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Der Biss der Schlange

Über den Autor

Simon Spurrier wurde 1981 geboren. Er hat den Studiengang Film und Fernsehen am S.I.A.D. absolviert, Stipendien für Drehbuchschreiben sowohl von der National Academy of Writing als auch von der Met Film School erhalten und für BBC als künstlerischer Leiter gearbeitet. Seither ist er preisgekrönter Comicautor, schreibt für Marvel, DC und 2000AD und hat mehrere lizenzierte Romane verfasst.

Er lebt in Nord-London und ist in diversen Communities aktiv. Besuchen Sie ihn auf www.simonspurrier.blogspot.com, oder folgen Sie ihm auf Twitter unter @sispurrier.

BASTEI ENTERTAINMENT

Kapitel 1

London hustete sich die Lunge aus dem Leib und lag glänzend da.

Der Novembernieselregen hatte zum ersten Mal seit drei Nächten aufgehört, trotzdem blieb die Luft erstickend schwer. Sie war erfüllt von einer klammen Feuchtigkeit, die an glatten Ziegelsteinen und grauen, blattlosen Bäumen haftete. Auf Mauersimsen in Soho schmollten Tauben in stumpfsinniger Verwahrlosung vor sich hin, während tapfere Raucher vor dampfenden Pubs in Smogwolken standen und über diese demütigende Notwendigkeit murrten. An Häusereingängen entlang der Oxford Street klammerten sich Obdachlose an träumenden Hunden fest, um sich zu wärmen. In Camden gingen sogar die – anfangs wegen der Unterbrechung des Regens noch optimistischen – Dealer dazu über, sich in der Nähe von Kebabläden und Warteschlangen vor Klubs herumzudrücken, aus denen überschüssige Wärme sickerte, um dort ihre Mantras zu murmeln:

»Gras, Hasch, Pillen … Gras, Hasch, Pillen …«

Im Osten rollten unter einem trostlosen Himmel Busse mit beschlagenen Fenstern brüllend wie Löwen durch alte Pfützen, wichen hinkenden Füchsen und gleichmütigen Katzen aus.

Und in Hackney schrie eine junge Frau, bis ihre Stimme kippte.

Die Busse fuhren weiter. Die Füchse zuckten kaum.

Der Schrei verkam zu abgehackter Stille, dann holperte er über mehrfache, spitze Töne und wurde zu einem einzigen, ausgelaugten Stöhnen. Die Nachbarn drehten die Fernseher lauter.

Nur ein Mann lauschte aufmerksam, seufzte dabei und zog seinen Mantel mit den vielen Taschen enger um sich. Sogar in seinem verdreckten Van, der allein unter einer Straßenlaterne parkte, die pissegelbes Licht abstrahlte, bildete sein Atem mit jedem Zug kleine Wölkchen.

Er lauschte Sex und beklagte seine mangelnde Erregung.

Da rührt sich gar nichts.

Die junge Frau stieß eine Salve japsender Laute aus wie ein Zug, der durch Wasser rattert, dann stöhnte sie in Oktaven, die allein Wölfen und Walen vorbehalten sind. Sie kläffte wie ein Chihuahua, sie brabbelte in einer fremden Sprache – und die begleitenden Schmatzgeräusche verlangsamten sich dabei nie.

Der lauschende Mann rieb sich die Stirn. Da ihm die teuren Kopfhörer die Laute direkt ins Hirn hämmerten, fiel es ihm leicht, sich vorzustellen, die Frau rede in fremden Zungen. Bei dem Gedanken musste er grinsen.

Der Heilige Geist ist über sie gekommen, dachte er.

Genau auf die Titten, möchte ich wetten – der versaute alte Penner.

Der Name des Mannes lautete Dan Shaper. Er spürte, dass sich Kopfschmerzen anbahnten, rückte die Kopfhörer zurecht und betätigte einen Schalter an dem mattschwarzen Empfänger auf seinem Schoß: Kanal B. Eine weitere raffiniert versteckte Wanze, ein weiterer abgehörter Raum, ein weiterer Sturmangriff auf die Trommelfelle. Diesmal, so stellte er mit der Überzeugung eines wahren Kenners fest, ging es gerade erst los. Vorläufig zeigte sich der männliche Teilnehmer enthusiastischer.

»Oh ja, Miststück«, keuchte die rasselnde Raucherstimme, die nach mindestens vierzig Glimmstängeln täglich klang. »Oh ja, Miststück, ja, oh ja …«

Shaper hatte das starke Gefühl, ins Ohr gefickt zu werden.

Er seufzte erneut und kramte in den unzähligen Taschen nach dem Reißverschlussende seines Medikamentenordners. Äußerlich sah das Ding ganz wie ein dicker Terminplaner aus; ein Relikt aus den 1980ern, verpackt in Lederimitat und Nylon. Im Inneren jedoch befanden sich statt ordentlicher Seiten Dutzende Tablettenstreifen in Metallfolie, jeder mit seinem eigenen Gummiband befestigt. Studentenfutter fürs Hirn.

Wie ein Künstler auf der Suche nach dem richtigen Farbton fuhr er mit den Fingern die bunten Reihen entlang und regelte am Empfänger die Lautstärke herunter. Schon bald – mit etwas Glück nach dieser Nacht – würde er sich eine Auszeit nehmen müssen, das wusste er: einen Entgiftungsurlaub, um sich zu regenerieren und die Batterien aufzuladen. Selbst nach jahrelanger Übung und Selbstmedikation, um sein Gehirn in die Schranken zu weisen, blieb seine mentale Kost ein ständiges Wandeln am Rande der Katastrophe. Das Blut ließ sich nur bis zu einem gewissen Grad verunreinigen, bevor es unwiderruflich vergiftet war, und die Psyche ließ sich nur bis zu einem gewissen Grad stauen, bevor die Dämme brachen.

Alles unter Kontrolle.

Zwei Phenotropil diesmal – dicke russische Aufputschmittel –, um den Schimmer beginnender Paranoia zu vertreiben. Und vielleicht eine halbe Tablette Benzodiazepin – Zoloft stand zur Auswahl, steuerfrei mit US-Aufklebern –, um die Amphetaminschatten aufzuhellen. Um schön locker zu bleiben.

Er schluckte die Pillen mit dem Rest seines Kaffees und schaltete auf Kanal C.

»Oh Gott, oh Gott, oh Gott, oh Goooooooott «

Wieder seufzte er, absolut unerregt. Melanie in Zimmer 3 täuschte ihre Orgasmen immer am gottesfürchtigsten vor.

Vermutlich hätte er diesen traurigen, zwielichtigen kleinen Auftrag zu jedem anderen Zeitpunkt als Quell schuldbewusster Erregung empfunden. Aber nach einer Woche, in der er verdrießlich zwischen Schmatzlauten, Gekreisch, Grunzen, Gottesanrufungen und vereinzelten unprofessionellen Mösenfürzen hin und her geschaltet hatte, war er in einen bedauerlichen Zustand von Abgestumpftheit verfallen.

Außerdem gab es in dieser Nacht einen weiteren Stolperstein für seine Libido, der in diesem Augenblick in einer Zigarettenrauchwolke auf dem Beifahrersitz lümmelte, sich ein weiteres Bier griff und mit zusammengekniffenen Augen zur schmucklosen Terrasse auf der gegenüberliegenden Straßenseite spähte.

»Sieht für mich nich’ wie ’n richtiger Puff aus«, meinte er leicht lallend.

Shaper, der schon sein Leben lang Pissoirs ohne Trennwände mied, gehörte nicht zu der Sorte von Kerlen, die in männlicher Gesellschaft unbeschwert geil werden konnten. Schon gar nicht, wenn die besagte Gesellschaft eins achtundneunzig groß war, pures Testosteron ausschwitzte und angeblich wie ein Elefant bestückt war.

»Sei nicht albern, Vince«, murmelte er. »Wie soll ein Puff schon aussehen?«

Vince – zu groß, zu breit und zu besoffen, um mehr zu tun, als einen gewaltigen Satz aufgeschürfter Knöchel zum Fenster hinauszuschwenken – unterdrückte ein Rülpsen. »Ich dachte bloß … na ja, du weißt schon. Offensichtlicher.«

»Rote Lichter, Neonreklame, Titten an den Fenstern?«

»Na ja …«

»Wir sind hier nicht im verfluchten Amsterdam, Kumpel. Bei uns ist Diskretion gefragt.«

Melanie wählte mit untrüglicher Präzision just diesen Moment, um zu explodieren – mit einem schrillen, flugsaurierähnlichen Aufschrei, der das Quietschen der Bettfedern überlagerte. Shaper musste die Kopfhörer von den Ohren ziehen und ignorierte Vinces Grinsen.

»Diskret«, sagte der Schläger. »Genau.«

Vince war Shapers bester Freund – was in ihrem Fall bedeutete, dass sie gegenseitig ihre Gesellschaft länger als die der meisten anderen ertrugen. Und trotz des ersten Eindrucks, den Vince unweigerlich vermittelte, verkörperte er einen der interessantesten Menschen, die Shaper kannte. Gut, der Mann ging verschiedensten miteinander verwandten Gelegenheitsjobs nach, für die er stets bar auf die Kralle bezahlt wurde und zu denen in der Regel gehörte, dass er auf Menschen eindrosch, bis ihm jemand sagte, dass er aufhören solle. Und doch wusste er beispielsweise aus unerfindlichem Grund unheimlich viel über edle Weine. Er las Literatur von toten Schriftstellern, von denen Shaper noch nie gehört hatte. Außerdem war er erklärtermaßen schwul, in Wirklichkeit jedoch – und seit seinem aktuellsten Freund insgeheim – bi. Er hatte eine sonderbare Phobie gegen Tomaten und behauptete, ihre Beschaffenheit erinnere ihn an Babyhaut. Vince war ein Mensch mit mehr überraschenden, unerklärlichen Facetten, als sie irgendjemandem zustanden; nur war er eben auch ein bezahlter Schläger, der Beine für fünfhundert Ocken das Stück brach. Wahrscheinlich entschuldigte er sich hinterher sogar dafür.

Auf seine chaotische und widersprüchliche Weise stellte Vince den Inbegriff eines Vertreters der konfusen Welt dar, in der Shaper schon lebte, so lange er zurückdenken konnte. Und Shaper merkte dem Mann an, dass er im Augenblick unerträglich gelangweilt war.

Damit ging automatisch einher, dass er betrunken, anfällig für Rülpsen und Furzen und reizbar war. Es hatte schon seinen Grund, warum Shaper ihn noch nie zuvor zu einem Auftrag mitgenommen hatte.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stahlen sich zwei Gestalten, auf deren fast kahlen Schädeln sich der Lampenschein wie auf blassen Eiern spiegelte, aus dem Lichtkegel einer Tür und eilten davon. Eine dritte Gestalt traf gerade ein, ein gebrechlicher Mann, der sich über einen Stock gebeugt ins Haus schleppte und aus dem Licht verschwand. Die zierliche Mrs. Swanson geriet in Sicht, um die Tür zu schließen. Ihre dick umrandete Brille beschlug in der Kälte, und sie musste sich sichtlich zurückhalten, um Shaper nicht über die Straße hinweg zuzuwinken. Sie hatte drei Nächte gebraucht, in denen sie ihm Tee und Kuchen zum Van gebracht hatte, bis sie endlich das Konzept einer »verdeckten« Überwachung begriff, und sie hielt trotzdem noch Plätzchen für den Fall bereit, dass ihm kalt würde und er hineinkäme. Sie war die untypischste Puffmutter, der Shaper je begegnet war.

Obendrein waren es gute Plätzchen.

»Wie kommt’s, dass sich die Nachbarn nicht beschweren?«, brummte Vince, womit er Shapers Gedankengänge unterbrach. Seufzend rieb sich Shaper den Nasenrücken und stellte fest, dass seine Kopfschmerzen mittlerweile voll in Fahrt gekommen waren. Genau wie Melanie in seinen Ohren.

»Sie werden dafür bezahlt.«

»Woher weißt du das?«

Er warf dem Mann fürs Grobe einen Blick zu. »Weil es mein verfluchter Job ist, so was zu wissen, oder?«

Beobachter. Spanner.

Problemlöser. Streitschlichter.

Zwielichtiger Mittelsmann.

Shaper sah es so, dass all die Männer und Frauen, die in seinem Fleckchen Dreck herumwühlten – all die weitgehend anständigen Leute, die sich mit ein paar Gelegenheitskröten aus Gelegenheitseinkunftsquellen durchschlugen –, wie alle anderen Menschen jemanden brauchten, den sie in schwierigen Zeiten rufen konnten.

Für Shapers Leute stellten die Bullen keine Option dar.

Zum Beispiel Mrs. Swanson. Eine reizendere alte Dame konnte man sich kaum vorstellen, sie betrieb nur eben zufällig auch den erfolgreichsten Bumsschuppen westlich von Stratford. Als bestimmte »wertvolle Produkte« in ihrem Haus zu verschwinden begannen, war für sie ein Anruf bei Shaper so natürlich gewesen wie für konventionellere Geschäftsbesitzer ein Anruf bei der Polizei.

