Gipfel geschafft und sind dann über die höchsten Wehrgänge hereingekommen, alles noch vor dem Mittagessen. Weder Jared noch Vater haben je davon erfahren, und wir haben auch selbst nichts gesagt, weil Vater das sicher missbilligt hätte.« Er lachte leise. »Margolan hatte in seiner ganzen Geschichte nie Krieg mit dem Hochland.«

»Und Ihr glaubt, Ihr schafft das noch einmal?« Hant lehnte sich nach vorn.

Tris zuckte die Achseln. »Es ist der einzige Weg hinein, ich werde es also schaffen müssen.«

»Ich habe Klettern eigentlich nie gemocht«, lautete Vahanians Kommentar. Kiara stieß ihm den Ellbogen in die Rippen und sah ihn böse an. Er rollte die Augen. »Aber ich denke, ich könnt’s lernen.«

»Ich bin dabei«, meinte Kiara spielerisch.

Carina sah unsicher aus, während Carroway sich zu Wort meldete. »Ich kann mir Carina und mich nicht vorstellen, wie wir die Festung im Sturm erobern«, meinte der Barde. »Aber wenn wir irgendwelche wohlgesonnenen Kräuterhexen und meine Spielmannsfreunde fänden, könnten wir für eine Ablenkung sorgen, die Menschen ein wenig aufhetzen, einen Aufruhr anzetteln – so etwas in der Art. Die Wachen von dem, was wirklich passiert, ablenken.«

Hant nickte gedankenverloren. »Das könnte funktionieren. Ja, das könnte es«, wiederholte er.

»Es ist zu riskant«, meinte Darrath und schüttelte den Kopf.

»Natürlich ist es das«, widersprach Hant. »Und deshalb mag ich es. Nur ein Narr würde so etwas versuchen.«

»Ich bin nicht sicher, ob mir sein Ton gefällt«, flüsterte Tris Kiara zu.

Hant sah schnell auf, sein feines Gehör hatte Tris’ Bemerkung sehr wohl aufgeschnappt. »Das war es nicht, was ich meinte.« Er lachte leise, als er an die Waghalsigkeit des Plans dachte. »Das werden sie nicht erwarten. Zu mutig, zu riskant. Sie werden an den Grenzen nach Armeen Ausschau halten und wenn sie damit beschäftigt sind, unsere Spiegelfechtereien abzuwehren, werdet Ihr heimlich in die Festung schlüpfen wie Spinnen.« Er rieb sich die Hände. »Oh ja, das klingt vielversprechend.«

»Er hat gut reden«, meinte Vahanian eher zu sich selbst. »Er geht ja auch nicht.«

»Schsch«, warnte Kiara.

Darrath nickte. »Ich habe keinen besseren Plan«, gab der General zu. »Und da ist ein Moment der Überraschung, den ich verführerisch finde.«

»Verführerisch«, kommentierte Vahanian trocken. »Ich würde mich besser fühlen, wenn Ihr ›vielversprechend‹ oder ›brillant‹ sagen würdet.«

Darrath ignorierte ihn. »Wann plant Ihr aufzubrechen, Prinz Drayke?«

Über diesen Punkt hatte Tris schon den ganzen Abend nachgedacht. »Wir müssen den Palast vor dem Hagedornmond erreichen. Dann will Arontala versuchen, den Geist des Obsidiankönigs freizulassen.«

Darrath zog eine Grimasse. »Ist so etwas überhaupt möglich?«

Tris nickte. »Die Schwesternschaft glaubt daran. Ich kann es nicht darauf ankommen lassen.«

Darrath rieb sich das Kinn. »Das ist in einem halben Jahr.«

»Mikhail und ich fangen mit den Flüchtlingen an. Wenn wir ein paar Gruppen von ihnen vorbereiten, können wir sicherstellen, dass Jared nicht noch mehr Soldaten über die Grenze schickt. Die Söldner können dann hinter uns aufräumen. Der Schnee ist ein Problem, aber das sollte nicht mehr so schlimm sein, wenn wir erst einmal weiter im Süden in Richtung Margolan gekommen sind. Und wir gehen in kleinen Gruppen, nicht als eine ganze Armee«, meinte Soterius. »Wir brauchen Zeit, um dem Rest von euch das Klettern beizubringen. Wir werden mehr als zwei Monate von hier bis zum Palast in Margolan brauchen, wenn wir nicht die Hauptstraßen benutzen.«

»Es wird ebenso Zeit brauchen, die Söldner anzuwerben«, fügte Harrtuck hinzu. »Sie überwintern hier und wollen sich nicht verdingen. Sie werden verproviantiert werden müssen.«

Es würde also dauern, Zeit, so wusste Tris, in der er selbst wenigstens einen Bruchteil seines Trainings durchmachen und lernen musste, die gewaltige Macht zu beherrschen, die er gerade erst mühsam unter Kontrolle brachte. In der Bibliothek von Westmark hatte Tris erfahren, dass seine Großmutter, die große Geistmagierin Bava K’aa, ihm so viel Ausbildung hatte angedeihen lassen, wie sie hatte wagen können und dann die Erinnerungen daran tief in seinem Gedächtnis vergraben hatte, um ihn zu schützen. Mit der Hilfe der Schwesternschaft, des Obersten Bibliothekars Royster und der anderen Wächter hatte Tris diese Erinnerungen wieder an die Oberfläche geholt und soviel Training hinzugefügt, wie die Zeit erlaubt hatte.

Obwohl er erst einen vollen Tag in Fahnlehen-Stadt war, war bereits eine Nachricht von der Schwesternschaft gekommen, dieses schattenhaften Rats von Hohen Magierinnen, denen Bava K’aa einst vorgestanden hatte. Die Botschaft besagte, dass Tris und Carina die Zitadelle der Schwesternschaft in der Stadt aufsuchen sollten, um dort die Ausbildung fortzusetzen.

Diese Aufforderung und die Annahme, dass seine Ausbildung die Dienste einer professionellen Heilerin – Carinas – benötigte, lasteten schwer auf Tris’ Seele. In der kurzen Zeit bis zum Hagedornmond, so wusste Tris, musste er bewältigen, was die Schwesternschaft ihm noch beibringen musste. Und in diesen wenigen Monaten mussten Kiara und Vahanian sich die Fähigkeiten von Bergsteigern aneignen, die glatte Felswände erklimmen konnten. Soterius musste die Flüchtlinge und margolanische Deserteure finden und kontaktieren und er selbst musste auch noch seine Kampfkünste so aufstocken, dass er sich selbst halten konnte. Das alles würde Zeit brauchen, befürchtete Tris, Zeit, die sie nicht hatten, aber ohne die sie nicht auskamen.

Hant nickte. »Wir können es schaffen.«

Darrath nickte zustimmend. »Gut.« Er legte die Hände auf den Tisch, als er aufstand. »Hant und ich werden euch alles, was ihr an Waffen und Ausrüstung benötigt, zur Verfügung stellen. Eure Pferde werden die besten in Fahnlehen sein. Und ihr werdet Gold genug für die Söldner haben«, nickte er Harrtuck zu. »Genug, um sie aus ihrem Winterschlaf zu wecken, denke ich.«

»Ich danke Euch«, sagte Tris.

Darrath erwiderte seinen Blick freimütig. »Versteht mich nicht falsch, Prinz Drayke. Ich unterstütze Euch nicht, weil mir Margolan am Herzen läge. Aber was Ihr sagt, ist wahr. Damit Fahnlehen seinen Frieden bewahren kann, müssen wir das Böse in Margolan besiegen – oder alles verlieren.« Er machte eine kurze Pause. »Ich bezweifle nicht, dass Jared, gelänge es ihm, Margolan zu sichern und in Isencroft einzumarschieren, nicht auch höchstwahrscheinlich einen begehrlichen Blick auf die Minen von Fahnlehen werfen würde, um seine Schatzkammer aufzufüllen.«

Hant nickte. »Ich stimme Euch zu. Jetzt ist Margolans Sache auch die unsere.«

»Dann ist es beschlossen«, sagte Staden aus dem Stuhl, aus dem er die Debatte seit über einem Kerzenabschnitt verfolgt hatte, seine kräftigen Arme über seiner Brust verschränkt. »Bis dahin seid Ihr und Eure Gefährten in meinem Haus willkommen.«

Tris neigte den Kopf. »Wir stehen in Eurer Schuld.«

Staden wedelte missbilligend mit seinen Händen. »Fangt nicht wieder damit an, oder Ihr werdet mir danken und ich muss mich wiederum bei Euch bedanken und wir werden die ganze Nacht hier verbringen. Die Entscheidungen sind gefallen – wer möchte mit mir ein Glas Portwein trinken?«

KAPITEL ZWEI

TRIS ZOG SEINEN Umhang enger um sich, als die Kutsche des Königs ihn zur Zitadelle der Schwesternschaft brachte. Neben ihm sah Carina so aus, als wäre ihr ebenso kalt. »Ich frage mich immer noch – welche Art von Ausbildung erfordert eine Heilerin?«, fragte sie. Sie rückte ihre Decke zurecht und rieb die Hände ineinander.

Tris brachte ein mattes Lächeln zustande. »Das habe ich mich auch schon gefragt. Und mir fallen keine angenehmen Antworten darauf ein.«

Carina zog eine Grimasse. »Tris – wie sicher bist du, dass die Schwesternschaft auf unserer Seite ist?«

»Großmutter hat immer gesagt, dass die Schwesternschaft auf ihrer eigenen Seite ist«, antwortete er. »Ich habe Royster gestern Abend so gut ausgefragt, wie ich konnte – immerhin war er über 50 Jahre lang der Wächter ihrer Bibliothek in Westmark. Er sagte – und er war verdammt zugeknöpft, bis ich ihn bedrängt habe –, dass seit Großmutters Tod ein Riss durch die Schwesternschaft geht, der bis in die Zeit des Krieges mit dem Obsidiankönig zurückreicht.

Laut Royster wurden in diesem Krieg so viele Hohe Magier getötet, dass die, die ihn überlebt haben, entweder schwer verwundet oder sehr verängstigt waren. Die Schwesternschaft erlitt schwere Verluste. Großmutter wurde fast getötet.« Er seufzte. »Als Großmutter sich erholt hatte und die Führung der Schwesternschaft übernahm, spalteten sich die Schwestern in zwei Gruppen auf: Eine, die der Ansicht war, der magische Krieg habe bewiesen, dass sich die Schwesternschaft nicht einmischen dürfe, und eine andere, die dachte, dass sorgfältiges Eingreifen der einzige Weg sei, den Frieden zu bewahren.«

»Was war mit deiner Großmutter?«

Tris sah aus dem Fenster der Kutsche in den kalten Wintermorgen. »Großmutter hat immer gesagt, dass Macht jeglicher Art – körperlich, magisch oder politisch – ein Geschenk der Göttin sei, das man zum Nutzen aller verwenden müsse.«

»Diese Balance ist schwer zu halten«, meinte Carina so tief in ihren Mantel und ihre Decke vergraben, dass nur ihr Gesicht zu sehen war.

