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Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Danksagung

Über dieses Buch

Hundreds Hall, ein majestätisches Anwesen im ländlichen England. Hier wohnt die verwitwete Mrs. Ayres mit ihren erwachsenen Kindern Caroline und Roderick. Als der Landarzt Dr. Faraday wegen eines Notfalls herbeigerufen wird, ist er wie gebannt von der geheimnisvollen Atmosphäre des Hauses. Schon bald erfährt er, dass in Hundreds Hall merkwürdige Dinge geschehen: Möbelstücke, die ein Eigenleben führen, kryptische Zeichen, die plötzlich an den Wänden auftauchen, bedrohliche Geräusche, die unerklärbar scheinen. Dr. Faraday begegnet der wachsenden Panik der Familie zunächst mit Ruhe und Beschwichtigung. Doch das Schicksal der Ayres nimmt unaufhaltsam seinen Lauf – und ist enger mit seinem eigenen verwoben, als er ahnt ...

Über die Autorin

Sarah Waters stammt aus Wales und lebt als freie Schriftstellerin in London. In UK ist sie längst ein Star mit einer begeisterten Leserschaft. Nun hat sie auch im Ausland für Furore gesorgt: Ihr für den Booker Prize und den Orange Prize nominiertes, in unzähligen Rezensionen hochgelobtes, für eine Verfilmung optioniertes neuestes Werk, »The Little Stranger«, wurde in 35 Länder verkauft.

1

Ich sah Hundreds Hall zum ersten Mal im Alter von zehn Jahren, in dem Sommer nach Kriegsende. Zu jenem Zeitpunktbesaß die Familie Ayres noch einen Großteil ihres Vermögensund zählte zu den wichtigen und einflussreichen Familien in unserer Gegend. Anlässlich des Empire Day wurde ein großes Fest gegeben, und ich stand in einer Reihe mit den anderen Kindern des Dorfes und salutierte, während Mrs. Ayres und der Colonel vorbeidefilierten und uns Gedenkmünzen überreichten; danach setzten wir uns mit unseren Eltern an lange Tische – vermutlich auf der südlich vom Haus gelegenen Rasenseite – und bekamen Tee gereicht. Mrs. Ayres muss damals ungefähr vierundzwanzig oder fünfundzwanzig Jahre alt gewesen sein, ihr Mann ein paar Jahre älter. Und ihre kleine Tochter Susan wird etwa sechs gewesen sein. Sie gaben bestimmt eine sehr schmucke Familie ab, aber ich kann mich nur noch vage an sie erinnern. Am lebhaftesten blieb mir das Haus selbst im Gedächtnis, das mir als Inbegriff eines prächtigen Landsitzes erschien. Ich erinnerte mich noch gut an die zahlreichen würdevoll alternden Einzelheiten: das in die Jahre gekommene Mauerwerk, die welligen Gussglasfenster, die verwitterten Einfassungen aus Sandstein. Sie verliehen dem Haus ein verschwommenes, beinahe ungewisses Aussehen – wie ein Eis, das in der Sonne zu schmelzen beginnt, dachte ich damals.

Natürlich gab es keine Besichtigungstouren ins Innere des Hauses. Sowohl die Vorder- als auch die Terrassentüren standen zwar offen, doch war jede mit einem Seil oder einem Band versperrt; wir durften lediglich die Toiletten der Stallburschen und Gärtner im Stalltrakt benutzen. Meine Mutter hatte allerdings immer noch ein paar Freundinnen beim Hauspersonal, und als der Tee beendet war und die Leute durch den Park spazieren durften, führte sie mich unauffällig durch eine Seitentür ins Haus, und wir verbrachten ein bisschen Zeit bei der Köchin und den Küchenmädchen. Dieser kurze Besuch hat mich damals sehr beeindruckt. Die Küche lag im Untergeschoss, und man gelangte durch einen kühlen Gewölbegang dorthin, der mich an ein Burgverlies erinnerte. Eine ungewöhnlich große Zahl von Menschen eilte ohne Unterlass, beladen mit Körben und Tabletts, zur Küche hin und wieder zurück. Die Mädchen hatten einen derart großen Berg von Geschirr zu spülen, dass meine Mutter kurzerhand die Ärmel hochkrempelte und ihnen half. Als Belohnung für ihre Mühe durfte ich mich zu meiner großen Freude von den Geleespeisen und Puddings bedienen, die beim Fest übrig geblieben waren. Man setzte mich an einen Bohlentisch und gab mir einen Löffel aus dem Besteckvorrat der Familie – ein schweres Exemplar aus mattem Silber, dessen Laffe beinahe größer war als mein Mund.

Doch dann folgte eine noch größere Belohnung. Hoch oben an der Wand des gewölbten Korridors befand sich ein Verteilerkasten, in dem verschiedene Drähte mit Glocken zusammenliefen, und als eine dieser Glocken zu bimmeln begann und das Stubenmädchen nach oben klingelte, nahm sie mich mit hinauf, so dass ich einen Blick hinter den grünen Vorhang werfen konnte, der das Vorderhaus vom Dienstbotentrakt trennte. Ich dürfe dort stehen bleiben und auf sie warten, sagte sie, wenn ich ganz brav und leise wäre. Ich sollte nur in jedem Fall hinter dem Vorhang bleiben, denn wenn der Colonel oder die gnädige Frau mich entdeckten, würde es gewaltigen Ärger geben.

Für gewöhnlich war ich ein folgsames Kind. Doch gleich hinter dem Vorhang trafen zwei marmorgeflieste Korridore aufeinander, in denen sich die herrlichsten Dinge befanden, und als das Stubenmädchen erst einmal in die eine Richtung verschwunden war, machte ich ein paar wagemutige Schritte in die andere. Sofort wurde ich von einer unglaublichen Erregung ergriffen. Damit meine ich nicht nur den Nervenkitzel, etwas Verbotenes zu tun, sondern eine Erregung, die das Haus selbst hervorrief und die von jeder einzelnen Oberfläche auszugehen schien: vom blankpolierten Boden, von der Patina auf dem Holz der Stühle und Schränke, vom Schliff eines Spiegels oder der schneckenförmigen Verzierung eines Bilderrahmens. Ich fühlte mich magisch angezogen von einer der makellos weißen Wände, die ein Stuckfries zierte, ein Relief aus Eicheln und Blättern. Etwas Derartiges hatte ich bisher nur in der Kirche gesehen, und nachdem ich die Verzierung einen Moment betrachtet hatte, tat ich etwas aus heutiger Sicht ganz Unverzeihliches: Ich packte eine der Eicheln und versuchte sie aus ihrer Umgebung zu lösen, und als mir das mit den bloßen Fingern nicht gelang, zog ich mein Taschenmesser hervor und stemmte es in den Stuck. Das tat ich keineswegs aus Zerstörungswut; ich war weder ein boshaftes noch zerstörerisch veranlagtes Kind. Es war vielmehr so, dass ich aus bloßer Bewunderung für das Haus unbedingt ein Stück davon besitzen wollte – oder besser gesagt: Die große Bewunderung, die ich für das Haus empfand und die ein durchschnittlich veranlagtes Kind wahrscheinlich gar nicht in dem Maße empfunden hätte, schien mir überhaupt erst das Recht zu dieser Tat zu verleihen. Ich wollte mir einen Teil der Schönheit sichern, gerade so, wie ein Mann sich eine Locke von dem Haar des Mädchens bewahren möchte, in das er sich unsterblich verliebt hat.

Ich fürchte, die Eichel gab meinen Bemühungen schließlich nach – allerdings weniger akkurat, als ich es erwartet hatte, und als sie sich mit einer unschönen Bruchkante aus der Wand löste, bröselten feinkörniger Sand und weißer Staub zu Boden. Ich weiß noch, dass ich darüber ziemlich enttäuscht war; ich hatte wohl angenommen, dass sie aus Marmor sei.

Doch niemand kam; niemand ertappte mich bei meiner Tat. Es war, wie es so schön heißt, das Werk eines Augenblicks. Ich stopfte die Eichel in meine Hosentasche und schlüpfte wieder hinter den Vorhang. Kurz darauf kehrte das Stubenmädchen zurück und nahm mich wieder mit nach unten; meine Mutter und ich verabschiedeten uns vom Küchenpersonal und gingen zurück zu meinem Vater in den Garten. Ich konnte das harte Gipsstück in meiner Tasche spüren und empfand eine Mischung aus Übelkeit und Erregung. Plötzlich bekam ich es mit der Angst zu tun, dass Colonel Ayres, ein furchteinflößender Mann, den Schaden entdecken und die Feierlichkeiten beenden würde. Doch der Nachmittag ging ohne besondere Vorkommnisse dahin, bis die bläuliche Abenddämmerung sich herabsenkte. Meine Eltern und ich traten gemeinsam mit etlichen anderen Leuten aus Lidcote den langen Heimweg durch die Felder an, begleitet nur von den Fledermäusen, die wie an unsichtbaren Fädchen an uns vorüberhuschten.

Natürlich entdeckte meine Mutter die Eichel irgendwann. Ich hatte sie immer wieder aus der Tasche gezogen und zurückgesteckt, und sie hatte eine Kreidespur auf dem grauen Flanellstoff meiner kurzen Hosen hinterlassen. Als meine Mutter endlich begriff, worum es sich bei dem merkwürdigen Ding in ihrer Hand handelte, wäre sie fast in Tränen ausgebrochen. Doch sie gab mir weder eine Ohrfeige noch erzählte sie meinem Vater von dem Vorfall; für solche Auseinandersetzungen fehlte ihr immer der Mut. Stattdessen schaute sie mich bloß vorwurfsvoll mit Tränen in den Augen an, als schäme sie sich meiner.

»Ein gescheiter Bursche wie du sollte es doch eigentlich besser wissen«, hat sie vermutlich gesagt.

Solche Bemerkungen musste ich mir als Kind ständig von den Erwachsenen anhören. Meine Eltern, meine Onkel, die Lehrer – jeder Erwachsene, der sich für mein Fortkommen in der Welt interessierte, gebrauchte diese oder ähnliche Formulierungen, und sie versetzten mich jedes Mal in hilflose, stille Wut, denn einerseits wollte ich unbedingt meinem Ruf gerecht werden, ein gescheiter Junge zu sein, auf der anderen Seite aber kam es mir sehr ungerecht vor, dass diese Intelligenz, um die ich nie gebeten hatte, plötzlich dazu verwendet wurde, mich abzukanzeln.

Die Eichel wurde in den Ofen geworfen. Ich fand die verkohlten Reste am nächsten Tag in der Asche wieder. Doch jenes Jahr dürfte ohnehin das letzte große in der Geschichte von Hundreds Hall gewesen sein. Die Feierlichkeiten zum nächsten Empire Day wurden von einer anderen Familie in einem der benachbarten Herrenhäuser ausgerichtet; auf Hundreds Hall hatte ein stetiger Niedergang begonnen. Wenig später starb die Tochter der Ayres, und Mrs. Ayres und der Colonel zogen sich aus der Öffentlichkeit zurück. Ich kann mich noch dunkel an die Geburten der beiden folgenden Kinder erinnern, Caroline und Roderick, doch da war ich schon auf dem Leamington College und hatte genug mit meinen eigenen Sorgen zu tun. Meine Mutter starb, als ich fünfzehn war. Wie sich herausstellte, hatte sie während meiner Kindheit eine Fehlgeburt nach der anderen erlitten, und an der letzten war sie dann gestorben. Mein Vater lebte gerade noch so lange, dass er den Abschluss meines Medizinstudiums und meine Approbation mitbekam. Colonel Ayres starb ein paar Jahre später, an einem Aneurysma, glaube ich.

Nach dem Tod des Colonels verschwand Hundreds Hall noch weiter aus dem öffentlichen Leben. Die Tore zum Park blieben fast ständig verschlossen. Die massive Steinmauer, die den Park umgab, war zwar nicht besonders hoch, aber doch hoch genug, um abschreckend zu wirken. Und obwohl das Gebäude so groß war, konnte man es von keiner der umliegenden Landstraßen aus sehen. Manchmal, wenn ich auf dem Weg zu meinen Hausbesuchen an der Mauer des Parks vorüberkam, dachte ich an das Herrenhaus, das irgendwo dort drinnen versteckt lag – und dann stellte ich es mir immer so vor, wie es mir an jenem Tag im Jahre 1919 erschienen war, mit den schönen Backsteinfassaden und den kühlen Marmorfluren, in denen sich die wunderbarsten Dinge befanden.

Als ich das Haus dann wiedersah – beinahe dreißig Jahre nach meinem ersten Besuch dort und kurz nach dem Ende eines weiteren Krieges –, war ich daher entsetzt, wie sehr es sich verändert hatte. Der pure Zufall hatte mich dorthin geführt, denn eigentlich waren die Ayres als Patienten bei meinem Praxiskollegen David Graham registriert. Dieser war jedoch zu einem Notfall gerufen worden, und so sprang ich für ihn ein, als die Familie nach einem Arzt schickte. Kaum war ich in den Park gefahren, wurde mir das Herz schwer. Ich konnte mich noch gut an die lange Zufahrt zum Haus erinnern, die zwischen ordentlich gestutzten Rhododendren und Lorbeerbäumen entlangführte, doch inzwischen war der Park so zugewuchert und vernachlässigt, dass mein kleines Auto sich den Weg regelrecht freikämpfen musste. Als ich endlich Sträucher und Büsche hinter mir gelassen hatte, gelangte ich auf einen Platz, der mit grobem Schotter bestreut war, und hatte freien Blick auf das Haus. Ich trat auf die Bremse und starrte das Gebäude mit ungläubigem Entsetzen an. Das Haus war kleiner als in meiner Erinnerung – nicht ganz so hochherrschaftlich, wie ich es immer vor mir gesehen hatte, doch damit hatte ich schon gerechnet. Was mich allerdings entsetzte, waren die allgegenwärtigen Spuren des Verfalls. Teile der ehemals so pittoresk verwitterten Einfassungen schienen ganz herabgefallen zu sein, so dass die unbestimmten georgianischen Konturen noch zaghafter wirkten als früher. Efeu hatte sich ausgebreitet, war dann stellenweise abgestorben und hing nun wie verfilzte Rattenschwänze von der Fassade herab. Die Treppenstufen, die zum breiten Vordereingang hinaufführten, zeigten Risse, durch die üppiges Unkraut wucherte.

Ich parkte mein Auto, stieg aus und traute mich kaum, die Tür zuzuschlagen. Das Haus kam mir trotz seiner massiven Bauweise plötzlich bedenklich instabil vor. Niemand schien mein Kommen gehört zu haben, deshalb schritt ich nach kurzem Zögern über den knirschenden Schotter und stieg vorsichtig die gesprungenen Steinstufen empor. Es war ein heißer, windstiller Sommertag – die Luft so reglos, dass ich beim Ziehen des alten Klingelzugs aus angelaufenem Messing und Elfenbein das Läuten im Haus hören konnte, laut und deutlich, aber dennoch in der Ferne, als käme es tief aus dem Bauch des Hauses. Kaum hatte ich geklingelt, ertönte schwach das barsche Bellen eines Hundes.

Das Gebell wurde rasch unterbunden, und einige Zeit herrschte Stille. Dann hörte ich, irgendwo zu meiner Rechten, ungleichmäßige, schlurfende Schritte näherkommen, und gleich darauf bog der Sohn des Hauses, Roderick, um die Ecke. Er musterte mich mit misstrauischem Blick, bis er die Tasche in meiner Hand sah. Dann nahm er eine ziemlich unförmige Zigarette aus dem Mund und rief: »Sie müssen der Arzt sein. Eigentlich hatten wir mit Doktor Graham gerechnet.«

Er klang zwar einigermaßen freundlich, seine Stimme hatte jedoch einen trägen Unterton, als sei er schon jetzt von meinem Anblick gelangweilt. Ich trat auf ihn zu, stellte mich als Grahams Praxiskollege vor und erzählte ihm von dem Notfall. Er antwortete mit farbloser Höflichkeit: »Nett von Ihnen, dass Sie den ganzen Weg hier rausgekommen sind. Und das an einem Sonntag, noch dazu an einem so widerlich heißen. Kommen Sie hier lang, das ist schneller als der Weg durchs Haus. Ich bin übrigens Roderick Ayres.«

Tatsächlich waren wir einander schon bei mehr als einer Gelegenheit begegnet, aber das hatte er offenbar vergessen. Er reichte mir im Weitergehen die Hand zu einer flüchtigen Begrüßung. Seine Finger fühlten sich seltsam an, an manchen Stellen rau wie die Haut eines Krokodils, an anderen wieder merkwürdig weich. Ich hatte gehört, dass seine Hände bei einem Kriegseinsatz Brandverletzungen davongetragen hatten, ebenso wie ein Teil seines Gesichts. Von den Narben abgesehen, war er ein recht attraktiver Mann; größer als ich, wirkte er mit seinen vierundzwanzig Jahren immer noch jungenhaft und schlank. Er war auch wie ein Junge gekleidet, trug ein Hemd mit offenem Kragen, Sommerhosen und fleckige Baumwollschuhe. Er ging ohne Eile und mit einem merklichen Hinken.