»Gehört das zu den Dingen, die Sie tun?«, hatte sie quengelig gefragt.

Oh ja.

Ein weiterer vorfreudiger Kunde klopfte an die Vordertür. Die eingefallenen Lippen ließen auf einen zahnlosen Mund schließen. Shaper ertappte Vince dabei, dass er den Mann mit zusammengekniffenen Augen betrachtete, und konnte förmlich hören, wie die inneren Rädchen seines Gefährten klickten.

»Bild ich mir das bloß ein«, sagte der große Mann, »oder sind diese Freier ein bisschen … du weißt schon.«

»In die Jahre gekommen?«

»Wie verfluchte Dinosaurier, ja.«

Shaper spendete der Bemerkung halbherzig Beifall. »Es ist ein spezialisiertes Etablissement.«

Mrs. Swansons Geniestreich hatte darin bestanden, zu erkennen, dass Freier eines gewissen Alters nicht nur weit weniger Ärger verhießen als ihre jüngeren Pendants, sondern dass sie sich auch erheblich bereitwilliger von ihren – wie sie es ausdrückte – »gereiften« Ersparnissen trennten. Indem sie ausschließlich eine Klientel empfing, die schon mit einem Bein im Grab stand, hatte sich ihr Laden als einer von Hunderten wenig überzeugenden Massagesalons in eine veritable Melkkuh verwandelt.

»Früher mal«, erklärte Shaper, »kreuzten bei ihr gelegentlich alte Säcke auf, die ihn … nur noch auf Halbmast brachten.«

Um zu zeigen, dass er verstand, krümmte Vince einen hochgestreckten Finger halb durch, was er mit einer Comics entlehnten Lautuntermalung begleitete. Shaper, dem die eigene schwächelnde Manneskraft unangenehm bewusst wurde, nickte.

»Genau. Und niemand will mit einer mitleidigen Rückerstattung nach Hause geschickt werden, oder? Also fing der alte Herr Schlaffschwanz an zu fragen: ›Haben Sie vielleicht etwas, das dagegen hilft?‹ Und Mrs. Swanson dachte sich: ›Hm, vielleicht sollte ich so was anbieten.‹«

Vince grinste breit, als er kapierte. »Also hat sie angefangen, Viagra zu verkaufen?«

»Anfangs, ja. Vor allem Cialis, Revatio, Levitra. Bessere Margen. Leicht verdientes Geld.«

»Genial!«

»Nein, katastrophal.«

Vinces Miene verdüsterte sich. »Wieso?«

Shaper stellte die Kopfhörer noch eine Stufe breiter, da seine Kopfschmerzen nach wie vor anschwollen. »Weil Herr Schlaffschwanz einen Enkel hatte, der wusste, wie man das Zeug online um den halben Preis bestellt. Und die Stammkunden reden in der Umkleide miteinander. Eh man sich versah, kreuzten sie schon einsatzbereit bei ihr auf.«

Vince hob sein Bier zu einem schäumenden Toast auf die Rentnerschaft. »Na dann, Schwanz hoch!«

Zwischen ihnen dröhnte Melanies auf einen zweiten Höhepunkt zuschrillende Stimme aus den Kopfhörern. Shaper wusste aus zu vielen Nächten, in denen er nur hier rumgesessen und seine Konzentration unter narkotischen Extremen aufrechterhalten hatte, dass sie pro Freier zwei Orgasmen zuließ – nicht mehr, nicht weniger –, die sie mit gespenstischer Präzision taktete. Jedes der Mädchen hatte eine eigene kleine Routine, und mittlerweile kannte er sie alle. Ruth mit ihrer postkoitalen Analyse, bei der sie dem Freier vorgaukelte: Ehrlich, das sag ich nicht oft, ich mein das echt ernst, das war toll. Oder Ksenia, die in Zungen Sprechende, deren Ekstase, wie sie ihre Kunden glauben ließ, solche Ausmaße erreichte, dass nur ihre Muttersprache sie auszudrücken vermochte. Oder Vicky, die ihre Freier geradezu darum anflehte, die Lippen auf ihren Busen zu drücken und Furzgeräusche zu blasen, woraufhin sie wie ein Güterzug abging. Im Vergleich zu den meisten anderen empfand er Melanies atemloses Zusteuern auf den Höhepunkt noch mit Abstand am angenehmsten.

»Oh Gott, oh Gott …«

Er verdrehte die Augen und verringerte erneut die Lautstärke.

Und runzelte abrupt die Stirn. Eine seiner Hände hatte zu zittern begonnen.

»Und?«, hakte Vince nach, ohne die plötzliche Angst zu bemerken, die Shaper beschlich. »Was hat die Chefin gemacht?«

»Was? Wann?«

Nicht ausgerechnet jetzt, nicht jetzt, nicht jetzt.

Wahrscheinlich, so redete er sich ein – und ignorierte dabei den trockenen Mund, die zur Faust geballte Hand, den leisen Takt, den seine Füße im Fußraum unwillkürlich klopften –, lag es nur an der Kälte. Kein Grund, sich Sorgen zu machen.

Oder …

Oder eine Warnung. Ein schrille Sirene, die ankündigte, dass die Aufputschmittel ihre Wirkung verfehlten und sein Gehirn Schlagseite bekam.

Entspann dich, du Idiot 

Vince, der im Bierrausch und ungeduldig neben ihm saß, bekam natürlich nichts mit. »Sag schon«, bohrte er weiter. »Was hat sie gemacht, als die aufgehört haben, Viagra zu kaufen?«

»Ach, das meinst du.« Shaper rieb sich die Schläfen und konzentrierte sich. »Was konnte sie schon tun? Sie hat sich nach einer Alternative umgesehen.«

Beim anfänglichen Informationsgespräch hatte ihm die alte Dame taktvoll mitgeteilt, dass ihr Etablissement einen kühnen Schritt in exotischere Gefilde gewagt hatte. Sie hatte behutsam die Fühler ausgestreckt, und nach ein, zwei Monaten trafen über die zwielichtigsten Versorgungswege die ersten Lieferungen ein.

»Also was?«, beharrte Vince.

Shaper wandte den Blick ab. »Zerriebener Tigerpimmel«, murmelte er.

»Was?«

Er seufzte. »Na ja, das ist … ein traditionelles östliches Heilmittel. Die Freier können es nicht selbst besorgen, und es kostet ein verdammtes Vermögen. War ein kluger Schachzug.«

»Zerriebener Tiger… Aber … Was?«

»Ich weiß.«

»Aber das ist …«

»Ich weiß, Vince, okay? Tatsache ist, die Freier stehen wieder Schlange.« Resigniert zuckte er mit den Schultern und kam sich albern vor. »Und jetzt stiehlt jemand das Zeug. Und ich bin hier, um herauszufinden, wer.«

»Tigerschwanz«, brummte Vince, bevor er kopfschüttelnd verstummte. »Scheiße.«

Shaper musste zugeben, dass es eigenartig war.

Die Ware traf in exotischen kleinen Bechern mit aufwendiger Papierverpackung und Tintenzeichnungen von Tigern und nackten Frauen ein. Das Zeug wurde von den Mädchen selbst direkt am »Verrichtungsort« – ein weiterer Spezialausdruck von Mrs. Swanson – verteilt und strotzte geradezu vor obskuren Versprechungen. Alles ein Bestandteil des Placeboeffekts, hatte Shaper seine feste Überzeugung kundgetan. Er hatte daran gezweifelt, dass die Ware jemals weniger als tausend Kilometer an einem echten Tiger dran gewesen war.

Diese Vorstellung hatte Mrs. Swanson zunichtegemacht, als sie ihm zutiefst schuldbewusst gestanden hatte, dass sie, als »das Produkt« zu verschwinden begann, den Bestand mit einem Gemisch aus verbranntem Zucker und Mehl aufgefüllt hatte. »Wir mussten allen ihr Geld zurückerstatten«, hatte sie gemurmelt. »Keiner der armen Teufel konnte seinen Mann auch nur ansatzweise stehen.«

Mit dem echten Pulver misslang es den Freiern nie, einen Gegenwert für ihr Geld zu bekommen. Ganze Scharen schüchterner alter Männer ohne Charisma oder Selbstvertrauen erzielten dadurch nicht nur die körperliche Bereitschaft, sondern auch die rechte Gesinnung.

Es war in der Tat eigenartig.

Vince, der das breite Kinn vorstreckte, schien wenig davon zu halten.

»Deshalb sind wir hier? Um auf magische Katzenpimmel aufzupassen?« Er schniefte durch die klobigen Überreste dessen, was mal eine Nase gewesen war. »Warum können wir dann nicht einfach drinnen sitzen und das verfluchte Zeug im Auge behalten?«

»Hausordnung. Die Ware wird von den Mädchen direkt verkauft. Eine ›intime‹ Transaktion – es ist niemand sonst im Raum, der den Vorgang beobachten könnte. Und vorher bekommt das Zeug niemand. Die einzige Chance besteht darin, sich zusammenzureimen, wer es klaut, und denjenigen dann auf frischer Tat zu ertappen.« Er biss die Zähne zusammen. Ihm fiel auf, dass sich das Zittern auf die andere Hand ausgebreitet hatte. »Und es muss heute Nacht passieren.«

Vince schnippte Asche durchs Fenster hinaus und brummte: »Tigerschniedel … Das is’ nicht grade ein Fall für den verfluchten Columbo, Mann. Wie schwierig kann das schon sein?«

»Erheblich schwieriger, als ich dachte, in Ordnung?« Shaper versuchte, sich die Krämpfe aus den Händen zu massieren. »Pass auf, wir reden hier von einem Bordell, klar? Da geht es um Diskretion und Vertrauen. Die Kunden sollen ja wiederkommen. Die alte Dame wäre mir fast aus den Latschen gekippt, als ich vorgeschlagen hab, Kameras zu installieren. Und Kundendurchsuchungen kommen auch nicht infrage. Anfangs waren sogar die Mädchen pampig zu mir, als ich ihre Handtaschen durchsuchen wollte.«

»Jetzt nicht mehr?«

»Nein. Weniger von dem Produkt bedeutet auch weniger Trinkgeld. Ein paar Tage mit dem Schild ›Ausverkauft‹ an der Tür haben gereicht, und schon standen sie Schlange, um mir zu helfen.«

»Und hat’s geholfen?«

»Einen Scheißdreck hat’s geholfen.«

Vince zuckte mit den Schultern: Fall erledigt. »Also ist es einer der Freier.«

»Nee. Ich bin eine Woche lang jeden Tag im Umkleideraum gehockt. Hab jede verdammte Tasche durchwühlt, die’s gab. Hab die Kerle sogar in der Dusche beobachtet.«

Vince grinste. »Heiß.«

»Nicht annähernd. Und ich sag dir, Kumpel, kein Einziger hat etwas aus den Verrichtungszimmern mitgenommen.« Diskret atmete er einen Zug gestohlenen Rauchs ein. »In derselben Woche ist Ware im Wert von fünf Riesen verschwunden.«

Vince verschlug es den Atem. »Wie bitte?«

»Genau.«

»Fünf Riesen?«

»Ja.«

»Aber … wir reden hier von Katzenpimmeln!«

Der Mann fürs Grobe warf eine leere Dose ins Seitenfach des Vans und verfiel in angewidertes Schweigen. Shaper hatte es längst aufgegeben, ihn zu ersuchen, das zu unterlassen.

»Wie auch immer«, sagte er, mehr um sich selbst als Vince zu bestärken. »Heute ist die Nacht der Nächte. Sonst wärst du nicht hier. Im Grunde genommen ein einfacher Fall von Querverweisen. Man vergleicht, welche Mädchen Dienst haben, wenn Vorräte verschwinden. Dann verbindet man die Punkte miteinander.« Mit einer Zuversicht, die er nicht wirklich empfand, klopfte er auf das Empfangsgerät. »Es ist eine dieser drei. So schlau bin ich inzwischen.«

Es muss heute Nacht sein.

Die zitternden Hände. Das Kribbeln in seinen Zehen. Die klebrigen Schatten von Übelkeit. All das kannte er nur allzu gut.

Nach zwei Wochen an diesem Auftrag, nach sieben Nächten im Van, nach zu vielen Stunden, in denen er angestrengt versucht hatte, etwas Ungewöhnliches aus dem Geschrei geheuchelter Ekstase herauszuhören, durfte er sich darüber kaum wundern. Kein Schlaf, keine Erholung, keine Ruhe; nur dank Narkotika zum Zerreißen gespannte Konzentration, die mit jedem Atemzug mehr Sprünge bekam.

Entgiften oder explodieren, Kumpel.

Gegen Ende der vorigen Woche, als er bereits gespürt hatte, dass sich das nächste Burn-out mit rasenden Schritten näherte, hatte er darauf gepfiffen, die Dinge umständlich zu erledigen. Eines Morgens war er in das Bordell eingebrochen und hatte Wanzen in Rauchmeldern und Steckdosen installiert, während Mrs. Swanson ein Nickerchen gehalten hatte. Still und heimlich – Fähigkeiten, die er sich vor langer Zeit bei der Verfolgung weniger ehrenwerter Ziele angeeignet hatte. Er war zu dem Entschluss gelangt, dass Respekt vor den Kunden sowie dem Vertrauen des Personals zwar schön und gut war, aber was Mrs. Swanson nicht wusste, konnte ihr auch nicht schaden.

