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Der Beziehungs-Code

Anleitung zu einer glückenden Partnerschaft

Manche Leserin mag sich angesichts dieses Buchtitels fragen: »Gibt es wirklich so etwas wie einen Code zum Verhalten meines Partners, der mir entschlüsselt, warum er so tickt wie er tickt? Demnach müssten die meisten Männer ja ganz ähnlich gestrickt sein und hätten in Beziehungen immer vergleichbare Motive und Absichten? Aber: Gibt es denn überhaupt noch Männer ›wie früher‹? Oder ist es im Gegenteil so, dass sie sich gar nicht mehr so grundsätzlich von uns Frauen unterscheiden? In dem Fall müsste es doch ganz einfach sein, meinen Partner zu verstehen?«

Jede dieser Fragen ist berechtigt. Fest steht, dass sich die Bedingungen, unter denen sich die Geschlechter entfalten, in unseren westlichen Gesellschaften grundlegend verändert haben. Würde man etwa aus 10 000 Metern Höhe mit einem Teleobjektiv die Menschen in ihren Arbeits- und Lebensumfeldern – an den Börsen dieser Welt, in Verwaltungen, in Technologiekonzernen oder auf Sportveranstaltungen – beobachten, so könnte man nicht eindeutig zuordnen, wo man es mit Männern und wo mit Frauen zu tun hat.

Richtet man den Blick aus der Ferne hingegen auf Paarbeziehungen, fällt diese Unterscheidung viel leichter. Dort lässt sich meist schnell ausmachen, in welchen Lebensbereichen Männer und Frauen zugange sind. Wenn es um Kinder und Haushalt geht, sind es meist Frauen, die sich hier kümmern. Liegt dagegen ein Mensch mit einem Schraubenschlüssel unter einem Auto, handelt es sich dabei höchstwahrscheinlich um einen Mann.

Warum nun lässt sich dieses traditionelle Rollenverhalten in Paarbeziehungen so viel leichter aufspüren als in der Arbeitswelt?Das liegt daran, dass Verhaltensweisen in Beziehungen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen mit einer gewissen Verzögerung nachfolgen. Wie wir als Paare leben ist schließlich Privatsache. Daher können Männer wie Frauen in ihren Liebesbeziehungen auf ein althergebrachtes Rollenverhalten zurückgreifen; und oftmals tun sie das. Hier liegt ein Ansatzpunkt dieses Buches. Es mag zwar fraglich sein, ob es noch klar beschreibbare »Männertypen« gibt. Typisch männliches Verhalten in bestimmten Situationen gibt es zweifellos. Ebenso steht außer Frage, dass eine Frau an solchen Punkten an ihrem Partner regelrecht verzweifeln kann. Man könnte es auf die Formel bringen: Typische Männer, die sich immer wie solche verhalten, gibt es immer weniger. Aber Situationen, in denen sie sich auf typisch männliches Beziehungsverhalten zurückziehen, gibt es in jeder Beziehung zahllose.

Einem solchen Verhalten können Sie nicht beikommen, indem Sie sich »am Mann« (ab-) arbeiten. In einer Beziehung ist es nicht möglich, den anderen in seiner Persönlichkeit zu verändern. Darum geht es hier auch nicht. Es geht allein um Verhaltensänderungen. Das Benehmen des Partners zu beeinflussen ist durchaus möglich, denn in einer Beziehung entsteht Verhalten stets als Reaktion auf den anderen. Wenn also einer von beiden seines ändert, dann tut der andere das in der Folge ebenfalls. Auf den nächsten Seiten zeige ich Ihnen, wie Sie als Frau an bestimmten Punkten besser mit Ihrem Partner umgehen können. Das kann Ihnen gelingen, indem Sie sein Verhalten durch neue Reaktionsweisen beeinflussen.

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Abschied vom kleinen Unterschied

Gibt es sie wirklich, die wesensmäßigen Unterschiede zwischen Männern und Frauen? Um diese Frage ausreichend beantworten zu können, sollten wir uns erst einmal klarmachen, was man unter einem Geschlecht eigentlich versteht und wozu die Unterscheidung von Männern und Frauen in unserer Gesellschaft dient – also, wozu wir sie im täglichen Zusammenleben brauchen.