»Was ich aus Royster herausbekommen habe, lässt mich annehmen, dass es einige heftige Auseinandersetzungen darüber gegeben hat, was sie mit mir anstellen sollen«, fuhr Tris fort. »Wie es aussieht, haben die Magierinnen, die auf der Seite meiner Großmutter waren, fürs Erste gewonnen, und so war die Schwesternschaft damit einverstanden, mich auszubilden. Aber ich bin nicht sicher, ob das bedeutet, dass sie uns ihre volle Unterstützung anbieten. Ich denke nicht, dass wir auf sie zählen können, wenn etwas schiefläuft.«

»Aber wir haben doch gehört, dass Arontala Magierinnen verfolgt! Ist dieser Krieg nicht schon allein deshalb die Sache der Schwestern?«

Tris zuckte die Achseln. »Nicht jede Magierin gehört auch zur Schwesternschaft. Sie sind eine ziemlich exklusive Gruppe. Und Royster vermittelte mir den Eindruck, dass einige von ihnen denken, dass die Schwesternschaft sich gar nicht in die Äußere Welt einmischen sollte. Sie wollen die Magie studieren und den Rest von uns unserem eigenen Schicksal überlassen.« Er schwieg. »Aber auch wenn Royster nichts darüber gesagt hat, ich habe mich gefragt, ob die Magierinnen, die die Schwesternschaft nun führen, überhaupt so mächtig sind wie die, die damals den Krieg der Magier ausgefochten haben. Vielleicht wenden sie sich nach innen, weil sie nicht mehr das sind, was sie einmal waren«, spekulierte er weiter. »Vielleicht glauben sie, sie können gegen Arontala nicht bestehen – geschweige denn gegen den wiedergeborenen Obsidiankönig – oder gar gewinnen, und so wollen sie es gar nicht erst versuchen.«

»Aber dich schicken sie? Das lässt mich nicht besser über diese Ausbildung denken.« Carina schauderte.

Tris lachte freudlos. »Du bist ja nicht diejenige, die ausgebildet wird.«

Carinas Sorgen machten ihn nur nervöser. Bava K’aa hatte nur wenig über die Schwesternschaft gesagt, und das wenige war in der Regel etwas über Schwestern gewesen, die eine bestimmte Seite einnahmen oder die verschiedene Ansichten gegeneinander vertraten. Jetzt fragte sich Tris, ob er im Spiel der Schwesternschaft das Ass oder das Bauernopfer darstellte.

»Du sagtest, Schwester Taru hat die Botschaft geschickt?« Carinas Frage weckte Tris aus seinen brütenden Gedanken.

Er nickte. »Das ist das Erfreuliche. Ich habe mit ihr in Westmark gearbeitet, ich vertraue ihr.«

»Sie kannte deine Großmutter?«

»Taru war Großmutters Assistentin.«

»Taru vertraue ich«, stimmte Carina zu. »Bei den anderen bin ich nicht so sicher.«

DIE KUTSCHE WENDETE und Tris sah die Zitadelle, ein großes, von grauen Mauern umgebenes Areal, beinahe wie eine Stadt in der Stadt. Die aus behauenen Steinen bestehenden äußeren Mauern sahen älter aus als die Gebäude des Stadtteils und sahen aus, als wollten sie für Abstand sorgen, was durch eine weite offene Fläche verstärkt wurde, die die überfüllte Stadt von der Zitadelle fernhielt.

Nur ein paar enge, hohe Fenster ein paar Stockwerke über dem Boden durchbrachen die Mauer der Festung. Ein Fallgitter öffnete sich jetzt, um die Karosse einzulassen und Tris fühlte, wie sich sein Magen verkrampfte, als er den dumpfen Knall hörte, mit dem das eiserne Gitter hinter ihm wieder zufiel.

Eine Gestalt in einem weiten Gewand wartete auf sie im Schnee, als Tris Carina aus der Kutsche half.

»Willkommen«, sagte Taru und schlug ihre Kapuze zurück. Tarus kurz geschnittenes weißes Haar umrahmte ein hageres Gesicht, und ihre Kutte umhüllte eine schlanke Figur. Ihr breites Lächeln war eine ehrliche Begrüßung. Tris fühlte, wie er sich entspannte – wenigstens ein bisschen.

Tris verbeugte sich höflich und Carina umarmte Taru. »Vielen Dank, dass du uns hier erwartest«, sagte Tris, als sie die breiten, schneebedeckten Stufen hinaufgingen, die in die Festung führten. Die Fassade der Zitadelle war so beeindruckend wie nur irgendein Palast, und in die Torbögen über den schweren, eisenbeschlagenen Türflügeln waren komplizierte Runen und ineinander verschlungene Zeichen geschnitzt.

Noch bevor die Türen sich öffneten, konnte Tris eine alte und starke Magie spüren. Die Wände schienen Macht auszustrahlen, als pulsierten sie mit der Kraft des magischen Wirkens, das in ihnen stattgefunden hatte. Tris hoffte, er würde einen Nachklang der Magie seiner Großmutter auffangen können, dieses Gefühl, das ihre Räume in Shekerishet immer noch ausstrahlten, wie ein altes Parfüm. Aber hier war keine bekannte Resonanz, und Tris stellte fest, dass diese Abwesenheit seine Nervosität noch verstärkte.

Ein Bediensteter sammelte ihr Gepäck ein und folgte ihnen damit. »Habt ihr euch darauf vorbereitet, wenigstens zwei Wochen hierzubleiben?«, fragte Taru.

Tris kicherte. »Wir haben gelernt, mit möglichst wenig Gepäck zu reisen«, antwortete er trocken. »Seit ich Shekerishet nur mit den Kleidern verlassen habe, die ich auf dem Leib trug, kommt mir schon ein ganzes Paket wie Luxus vor.«

Carina zuckte die Achseln. »Ich habe meine Kräuter und Pulver dabei – und einige Bücher, die Royster und ich von Westmark mitgebracht haben. Ich habe gelernt, damit auszukommen.« Sie brachte ein Grinsen zustande. »Ich hoffe, du erwartest nicht, dass wir uns in Hofroben kleiden!«

Taru lächelte. »Nein, meine Liebe. Wir haben Roben übrig, was ihr darunter tragt, ist eure Sache«, fügte sie mit überraschendem Übermut hinzu.

Innerhalb der großen Tore gelangten sie in eine große, imposante Eingangshalle. Rundherum in der Halle standen acht überlebensgroße Marmorstatuen der Göttin – vier helle und vier dunkle – auf Piedestalen. Tris sah die Statuen von der Mutter und dem Kind, die Aspekte, die in Margolan angebetet wurden, aber im freundlichen Blick der Mutter und dem geheimnisvollen des Kindes konnte er keinen Trost finden. Es war Istra, die Dunkle Lady, die seine Aufmerksamkeit fesselte. Istra, die Schirmherrin der Vayash Moru und der Ausgestoßenen, die Herrin der verlorenen Seelen. Tris konnte das Gefühl nicht abschütteln, der Blick von Istras Statue folge ihm.

Carina schien mit ihren Gedanken woanders zu sein, als sie tiefer in das Gebäude hineingingen. Tris sah sich um. Tapisserien bedeckten die Wände vom Boden bis zur Decke, und er konnte auf den ersten Blick erkennen, dass sie älter und feiner gewoben waren als alle, die er in Stadens Palast oder auch im heimatlichen in Shekerishet gesehen hatte. Wo er auch hinsah – die Möbel, die vorzüglich gearbeiteten Kandelaber und Fackelhalter, die Becken, aus denen wahrgesagt werden konnte und die ledergebundenen Folianten – Tris konnte einen Wohlstand und eine Macht erkennen, die jeden König in den Winterkönigreichen beeindruckt hätte.

Für eine Gruppe, die sich nicht in die Belange der Sterblichen einmischen will, hat die Schwesternschaft gut für sich gesorgt, dachte Tris.

»Diese Zitadelle wurde vor über 500 Jahren gebaut«, erklärte Taru auf dem Weg. »Sie ist älter als Stadens Palast. Wir können hier bequem mehr als zweihundert Schwestern unterbringen, auch wenn die meiste Zeit nur um die fünfzig hier leben. Viele kommen und gehen, bleiben für ein paar Monate und schließen sich dann einer unserer anderen Niederlassungen an.«

Sie stiegen eine breite, gewundene und freitragende Treppe hinauf, die frei zu schweben schien und nicht an der Wand entlang führte. In der Spirale, die die Treppe bildete, hing ein riesiger Kronleuchter, mindestens so groß wie die Kutsche, die sie hierher gebracht hatte, und Tris fragte sich unwillkürlich, ob die Kerzen auf irgendeine andere Weise als auf eine magische angezündet werden konnten. Die Stufen verjüngten sich, als sie die oberen Stockwerke erreichten, und schließlich führte Taru sie einen langen Korridor entlang. Tris war überwältigt von den Überresten der alten Macht, als würde das Prickeln der alten Magiereste ihn wie eine dicke Wolke ersticken. Sogar Magierschlächter schien auf die es umgebende Magie zu reagieren; die verzauberte Klinge regte sich, als sei sie erwacht.

Vor zwei Türen, die sich rechts in den Korridor öffneten, hielt Taru an. »Ich habe euch in zwei aneinander angrenzenden Zimmern untergebracht. Ich hoffe, das macht euch nichts aus«, sagte sie. »Dazwischen befindet sich ein Wohnzimmer. Ich dachte, das gibt euch ein wenig Privatsphäre – und macht es einfacher, wenn Carina sich um dich kümmern muss.«

Tris schauderte. »Für euch scheint klar zu sein, dass ich ernsthaftes Heilen nötig haben werde. Welche Art von Ausbildung wollt ihr mir genau angedeihen lassen?«

Taru bugsierte sie in den Raum und bedeutete dem Bediensteten, das Gepäck im Wohnzimmer zu lassen. Ein Feuer brannte bereits in einem großen, gemauerten Kamin und machte das Wohnzimmer, wenn es auch nicht so verschwenderisch eingerichtet war wie die Eingangshalle, so behaglich wie nur irgendein Gästequartier in einem Palast. Eine Teekanne und ein kleinerer Wasserkessel hingen dampfend über den Kohlen, und einige Sessel und eine kleine Couch luden zum bequemen Daraufsitzen ein. Es gab einen breiten Studiertisch mit einem vierarmigen Kerzenleuchter darauf, und eine Wand war mit Bücherregalen bedeckt. Ein schneller Blick gab Tris Anlass zu glauben, dass es sich dabei um dicke Wälzer über Heilkunde handelte, und sein Unbehagen nahm noch einmal zu.

Taru schloss die Tür hinter ihnen, nachdem sie noch einen schnellen Blick den Gang hinunter geworfen hatte, um sich zu versichern, dass sie auch wirklich allein waren. Carina trat neben das Feuer, um sich zu wärmen und Tris breitete ihre Umhänge über zwei Stühlen neben den Flammen zum Trocknen aus.