Oder seinem Honorar.

»Es ist eine dieser drei«, murmelte er erneut. »Definitiv.«

Fast überzeugend.

»Fein. Ganz toll.« Vince nickte mit einem neuen Anflug von Ungeduld in Richtung des Empfängers. »Und welche? Weil, je schneller du das rauskriegst, desto schneller kann ich den Judge-Dredd-Part übernehmen.« Er ahmte einen türzerschmetternden Tritt nach, und sein Bein prallte von der Windschutzscheibe zurück. »Und desto schneller können wir in den Pub abdampfen. Wie wirst du’s dir zusammenreimen?«

Shaper spürte, wie sich das Zittern seine Arme hinauf ausbreitete, und tat so, als hätte er es nicht bemerkt.

»Indem ich aufmerksam lausche.«

»Worauf?«

»Keine Ahnung. Irgendwas, das nicht ins normale Bild passt.«

Vinces Augen weiteten sich. »Kumpel, da drüben ist ein Haus voll Geriatriepatienten, die sich den zerriebenen Schwengel eines verfluchten Raubtiers reinziehen. Was genau ist denn daran überhaupt normal?«

Shaper ignorierte ihn und schaltete missmutig durch die Kanäle. In Zimmer 1 herrschte mittlerweile Stille – Ksenias Transaktion war abgeschlossen. In Zimmer 2 ließen feuchte Furzlaute erahnen, dass Vicky ihren Freier letztlich dazu überredet hatte, auf ihrem Busen zu prusten, und indem er rasch zu Zimmer 3 weiterwechselte, gelangte er zur frommen kleinen Melanie, die einem weiteren Höhepunkt entgegensteuerte.

Nichts.

Es musste heute Nacht sein. Er konnte bereits fühlen, dass sich die narkotischen Wickel lösten wie Salz in einem Bach; seine Toleranz gegenüber den Drogen wurde stärker. Unter ihrer Wirkung spürte er schon die Krankheit, die Freiheit witterte und vorfreudig zitterte …

»Kumpel«, brummte Vince, der blind für Shapers wachsende Panik blieb. »Ich sag dir was: Dein Job ist wesentlich interessanter als meiner.«

»Ach ja?«

»Jeden Tag was anderes, oder? Tigerschwanz … meine Fresse.« Der Mann fürs Grobe warf seine Kippe aus dem Fenster und bemühte sich, nicht zu lallen. »Ich meine – ich? Ob man einmal oder zweimal auf ’nen Kerl einschlägt, is’ dasselbe, wie wenn man tausendmal auf ihn einschlägt. Und vom Job als Rausschmeißer vor Klubs will ich gar nicht reden, das ist erst ’ne eintönige Kacke …«

Shaper hörte ihm nicht mehr zu. Der Atem stockte ihm in der Kehle, etwas Heißes stieg hinter seinen Augen auf.

Ob man einmal oder zweimal auf ’nen Kerl einschlägt 

Einmal, zweimal, drei…

»Scheiße!« Seine Hand schnellte zur Tür des Vans.

Vince, der durch den Alkoholnebel aufschaute, wurde erst nach und nach bewusst, dass er allein im Auto saß, dann nahm er vage wahr, dass eine abgerissene Gestalt über die Straße rannte.

»Kumpel?«, fragte er.

Als sich Shaper an Mrs. Swanson vorbeigedrängt hatte, die verdattert an der Tür stand, begannen die Dinge in seinem Gehirn allmählich auszufransen.

Scheiße.

Das Bordell präsentierte sich ihm als glänzendes rosa Band, das er wie durch eine Fischaugenlinse wahrnahm. Mittlerweile hatte das Zittern, geschürt vom Adrenalin, seine Schultern erreicht, und als er durch den Umkleideraum stolperte, war er davon überzeugt, dass sein Kopf wie eine Tesla-Spule Funken sprühte, während seine Füße schlotternd durch statische Frequenzen wateten. Kein Wunder, dass ihn alle anstarrten.

Narkotischer Zusammenbruch in zehn, neun, acht 

»Platz da, ich komme!«, brüllte er. Dann grinste er.

Ich komme. Kicher.

Reiß dich zusammen, reiß dich zusammen …

Irgendwo hinter sich hörte er, wie Mrs. Swanson Entschuldigungen verteilte, während sie hinter ihm herhetzte. Wahrscheinlich mit den Händen über den Augen – die gute Seele. Er schenkte ihr keine Beachtung und steuerte auf Zimmer 3 zu.

An der Tür hielt er inne, um sich zu sammeln. Sein Gehirn lotete die Mauern seines Amphetamingefängnisses aus und verzerrte die Welt mit jedem hammerähnlichen Herzschlag ein wenig mehr. Shaper hielt den Atem an, um den Lärm zu dämpfen, dann drückte er das Ohr ans Holz der Tür.

Drinnen stieß jemand keuchend spitze Schreie aus, die Bettfedern quietschten, und eine männliche Stimme grunzte im Takt dazu. Präzisionsficken.

Schmatz-schmatz-schmatz.

Melanies Stimme schwoll zu einem neuen Refrain an: »Oh Gott, oh Gott …« Und wie von einem speziellen Geheimnis wurde alles vom gespenstischen Läuten von Kirchenglocken, vom Gestank verwesenden Fleisches und von einem Schwarm blutroter Fliegen unter der Tür überlagert.

Die kranken Empfindungen eines kranken Gehirns, wie Shaper wusste, unsichtbar und stumm für alle anderen. Seine eigenen, unausgesprochenen Ängste, verpackt in dramatische Sinneseindrücke.

Die Krankheit, die ihm zusetzte.

Die Tür erwies sich als abgesperrt. Shaper grinste, als er einen Schritt zurückwich und die Schulter senkte. Nur vage nahm er die innere Stimme wahr, die ihn daran erinnerte, dass er für genau diesen Moment eigentlich jemanden mitgebracht hatte.

Scheiß drauf.

Er spannte den Körper für den Angriff.

Und …

»Hören Sie sofort damit auf.« Mrs. Swanson kam in Sicht gelaufen, rüstiger, als man ihr ansah. Jeglicher Anschein freundlicher Nachsicht war verpufft. Ihre an Fischgläser erinnernden Augen feuerten Rasiermesserblicke auf ihn ab. »Das hier ist ein diskretes Etablissement, Mr. Shaper. Ich dulde nicht, dass sie einfach so …«

»Drei Orgasmen.«

Sie geriet ins Stocken. »W-wie bitte?«

»Drei Orgasmen, Mrs. S.! Melanie macht immer nur zwei!«

Über der Schulter der Puffmutter ging das »Oh Gott!«-Geschrei durch die Tür gedämpft in abgehacktes, ekstatisches Japsen über, durchbrochen von Keuchlauten. Die Bettfedern behielten ihren Takt bei.

»Hören Sie das? Sie schindet Zeit!«

Mrs. Swanson errötete doch tatsächlich angesichts der Melodie und schrak von der Tür zurück. In sicherer Entfernung erlangte sie die Fassung wieder und schwenkte einen Finger. »Also, jetzt hören Sie mal …«

Aber Shaper hatte sich bereits in Bewegung gesetzt.

Das Schloss brach mit einem enttäuschenden Mangel an Splittern und umherfliegenden Schrauben auf. Die Tür kippte fast verlegen zur Seite, und bevor der Schreck der plötzlichen Störung die Personen im Zimmer erstarren ließ, setzte sich das Geschehen eine Sekunde lang ungebrochen fort.

Shaper glotzte hinein.

Melanie hüpfte in Dessous auf dem Bett auf und ab wie ein Schulkind im Zuckerrausch. Quietsch, quietsch, quietsch. Ihr straffer, zierlicher Körper war vor Anstrengung gerötet. Mit den Händen zupfte sie die nassen Innenseiten ihrer Wangen vom Zahnfleisch. Schmatz-schmatz-schmatz. Dazu stöhnte sie, grunzte sie, quiekte sie.

Überzeugend.

Das Mädchen hörte auf. Einen Moment lang stand Melanie nur da und starrte zur Tür – auf Shaper, auf Mrs. Swanson, auf die anderen Kunden, die aus dem Umkleideraum dahinter zu ihr spähten. Dann senkte sie schuldbewusst den Blick auf den Boden neben dem Bett.

Wo sich ein nackter Achtzigjähriger mit Schuppenflechte ein doppelt zugeknotetes Kondom voll zerriebenem Tigerpenis in den Arsch stopfte.

Und dazu grunzte.

Melanie sackte mit untergeschlagenen Beinen aufs Bett zusammen wie ein elektronisches Spielzeug, das jemand ausgeschaltet hatte. Der alte Mann rappelte sich mit knackenden Gelenken und verbissener Miene auf die Beine. Das verräterische Päckchen, dessen geduldige Einführung unterbrochen worden war, klatschte wie die schimmernde Kackwurst eines Wolpertingers gegen seine Oberschenkel.

Hinter Shaper gab Mrs. Swanson einen zierlichen Laut von sich, der an ein schlafendes Baby erinnerte.

Der Raum schien sich mit Wasser zu füllen, das sich allen Naturgesetzen zum Trotz an der Decke sammelte. Er spürte, wie sich das Zittern in seinen Hals hocharbeitete. Einfach weiteratmen.

»Sind Sie ein Bulle?«, fragte der Greis mit überraschend tiefer Stimme.

Der Raum verschwamm. Ein Brummen schwoll in Shapers Ohren an und erfüllte ihn mit der wachsenden Panik, dass es schon immer vorhanden gewesen war und nun, da er es bemerkt hatte, nie wieder verschwinden würde.

Paranoia. Na super.

»Nicht so richtig.«

»Prima.« Und damit schlug ihn der Geriatriepatient.

Später, als seine Nase zu bluten aufhörte, erklärte Shaper mit einiger Überzeugung, dass er die Fäuste nicht gegen einen potenziell gebrechlichen Mann erheben wollte und es als ehrenwerter empfand, den Schlag einzustecken. Mrs. Swanson und die Mädchen, die sich versammelt hatten, um ihn mit stärkenden Plätzchen zu füttern, nickten dazu pflichtbewusst.

Zum Glück hatte Vince, der ihn letztlich eingeholt hatte, keine solchen Vorbehalte, und als Shaper wie ein Sack Kartoffeln zu Boden ging, trat der große Tölpel entschlossen an ihm vorbei und versetzte dem Tattergreis einen kräftigen Kopfstoß zwischen die Augen. Dabei hielt Vince immer noch sein Bier in der Hand.

Shaper genoss einige Momente süßer Bewusstlosigkeit, und als er – zu spät – mit ninjaähnlicher Anmut, die jedoch niemanden überzeugte, wieder aufsprang, stellte er fest, dass sich das Zittern gelegt hatte.

Ein toller Job.

Kapitel 2

Alice Colquhoun, von jeher eine scharfsinnige Frau, folgerte, schon lange bevor die Klinge des Mörders ihre Haut durchstieß, dass sie sterben würde. Wie ein Insasse des Todestrakts, dem beim fernen Geruch seines Lieblingsgerichts gedankenlos das Wasser im Mund zusammenläuft, entschlüsselte sie die Hinweise auf ihre bevorstehende Ermordung, bevor ihr klar wurde, was sie tat, und sie genoss sogar einen perversen Schauder der Befriedigung über ihre eigene Klugheit.

Allein in einer Dunkelheit voll glänzendem Plastik und ländlichen Gerüchen, gefesselt und mit schmerzendem Kiefer wegen des Ballknebels aus Gummi in ihrem Mund, folgerte sie ihr verhängnisvolles Schicksal mit derselben nüchternen Logik, mit der sie sich die steile Karriere aufgebaut hatte, mit der sie so gern prahlte. Ihr gesamtes Leben war dermaßen von gewinnsüchtigem Selbstvertrauen und eisernem Willen gekennzeichnet, dass ihr dritter Ehemann scherzhaft gemeint hatte, sie könne eine Kugel mit ihrem finsteren Blick ablenken. Und dennoch zitterte sie nun in einem rosa Gymnastikanzug inmitten der Trümmer ihrer vernichteten Würde.

Und wusste, dass sie sterben würde.

Durch eine in der Düsternis kaum erkennbare Eisentür drangen die weinerlichen Klänge einer schlecht aufgenommenen Sitar, deren durchdringend hohe Töne vom weichen, fleischigen Trommeln einer Tabla begleitet wurden. Vereinzelt konnte sie zwischen der an- und abschwellenden Musik aus dem Raum nebenan ein leises Rascheln und ein feuchtes, vorfreudiges Glucksen hören.

Ihr Killer, der sich auf den Mord vorbereitete.