VON FRAUEN UND MÄNNERN

Es liegt auf der Hand, dass die Geschlechterbezeichnungen »Mann« und »Frau« immer dann herangezogen werden, wenn es um die biologischen Verschiedenheiten geht. Will man etwa die Fortpflanzungsvorgänge der Gattung Mensch erklären, kommt man um die von der Natur gegebenen Geschlechterunterschiede nicht herum. Schon lange bevor der Mensch auf der Bühne der Evolution auftauchte, war die genetische Ausstattung zahlreicher Lebewesen auf je zwei Vertreter einer Art aufgeteilt. Einer von beiden liefert die für die Fortpflanzung notwendige Samenzelle, der andere die Eizelle. Aufgrund dieses biologischen Arrangements sind zahllose Variationsmöglichkeiten für den Gen-Pool möglich. Das wiederum erhöht die Überlebenschancen einer Art. Eine Folge dieser Aufteilung ist, dass bei der Gattung der Säugetiere immer der weibliche Part den Nachwuchs in sich trägt und gebärt. Als Mann bezeichnet man den nicht gebärenden, zeugenden Elternteil.

Typisch männlich? Typisch weiblich?

Ganz anders sieht die Sache bei den sozialen Merkmalen aus, die »Mann« und »Frau« zugeschrieben werden. Hinsichtlich der Eigenschaften, die beide Geschlechter benötigen, um in Beziehungen miteinander klarzukommen, hat die Natur kaum Vorgaben gemacht. Welche Fähigkeiten Männer und Frauen entwickeln, welches Verhalten erlaubt und verboten ist, das hängt nicht von Genen oder Hormonen ab, sondern von der jeweiligen gesellschaftlichen Organisation, in der sie leben. Aus diesem Grund hat sich die Vorstellung davon, was männlich und was weiblich ist, im Lauf der Zeit und abhängig von den jeweiligen Lebensumständen stets verändert. Stärker, als dies den meisten von uns bewusst ist.

Wie eine Gesellschaft die Rollen bestimmt

Könnte man den Lebensalltag aller ehemaligen, jetzigen und zukünftigen Völker und Kulturen dieser Erde auf einen riesigen Globus projizieren, dann würde einem sofort die soziale Bestimmung männlicher und weiblicher Eigenschaften ins Auge fallen. Diese sind sehr unterschiedlich: So könnten wir bei bestimmten Kulturen beobachten, dass sich Männer für Frauen schön machen, um begehrenswert zu erscheinen und andere, bei denen es sich genau umgekehrt verhält. Bei anderen Völkern würde man Frauen sehen, die allein die politische Verantwortung tragen, während Männer davon ausgeschlossen sind und wieder andere, bei denen das Gegenteil der Fall ist.

Dann gäbe es Verbände, die in Sippen leben und andere mit Kleinfamilienstrukturen. Dabei würde der Beobachter feststellen, dass die Frauen in den Sippen sehr viel unabhängiger von Männern sind und stärker und selbstbewusster als Frauen in Kleinfamilien. Auch würde man Frauen sehen, die ihre empfindliche Haut vor Staub und Sonne schützen, aber auch andere, die Rennwagen fahren oder als Soldatinnen in den Krieg ziehen. Auf dem Globus der Geschlechter könnte man kein einziges Verhalten ausmachen, das grundsätzlich für ein bestimmtes Geschlecht reserviert ist und das dem anderen unmöglich wäre.