Im Gehen sagte er: »Sie wissen vermutlich, warum Sie hergerufen wurden?«

»Man sagte mir, eines Ihrer Dienstmädchen sei krank«, erwiderte ich.

»Eines unserer Dienstmädchen! Das ist gut! Es gibt nämlich nur noch das eine: unsere Betty. Scheint Probleme mit dem Magen zu haben.« Sein Gesichtsausdruck ließ erkennen, dass er gewisse Zweifel hegte. »Keine Ahnung. Meine Mutter, meine Schwester und ich kommen gewöhnlich ohne Ärzte aus. Wir kurieren unsere Erkältungen und Kopfschmerzen allein aus. Aber heutzutage kommt es ja schon einem Kapitalverbrechen gleich, wenn man seine Dienstboten vernachlässigt. Anscheinend soll ihnen eine bessere Behandlung zuteilwerden als uns. Also dachten wir uns, dass wir lieber mal nach jemandem schicken. Vorsicht, da vorn müssen Sie aufpassen, wo Sie hintreten.«

Er hatte mich über eine Kiesterrasse geführt, die sich entlang der gesamten Nordseite des Hauses erstreckte; nun deutete er auf eine Stelle, an der die Terrasse abgesunken war und ein paar tückische Mulden und Risse aufwies. Ich suchte mir einen Weg außen herum, froh über die Gelegenheit, auch diese Seite des Hauses einmal zu sehen. Doch wieder war ich bestürzt, wie sehr man Haus und Garten hatte verwahrlosen lassen. Der Garten war ein einziges Durcheinander aus Nesseln und Winden. Es roch schwach, aber unverkennbar nach verstopften Abflussrohren. Die Fenster, an denen wir vorüberkamen, waren staubig und mit Schlieren überzogen; alle waren geschlossen, die meisten zusätzlich von Fensterläden verdeckt. Einzig oberhalb einer freitragenden, von einer Winde überwucherten Treppe standen ein paar Glastüren offen. Dahinter erhaschte ich einen Blick auf ein großes, unordentliches Zimmer, einen Schreibtisch, auf dem sich Papiere türmten, und ein Stück Brokatvorhang. Mehr konnte ich im Vorbeigehen nicht erkennen. Wir gelangten zu einem schmalen Dienstboteneingang, und Roderick ließ mich eintreten.

»Gehen Sie einfach durch«, forderte er mich auf und winkte mich mit seiner vernarbten Hand weiter. »Meine Schwester ist unten. Sie wird Sie zu Betty bringen und Ihnen alles Weitere erklären.«

Erst später, als ich mich wieder an sein verletztes Bein erinnerte, kam mir in den Sinn, dass er mir wahrscheinlich ersparen wollte, ihm bei seinem mühsamen Kampf mit der Treppe zuzusehen. Aber in dem Moment selbst empfand ich sein Verhalten als ziemlich gleichgültig und ging ohne ein Wort zu sagen an ihm vorbei. Kurz darauf hörte ich ihn mit seinen Gummisohlen leise über den Kies davonknirschen.

Auch ich setzte meine Schritte möglichst lautlos. Mir war plötzlich bewusst geworden, dass es sich bei dem schmalen Eingang um dieselbe Tür handelte, durch die meine Mutter mich vor so vielen Jahren gewissermaßen ins Haus geschmuggelt hatte. Ich konnte mich noch an die kahle Steintreppe erinnern, die hinter der Tür lag, und als ich den Stufen nach unten folgte, fand ich mich in dem düsteren Gewölbegang wieder, der mich damals so beeindruckt hatte. Doch auch hier erwartete mich wieder eine Enttäuschung. Ich hatte diesen Korridor als eine Art Krypta oder Verlies in Erinnerung; tatsächlich waren seine Wände aber in dem glänzenden, undefinierbaren Beigegrün gestrichen, das man auf Polizei- oder Feuerwachen findet; die steinernen Bodenplatten waren mit Kokosmatten bedeckt, und in einem Putzeimer wartete ein Mopp missmutig auf seinen nächsten Einsatz. Niemand kam, um mich zu begrüßen, aber zu meiner Rechten stand eine Tür halb offen. Vorsichtig trat ich näher und konnte einen Blick in die Küche werfen. Wieder ein Reinfall: Ich sah einen großen, ausgestorbenen Raum mit viktorianischen Theken und blankgescheuerten Arbeitsflächen, die an ein Leichenschauhaus erinnerten. Nur der alte Bohlentisch – ebenjener Tisch, wie mir schien, an dem ich damals Geleespeisen und Pudding gegessen hatte – rief noch die gespannte Aufregung jenes ersten Besuchs ins Gedächtnis. Dieser Tisch war auch das einzige Möbelstück im Raum, das eine Spur von Leben und Aktivität zeigte, denn darauf lagen ein Häufchen lehmiges Gemüse sowie eine Schüssel mit Wasser und ein Messer – das Wasser schmutzig verfärbt und das Messer noch nass, so als habe irgendjemand vor kurzem angefangen, Gemüse zu putzen, und sei dann weggerufen worden.

Ich trat zurück in den Korridor; dabei muss wohl mein Schuh geknarrt oder über die Kokosmatten gescharrt haben, denn wieder erklang das barsche, aufgeregte Hundegebell – diesmal beunruhigend nah –, und gleich darauf kam von irgendwoher ein älterer schwarzer Labrador in den Korridor und stürmte auf mich zu. Ich blieb reglos mit erhobener Tasche stehen, während er mich bellend umtänzelte, und gleich darauf tauchte eine junge Frau hinter ihm auf und sagte mit freundlich mahnender Stimme: »Schon gut, du dummes Vieh, das reicht jetzt! Gyp! Genug! – Entschuldigen Sie bitte, das tut mir wirklich leid.« Sie kam näher, und ich erkannte in ihr Rodericks Schwester, Caroline. »Ich kann es nicht ausstehen, wenn Hunde einen anspringen, und das weiß er auch ganz genau. Gyp!« Sie beugte sich vor, um ihm mit dem Handrücken einen Klaps auf das Hinterteil zu geben, und da hielt er Ruhe.

»Du kleines Dummerchen«, sagte sie und zog ihn spielerisch an den Ohren. »Eigentlich ist es ja rührend von ihm. Er denkt eben, jeder Fremde, der hierher kommt, will uns die Kehle durchschneiden und sich mit dem Familiensilber aus dem Staub machen. Und wir bringen’s nicht übers Herz, ihm zu sagen, dass das Silber längst versetzt ist. Ich dachte eigentlich, Dr. Graham würde kommen. Sie sind sicher Dr. Faraday. Wir sind einander noch gar nicht richtig vorgestellt worden, nicht wahr?«

Sie lächelte, während sie sprach, und reichte mir die Hand. Ihr Händedruck war fester und aufrichtiger als der ihres Bruders.

Ich hatte sie bisher immer nur von weitem gesehen, bei irgendwelchen offiziellen Veranstaltungen oder auf den Straßen von Warwick und Leamington. Sie war älter als Roderick, sechsundzwanzig oder siebenundzwanzig, und ich hatte schon öfter gehört, wie man sie als »tüchtiges Mädel«, als »geborene alte Jungfer« oder als »gescheit« bezeichnete – mit anderen Worten, sie war bemerkenswert unattraktiv. Für eine Frau war sie sehr groß und hatte ziemlich kräftige Beine und Fesseln. Ihr Haar war von einem blassen, typisch englischen Braun und hätte, bei entsprechender Pflege, durchaus hübsch aussehen können, aber ich hatte es noch nie ordentlich frisiert gesehen, und auch jetzt fiel es ihr trocken und glanzlos über die Schulter, als habe sie es mit Kernseife gewaschen und dann vergessen, es richtig durchzukämmen. Noch dazu verfügte sie über keinerlei Geschmack in Sachen Kleidung. Sie trug jungenhaft flache Sandalen und ein schlecht sitzendes, ausgeblichenes Sommerkleid, das ihren breiten Hüften und ihrer üppigen Oberweite in keiner Weise schmeichelte. Sie hatte haselnussbraune Augen; ihr Gesicht war länglich mit kantiger Kinnpartie, das Profil eher flach und wenig ausgeprägt. Nur ihr Mund war hübsch, dachte ich, überraschend groß, wohlgeformt und lebhaft.

Ich erklärte noch einmal, dass Graham zu einem Notfall gerufen worden sei und ich ihn daher vertreten würde. Genau wie ihr Bruder sagte sie: »Nett von Ihnen, dass Sie den ganzen Weg hier rausgekommen sind. Betty ist noch nicht lange bei uns, noch nicht mal einen Monat. Ihre Familie wohnt auf der anderen Seite von Southam, zu weit weg, als dass wir sie belästigen wollten. Außerdem ist die Mutter, nach allem was ich gehört habe, ein bisschen verlottert. Gestern Abend hat Betty sich zum ersten Mal beklagt, dass ihr der Bauch weh tut, und als es auch heute Morgen nicht besser zu sein schien, dachte ich mir, dass wir lieber auf Nummer sicher gehen sollten. Würden Sie sich das Mädchen mal ansehen? Sie liegt gleich da hinten.«

Sie wandte sich um und schritt mit ihren muskulösen Beinen voran, der Hund und ich folgten ihr. Das Zimmer, in das sie mich führte, lag am Ende des Korridors und hatte vermutlich früher einmal der Haushälterin als Wohnstube gedient. Es war kleiner als die Küche, doch genau wie das übrige Untergeschoss hatte es einen Steinfußboden, hohe, kümmerlich schmale Fenster und den gleichen tristen, anstaltsartigen Zweckanstrich. Es gab einen schmalen, sauber gekehrten Kamin, einen ausgeblichenen Lehnstuhl, einen Tisch und ein Bett mit Metallgestell – von der Art, die man, wenn es nicht gebraucht wird, zusammenklappen und hochkant in einem Schrank verstauen kann. Unter der Bettdecke lag, gekleidet in einen Unterrock oder ein ärmelloses Nachthemd, eine Gestalt, die so klein und zierlich war, dass ich sie zuerst für ein Kind hielt. Erst bei näherem Hinsehen erkannte ich, dass es sich um ein minderwüchsiges junges Mädchen handelte. Als sie mich in der Tür stehen sah, machte sie einen Versuch, sich aufzurichten, ließ sich dann aber auf pathetische Weise in ihr Kissen zurücksinken, als ich näherkam. Ich setzte mich neben sie auf die Bettkante und sagte: »Du heißt Betty, nicht wahr? Ich bin Dr. Faraday. Miss Ayres hat mir erzählt, dass du Bauchschmerzen hattest. Wie geht es dir jetzt?«

Mit ausgeprägt derbem, ländlichem Akzent erwiderte sie: »Oh bitte, Herr Doktor, mir geht’s ganz furchtbar schlecht.«

»Musstest du dich übergeben?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Irgendwelche Anzeichen von Diarrhö? Du weißt doch, was das ist?«

Sie nickte, doch dann schüttelte sie wieder den Kopf.

Ich klappte meine Tasche auf. »Na schön, dann wollen wir mal nachschauen.«

Sie öffnete ihre kindlichen Lippen gerade so weit, dass ich ihr die Spitze des Thermometers unter die Zunge schieben konnte, und als ich den Halsausschnitt ihres Nachthemds herunterschob und ihr das kühle Stethoskop auf die Brust setzte, zuckte sie zusammen und stöhnte auf. Da sie hier aus der Gegend kam, hatte ich sie wahrscheinlich schon einmal gesehen, und sei es nur, um ihr eine Schulimpfung zu geben, doch ich konnte mich nicht mehr daran erinnern. Sie war ein wenig einprägsames Mädchen. Ihr farbloses Haar war stumpf geschnitten und wurde seitlich von einer Spange aus der Stirn gehalten. Ihr Gesicht war breit, die weit auseinanderliegenden Augen waren grau und hatten wenig Tiefe, wie es bei hellen Augen oft der Fall ist. Ihre Wangen waren blass und erröteten nur leicht in einem Anflug von Verlegenheit, als ich ihr Nachthemd hinaufschob, um ihren Bauch zu untersuchen, und dabei ihre schäbigen Flanellunterhosen sichtbar wurden.

Kaum hatte ich die Finger leicht oberhalb ihres Nabels aufgelegt, keuchte sie und schrie auf, ja kreischte beinahe. Ich sagte beruhigend: »Ist ja schon gut. Wo tut es denn am meisten weh? Hier?«

»Ach! Überall!«, stieß sie hervor.

»Ist der Schmerz eher stechend, wie ein Messerschnitt? Oder ist es eher ein dumpfer Schmerz? Oder ein Brennen?«

»Ein dumpfer Schmerz«, jammerte sie. »Aber mit Stichen drin. Und brennen tut es auch! Ah!« Wieder schrie sie auf, wobei sie endlich den Mund weit genug öffnete und dabei eine gesund aussehende Zunge und Kehle und eine Reihe kleiner schiefer Zähne enthüllte.

»Schon gut!«, sagte ich noch einmal und zog ihr Nachthemd wieder herunter. Nach einer kurzen Besinnungszeit wandte ich mich an Caroline, die mit dem Labrador im Türrahmen stand und besorgt zusah, und bat: »Könnten Sie mich bitte einen Augenblick mit Betty allein lassen, Miss Ayres?«

Angesichts meines ernst klingenden Tonfalls runzelte sie die Stirn. »Ja, natürlich.«

Sie gab dem Hund ein Zeichen und zog ihn hinaus in den Korridor. Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, räumte ich Stethoskop und Thermometer in meine Tasche und ließ sie mit einem Knall zuschnappen. Ich blickte in das blasse Mädchengesicht und sagte: »Also, Betty. Nun bin ich in einer heiklen Lage. Denn da draußen wartet Miss Ayres, die alles Erdenkliche in die Wege geleitet hat, damit es dir besser geht, und hier sitze ich und weiß ganz genau, dass ich überhaupt nichts für dich tun kann.«

Sie starrte mich an. Ich wurde noch deutlicher: »Ja glaubst du denn, ich hätte an meinem freien Tag nichts Besseres zu tun, als von Lidcote die fünf Meilen hier heraus zu fahren und mich um unartige kleine Mädchen zu kümmern? Ehrlich gesagt würde ich dich am liebsten nach Leamington überweisen, damit sie dir da den Blinddarm rausnehmen! Dir fehlt überhaupt nichts!«

Ihr Gesicht lief knallrot an. »Oh doch, Herr Doktor. Mir geht’s wirklich schlecht!«

»Du bist eine gute Schauspielerin, das muss ich dir lassen. Das ganze Geschrei und Gejammer. Aber wenn ich Schauspieler sehen will, gehe ich lieber ins Theater. Was glaubst du denn, wer mich jetzt bezahlt? Mein Stundenlohn ist nicht gerade niedrig!«

Das Thema Geld jagte ihr Angst ein. Mit aufrichtiger Verzweiflung sagte sie: »Mir geht’s wirklich schlecht! Wirklich! Mir is letzte Nacht ganz schlecht gewesen. Ganz furchtbar übel. Und da hab ich gedacht …«

»Was? Dass du gerne einen Tag im Bett verbringen würdest?«

»Nein! Sie sind ungerecht! Ich hab mich wirklich krank gefühlt. Und da hab ich halt gedacht …« Ihre Stimme klang nun belegt, und die grauen Augen füllten sich mit Tränen. »Ich hab gedacht«, wiederholte sie mit zitternder Stimme, »dass wenn’s mir doch so schlecht geht – dass ich dann vielleicht ein bisschen nach Hause gehen könnt’. Nur so lange, bis es mir wieder besser geht.«

Sie wandte das Gesicht ab und blinzelte. Die Tränen traten ihr aus den Augen und liefen in zwei Rinnsalen über die Kleinmädchenwangen. Ich sagte: »Darum geht es also? Du möchtest nach Hause? Ist das der Grund?«, woraufhin sie die Hände vors Gesicht schlug und richtig losweinte.