Letztlich hatte die Art ihrer Fesselung den Ausschlag gegeben. Bevor sie während all der Traumata, all der Schrecken und Erniedrigungen des Abends eingehender darüber nachgedacht hatte, hatte sie eine Fassade der Unverwüstlichkeit aufrechterhalten können, hatte an ihrer Weigerung zu verzweifeln festgehalten. Der Mann mit der Kapuze, der in ihr Heim eingebrochen war, die Klinge geschwenkt und sie mit stummen Gesten gezwungen hatte, in ihren knalligen Jogginganzug zu schlüpfen …

Und dann die Haube über ihrem Kopf, die Fahrt in einem gepolsterten Van, das endlose Rütteln und Schütteln und Grauen. In jeder Phase hatte sie sich die Verzweiflung vom Leib gehalten, indem sie sich auf die Bandbreite der Möglichkeiten konzentriert hatte, die noch immer hinter diesem Rätsel stehen konnten. Die Chance, dass beispielsweise Lösegeldforderungen unterwegs zu Exehemännern und Großaktionären waren oder dass sich in diesem Augenblick vielleicht sogar noch nicht zu hörende Sirenen näherten. Oder auch nur die in der verhassten Grube ihrer Seele lauernde Hoffnung, ihr Entführer könnte sich lediglich als degenerierter, etwas umständlicher Vergewaltiger entpuppen, dessen Gelüste befriedigt oder zumindest hinausgezögert werden konnten.

Aber nein. Die Art ihrer Fesselung hatte all das vom Tisch gewischt. Im Kontext all dessen, was in dieser Nacht bisher geschehen war, stachen sie für Alice wie Leuchtfeuer aus dem Morast der Verwirrung hervor, die letzten fehlenden Daten zur Vervollständigung der Gleichung. Die Art ihrer Fesselung hatte ihr Schicksal so unwiderruflich besiegelt, wie die Klinge sie zweifellos töten würde.

Jede ihrer Hände steckte in einem Boxhandschuh, der mit weichen Bändern und Schaum so angepasst worden war, dass er ihre Arme bis zu den Ellbogen umhüllte. Durch Haken an den Knöcheln verliefen Lederriemen, die sie an dem gepolsterten Sitz hinter ihrem Rücken sicherten. Auf ähnliche Weise waren Steppdeckenstreifen mit Zwangsjackenschnüren um ihre Fußgelenke gewickelt, reichten bis zu den Knien hoch und wurden von gummibeschichteten Ketten am Stuhlrahmen gehalten. Alles präsentierte sich tadellos genäht und abgedichtet, sauber und ohne Flicken.

Dass die Anordnung dazu diente, eine Flucht zu verhindern, war von Anfang an offensichtlich, wenngleich Alice trotzdem jede Naht methodisch getestet hatte. Was ihr aber erst langsam bewusst wurde, war die geradezu zwanghafte Sanftheit, die davon ausging. Es gab keine harten Kanten, keine reibenden Schnüre, die ihr rötliche Linien um die Knöchel oder um die Knie ins Fleisch schnitten. Es handelte sich um eine sanfte Art der Dominanz, um einen milden, gepolsterten Druck, und die abartige, vermeintliche Harmlosigkeit der Vorrichtung hatte ihre wahre Bedeutung allzu lang verschleiert.

Nun hatte Alice sie durchschaut.

Die Anordnung diente eigens dazu, keine Male auf ihrer Haut zu hinterlassen. Keine Anzeichen von Gefangenschaft, keine Spur des Grauens dieser Nacht.

Warum sollte jemand solch penible Sorgfalt walten lassen, wenn die Gefangenschaft nur vorübergehender Natur wäre – die einer Geisel, die auf das Eintreffen ihres Lösegelds wartete, etwa? Warum solche an Besessenheit grenzende Schonung, wenn Folter und Vergewaltigung die einzigen Ziele wären?

Nein. Nein, Alice war zu intelligent, um sich an leere Hoffnungen zu klammern. Was immer als Nächstes geschehen würde, die Art ihrer Fesselung hatte sie davon überzeugt, dass nur eines je die Entführung aus ihrem Haus und die erlittenen Schrecken belegen könnte: ihre eigene Zeugenaussage. Und sie musste davon ausgehen, dass sie keine Gelegenheit erhalten würde, sie zu Protokoll zu geben.

Mit einem kalten Knurren blinzelte sie einsetzende Tränen zurück, weigerte sich, aufzugeben, und sah sich erneut prüfend in ihrem Kerker um. Auf derben Gemälden in Hängerahmen zu beiden Seiten, kaum erkennbar unter den Kunststofffolien, die jede Fläche bedeckten, ließen Gestalten mit blauen Gesichtern die Hüften kreisen, verschlangen zahlreiche Arme ineinander und streckten rote Zungen heraus. Unter ihrem irren Blick standen auf einem Holztisch eine Reihe beschlagener Marmeladengläser und eine einsame, flackernde Kerze, deren Schein die einzige Beleuchtung darstellte. Am merkwürdigsten empfand Alice, dass sich auf dem Boden rings um sie, angeordnet wie eine UFO-Flotte, ein Dutzend verchromter Hundenäpfe befanden. Durch die Folie darunter zeichneten sich leichte Ansätze von Stroh und Sägemehl ab.

Im Lichte Alices verheerender Prognose passte aber sogar diese bizarre Konfiguration ins Bild.

Es würde wie ein Unfall aussehen, vermutete sie. Vielleicht auch wie ein Raubüberfall. Etwas Hässliches und Sinnloses; ein unpersönliches, chaotisches Ende, was auch das Drängen des Mörders erklärte, dass sie ihren Jogginganzug tragen musste. Alice stellte fest, dass sie sich die Szene mit erschreckender Deutlichkeit ausmalen konnte: ihr Körper, zum Verbluten zwischen den Nesseln des Naturlehrpfads im Queen’s Park zurückgelassen, wo sie ausnahmslos jeden Abend joggte.

Erst da, als sich der Ablauf ihres Todes so perfekt herauskristallisierte, als selbst der leiseste Anschein einer Überlebenschance verpuffte und sich der Takt der Tabla beschleunigte, kapitulierte Alice Colquhoun und begann, leise zu weinen. Da sie um den Ballknebel herum ohnehin nichts Verständliches von sich geben konnte, verkniff sie sich jedes Stöhnen und entwürdigende Grunzen, wodurch sie sich nur mit Geifer besabbert hätte. Solche alten Konferenzraumgewohnheiten – stilles Leiden, kein Zeigen von Schwäche – waren nicht so einfach totzukriegen wie …

Nun, wie sie es gleich sein würde.

Und dennoch, als sich die Tür öffnete und die Klänge der Sitar deutlicher hereindrangen, platzte aus einem geheimen Winkel in ihr ein Stöhnen hervor – unwillkürlich, unerwünscht. Sie hasste sich dafür, und das sengende Aufflammen ihrer Wut hätte beinah ihr Elend verdrängt.

Bis der Mörder ins Licht geriet. Bis sich die Gestalt mit der Kapuze in den Raum bewegte und langsam, mit gemessenen Schritten zu tanzen begann, den Kopf wie ein neugieriges Tier schief gelegt.

Seine Arme baumelten wie gebrochene Schwingen schlaff an den Seiten herab, während er im Takt der Musik einen geheimen Sprechgesang flüsterte.

Die Töne der Sitar beschleunigten sich, die Trommeln wirbelten einem hektischen Höhepunkt entgegen, und als die Verrenkungen der Gestalt zunehmend wilder wurden, drehte sie sich Alice zu und schob die Kapuze zurück.

In jenem Moment floss aus Alice ab, was noch an Mut in ihr verblieben war. Der angehaltene Atem entrang sich ihr mit einem Keuchen, und nur ihre innere Wut – wie konnte ihr Körper es wagen, sie zu verraten? – verhinderte, dass sich ihre Blase entleerte.

Das Gesicht unter der Kapuze erwies sich als eine vorwiegend blaue, von Hass verzerrte Maske. Es bewegte sich durch Schatten und Licht wie eine saphirblaue, goldene und glänzend rote Vision. In den Tiefen der schwarzen Höhlen konnte Alice weiße, nach oben gerollte Augen erkennen, die sich feucht und ekstatisch hinter der Maske abzeichneten.

Der Mörder, den sie durch den Schleier ihrer Tränen nur verschwommen wahrnahm, beugte sich dicht zu ihr und hob zur Überprüfung eine behandschuhte Hand. Das im Latexgriff gehaltene Messer, das sie töten würde, reflektierte das Licht.

Die Maske flüsterte: »Ram

Und Alice verstand.

Und als das Messer zum ersten Mal in sie eindrang, als es in ihre Bauchhöhle glitt und langsam – liebevoll – seitwärtsschnitt, als sich ihr Blut prasselnd wie ein perverser Trommelwirbel in die wartenden Futternäpfe ergoss, erfuhr Alice Colquhoun die dürftige Genugtuung, das eine Rätsel zu lösen, das sie bisher noch nicht durchschaut hatte: Warum.

Kapitel 3

Wann, so fragte sich Shaper, während er auf einem Kissen kaute, war das Universum eigentlich so boshaft geworden?

Es lag nicht daran, dass sich sein Bett etwa so gemütlich anfühlte wie ein mit Stacheldraht überzogenes Brett – auch wenn es das tat. Auch nicht daran, dass er fand, die Hersteller seiner Verdunkelungsvorhänge sollten nach dem Betrugsgesetz strafrechtlich verfolgt werden – obwohl ihm dies durch den Kopf ging. Nein, im Augenblick ging er völlig darin auf, mit einem an die Ohren gepressten Kissen stumm jede geflügelte, geschnäbelte oder zwitschernde Kreatur inständig zu hassen.

Verfickte Vögel.

Er suhlte sich in der Launenhaftigkeit des Morgens danach, schaffte es nicht, den Chor der Flügelträger draußen zu ignorieren, während er auf einem ausklappbaren Futon lag und gänzlich erfolglos versuchte zu schlafen. Seine Wohnung schwärte in der viktorianischen Hölle zwischen Camden und Kentish Town vor sich hin – eine für ihre Farbenpracht berühmte Gegend, die dennoch unter einem ironischen Mangel an Grün litt. Er konnte einfach nicht verstehen, was die gefiederten kleinen Scheißer in der Nähe seines Fensters zu suchen hatten.

Manchmal scheuten ganze Schwadronen von Sittichen – unterwegs zu einem Tagesausflug aus Hampstead Heath, wo sie die heimischen Arten fest im Würgegriff hatten – keine Mühen, um sich auf seiner Dachrinne zu versammeln und ohrenbetäubende Pieptöne auszutauschen wie eine Horde von Teenagern, die Klingeltöne ihrer Handys miteinander verglichen.

Das taten sie eindeutig mit Absicht.

Seufzend rollte er sich herum und schaltete in seiner Verzweiflung den Fernseher ein. Er brauchte nur durch zwei Kanäle zu zappen, bis seine Abscheu überkochte und er es aufgab. Auf einem leitete ein provokanter Moderator mit gegeltem Haar – ein Wichser – im Studio eine Diskussion mit dem Titel »Meine Frau hasst meinen Mann«, auf dem anderen lief eine bescheuerte Regionalsendung über einen experimentellen Künstler namens Merlin – einen Wichser –, der Londons Skyline benutzte, um »Echolotungsdioramen« zu erzeugen. Die Welt, so folgerte Shaper, hasste ihn, und das Gefühl beruhte voll und ganz auf Gegenseitigkeit.

Drei solche Tage.

Scheiße.

Das Zittern hatte ihn seit dem Abenteuer der vergangenen Nacht verschont. Sein Gehirn hatte ihm einen uncharakteristischen Aufschub gewährt, und er hatte nicht vor, diese Großzügigkeit zu missbrauchen. Seit seiner letzten Entgiftungspause vor einigen Monaten hatte er seine verkackte Suchtmittelroutine an die Belastungsgrenzen getrieben, und er wusste aus bitterer Erfahrung, dass es mehrerer Tage eremitenhafter Eintönigkeit bedurfte, um die verdichteten Schichten psychoaktiver Sedimente in seinem Schädel abzutragen. Sein Blut und sein Körper verlangten nach einer Pause, teils, um das Risiko einer Überdosis zu lindern, teils, um halbherzigen Protest gegen die Abhängigkeit auszudrücken; vorwiegend jedoch, um die Bedrohung, die von der stetig steigenden Toleranzgrenze ausging, zu verringern. Liefe alles gut, würden die Drogen nach der Entgiftung wieder ihre volle Wirkung entfalten, und die Krankheit – die Erinnerung, die Schuld, die Vergangenheit – konnte weggesperrt werden, wie es sich gehörte.

Die Kehrseite der Medaille bestand natürlich darin, dass all das Grauen während dieser Reinigungsintervalle aus seinem Käfig hervorschleichen und die Muskeln spielen lassen konnte. Shaper wusste nur allzu gut, dass er sich so harmlose Ablenkungen wie Vögel und Blödsinn im Fernsehen herbeisehnen würde, wenn es so weit wäre – vielleicht später an diesem Tag, vielleicht irgendwann am nächsten.