Lediglich aus der begrenzten Sichtweise einer einzelnen Kultur und einer bestimmten Zeit heraus mag die Verhaltensfestlegung der Geschlechter nicht als sozial bestimmt, sondern als naturgegeben erscheinen. Auch in unserer Kultur sieht vieles naturgegeben aus, das aber eigentlich sozial vorbestimmt ist. So mag es zwar zutreffen, dass Männer meist über mehr Muskelkraft verfügen als Frauen. Aber was daraus folgt, hängt allein von den sozialen Gegebenheiten ab. Die Körperkraft eines Menschen spielt nur bezogen auf Kampf- und Kriegshandlungen oder bei schwerer körperlicher Arbeit eine Rolle und dort auch nur bei einer unterentwickelten Technik, etwa wenn es um den Kampf zwischen zwei Menschen geht. Geht es Gewehr gegen Gewehr oder gar Drohne gegen Drohne, dann nutzt Muskelkraft nichts, weshalb Frauen heutzutage in den Armeen dem Handwerk des Tötens ebenso effektiv nachgehen, wie Männer das tun. Auch schwere körperliche Arbeiten werden seit Jahrzehnten größtenteils von Maschinen übernommen.

Herrschaftsverhältnisse = Geschlechterverhältnisse

Auch bei der Frage, ob sich nun Männer oder Frauen besser eignen, um die politischen Geschicke einer Gemeinschaft zu lenken, handelt es sich um keine der jeweiligen biologischen Ausstattung, sondern allein um eine der jeweiligen Herrschaftsverhältnisse. Wer in einer Gesellschaft die politische Verantwortung trägt, beispielsweise in einem kleinen Stamm die Geschicke seiner Sippe lenkt oder einem Land als PremierministerIn vorsteht, ist nicht erblich dazu bestimmt. Dies hängt in jedem Fall von der Selbstorganisation der jeweiligen Gesellschaft ab.

Dass sich die Geschlechter hinsichtlich ihrer sozialen Eigenschaften nicht unterscheiden und Männer und Frauen gleichermaßen zu jedem erdenklichen Verhalten imstande sind, ist für viele Menschen immer noch schwer vorstellbar, nicht zuletzt deshalb, weil hierüber zahllose Mythen kursieren. Auch werden von den Vertretern einer biologistischen Begründung für geschlechtsgebundenes Verhalten, – also einer, die auf die biologischen Unterschiede von Mann und Frau und daraus angeblich resultierende menschliche Verhaltensweisen und gesellschaftliche Zusammenhänge abhebt – oft falsche oder scheinwissenschaftliche Darstellungen verbreitet. Aufgrund neuerer Studien fällt es allerdings immer leichter, diese rückwärtsgewandten Argumentationen zu entkräften. Solche und andere Beispiele zeigen, dass es sich bei der Definition von Geschlechtern immer um gesellschaftliche Konstruktionen handelt, deren Festlegungen sich je nach den herrschenden Umständen wandeln können. So etwas wie ein »natürlich« männliches oder weibliches Verhalten gibt es schlicht und einfach nicht. Dies jedoch in aller Ausführlichkeit darzustellen würde den Rahmen dieses Buches sprengen. An dieser Stelle möchte ich aber auf andere Quellen und Veröffentlichungen, wie etwa »Die Geschlechterlüge« der Neurowissenschaftlerin Cordelia Fine verweisen siehe >. Diese widmen sich dem Einfluss von Genen, Hormonen oder Gehirnstruktur auf die Geschlechter und lassen nicht mehr viel von einem vorgegebenen geschlechtsspezifischen Verhalten übrig.

IMG SCHLUSS MIT ÜBERHOLTEN KLISCHEES

Eine bei Biologisten beliebte Behauptung lautet, Frauen seien aufgrund ihrer naturgegebenen Ausstattung mit weniger sexueller Lust (Libido) ausgestattet als Männer und daher naturgemäß auch treuer. Dies habe ich ausführlich in meinem Werk »Von wegen Venus und Mars« widerlegt, siehe >.