Als Arzt sieht man häufig Tränenausbrüche, manche sind ergreifender als andere. Zu Hause wartete wirklich ein Berg von Arbeit auf mich, und ich war ganz und gar nicht begeistert, dass man mich ohne gewichtigen Grund von dort weggeholt hatte. Doch das Mädchen wirkte so jung und Mitleid erregend, dass ich wartete, bis sie sich ausgeweint hatte. Dann legte ich ihr die Hand auf die Schulter und sagte mit fester Stimme: »So, nun ist es aber genug. Jetzt erzähl mir, was wirklich los ist. Gefällt es dir hier nicht?«

Sie beförderte ein schlaffes Taschentuch unter ihrem Kopfkissen hervor und schnäuzte sich.

»Nein, es gefällt mir nicht.«

»Warum nicht? Ist die Arbeit zu schwer?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Die Arbeit is ganz in Ordnung.«

»Aber du musst doch sicherlich nicht alles allein machen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Da is noch Mrs. Bazeley. Die kommt jeden Tag bis drei Uhr; jeden Tag außer Sonntag. Sie macht die Wäsche und kocht, und ich mach den Rest. Dann kommt ab und zu noch ein Mann für den Garten. Miss Caroline macht auch was …«

»Das klingt doch gar nicht so schlimm.«

Sie antwortete nicht. Deshalb drang ich weiter in sie: Vermisste sie ihre Eltern? – Bei dieser Frage verzog sie das Gesicht. Gab es vielleicht einen Freund, den sie vermisste? Da verzog sie das Gesicht noch mehr.

Ich nahm meine Tasche. »Also, wenn du mir nichts erzählen willst, dann kann ich dir auch nicht helfen.«

Als sie merkte, dass ich gehen wollte, sagte sie endlich etwas. »Es is bloß dieses Haus!«

»Dieses Haus? Was ist denn damit?«

»Ach, Herr Doktor. Es is gar nich wie in ’nem normalen Haus. Es is viel zu groß. Man muss kilometerweit laufen, um irgendwohin zu kommen, und es is so still hier, dass man das Gruseln kriegt. Tagsüber, wenn ich arbeite und wenn Mrs. Bazeley hier is, dann geht’s ja noch. Aber nachts bin ich ganz allein hier unten. Kein einziges Geräusch um mich rum! Ich krieg furchtbare Alpträume … Und das wär ja alles nich so schlimm, aber ich soll immer diese alte Hintertreppe nehmen, wenn ich rauf- und runtergehe. Da gibt’s so viele dunkle Ecken, und man weiß nie, was dahinter ist. Manchmal glaub ich, dass ich eines Tages noch vor Angst sterben werd!«

Ich sagte: »Vor Angst sterben? In diesem herrlichen Haus? Du kannst dich glücklich schätzen, dass du hier wohnen darfst! Sieh es doch mal so!«

»Glücklich schätzen?«, wiederholte sie ungläubig. »Alle meine Freundinnen meinen, dass es bescheuert von mir war, in Stellung zu gehen. Zu Hause lachen sie mich aus deswegen! Ich seh nie jemanden, treff nie jemanden! Ausgehen kann ich auch nich. Meine Cousinen, die haben alle eine Arbeit in der Fabrik. Und ich hätt auch dort arbeiten können, bloß mein Vater wollt mich nich lassen. Er will das nich. Er meint immer, dass die Mädchen aus den Fabriken zu übermütig werden. Er sagt, dass ich erst mal ’n Jahr hier arbeiten soll – und Hauswirtschaft lernen und wie man sich gut benimmt! Ein Jahr! Da bin ich doch längst vor Angst gestorben, das weiß ich genau! Entweder vor Angst oder vor Scham! Sie sollten mal sehen, was ich hier anziehen muss – so ’n scheußliches altmodisches Kleid mit ’ner Haube! Ach, Herr Doktor, das is so ungerecht!«

Sie hatte ihr Taschentuch zu einem nassen Ball geformt und warf ihn zu Boden, während sie sprach.

Ich bückte mich und hob ihn wieder auf. »Meine Güte, was für ein Aufstand … Ein Jahr geht ganz schnell vorüber, du wirst sehen. Wenn du älter bist, wirst du darüber lachen!«

»Aber jetzt bin ich nich alt!«

»Wie alt bist du denn?«

»Vierzehn. Aber ich könnt genauso gut neunzig sein, so öd is es hier!«

Ich lachte. »Sei nicht albern. Also, was sollen wir jetzt machen? Irgendwie muss ich mir ja auch mein Honorar verdienen. Möchtest du, dass ich mal mit den Ayres rede? Sie wollen bestimmt nicht, dass du unglücklich bist …«

»Ach, die wollen doch bloß, dass ich meine Arbeit mach.«

»Und wie wäre es, wenn ich mal mit deinen Eltern spreche?«

»Soll das ’n Witz sein? Meine Mutter treibt sich die meiste Zeit mit irgendwelchen Typen rum, der is doch ganz egal, wo ich bin. Und mit meinem Dad is auch nichts anzufangen. Der schreit den ganzen Tag rum. Den ganzen Tag lang ein einziges Geschrei und Gezanke. Und dann dreht er sich rum und nimmt meine Mutter wieder zurück, als wär nichts passiert, jedes Mal. Er hat mich doch bloß in Stellung geschickt, damit ich nich so werd’ wie sie.«

»Aber wieso um alles in der Welt willst du dann wieder nach Hause zurück? Es klingt mir doch ganz so, als ob du es hier besser hättest.«

»Ich will auch nich nach Hause!«, rief sie. »Ich will bloß … Ach, ich hab einfach die Nase voll von allem!«

Ihr Gesicht hatte sich verdüstert. In ihrer Verdrossenheit und Wut erinnerte sie plötzlich weniger an ein Kind als vielmehr an ein junges, nicht ganz ungefährliches Tier. Doch als sie merkte, dass ich sie beobachtete, verschwand der Anflug von Reizbarkeit, und ihr Selbstmitleid gewann wieder die Oberhand; sie seufzte unglücklich und schloss die geschwollenen Lider. Einen Moment lang saßen wir schweigend da, und ich blickte mich in dem tristen, beinahe unterirdisch erscheinenden Raum um. Die Stille war so absolut, dass sie fast schon erdrückend wirkte, in dieser Hinsicht zumindest hatte Betty recht. Die Luft war kühl, aber merkwürdig schwer; irgendwie war hier unten die Last des darüberliegenden Hauses fühlbar, ja, man spürte sogar das langsame Heranschleichen von Nesseln und Unkraut.

Ich musste an meine Mutter denken. Sie war vermutlich noch jünger als Betty gewesen, als sie ihren Dienst auf Hundreds Hall angetreten hatte.

Ich erhob mich. »Nun, meine Liebe. Ich fürchte, wir alle müssen uns gelegentlich mit Dingen abfinden, die uns nicht gefallen. So ist das Leben, und dagegen gibt es auch kein Medikament. Aber was hältst du von diesem Vorschlag: Du bleibst den Rest des Tages im Bett liegen, und wir betrachten das Ganze einfach als kleinen Erholungsurlaub. Ich erzähle Miss Ayres nichts davon, dass du bloß simuliert hast, und ich schicke dir eine Flasche mit einem Magenmittelchen hierher. Dann kannst du dir die Flasche gründlich anschauen und immer daran denken, wie knapp du einer Blinddarmoperation entgangen bist. Außerdem werde ich Miss Ayres fragen, ob es irgendeine Möglichkeit gibt, wie man das Leben hier draußen für dich ein wenig erfreulicher gestalten kann. Und in der Zwischenzeit gibst du dem Haus und deiner Arbeit hier noch eine zweite Chance. Was meinst du dazu?«

Sie starrte mich einen Moment mit ihren ausdruckslosen grauen Augen an und nickte dann. »Danke, Herr Doktor«, flüsterte sie mit kläglicher Stimme.

Dann ging ich zur Tür, während sie sich im Bett umdrehte und mir ihren weißen Nacken und die schmalen, hervorstehenden Schulterblätter zukehrte.

Als ich aus dem Zimmer trat, war der Korridor leer, doch genau wie vorher fing der Hund an zu bellen, kaum dass die Tür zugeschlagen war. Man hörte das aufgeregte Scharren von Pfoten über den Boden, und er kam aus der Küche geschossen. Doch diesmal war er weniger ungestüm, seine Aufregung legte sich rasch, und schließlich gestattete er mir, ihn zu tätscheln und an den Ohren zu kraulen. Caroline tauchte in der Küchentür auf und wischte sich die Hände auf energische Hausfrauenart an einem Geschirrhandtuch ab. An der Wand hinter ihr befand sich, wie ich bemerkte, immer noch der Kasten mit den Klingeln und Drähten, diese gebieterische kleine Anlage, die dazu diente, das Hauspersonal in den Bereich der Herrschaften im oberen Stock zu rufen.

»Alles in Ordnung?«, erkundigte Caroline sich, während der Hund und ich auf sie zugingen.

Ohne zu zögern erwiderte ich: »Bloß eine leichte Magenverstimmung. Nichts Ernstes, aber es war ganz richtig, dass Sie mich hergerufen haben. Bei Magenproblemen sollte man immer vorsichtig sein, vor allem bei diesem Wetter. Ich schicke Ihnen ein Medikament, und am besten sollte sie sich noch ein, zwei Tage schonen … Aber da ist noch etwas.« Ich stand nun neben ihr und senkte die Stimme. »Ich habe den Eindruck, dass sie ziemlich großes Heimweh hat. Ist Ihnen das noch nicht aufgefallen?«

Sie runzelte die Stirn. »Bis jetzt schien es ihr ganz gut zu gehen. Wahrscheinlich braucht sie bloß ein bisschen Zeit, um sich einzugewöhnen.«

»Und wie ich verstanden habe, schläft sie nachts ganz allein hier unten. Da muss sie sich ziemlich einsam fühlen. Sie hat auch eine Hintertreppe erwähnt und meinte, dass es sie dort gruselt.«

Carolines Miene hellte sich auf, nun wirkte sie beinahe amüsiert. »Ach, daher weht der Wind! Ich hätte eigentlich gedacht, dass sie nichts auf solchen Unfug gibt. Zumindest wirkte sie ganz vernünftig, als sie hierherkam. Aber bei diesen Mädchen vom Lande weiß man ja nie so genau. Entweder sind sie hart im Nehmen und dran gewöhnt, den Hühnern den Hals umzudrehen, oder aber sie kriegen gleich Anfälle, wie dieses Dienstmädchen in Große Erwartungen. Wahrscheinlich hat sie bloß zu viele Gruselfilme gesehen. Auf Hundreds ist es zwar relativ ruhig, aber an unserem Haus ist nun wirklich nichts seltsam oder schauerlich.«

Nach einem Moment des Zögerns sagte ich: »Aber Sie wohnen natürlich auch schon Ihr ganzes Leben lang hier. Fällt Ihnen nicht irgendetwas ein, womit Sie dem Mädchen ein bisschen Mut machen könnten?«

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Soll ich ihr vielleicht Gutenachtgeschichten vorlesen?«

»Sie ist noch sehr jung, Miss Ayres.«

»Also, sie wird von uns hier nicht schlecht behandelt, wenn Sie das meinen. Wir zahlen ihr mehr, als wir uns eigentlich leisten können. Sie bekommt das gleiche Essen wie wir. Wirklich, ihr geht es in vielerlei Hinsicht besser als uns.«

»Ja«, erwiderte ich. »Ihr Bruder hat auch schon etwas in der Art gesagt.«

Ich sprach mit kühler Stimme, und sie errötete, was ihr nicht besonders gut stand; die Röte begann an ihrem Hals und verteilte sich dann fleckig auf ihren trockenen Wangen. Sie wandte den Blick ab, als fiele es ihr schwer, Geduld zu bewahren. Als sie wieder zu sprechen begann, klang ihre Stimme jedoch etwas freundlicher.

»Um ehrlich zu sein, würden wir sogar eine ganze Menge tun, damit sich Betty wohl fühlt«, sagte sie. »Wir können es uns nämlich gar nicht leisten, sie zu verlieren. Unsere Zugehfrau tut, was sie kann, aber in diesem Haus braucht man mehr als nur einen Dienstboten, und wir haben in den letzten Jahren feststellen müssen, dass es nahezu unmöglich ist, Dienstmädchen zu finden. Wir wohnen einfach zu weit draußen, zu weit entfernt von den Busstrecken und so weiter. Unser letztes Mädchen ist genau drei Tage geblieben. Das war im Januar. Bis Betty hier anfing, habe ich den Großteil der Arbeit allein erledigt … Aber ich bin froh, dass nichts Schlimmes mit ihr ist. Ganz ehrlich.«

Die Röte verschwand allmählich aus ihrem Gesicht, doch ihre Mundwinkel zeigten nach unten und sie wirkte müde. Ich blickte über ihre Schulter zum Küchentisch und sah das Gemüse, das nun gewaschen und geschält dort lag. Dann betrachtete ich ihre Hände und bemerkte zum ersten Mal, wie abgearbeitet sie waren, die kurzen Nägel eingerissen und die Fingerknöchel gerötet. Eine Schande, wie ich fand, denn es waren eigentlich recht hübsche Hände.

Sie musste meinem Blick gefolgt sein. Sie wandte sich von mir ab, als sei sie verlegen, knüllte das Geschirrtuch zu einem Ball und warf es zielsicher in die Küche, wo es auf dem Tisch neben dem erdbeschmierten Tablett landete. »Ich begleite Sie wieder nach oben«, sagte sie, und es schien mir, als wolle sie meinen Besuch nun schnell zum Ende bringen. Schweigend stiegen wir die Steintreppe hinauf, gefolgt von dem Hund, der sich schnaufend und hechelnd um unsere Füße drängte.

Auf halber Treppe, an der Stelle, wo der Dienstboteneingang zurück auf die Terrasse führte, trafen wir auf Roderick, der gerade hereinkam.

»Mutter sucht dich, Caroline«, sagte er. »Sie hat schon gefragt, wo der Tee bleibt.« Er nickte mir knapp zu. »Hallo, Faraday. Sind Sie schon zu einer Diagnose gekommen?«

Dieses herablassende »Faraday« ärgerte mich ein bisschen, immerhin war er vierundzwanzig und ich beinahe vierzig; doch ehe ich etwas erwidern konnte, hängte sich Caroline bei ihm ein.

»Dr. Faraday hält uns für Unmenschen!«, sagte sie mit klimpernden Augenlidern. »Er hat die Befürchtung, wir würden Betty durch die Kaminschächte jagen – oder ihr andere schreckliche Dinge zumuten.«

Er grinste schwach. »Gar keine schlechte Idee, oder?«

Ich sagte: »Betty geht es gut. Eine leichte Magenverstimmung.«

»Nichts Ansteckendes?«

»Gewiss nicht.«

»Aber wir sollen ihr das Frühstück ans Bett bringen«, fuhr Caroline fort, »und sie auch sonst den ganzen Tag über verwöhnen. Ein Glück, dass ich mich in der Küche so gut auskenne! Da fällt mir ein …« Erst jetzt blickte sie mir wieder richtig ins Gesicht. »Gehen Sie noch nicht, Herr Doktor. Zumindest nicht, wenn Sie nicht unbedingt müssen. Bleiben Sie doch noch zum Tee!«

»Ja, tun Sie das!«, meinte auch Roderick.

Er klang genauso desinteressiert wie vorher, doch Carolines Einladung schien ehrlich gemeint. Vermutlich wollte sie unsere Unstimmigkeit wegen Betty wiedergutmachen. Da mir ebenfalls an einer versöhnlichen Geste gelegen war – hauptsächlich aber, wie ich zugeben muss, um mehr vom Haus zu sehen –, willigte ich ein. Sie traten beiseite und ließen mich vorangehen. Ich stieg die letzten paar Stufen hinauf, trat in eine kleine, nichtssagende Diele und sah denselben, mit einem grünen Vorhang verhängten Bogen, zu dem mich das nette Zimmermädchen im Jahre 1919 geführt hatte. Roderick folgte langsam die Stufen hinauf, seine Schwester hatte sich immer noch bei ihm eingehakt, doch am Ende der Treppe ließ sie ihn los und zog beiläufig den Vorhang zurück.