Er kapitulierte vor der Schlaflosigkeit und stand auf. Er tat so, als fühle er nicht, wie gerötet seine Züge sein mussten, und machte sich auf die Suche nach etwas Essbarem, solange seine Eingeweide noch funktionierten. Shaper wusste, dass sich das bevorstehende Elend nur ertragen ließ, indem er sich weigerte, die Wohnung zu verlassen – indem er mit einer geballten Ladung Untätigkeit und Einsamkeit gegen die Traumata anging. Deshalb hatte er die Schränke dermaßen mit Konserven vollgepackt, dass selbst der paranoideste Überlebensneurotiker vor Neid erblasst wäre. Ausschließlich schlichte, geschmacklose Kost.

Ein Blubbern ging durch seine Gedärme.

Wahrscheinlich gut so.

Dabei genoss er die Drogen gar nicht besonders. Im täglichen Gebrauch hatten sie wenig Entspannendes. Die seltenen Gelegenheiten, wenn die eine oder andere Wirkung hervorstach, beispielsweise als Anflug von Selbstvertrauen nach einer Ladung Speed oder als träger Augenblick der Selbstwahrnehmung nach einem Joint, empfand er eher als Warnhinweis denn als Quell des Genusses. Er interpretierte sie stattdessen als Zeichen dafür, dass er aus dem Gleichgewicht geraten war, dass die Wahnvorstellungen und Realitätsverzerrungen jeden Moment zurückkehren konnten und eine weitere Anpassung der Dosis erforderlich würde. Oder dass er, so wie jetzt, einen Urlaub von der ganzen verfluchten Geschichte brauchte und sich mit den Unbilden abfinden musste, die damit einhergingen.

Wie um ihn auf die Probe zu stellen – Mistkerle –, rasten draußen einige unnötig laute Sirenen vorbei und brachten seinen Schädel zum Pochen. Shaper ertappte sich dabei, dass er, ohne nachzudenken, die Hand nach dem Medikamentenordner ausstreckte. Mit finsterer Miene hielt er sich davon ab.

Je mehr du nimmst, desto weniger erreichst du damit.

Es war unfair.

Er schob den Ordner weg und sah sich nach einer anderen Beschäftigung um, nach etwas, womit er sich ablenken konnte, während sein Gehirn in den freien Fall überging.

Die Wohnung glich einem Saustall, das ließ sich nicht leugnen – wenngleich einem höchst geordneten. Für jeden Packen Dokumente, jeden Stapel unbezahlter Rechnungen und jeden Haufen der übers Internet gekauften Überwachungsausrüstung gab es – theoretisch – irgendwo einen perfekt geeigneten freien Platz in einer Schublade oder einem Schrank, es konnte also alles binnen kürzester Zeit picobello aufgeräumt werden. Nicht dass er es je versucht hätte.

Mein Heim.

Im Grunde genommen hasste er es. Die Wohnung – eine von Dutzenden Klonen über terrassenförmigen Läden und Bars der Kentish Town Road – posaunte geradezu hinaus, dass sie für ein junges, berufstätiges Paar gedacht war. Im Verlauf der Zeit hatte er den unbändigen Drang verspürt, sein Gerümpel kreuz und quer zu verstreuen, als müsse er sein Terrain gegenüber einer nicht vorhandenen Mitbewohnerin abstecken.

Shaper hatte vor geraumer Zeit aufgehört, im Schlafzimmer zu übernachten. Er redete sich ein, dass er es für One-Night-Stands oder Gäste aufsparte – von beiden hatte er nicht besonders viele. Aber tief in seinem Innersten wusste er, dass es ihm schlicht und ergreifend Unbehagen bereitete, dort zu schlafen. Ein großes Doppelbett in einem großen Doppelzimmer, gedacht für große Doppeldinge.

Das kam seinem wunden Punkt ein wenig zu nah.

In seinen Augen stank die gesamte Wohnung nach Funktionalität und betretener Einsamkeit, und dort, in den Tiefen vergangener Sünden und der darauffolgenden Einsamkeit, lauerte die Krankheit am gefährlichsten.

Drei beschissene Tage.

Er griff zum Telefon und wählte instinktiv Vinces Nummer, verzweifelt auf der Suche nach Zerstreuung.

»Ich schlafe gerade oder bin im Knast«, sagte eine Stimme, vermutlich ein Anrufbeantworter. »Verpiss dich und krepier.«

Kein Piepton.

Vince, so dachte Shaper seufzend, verkörperte die Gesellschaftskreise, auf die er sich sein Leben lang zubewegt hatte: eine Welt von Grautönen, angetrieben vom tuckernden Motor des Hinterhofkapitalismus. Eine Welt bevölkert von Menschen, die technisch, aber nicht psychologisch betrachtet »Verbrecher« darstellten. Vince, Mrs. Swanson, ihre Mädchen, sogar die Freier des Bordells – allesamt normale, alltägliche Leute – im weiteren Sinn. Shaper wusste, dass man sie in kleine Scheibchen schneiden könnte und doch nirgendwo auf die leiseste Spur niederträchtiger Kriminalität stoßen würde. Dennoch verbrachten sie alle einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit damit, entschieden illegale Dinge ins Auge zu fassen oder zu tun.

Kein Wunder, dass ihn oft das Gefühl beschlich, jede moralische Sicherheit längst ausgeschieden zu haben.

Erneut griff er nach dem Medikamentenordner, und diesmal bremste er sich erst, als der Reißverschluss geöffnet war und seine Finger über die bunten Reihen strichen. Knurrend klappte er ihn zu und warf ihn quer durch den Raum, ohne zu beobachten, wo er landete.

»Hau ab!«, brüllte er und kam sich gleich darauf lächerlich vor.

Er wusste, die Alternative zu alldem – weiterzumachen, weiter Drogen und Medikamente einzuwerfen, weiterzuarbeiten, weiterzuleben – war beängstigend. Das sich anbahnende Zittern und die ersten Schatten von Halluzinationen im Bordell am vergangenen Tag stellten ein klares Zeichen dafür dar, dass seine chemischen Dämme brachen. Er hielt es für weit besser, sie selbst einzureißen und das daraus resultierende Trauma hier zu bewältigen – vorübergehend und unter seinen Bedingungen –, als es unwiderruflich in der wahren Welt hervorbersten zu lassen.

Shaper trommelte mit den Fingern und versuchte abzuwägen, ob er sich bereits gelangweilt genug fühlte, um mit seiner Gratisprobe des Penispulvers zu experimentieren, oder ob er es lieber für später aufheben sollte, wenn die Lage noch schlimmer würde. Oder zumindest, wenn er Gesellschaft hätte. Letztlich beschloss er mit einem widerwilligen Seufzen, dass jeder Missbrauch einer Substanz – einer mythischen oder sonstigen – gegen die Gesinnung der Entgiftung verstieß, und schob das Pulver mürrisch von sich.

Es würden sehr, sehr harte Tage werden.

Natürlich hatte er es schon auf konventionellem Weg versucht. Vor fünf Jahren, als die Krankheit noch jung war, als die Parade krimineller Schreckenstaten und schuldbewusster Gräuel, die ihn mental zusammenklappen ließ, noch frisch war, da hatte es Ärzte, Verschreibungen und »Medikamente« im eigentlichen Sinn gegeben. Er war damals aus der Dunkelheit eines – wie er inzwischen wusste – Zusammenbruchs hervorgekrochen, gefangen im Wandertrieb beruhigender Empfindungen und trotzdem immer noch heimgesucht von …

Tja.

Von ihr.

Von den Corams.

Von Verrat, von Kugeln und von Blut. Von Krankenhäusern, von Ultraschallmonitoren, von warmen, erschlaffenden Händen und von Lügen, Lügen, Lügen 

Also nein. Die Ärzte hatten versucht, ihn zu heilen, doch war er durch ihr Versagen zu einem Zombie geworden. Er hatte nur einen Monat gebraucht, um eine eigene Lösung zu finden. Nicht unbedingt eine Heilung, sondern einen Trick, eine zweite Stabilität. Ein hohes Amphetaminplateau, das sich über den gierigen Schlund der Vergangenheit erstreckte und es ihm ermöglichte, nach außen hin normal aufzutreten und den geheimen Schleim in den hintersten Winkeln seines Gehirns zu verstauen wie einen in Knorpel gepackten Tumor.

So konnte er funktionieren – sich konzentrieren, denken und fühlen. Ein paar gelegentliche Tage, um den Druck abzubauen, schienen dafür ein geringer Preis zu sein.

Shaper wusste, dass sich sein Verstand in den nächsten Nächten, wenn die Aufputschmittel seinen Körper verließen, auf Wanderschaft begeben würde. Er würde über rasiermesserscharfe Erinnerungen stolpern. Er würde vor Schluchzen förmlich ersticken, ohne zu wissen, warum. Er würde Rauch sehen und Schreie hören. Die Wahnvorstellungen würden sich wie eine Strafe von seinem Rautenhirn lösen und alles beeinträchtigen und infizieren, was er sah oder hörte. Aufregung oder Stimulation würde das nur verschlimmern, deshalb wollte er versuchen, so viel wie möglich zu schlafen. Der Rest ließ sich durch Sinnesentzug zumindest entschärfen.

Dunkle Räume, lauwarme Bäder, geschmackloses Essen …

Und dann, am dritten oder vierten Tag, würde er ihre Stimme hören. Ihr trauriges, verhaltenes Lächeln sehen.

Und in dieser Sekunde, bevor er in die Tiefen seiner Sünden hinabgerissen werden konnte, würde er die erste Dexedrine-Tablette einwerfen und den gesamten Prozess von vorn beginnen. Ein Spießrutenlauf zwischen Regen und Traufe in einem Abstand von zwei Monaten.

Bisher funktionierte es.

Auf dem Tisch rieselten einige Umschläge von dem Stapel. Zum Vorschein kam ein prähistorisches Gesicht mit entschieden desinteressierter Miene.

»Ziggy!«, rief Shaper, außer sich vor Freude über die Ablenkung. »Wie geht’s, alter Junge?«

Das Tier blinzelte theatralisch langsam und kackte auf die Rechnungen. Sogar das wirkte wie ein Akt existenzieller Apathie.

Anfangs hatte Shaper die Vorstellung eines Haustiers abgeschreckt. Eines Abends in einem Pub hatte Vince »sein Problem« – ein allzeit beliebtes Thema – langatmig als Verlangen nach Zuwendung und Struktur diagnostiziert. Blödsinn, hatte Shaper darauf – nur ansatzweise überzeugend – erwidert, während ein loser Bund von Stammgästen knuddelige Kätzchen nachgeahmt und darüber spekuliert hatte, ob vielleicht ein junger Hund seinem wertlosen Leben eine Bedeutung geben könnte. Shaper hatte den Vorfall völlig vergessen, bis er einige Wochen später damit beauftragt wurde, die vermisste Tochter eines Reptilienschmugglers aus Leyton zu finden, der, wie sich herausstellte, mit einem prominenten Händler von Schlangenlederstiefeln zusammenarbeitete. Damals hatte er in einem Moment der Inspiration um Bezahlung in Naturalien ersucht. Er hatte Dinosaurier schon immer gemocht.

Ziggy war ein grüner Leguan mit der magischen Fähigkeit, Menschen das Gefühl zu vermitteln, sie wären der letzte Dreck. Sein immerwährendes Flair träger Teilnahmslosigkeit ließ erahnen, dass er Menschen als lästige Naturgefahren und nicht als Lebewesen betrachtete. Er war ganz allgemein eine Spur weniger liebenswert als eine Eisskulptur oder eine Leiche. Kurz nachdem Shaper ihn mit nach Hause gebracht hatte, hatte er in einer Ecke eine Brutlampe installiert, um Ziggy mit der Energie zu versorgen, die er angeblich zum Überleben brauchte. Allerdings hatte sich schnell gezeigt, dass der schuppige Penner sich nicht von seinem charakteristischen Zustand schläfriger Übellaunigkeit trennen wollte und sich dem Ding nie auch nur näherte. So viel, hatte Shaper damals gedacht, zu Zuwendung und Struktur.

»Drei Tage«, murmelte er. »Verdammte Schifferscheiße.«

Und dann schnarrte der Türsummer.

Noch bevor das erste metallische Surren verhallte, war Shaper aus dem Stuhl aufgesprungen und an der Gegensprechanlage. Seiner Schätzung nach blieben ihm mindestens noch einige Stunden, bevor die Nummer mit dem einsamen Leiden in der Dunkelheit richtig einsetzte.

»Ja?«, sagte er mit dem Gesicht vor dem Mikrofon. »Hallo?«

»Mr. Shaper?«

»Ja! Wer ist da? Ach was, egal, kommen Sie einfach rauf.«

Sogar ein Hausierer, der Bibeln verkaufte, wäre eine brauchbare Ablenkung, beschloss er überstürzt.

Er drückte auf einen Knopf. Die mit »Tür entriegelt« gekennzeichnete LED blinkte grün, die mit »Tür geöffnet« beschriftete blieb beharrlich dunkel.

»Tut mir leid, Mr. Shaper. Ich bin in Eile.« Es war eine Frauenstimme mit starkem, skandinavischem Akzent. »Ich kann nicht bleiben. Ich hatte gehofft, Sie würden vielleicht herunterkommen.«

Ohne mit seinem Gehirn Rücksprache zu halten, griff seine Hand nach der Jacke. Mit derselben Bewegung steckte er seine Schlüssel ein und tastete nach der Tür.