Die Biologin und Spiegel-Autorin Rafaela von Bredow fasst weitere Fakten zusammen, die ganz und gar nicht zur These der sexuell antriebslosen Frau passen: »Warum – falls das Naturgesetz vom treuen Kuschelheimchen ohne große Libido tatsächlich Gültigkeit hätte – versuchen dann Männer auf der ganzen Welt, Frauen mit eingeschnürten Füßen (China), verschleierten Gesichtern und Körpern (wie in islamischen Kulturen) und abgetrennter Klitoris (in einigen Regionen Afrikas und in den USA als ›Berichtigung‹ an weiblichen Säuglingen mit größerer Klitoris) vom Fremdgehen abzuhalten? (Quelle: Der Spiegel 30 / 2000, »Das wahre Geschlecht«)«

Die von der Natur zu Zurückhaltung, Passivität und eingeschränkter Lust verurteilte Frau, von der das Bundesverfassungsgericht noch im Jahr 1957 behauptete: »Schon die körperliche Bildung der Geschlechtsorgane weist für den Mann in eine mehr drängende und fordernde, für die Frau mehr hinnehmende und zur Hingabe bereite Funktion auf«, gibt es nur in den Köpfen konservativer Forscher und oberflächlicher Autoren. Frauen sind sexuell genauso aktiv und fordernd wie Männer – wenn sie es wollen und gelassen werden. Das belegen auch die folgenden Ausführungen des Ethnologen Hans Peter Duerr (siehe >): »Die Mädchen und Frauen der Kaulong auf Neubritannien [Papua-Neuguinea] beispielsweise galten in sexueller Hinsicht als äußerst aggressiv und draufgängerisch, und diese Eigenschaften wurden bereits in der frühen Kindheit erzieherisch unterstützt, während man die Buben anhielt, sich gegen die Mädchen nicht zu wehren, sondern zu fliehen. In fortgeschrittenem Alter boten die jungen Mädchen den Männern Tabak oder gekochte Nahrung für ihre Liebesdienste und zeigten sie sich unwillig, griffen die Mädchen häufig zu Gerten oder Stöcken und schlugen auf die jungen Männer ein oder bedrohten sie mit dem Messer, wobei sich diese nur mit Worten zur Wehr setzen durften.«

Verhalten ist veränderbar

Sie sehen, kein menschliches Verhalten ist naturgegeben, sondern immer sozial veränderbar. Denn wäre ein Mann genetisch auf ein bestimmtes Rollenverhalten festgelegt, so wäre er auf Gedeih und Verderb an diese Vorgaben gebunden und könnte sich nicht aus diesem Korsett befreien. Das Gleiche gilt natürlich auch für Frauen. Dann bräuchten Sie sich als Partnerin Ihres Mannes und Leserin dieses Buches auch keine Gedanken über den Umgang mit Ihrem Mann zu machen, denn es wäre ja nur ein ganz bestimmter, rollenspezifischer Umgang miteinander möglich. Ihr Mann wäre dann wie alle anderen Männer und so, »wie diese eben sind«, und keine Frau der Welt – Sie auch nicht! – könnte deren Verhalten jemals verändern. Dann würde Ihr Mann einerseits nicht anders können und Ihnen als Frau bliebe andererseits nur übrig, Ihr genetisch vorgegebenes Schicksal hinzunehmen, sich in ihre Rolle zu fügen und sich auf Ihren Partner einzustellen.

Wie sich männliches Rollenverhalten aufschaukelt

Bemerkenswert ist übrigens, dass ein männliches Rollenverhalten umso typischer ausfällt, je stärker ein Mann mit einem typisch weiblichen Rollenverhalten konfrontiert ist. Es wirkt dann angesichts einer »typischen Frau« so, als könne er fast gar nicht anders, als den »typischen Mann« zu geben.

Dass Sie als Leserin sich aber nun damit befassen, wie Männer in Wirklichkeit ticken, weist darauf hin, dass Sie die Begrenzungen Ihres besonderen Rollenverhaltens verlassen wollen. Denn wie dieses Buch zeigen wird, haben Sie nur eine einzige (!) Möglichkeit, ein störendes oder die Beziehung belastendes Verhalten Ihres Partners zu verändern. Sie besteht ausschließlich in einer deutlichen Veränderung Ihres eigenen Verhaltens. Was also früher als naturgegeben galt und als unverrückbare Wahrheit erschien, hat heute seine absolute Geltung verloren. Ein Vergleich von Gesellschaften im Gestern und Heute wird dies sehr deutlich zeigen.