»Es gibt nur eine Art von Ausbildung, die es dir ermöglicht, in so kurzer Zeit die Fähigkeiten zu erlernen, die nötig sind«, begann Taru und Tris hörte die Sorge in ihrer Stimme. »Fingierte Kämpfe – sowohl physische als auch magische.«

Carina keuchte auf. »Gegen wen – die gesamte Schwesternschaft?«

Taru sah Tris direkt an. »Ja. Du wirst durch eine Reihe von Tests geführt. Einige werden dich durch das Labyrinth unter der Festung führen. Sie werden deine Geschicklichkeit prüfen und deine Fähigkeit, deine Magie präzise einzusetzen. Andere«, so fuhr sie fort, »werden deine Kampfkünste erproben und deine Kunst, Magie zur Verteidigung und zum Angriff einzusetzen.« Taru beobachtete ihn, sie wollte sehen, wie er reagierte. »Bei einigen Prüfungen wirst du einer oder zwei Schwestern persönlich gegenüberstehen. Bei anderen Proben wirst du Avataren begegnen – magisch belebten Golems – die von den Schwestern kontrolliert werden.«

Tris sah Taru an. »Da ist etwas, das du nicht sagst. Etwas Wichtiges.«

Taru nickte. »Wenn du die Avatare bekämpfst, werden sie das Gesicht und die Form von anderen haben. Vielleicht von Jared. Oder Arontala. Und es könnten dir Freunde begegnen – Vahanian oder Kiara.« Sie hielt wieder inne. »Die Magie und die Waffen werden echt sein. In den radikalsten Simulationen werden Mechanismen gesetzt, die nicht überwunden werden können, es sei denn, du löst die Aufgabe erfolgreich. Im Falle einer Konfrontation mit Jared hieße das …«

»… dass es nicht vorbei ist, bis einer von uns tot ist«, beendete Tris den Satz mit erstickter Stimme.

Taru nickte.

»Taru, das kann nicht dein Ernst sein!«, protestierte Carina. Sie kam vom Feuer zu ihnen herüber. Taru erwiderte Carinas Blick. »Wenn er der Schwesternschaft gegenüber nicht bestehen kann, wie kann er dann gegen Arontala bestehen – oder den Obsidiankönig?«

»Und deshalb glaubt ihr, Arontala die Arbeit einfach abnehmen zu müssen?«, verlangte Carina zu wissen.

Taru senkte den Blick und ging ein paar Schritte auf und ab. »Es gab viele Auseinandersetzungen darüber – hitzige Auseinandersetzungen – ob die Schwesternschaft sich überhaupt in deine Ausbildung einmischen sollte«, sagte sie mit einem Seitenblick auf Tris. »Ich befürchte, dass die Entscheidung, dich hierher zu bringen, mit der Angst zu tun hatte, dass einer von uns das rücksichtslos sowieso tun würde. Aus der Sicht der Schwestern – und ich sage nicht, dass das meine eigene Ansicht ist – ist das Einzige, auf das es ankommt, den Obsidiankönig davon abzuhalten, sich wieder zu erheben. Oder wenigstens die Gefahr in Grenzen zu halten, wenn er es tut.« Sie sah zu Tris und Carina. »Die Schwesternschaft ist nicht an Margolans Königskrone interessiert oder daran, Jareds Schreckensherrschaft zu beenden – oder König Donelan von Arontalas Fluch zu heilen.« Taru schüttelte den Kopf. »Die Schwesternschaft pflegt einen historischen Blick auf solche Dinge, der abscheulich unpersönlich sein kann.«

»Was könnte schlimmer sein, als dass der Obsidiankönig sich erhebt und Arontalas Körper übernimmt?«, brach es aus Carina heraus. Noch bevor Taru es aussprach, wusste Tris, was sie sagen würde und dieses Wissen ließ ihn bis ins Mark schaudern.

»Es wäre schlimmer, wenn er im Körper eines großen Seelenrufers erwachen würde«, sagte Taru ruhig. »Die Schwesternschaft hat zugestimmt, dich auszubilden, weil sie sich davon überzeugen müssen, dass du nicht versagst. Vor allem wollen sie keinem Obsidiankönig gegenüberstehen, wie er einmal war, mit der Macht eines Seelenrufers.«

»Dann hatte Großmutter recht – Lemuel war besessen?«, fragte Tris. Taru nickte. »Wenn ich also nicht stark genug bin, wollen sie lieber, dass ich hier versage, auch wenn mich das umbringt?«

»Ja.«

»Ich verstehe.«

»Du hast keine Ahnung, wie sehr sie den Obsidiankönig fürchten«, meinte Taru. »Du hast einen kleinen Test bestanden, als Alyzza dich in der Karawane gefunden hat …«

»Alyzza war eine Schwester?«, rief Carina aus, als ihr die alte, zerlumpte Frau wieder einfiel, die mit ihnen zusammen mit der Karawane durch Margolan gereist war.

Taru lächelte. »Hast du sie wirklich für eine alte Kräuterhexe gehalten? Vor vielen Jahren war Alyzza eine große Zauberin. Als Bava K’aa vom Obsidiankönig gefangen wurde, haben Alyzza und König Argus mit ihrer Magie Lord Grayson dazu befähigt, Bava K’aa aus der Festung des Obsidiankönigs zu befreien.«

Sie schüttelte den Kopf. »Bei diesem Versuch ist König Argus gestorben und Alyzza wurde schwer verwundet. Ihr Verstand war danach nie wieder derselbe. Bava K’aa überlebte nur knapp. Elam war ihre Heilerin und Elam hat niemanden zu deiner Großmutter vorgelassen, obwohl es lange Zeit dauerte, bis sie geheilt war. Elam hat die Hochzeit zwischen Grayson und Bava K’aa vollzogen, kaum, dass deine Großmutter sich von ihren Verletzungen erholt hatte. Und Elam war es auch, die Bava K’aas Kind zur Welt brachte – deine Mutter Sarae«, sagte Taru mit einem Blick auf Tris.

Draußen schlug die Glocke acht Mal, es war noch früh am Morgen. Taru sah Tris und Carina entschuldigend an. »Ich weiß, ihr hattet kaum Gelegenheit, euch ein wenig aufzuwärmen und eure Sachen abzulegen, aber wir werden in den Ratskammern erwartet«, meinte sie. »Ihr werdet formell vorgestellt und Schwester Elam wird euch eure ersten Lehrer vorstellen. Eure Prüfungen beginnen heute.«

Carina machte einen halben Schritt nach vorn. »Wer wird noch in der Ratskammer sein?« Tris hatte plötzlich wieder das Gefühl, das er oft in der Westmark gehabt hatte, nämlich dass Carinas und Tarus Bekanntschaft aus einer früheren Zeit stammte.

Tarus Lächeln erreichte ihre Augen nicht. »Einige Freunde – und andere, bei denen ich nicht so sicher bin.« Sie zögerte kurz. »Schwester Elam ist so alt wie die Großmutter von Tris. Sie hat die Führung in der Schwesternschaft übernommen, als Bava K’aa starb. Schwester Landis wird ihr nachfolgen.« Tarus Stimme klang neutral, aber Tris sah einen Schatten von Missbilligung über Carinas Gesicht huschen. »Zu den Zeiten des Magierkrieges war sie noch jung und geriet oft mit Bava K’aa über die Rolle der Schwesternschaft aneinander. Landis’ Assistentin Alaine hat ihr vielleicht Grund gegeben, diese Einstellung vor kurzer Zeit noch einmal zu überdenken. Alaine war in einer unserer anderen Zitadellen, als sie von Jareds Truppen eingenommen wurde. Sie entkam nur knapp.«

Taru atmete tief durch. »Und dann ist da noch Theron.«

Carina murmelte etwas, das Tris nicht verstand.

»Theron wird eine von deinen Lehrerinnen sein«, antwortete Taru. »Sie kommt aus der Ostmark und so wird ihr Kampfstil in etwa dem entsprechen, was du von Jonmarc und Kiara gelernt hast.« Taru rümpfte die Nase. »Wahrscheinlich wirst du Jonmarcs Trainingsweise im Vergleich zu dem Therons rücksichtsvoll finden.«

Rücksichtsvoll, dachte Tris ironisch. Ein seltsames Wort in diesem Zusammenhang. Wenn ich an die Prügel denke, die ich auf dem Fechtboden von Jonmarc bezogen habe, dann sieht das nicht gut aus.

Tris holte tief Luft und versuchte, seine Angst zu bekämpfen. Süße Chenne, was habe ich hier auf mich genommen? Er wusste, dass sein wirklicher Feind die Zeit war. Es war weniger als 14 Tage vor dem Altweibermond, dem letzten Monat des Jahres. Bis zum Hagedornmond in der Mitte des Jahres waren es nur sieben Monate hin. Es blieb nicht viel Zeit, um sich vorzubereiten.

Tris wusste, was sein Versagen bedeuten würde. Kiara würde Jared ausgeliefert sein, ein Gedanke, der ihm das Blut in den Adern stocken ließ. Jonmarc und die anderen würden wegen Verrats gehängt werden. Keine Befreiung für Margolan und keine Gerechtigkeit für die gequälten Seelen unter Jareds Joch. Krieg, immerhin versuchten Jared und Arontala ihre Grenzen in die anderen Winterkönigreiche auszudehnen. Um diese Zukunft zu verhindern, war Tris bereit, die Konfrontation zu riskieren – sogar, wenn es ihn das Leben kosten würde. Aber Taru hatte den Gedanken in ihm geweckt, dass sein Tod nicht das Schlimmste war, was ihm passieren konnte, und die Möglichkeit, dass seine Macht gegen seinen Willen verwendet werden könnte, ließ seinen Entschluss nur fester werden. Eine Kälte befiel ihn, die nichts mit der zu tun hatte, die hier im Korridor herrschte. Taru hatte recht – es gab keine Alternative.

Die Zitadelle roch nach Kerzenwachs und Kräutern und dem muffigen Geruch von lange nicht genutzten Räumen. Taru hielt vor einer zweiflügeligen, eisenbeschlagenen Tür. Durch die schweren Tore hörte man laute Stimmen. Die Worte waren nicht klar zu verstehen, nur, dass die Frau mit allem Nachdruck sprach. Eine andere Stimme, die Tonlage viel höher, klang ärgerlich. Die andere Stimme, tief und bedächtig, schien entschlossen zu sein. Taru zog eine Grimasse und pochte laut an die Tür. Die Stimmen verstummten abrupt und Taru öffnete mit einer Geste die Türflügel.

Sie kreischten in ihren Angeln und schwangen langsam beiseite. Die Ratskammer dahinter war mit schweren Wandteppichen behangen, von einer Reihe Fackeln beleuchtet und mit zwei Kaminen, die so groß und breit waren wie ein großer Mann. Über einem langen Tisch aus dunklem Holz hingen zwei mehrstöckige Kronleuchter, jeder mit Dutzenden von Kerzen. Doch das Licht, das sie ausstrahlten, reichte immer noch nicht aus, alle Schatten im Raum auszuleuchten. Trotz der munter tanzenden Flammen erschauerte Tris, als er in den Raum trat.

Vier Schwestern in Kutten saßen an dem Tisch. Am Kopfende saß eine spindeldürre Frau mit vielen Falten mit dem Gesicht zu Tris. Er vermutete, das sei Elam. Rechts von ihr war ein Platz frei, und Tris nahm an, dass er Taru gehörte. Links von der alten Frau saß eine Schwester mittleren Alters mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck. Landis?, fragte er sich. Mit kurzem, grauem Haar und ernsthafter Miene sah sie aus, als führe sie den Dialog, den sie vom Gang aus mitgehört hatten, in Gedanken fort.