Dann hielt er inne. Die Gedanken holten seine Handlungen ein.

Er beugte sich zurück zum Mikrofon. »Äh … warum eigentlich?«

»Ich habe einen Auftrag für Sie.«

Shaper erschlaffte wie ein Ballon, aus dem die Luft entweicht.

»Ich … äh … heute ist gewissermaßen mein freier Tag.« Er hustete in eine Faust. »Ich brauche Urlaub.«

»Oh.« Die Stimme übersprang bloße Enttäuschung und vermittelte ihm stattdessen unmittelbar das Gefühl, sie grausam verraten zu haben. »Es ist nur so … Es könnte wichtig sein. Dauert nicht lange. Höchstens ein paar Stunden.«

»Ja, ehrlich, tut mir leid … Es ist grad echt kein guter Zeitpunkt.« Jedes Wort schmerzte.

»Mr. Shaper?«

»Hm?«

»Sie bekommen eintausend Pfund. Für eine ganz kurze Unterhaltung. Nur für eine zweite Meinung.«

Shaper schnaubte.

Da drüben liegen etliche letzte Mahnungen, überlegte er. Und Ziggy braucht Futter.

Prioritäten.

»Bin unterwegs«, sagte er, bereits halb zur Tür hinaus.

Er konnte die Entgiftung auch die eine oder andere Stunde aufschieben. Kein Problem.

Ihr Name war Tova Isberg. Groß, blond, niedliche Züge, spektakulärer Vorbau. Bei ihrem ach so züchtigen Händedruck hatte sie kurz ausgeharrt, als rechnete sie damit, dass Shaper sie erkennen würde. Das hatte er nicht, und er hoffte, es lag nur an seiner Einbildung, dass sie darüber erleichtert wirkte.

Während er sie wie ein pflichtbewusster Ehemann, der genau wusste, welches Glück er hatte, zur Arbeit fuhr, warf er immer wieder verstohlene Seitenblicke hinüber; teils in dem Versuch, sie einzuordnen, vorwiegend jedoch, um sie zu beäugen. Jedes Schalten des zunehmend klapprigen Getriebes seines Vans – wodurch sich seine Hand ihren Schenkeln näherte – rang ihm schuldbewusste Zurückhaltung ab.

Er hatte eine ganze Woche damit verbracht, fickende Paare zu belauschen. Das war zu viel, um darauf zu hoffen, dass sein innerer Superperverser in die ewigen Jagdgründe eingegangen war.

»Nach Westen«, sagte sie und sah auf die Uhr. »Fahren Sie nach Westen. Ich bin schon spät dran.«

So unbestreitbar schön sie sein mochte, ihr haftete ein Flair einstudierter Unnahbarkeit an, eine höfliche Nullzone, die kein Pheromenknistern zuließ und Shaper davon abhielt, eine Selbstdiagnose seiner schwächelnden Libido zu wagen. Ihr Gebaren erinnerte ihn an Mrs. Swansons Mädchen: bar jeglicher albernen Erwartungen hinsichtlich der romantischen Bedeutung von Sex oder Sexualität. Als sie den Kreisverkehr am Swiss Cottage passierten, ließ der Gedanke an Professionelle irgendwo in den trüberen Gefilden seines Gedächtnisses eine Glocke läuten.

»Jetzt hab ich’s«, sagte er. »Tova, die Walkürenjungfrau. Auf Ihrer Telefonsexwerbung war dieser spitze Helm mit allem Drum und Dran. Schwedin, richtig? Sie sind 2002 hierhergekommen.«

Sie starrte aus dem Fenster und ließ keine Regung angesichts des Ausflugs ins Reich der Erinnerungen erkennen. »2003.«

»Sie waren eine der Ersten, oder? Bei den Corams, meine ich. Sie hatten die Agentur gerade erst gegründet … ›EsCort Flagranti‹, um Himmels willen. Billiger ging’s kaum, trotzdem ein einträgliches kleines Geschäft.«

»Einträgliches kleines Geschäft«, wiederholte Tova. Leise. Kalt.

Shaper kniff die Augen zusammen und versuchte, sich zu erinnern. Der fragliche Zeitraum lag in einem verschwommenen Bereich seines Gedächtnisses, der kurz nach seinen Tagen in der Schule begann und bei der Katastrophe endete, die alles davor verschorft hatte. Die Vergangenheit dort blieb – mit etwas Geduld und einer Menge Interpretation – für ihn sichtbar, aber die Drogen hatten zum Glück jedes Gefühl einer persönlichen Verbindung zu ihr gekappt und alles in Bernstein versiegelt. Wenn er nun darauf zurückblickte, war es eher so, als betrachte er es aus den Augenwinkeln oder als blättere er die schäbige Biografie eines anderen durch. Und für jede Erinnerung, die es wert war, sie wiederaufleben zu lassen, gab es ein Dutzend, das vor Gewalt und Gehässigkeit strotzte und sicher unter Jahren eines chemischen Winters erstarrt lag.

Mittlerweile grub er nicht mehr allzu tief.

Ein Gedanke bahnte sich den Weg aus dem Eis hervor.

»Haben wir je … äh …« Er machte mit der Hand eine eindeutige Geste.

Ungerührt schüttelte sie den Kopf. »Sie waren mit Anna zusammen.«

Nun war es Shaper, der kalt erstarrte. Er konzentrierte sich mit einem gezwungenen Lächeln aufs Fahren. »Ah«, brummte er. Fast ohne Beben in der Stimme.

Allein der Name jagte eiskalte Nägel durch seine Schultern und verursachte ein Pochen im Bereich hinter den Ohren. Er biss sich auf die Innenseiten der Wangen und dachte an alles Mögliche, nur nicht an sie. Wie auf ein Stichwort begann eine seiner Hände zu zittern.

Fünf Minuten verstrichen in Stille. Belsize Road, Kilburn, Queen’s Park. Eine Schar von Gestalten in Neonjacken stand am abgesperrten Eingang zum Kinderspielplatz. Ein Einsatzwagen rollte daneben an den Straßenrand – einer der schwarz lackierten Sorte.

Wieder mal eine Messerstecherei, vermutete Shaper. Jugendliche, die auf andere Jugendliche losgingen.

Dem unschönen Gedanken folgte ein für Londoner Verhältnisse typisches inneres Schulterzucken, begleitet von einer perversen Erleichterung über die geistige Ablenkung. Vielleicht hatte er sich das Zittern doch nur eingebildet. Im Augenblick konnte er es jedenfalls nicht mehr fühlen.

»Von hier nach Süden«, meldete sich Tova zu Wort, als sie Kensal Rise erreichten. »Holland Park.«

»Piekfein.«

»Er ist reich. Mein Kunde.«

Ah.

»Also sind Sie immer noch … na ja, Sie wissen schon …« Wieder die eindeutige Geste. »Für die Corams?«

»Ich arbeite nicht mehr für sie. Bin ausgestiegen.«

»Sehr klug, sehr klug.« Er räusperte sich. »Ich selbst hab etwas Ähnliches gem…«

»Hab ich gehört.«

Der Weg, der Shaper in dieses ausgesprochen schwierig zu definierende Nischendasein geführt hatte, war selten durch die strahlendsterilen Gefilde der »Legalität« verlaufen. Schon mit sechzehn hatte er sich ohne Gewissensbisse, wenngleich damals noch dilettantisch, der Fragwürdigkeit zugewandt – ein patziger kleiner East-Ender mit gebrochener Nase, der die Kinder feiner Pinkel verprügelte, um die Schule zu überleben, auf die er nach dem Tod seines Vaters geschickt worden war. In den Jahren seither hatte er mehr als kaum ein anderer von den geheimen blauen Flecken unter Londons für Touristen schöngepinselter Haut gesehen – vorwiegend im Dienst der besagten Familie Coram, die einst auch Tovas Gehalt bezahlt hatte. Mittlerweile verbrachte er einen beträchtlichen Teil seiner Zeit mit dem Versuch, all die blauen Flecken zu vergessen, die er selbst verursacht hatte. Und obwohl er heute einen entgegengesetzten und weniger zerstörerischen Ansatz verfolgte, hing sein Erfolg davon ab, dass seine Kunden – durch die schleierhaften Kanäle, die die Leute an ihn verwiesen – davon überzeugt waren, dass er noch wusste, wie es ging.

Ein Ruf, damit hatte er sich widerwillig abgefunden, haftete einem wesentlich hartnäckiger an als eine Karriere.

Ein weiterer beunruhigender Gedanke ließ ihn das Gewicht auf dem Sitz verlagern. »Das … hat doch nichts mit ihnen zu tun, oder? Mit den Corams, meine ich.«

»Gar nichts.«

»Denn ich … hab mit alldem wirklich nichts mehr zu schaffen.«

Und ich kehre auch nicht mehr dorthin zurück. Nicht zu denen.

Nicht zu diesem barbarischen Abklatsch einer Familie. Nicht zu Maude, ihren Kindern und dem durchdringenden Gestank von Verrat, der sie wie eine atomare Wolke umgab.

Nie wieder.

Gott, ich vermisse sie 

»Es hat nichts mit ihnen zu tun«, beteuerte Tova.

»Gut.« Mit einem professionellen kurzen Naserümpfen lenkte er den Van in die Ladbroke Grove und geriet hinter einen Bus. Auf einem Werbeplakat am Heckfenster stand: »Überraschung!« Darunter befand sich eine Zeichentrickschildkröte, die einem verdutzt wirkenden Hasen davonlief, ein Röhrchen Energietabletten in einer Klaue. Instinktiv tauchte Shapers Hand in seine Tasche, um über den Reißverschluss des Medikamentenordners zu streichen …

Der natürlich nicht da war. Den er blindlings durch seine Wohnung gepfeffert hatte. Keine große Sache. Nur keine Panik. Sind bloß ein paar Stunden. Dann geht’s zurück zur Entgiftung.

»Wohin fahren wir, Tova?«

»Hab ich Ihnen schon gesagt. Holland P…«

»Das hab ich nicht gemeint.«

Sie zuckte mit den Schultern. »Mein Patient hat mich angerufen. Um zehn Uhr vormittags. Ich stand noch unter der Dusche – für ihn ist das sehr früh.«

Shaper versuchte, sich nicht vorzustellen, wie sie unter der Dusche aussehen mochte. Und tat es unweigerlich doch.

»Er klang sehr aufgeregt. Wollte mit jemandem reden, der … Dinge herausfindet, verstehen Sie? Ich habe Sie vorgeschlagen. Er ist sehr wohlhabend – und will nur reden.«

»Ein ›Patient‹?«, wiederholte Shaper. Dann zog er ein Grinsen auf, als es ihm dämmerte. »Sie meinen … Sie sind die unanständige Krankenpflegerin?«

Tova warf ihm einen Blick unzweideutiger Unverbindlichkeit zu. »Nein. Ich meine eine richtige Krankenpflegerin.« Mit einem Ruck zog sie ihre Jacke beiseite. Darunter kam das Weiß und Blau einer Pflegeruniform zum Vorschein.

»Oh.« Er hüstelte in eine Faust. »Entschuldigung.«

Danach fuhren sie schweigend weiter.

Es kostete vier Pfund zwanzig, den Wagen für die Mindestdauer auf einem Platz mit Parkuhr einen halben Kilometer von ihrem Ziel entfernt abzustellen, und das atmosphärische Knistern von Wohlstand verringerte sich auch danach nicht. Tova führte Shaper eine von Allradfahrzeugen und Potenzersatzautos gesäumte Allee entlang und dann die Stufen der weißen Marmorterrasse einer Villa hinauf, die vermutlich durch ein Wurmloch aus dem alten Rom hergebeamt worden war. Irritiert fiel ihm auf, dass trotz der Fülle ordentlich gestutzter Bäume weit und breit kein einziger Vogel zwitscherte.

Ich hasse, hasse, hasse diese Viecher.

Tova verschaffte sich mit ihrer persönlichen Schlüsselkarte Zugang. Shaper hatte halb mit Netzhauterkennung oder einem bewaffneten Pförtner gerechnet. Anschließend erklomm sie eine rotbraune Treppe zu einer geschnitzten Eichentür. Ein weiterer Schlüssel.

Shaper ballte in den Jackentaschen unablässig die Hände zu Fäusten, während sie die Tür öffnete. In seinem Hinterkopf bahnte sich eine unerklärliche Paranoia an. Er versuchte, sich auf die Fülle kostspieliger Einrichtung statt auf den eigenen, verschwitzten Zustand zu konzentrieren, und ihm wurde klar, dass er, da London nun mal London ist, im Umkreis von zwei Straßen drei Crackhöhlen in verfallenden Gemeindebauten kannte. Betrachtete man die zusammengepferchten Klassenunterschiede der Stadt aus ausreichender Entfernung, verschmolzen sie zu einer einzigen, verschwommenen Mittelklasse.

Aus der Ferne betrachtet blieb gewaltiger Reichtum fast unsichtbar.

Von innen betrachtet hingegen entpuppte er sich als mahagonigetäfelter, ausschweifend luxuriöser und düsterer Palast – weit düsterer, als er hätte sein sollen. Dunkle Läufer reihten sich makellos in Parkettgängen aneinander, und kastanienbraune Fensterläden erstickten das Licht.