TRADITION CONTRA MODERNE

Das Verhalten der Geschlechter hängt, wie wir gesehen haben, von den sozialen Umständen ab. Da es in unserer Gesellschaft ein sehr ausgeprägtes Rollenverhalten gibt, stellt sich die Frage nach den Ursachen dafür. Schauen wir uns dazu die gesellschaftlichen Umstände früher und heute sowie ihren Einfluss auf das Verhältnis zwischen Männern und Frauen näher an.

Von der Liebe in Urzeiten

In den sogenannten Urgesellschaften lebten die Menschen in überschaubaren, sippenhaften Verbänden. Kleinfamilien und die sich aus ihnen ergebenden Paarbeziehungen wie heute üblich gab es noch nicht. Die Kinder einer Frau gehörten zu ihrer Sippe und wurden von deren Angehörigen (also auch von ihrem Vater und ihren Brüdern) versorgt und beschützt. Die Erbfolge war immer matrilinear, also an der mütterlichen Linie orientiert. Meist standen Frauen auch den Sippen vor. Die Aufgabe der Männer bestand hier darin, die Außenbeziehungen zu anderen Stämmen zu regeln. Sie waren diejenigen, die kriegerische Auseinandersetzungen anführten oder auch Frieden schlossen.

Für eine Frau bedeutete ihr Aufgehobensein in der Sippe Freiheit und Unabhängigkeit gegenüber dem Mann, dem sie in Liebe verbunden war oder von dem sie Kinder hatte.

Ein solcher Mann wurde auch nicht als »Ehemann« bezeichnet, sondern als »Vater ihrer Kinder«. Der Mann hatte dabei keine Ansprüche auf sie oder auf die Nachkommen von ihnen beiden, denn er gehörte seiner eigenen Sippe an. Die Liebesbeziehung von Mann und Frau beruhte in diesen Zeiten allein auf Freiwilligkeit und konnte jederzeit von beiden Seiten gelöst werden.

Wie die Frau am Herd landete

Dieser soziale Hintergrund von Paarbeziehungen änderte sich im Lauf der Zeit. Wesentlicher Faktor dabei war die Entwicklung hin zu Sesshaftigkeit und einer landwirtschaftlichen Produktionsweise. Dadurch gewannen sowohl der Handel als auch die Auseinander-setzungen und Scharmützel mit anderen Stämmen an Bedeutung. Für beides waren die Männer zuständig, für die sich damit ein Machtgewinn ergab. Aufgrund ihrer Schlüsselstellung bei der Organisation der Außenbeziehungen gerieten Land und Warenverkehr im Laufe der Zeit zunehmend unter männliche Kontrolle, es entstand erstmals ein, wenn auch anfangs nur bescheidener, Besitz. Daraus ergab sich eine Veränderung der Erbfolge. Denn es lag im Interesse des Mannes, seinen Besitz an eigene Kinder zu vererben, um diesen zu wahren und im Alter versorgt zu sein.

Die Entstehung der traditionellen Familie

In diesem geschichtlichen Abschnitt entwickelten sich allmählich Familienstrukturen innerhalb der immer größer werdenden sozialen Verbände und die Frau geriet langsam aber sicher in Abhängigkeit zum Mann. Da Kinder einen Anspruch auf Erbe hatten, wurde auch die sexuelle Treue der Frau wichtig: So konnten die jeweiligen Sprösslinge eindeutig ihrem Vater zugeordnet werden. Aufgrund der wachsenden Macht der Männer innerhalb der Sozialverbände entstanden patriarchalisch organisierte Gemeinschaften. Der Mann gewann Herrschaft über die Frau.