Zur Linken Landis’ war eine jüngere Frau, die Tris eingehend betrachtete. Ihr dunkelblondes Haar hatte sie in einem einfachen Zopf nach hinten gebunden, sie sah abgehärmt aus. Tris nahm an, das es sich um Alaine, Landis’ Assistentin, handelte. Zur Rechten des leeren Platzes war noch eine junge Magierin, eine Frau, die vielleicht zehn Jahre älter war als Tris, und deren schlanke Figur und starke Arme besser zu einer Kriegerin als zu einer Zauberin zu passen schienen. Ihr dunkles Haar war kurzgeschnitten, sodass es ihr bürstenartig vom Kopf abstand. Sie schien Tris abzuschätzen wie ein Waffenmeister einen Rekruten. Er hatte keinen Zweifel daran, dass es sich hier um Theron handelte. An Carina schienen die Schwestern nicht interessiert. Sie trat hinter ihm ein, als sei sie froh, so übersehen zu werden.

»Werte Schwestern«, begann Taru, als sie vor dem Tisch stehen blieben. »Ich bringe euch Martris Drayke von Margolan und mit ihm Carina Jesthrata.«

»Willkommen«, sagte die Gestalt am Kopfende des Tisches. »Ich bin Schwester Elam«, sagte die alte Frau. Ihre Stimme war klangvoll und schien nicht recht zu ihrem Äußeren passen zu wollen. Allerdings war Tris zu klug, um eine Zauberin nach ihrem Aussehen zu beurteilen.

»Akzeptiert Ihr unser Angebot, Euch auszubilden?«

Tris wappnete sich innerlich. »Ich nehme es an.«

Elam lächelte freudlos und zeigte dabei gelbe Zähne. »Wie Ihr vielleicht wisst, mischt sich die Schwesternschaft nicht leichtfertig in die Belange von Königen.«

Jedenfalls nicht öffentlich, dachte Tris.

Die steinernen Mienen und die steife Sitzhaltung einiger Schwestern am Tisch ließen Tris annehmen, dass Elam die Heftigkeit der Diskussionen, die dem Angebot der Schwesternschaft ihn auszubilden wohl vorausgegangen waren, grob untertrieb. Er erriet, dass wenigstens für einige hier am Tisch diese Diskussionen auch noch lange nicht beendet waren.

»Taru hat mir von Euren Übungen in Westmark erzählt. Ihr habt einen Test bestanden, als Ihr Euch vom Geist des Königs Argus das Schwert Magierschlächter geholt habt.« Ein ›Test‹, den Tris nur knapp überlebt hatte.

»Wenn Ihr Arontala – und möglicherweise dem Obsidiankönig selbst – am Hagedornmond gegenüber bestehen wollt, bleibt nur wenig Zeit«, fuhr Elam fort. »Wir bilden nicht aus Büchern aus. Ihr werdet eine Reihe von Proben bestehen müssen, nicht unähnlich der Prüfung mit König Argus. Ihr werdet es mit wirklicher Magie zu tun bekommen, die von unseren Zauberinnen gegen Euch eingesetzt wird. Es wird Fallen und Hindernisse geben, die Euren Körper an seine Grenzen bringen werden. Wir werden sehen, was Ihr einzusetzen bereit seid, um Eure Krone zurückzugewinnen.«

»Wenn ich hier in der Zitadelle sterbe, scheint mir das ziemlich sinnlos«, konterte Tris.

Elams rücksichtsloses Lächeln ließ ihm das Mark in den Knochen gefrieren. »Es wäre schlimmer für uns alle, wenn Ihr dem Obsidiankönig entgegentreten und versagen würdet. Schmerz ist oft der beste Lehrmeister von allen. Eure Ausbildung beginnt heute.«

NACH DEN MITTAGSGLOCKEN wurde Tris in eine Halle tief in den Kellergewölben der Zitadelle gebracht. Trotz Carinas Protesten führte Taru die Heilerin in eine andere Richtung und versprach Tris, sie stünde bereit, wenn sie gebraucht werde.

Carina gab Tris ein Stück einer Hundsliane, die er im Mund behalten sollte, eine besondere Art, wie er die Wirkung des Wurmwurzes, der seine Magie unterdrückte, lindern sollte. Tris war für einen Kampf angezogen, mit einem gepolsterten Lederharnisch und Magierschlächter im Futteral an seinem Gürtel. In dem fensterlosen Gewölbe wurde Tris von Theron erwartet. Sie war beinahe so groß wie er. Sie trug jetzt nicht mehr ihre Ratskutte, sondern die lederne Rüstung einer Kämpferin und hielt sich wie eine erfahrene Soldatin.

»Ich will sehen, wie du kämpfst.«

»Gerne.« Tris Hand fuhr ans Heft von Magierschlächter.

Theron warf sich auf ihn und bewegte sich dabei so schnell, dass Tris kaum Zeit hatte, sein Schwert zu ziehen. Die Klingen prallten aufeinander, Theron war mindestens so stark wie irgendein Mann, mit dem Tris sich je gemessen hatte. Ihre Bewegungen zu parieren beanspruchte seine ganze Konzentration, während sie Schläge austauschten, die einen Mann von der Schulter bis zur Hüfte hätten spalten können.

Theron schwang sich selbst in einen Ostmark-Tritt und schien überrascht, als Tris sie abblockte, auch wenn ihn die Kraft ihres Tritts beinahe seine Balance gekostet hätte. Er schwitzte stark und hielt Magierschlächter jetzt beidhändig. Tris sah die magische Klinge in grellem Grün aufleuchten, als Therons Lippen einen Zauberspruch murmelten. Ein Feuerstrahl entfuhr ihrer linken Hand. Die Warnung der Klinge war alles, was Tris an Zeit blieb, um einen magischen Schild zu beschwören, während er gleichzeitig einen Streich ihres Schwertes abwehren musste, der beinahe ausreichte, um ihm selbst die Klinge aus der Hand zu schlagen. Therons Blitz prallte an ihm ab, nur um einer Finsternis zu weichen, die so vollständig war, dass nur Magierschlächters Licht ihm ermöglichte, Therons Angriff zu erkennen.

Er glaubte, ein kurzes Aufglimmen von Anerkennung in Therons Augen zu sehen, als er die Finsternis verschwinden ließ, und noch bevor sie ganz aufgelöst war, schwang er sich selbst zu einem Ostmark-Tritt herum und trat ihr damit beinahe das Schwert aus der Hand. Als Therons Lippen sich ein weiteres Mal bewegten, fühlte Tris einen brüllenden Schmerz durch seinen Körper rasen. Für einen Moment glaubte er, Theron hätte ihn getroffen. Er stolperte und Theron konnte einen Schlag auf seinen Unterarm ausführen. Herumrollend behielt Tris Magierschlächter in der Hand und schnappte nach Luft, als er ihren magischen Angriff abwehrte. Er konzentrierte sich auf seine Kraft, den Schmerz zu lindern, aber in diesem Moment begann sein Unterarm zu brennen. Wurmwurz!, dachte Tris und schaffte es gerade noch, die Wucht eines weiteren Schlages von Theron zu mindern. Diesmal traf sie seinen Oberschenkel und hinterließ eine tiefe Schnittwunde, die dank des Gifts auf ihrer Klinge sofort zu brennen begann.

Tris fiel beinahe und schwang sein Schwert wie wild in der Absicht herum, Theron in Schach zu halten. Dabei konzentrierte er sich auf die Macht Magierschlächters, das Gift zu neutralisieren. Sogar mit der Hundsliane begann der Wurmwurz zu wirken. Eine weitere Schmerzwelle rollte über ihn hinweg, so als loderten in ihm glühende Kohlen. Seine Augen brannten. Aber er hielt sein Schwert fest und wehrte sich gegen Therons Angriff.

Die Spitze ihres Schwerts riss jetzt eine tiefe Wunde in seine Schulter und er bemühte sich, seine Magie auch weiterhin zu beherrschen. Sein Herz hämmerte und seine Handflächen waren feucht von Schweiß, als er ihre Schläge konterte, doch langsam aber sicher entglitt ihm die Kontrolle über seine Magie. Theron murmelte noch einen weiteren Spruch und diesmal schien ihm der Schmerz den Kopf zu spalten. Tris schrie auf, aber er widerstand der Versuchung, sein Schwert fallen zu lassen und beide Hände an den Kopf zu pressen.

Tris richtete jetzt seine verbliebenen Kräfte auf Magierschlächter und sah im Geiste ein Abbild von blauem Feuer, das aus der Spitze des Schwerts herausschoss, Theron einschloss und den Schmerz beendete. Einen Herzschlag später erglühte Magierschlächter in grellem Licht, Feuer schoss aus seiner Spitze. Er hörte Theron aufkeuchen, sie konnte gerade noch rechtzeitig ihre Schilde heben, um den Angriff abzuwehren.

Tris stolperte. Der Wurmwurz machte es ihm schwer, auf den Beinen zu bleiben. Mit dem Lächeln eines Raubtiers flüsterte Theron einen Zauberspruch. Magierschlächter wurde ihm von einer unwiderstehlichen Kraft aus der Hand gerissen. Jetzt, wo der magische Schutz des Schwertes verschwunden war, ging Tris zu Boden, unfähig, der Wirkung des Wurmwurzes noch länger zu widerstehen. Das Kraut machte es ihm unmöglich, seine Magie weiter zu nutzen und Tris spürte, wie seine Kraft ihn verließ. Eine weitere Welle entsetzlichen Schmerzes rollte über ihn hinweg und er verlor beinahe das Bewusstsein. Theron trat Magierschlächter aus seiner Reichweite.

»Ist das das Beste, was du kannst?«, spottete sie und stand jetzt über ihm. »Ohne deine Magie bist du nur ein Mann und ein Magier kann einen Mann mit einem einzigen Gedanken vernichten.« Sie wisperte und der Schmerz kam wieder, diesmal noch schlimmer. Tris’ Schreie hallten in dem Gewölbe wider. Der Wurmwurz brannte in seinen Adern und seine Magie war vollständig außerhalb seiner Reichweite.

Theron hob das Schwert über ihren Kopf wie ein Henker. Tris rollte unter ihr weg, bewegte seine Beine wie eine Schere und mähte Theron damit nieder. Sie ging hart zu Boden und schnappte nach Luft. Tris griff nach Magierschlächter, kaum in der Lage, seine Konzentration aufrecht zu erhalten und damit den Schmerz zu unterdrücken. Aber als er sich wieder auf die Beine kämpfte, gab sein verwundetes Bein unter ihm nach. Theron kam wieder hoch und schwang wieder das Schwert über ihren Nacken. Für einen Moment schien die Zeit still zu stehen. Tris wusste, ihr Schwert würde ihn töten, wenn es traf. Es ging nur knapp am Ziel vorbei, als er auf dem Boden zusammenbrach.

»Das ist gar nichts im Vergleich zu dem, was Arontala bewirken kann«, zischte Theron und legte ihm die Klinge wie zur Betonung auf den Nacken. »Und mit der Macht des Obsidiankönigs kann er dich über den Tod hinaus foltern, ja, über den Wahnsinn hinaus und deine Seele in Stücke reißen.«

Vielleicht sagte sie noch mehr, aber der Schmerz und der Wurmwurz überwältigten Tris, und die Dunkelheit schlug über ihm zusammen.