Die dahinterliegenden Flure waren schlecht beleuchtet und kamen mir ungewöhnlich kahl vor, doch davon abgesehen war alles genauso, wie ich es in Erinnerung hatte: Das Haus schien sich zu öffnen wie ein Fächer, die Decke wurde höher, statt Steinplatten lag nun Marmor auf dem Boden, und die kahlen glänzenden Wände des Dienstbotentrakts wichen Seidentapeten und Stuckverzierungen. Ich hielt sofort Ausschau nach der Schmuckleiste, von der ich damals die Eichel abgestemmt hatte. Doch als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte ich mit Bestürzung, dass seit meinem letzten Besuch hier genauso gut eine ganze Horde zerstörerischer Schüler hätte am Werk gewesen sein können, denn inzwischen waren ganze Stuckbrocken abgefallen, und das, was von der Leiste noch übrig war, war verfärbt und hatte Risse. Der Rest der Wand sah nicht viel besser aus. Zwar hingen noch einige hübsche Bilder und Spiegel dort, doch zahlreiche dunklere Quadrate und Rechtecke zeigten an, wo offenbar früher einmal Gemälde gehangen hatten. Eine Bahn der Seidenbespannung war eingerissen, und irgendjemand hatte die Stelle zusammengezogen und gestopft wie einen Socken.

Ich wandte mich zu Caroline und Roderick um, in der Erwartung, dass sie verlegen wären oder sich gar irgendwie entschuldigen würden, doch sie führten mich an der beschädigten Stelle vorbei, als kümmere es sie gar nicht. Wir hatten den rechten, vollständig innenliegenden Gang genommen. Er wurde nur von dem Licht erhellt, das aus den Zimmern fiel, die auf seiner einen Seite lagen, doch da die meisten Türen geschlossen waren, lag der Korridor selbst an einem so schönen Sommertag wie diesem großteils im Dunkeln. Der schwarze Labrador ging in der Dunkelheit fast unter und wurde nur in den gelegentlichen Lichtstreifen kurz sichtbar. Der Korridor machte eine weitere Neunzig-Grad-Biegung – diesmal nach links –, und nun stand endlich eine Tür richtig offen und ließ einen Keil aus Sonnenlicht in den Gang. Die Tür führte in das Zimmer, in dem, wie Caroline mir erzählte, die Familie einen Großteil des Tages verbrachte und das schon seit ewigen Zeiten »der kleine Salon« genannt wurde.

Der Ausdruck »klein« war auf Hundreds Hall natürlich relativ zu sehen. Das Zimmer war knapp zehn Meter lang und etwa sechs Meter tief und ziemlich überladen ausgestattet; zahlreiche Stuckdetails zierten Decke und Wände, und ein stattlicher Marmorkamin beherrschte den Raum. Genau wie im Korridor waren jedoch viele der Stuckverzierungen beschädigt, gesprungen oder fehlten ganz. Die aufgewölbten, knarrenden Bodendielen waren mit abgetretenen, teilweise übereinanderliegenden Teppichen bedeckt. Ein Sofa mit durchhängender Sitzfläche verschwand halb unter karierten Wolldecken. Dicht am Kamin standen zwei Ohrensessel aus verschlissenem Samt, neben dem einen befand sich ein viktorianischer Nachttopf mit Blumenmuster, der anscheinend dem Hund als Trinknapf diente.

Und dennoch war der ursprüngliche Charme des Zimmers zu spüren, so wie sich eine gefällige Knochenstruktur hinter einem durch Krankheit gezeichneten Gesicht erahnen lässt. Es duftete nach Sommerblumen: nach Wicken, Reseda und Levkojen. Das weiche, gelbliche Licht schien von den blassen Wänden und der Decke umarmt und festgehalten zu werden.

Eine Terrassentür stand offen, dahinter führte eine weitere freischwebende Steintreppe zur Terrasse und den Rasenflächen auf der Südseite des Hauses hinunter. Auf der obersten Treppenstufe stand Mrs. Ayres, zog sich gerade ihre Gartensandalen aus und schob die bestrumpften Füße in ein Paar Schuhe hinein. Sie trug einen Hut mit breiter Krempe, den sie sich mit einem dünnen Seidenschal unter dem Kinn festgebunden hatte, und als ihre Kinder sie so sahen, lachten sie.

»Du siehst aus wie jemand aus den frühen Tagen des Motorsports, Mutter«, sagte Roderick.

»Ja«, meinte Caroline. »Oder wie ein Imker! Ich wünschte, du wärest einer; das wäre doch schön, wenn wir Honig hätten! Sieh mal, Dr. Faraday ist hier, Dr. Grahams Kollege aus Lidcote. Er hat schon nach Betty gesehen, und ich habe ihm vorgeschlagen, dass er doch zum Tee bleiben soll.«

Mrs. Ayres trat herein, nahm den Hut ab, ließ sich dabei den Seidenschal locker über die Schultern gleiten und streckte mir die Hand entgegen.

»Dr. Faraday, wie schön, dass wir Sie endlich persönlich kennen lernen können. Ich war gerade bei der Gartenarbeit – wenn man bei unserer Wildnis da draußen überhaupt noch von einem Garten reden kann. Ich hoffe also, dass Sie mir diesen sonntäglichen Aufzug verzeihen. Ist es nicht komisch?« Sie wischte sich mit dem Handrücken eine Haarsträhne aus der Stirn. »Als ich klein war, zog man sich sonntags seine besten Kleider an. Man musste mit weißen Spitzenhandschuhen auf dem Sofa sitzen und traute sich kaum, richtig Luft zu holen. Heute dagegen muss man sonntags schuften wie ein Müllmann – und sich auch genauso kleiden.«

Sie lächelte und dabei hoben sich ihre hohen Wangenknochen in dem herzförmigen Gesicht noch weiter und ihre hübschen dunklen Augen nahmen einen schelmischen Ausdruck an. Man hätte sich kaum jemanden vorstellen können, der weniger einem Müllmann glich, dachte ich, denn sie wirkte trotz des abgetragenen Leinenkleides äußerst gepflegt. Das lange Haar hatte sie locker aufgesteckt, so dass ihr anmutig geschwungener Nacken sichtbar wurde. Obwohl sie inzwischen Mitte fünfzig sein musste, hatte sie immer noch eine gute Figur, und ihr Haar war beinahe ebenso dunkel wie an dem Tag, als sie mir die Gedenkmünze zum Empire Day überreicht hatte und noch jünger gewesen sein musste, als ihre Tochter es heute war. Irgendetwas an ihr, vielleicht das Seidentuch oder der Schnitt ihres Kleides oder auch der Schwung ihrer schmalen Hüften, ließ sie wie eine Französin wirken – ganz im Gegensatz zu ihren Kindern, die mit ihren unscheinbar blond-braunen Haaren typisch englisch aussahen. Sie winkte mich zu einem der Sessel neben dem Kamin. Während sie sich selbst auf den anderen setzte, bemerkte ich die Schuhe, die sie sich gerade angezogen hatte. Sie waren aus dunklem Lackleder mit einem cremefarbenen Streifen und von so guter Qualität, dass sie mit Sicherheit noch vor dem Krieg angefertigt worden waren. Genau wie die meisten anderen gut gearbeiteten Damenschuhe wirkten sie in den Augen eines Mannes absurd aufwendig – wie eine zwar hübsch gemachte, aber sinnlose Spielerei – und irgendwie irritierend.

Auf einem Tischchen neben ihrem Sessel lagen einige klobige, altmodische Ringe, die sie sich nun, einen nach dem anderen, auf die Finger schob. Dabei glitt der seidene Schal von ihren Schultern und fiel zu Boden, woraufhin Roderick, der immer noch stand, sich in einer ungelenken Bewegung vorbeugte, um ihn aufzuheben, und ihn ihr wieder um den Hals legte.

»Mit meiner Mutter ist es immer wie bei einer Schnitzeljagd«, sagte er dabei zu mir. »Wo sie geht und steht, hinterlässt sie eine ganze Spur von Dingen.«

Mrs. Ayres rückte den Schal ordentlich zurecht, und ihre Augen nahmen wieder jenen schelmischen Ausdruck an.

»Da sehen Sie, wie meine Kinder mich behandeln, Dr. Faraday. Ich fürchte, eines Tages wird man mich einsam und zu Tode gehungert in meinem Bett auffinden wie eine dieser verwahrlosten alten Frauen.«

»Ach, ich denke schon, dass wir dir ab und zu mal einen Knochen hinwerfen werden, du armes altes Weib!«, meinte Roderick gähnend und ging zum Sofa hinüber. Er ließ sich langsam darauf nieder, und diesmal waren seine Unbeholfenheit und mangelnde Beweglichkeit nicht zu übersehen. Seine Wangen wurden blasser, und ich bemerkte ein leichtes Muskelzucken in seinem Gesicht und begriff endlich, wie sehr ihm sein verletztes Bein immer noch zu schaffen machte, obwohl er sich krampfhaft bemühte, es zu verbergen.

Caroline war den Tee holen gegangen und hatte den Hund mitgenommen. Mrs. Ayres erkundigte sich nach Bettys Befinden und schien sehr erleichtert zu sein, dass es keine ernsthaften Probleme gab.

»Wie lästig für Sie, dass Sie extra so weit hier rausfahren mussten!«, sagte sie. »Sie sind bestimmt sehr viel schwerere Fälle gewöhnt …«

»Ich bin Hausarzt«, erwiderte ich. »Da habe ich überwiegend mit Ausschlägen und Schnittverletzungen an der Hand zu tun, fürchte ich.«

»Jetzt untertreiben Sie aber bestimmt – obwohl ich mir auch nicht vorstellen kann, dass sich die Qualität eines Arztes ausschließlich daran bemessen lässt, wie schwer seine Fälle sind. Eigentlich sollte es doch eher umgekehrt sein.«

Ich lächelte. »Ach, wissen Sie, jeder Arzt hat gern ab und zu mal eine Herausforderung. Während des Krieges habe ich einige Zeit in einem Militärkrankenhaus gearbeitet, in Rugby. Das war schon eine interessante Zeit.« Ich blickte zu ihrem Sohn hinüber, der eine Dose Tabak und ein Päckchen Zigarettenpapier hervorgeholt hatte und sich eine Zigarette drehte. »Zufällig habe ich damals auch ein wenig Erfahrungen mit Muskelbehandlungen gemacht. Elektrotherapie und Ähnliches.«

Er stöhnte auf. »Dazu wollten sie mich nach meinem Absturz auch überreden. Aber ich konnte mir nicht erlauben, so lange vom Anwesen wegzubleiben.«

»Schade.«

Mrs. Ayres sagte: »Roderick war bei der Air Force, wie Sie wahrscheinlich schon wissen, Herr Doktor.«

»Ja. Was haben Sie denn da für Einsätze miterlebt? Muss ziemlich schlimm gewesen sein, oder?«

Er legte den Kopf schief und reckte das Kinn vor, um seine Narben zu zeigen.

»Könnte man meinen, wenn man sich die hier ansieht, nicht wahr? Aber ich habe die meiste Zeit mit Aufklärungsflügen verbracht; von daher kann ich nicht allzu viel Ruhm für mich beanspruchen. Über der Südküste hatte ich schließlich ein bisschen Pech. Doch den anderen Kerl hat es noch viel schlimmer erwischt: ihn und meinen Navigator, den armen Teufel. Ich hab bloß diese hübschen Schönheitsflecken und ein zerschmettertes Knie abbekommen.«

»Das tut mir leid.«

»Ach, wahrscheinlich haben Sie in Ihrem Krankenhaus in Rugby noch viel Schlimmeres gesehen. Aber – verzeihen Sie bitte mein unhöfliches Benehmen – darf ich Ihnen vielleicht auch eine Zigarette anbieten? Ich rauche so viele von den Dingern, dass ich es schon gar nicht mehr merke.«

Die Zigarette, die er sich gedreht hatte, bot einen ziemlich traurigen Anblick – »Sargnagel« hatten wir als Medizinstudenten zu solchen Zigaretten gesagt –, und ich entschied, ihm seinen Tabak lieber zu lassen. Und obwohl ich selbst ein paar anständige Zigaretten in der Tasche hatte, ließ ich sie dort, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen. Daher schüttelte ich nur dankend den Kopf. Ich hatte ohnehin das Gefühl, dass er mir bloß eine Zigarette angeboten hatte, um vom Thema abzulenken.

Vielleicht war seiner Mutter der gleiche Gedanke gekommen. Sie betrachtete ihren Sohn besorgt, wandte sich dann jedoch mir zu und lächelte. »Der Krieg kommt einem inzwischen so weit weg vor, nicht wahr? Und das nach nur zwei Jahren, man glaubt es kaum. Wir hatten übrigens während des Krieges eine Einheit der Armee hier einquartiert. Die haben uns allerlei Merkwürdiges im Park hinterlassen: Stacheldraht, Eisenplatten. Die rosten inzwischen vor sich hin, wie Spuren aus einem früheren Zeitalter! Aber weiß der Himmel, wie lange dieser Frieden noch anhalten wird. Ich verfolge die Nachrichten inzwischen nicht mehr; es ist zu beunruhigend. Die Welt scheint nur noch von Wissenschaftlern und Generälen regiert zu werden, die mit Bomben herumspielen wie eine Horde Schuljungen.«

Roderick zündete ein Streichholz an. »Ach, uns hier auf Hundreds Hall wird schon nichts geschehen!«, murmelte er mit der Zigarette im Mund, während das Papier beängstigend dicht vor seinen vernarbten Lippen aufflammte. »Hier draußen, das ist doch der Inbegriff idyllischen Lebens!«

Während er noch sprach, hörte man Gyps Krallen über den Marmorboden des Flurs klickern wie Perlen auf einem Rechenrahmen, und auch das schlappende Geräusch von Carolines flachen Sandalen kam näher. Der Hund stieß die Tür mit der Schnauze auf, was er offenbar häufig tat, denn der Türrahmen war an einer Stelle schon ziemlich dunkel, wohl weil er sich immer mit dem Fell daran rieb, und die schöne alte Tür zeigte im unteren Bereich zahllose Kratzspuren, die er oder seine Vorgänger dort hinterlassen hatten.

Caroline betrat den Raum schwer beladen mit einem Tablett voller Teegeschirr. Roderick hielt sich an der Sofalehne fest und versuchte sich hochzustemmen, um ihr zu helfen, doch ich kam ihm zuvor.

»Darf ich Ihnen etwas abnehmen?«

Sie warf mir einen dankbaren Blick zu, wohl weniger ihretwegen als vielmehr ihres Bruders wegen, sagte jedoch: »Kein Problem. Sie wissen doch, ich bin es gewöhnt.«

»Dann lassen Sie mich wenigstens einen Platz freiräumen, wo Sie es abstellen können.«

»Nein, überlassen Sie das ruhig mir! So kann ich wenigstens für den Fall trainieren, dass ich mir mal in einem Gasthaus den Lebensunterhalt verdienen muss. Gyp, jetzt dräng dich doch nicht immer so um meine Füße!«

Also trat ich beiseite, und sie stellte das Tablett auf einen mit Büchern und Papieren übersäten Tisch, schenkte dann den Tee ein und reichte die Tassen herum. Die hübschen Tassen waren aus wertvollem, altem Porzellan; eine oder zwei hatten schon geklebte Henkel; ich bemerkte, wie sie diese für die Familie zurückhielt. Danach reichte sie Teller mit Kuchen herum, dünn geschnittenes Früchtebrot, das erahnen ließ, dass sie aus einem bescheidenen Vorrat das Beste hatte machen müssen.

»Ach, was würde ich jetzt für ein schönes Scone mit Marmelade und Sahne geben!«, seufzte Mrs. Ayres, während die Teller herumgereicht wurden. »Oder wenigstens für ein paar richtig gute Kekse! Die würde ich mir vor allem für Sie wünschen, Dr. Faraday, gar nicht mal für uns. Unsere Familie hat nie viel für Naschereien übriggehabt. Und eigentlich …«, wieder lächelte sie verschmitzt, »sollte man ja erwarten, dass wir mit unserem Milchbetrieb wenigstens Butter zur Verfügung hätten. Aber das Schlimmste an den Rationierungen ist, dass man kaum mehr Möglichkeiten hat, Gäste zu bewirten. Das finde ich wirklich sehr schade.«

Sie seufzte, zerbrach ihren Kuchen in kleine Stücke und tauchte sie geziert in ihren Tee ohne Milch. Caroline hatte, wie ich bemerkte, ihr Früchtebrot in der Mitte zusammengeklappt und in zwei Bissen aufgegessen. Roderick hatte seinen Teller zunächst beiseitegestellt, um sich ganz seiner Zigarette zu widmen, pickte dann träge die geriebenen Orangenschalen und Rosinen heraus und warf den Rest seines Kuchens Gyp zu.