Männern und Frauen wurden im Laufe dieser Entwicklung bestimmte Rollen zugewiesen, die in einer – unter diesen Bedingungen sinnvollen – Arbeitsteilung begründet waren. Hier entstand die Fixierung der Frau auf das Innenleben der Familie. Sie war fortan für Heim und Herd zuständig, während der Mann die Familie nach Außen repräsentierte und als Landbesitzer wie als Händler Frau und Kinder ernährte. Die Familie bildete eine Produktionsgemeinschaft mit verteilten Rollen.

Die neue Abhängigkeit der Frau bedeutete nun, dass sie einen Mann »haben« musste, um überleben zu können. Dieser sollte »stark« sein, um seinen Aufgaben als Familienvorstand und -versorger gerecht werden zu können. Während Frauen nun wahrnehmende, im Innenleben der Familie benötigte soziale Fähigkeiten kultivierten, entwickelten Männer aktive, im Außenleben benötigte Kenntnisse und Fertigkeiten.

Es sind diese besonderen – heute nicht mehr zeitgemäßen – Verhältnisse, welche die Aufgabenteilung und damit die von uns als »natürlich« empfundenen typisch männlichen und weiblichen Fähigkeiten und Verhaltensmerkmale entstehen ließen.

Die Rollenfixierung wirkt prägend auf das Seelenleben: Frauen konzentrieren sich auf die sozialen Aspekte des Familienlebens, Männer auf die politischen Faktoren des sozialen Miteinanders. Die jeweiligen Fixierungen werden immer weiter an die nächste Generation gegeben, wobei sich die Mädchen an Frauen und die Jungen an Männern orientieren.

Heute: Alles ist möglich

Kommen wir zum Heute. Die sozialen Bedingungen haben sich in den westlichen Gesellschaften mittlerweile so stark verändert, dass die traditionelle Rollenverteilung immer weniger Sinn macht. Das umfasst verschiedene Lebensbereiche.

Zum einen hat die Familie ihre Aufgabe als Produktions- und Überlebensgemeinschaft verloren, weil die heutige Herstellungsweise vorwiegend industriell ist. Zudem kommt der Staat weitenteils für die Altersversorgung auf, weshalb es dazu nicht mehr nötig ist, viele Kinder in die Welt zu setzen. Auch die soziale Vormachtstellung des Mannes gegenüber der Frau ist sinnlos, weil mittlerweile Frauen die Außenbeziehungen von Familien und politischen Verbänden ebenso gut regeln können wie Männer. Sie erobern zunehmend auch den politischen Bereich. Eine Frau muss heutzutage auch keinen Mann mehr »haben«, um zu überleben, genauso wenig wie ein Mann nicht mehr »stark« sein muss.

Das Rollenverhalten hat also seine materielle und soziale Grundlage fast vollständig eingebüßt. In der logischen Folge dieser Entwicklung löst sich die Festlegung der Geschlechter in sogenannte spezifisch männliche und spezifisch weibliche Fähigkeiten auf. Männer und Frauen entwickeln zunehmend gleiche Eigenschaften und Verhaltensweisen. Alle menschlichen Fähigkeiten verteilen sich auf beide Geschlechter.

Langsame Anpassungsprozesse

Allerdings – ich habe es bereits im Vorwort angedeutet – hinkt die psychische Entwicklung des Einzelnen den sozialen Veränderungen hinterher. Bis sich tradierte Verhaltensweisen grundlegend verändern, gehen oft Generationen ins Land. Aus diesem Grund kommt dem traditionellen Rollenverhalten – in ländlichen Gegenden mehr, in städtischen weniger – immer noch eine große Bedeutung zu. So bekommen kleine Mädchen auch heute noch meist Puppen und kleine Jungen Matchbox-Autos geschenkt mit der Spätfolge, dass später mehr Männer als Frauen technische und naturwissenschaftliche Ausbildungswege beschreiten. Solange es also die Kleinfamilie gibt und darin die althergebrachte Rollenteilung aufrechterhalten wird, solange wirken sich diese Bedingungen auch auf die psychische Verfassung von Männern und Frauen aus. Deshalb lohnt sich ein Blick auf diese Auswirkungen.