TRIS WACHTE IN einem abgedunkelten Raum wieder auf, völlig erschöpft. Noch immer spürte er den Wurmwurz in seinem Blut und er wusste auch, dass er keinen Zugang zu seiner Macht hatte. Die Leere, die das in ihm hinterließ, war unbehaglich, ja beinahe beunruhigend. Er erinnerte sich daran, dass Carina ihm gesagt hatte, dass man mit konstanten Dosen von Wurmwurz einen Magier töten oder um den Verstand bringen konnte. Das bezweifelte er nicht.

Tris bewegte sich und versuchte, seine Lage einzuschätzen. Die Qualen, die Therons Zauberspruch ausgelöst hatte, waren verschwunden, dennoch tat ihm sein ganzer Körper weh. Die tiefen Wunden, die Theron ihm geschlagen hatte, waren fachmännisch verbunden, aber selbst Carinas Heilkünste hatten den Schmerz noch nicht ganz verschwinden lassen. Er wollte sich strecken und wenn er den Geschmack in seinem Mund und das steife Gefühl in seinen Muskeln richtig einschätzte, dann wurde ihm kläglich bewusst, dass er möglicherweise schon an die Grenzen seines Könnens geraten war – und vielleicht sogar darüber hinaus.

Er sank wieder auf das Bett, wütend über sein Versagen. Ich bin sicher, dass sie es sich jetzt noch einmal überlegen, mich auszubilden, dachte er. Ich hätte Glück, wenn sie sich nicht einfach dafür entscheiden mich umzubringen, bevor Arontala es tut.

Er hörte ein Pochen an der Tür zum Wohnzimmer und ein Rascheln, das wie zur Antwort erklang.

»Ihr könnt jetzt nicht dort hinein«, protestierte Carina. »Er ist noch nicht soweit.«

Das Näherkommen von Schritten zeigte, dass der Besucher unbeeindruckt war. Tris zwang sich, seine Augen zu öffnen und seinen schmerzenden Kopf zu wenden. Theron kam im Dämmerlicht auf ihn zu. Sie trug ihre Ratskutte und der Ausdruck auf ihrem Gesicht war besorgt.

»Wie lange hat er gebraucht, um aufzuwachen?«, fragte sie Carina, die über das Eindringen Therons sichtlich unglücklich war.

»Drei Kerzenabschnitte«, meinte diese bissig. »Die meiste Zeit war ich damit beschäftigt, ihn davon abzuhalten, an seinem eigenen Erbrochenen zu ersticken. Was glaubt Ihr, wie oft kann er solche ›Übungen‹ wohl aushalten?«

Theron sah Tris aufmerksam an. »Nur drei Kerzenabschnitte?«, fragte sie. »Und er ist vorher nur einmal vom Wurmwurz getroffen worden?«

Tris glaubte, dass Carina vor Ärger bersten müsse. Ihre Stimme bebte, als sie antwortete. »Drei Kerzenabschnitte ist eine Ewigkeit«, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Und verglichen mit der Menge von Wurmwurz, die Ihr ihm habt verabreichen können, war das, was er bisher hatte, fast nichts.«

Theron nickte. »Ganz genau. Er passt sich an. Lernt, um die Wirkung herum zu arbeiten. Wie hat er reagiert – das letzte Mal?«

»Wir wurden nur von Soldaten angegriffen. Er konnte kaum noch auf seinem Pferd sitzen und brach zusammen, als wir in die Zelle geworfen wurden.«

»Hm-hm.« Theron kam auf ihn zu, um seinen Puls zu nehmen und ihm in die Augen zu sehen.

»Ich bin wach und lebendig«, quetschte Tris mühsam zwischen seinen trockenen Lippen hervor. »Ihr könnt also sprechen, als sei ich hier.«

»Du hast noch nach drei Dosen von Gift weiter gekämpft«, bemerkte Theron. »Dein Ostmark-Tritt braucht noch etwas Arbeit, aber wenn man deine Kondition bedenkt, war das nicht schlecht. Ganz und gar nicht schlecht. Wir müssen auch an deiner Kontrolle arbeiten. Du hast den Zauberspruch nicht gut gekontert.«

»Ich weiß.«

»Und deine Magie wurde etwas wacklig, als du Magierschlächter verloren hattest.«

»Wacklig?«, echote Tris heiser. »Sie war außerhalb meiner Reichweite.«

»Nicht sofort. Für einen ungeübten Magier hast du sie noch eine ganze Weile beherrschen können – wenigstens passabel.« Theron brachte ein Lächeln zustande. »Ich bin froh, dass du nicht bei voller Kraft warst, als du diesen Energieblitz gegen mich geschickt hast, oder wir hätten eine neue Ausbilderin gebraucht.

Ich kann dir beibringen, diesen Schmerzzauber abzuwehren – und noch ein paar andere Scheußlichkeiten, die dir begegnen könnten.« Sie lachte freudlos. »Du solltest sie nicht auf andere anwenden, aber es kann verdammt nützlich sein, zu wissen, wie man sie abwehrt. Und wir müssen deine Toleranz gegen den Wurmwurz weiter aufbauen.«

»Eine Toleranz aufbauen!«, rief Carina ärgerlich aus.

»Wir wissen, dass Arontala ihn bei anderen Magiern verwendet. Als einem Vayash Moru hat es auf ihn selbst keinen Effekt. Es ist wahrscheinlich, dass er und Jared irgendeine Art von Vorsichtsmaßnahmen ergreifen werden und Wurmwurz könnte ein Teil davon sein.« Sie warf Tris ein schiefes Lächeln zu. »Es wird schlimmer, bevor es besser wird.«

Tris schluckte hart und nickte. »Ich dachte mir schon, dass du das sagen würdest«, meinte er und wunderte sich, wie erschöpft seine Stimme klang.

Theron warf noch einen Blick auf seine Verbände. »Sieht ganz so aus, als hätte Carina dich wieder zusammengeflickt.«

»Sogar mit besonderer Heilkunst wird er nicht über Nacht wiederhergestellt sein«, antwortete Carina knapp.

Theron sah ihr in die Augen. »Was immer er geben kann, es wird ausreichen müssen«, sagte sie sachlich. »Wir haben keine Zeit zu warten.« Sie sah auf Tris herab. »Ich sehe dich morgen früh im Gewölbe. Wir werden an diesem Tritt arbeiten.« Ohne ein weiteres Wort drehte sich Theron um. Carina folgte ihr bis zur Tür und hätte vielleicht noch etwas zu Tris gesagt, doch als die Heilerin die Tür hinter Theron geschlossen hatte, begann die Welt um Tris herum zu verschwimmen. Er schloss seine Augen, als ihm das Bewusstsein wieder entglitt.

KAPITEL DREI

DU HAST DICH gut geschlagen heute.« Schwester Theron streckte dem auf seinem Rücken auf dem Boden des Gewölbes liegenden Tris eine Hand entgegen. Er lächelte kläglich und nahm sie.

»Wenn du damit meinst, dass ich jetzt länger auf den Beinen bleibe und nicht sofort mein Frühstück wieder von mir gebe, dann danke ich dir.« Er versuchte sich trotz einer Dosis Wurmwurz und einer bösen Wunde an der Schulter aufrecht zu halten. Warmes Blut tropfte unter seinem Ärmel den Arm hinunter und der lederne Brustharnisch, den er trug, schien ihn herunter zu ziehen, während er gegen das Gift in seinen Adern ankämpfte. Sein rechtes Bein schmerzte von einer schweren Verrenkung, die er sich zugezogen hatte, als Theron ihn zwang, den Ostmark-Tritt zu üben. Alles in allem konnte Tris sich nicht erinnern, sich je schlechter gefühlt zu haben.

Theron schien seine Gedanken zu erraten. »Dein Tritt wird sauberer«, meinte sie. »Für einen Prinzen hast du ein paar ganz interessante Straßenkampftechniken aufgeschnappt.«

Tris brachte ein klägliches Lachen zustande. »Dank Vahanian.« Er versuchte, einen Schritt nach vorn zu machen und taumelte. Theron fing ihn auf, nahm seinen linken Arm und legte ihn sich über die Schultern, als er in Richtung Tür humpelte.

»Ich weiß, du wirst mir nicht glauben, aber du lernst wirklich, mit dem Wurmwurz fertig zu werden«, sagte sie. Theron war alles andere als überschwänglich. Tris wusste, jedes Lob, das er der erfahrenen Kriegerin entlocken konnte, war hart erkämpft.

»Es fällt mir schwer, das zu glauben, wenn ich mir die Seele aus dem Leib kotze.« Tris lehnte sich jetzt schwerer auf Theron, als er zugeben wollte.

»Ich denke nicht, dass du das ganz verstehst«, sagte sie, als sie weiter auf die Tür der Halle zugingen. »Ein Magier mittlerer Kraft wäre von der Dosis, die du abbekommen hast, ohnmächtig. Viele mächtige Zauberer brauchen länger, bis sie ihre Kraft nach einer Vergiftung wieder erlangen. Zwischen den Portionen, die du bekommen hast, kam deine Kraft vollständig wieder zurück. Und du behältst jedes Mal immer besser für immer längere Zeit die Kontrolle.«

»Ich fühle mich furchtbar«, murmelte Tris, als sie den schmerzhaften Aufstieg die gewundene Treppe hinauf begannen.

Als sie die oberen Stockwerke erreichten, rannte eine Schwester in einer braunen Kutte schluchzend an ihnen vorbei. Ein paar Magierinnen in Kutten drängten sich durcheinander redend an eine der Mauern und vor einem der Zugänge zu den Schlafzimmern hatte sich ein kleiner Menschenauflauf gebildet. Tris und Theron tauschten besorgte Blicke aus.

»Geh voran«, sagte er und lehnte sich an die Mauer, als sie ihren Halt zurückzog. »Ich komme schon zurecht. Sieht ganz so aus, als sei da etwas im Gange.«

Theron nickte und bahnte sich einen Weg durch die Menge. Tris humpelte hinter ihr durch das Gedränge der Schwestern, von denen einige weinten. An der Tür sah er, dass Carina und Taru beide bereits im Raum drin waren, einem Schlafzimmer. Schockiert bemerkte er, dass Elam neben einem Tisch in der Nähe des Kamins zusammengebrochen war.

Carina rannte auf ihn zu. Er wehrte ihre Hilfe ab und entdeckte, dass er stehen konnte, solange er sich an eine Wand lehnte. »Was ist passiert?«, fragte er und versuchte, die Szenerie durch seine Kopfschmerzen, eine Reaktion auf die Übungen, zu erfassen.

»Elam ist tot.« Carinas Stimme brach. »Ihr Herz …« Sie schüttelte den Kopf. »Sie war beinahe siebzig.« Carina ging an ihm vorbei, um die Tür zu schließen und verriegelte sie, um sicherzugehen, dass sie allein blieben.

Landis war bereits im Zimmer. Alaine wischte Elams verschütteten Tee auf. Landis und Taru waren in ein Gespräch vertieft. Aus ihren Gesichtern las Tris, dass die zwei Schwestern sich nicht einig waren.