»Roddie!«, rief Caroline vorwurfsvoll. Ich dachte, sie würde sich über die Verschwendung von Essen aufregen, doch dann stellte sich heraus, dass es ihr lediglich missfiel, dass ihr Bruder dem Hund Unarten beibrachte. Sie blickte das Tier streng an. »Du alter Schurke! Du weißt ganz genau, dass du nicht betteln darfst! Sehen Sie doch nur, wie er mich von der Seite anschaut, Dr. Faraday. Dieser alte Schlauberger!« Sie streifte eine Sandale ab, streckte das Bein aus – ihre Beine waren, wie ich nun sah, nackt, braungebrannt und unrasiert – und stupste den Hund mit den Zehen an.

»Armer alter Knabe!«, kommentierte ich höflich den traurigen Gesichtsausdruck des Hundes.

»Lassen Sie sich von ihm bloß nicht einwickeln! Er gibt gerne das arme Unschuldslämmchen. Stimmt’s, du Schlingel?«

Sie stupste ihn wieder mit dem Fuß an und wandelte dann das Stupsen in ein raues Streicheln um. Der Hund musste erst kämpfen, um unter dem Druck des Fußes das Gleichgewicht zu halten; dann legte er sich mit dem resignierten, etwas verdutzten Ausdruck eines hilflosen alten Mannes zu ihren Füßen nieder, rollte sich auf die Seite und zeigte mit erhobenen Beinen sein graues Brustfell und den spärlich behaarten Bauch. Caroline streichelte ihn fester mit dem Fuß.

Ich bemerkte, wie Mrs. Ayres einen vorwurfsvollen Blick auf das behaarte Bein ihrer Tochter warf.

»Also wirklich, Liebling. Ich wünschte, du würdest dir Strümpfe anziehen! Dr. Faraday wird uns für eine Horde Barbaren halten.«

Caroline lachte. »Es ist viel zu warm für Strümpfe! Und ich kann mir kaum vorstellen, dass Dr. Faraday noch nie ein nacktes Bein gesehen hat!«

Trotzdem zog sie kurz darauf ihr Bein zurück und nahm eine sittsamere Sitzhaltung ein. Der enttäuschte Hund blieb noch einen Moment mit erhobenen Beinen auf dem Rücken liegen. Dann rollte er sich wieder auf den Bauch zurück und begann mit feuchter Schnauze an einer seiner Pfoten herumzukauen.

Der Qualm von Rodericks Zigarette hing bläulich in der heißen, unbewegten Luft. Im Garten stieß ein Vogel ein markantes Trillern aus, und wir wandten die Köpfe und lauschten. Ich schaute mich noch einmal im Zimmer um und ließ das hübsche verblichene Dekor in allen Einzelheiten auf mich wirken; dann drehte ich mich weiter in meinem Sessel um und blickte zum ersten Mal richtig durch das offene Fenster – ein überraschender, atemberaubender Ausblick: Ans Haus grenzte eine dicht bewachsene Rasenfläche von vielleicht dreißig oder vierzig Metern Länge, die von Blumenbeeten gerahmt wurde und an einem schmiedeeisernen Zaun endete. Der Zaun führte zu einer Wiese, dahinter erstreckten sich über eine gute Dreiviertelmeile weitere Parkflächen bis zur Grenzmauer von Hundreds Hall, die in der Ferne gerade noch auszumachen war. Doch dort endete die Aussicht nicht, denn auch jenseits der Mauer lagen, so weit das Auge reichte, Wiesen, Äcker und Felder, bis die immer blasser werdenden Farben schließlich am Horizont in einem Dunstschleier mit dem Himmel verschwammen.

»Gefällt Ihnen unsere Aussicht, Dr. Faraday?«, erkundigte Mrs. Ayres sich.

»Ja, sehr«, erwiderte ich und wandte mich wieder zu ihr um. »Wann ist das Haus gebaut worden? 1720? 1730?«

»Eine sehr gute Schätzung. 1733 wurde es fertig gestellt.«

»Ja.« Ich nickte. »Ich kann mir gut vorstellen, was der Architekt im Sinn hatte: die dunklen Flure, von denen die weitläufigen Räume abgehen und sich dem Licht öffnen.«

Mrs. Ayres lächelte, und auch Caroline schien sich über meine Äußerung zu freuen.

»Ja, das hat mir auch immer gefallen«, sagte sie. »Manche Leute finden unsere düsteren Korridore wohl ziemlich langweilig … Aber Sie sollten das Haus mal im Winter sehen. Dann würden wir am liebsten alle Fenster zumauern. Im letzten Jahr haben wir fast zwei Monate mehr oder weniger in diesem einen Zimmer hier gelebt. Roddie und ich haben unsere Matratzen herübergeholt und hier wie die Landstreicher campiert. Die Rohre sind eingefroren, der Generator hat den Geist aufgegeben, und draußen hingen meterlange Eiszapfen! Wir haben uns gar nicht mehr getraut, das Haus zu verlassen, aus Angst, dass wir aufgespießt werden … Sie wohnen gleich über Ihrer Praxis, nicht wahr? Im Haus vom alten Dr. Gill?«

»Ja, richtig«, erwiderte ich. »Ich bin als junger Teilhaber dort eingezogen und immer noch dort. Die Wohnung ist ziemlich schlicht. Aber meine Patienten wissen immer, wo sie mich finden können, und für einen Junggesellen ist es recht praktisch dort.«

Roderick klopfte die Asche von seiner Zigarette.

»Dr. Gill war schon ein komischer Kauz, was? Als ich klein war, bin ich ein- oder zweimal bei ihm in der Praxis gewesen. Er hatte ein großes Glas dastehen, in dem er angeblich Blutegel hielt. Das hat mir immer einen Riesenschrecken eingejagt.«

»Ach, dir hat doch alles einen Riesenschrecken eingejagt!«, sagte seine Schwester, ehe ich etwas erwidern konnte. »Dir konnte man so leicht Angst machen. Weißt du noch, dieses riesige Mädchen, das in der Küche gearbeitet hat, als wir klein waren? Mutter, kannst du dich noch an sie erinnern? Wie hieß sie doch noch? Mary? Sie war mindestens einen Meter achtzig groß und ihre Schwester über eins neunzig. Vater hat ihr mal einen seiner Stiefel gegeben, den sollte sie anprobieren. Er hatte mit Mr. McLeod gewettet, dass der Stiefel ihr zu klein wäre. Und er hatte recht damit! Aber das Schlimmste waren ihre Hände. Sie konnte die Wäsche besser auswringen als eine Mangel. Und ihre Finger waren immer kalt – eiskalt, wie Würstchen frisch aus dem Fliegenschrank! Ich habe Roddie eingeredet, dass sie sich in sein Zimmer schleicht, wenn er schläft, und sich die Hände unter seiner Bettdecke wärmt, und dann hat er immer losgeheult.«

»Du kleines Biest!«, sagte Roderick.

»Wie hieß sie bloß noch?«

»Ich glaube, sie hieß Miriam«, meinte Mrs. Ayres nach kurzer Überlegung. »Miriam Arnold, und die Schwester, von der du gesprochen hast, war Margery. Doch es gab da noch ein anderes Mädchen, die war nicht so riesig. Sie hat einen der Tapley-Jungen geheiratet, und dann sind die beiden weggezogen, in eine andere Grafschaft, um in irgendeinem Haus als Chauffeur und Köchin zu arbeiten. Miriam ist von uns zu Mrs. Randall gewechselt, glaube ich. Aber Mrs. Randall mochte sie nicht besonders und hat sie nur ein oder zwei Monate behalten. Ich weiß nicht, was dann aus ihr geworden ist.«

»Vielleicht hat sie irgendwo als Würgeengel gearbeitet«, meinte Roderick.

»Oder sie ist zum Zirkus gegangen«, sagte Caroline. »Wir hatten doch wirklich mal ein Mädchen, das dann zum Zirkus gegangen ist, oder?«

»Auf jeden Fall hat sie einen vom Zirkus geheiratet«, sagte Mrs. Ayres. »Und hat ihrer Mutter damit das Herz gebrochen. Und ihrer Cousine auch, denn die Cousine – Lavender Hewitt – hatte sich auch in den Mann vom Zirkus verliebt, und als das andere Mädchen dann mit dem Zirkusmann durchgebrannt ist, hat Lavender aufgehört zu essen und wäre bestimmt verhungert. Gerettet haben sie bloß die Kaninchen, pflegte ihre Mutter immer zu sagen. Denn sie konnte allen Mahlzeiten widerstehen, bloß nicht dem Kaninchenschmortopf ihrer Mutter. Eine Zeit lang haben wir ihrem Vater erlaubt, mit einem Frettchen die Kaninchen in unserem Park zu jagen; er durfte so viele Kaninchen jagen, wie er wollte … Und diese Kaninchen haben ihr das Leben gerettet …«

Die Geschichte plätscherte immer weiter dahin; Caroline und Roderick gaben neue Stichworte, und die drei sprachen eher miteinander als mit mir. Derart von der Unterhaltung ausgeschlossen, blickte ich von der Mutter zur Tochter und dann zum Sohn, und da fiel mir endlich auf, wie ähnlich sie einander doch waren, nicht bloß in ihren äußeren Merkmalen – den langen Gliedern, den weit oben im Gesicht liegenden Augen –, sondern vor allem in charakteristischen Eigenarten der Gestik und Sprache, in denen sich ihre Sippenzugehörigkeit auszudrücken schien. Plötzlich verspürte ich einen Anflug von Ungeduld – das kurze Aufflackern einer tief liegenden Abneigung, die meine Freude an dem wundervollen Raum etwas trübte. Vielleicht war es ja das Bauernblut in mir, das plötzlich aufwallte. Hundreds Hall war von eben jenen Menschen aufgebaut und instand gehalten worden, über die sie sich jetzt lustig machten. Nach über zweihundert Jahren hatten diese Menschen nun allmählich begonnen, dem Haus ihr Vertrauen und ihre Arbeitskraft zu entziehen, und schon fiel das ganze Gebäude in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Und währenddessen saß die Familie ungerührt weiter inmitten von bröckelndem Stuck, fadenscheinigen türkischen Teppichen und angeschlagenem Porzellan und spielte Landadel.

Gerade erinnerte Mrs. Ayres sich an ein weiteres Hausmädchen. »Ach, die, die war doch schwachsinnig!«, sagte Roderick.

»Sie war nicht schwachsinnig«, erklärte Caroline versöhnlich. »Aber es stimmt, sie war nicht besonders helle. Ich kann mich noch erinnern, dass sie mich mal gefragt hat, was Siegellack sei, und ich habe ihr weisgemacht, dass man damit die Zimmerdecken versiegelt. Ich habe sie auf eine Leiter steigen lassen und ihr gesagt, sie solle es ruhig mal an der Decke von Vaters Arbeitszimmer ausprobieren. Es hat eine ziemliche Schweinerei gegeben, und das arme Mädchen hat sich furchtbaren Ärger eingehandelt.«

Sie schüttelte verlegen den Kopf, musste aber gleichzeitig lachen. Dann bemerkte sie wohl meinen kühlen Blick und versuchte ihr Lächeln zu unterdrücken.

»Tut mir leid, Dr. Faraday. Ich merke schon, dass Sie das nicht besonders amüsant finden. Und recht haben Sie. Rod und ich waren furchtbare Kinder, aber inzwischen benehmen wir uns sehr viel besser. Ich nehme an, Sie haben an die arme Betty gedacht?«

Ich trank einen Schluck Tee. »Nein, gar nicht. Um ehrlich zu sein musste ich gerade an meine Mutter denken.«

»Ihre Mutter?«, wiederholte sie, immer noch mit einer Spur von Lachen in der Stimme.

Und in die nun folgende Stille sprach Mrs. Ayres: »Aber natürlich. Ihre Mutter war früher einmal Kindermädchen hier, nicht wahr? Ich erinnere mich, das mal gehört zu haben. Wann war das? Das muss vor meiner Zeit gewesen sein, nicht wahr?«

Sie sprach so sanft und freundlich, dass ich mich für meinen spitzen Tonfall schon fast wieder schämte. »Meine Mutter war bis ungefähr neunzehnhundertsieben hier«, sagte ich etwas versöhnlicher. »Hier hat sie auch meinen Vater kennen gelernt, er war damals Laufbursche bei einem Lebensmittelhändler. Eine Hintertürromanze, so würde man es wohl nennen.«

»Wie nett!«, sagte Caroline mit unsicherer Stimme.

»Ja, nicht wahr?«

Roderick klopfte noch etwas Asche von seiner Zigarette ab und schwieg. Mrs. Ayres jedoch blickte nachdenklich drein.

»Wissen Sie was«, meinte sie, während sie sich erhob. »Ich glaube tatsächlich … Wenn mich nicht alles täuscht …«

Sie ging zu einem Tischchen hinüber, auf dem eine Reihe gerahmter Familienfotos stand. Eines davon griff sie heraus, hielt es auf Armeslänge vor sich ausgestreckt und musterte es; dann schüttelte sie den Kopf.

»Ohne meine Brille«, sagte sie, während sie es mir brachte, »kann ich es leider nicht mit Sicherheit sagen. Aber ich glaube, Dr. Faraday, dass Ihre Mutter auf diesem Bild sein könnte.«

Das Bild war ein kleines Foto aus der edwardianischen Zeit, das in einem Schildpattrahmen steckte. Es zeigte in Sepiatönen die Südfassade des Herrenhauses. Ich erkannte die hohe Terrassentür des Zimmers wieder, in dem wir gerade saßen. Genau wie heute stand sie weit geöffnet, um die Nachmittagssonne hereinzulassen. Auf der Rasenfläche vor dem Haus sah man die damalige Familie versammelt, umgeben von einer beträchtlichen Dienstbotenschar – Haushälterin, Butler, Diener, Küchenmädchen und Gärtner. Sie bildeten eine locker zusammengestellte, fast unwillige Gruppe, so als sei dem Fotografen die Idee zu dem Arrangement erst ziemlich spät gekommen und irgendjemand habe sie alle rasch zusammengetrommelt und von ihren Pflichten weggerufen. Die Familie selbst wirkte am ungezwungensten, die Dame des Hauses – die alte Mrs. Beatrice Ayres, Carolines und Rodericks Großmutter – saß in einem Liegestuhl; daneben stand ihr Mann, eine Hand ruhte locker auf ihrer Schulter, die andere hatte er in die Tasche seiner zerknitterten weißen Hose gesteckt. Zu ihren Füßen hockte linkisch der schlanke fünfzehnjährige Jüngling, aus dem später der Colonel geworden war. Er sah Roderick sehr ähnlich. Neben ihm auf einer karierten Decke saßen seine jüngeren Schwestern und Brüder.

Diese Gruppe schaute ich mir genauer an. Die meisten Kinder waren älter, doch das jüngste, ein Kleinkind, wurde von einem blonden Kindermädchen auf dem Arm gehalten. Das Kind war offenbar gerade dabei gewesen, sich aus den Armen des Kindermädchens zu winden, als sich der Kameraverschluss öffnete, und das Kindermädchen warf den Kopf zurück, um den herumschlagenden Ellbogen auszuweichen. Folglich war ihr Blick von der Kamera abgewendet, und ihre Gesichtszüge waren verschwommen.

Caroline hatte ihren Sitzplatz auf dem Sofa verlassen und kam herüber, um das Foto gemeinsam mit mir zu betrachten. Während sie sich vorbeugte und eine Strähne ihres trockenen braunen Haares um den Finger wand, fragte sie leise: »Ist das Ihre Mutter, Dr. Faraday?«

»Es könnte sein«, erwiderte ich. »Doch andererseits …« Gleich hinter dem Mädchen, das sich so ungelenk abwandte, stand ein weiteres Dienstmädchen, ebenfalls blond, mit identischem Kleid und der gleichen Haube. Ich lachte verlegen. »Es könnte auch diese hier sein. Ich bin mir nicht sicher.«

»Lebt Ihre Mutter noch? Könnten Sie ihr das Foto vielleicht einmal zeigen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Meine Eltern sind beide tot. Meine Mutter ist gestorben, als ich noch zur Schule ging. Mein Vater erlitt einige Jahre später einen Herzinfarkt.«

»Oh, das tut mir leid.«

»Ach, es ist alles schon so lange her …«

»Ich hoffe, dass Ihre Mutter sich hier wohl gefühlt hat«, sagte Mrs. Ayres zu mir, während Caroline zum Sofa zurückging. »Meinen Sie, dass sie hier glücklich war? Hat sie je über unser Haus gesprochen?«

Ich antwortete nicht gleich, während mir ein paar Geschichten durch den Kopf gingen, die meine Mutter über ihre Zeit in Hundreds Hall erzählt hatte: zum Beispiel, wie sie jeden Morgen mit ausgestreckten Händen hatte antreten müssen, damit die Haushälterin überprüfen konnte, ob ihre Fingernägel sauber waren; wie Mrs. Beatrice Ayres bisweilen unangekündigt in die Schlafkammern der Dienstmädchen gekommen war, ihre Kisten ausgeräumt und ihre Besitztümer Stück für Stück kontrolliert hatte … Schließlich sagte ich: »Ich glaube, meine Mutter hat hier ein paar gute Freundinnen gefunden, unter den anderen Dienstmädchen.«

Mrs. Ayres wirkte zufrieden, wenn nicht sogar erleichtert. »Das freut mich. Damals war es natürlich noch eine ganz andere Welt für die Dienstboten. Sie hatten ihre eigenen Vergnügungen, ihre eigenen kleinen Skandale und Späße. Ein Festessen ganz für sich, an Heiligabend.«

Das war das Stichwort für weitere Geschichten aus der Vergangenheit. Ich hielt den Blick auf das Foto gerichtet – um ehrlich zu sein, war ich von der Wucht meiner Gefühle selbst ein wenig aus der Fassung gebracht. Obwohl ich so locker dahergeredet hatte, hatte mich der unerwartete Blick auf meine Mutter – wenn es denn überhaupt meine Mutter war – stärker bewegt, als ich es für möglich gehalten hätte. Schließlich stellte ich das Foto auf dem Tisch neben meinem Sessel ab. Unser Gespräch wandte sich dem Haus und den Gartenanlagen zu, und wir unterhielten uns über die besseren Zeiten, die das Haus erlebt hatte.