Rollenteilung und die Liebe

Familiäre Strukturen hinterlassen Spuren im Liebesverhalten eines Menschen. Frauen sind in den heute üblichen Settings – zumindest solange die Kinder klein sind – größtenteils für diese zuständig, während Männer in dieser Zeit meistens weiterhin ihrer Arbeit nachgehen. Für Jungen und Mädchen aus solchen Familienstrukturen ergeben sich daraus wesentliche Folgen.

So lernt ein kleiner Junge als »erste Frau« seines Lebens eine Frau kennen, die Macht über ihn hat und von der er kontrolliert und beherrscht wird. Für das Mädchen sieht es umgekehrt aus. Sie lernt den »ersten Mann« ihres Lebens als jemanden kennen, der oft nicht erreichbar ist, weil er sich – auch heute noch – weit mehr um seine Arbeit als um seine Tochter kümmert.

Lebens- und Liebesverhältnisse

Jungen und Mädchen machen so ganz unterschiedliche Erfahrungen mit Liebe. Für Jungen steht die erste Liebe im Zusammenhang mit Enge, für Mädchen mit Mangel. Diese ersten Erfahrungen mit der Liebe zum anderen Geschlecht wirken sich später im Beziehungsleben der Erwachsenen aus. Ein Mann, der eine Frau liebt, befürchtet dann unbewusst, von ihr eingeengt und kontrolliert zu werden. Dagegen ist eine Frau, die einen Mann liebt, ebenfalls unbewusst auf der Hut vor Vernachlässigung. Um der befürchteten Enge beziehungsweise dem Mangel zuvorzukommen, verhalten sich Männer und Frauen in Liebesdingen daher oft unterschiedlich. Während Männer sich eher verschließen, bemühen sich Frauen um Nähe siehe hierzu ausführlich mein Buch: »Wie Männer und Frauen die Liebe erleben«.

Das unterschiedliche Verhalten von Männern und Frauen in Liebes- und Paarbeziehungen spielt für das Thema dieses Buches natürlich eine wesentliche Rolle. Denn obwohl Frauen heute politische und wirtschaftliche Bereiche erobert haben, obwohl Männer sich mehr ihren Kindern zuwenden, indem sie beispielsweise Elternzeit nehmen oder sich im Fall einer Trennung auch Umgangsrechte mit ihren Sprösslingen erstreiten, obwohl Rollenverhalten kaum noch an das Geschlecht gebunden ist, obwohl auch Frauen »stark« und Männer »einfühlsam« sein können, finden sich in sehr vielen Liebesbeziehungen noch deutliche Spuren typisch männlichen und typisch weiblichen Verhaltens. Das bedeutet aber keinesfalls im Rückschluss, dass es deshalb (noch) typische Männer gäbe.

Typisch Mann?

Wenn ich hier von typisch männlichem oder weiblichem Verhalten spreche, meine ich damit nicht, dass es bestimmte »Männertypen« gäbe. Mit einer rein charakterlichen Typisierung würde ich der Vielfalt männlicher Verhaltensweisen, die man heute beobachten kann, nicht gerecht werden.

Früher sprach man beispielsweise von »Cholerikern« oder »Phlegmatikern«, »Sanguinikern« oder »Melancholikern«. Man ging dabei davon aus, dass sich diese charakterlichen Eigenschaften des Jähzornigen, Trägen, heiter oder eher trübsinnig Gestimmten in allen Lebensbereichen eines Menschen zeigen würden. Heute sind wir so sehr individualisiert, dass lediglich vier Kategorien eine Persönlichkeit nicht sinnvoll beschreiben können. Jeder Mensch ist überaus vielfältig, ja er ist regelrecht vielgesichtig. Das macht die folgende moderne Definition des Begriffs Persönlichkeit des Psychologen Lothar Laux aus dem Jahr 2003 deutlich: »Die Persönlichkeit lässt sich verstehen als die Gesamtheit aller psychischen Eigenschaften und Verhaltensbereitschaften, die dem Einzelnen seine eigentümliche, unverwechselbare Individualität verleiht.«