Etwas Vertrautes zerrte an den schwachen Enden seiner Kraft und Tris schloss seine Augen. Er kämpfte darum, die Beherrschung über seine Magie über seiner Müdigkeit und das Gift hindurch nicht zu verlieren. Carina legte ihm eine Hand auf den Arm, aber er schüttelte den Kopf und konzentrierte all seinen Willen auf den Geist, der ihn durch seine vernebelten magischen Sinne hindurch zu erreichen versuchte.

Er öffnete die Augen. »Es ist Elam«, sagte er und die anderen im Raum drehten sich zu ihm um. »Sie ist hartnäckig – aber der Wurmwurz macht es schwierig …« Er schloss wieder die Augen und zwang seine Macht über den Wurmwurz in seinen Adern hinaus. Was eigentlich eine leichte Übung hätte sein sollen, kostete ihn jetzt seine gesamte Konzentration, aber er brachte den Geist näher zu sich und dann – mit Mühe – machte er den Wiedergänger für die anderen sichtbar.

Carina keuchte auf. Elams Geist stand vor ihnen. »Ich wurde ermordet«, sagte der Geist in einer für alle hörbaren Stimme. »Wir haben eine Verräterin in der Schwesternschaft.«

Taru trat einen Schritt vor. »Elam – wer hat das getan?«

»Ich weiß es nicht. Etwas, das ich berührte, hatte einen auslösenden Zauber. Es ließ mein Herz stillstehen. Jede Magierin in der Zitadelle hat die Macht, das zu bewerkstelligen. Und viele hatten die Möglichkeit, den Auslöser zu platzieren.« Elam sah Tris an. »Jemand wünscht nicht, dass du deine Ausbildung erfolgreich abschließt.«

Das Bild des Geists verschwamm, als Tris spürte, wie der Wurmwurz wieder die Oberhand gewann. Theron stieß einen Stuhl unter ihn, als er fiel. Tris’ Macht entglitt seinem Zugriff und das sichtbare Bild von Elams Geist verschwand. In seiner magischen Sicht sah Tris Elam in einiger Entfernung stehen, mit ernstem Gesichtsausdruck.

»Nimm dich vor den Avataren in Acht«, warnte sie ihn mit einer Stimme, die nur er hören konnte. »Wer auch immer mich getötet hat, wird dich als nächstes haben wollen.« Ihr Geist wurde blasser und verschwand ganz, als der Wurmwurz sogar die magische Sicht seinem Zugriff entzog.

Tris öffnete die Augen, nahm einen tiefen Atemzug und zwang sich, nicht ohnmächtig zu werden. Landis kam durch den Raum auf ihn zu und stellte sich mit verschränkten Armen vor ihm auf. Carina machte schützend einen halben Schritt auf ihn zu, um sich zwischen Landis und Tris zu bringen. Landis, gut zehn Jahre jünger als Elam, sah verhärmt aus und ihre Augen waren müde.

»Elam und ich waren oft nicht einer Meinung«, meinte Landis ruhig. »Aber ich habe sie respektiert. Ihr Verlust wiegt schwer.«

Alaine stand still neben dem Kamin und erwartete Landis’ Anweisungen. Taru trat zu Tris und sah Landis an. »Was jetzt?« Tris wusste, dass nicht die Schwesternschaft, sondern seine Ausbildung den weitaus größten Raum in Tarus Gedanken einnahmen.

Landis holte tief Luft. »Wir werden beenden, was Elam begonnen hat.« Ihr scharfer Blick traf Tris. »Bevor du zu uns gekommen bist, fand ich die Geschichten schwer zu glauben – dass ein Magier, der so jung und ungeübt ist, die Geister von Ruune Videya überleben, geschweige denn, sie bannen könnte. Elam hatte recht damit, die Möglichkeiten – und die Gefahren – dieser Macht zu sehen.«

»Wie kann er hier weiter trainieren?«, japste Carina. »Er ist nicht sicher.«

»Vorher war ich genauso wenig ›sicher‹.« Tris ließ seinen Kopf an die Wand gelehnt liegen, der Raum begann sich auf gefährliche Weise um ihn zu drehen, wenn er versuchte, aufrecht zu sitzen. »Setzt meine Ausbildung fort und ihr werdet eure Verräterin finden.«

»Du bietest dich selbst als Köder an?«, fragte Landis mit einer hochgezogenen Augenbraue.

»Ich habe keine Wahl. Wir haben keine Zeit, die Übungen aufzuschieben. Elam glaubte, dass derjenige, der sie getötet hat, das getan hat, um mich aufzuhalten. Also – bildet mich aus. Der Mörder wird bald zuschlagen müssen.«

»Das ist zu gefährlich«, widersprach Carina. »Es ist wichtiger, Arontala und Jared zu besiegen – und wenn du deine Ausbildung nicht überlebst, dann gibt es niemanden mehr, der das kann.«

»Elam hatte recht«, sagte Tris ruhig. »Wenn ich mich hier nicht behaupten kann, dann werde ich Arontala auch nicht besiegen. Und wenn ich das nicht kann – dann sind die Winterkönigreiche ohne mich besser dran.«

Landis sah Tris für einen Moment schweigend an und er glaubte, Beifall in ihrem harten Blick zu sehen. »Nun gut. Sagt niemandem etwas von dem, was hier geschehen ist. Wenn die Mörderin nicht weiß, was wir von Elam gehört haben, dann wird sie vielleicht unvorsichtig. Lass dir von Taru und Carina helfen, in eure Räume zurückzukehren, bevor du eine Trage brauchst. Ich werde mich um Elams Nachlass kümmern.«

ZURÜCK IN IHRER Zimmerflucht lehnte Tris jede weitere Hilfe ab und weigerte sich, ins Bett zu gehen.

»Ich habe in der letzten Woche die Hälfte meiner Zeit damit verbracht, auf dem Rücken herumzuliegen«, murrte er. »Ich bin es leid, mein Bewusstsein zu verlieren, ich bin es leid zu würgen und bin es auch leid, mich so schlecht zu fühlen.«

Carina trat zur Feuerstelle, um ihnen beiden eine Tasse wohltuenden Tee aus dem Kessel einzugießen. Sie wühlte ein wenig in ihrer Tasche herum und bugsierte Tris in eine aufrechte Sitzhaltung, um die klaffende Wunde an seinem Arm zu verbinden. Sie war ungewöhnlich still und Tris wusste, dass sie aufgewühlt war.

»Du bist nicht du selbst, seit wir hier bei der Schwesternschaft angekommen sind«, meinte Tris ruhig.

»Das ist nicht wichtig.«

»Für mich ist es das.«

Carina schwieg.

»Irgendetwas bedrückt dich«, wagte Tris sich weiter vor. »Und ich glaube nicht, dass es etwas mit meiner Ausbildung zu tun hat.«

Carina seufzte auf und nickte. »Erinnerst du dich, als wir gefangen nach Fahnlehen-Stadt gebracht wurden?« Auch wenn das nur wenig länger her war als eine Woche, war seitdem so viel geschehen, das es wie eine Ewigkeit schien.

»Natürlich.«

Carina sah auf ihre Hände herunter. »Der General, der uns gefangen nahm, war der ältere Bruder eines Mannes, dem ich anverlobt war. Ungefähr sieben Jahre ist das jetzt her. Ric und Gregor waren Söldner, und führten eine der erfolgreichsten Gesellschaften dieser Art hier in Fahnlehen an.« Sie biss sich auf die Lippe. »Ich war sechzehn, als Cam und ich anheuerten. Ein Jahr später haben Ric und ich uns verlobt.« Carina sprach jetzt so leise, dass es kaum mehr als ein Wispern war. Tränen füllten ihre Augen. »Bevor wir heiraten konnten, wurde Ric in einer Schlacht verletzt – er wurde durchbohrt, so wie Jonmarc bei den Sklavenhändlern. Ich hatte niemanden, der mir bei der Heilung helfen konnte und ich ging zu tief, blieb zu lange dabei. Als er starb, konnte ich mich nicht mehr zurückziehen.« Eine Träne rollte ihre Wange hinab.

»Cam hat mir später erzählt, was passierte. Als er mich fand, konnte er mich nicht aufwecken. Er geriet in Panik. Er brachte mich zur Schwesternschaft – hier in Fahnlehen-Stadt –, weil er nicht wusste, was er sonst hätte tun sollen. Sie sagten ihm, er solle mich hierlassen und dass sie ihn finden würden, wenn ich geheilt sei.

Cam wusste, dass wir entfernt mit König Donelan verwandt sind. Er war so verängstigt, dass er nach Isencroft ritt. Kiara meinte, er sei praktisch in den Thronsaal hineingeplatzt. Donelan nahm ihn auf und ein Jahr später schickte die Schwesternschaft nach ihm.« Ihre Augen waren bei der Erinnerung dunkel geworden. »Sie haben mich aus den Armen der Lady zurückgeholt. Ich erinnere mich nicht an viel von dem, was geschah, nur daran, dass Ric nicht mehr da war.« Sie neigte den Kopf und Tris griff nach ihrer Hand.

»Ich wollte nie mehr nach Fahnlehen-Stadt zurückkehren«, murmelte Carina. »Ich weiß, das, was wir hier tun, ist wichtiger, aber bei der Dunklen Lady! Ich wollte mich nie mehr an diese Tage erinnern. Aber ich tue es, seit wir diese Grenzen überschritten haben. In zwei Monaten werden es sieben Jahre seit dem Tag, an dem Ric starb. Dass ich wieder hier bin, macht es mir viel schwerer, das alles zu vergessen.«

»Es tut mir leid«, sagte Tris. Er hatte sich schon über Cams Können im Umgang mit Waffen und Carinas Wissen über Söldner gewundert. Jetzt ergab das alles Sinn. Es erklärte auch Carinas Empfindlichkeit Vahanian gegenüber, fand Tris, und warum sie die gegenseitige Zuneigung, die doch für alle anderen so sichtbar war, leugnete.

Carina wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht. »Es ist schon in Ordnung. Wir haben eine Aufgabe, die wir erledigen müssen«, sagte sie und schluckte hart. »Und du bist derjenige, der sich in wirklicher Gefahr befindet.«

Sie griff wieder in ihre Tasche und zog einen kleinen samtenen Beutel heraus. »Das hätte ich fast vergessen.« Sie reichte Tris den Beutel und brachte ein Lächeln zustande. »Carroway erwähnte Kiara gegenüber, dass am ersten Tag des Altweibermonds dein Geburtstag ist. Kiara wollte, dass ich dir das hier gebe.«

Tris schüttelte den Beutel über seiner Handfläche aus. Ein silberner Anhänger an einer Kette floss wie schimmerndes Mondlicht in seine Hand. Zwei Steine, ein feurig roter und der andere glänzend schwarz, bildeten zusammen das Zeichen der Lady.

»Berry hat es gestern per Boten geschickt«, sagte Carina, als Tris das Schmuckstück ins Licht hielt.