Doch während wir redeten, blickte ich immer wieder zu dem Foto hinüber, und vermutlich wurde offensichtlich, dass ich mit den Gedanken woanders war. Der Tee war ausgetrunken. Ich ließ noch ein paar Minuten verstreichen, dann äußerte ich mit einem Blick auf die Uhr, dass ich mich nun wirklich auf den Weg machen müsse. Und während ich mich erhob, sagte Mrs. Ayres freundlich: »Sie müssen das Bild mitnehmen, Dr. Faraday. Ich möchte gern, dass Sie es behalten.«

»Es mitnehmen?«, sagte ich überrascht. »Aber nein, das geht doch nicht!«

»Doch, das müssen Sie. Nehmen Sie es mit, wie es da ist, mit Rahmen und allem Drumherum!«

»Ja, bitte nehmen Sie es doch!«, sagte auch Caroline, meinen Widerspruch ignorierend. »Vergessen Sie nicht, dass ich die ganze Hausarbeit erledigen muss, während Betty sich erholt. Da bin ich froh, wenn ich eine Sache weniger abzustauben brauche!«

»Danke!«, erwiderte ich, wurde rot und geriet fast ins Stottern. »Das ist sehr freundlich von Ihnen … Es ist … Wirklich, das ist außerordentlich liebenswürdig.«

Sie suchten ein Stück gebrauchtes Packpapier heraus, in das ich das Bild einschlagen konnte, und ich verwahrte es sicher in meiner Tasche. Dann verabschiedete ich mich von Mrs. Ayres und tätschelte dem Hund den warmen Kopf. Caroline, die sich schon erhoben hatte, machte Anstalten, mich zu meinem Auto zurückzubegleiten. Doch dann meinte Roderick: »Lass nur, Caro. Ich bringe den Doktor hinaus.«

Er kämpfte sich mühevoll vom Sofa hoch und verkniff dabei vor Schmerzen das Gesicht. Seine Schwester betrachtete ihn besorgt, aber er war offenbar entschlossen, mich zu begleiten. Also gab sie nach und reichte mir zum Abschied ihre abgearbeitete, wohlgeformte Hand.

»Auf Wiedersehen, Dr. Faraday. Ich bin so froh, dass wir dieses Foto gefunden haben. Denken Sie an uns, wenn Sie es betrachten, ja?«

»Das mache ich«, erwiderte ich.

Ich folgte Roderick aus dem Zimmer und musste im dunklen Korridor die Augen zusammenkneifen. Er führte mich nach rechts, vorbei an einer Reihe geschlossener Türen, doch bald wurde der Korridor breiter und heller, und schließlich erreichten wir die Eingangshalle des Hauses.

Hier musste ich erst einmal innehalten und mich umschauen, so schön war die Halle. Der Boden bestand aus schachbrettartig angelegten rosafarbigen und rotbraunen Marmorplatten. Die Wände waren mit blassen Holzpaneelen getäfelt und schimmerten rötlich von der Farbe des Bodens. Beherrscht wurde der Raum jedoch von einer Treppe aus Mahagoni, die sich im Karree über zwei Stockwerke schraubte und von einem durchgehenden polierten Geländer mit geschnitzten Schlangenköpfen gerahmt wurde. Sie bildete einen Treppenhausschacht, der gut und gerne viereinhalb Meter breit und sicher achtzehn Meter hoch war und von dem weichen, gedämpften Licht erhellt wurde, das durch die Milchglaskuppel oben im Dach hereinfiel.

»Schöne Wirkung, nicht wahr?«, meinte Roderick, als er mich nach oben blicken sah. »Während der Verdunkelung war diese Kuppel natürlich ziemlich tückisch.«

Er zog die breite Vordertür auf. Die Tür musste irgendwann einmal feucht geworden sein, hatte sich verzogen und kratzte nun mit einem scheußlichen Geräusch über den Marmorboden. Ich trat zu ihm auf den Treppenabsatz hinaus, und sofort legte sich die Hitze des Tages über uns.

Er verzog das Gesicht. »Immer noch brütend heiß draußen. Ich beneide Sie nicht um die Fahrt zurück nach Lidcote … Was fahren Sie denn da für ein Auto? Eine Ruby? Wie fährt sie sich denn?«

Das Auto war ein recht einfaches Modell, an dem es wenig zu bewundern gab. Doch Roderick gehörte offensichtlich zu der Sorte junger Männer, die sich für Autos interessieren, deshalb führte ich ihn zu meinem Wagen, wies auf ein paar kleine Besonderheiten hin und öffnete schließlich auch die Motorhaube, um ihm den Aufbau des Motors zu zeigen.

Als ich die Motorhaube wieder schloss, sagte ich: »Auf den Landstraßen hier leidet der Wagen allerdings ziemlich.«

»Das glaube ich gern. Wie weit fahren Sie denn so am Tag?«

»An einem ruhigen Tag? Da habe ich etwa fünfzehn bis zwanzig Hausbesuche. An anderen können es schon mal mehr als dreißig werden. Die meisten sind hier in der Gegend, obwohl ich auch ein paar Privatpatienten in Banbury habe …«

»Sie haben viel zu tun.«

»Zu viel, manchmal.«

»Ja, die ganzen Ausschläge und Schnittverletzungen … Oh, da fällt mir ein …« Er fasste mit der Hand an seine Hosentasche. »Was schulden wir Ihnen für Bettys Untersuchung?«

Zuerst wollte ich gar kein Geld von ihm annehmen, da ich an die Großzügigkeit denken musste, mit der seine Mutter mir das Familienfoto überlassen hatte. Als er mich jedoch weiter drängte, sagte ich, ich würde ihm eine Rechnung schicken. Doch er lachte nur und erwiderte: »Also, wenn ich Sie wäre, würde ich das Geld jetzt nehmen, wo man es Ihnen anbietet. Wie viel berechnen Sie? Vier Schilling? Mehr? Los, sagen Sie schon. Wir sind noch nicht ganz so weit, dass wir Almosen annehmen müssten.«

Also willigte ich schließlich ein, vier Schilling für den Besuch und das Rezept zu nehmen. Er zog eine Hand voll Münzen aus der Tasche und zählte sie in meine Handfläche ab. Währenddessen veränderte er seine Haltung, und die Bewegung schien ihm Schmerzen zu bereiten. Seine Wange zeigte wieder das angespannte Zucken, und diesmal hätte ich es beinahe kommentiert. Doch genau wie vorher bei den Zigaretten wollte ich ihn nicht in Verlegenheit bringen, also schwieg ich. Während ich den Motor anließ, verschränkte er die Arme und stand da, als fühle er sich durchaus wohl, und als ich losfuhr, hob er träge die Hand zu einem Abschiedsgruß. Dann wandte er sich um und ging zum Haus zurück. Doch ich behielt ihn im Rückspiegel im Blick und sah, wie er sich mühevoll die Stufen zur Eingangstür hinaufquälte und das Haus ihn schließlich verschluckte.

Dann machte die Zufahrtsstraße einen Bogen und führte zwischen wild wuchernden Büschen hindurch, das Auto holperte über ein paar Bodenwellen, und das Haus war nicht mehr zu sehen.

An diesem Abend war ich, wie sonntags so oft, bei David Graham und seiner Frau Anne zum Essen eingeladen. Grahams Notfall hatte trotz einiger Schwierigkeiten einen guten Verlauf genommen, und während des Essens unterhielten wir uns vor allem über diesen Patienten. Erst als wir beim Nachtisch angelangt waren – es gab gefüllten Bratapfel –, erwähnte ich, dass ich statt seiner an diesem Tag in Hundreds Hall gewesen war.

Sofort blickte er mich mit einer Spur von Neid an. »Wirklich? Wie ist es denn jetzt dort? Die Familie hat mich schon Jahre nicht mehr da rausgerufen. Ich habe nur gehört, dass es mit dem Herrenhaus ziemlich bergab gehen soll, ja, dass sie es regelrecht haben verkommen lassen.«

Ich beschrieb ihm, was ich vom Herrenhaus und den Parkanlagen gesehen hatte. »Es ist wirklich ein Jammer, wie sich alles dort verändert hat«, sagte ich. »Ich weiß nicht, ob Roderick Ahnung von dem hat, was er da tut. Es sieht mir eher nicht so aus.«

»Der arme Roderick«, meinte Anne. »Ich habe ihn immer für einen netten Jungen gehalten. Man muss einfach Mitleid mit ihm haben.«

»Wegen seiner Narben und der Kriegsverletzung?«

»Ja, das auch. Aber vor allem, weil er derart überfordert ist von seinen Aufgaben. Er musste viel zu schnell erwachsen werden; wie alle Jungen seiner Generation das mussten. Doch er hatte auch immer noch Hundreds, um das er sich kümmern musste, zusätzlich zum Krieg. Und er ist ein ganz anderer Typ als sein Vater.«

»Na ja«, sagte ich. »Das spricht doch eher für ihn. Ich habe den Colonel noch als ziemlichen Grobian in Erinnerung, ihr nicht? Als ich jung war, habe ich mal erlebt, wie er sich mit einem Autofahrer angelegt hat. Er behauptete, dessen Auto hätte sein Pferd erschreckt. Schließlich ist er aus dem Sattel gesprungen und hat den Scheinwerfer des Autos eingetreten.«

»Ja, er war schon recht aufbrausend«, stimmte Graham zu und löffelte seinen Bratapfel. »Ganz die alte Gutsherrenart.«

»Ein Tyrann alter Schule, mit anderen Worten.«

»Na ja, ich wäre auch nicht gern an seiner Stelle gewesen. Die Geldsorgen müssen ihn zeit seines Lebens ziemlich gequält haben. Ich glaube, das Anwesen hatte schon viel von seinen Einkünften verloren, als er es geerbt hat. Ich weiß, dass er während der Zwanzigerjahre immer wieder Land verkauft hat; mein Vater sagte mal, es sei ähnlich aussichtslos wie Wasser aus einem sinkenden Schiff zu schöpfen. Ich habe gehört, dass die Erbschaftssteuern astronomisch hoch waren, als er starb. Wie sich diese Familie überhaupt noch halten kann, ist mir ein Rätsel.«

»Und was ist mit Rodericks Verletzung?«, erkundigte ich mich. »Ich fand, dass sein Bein ziemlich übel aussah, und habe schon überlegt, ob ihm vielleicht eine Elektrotherapie helfen würde – vorausgesetzt, er lässt mich überhaupt nahe genug an sich heran. Die Ayres scheinen stolz auf ihr isoliertes Leben da draußen zu sein. Wahrscheinlich kauterisieren sie sich die Wunden selbst und was weiß ich nicht alles … Hättest du etwas dagegen?«

Graham zuckte mit den Achseln. »Tu dir keinen Zwang an. Wie gesagt, mich haben sie schon so lange nicht mehr gerufen, dass ich mich eigentlich kaum noch als ihren Hausarzt bezeichnen kann. Aber ich erinnere mich noch gut an die Verletzung: ein hässlicher Bruch, der schlecht zusammengewachsen ist. Die Brandverletzungen hast du ja selbst gesehen.« Er aß noch einen Happen und meinte dann nachdenklich: »Ich glaube, da gab es auch irgendein nervliches Problem, als Roderick nach seinem Unfall wieder nach Hause kam.«

Das war neu für mich. »Tatsächlich? So schlimm kann es aber nicht gewesen sein. Jetzt wirkt er jedenfalls einigermaßen entspannt.«

»Na ja, es war immerhin so schlimm für die Familie, dass sie es möglichst geheim halten wollte. Aber Fälle dieser Art sind für solche Familien wohl immer besonders heikel. Ich glaube, Mrs. Ayres hat noch nicht mal eine Krankenschwester angefordert. Sie hat sich selbst um Roderick gekümmert und dann am Ende des Krieges sogar Caroline nach Hause zurückgeholt, damit sie ihr half. Dabei war Caroline ganz gut untergebracht; sie machte Dienst bei den Wrens oder der WAAF, soviel ich weiß. Ein sehr gescheites Mädchen.«

Er sagte »gescheit« mit der gleichen Betonung, wie ich sie auch schon von anderen gehört hatte, wenn sie über Caroline Ayres redeten, und mir war klar, dass auch er das Adjektiv mehr oder weniger als Euphemismus für ihr unattraktives Äußeres verwendete. Ich antwortete nicht, und wir aßen unseren Nachtisch schweigend auf. Anne legte den Löffel in ihre Schüssel und erhob sich dann, um ein Fenster zu schließen. Wir aßen spät und hatten eine Kerze auf dem Tisch angezündet; es fing gerade an, dunkel zu werden, und Motten flatterten um das Licht herum. Anne setzte sich wieder und sagte: »Könnt ihr euch noch an die erste Tochter auf Hundreds Hall erinnern? An Susan, das kleine Mädchen, das gestorben ist? Sie war genauso hübsch wie ihre Mutter. Ich war zu ihrem siebten Geburtstag eingeladen. Ihre Eltern hatten ihr einen silbernen Ring mit einem echten Diamanten geschenkt. Ach, wie ich sie um diesen Ring beneidet habe! Und ein paar Monate später war sie tot … Waren es nicht die Masern? Irgend so etwas muss es jedenfalls gewesen sein.«

Graham wischte sich den Mund mit seiner Serviette ab. »Diphtherie, oder?«

Sie verzog das Gesicht bei dem Gedanken. »Ja, stimmt. Eine schreckliche Geschichte … Ich kann mich noch an die Beerdigung erinnern. Der kleine Sarg und die vielen Blumen. Berge von Blumen waren es.«

Und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich mich ebenfalls an die Beerdigung erinnern konnte. Mir fiel ein, dass ich mit meinen Eltern auf der High Street von Lidcote gestanden hatte, während der Sarg vorübergetragen wurde. Ich erinnerte mich an Mrs. Ayres in jungen Jahren, verhüllt mit einem schwarzen Schleier wie eine gespenstische Braut. Ich erinnerte mich, wie meine Mutter leise vor sich hin weinte und mein Vater mir die Hand auf die Schulter legte – und an den Geruch, den mein neuer Schulblazer und meine Kappe hatten, irgendwie streng und säuerlich, wie frisch eingefärbt.

Diese Erinnerung stimmte mich aus irgendeinem Grund trauriger, als es angebracht war. Anne und das Hausmädchen räumten das Geschirr ab, während Graham und ich am Tisch sitzen blieben und über diverse Praxisangelegenheiten diskutierten, was mich noch mehr deprimierte. Graham war jünger als ich, verdiente jedoch besser; er war als Sohn eines Arztes in die Praxis eingetreten und hatte den Anteil seines Vaters übernommen; Geld und Ansehen brachte er also schon von Hause aus mit. Ich dagegen war als eine Art Lehrling beim Praxispartner seines Vaters eingestiegen, bei Dr. Gill, dem »komischen Kauz«, wie Roderick ihn genannt hatte. Doch das war noch eine viel zu schmeichelhafte Bezeichnung für den faulen, aber gerissenen alten Mann, der sich als mein Lehrherr und Förderer darstellte, mich aber über viele Jahre in seiner Praxis ausgebeutet hatte, ehe ich ihm seinen Anteil abkaufen konnte. Gill hatte sich noch vor dem Kriege zur Ruhe gesetzt und lebte nun in einem schmucken Fachwerkhaus in der Nähe von Stratford-on-Avon.