Man kann sich in etwa vorstellen, wie groß die Bandbreite dieser »Gesamtheit aller psychischen Eigenschaften und Verhaltens-bereitschaften« ist. Jedes unserer Verhalten ist überaus vielfältig, ebenso wie es die Verhältnisse sind. Ein Verhalten kann also nicht typenhaft festgelegt sein. Es ist immer situationsabhängig, und deshalb ist persönliche Flexibilität gefordert. Wie sehr sich selbst ein grundlegend erscheinendes Verhalten verändern kann, wenn es die Lage erfordert, zeigt folgende Geschichte:

IMG Ein Beispiel aus dem Beziehungsalltag

Eine Frau bekam ein Kind von ihrem Freund, die beiden lebten getrennt. Nach wenigen Monaten war klar, dass er sich kaum um das Baby kümmerte und auf ihre Appelle, mehr Verantwortung zu übernehmen, auch nicht weiter reagieren würde. Er verhielt sich so, als hätte er mit dem Kind nicht viel zu tun. Man könnte dem Mann durchaus einen selbstbezogenen »Charakter« unterstellen und davon ausgehen, dass er nicht in der Lage wäre, diesen zu verändern. Doch eines Morgens erhielt er einen Anruf, in dem ihm seine Freundin mitteilte: »Dein Kind liegt vor deiner Wohnungstür. Ich wünsche dir alles Gute!« Als der Mann die Tür öffnete, stand dort der Kinderwagen mit dem kleinen Mädchen darin. Von seiner Freundin hat er danach nichts mehr gehört, sie hatte ihn allein gelassen. Aber aus dem unzuverlässigen und bindungsunfähig erscheinenden Mann wurde binnen Kurzem ein fürsorglicher und liebevoller Vater, was niemand für möglich gehalten hatte. Seine Freunde »erkannten« ihn nicht wieder.

Das Phänomen der Vielgesichtigkeit

Das Fallbeispiel des jungen Vaters zeigt, wie flexibel männliches Verhalten heute sein kann und wie sehr es von den jeweiligen Lebensumständen abhängig ist. Zu den Umständen des männlichen Verhaltens gehört in Bezug auf unser Thema vor allem und in erster Linie die Partnerin und ihr Verhalten.

Auch die Partnerin eines Mannes ist zu vielfältigem Verhalten jenseits von starren Rollenfestlegungen in der Lage, das macht das Beispiel ebenfalls deutlich. Welche rollenfixierte Frau hätte so gehandelt? Der Begriff, mit dem man den modernen Mann und die moderne Frau passend beschreiben kann, lautet unter heutigen Umständen: Vielgesichtigkeit.

IMG WIR TRAGEN VIELE GESICHTER

Es macht für Sie als Frau also nach den vorangegangen Ausführungen wenig Sinn, sich darüber Gedanken zu machen, mit welchem »Typ Mann« Sie es in Ihrer Beziehung zu tun haben und wie Sie demzufolge am besten mit ihm umgehen. Es macht aber viel Sinn, immer auf das jeweilige Verhalten Ihres Partners einzugehen. Das können Sie am einfachsten und effektivsten – wie das Beispiel auf der nebenstehenden Seite auf etwas überdeutliche Weise zeigt und wie es im weiteren Verlauf des Buches deutlich werden wird –, indem Sie ab sofort an Ihrem eigenen Verhalten ansetzen.

Fazit: Es gibt keinen speziellen »Typ« Mann mehr, sondern vielmehr ein typisch männliches Verhalten. Dieses passt Ihnen oder es stört Sie, und dieses – daran sollten Sie wirklich glauben – ist mit hoher Wahrscheinlichkeit veränderbar.

PAARBEZIEHUNGEN HEUTE

Jeder Mensch ist heute vielgesichtig, weil er sich in den verschiedensten sozialen Bezügen zurechtfinden muss. Das habe ich auf den vorangegangenen Seiten erläutert. Daher macht es in einer Beziehung wenig Sinn, sich mit einem Mann »als Ganzem«

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