Zu still.

Tova hantierte in einem Schrank gleich hinter der Tür, holte daraus eine torpedoähnliche Sauerstoffflasche hervor und lud sie geschickt auf einen Handwagen. »Dritte Tür rechts«, sagte sie und nickte voraus. »Gehen Sie geräuschvoll, ja? Er mag es nicht, wenn man ihn erschreckt.«

Shaper nickte, täuschte Selbstbewusstsein vor und begann, den Gang hinabzustapfen, so linkisch er nur konnte.

»Er ist ganz reizend«, rief Tova ihm wie einen nachträglichen Einfall nach. »Er will nur, dass Sie ihm zuhören. Und am Ende will er erfahren, was Sie zu sagen haben.«

»Verstehe. Danke.« Er erreichte die entsprechende Tür und stellte fest, dass seine Finger jetzt unübersehbar zitterten, als er sie anspannte. Eine beklommene Übelkeit nistete sich in seinem Magen ein.

Die Chemikalien, die den Körper verließen? Oder die Anspannung, die seine Krankheit wie einen eingesperrten Löwen köderte? So oder so – Scheiße.

»Ach ja, eine Sache noch.« In der Düsternis konnte er Tovas Gesicht gerade noch über einem Gewirr von Inhalatoren und Schläuchen ausmachen. »Er kann … wie sagt man … etwas exzentrisch sein. Verwirrt, Sie verstehen? Am besten achten Sie gar nicht darauf. Er erzählt große Geschichten. Lächeln Sie einfach. Und widersprechen Sie nicht.«

»Nicht widersprechen. Kapiert. Hat er auch einen Namen?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Er ist Mr. Glass.«

Shaper trat durch die Tür. Sofort wurde er in ein elektrisches Wechselspiel von Dunkelheit und Licht getaucht: funkelnde Blautöne in kalten, kantigen Kästen, die in pechschwarzer Finsternis schwebten. Und als wäre die unerwartete Surrealität, die ihn umgab, ein Stichwort, begann seine Sicht zu verschwimmen.

Mist.

Shaper blinzelte, riss sich zusammen und murmelte: »Aquarien …« Eine Menge Aquarien.

Wie gebannt ging er zwischen den Gängen voran, gefesselt vom sanften Blubbern der Filter und den von Halogenlicht erhellten Blasen. Ein steriles Gefühl von Leben im Uterus – gedämpft, flüssig, alles umschließend. Auf einer Seite trieb ein Schwarm glänzender gelber und roter Fische in Phalanxformation über einer löchrigen Koralle, die in seinen Augen wie ein von Geschwüren zerfressenes Gehirn aussah. Über seiner Schulter winkte eine prächtige Garnele mit farnartigen Klauen durch einen umlaufenden Wasserstrahl. Im Tank darüber lockte sinnlich eine Anemone, die ihre erotischen Ranken über die Bäuche dreier gestreifter Fische streichen ließ.

Shaper schüttelte den Kopf. Er spürte, wie der honigartige Matsch der Realität seinem Griff entglitt, und verfluchte sich dafür, die Drogen zu Hause gelassen zu haben. Nein, schlimmer noch – dafür, überhaupt erst hierhergekommen zu sein.

Blinzelnd versuchte er, sich einen Weg durch die Surrealität zu erkämpfen, indem er weiter die neonhellen Wassergrüfte entlanglief, doch es war zu spät. Die Krankheit hatte zwischen der nachlassenden Wirkung der Drogen und der schieren Absonderlichkeit des blubbernden Raums eine Lücke gefunden, und die Wahrnehmungsverzerrungen setzten sich fest.

Die Aquarien wurden zu dichten Reihen engelhafter Grabsteine mit Inschriften in fremdartigen Buchstaben aus lebendigem Licht, die mit zuckenden Kiemen Wasser schluckten. Als sich das Blubbern der Filter zu einem einzigen gedehnten, froschähnlichen Laut vereinte, war er überzeugt davon, die Seele jedes Lebewesens sehen zu können. Jeder Fisch wurde zu einem strahlenden Licht, jede wogende Unterwasserpflanze zu einem Geflecht von Laserstrahlen, denen die eigene Ahnungslosigkeit vollkommene Reinheit verlieh. Hier gab es keine Lügen, keinen Verrat, keine Falschheit. Auch keine synästhetischen Schwärme rubinroter Fliegen oder Pestgerüche – wie jene, die unter dem Eingang des Bordells hervorquollen –, nur die saubere Unkompliziertheit einer tumben Existenz.

Zumindest das war eine vertraute Wahnvorstellung, eine, die ihn irgendwann während jeder seiner Entgiftungskuren übermannte, in der stumpfen Sicherheit seines Heims jedoch harmlos blieb.

Hier hingegen …

Er ertappte sich dabei, dass er eine Hand hob, um sie prüfend zu betrachten, und er wusste bereits, welcher Anblick ihn erwartete. An der Kuppe des dritten Fingerknöchels brodelte die Haut. Rings um die bebende Pustel tauchten Flecken auf, deren Farbe zwischen einem blutlosen Weiß und einem fauligen Schwarz hin- und herblitzte. Ein roter Farbton zog sich wie eine Schliere durch die umliegenden Venen – eine Krankheit, die sich ausbreitete. In diesem Traum starb sein Körper von innen nach außen, infiziert von der Seuche, die sich tief in dem widerlichen Gewirr versteckte, das er als Seele bezeichnete.

Die Schuld, die er auf sich geladen hatte. Die Dinge, die er getan, die Menschen, die er verletzt, die Leben, die er zerbrochen hatte.

Sein eigener Dreck, der versuchte, sich einen Weg nach draußen zu bahnen.

Shapers Augen weiteten sich. Mitten in dem schwärenden Fleck dehnte sich die Haut wie unter Druck. Etwas Weißes und Feuchtes bäumte sich von innen auf; ein winziger Körper, durch den peristaltisches Leben pulsierte.

Eine Made.

Bleich und geistlos brach sie durch die Blase und wand sich heraus, entlockte ihm ein tiefes Stöhnen und glitschte über seinen Handrücken. Er spürte, wie seine Knie schwach wurden.

»Hier!«, hallte eine Stimme durch die Luft. »Klopfen Sie nicht an die Aquarien.«

Shaper wollte erwidern, dass er das nicht vorhatte. Er versuchte, die Hand zu heben und sie dem unbekannten Anwesenden zu zeigen – jener Kuriosität, die sich in der Dunkelheit herumtrieb. Hier, sehen Sie nicht, dass ich gerade sterbe?, wollte er rufen. Was jedoch stattdessen seinen Mund verließ, war bloß ein belangloser Laut. Und als er sich letztlich dazu durchrang, den Kopf zu drehen und hinzuschauen, stoben alle Gedanken an seinen eigenen, grauenhaften Zustand davon.

Ein Mann aus Licht starrte ihn an.

Strahlend. Knisternd vor einem grellen Weiß so rein – so schlicht – wie diese nutzlosen, makellosen, die Dunkelheit sprenkelnden Fische. An den Rändern des Lichtkranzes durchzog ein violetter Farbton den Schein, und als die gottgleiche Wahngestalt eine Hand nach Shaper ausstreckte, spürte er, wie sich sein eigener Dreck zurückzog, wie die Seuche in ihn zurücktauchte.

Die Made löste sich wie Asche in einem atomaren Windstoß auf.

»Sie müssen dieser Shaper sein, richtig?«, sagte die Vision. »Freut mich, Sie kennenzulernen.«

»Wer …«, presste Shaper aus leeren Lungen hervor.

»Ich bin George Glass«, gab das Licht zurück und ergriff seine Hand. »Und ich bin dreitausend Jahre alt.«

An der Stelle verlor Shaper die Besinnung.

Kapitel 4

Als er erwachte, fand er sich – im weitesten Sinne – in der realen Welt wieder.

Die Wahrnehmungsverzerrungen waren verschwunden, und als er blinzelnd aus der Schwärze auftauchte, stellte er fest, dass auch das Summen in seinen Ohren verstummt war. Nur das endlose Blubbern und das Glitzern von Licht durch Wasser blieben; verwirrend und ablenkend, zugleich jedoch irgendwie beruhigend.

Behutsam stand er auf und wartete, bis sich die Kopfschmerzen legten.

Ein alter Mann starrte ihn an, zittrig auf einen Stock gestützt, die knittrige Stirn verwirrt in Falten gelegt.

»Alles in Ordnung?«, fragte er.

Die Farbe der Augen des Mannes glich einem fast durchscheinenden Braun. Shaper musste dabei unwillkürlich an zwei Whiskypfützen denken. Unter ihnen flammte abrupt ein so außergewöhnlich argloses Lächeln auf, dass sich Shaper dabei ertappte, zurückzugrinsen und zu murmeln: »Bestens, bestens.«

Entgegen allen bisherigen Erfahrungen verhallten die Kopfschmerzen wie das Ende eines miesen Songs.

»Ich habe bloß dieses Leiden«, erklärte er. »Hin und wieder tritt es unverhofft auf. Ich … Jetzt geht es mir wieder gut.«

Leiden.

Was für ein Witz.

Oh, er konnte sich gut daran erinnern, dass die Ärzte Bezeichnungen darauf abgefeuert hatten, als wäre ein Name einem Heilmittel gleichwertig. Das Capgras-Syndrom existenzieller Unsicherheit; somatoparaphrene Abkopplung von Teilen des eigenen Körpers; monothematische Wahnvorstellungen von Verwesung und Verfall – blablabla. Allerdings passte keine dieser Schubladen so richtig, und eine schlichte Bezeichnung konnte die darunterliegende Wahrheit nicht verändern.

Shapers Vergangenheit brandmarkte seine Gegenwart wie eine über seine Sinne gelegte Farblinse.

Sofern es für sein »Leiden« eine Bezeichnung gab, lautete sie: »Von Schuld zerfressen«.

Aber der alte Mann wusste von alldem nichts und wackelte nur besorgt mit den Augenbrauen. »Sind Sie sicher, dass es Ihnen besser geht? Ich denke, Sie sollten sich trotzdem setzen. Hier entlang!«

Und damit humpelte er davon.

Da Shaper keine andere Möglichkeit sah, folgte er ihm, zeigte Geduld über das träge Vorankommen und gelangte in ein helles Wohnzimmer, in dem es zum Glück keine psychedelischen Auslöser gab. »Fische«, murmelte der Mann, als könne er seine Gedanken hören. »Entweder sehr entspannend oder entsetzlich langweilig – je nachdem, wie man sich fühlt. Ich habe festgestellt, dass sie mir dabei helfen, mich zu erinnern.« Er tippte sich an den Kopf. »Wussten Sie, dass ich einen Sommer als Perlentaucher verbracht habe? Dort unten in der Tiefe habe ich eine Schwäche für die kleinen Viecher entwickelt. Läuft alles auf Nostalgie hinaus.«

»Perlen«, brummte Shaper. »Wann … wann war das denn?«

Der alte Mann zuckte mit den Schultern. »Der Teufel soll mich holen, wenn ich’s noch weiß.«

Er ließ sich auf einem gewaltigen Lehnsessel nieder und nahm sich kurz Zeit, um zu Atem zu gelangen. Shaper sank auf ein kunstvolles Antikledersofa und betrachtete seinen Gastgeber.

Ein hartnäckiger Saum weißer Haare klammerte sich an den Hängen des Schädels des alten Knaben fest wie eine Baumgrenze, über die sich die Kuppel wie ein olivfarbiger Eisberg erhob, spitzer, als dies möglich zu sein schien. Für Shaper mutete sein Teint mediterran an, allerdings entdeckte er keine Spur eines Akzents, und wo sich der Haarkranz über die Schläfen erstreckte, wies er einen deutlichen Schimmer von Sandblond auf. Er trug weite Hauskleidung, eine Leinenhose und ein zerknittertes Hemd, eine Stufe über einem Pyjama, eine Stufe unter einer formellen Aufmachung. Die zierlichen und – wie Shaper bemerkte – konstant zitternden Hände hatte er über den Knauf seines Stocks gefaltet, und er lächelte das Lächeln eines Bilderbuchgroßvaters.

»Nun denn«, sagte er. »Mr. Shaper, Privatdetektiv.«

»In gewisser Weise. Ja.« Shaper hasste die Bezeichnung, konnte sich jedoch aus irgendeinem Grund nicht dazu durchringen, es auch zu sagen. »Und Sie … Sie sind Mr. Glass, richtig?«

»Zurzeit schon. Ha. Zurzeit!«

Aaah ja.

Vor allem strahlte der Mann abseits der offensichtlichen Spleenigkeit und seines etwas irren Lächelns ein Gefühl außerordentlicher Herzlichkeit aus, ein echtes Interesse, echte Anteilnahme. Trotz all seines instinktiven Argwohns konnte Shaper sich nicht dazu durchringen, dies anzuzweifeln. Der letzte Anblick aus seinem Paranoiaanfall nebenan tauchte vor seinem geistigen Auge auf – der Geist einer puren, reinigenden Aura aus Weiß und Violetttönen.