Ich dagegen machte erst seit sehr kurzer Zeit überhaupt einen Gewinn. Und nun, wo die Einführung des staatlichen Gesundheitswesens drohte, schien es für private Arztpraxen kaum mehr eine Zukunft zu geben. Zu allem Überfluss würden meine ärmeren Patienten bald die Möglichkeit haben, sich einen anderen Arzt zu suchen, und dadurch mein Einkommen drastisch reduzieren. Ich hatte schon etliche schlaflose Nächte darüber nachgegrübelt.

»Ich werde sie noch alle verlieren«, sagte ich auch jetzt zu Graham, stützte die Ellbogen auf den Tisch und rieb mir müde das Gesicht.

»Unsinn«, erwiderte er. »Deine Patienten haben doch gar keinen Grund, sich einen neuen Arzt zu suchen. Wieso solltest du deine Patienten eher verlieren als ich oder Seeley oder Morrison?«

»Morrison verschreibt ihnen so viel Hustensaft und Lebersalze, wie sie wollen«, sagte ich. »Das gefällt ihnen. Seeley hat geschliffene Manieren und Schlag bei den Damen. Du bist der nette, gut aussehende Familienvater; auch das gefällt ihnen. Mich mögen sie nicht. Das haben sie noch nie. Sie können mich in keine Schublade einordnen. Ich jage weder noch spiele ich Bridge. Aber ich spiele auch kein Darts oder Fußball. Dem Landadel bin ich nicht gehoben genug – aber den Arbeitern genau genommen auch nicht. Sie wollen zu ihrem Arzt aufschauen können. Sie wollen nicht, dass er einer von ihnen ist.«

»Ach, Blödsinn! Sie wollen bloß jemanden, der seine Arbeit gut macht! Und das tust du doch wirklich. Wenn es überhaupt etwas an dir auszusetzen gibt, dann höchstens, dass du zu gewissenhaft bist! Du verbringst viel zu viel Zeit damit, dir unnötige Sorgen zu machen. Du solltest lieber heiraten, dann wärst du all deine Sorgen los!«

Ich lachte. »Ach, du lieber Gott! Ich kann ja kaum meinen eigenen Lebensunterhalt sichern, geschweige denn für Frau und Kinder sorgen!«

Er hörte das alles nicht zum ersten Mal, doch er ließ mein Gejammer geduldig über sich ergehen. Anne brachte uns Kaffee, und wir unterhielten uns bis fast elf Uhr. Am liebsten wäre ich noch länger geblieben, doch da ich mir vorstellen konnte, wie wenig Zeit die beiden füreinander hatten, verabschiedete ich mich schließlich. Ihr Haus befindet sich gleich auf der anderen Seite des Dorfes, nur zehn Fußminuten von meinem entfernt; der Abend war immer noch warm und schwül, kein Lüftchen regte sich. Ich ging langsam, machte einen kleinen Umweg und hielt einmal an, um mir eine Zigarette anzuzünden, dann zog ich mein Jackett aus, lockerte die Krawatte und schritt in Hemdsärmeln weiter.

Im Erdgeschoss meines Hauses befinden sich das Sprechzimmer, die Arzneiausgabe und das Wartezimmer; meine Küche und mein Wohnzimmer liegen im Stockwerk darüber, und das Schlafzimmer befindet sich unter dem Dach. Wie ich Caroline Ayres schon gesagt hatte, war es eine sehr einfache Wohnung. Ich hatte bisher weder Zeit noch Geld gehabt, sie hübscher zu gestalten, daher hatte sie noch immer die gleiche deprimierende Ausstattung, die ich schon bei meinem Einzug vorgefunden hatte: senfgelbe Wände und Kammmalerei auf den Holzflächen sowie eine enge, unpraktisch eingerichtete Küche. Eine Zugehfrau, Mrs. Rush, machte sauber und kochte für mich. Wenn ich nicht gerade mit Patienten beschäftigt war, hielt ich mich ohnehin die meiste Zeit unten auf, schrieb Rezepte oder las und arbeitete an meinem Schreibtisch. An diesem Abend ging ich gleich durch in mein Sprechzimmer, um meine Aufzeichnungen für den nächsten Tag anzuschauen und meine Tasche in Ordnung zu bringen, und erst als ich die Tasche aufklappte und das locker eingeschlagene braune Päckchen sah, erinnerte ich mich wieder an das Foto, das Mrs. Ayres mir gegeben hatte. Ich wickelte das Papier ab und betrachtete die Aufnahme noch einmal. Da ich immer noch unsicher war, was die Identität des blonden Dienstmädchens anging, nahm ich das Foto mit nach oben, um es mit anderen Bildern zu vergleichen. In einem der Schlafzimmerschränke verwahrte ich eine alte Keksdose voller Papiere und Familienandenken, die meine Eltern gesammelt hatten. Ich holte sie heraus, trug sie zum Bett und durchforstete ihren Inhalt.

Schon seit Jahren hatte ich die Dose nicht mehr geöffnet und daher längst vergessen, was sich darin befand. Die meisten Dinge waren, wie ich verwundert feststellte, befremdliche Bruchstücke meiner eigenen Vergangenheit. Da fand sich zum Beispiel meine Geburtsurkunde, zusammen mit einer Art Taufbescheinigung; ein abgegriffener brauner Umschlag enthielt zwei meiner Milchzähne und eine geradezu unwirklich weiche, blonde Locke, die man mir wohl als Baby abgeschnitten hatte. Dann kam ein Durcheinander uralter Medaillen, die ich beim Schwimmen oder bei den Pfadfindern bekommen hatte; Zeugnisse und Gutachten, Aufzeichnungen über Preise, die ich gewonnen hatte – alles in bunt gemischter Folge, so dass ein zerknitterter Zeitungsartikel, der über meinen Abschluss an der Medical School berichtete, an einem Brief hängen geblieben war, in dem mein erster Schuldirektor mich »vehement« für ein Stipendium am Leamington College empfahl. Zu meiner Verwunderung fand sich dort sogar ebenjene Gedenkmünze, die mir am Empire Day auf Hundreds Hall von der jungen Mrs. Ayres überreicht worden war. Sie war sorgfältig in Seidenpapier eingeschlagen und lag mir schwer in der Hand, das bunte Band war nicht ausgefranst, die Bronzeoberfläche zwar stumpf, aber ansonsten makellos.

Vom Leben meiner Eltern jedoch fanden sich, wie ich mit Erschrecken feststellte, kaum irgendwelche Spuren. Vermutlich gab es einfach nicht viel, was sich archivieren ließ. Ein paar rührselige Postkarten aus Kriegszeiten mit ordentlich geschriebenen, aber orthografisch fehlerhaften, nichtssagenden Mitteilungen; eine Glücksmünze, in deren Mitte ein Loch für ein Band getrieben war; ein Strauß Papierveilchen – das war schon alles. Ich hatte Fotos in Erinnerung, doch hier war nur ein einziges, ein verblichenes postkartengroßes Bild, dessen Ecken sich wellten. Es war auf einem Jahrmarkt im Zelt eines Wanderfotografen aufgenommen worden und zeigte meine Mutter und meinen Vater als junges Paar. Sie posierten vor der unrealistischen Kulisse einer hochalpinen Landschaft, in einem mit Schnüren versehenen Wäschekorb, der wohl den Korb eines Heißluftballons darstellen sollte.

Ich stellte dieses Foto neben die Personengruppe von Hundreds und schaute von einem Bild zum andern. Weder der Winkel, in dem meine Ballonfahrer-Mutter ihren Kopf hielt, noch der Hut mit der traurig herabhängenden Feder lieferten mir jedoch irgendwelche weiteren Erkenntnisse, und schließlich gab ich den Vergleich auf. Das Foto vom Jahrmarkt stimmte mich irgendwie traurig, und als ich noch einmal die Ausschnitte und Dokumente meiner eigenen Leistungen betrachtete, die meine Eltern mit so viel Stolz und Aufmerksamkeit gesammelt hatten, schämte ich mich plötzlich. Mein Vater hatte Schulden machen müssen, um meine Ausbildung zu finanzieren, und diese Schulden hatten ihm wahrscheinlich die Gesundheit ruiniert; ganz sicher hatten sie dazu beigetragen, die meiner Mutter zu schwächen. Und was hatte das alles genutzt? Ich war ein ganz gewöhnlicher, durchschnittlich guter Arzt. Mit einem anderen Hintergrund hätte ich vielleicht besser als bloß gut sein können. Doch ich hatte mit Schulden im Nacken begonnen, und nach fünfzehn Jahren in einer kleinen Landarztpraxis ließ ein halbwegs ordentliches Einkommen immer noch auf sich warten.

Ich habe mich eigentlich nie für einen unzufriedenen Menschen gehalten; ich war immer viel zu beschäftigt, um mich missmutigen Gedanken hinzugeben. Doch von Zeit zu Zeit hatte ich meine dunklen Stunden, düstere Momente, in denen mir mein ganzes Leben so bitter, hohl und unbedeutend erschien wie eine taube Nuss, und auch jetzt überkam mich ein solcher Anfall von Trübsinn. Ich vergaß die vielen bescheidenen beruflichen Erfolge und hielt mir stattdessen jedes Versagen vor Augen: falsche Behandlungen, verpasste Gelegenheiten, Momente der Feigheit oder Enttäuschung. Ich dachte an die Kriegsjahre, die ich wenig ruhmreich hier in Warwickshire verbracht hatte, während meine jüngeren Kollegen, Graham und Morrison, sich beim Royal Medical Corps der Army gemeldet hatten. Ich spürte die leeren Zimmer unter mir und dachte an ein Mädchen, in das ich als Medizinstudent sehr verliebt gewesen war. Sie kam aus Birmingham, aus einer guten Familie. Ihre Eltern hatten mich nicht als geeignete Partie für ihre Tochter betrachtet, und schließlich hatte sie mir zugunsten eines anderen Mannes den Laufpass gegeben. Nach dieser ernüchternden Erfahrung hatte ich der Liebe den Rücken gekehrt, und die wenigen Affären, die ich seitdem hatte, waren eher halbherzige Geschichten gewesen. Nun kamen mir diese leidenschafslosen Umarmungen plötzlich wieder in den Sinn, in all ihren schnöden, mechanischen Einzelheiten. Ich verspürte eine Welle des Abscheus vor mir selbst und Mitleid mit den betroffenen Frauen.

Die Hitze im Dachzimmer war erdrückend. Ich schaltete die Lampe aus, zündete mir eine Zigarette an und legte mich zwischen die Fotografien und Ausschnitte auf das Bett. Das Fenster stand offen, der Vorhang war zur Seite gezogen. Kein Mond war am Himmel zu sehen, doch die zögerliche Dunkelheit des Sommers war unruhig, voller feiner Bewegungen und Geräusche. Ich starrte ins Dunkel und hatte – wie eine Art seltsames Nachbild des Tages – Hundreds Hall vor Augen. Ich sah die kühlen, dufterfüllten Zimmer und das Licht, das das Haus umfangen hielt wie Wein in einem Glas. Und ich stellte mir vor, was seine Bewohner wohl gerade machten: Betty in ihrem Zimmer, Mrs. Ayres und Caroline in den ihren, Roderick in seinem …

So lag ich lange Zeit reglos mit offenen Augen da, während die Zigarette langsam herunterbrannte und zwischen meinen Fingern zu Asche wurde.

2

Über Nacht war mein Anfall von Unzufriedenheit verschwunden; am nächsten Morgen hatte ich meine düsteren Gedanken fast vergessen. Mit diesem Tag begann eine kurze, ziemlich arbeitsreiche Phase für Graham und mich, denn begünstigt durch die Hitze waren in unserer Gegend eine Reihe kleinerer Epidemien ausgebrochen, und überdies machte eine unangenehme Sommergrippe ihre Runde durch die Dörfer. Ein ohnehin schon zartes, anfälliges Kind war schwer erkrankt, und ich verbrachte viel Zeit mit seiner Behandlung; an manchen Tagen machte ich zwei bis drei Hausbesuche, bis es ihm besser ging. Und es gab kaum Geld dafür, denn seine Familie war in einer Hilfskasse, was bedeutete, dass ich pro Jahr nur eine festgesetzte Summe von ein paar Schilling für seine Behandlung und die seiner Brüder und Schwestern bekam. Doch ich kannte seine Familie gut und mochte sie und war daher froh, als er sich endlich erholte; auch zeigten die Eltern rührende Dankbarkeit.

Mitten in dem ganzen Trubel besann ich mich gerade noch, Betty das Medikament nach Hundreds Hall zu schicken, aber ich hatte keinen weiteren persönlichen Kontakt mit ihr oder der Familie Ayres. Nach wie vor fuhr ich bei meinen Hausbesuchen an der Mauer von Hundreds Hall vorbei, und ab und zu ertappte ich mich, wie ich mit einer Art Wehmut an die dahinterliegende ungepflegte Parklandschaft mit dem vernachlässigten Haus dachte, das still und heimlich immer weiter verfiel. Doch als wir den Höhepunkt des Sommers überschritten hatten und die Tage kürzer wurden, verschwendete ich kaum mehr einen Gedanken daran. Mein Besuch bei den Ayres kam mir bald einigermaßen unwirklich vor – wie ein lebhafter, aber unwahrscheinlicher Traum.

Dann, an einem Abend Ende August – also mehr als einen Monat nachdem ich zum Herrenhaus gefahren war, um Betty zu behandeln –, fuhr ich über einen Feldweg außerhalb von Lidcote, als mein Blick auf einen großen schwarzen Hund fiel, der im Staub am Wegesrand herumschnüffelte. Es muss gegen halb acht gewesen sein. Die Sonne stand noch am Himmel, doch dieser verfärbte sich schon rötlich; ich hatte meine Abendsprechstunde beendet und war auf dem Wege zu einem Patienten in einem der benachbarten Dörfer. Der Hund fing an zu bellen, als er mein Auto hörte, und als er den Kopf hob, sah ich die grauen Haare in seinem Fell und erkannte Gyp wieder, den alten Labrador von Hundreds. Gleich darauf sah ich am Wegesrand, im Schatten der Bäume, auch Caroline. Ohne Hut und Strümpfe war sie gerade dabei, Brombeeren zu pflücken. Sie hatte sich so weit in die Hecken vorgearbeitet, dass ich sie im Vorbeifahren wohl kaum bemerkt hätte, wenn mein Blick nicht vorher auf Gyp gefallen wäre. Ich sah, wie sie den Hund zur Ruhe rief; dann drehte sie den Kopf in Richtung meines Wagens und kniff die Augen gegen das reflektierende Licht der Windschutzscheibe zusammen. Nun bemerkte ich, dass sie den Träger einer Schultertasche über der Brust trug und ein gepunktetes Taschentuch in der Hand hielt, das sie wie Dick Whittington zu einem Bündel zusammengeknotet hatte. Ich bremste und rief ihr durch das geöffnete Fenster zu:

»Wollen Sie etwa von zu Hause ausreißen, Miss Ayres?«

Da erkannte sie mich, lächelte und arbeitete sich vorsichtig rückwärts wieder aus den Brombeersträuchern heraus. Sie hob eine Hand, um ihr Haar von den Ranken zu befreien, dann machte sie einen letzten Satz auf die staubige Straße. Sie klopfte sich den Rock ab – sie trug wieder dasselbe unvorteilhaft geschnittene Baumwollkleid wie bei unserer letzten Begegnung – und erwiderte: »Ich war im Dorf und habe ein paar Besorgungen für Mutter gemacht. Aber dann bin ich vom rechten Weg abgekommen. Schauen Sie mal!«

Sie öffnete vorsichtig das Bündel, und ich sah, dass das, was ich für Punkte auf dem Taschentuch gehalten hatte, in Wahrheit dunkelrote Saftflecken waren. Sie hatte das Taschentuch mit Ampferblättern ausgelegt und mit Brombeeren gefüllt. Sie nahm eine der dicksten Beeren, blies den Staub ab und reichte sie mir. Ich steckte sie in den Mund und spürte, wie sie an meiner Zunge zerplatzte, warm wie Blut und unvorstellbar süß.