»Eine Notiz sagte, es handele sich um Silber aus Isencroft. Die Steine sind Onyx, um Heilungen zu beschleunigen und die Wirkung von Giften abzuwehren, und der Granat verhilft zu sicheren Reisen und – zur Liebe.« Sie zog einen versiegelten Umschlag aus der Tasche und reichte ihn Tris. »Das ist auch von Kiara«, meinte sie grinsend. »Ich werde dich allein lassen, damit du ihn lesen kannst.«

Tris schloss seine Hand um den Talisman. »Ich hätte nie gedacht, dass ich meinen zwanzigsten Geburtstag im Exil verbringen würde«, meinte er leise. »Mutter wollte immer, dass ich dieses Jahr bei den Turnieren antrete, die zur Wintersonnenwende abgehalten werden. Kait wollte ihre Falken fliegen lassen. Jetzt hat sich alles verändert. Und wenn ich es nicht schaffe, die Prüfungen der Schwesternschaft zu bestehen, dann werde ich die Wintersonnenwende nicht mehr erleben.«

»Sag das nicht. Du kannst dich jetzt drei Tage lang erholen. Keine Übungen mehr bis dahin – und kein Wurmwurz. Du wirst dich vollständig erholen, so, wie in Ruune Videya, nur stärker.«

»Ich weiß nicht, ob das reichen wird.«

Carina legte eine Hand auf seinen Unterarm. »Du kannst das schaffen, Tris.«

Er öffnete die Hand, um noch einmal den Anhänger anzusehen. »Jetzt habe ich einen Grund mehr, wieder zurückzukehren, nicht wahr?«

»Kiara zählt auf dich«, antwortete Carina. »Das tun wir alle.«

DOCH DIE GANZE Vorbereitung hatte Tris nicht von seiner Nervosität befreien können, als er drei Tage später zusammen mit Theron hinunter in die Verliese unterhalb der Zitadelle ging. Die letzten Spuren des Wurmwurz waren verschwunden und ein paar Tage Ruhe hatten viel dazu beigetragen, seine Kräfte wieder erstarken zu lassen. Seine Hand fiel auf seinen Schwertknauf. Magierschlächter berührte die Ränder seiner magischen Sinne, nicht sehr deutlich, aber auch mehr als einfacher Stahl, mit einer ihm eigenen Macht. Weder er noch Theron sprachen, als sie die Treppen zu dem Labyrinth von Gewölben herunterkamen, in denen der Prüfungskampf stattfinden würde.

Wenn er diese Begegnung überlebte, würde Tris nur noch allein gegen Avatare kämpfen. Diesmal kam Theron noch mit und er war dankbar für ihre Unterstützung. Sie würden einem oder mehreren Avataren begegnen, deren Bewegungen – und Magie – von den Schwestern außerhalb des Raumes kontrolliert werden würden. Taru hatte Tris versprochen, dass diese Schlacht nicht wie die zukünftigen bis zum Tode ausgeführt werden musste. Die kommenden Kämpfe würden nach der Wintersonnenwende beginnen – wenn er das hier überlebte.

Sie betraten die Halle und Tris unterdrückte ein Keuchen. Das Innere des Saals war magisch verändert worden und glich nun der großen Halle zu Hause im Palast von Shekerishet. Jedes Detail war nachempfunden worden: Die Tapisserien an den Wänden, die Reliefs an den Ummantelungen des großen steinernen Kamins und die Einlegearbeiten in den Möbeln in den Zimmerecken waren perfekt getroffen. Tris fragte sich, wer von den Schwestern Shekerishet so gut kannte und er kämpfte seine Emotionen darüber nieder, wieder zu Hause in seiner vertrauten Umgebung zu sein.

Die Türen schlossen sich hinter ihm und Tris und Theron gingen langsam vorwärts.

»Wachen!«, rief Theron. Tris drehte sich um und sah, wie Soldaten aus zwei seitlichen Türen strömten. Sechs, und sie kamen in tödlicher Geschwindigkeit heran. Tris zog sein Schwert, sich der Tatsache bewusst, dass er Theron im Rücken hatte. Tris parierte einen Schlag des ersten Soldaten, wirbelte herum, um einen zweiten abzuwehren. Er hörte Stahl hinter sich aufeinanderprallen, als Theron auf die Angreifer losging. Tris schaffte einen soliden Ostmark-Tritt, der den dritten Wachmann ausgestreckt auf den Boden schickte. Er nahm an, dass die Klingen der Soldaten mit Wurmwurz vergiftet waren.

Tris schaffte es kaum, den Angriff des zweiten Soldaten abzuwehren, aber seine Klinge traf den ersten unvorbereitet und schlug ihn nieder. Der dritte Wachmann kam wieder auf die Beine und rannte auf Tris zu, als auch der zweite wieder kam. Tris hielt sie von sich fern und schwang Magierschlächter mit beiden Händen, auch wenn die Schläge der beiden Wachmänner ihn hart genug trafen, um seine Zähne schmerzen zu lassen. Nur ein Moment der Unaufmerksamkeit brachte ihn in die Reichweite des dritten und er versenkte seine Klinge tief in dessen Seite.

»Hinter dir!«

Tris wirbelte herum, sein Schwert glitt an dem seines Angreifers herunter, bis sie nur noch Zentimeter voneinander entfernt standen. Tris schob den anderen weg, damit er wieder freie Bahn für sein Schwert hatte und nahm den Dolch aus seinem Gürtel in die andere Hand, um den Wächter vorsichtig zu umkreisen.

Theron hatte bereits zwei ihrer Angreifer besiegt, aber der dritte kam unerbittlich auf sie zu. Tris ging in die Offensive und überraschte seinen eigenen Angreifer mit einem lauten Schrei und einer direkten Attacke. Die beiden Klingen trafen so hart aufeinander, dass es dem Soldaten beinahe das Schwert aus der Hand riss. Tris ließ sich in die Hocke fallen und schwang Messer und Schwert so, wie Vahanian es ihm beigebracht hatte. Der Soldat, von Tris Wagemut irritiert, bewegte sich so, wie Tris es erwartet hatte. Zuerst schlug er mit Magierschlächter zu und benutzte die Klinge, um das Schwert des Soldaten abzuwehren. Dann ließ er das Bewegungsmoment ihn nach vorne tragen und versenkte seinen Dolch in der Brust der Wache. Der Soldat stöhnte und ging in die Knie, ein Blick der Überraschung auf seinem Gesicht, als er niedersank.

Tris schrie auf, als ein Dolch tief in seinen linken Arm stach. Er wirbelte mit hoch erhobenem Schwert herum, als der Soldat, gegen den er gerade gekämpft hatte, zu Boden ging, tot. Er hatte ihn besiegt. Aber schon jetzt konnte Tris den Wurmwurz spüren, als warmes Blut seinen Arm herunter floss. An diesem ersten Kribbeln konnte er spüren, dass die Dosis verträglich war. Er kaute ein wenig härter auf der Hundsliane herum, die er im Mund hatte und hoffte, dass der nach Anis schmeckende Saft ihm ein paar kostbare Momente der Kontrolle verschaffen würde.

Außer Atem trat Theron an seine Seite. Die sechs »Soldaten« lagen regungslos am Boden. Tris wusste, dass es Golems waren, belebt von Magie, aber die Details, bis hin zum Blut, das aus ihren tödlichen Wunden floss, machte die Simulation zur tödlichen Realität.

»Willkommen zu Hause«, tönte eine Stimme aus den Schatten einer entfernten Ecke des Saals. Ein Schauer rann Tris über den Rücken. Die Stimme war eine fehlerlose Imitation von Arontala. Eine dünne Gestalt in roter Robe trat vor und Tris spürte, wie seine magischen Sinne ihn warnten.

Irgendetwas stimmte da nicht, dachte Tris, als die Gestalt weiter auf ihn zukam. Ein kristallener Anhänger um den Hals des Magiers glühte in grellem Rot und das Feuer, das in der kleinen Kugel gefangen war, schien Tris zu suchen und noch heller aufzuleuchten, als es ihn gefunden hatte. Er kannte den Eindruck dieser Macht, die von der Gestalt ausging, so genau, wie er die Gefahr dieses roten Feuers kannte.

»Theron – Schilde!« Tris schrie die Warnung heraus und riss seine eigenen Schilde zur Verteidigung hoch. Ein Strahl roten Feuers schoss aus den Händen der Gestalt, brandete gegen seine Schilde und erfasste Theron ungeschützt. Bevor Tris irgendetwas zur Verteidigung tun konnte, traf das Feuer Theron direkt in die Brust und warf sie gegen die Wand. Tris hörte sie vor Schmerz aufschreien, roch den Gestank von verbranntem Fleisch und sah, wie Theron tot auf dem Boden zusammensank.

Hinter sich fühlte er jetzt eine plötzliche, drehende Bewegung bei denen, die den Übungsraum bewachten und wusste mit einer Sicherheit, die ihm übel werden ließ, dass hier eine Todesfalle gestellt worden war. Tris wandte sich um und sah sich einem Avatar gegenüber, der auf einmal gefährlich real geworden war.

»DA IST ETWAS nicht in Ordnung.« Tarus Kopf fuhr nach oben. Sie und Carina warteten in einem Raum nahe der Übungshalle.

Carina sah besorgt aus, als Taru zur Tür lief und rannte hinter ihr her. »Was meinst du damit – nicht in Ordnung?«

»Ich meine, die Magie stimmt nicht.«

»Aber du sagtest doch, dass Landis diese Prüfung leitet – und dass du Landis vertraust«, erwiderte Carina und musste schneller laufen, um mit Taru Schritt zu halten.

»Ich vertraue Landis auch. Aber das hier ist nicht Landis’ Kraft – nicht mehr.«

Taru und Carina platzten in den Raum, in dem die Übungssimulation überwacht wurde. Landis lag in einem See von Blut, mit einem Dolch im Rücken.

Carina keuchte auf und fiel neben der Zauberin auf die Knie. »In ihr ist genug Wurmwurz, um sie umzubringen«, stellte Carina fest. »Und sie hat eine Menge Blut verloren. Sie atmet kaum noch.«

»Kannst du ihr helfen?«

Carina suchte in ihrer Tasche bereits nach Hundslianenpulver. Sie schnappte sich einen Krug und ein Glas vom nahen Tisch und löste das Pulver in einem Glas Wasser auf. Taru stützte Landis, während Carina ihr vorsichtig die Flüssigkeit in den Mund träufelte, damit sie nicht würgte. Carina verband die Wunde, um die Blutung zu stoppen, und Taru ließ Landis wieder vorsichtig auf den Boden gleiten.

»Das ist alles, was ich jetzt tun kann. Das Messer hat keine lebenswichtigen Organe getroffen – der Lady sei Dank. Nur die Zeit kann die Wirkung des Wurmwurz und des Blutverlustes heilen.« Carina wischte sich mit ihrer Robe Landis’ Blut von den Händen. »Wir können sie nicht allein lassen.«

»Ich werde Hilfe holen«, meinte Taru. Sie verschwand für ein paar Minuten und kehrte mit einer Schwester wieder, einer Schwester mit gewöhnlich aussehendem Gesicht, die Carina als eine der Heilerinnen in der Zitadelle kannte. Sie hoben Landis auf ein Sofa nahe dem Feuer und Carina gab der Heilerin knappe Anweisungen. Als Landis sicher untergebracht war, sah Carina wieder zu Taru.