Messianisch geradezu, hätte Vince es ausgedrückt.

Shaper wusste nur allzu gut, dass er seinen neurotischen Gehirnfürzen nicht trauen durfte. Dennoch hinterließen sie Eindrücke, die sich nur schwer abschütteln ließen. Das vergangene halbe Jahrzehnt war er regelmäßig über solche halluzinatorischen Auswüchse gestolpert – immer dann, wenn die Drogen aus dem Lot gerieten oder die Lage überwältigend wurde. Aber sie raubten ihm selten dermaßen den Atem wie an diesem Tag und hatten ihm noch nie ein Bild von solch strahlender Reinheit vorgegaukelt. Im Gegenteil, zum üblichen Handwerkszeug seiner Krankheit gehörten psychedelische Hirngespinste und verschwommene Assoziationen, die sich Shaper schon längst als Manifestationen seines Unterbewusstseins erklärt hatte – Bauchgefühle und erste Eindrücke, denen Form und Farbe verliehen wurden. Im besten Fall zogen sie eine ungebetene Vernebelung seiner Sinne nach sich, im schlimmsten – wie gerade eben – einen Absturz des Fleischcomputers in seinem Schädel, durch den Shaper handlungsunfähig wurde.

Er wich ihnen aus, so gut es ging.

Nichtsdestotrotz empfand er die Erinnerung an jenen reinigenden Strahlenkranz als besänftigend, und er stellte fest, dass er sich in Glass’ Gegenwart auf geradezu bizarre Weise ruhig fühlte. Selbst als er bemerkte, dass die braunen Augen ihn genauso fragend und neugierig musterten, wie er sein Gegenüber betrachtet hatte, verspürte er nicht den Drang, den Blick abzuwenden oder gereizt darauf zu reagieren.

Tova brach das Schweigen, indem sie mit einem Tablett hereinkam, auf dem sie ein Glas Wasser und ein kleines Gefäß mit bunten Pillen balancierte. »Tablettenzeit«, verkündete sie und stellte es ab.

Glass verdrehte die Augen, zwinkerte Shaper zu und begann, die Ration pflichtbewusst zu schlucken. In seiner zittrigen Hand schwappte das Wasser im Glas hin und her. Mit einem leichten Anflug von Neid beobachtete Shaper, wie die Tabletten verschwanden.

»Sandra hat angerufen«, verriet Tova. »Sie sind fast hier. Ich habe für Freddie das Gästezimmer vorbereitet.«

Der alte Mann hielt zwischen zwei Schlucken inne. »Meine Tochter und ihr Sohn«, erklärte er Shaper. »Sie besuchen mich jede Woche.«

»Sehr nett.«

»Er ist ein … wie sagt man heutzutage dazu? Ein Kind mit ›sonderpädagogischen Bedürfnissen‹. Trotzdem ein bezaubernder kleiner Bursche.«

»Verstehe.«

»Wissen Sie, deshalb habe ich Tova. Sie kümmert sich hautsächlich um ihn. Aber sie kann auch für mich etwas tun.«

Rrrrrrr, verkniff sich Shaper zu sagen.

Tova veranschaulichte präziser, was mit dem »Tun« gemeint war, indem sie den Greis zum Schweigen brachte und mit den restlichen Pillen rasselte. Seufzend schluckte er weiter.

»An den meisten Tagen«, erläuterte sie für Shaper, »komme ich erst hierher und gehe dann los, um im anderen Haus nach Freddie zu sehen.«

»Im anderen Haus?«

»Ich hab’s Ihnen ja gesagt, Mr. Glass ist sehr reich. Ein großes Haus außerhalb der Stadt. Dort wohnt Sandra. Ich muss mit dem Zug hinfahren, ziemlich langweilig. An Donnerstagen kommen sie stattdessen hierher. Ist für mich viel einfacher. Lässt mir mehr Zeit.«

Glass gab ihr das leere Pillengefäß mit einem Lächeln zurück. »Genug Zeit, um uns ein Tässchen Tee zu machen? Was meinen Sie?«

Anscheinend war selbst die frostige Tova nicht gegen Glass’ Charme gefeit, denn sie grinste mit gespielter Verärgerung und fragte die beiden Männer, wie sie ihn gern hätten.

»Weiß«, antwortete Shaper und verkniff sich erneut schlüpfrige Anspielungen. »Drei Stück Zucker.«

»Also«, meinte Glass, als sie alleine waren. »Sandra ist unterwegs. Ich fürchte, unser Gespräch muss deshalb recht schnell vonstattengehen. Ich will sie nicht beunruhigen.«

Schnell? Shaper geriet in Panik. Heißt schnell auch weniger als tausend Pfund?

»Womit beunruhigen?«

»Tja, das ist der springende Punkt, nicht wahr? Deshalb sind Sie hier.« Der alte Mann öffnete eine Schublade und entnahm ihr ein weißes, rechteckiges Kuvert, das obenauf lag. »Das hier ist eingetroffen, bevor ich wach war. Ich möchte wissen, was Sie davon halten.«

Shaper nahm das Kuvert aus der zittrigen Hand entgegen. Es handelte sich um einen gewöhnlichen Briefumschlag mit einem Selbstklebestreifen zum Verschließen. Die Adresse prangte in klobigen, unterbrochenen Blockbuchstaben darauf. Kein Poststempel, keine Briefmarke.

»Schlampig«, murmelte er. »Da war jemand in Eile.«

»Wie kommen Sie darauf?«

Shaper fiel auf, dass Glass ihn eingehend beobachtete.

Er zuckte mit den Schultern. »Der Absender wollte, dass die Sendung nicht zurückverfolgt werden kann. Kein Klebestreifen zum Ablecken, dem man DNS-Proben entnehmen könnte, keine Schreibschrift. Allerdings hat er dabei ein wenig Mist gebaut. Er hat diese großen Grundschulblockbuchstaben verwendet, um seinen Schreibstil zu verschleiern, aber ein brauchbarer Experte für Handschriften könnte trotzdem noch alles Mögliche daran ablesen. Die Polizei kann heutzutage …«

»Keine Polizei«, fiel Glass ihm ins Wort.

Shaper schaute auf, insgeheim überrascht vom Nachdruck in der Stimme des Greises. Der Wunsch, die Ordnungshüter Ihrer Majestät aus dem Spiel zu lassen, war unter seinen Klienten keineswegs ungewöhnlich, nur passte er irgendwie nicht zu der Welt von George Glass, die Shaper bislang kennengelernt hatte.

Hm.

»Keine Polizei«, wiederholte er sonderbar enttäuscht. »Also gut.« Er wandte sich wieder dem Kuvert zu. »Jedenfalls muss irgendetwas passiert sein. Der Absender hat die Adresse draufgeschrieben, das Ding versandfertig gemacht, es aber nie abgeschickt. Keine Briefmarke. Stattdessen beschließt er, es von Hand zuzustellen – ein wesentlich größeres Risiko. Demnach muss sich also irgendetwas geändert haben. Heute Morgen ist irgendetwas passiert.«

»Sehr gut.« Glass schien drauf und dran, zu applaudieren. »Sehen Sie selbst.«

Im Inneren befanden sich vier gefaltete Blätter Papier. Shaper fischte sie nacheinander heraus und öffnete sie behutsam. Die beiden ersten waren aus aufeinanderfolgenden Ausgaben des Evening Standard ausgeschnitten worden, jeweils ein kurzer Artikel mit einem Verweis auf das Datum oben auf dem Blatt: einmal das des Vortags, einmal das der Ausgabe davor.

Der ältere Artikel berichtete mit einfachen, nüchternen Worten vom Tod einer gewissen Heidi Meyer, 63, deren gesamtes Dasein mit einem so trostlosen Text zusammengefasst wurde, dass ein Tippfehler in der zweiten Zeile das Interessanteste daran zu sein schien. Shaper las, dass sie eine begeisterte Gärtnerin und regelmäßige Ausstellerin bei der Gartenbaumesse in Chelsea gewesen war – aha. Sie war ausgerutscht, während sie in ihrem Dachgarten in der Nähe von Richmond gearbeitet hatte. »Die Polizei wurde benachrichtigt, als eine Nachbarin den Leichnam unter einem Gemeinschaftslichtschacht fand.« Shaper überflog den Rest mit einem schuldbewussten Anflug von Ungeduld: schrecklicher Unfall, reizende alte Dame, nie ein harsches Wort, blablabla … »… und die Polizei schließt ein Fremdverschulden aus.«

Das kleine Foto zeigte eine unelegante, zierliche Frau in gebatikter Arbeitskleidung mit Vogelnestfrisur, die mit einer Kelle für einen vergangenen Auftritt bei der Gartenbauausstellung in Chelsea posierte.

Der zweite Artikel aus der Ausgabe vom Vortag war unwesentlich länger. Darin ging es um die Entdeckung einer übel zugerichteten Leiche neben Bahngleisen in Clapham. Nach dieser Einleitung wurde ausführlicher auf die Benutzung der Gegend als Doggingplatz für Homosexuelle eingegangen. Beschrieben wurde eine Brücke mit einem Überstand, die perfekten Schutz für nächtliches Treiben bot. Abschließend wurde den Lesern fürsorglich versichert, dass sich »die örtlichen Einsatzkräfte des Problems bewusst sind«. Der Artikel wartete sogar mit einem Ratsvertreter auf, der sich dazu äußerte und die unmoralische, illegale und vor allem gefährliche Praktik des Fickens bei Zuglicht scharf verurteilte, wenngleich er es anders ausdrückte.

Shaper fiel auf, dass bei alldem der arme Teufel, dessen Leichnam als Aufhänger gedient hatte, auffallend wenig Erwähnung fand. Es stand fest, dass er von einem Zug erfasst worden war, und angesichts der Dunkelheit im Tunnel stellte es vermutlich keine Überraschung dar, dass kein Lokomotivführer einen Zwischenfall gemeldet hatte. In dem Bericht wurde gemutmaßt, dass der Mann – angesichts des Rufs der Gegend – wahrscheinlich nicht alleine gewesen war. (»Personen, die den Vorfall bezeugen können, werden gebeten, sich bei der Polizei zu melden.«) Doch wie schon im ersten Artikel wurde davon ausgegangen, dass es sich um einen schrecklichen Unfall handelte, mehr nicht. Fast wie ein nachträglicher Einfall wurde hinzugefügt, dass die Polizei glaube, der Verstorbene sei ein als »Kingsley« bekannter »örtlicher Sexarbeiter« gewesen, und dass man zur Bestätigung der Identität nach Verwandten des Mannes suche.

Zumindest der Name sprang Shaper ins Auge. Kannte man das Opfer, schien ein hässlicher, banaler kleiner Tod gleich ziemlich bedeutend zu sein.

Kingsley der Hengst ein C-Promi der außergesetzlichen Welt, mit knabenhaftem Gesicht und – angeblich – göttlicher Ausstattung überall sonst …

Ruhe in Frieden, alter Knabe.

Tova brachte den Tee, als Shaper gerade das dritte Blatt in Angriff nahm. »Taugt er was?«, fragte sie Glass und deutete mit dem Daumen auf Shaper.

»Sag ich Ihnen noch.« Der alte Mann lächelte.

Das dritte Blatt Papier erwies sich als ein Ausdruck von der Website der BBC News. Ein Geflecht ungewisser Angaben über die gemeldete Entdeckung einer Leiche im Queen’s Park, NW6. Shapers Miene verfinsterte sich, als er an die Polizeiabsperrung zurückdachte, die sie auf dem Weg hierher passiert hatten.

Noch ganz frisch.

Die Details waren bruchstückhaft und im Wesentlichen nutzlos. Die Leiche, so wurde – mit jeder erdenklichen Unverbindlichkeit wie angeblich, mutmaßlich oder unbestätigten Gerüchten zufolge – angedeutet, war die einer 49-jährigen Geschäftsfrau aus der Gegend. Es war mehrere Male auf sie eingestochen worden; wahrscheinlich während sie joggte, möglicherweise im Zuge eines verpfuschten Raubüberfalls. Shaper ertappte sich dabei, dass er wütend über den schweren Mangel an Fakten wurde, durch den die Tragödie des Todes irgendwie zu einem ärgerlichen Erguss nichtssagenden Unsinns verkam. Nur das Datum – das des heutigen Tages – und der Zeitstempel – 06:15 Uhr, zweifellos hatte den Artikel einer der BBC-Texter in der Frühschicht verfasst – schienen beachtenswert zu sein.

Ein Stück entfernt schlürfte Glass geräuschvoll an seinem Tee und nickte in Richtung des Ausdrucks.

»Da haben Sie Ihr ›etwas ist passiert‹«, meinte er.

»Ja. Nur … er hat darauf gewartet.«

»Wer?«

»Ihr geheimnisvoller Postbote. Er hat darauf gewartet, dass die Geschichte an die Öffentlichkeit gelangt. Da stehen zu wenig Details drin, um ihm willkürlich ins Auge gesprungen zu sein.«

Glass zuckte mit den Schultern, als wäre das höchstens theoretischer Natur. »Ich bin eher davon ausgegangen, dass er wusste, wonach er suchen musste, weil er dafür verantwortlich war.«

»Warum?«

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