»Sind sie nicht wunderbar?«, fragte sie, während ich die Beere herunterschluckte. Sie gab mir noch eine und nahm sich dann selbst eine. »Mein Bruder und ich sind schon als Kinder immer zum Beerenpflücken hierhergekommen. Für Brombeeren ist es die beste Stelle in der ganzen Grafschaft, ich weiß auch nicht, warum. Überall sonst kann es so trocken sein wie in der Sahara, aber hier sind die Beeren immer gut. Wahrscheinlich gibt es hier eine unterirdische Quelle oder so etwas.«

Sie wischte sich mit dem Daumen einen Tropfen des dunklen Saftes aus dem Mundwinkel und runzelte in gespieltem Ernst die Stirn. »Aber das war eigentlich ein Familiengeheimnis, das ich nicht hätte ausplaudern dürfen. Ich fürchte, nun muss ich Sie leider umbringen. Oder schwören Sie, das Geheimnis für sich zu behalten?«

»Ich schwöre«, sagte ich.

»Heiliges Ehrenwort?«

Ich lachte. »Heiliges Ehrenwort.«

Vorsichtig gab sie mir noch eine Beere. »Na, dann muss ich Ihnen wohl vertrauen. Wahrscheinlich ist es auch ziemlich schlechter Stil, einen Arzt umzubringen. Dürfte gleich nach dem Erschießen eines Albatrosses rangieren. Und es ist bestimmt ziemlich schwierig zu bewerkstelligen, denn vermutlich kennen Sie selbst die ganzen Tricks am besten!«

Sie schob sich das Haar zurück und schien sich zu freuen, dass sie eine Gelegenheit hatte, sich zu unterhalten. Sie stand etwa einen Meter von meinem Autofenster entfernt, groß und ungezwungen auf ihren stämmigen Beinen, und da ich nicht unnötig Benzin verbrauchen wollte, schaltete ich den tuckernden Motor ab. Das Auto schien sich ein Stück zu senken, als sei es froh, von seinen Anstrengungen erlöst zu werden, und in der plötzlichen Stille wurde mir die verbrauchte, sirupartige Schwere der Sommerluft bewusst. Aus der Ferne, von den Feldern, hörte man gedämpft die Geräusche der Erntemaschinen und rufende Stimmen. An den langen, hellen Augustabenden arbeiteten die Erntehelfer bis nach elf Uhr.

Caroline suchte noch ein paar Beeren heraus. Mit schräg gelegtem Kopf meinte sie: »Sie haben sich noch gar nicht nach Betty erkundigt.«

»Das wollte ich gerade tun«, erwiderte ich. »Wie geht es ihr? Gab es noch mal irgendwelche Probleme?«

»Nicht einen Mucks! Sie hat einen Tag im Bett verbracht und ist dann auf wundersame Weise genesen. Seitdem haben wir unser Bestes getan, damit sie sich wohler fühlt. Wir haben ihr gesagt, dass sie die Hintertreppe nicht mehr benutzen muss, wenn sie das nicht möchte. Und Roddie hat ein Radio für sie aufgetrieben; das hat sie unheimlich aufgemuntert. Offenbar hatten sie bei ihr zu Hause ein Radio, doch das ist bei irgendeinem Streit kaputtgegangen. Jetzt muss einer von uns einmal in der Woche nach Lidcote fahren, um die Batterie wiederaufzuladen, aber wir denken, dass es die Sache wert ist, solange Betty nur bei Laune bleibt. Aber sagen Sie mir die Wahrheit. Diese Medizin, die Sie ihr geschickt haben, war doch bloß Kreide, nicht wahr? Hat sie überhaupt irgendetwas gehabt?«

»Das kann ich Ihnen unmöglich erzählen. Sie wissen schon, das Arztgeheimnis. Außerdem würden Sie mich womöglich wegen eines ärztlichen Kunstfehlers verklagen.«

»Ha!« Sie verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »In der Hinsicht brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Wir könnten uns die Anwaltskosten gar nicht leisten.«

Sie wandte den Kopf, da Gyp mehrmals kurz aufbellte. Während wir uns unterhielten, hatte er sich schnüffelnd durch das Gras am Rande der Straße bewegt, doch nun hörte man aufgeregtes Flattern auf der anderen Seite der Hecke, und er verschwand in einer Lücke zwischen den Brombeerbüschen.

»Er jagt einem Vogel hinterher, der dumme Kerl«, sagte Caroline. »Das waren früher mal unsere Vögel, wissen Sie, doch nun gehören sie Mr. Milton. Dem wird es gar nicht gefallen, wenn Gyp sich eines seiner Rebhühner schnappt. Gyp! Gyppo! Komm her! Komm sofort zurück, du dummer Hund!«

Sie warf mir hastig das Bündel mit den Brombeeren zu und machte sich auf die Suche nach dem Hund. Ich sah, wie sie die Brombeerranken beiseiteschob und sich, ganz offensichtlich ohne Angst vor Spinnen oder Dornen, in die Hecke beugte, wobei ihr braunes Haar wieder an den Ranken hängen blieb. Sie rief und suchte und brauchte ein bisschen Zeit, bis sie den Hund wiedergefunden hatte, und als dieser endlich hochzufrieden, mit offenem Maul und heraushängender Zunge zum Auto zurücktrottete, fiel mir mein Patient wieder ein, und ich sagte, ich müsse mich auf den Weg machen.

»Gut, aber dann nehmen Sie wenigstens ein paar Beeren mit«, sagte sie gutgelaunt, während ich den Motor wieder anließ. Doch als ich sah, wie sie mir die Beeren abfüllen wollte, kam mir in den Sinn, dass ich ohnehin in die Richtung von Hundreds Hall fahren musste, und da es bis dorthin noch eine Strecke von zwei oder drei Meilen war, bot ich ihr an, sie mitzunehmen. Ich war mir zuerst nicht sicher, ob ihr mein Angebot recht wäre; immerhin schien sie sich hier auf der staubigen Landstraße recht wohl zu fühlen, ähnlich wie ein Landstreicher oder eine Zigeunerin. Sie schien auch zunächst tatsächlich zu zögern, doch hatte sie sich meinen Vorschlag wohl nur reiflich durch den Kopf gehen lassen. Nach einem Blick auf ihre Armbanduhr sagte sie schließlich: »Ja, das wäre schön. Und wenn Sie mich vielleicht an der Straße zu unserer Farm absetzen könnten, wäre ich ihnen noch dankbarer. Mein Bruder ist gerade dort. Eigentlich wollte ich ihm die Arbeit allein überlassen. Doch ich glaube, die werden sich über jede Hilfe freuen, das tun sie eigentlich immer.«

Ich erwiderte, dass ich sie gern mitnehmen würde. Ich machte die Beifahrertür auf, um Gyp auf den Rücksitz zu lassen, und nachdem er sich ein paarmal aufgeregt um sich selbst gedreht und dann seinen endgültigen Platz eingenommen hatte, klappte sie den Vordersitz wieder zurück und stieg neben mir ein.

Als sie sich niederließ, knarrte das Auto ein wenig und neigte sich leicht, und ich wünschte mir plötzlich, dass es nicht gar so klein und alt wäre. Es schien sie jedoch nicht zu stören. Sie legte sich den Ranzen flach über die Knie, stellte das Bündel mit den Brombeeren darauf und seufzte zufrieden, offensichtlich dankbar, dass sie sich setzen konnte. Sie trug ihre jungenhaft flachen Sandalen, und ihre bloßen Beine waren immer noch unrasiert; jedes der winzigen Härchen war, wie ich bemerkte, mit Staub überzogen – wie eine künstlich geschwärzte Wimper.

Als ich losgefahren war, bot sie mir noch eine Brombeere an, doch diesmal schüttelte ich den Kopf, denn ich wollte ihr nicht ihre ganze Ernte wegessen. Nachdem sie sich selbst eine genommen hatte, erkundigte ich mich nach ihrer Mutter und ihrem Bruder.

»Mutter geht es gut«, erwiderte sie und schluckte die Beere hinunter. »Danke der Nachfrage. Sie hat sich neulich sehr gefreut, Sie kennen zu lernen. Sie weiß immer gern Bescheid über die Nachbarschaft. Wir kommen so viel weniger unter Leute als früher, und da das Haus ein wenig heruntergekommen ist, schämt sie sich und lädt nur selten Besuch ein. Deshalb fühlt sie sich auch ein wenig von der Welt abgeschnitten. Und Roddie – ja, dem geht’s eigentlich wie immer. Er arbeitet zu viel und isst zu wenig … Sein Bein macht ihm ziemliche Probleme.«

»Ja, darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht.«

»Ich weiß nicht, wie stark es ihn wirklich behindert. Ziemlich stark, vermute ich. Er sagt, er hat keine Zeit, es richtig behandeln zu lassen. Was er wohl eigentlich meint, ist jedoch, dass wir das Geld nicht haben.«

Das war das zweite Mal, dass sie über Geld gesprochen hatte, doch diesmal war keine Spur von Klage in ihrer Stimme, sie sprach ganz nüchtern, als stelle sie bloß eine Tatsache fest. Während ich vor einer Kurve herunterschaltete, sagte ich: »Steht es wirklich so schlimm?« Und als sie mir nicht gleich antwortete, fügte ich hinzu: »Ist es Ihnen unangenehm, wenn ich frage?«

»Nein, es ist mir nicht unangenehm. Ich habe bloß überlegt, was ich antworten soll. Um ehrlich zu sein, steht es ziemlich schlimm. Ich weiß nicht genau, wie schlimm, weil Rod die ganze Buchhaltung allein erledigt, und er ist ziemlich verschlossen. Er sagt bloß immer, dass er es schon schaffen wird. Wir bemühen uns beide, das meiste vor Mutter zu verbergen, doch selbst ihr muss klar sein, dass es auf Hundreds nie wieder so sein wird wie früher. Die Farm liefert inzwischen mehr oder weniger unser einziges Einkommen. Und die Welt hat sich ebenfalls verändert, nicht wahr? Nichts ist mehr so wie früher. Deshalb ist uns auch so sehr daran gelegen, dass Betty bei uns bleibt. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr es Mutters Laune hebt, dass wir, genau wie früher, nach einem Dienstboten klingeln können, statt selbst in die Küche runterzulaufen, um uns einen Krug heißes Wasser zu holen. Diese Dinge bedeuten nun mal so viel. Wir hatten auf Hundreds immer Dienstboten, müssen Sie wissen, bis der Krieg ausbrach.«

Wieder sprach sie ganz nüchtern, als würde sie sich mit jemandem aus ihrer eigenen Klasse unterhalten. Doch dann schwieg sie einen Augenblick, rückte befangen auf ihrem Sitz hin und her und sagte schließlich in verändertem Tonfall: »Ach Gott, Sie müssen uns ja für ziemlich oberflächlich halten. Es tut mir leid.«

Ich erwiderte: »Nein, ganz und gar nicht.«

Doch mir war klar, was sie meinte, und ihre offensichtliche Befangenheit bewirkte nur, dass ich ebenfalls verlegen wurde. Die Straße, auf die wir abgebogen waren, war ich als kleiner Junge zur selben Jahreszeit oft gegangen, wie mir jetzt einfiel. Ich hatte den Brüdern meiner Mutter Brot und Käse zum Mittagsimbiss gebracht, wenn sie bei der Ernte auf Hundreds halfen. Ohne Frage wären diese Männer ziemlich erheitert gewesen, wenn sie geahnt hätten, dass ich dreißig Jahre später als approbierter Arzt in meinem eigenen Auto die gleiche Straße entlangfahren würde, Seite an Seite mit der Tochter des gnädigen Herrn. Doch plötzlich fühlte ich mich merkwürdig linkisch und fehl am Platz – gerade so, als hätten meine Onkel, schlichte Landarbeiter, die sie waren, mich sofort als Hochstapler entlarvt und ausgelacht, wenn sie mich tatsächlich so hätten sehen können.

Also sagte ich eine Zeit lang nichts, auch Caroline schwieg, und die ganze frühere Unbefangenheit schien verschwunden. Das war schade, denn der Weg war schön, die Ränder dicht bewachsen mit schweren Hagebuttenbüschen, Roten Spornblumen und dem weißblühenden Wiesenkerbel. Durch das Gebüsch konnte man hin und wieder einen Blick auf die dahinterliegenden Felder erhaschen; einige waren bereits abgeerntet, und Krähen pickten zwischen den Stoppeln herum, auf anderen stand noch der Weizen, und zwischen den hohen gelben Ähren ragten dunkelrote Mohnblumen auf.

Wir hatten den Feldweg erreicht, der zum landwirtschaftlichen Betrieb von Hundreds führte, und ich verlangsamte das Auto, um abzubiegen. Doch Caroline richtete sich auf, als wolle sie aussteigen.

»Sie brauchen mich nicht den ganzen Weg da runter zu fahren. Es ist nicht weit.«

»Sind Sie sicher?«

»Ganz sicher.«

»Na gut.«

Wahrscheinlich hatte sie genug von mir, und ich konnte es ihr kaum verübeln. Doch als ich die Bremse angezogen hatte und der Motor im Leerlauf war, hielt sie mit der Hand auf dem Türgriff inne und wandte sich mir zu. »Vielen Dank, dass Sie mich mitgenommen haben, Dr. Faraday«, sagte sie unbeholfen. »Es tut mir leid, dass ich vorhin so rumgejammert habe. Sie denken bestimmt das Gleiche, wie die meisten Leute, wenn sie Hundreds heute sehen. Dass wir verrückt sein müssen, weil wir weiter dort leben und versuchen, das Haus so zu halten, wie es einmal war. Dass wir lieber aufgeben sollten. In Wahrheit wissen wir jedoch ganz genau, wie glücklich wir uns schätzen können, dass wir überhaupt dort leben konnten. Und deshalb müssen wir auch den Besitz in Ordnung halten – um unseren Teil der Abmachung einzuhalten, gewissermaßen. Das kann einem manchmal als große Belastung erscheinen.«

Ihr Tonfall war aufrichtig und ungekünstelt. Sie hatte eine sehr schöne Stimme, tief und melodisch – eine Stimme, die eigentlich zu einer viel attraktiveren Frau gehört hätte und die mich auf eigenartige Weise berührte, dort im warmen Zwielicht des engen Autos.

Mein komplexes Gefühlsdurcheinander ordnete sich allmählich wieder. »Ich halte Sie ganz und gar nicht für verrückt, Miss Ayres«, sagte ich. »Ich wünschte bloß, es gäbe etwas, was ich tun kann, um Ihrer Familie die Lasten etwas zu erleichtern. Wahrscheinlich spricht da der Arzt in mir. Das Bein Ihres Bruders, zum Beispiel. Ich habe schon darüber nachgedacht, ob ich es mir nicht mal genauer anschauen sollte.«

Sie schüttelte den Kopf. »Das ist sehr freundlich von Ihnen. Aber ich habe es wirklich ernst gemeint, als ich vorhin sagte, dass uns das Geld für eine Behandlung fehlt.«

»Und wenn die Möglichkeit bestünde, das Honorar zu erlassen?«

»Nun, das wäre noch sehr viel freundlicher von Ihnen. Aber ich glaube nicht, dass mein Bruder das akzeptieren könnte. Er hat immer noch einen geradezu lächerlichen Stolz, wenn es um solche Dinge geht.«

»Aha«, sagte ich. »Aber da wüsste ich vielleicht eine Möglichkeit, wie wir das umgehen könnten …«

Seit meinem Besuch auf Hundreds Hall hatte ich diese Idee schon im Hinterkopf; nun gelang es mir endlich, sie in klarere Worte zu fassen. Ich erzählte ihr von den Erfolgen, die ich in der Vergangenheit mit der Elektrotherapie bei der Behandlung von Muskelverletzungen ähnlich der ihres Bruders hatte erzielen können. Ich sagte, dass man Induktionsspulen nur selten außerhalb von Fachabteilungen fand, wo sie normalerweise bei sehr frischen Verletzungen angewandt würden, nach meiner Vermutung hätten sie jedoch einen weitaus größeren Anwendungsbereich.

»Man muss die niedergelassenen Ärzte von dieser Therapie überzeugen«, sagte ich. »Sie müssen den Beweis sehen. Ich habe zwar die nötige technische Ausrüstung, aber leider findet sich nicht immer der passende Patient für die Anwendung. Wenn ich einen geeigneten Patienten hätte, meine Ergebnisse während der Therapie dokumentieren und schließlich eine wissenschaftliche Veröffentlichung daraus machen würde, nun, dann hätte der Patient mir sozusagen einen Gefallen getan. Ich würde doch nicht im Traum daran denken, dafür noch ein Honorar zu nehmen.«

Sie kniff die Augen zusammen. »Ich glaube, ich kann da die verschwommenen Umrisse eines wunderbaren Arrangements erahnen.«

»Genau. Ihr Bruder müsste noch nicht mal in meine Praxis kommen, denn das Gerät lässt sich gut transportieren.

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