»Wenn Landis die Prüfung nicht mehr überwacht, wer tut es dann?«

Sie hasteten hinaus, um in den Prüfungssaal zu gelangen, aber an den Türen hielt Taru plötzlich an. Sie hob die Hände, Handflächen nach vorn und ließ sie eine Handbreit vom Türblatt entfernt über das Holz gleiten. Sie fluchte.

»Was ist los?«, fragte Carina.

»Die Schutzzauber sind falsch«, antwortete Taru. »Landis hatte versprochen, dass es keine Zauber gebe, die einen Kampf auf Leben und Tod nötig machen. Noch nicht. Aber solche Zauber wurden hier eingerichtet – und sie wurden nicht von Landis gesetzt.« Sie machte eine Pause. »Dieser Ort wurde mit Blutmagie vergiftet.«

»Arontala«, stöhnte Carina auf. »Aber könnte er denn hier sein – in der Zitadelle?«

Taru schüttelte den Kopf. »Unwahrscheinlich. Die Zitadelle ist gegen das Eindringen fremder Magie geschützt, wir können nicht einfach erscheinen oder verschwinden, auch wenn das eigentlich sehr einfach ist.« Sie schloss die Augen und streckte eine Hand in Richtung der Türen zum Prüfungsraum aus. »Da ist kein Avatar. Und nur zwei Magier in der Halle sind am Leben.

»Theron ist die Verräterin?«, fragte Carina. Taru wandte sich um und ging den Korridor hinunter. »Das ist unwahrscheinlich. Auch wenn sie die Macht dazu gehabt hätte, den Zauber zu wirken, der Elam getötet hat, sie hatte keine Gelegenheit dazu. Sie war bei mir und dann ging sie direkt zu den Übungen mit Tris, erinnerst du dich? Und sie war auch jetzt bei Tris, als Landis angegriffen wurde. Landis kann erst kurz vor unserem Eintreffen verwundet worden sein, oder sie wäre schon tot gewesen.«

Taru öffnete die Tür zu einer kleinen Bibliothek, und zündete mit einem Zauberwort die Fackeln im Raum an. Dann trat sie an ein großes Becken aus Kristall, das auf einem bronzenen Gestell stand und mit Wasser gefüllt war.

Carina holte Taru ein, außer Atem, gerade, als die Schwester ihre Hände über dem Weissagungsbecken ausstreckte, die Handflächen über dem Wasser. Langsam entstieg dem Becken ein Nebel. Als er sich klärte, erschien darin verschwommen vom Nebel ein Bild, ganz so, als sähe man es aus der Ferne. Carina schnappte nach Luft. »Das ist Alaine.«

»Das ist Alaines Körper – aber nicht Alaines Macht«, berichtigte Taru. »Wir haben einen schweren Fehler gemacht.«

»Was meinst du?«, wollte Carina wissen und war nicht im Stande, ihren Blick von dem Bild, das das Becken ihr zeigte, abzuwenden.

»Landis hat Alaine selbst ausgesucht. Ihre Loyalität war absolut«, meinte Taru ruhig. »Aber vor ein paar Monaten, bevor wir das Ausmaß von Jareds Verrat erfasst hatten, hat Landis Alaine in eine der Zitadellen in Margolan geschickt. Jareds Truppen griffen an, während sich Alaine in der Festung befand. Sie war die einzige Überlebende.« Taru seufzte. »Wir waren erleichtert, als sie zu uns zurückkam – und jetzt sehe ich, dass das eine Falle war. Arontala muss sie gebrochen haben und seine eigenen magischen Auslöser in ihr installiert haben, in der Hoffnung, sie träfe vielleicht auf Tris. Vielleicht hat er Spione in jeder unserer Zitadellen, falls ihr dort Zuflucht sucht.«

»Was ist das da um Alaines Hals?« Das Bild in der Wahrsageschale zitterte.

»Das muss das Portal sein, dass Arontala für seine Macht nutzt. Es ist nicht leicht, so etwas zu wirken.«

Carina schrie auf, als Feuer aus dem Juwel schoss und gegen Tris’ Schilde prallte. »Wir müssen ihm helfen!«

Taru schüttelte den Kopf. »Niemand kann den Raum betreten, bis einer der Magier im Saal tot ist. Der Zauber kann nicht gebrochen werden. Tris ist allein.«

IM PRÜFUNGSSAAL KAUTE Tris fest auf der Hundsliane herum und versuchte, weiter seine Schilde gegen die Blitze aus magischem Feuer hochzuhalten, die nach wie vor aus dem Talisman der rotgewandeten Gestalt schossen. Ihre Kapuze fiel zurück und enthüllte nicht Arontalas Gesicht, sondern das von Alaine. Ihre Züge waren zu einer Grimasse verzogen, die voller Schmerz war, und in ihren Augen war Verzweiflung zu sehen.

Tris kannte die Macht des roten Feuers und die suchende Präsenz, die es begleitete. Das Feuer hatte Kiara bei der Weissagung in Westmark beinahe getötet und es hatte ihn gesucht und gefunden, als er versucht hatte, in der Karawane wahrzusagen.

Das Feuer prallte auf seinen Schild und entzog ihm immer mehr Kraft, während er weiter darum kämpfte, seine Schutzzauber an Ort und Stelle zu halten. Tris spürte, wie die Präsenz ihm immer näher kam. Der glühende Talisman an Alaines Hals pulsierte in dunklem Karneolrot.

»Sieh deine Zukunft«, raspelte eine Stimme aus Alaines Kehle, und verzerrte dabei Alaines Gesichtszüge. Bilder fluteten durch Tris’ Verstand, schmerzhaft deutlich. Tris sah Vahanian tot in Shekerishets Korridoren liegen, in einer Pfütze aus Blut, die Brust von einem Armbrustpfeil durchbohrt. Das Bild flackerte und Tris sah einen Hof voller Galgen, an denen leblos Carroway und Carina hingen, ihre Gesichter schwarz, die Glieder verrenkt. Ein anderes Bild ersetzte dieses, ein Wald von in den Boden gerammten Piken. Auf ihnen lagen, bei lebendigem Leibe gepfählt, Soterius, Gabriel und Mikhail, er sah den Morgen anbrechen und die Qual der Vayash Moru, als das Tageslicht sie verbrannte und sah Soterius sich winden in einem Schmerz, der nicht vom Morgenlicht beendet wurde. Wieder pulsierte das Bild und änderte sich. Dieses Mal sah Tris Kiara, zusammengeschlagen und mit Drogen betäubt, wie sie Jared überlassen wurde, um ihm zu Willen zu sein.

»Das ist Margolans Zukunft«, zischte die Stimme. Sie schien gleichzeitig von überall her zu kommen und auch in seinem Kopf zu erklingen, ohrenbetäubend laut und unmöglich auszuschließen. Wieder verschob sich das Bild und Tris sah den kugelförmigen Seelenfänger in Arontalas Zimmerflucht in demselben grellen Licht pulsieren, sah den gähnenden Abgrund klaffen und die furchtbare Macht des Obsidiankönigs hervorkommen, befreit aus seinem Gefängnis und in den rotgewandeten Magier fahren, der mit erhobenen Armen hoch aufgerichtet dastand, und die Inbesitznahme erwartete.

Die Macht des nächsten Bildes zwang Tris beinahe in die Knie. Er sah sich selbst in Arontalas Arbeitszimmer in Shekerishet, sah den Obsidiankönig in Arontalas Körper einen massiven Strahl der Macht gegen ihn aussenden. In der Vision sah Tris, wie seine Schilde sich dehnten und aufwarfen, sah, wie sein Körper sich in Agonie wand und spürte, wie der Obsidiankönig seine Schutzzauber schließlich fortwischte und seinen Willen brach. Tris sah sich selbst, zu Tode gefoltert und wiederbelebt, über die Grenzen dessen hinaus, was Sterbliche ertragen konnten. In der Vision bettelte er, an Körper und Geist gebrochen, um den Tod. Und er sah sich selbst, verbrannt und verkrüppelt von Arontalas Foltern, mit leeren Augen, ohne den Willen zu widerstehen, wie seine Macht als Kraftquelle für die Blutmagie Arontalas benutzt wurde.

»Du hast versagt«, schnarrte die Stimme, ohrenbetäubend laut. »Und dein Versagen wird die Vernichtung aller bedeuten, die du liebtest.«

Die Visionen wurden übermächtig und Tris kämpfte darum, die Beherrschung nicht zu verlieren, Trauer und Hoffnungslosigkeit rollten über ihn hinweg, als der Wurmwurz drohte, seine Macht aus seiner Reichweite zu stoßen. Dann spürte Tris auf einmal an den Grenzen seiner magischen Sinne noch etwas anderes. Als die Luft um ihn herum kalt wurde, spürte er, dass er und Alaine nicht länger allein waren.

»Stoß zu!« Tris hörte Therons Stimme in seinen Gedanken, als der Geist der gefallenen Magierin aus ihrem verbrannten Körper hervorkam. Bei ihr war noch eine ältere Präsenz, und Tris wusste mit einem Mal, dass es Elams Geist war.

Schwindlig von der Gewalt des feurigen Angriffs und der Macht der Gesichte sah Tris, wie die Geister Alaine heulend angriffen. Als sie mit der Macht der Geister von Ruune Videya über Alaine kamen, raffte Tris all seine verbliebene Kraft zusammen.

Mit einem gemurmelten Wort ließ er seinen Schild fallen, schickte seinerseits einen Energiestrahl und verwendete Magierschlächter dazu, das Gift in Schach zu halten. Er hielt Magierschlächter wie einen zeremoniellen Dolch und richtete, sich an dem blauen Glühen seines Lebensfadens bedienend, seine Kraft neu aus.

Von den rachsüchtigen Geistern abgelenkt, wandte sich Alaines Aufmerksamkeit einen Moment lang von ihm ab und Tris schickte ihr seine gesamte Kraft in einem Strahl entgegen. Alaine schrie auf, als das blaue Feuer sie in die Luft hob, gegen die raue Steinwand warf und dort festhielt. Im Gegensatz zu dem Feuer, das Theron verbrannt hatte, gab es hier keine wirklichen Flammen und kein verkohltes Fleisch. Das blaue magische Feuer traf die Lebenskraft und den Geist in Alaines Körper und verdampfte diese Lebenskraft wie Wasser in einer Flamme. Alaine schrie noch einmal auf und ihr Körper wand sich, und dann spürte Tris, wie ihr gequälter Geist sich aus seinem Gefängnis befreite. Die kleine Kugel an ihrem Hals wurde dunkel, als sie der Quelle, der sie sich bedient hatte, beraubt wurde.

Tris stürzte vollkommen ausgepumpt auf die Knie. Alaines Körper fiel ebenfalls zu Boden. Er fühlte seine eigene Lebenskraft zittern, als er mit dem Gesicht zuerst auf den nackten Steinboden fiel. Die Illusion von Shekerishets großer Halle löste sich auf und hinterließ ihn in einem leeren Gewölbe, als die Schutzzauber, die die Türen verschlossen hatten, sich auflösten. Tris hörte, wie die Türen hastig geöffnet wurden, hörte, wie Schritte auf ihn zugerannt kamen, aber die Geister erreichten ihn zuerst.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der Blutkönig" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen