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Der Bergdoktor - Folge 1765

Verloren in den Bergen

Dr. Burger und die Bergretter sind Vrenis letzte Hoffnung

Von Andreas Kufsteiner

Vreni und ihr Verlobter Marius, dem der stattliche Binder-Hof unterhalb vom Achenwald gehört, sitzen auf der Bank am Wiesenmarterl und schauen zu den Bergen hinauf, die sich im Sonnenlicht vor ihnen auftürmen. Alles sieht so idyllisch und so friedlich aus! Und doch hat sich dort oben erst vor wenigen Wochen eine schreckliche Tragödie abgespielt. Der Berg hat zwei Opfer gefordert: Marius’ Bruder und dessen Verlobte Katrin. Wie konnte es nur zu dieser Katastrophe kommen?

Tag und Nacht treibt Marius seitdem die Frage nach dem Warum, und er weiß, dass er nur eine Antwort findet, wenn er denselben Weg geht, der seinem Bruder und Katrin zum Verhängnis geworden ist.

Trotz Vrenis inständigem Flehen, die Vergangenheit ruhen zu lassen, macht sich Marius eines Morgens auf den Schicksalsweg …

»Du hast etwas ganz Bestimmtes vor«, sagte Vreni. »Ich seh’s dir an der Nasenspitze an, Marius.«

»Richtig. Wahrscheinlich errätst du auch, was es ist«, erwiderte er. »Ich hab’s vor ein paar Tagen schon angedeutet.«

Vreni Kernacher und ihr Verlobter, dem der stattliche Binder-Hof unterhalb vom Achenwald gehörte, saßen auf der Bank am Wiesenmarterl und schauten zu den Bergen hinauf, die sich im Sonnenlicht vor ihnen auftürmten.

Es war ein schöner Tag im Juli. Nichts schien an das Unglück im Gebirge zu erinnern, vor dem Marius und die blonde Vreni fassungslos standen und das im Dorf Entsetzen ausgelöst hatte.

Wie eine Urgewalt war es über die Familie Binder gekommen.

Im Mai hatten die Berge zwei Opfer gefordert: Paul Binder und Katrin Leinbacher.

Marius trauerte um seinen Bruder, Vreni um ihre Freundin. Auch diese beiden waren verlobt gewesen und hatten ihre Hochzeit Anfang September feiern wollen.

Marius und Vreni, Paul und Katrin – vier junge, verliebte Menschen, die sich miteinander so gut verstanden hatten wie kaum jemand sonst. Und trotzdem schien es jetzt so, als hätten die Verstorbenen etwas Unausgesprochenes mit in den Tod genommen, von dem niemand etwas ahnte.

»Du willst in die Berge hinauf, Marius«, flüsterte Vreni. »Warum? Wieso drängt es dich dazu?«

»Es lässt mir einfach keine Ruhe, Schatzl. Ich will den Weg gehen, der meinem Bruder und Katrin zu Verhängnis geworden ist. Vielleicht kann ich etwas herausfinden.«

Das Mädchen brach in Tränen aus.

Marius nahm Vreni in die Arme und hielt sie ganz fest, bis sie sich beruhigt hatte. Oft tröstete er sie, dann wiederum war sie an der Reihe, ihm Trost zuzusprechen, denn sie wurden wechselseitig von ihrem Kummer heimgesucht.

Eigentlich hatten auch sie in diesem Sommer heiraten wollen, in genau vierzehn Tagen wäre der Termin gewesen. Aber der unbarmherzige Schicksalsschlag machte ihre Pläne zunichte. Wenn überhaupt noch in diesem Jahr, dann würde es eine melancholische Hochzeit zwischen fallenden Blättern und Nebelschwaden oder eine weiße Schneehochzeit werden, still und im Gedenken an die Verunglückten.

»Wenn du ins Gebirge hinaufgehst, dann begleite ich dich«, beharrte Vreni. »Ich werde bei dir sein.«

»Nein, das erlaube ich net. Es ist zu anstrengend«, lehnte der junge Bauer ab. »Drei Tage oder mehr droben im Gebirge, das ist kein Spaziergang über eine Sommerwiese.«

»Als ob ich das nicht wüsste! Für Katrin war’s ja auch net zu anstrengend«, widersprach Vreni. »Jedenfalls nicht, als sie mit Paul losgegangen ist. Was später passierte, wissen wir nicht. Sie sind wohl vom Weg abgekommen und haben sich in den Felsentälern verirrt und verloren. Weshalb musste es so weit kommen? Sie wollten vor der Hochzeit unbedingt diese Zeit in den Bergen für sich allein haben. Vielleicht hätten wir sie daran hindern sollen.«

»Es gab keinen Grund. Mein Bruder kannte sich im Gebirge bestens aus, besonders in der Gegend rund um den Feldkopf, am Kreuzeck und am Feldkopfjoch«, überlegte Marius zum x-ten Mal. »Ich kann’s net begreifen, warum das Unglück geschehen ist. Diese Wanderung hatte er doch schon einige Male gemacht, und zwar allein. Paul war ein echter Naturbusche, er fand es großartig, droben in einem kleinen Zelt zu übernachten und dann weiterzugehen. Mit Katrin wollte er in der einen oder anderen Hütte übernachten, er hatte es genau geplant.«

»Manche Pläne können ins Wanken geraten, wenn etwas dazwischen kommt«, gab Vreni zu bedenken. »Wir wissen nur, dass Katrin und dein Bruder im Hochkar gefunden wurden, das liegt abseits von der Strecke zum Feldkopfjoch, wo sie doch eigentlich hin wollten. Sie sind beide abgestürzt. Es ist eine schreckliche Tragödie.«

»Vom Hochkar aus hat man eine grandiose Aussicht über die Felsentäler hinweg«, grübelte Marius. »Das ist gigantisch, etwas Einmaliges, man vergisst es nie mehr. Es kann sein, dass es ihnen um diese tolle Aussicht ging, als sie einen anderen Weg wählten. Wenn man sich von der Schlucht fernhält und die übliche Vorsicht walten lässt, ist es dort oben nicht gefährlich. Aber man kann ausrutschen und den Halt verlieren, wenn man unachtsam ist. Dann sieht es böse aus. Ich weiß nicht, warum Katrin so nahe am Abgrund war und weshalb mein Bruder sie nicht rechzeitig zurückhalten konnte. Er muss zunächst ein gutes Stück hinter ihr gewesen sein …«

»Vielleicht ist Katrin vorausgelaufen, um ihn zu necken«, meinte Vreni bedrückt. »Sie war ja manchmal ein bisschen leichtsinnig. Und dann machte sie auch immer diese Versteckspiele: Such mich, fang mich! Das fand sie lustig.«

Marius nickte. »Ja, ich weiß. Vielleicht war es so, wie du sagst, Schatzl. Der einzige Trost ist, dass sie beide auf der Stelle tot waren. Dr. Burger hat festgestellt, dass sie innerhalb von Sekunden gestorben sind, beide an einem Bruch der Halswirbelsäule und des Genicks. Das klingt schrecklich, aber sie haben nix mehr gemerkt von alldem. Freilich haben wir sie erst zwei Tage nach ihrem Tod gefunden, weil die Stelle, an der sie lagen, ganz schwer einsehbar war.«

Vreni schwieg. Sie wusste, wie entsetzlich es für ihren Verlobten gewesen war, als er – zusammen mit den Männern der Bergwacht – seinen Bruder und Katrin tot aufgefunden hatte.

Martin Burger, der Bergdoktor von St. Christoph und Rettungsarzt bei schwierigen Einsätzen, war an jenem Tag gar nicht mehr in seine Praxis in der Kirchgasse zurückgekehrt, denn das Unglück im Gebirge und das grenzenlose Leid auf dem Binder-Hof hatten ihn bis in die Abendstunden festgehalten. Derweil war seine Frau, ebenfalls Dr. med., als Vertretung in der Praxis eingesprungen.

Schorsch und Emmi Binder, beide Mitte sechzig, schienen seit dem Tod ihres Sohnes Paul stark gealtert zu sein. Sie redeten nur noch wenig und wollten die Tage allein verbringen, obwohl sie früher so gern Gäste um sich gehabt hatten.

Dass ihr jüngerer Sohn Paul mit achtundzwanzig Jahren gestorben war, kurz vor der Hochzeit mit seiner Katrin, war ein Schlag, der das Ehepaar bis ins Mark getroffen hatte.

Nur ihrem unerschütterlichen Glauben an den Herrgott und ein ewiges Leben verdankten es die Binders, dass sie jeden Morgen wieder aufstanden und ihr Tagwerk verrichten. Sie taten es zwar mit großer Mühe und so langsam wie nie zuvor, aber sie rafften sich mit all ihrer Kraft zusammen. Alle drückten ihnen ganz fest die Daumen. Irgendwann würde die Erstarrung von dem herzensguten Ehepaar weichen, darüber war man sich im Dorf einig.

Die Binders brauchten noch Zeit, man musste ihnen die Möglichkeit geben, mit dem Verlust ihres Sohnes Paul fertig zu werden.

Derweil lasteten die ganze Verantwortung und die gesamte Arbeits-Einteilung auf Marius, der selbst mit vielen ungelösten Fragen und seiner Trauer zu kämpfen hatte.

Bisher war der junge Landwirt nicht dazu gekommen, die persönlichen Sachen seines Bruders zu sichten und Ordnung in den Unterlagen zu schaffen. Auf Pauls Schreibtisch in seinem Bürostüberl häufte sich allerhand Papierkram, und die Schubläden steckten voller Umschläge, Mappen und dergleichen mehr.

Paul und Katrin hatten vorgehabt, einen eigenen Hof im Hochtal von St. Christoph oder in der Nähe zu erwerben.

Katrin, die vor fünf Jahren aus der Steiermark ins Zillertal gekommen war und im Schlössl des Barons von Brauneck im hauswirtschaftlichen Bereich gearbeitet hatte, war als Waise – ihre Eltern waren von einem Abenteuerurlaub nicht mehr zurückgekehrt – bei einer entfernten Verwandten aufgewachsen. Weitere Angehörige gab es nicht mehr.

Außer ihrem Sparbuch und ein paar persönlichen Dingen hatte sie nichts besessen, aber sie war eine hübsche, freundliche junge Frau gewesen – sechsundzwanzig Jahre jung, als das Unglück geschah.

Wusste ich eigentlich alles über Katrin?, dachte Vreni.

Nein, bestimmt nicht alles. In den der letzten Zeit hatte sie oft sehr abwesend gewirkt, tief in Gedanken versunken. Woran hatte sie gedacht? Was hatte ihr so viel Kopfzerbrechen bereitet? Manchmal war sie von einer Minute zur anderen müde geworden und hatte mit niemandem mehr reden wollen.

Die Mädchen hatten vor drei Jahren gemeinsam einen Tanzkurs in Schwaz besucht und waren dort auf die Brüder Paul und Marius Binder getroffen, zwei fesche Burschen mit dem Ehrgeiz, nicht nur »herumzuhüpfen«, sondern wirklich tanzen zu lernen.

Aus der »Tanzerei« war mehr geworden: Vreni hatte sich fest mit Katrin angefreundet und sich obendrein Hals über Kopf in Marius verliebt. Hernach war es irgendwie selbstverständlich gewesen, dass auch Katrin und Paul zueinandergefunden hatten.

Vier junge Leute, denen die helle Freude am Leben aus den Augen schaute, das waren sie gewesen – bis das entsetzliche Geschehen im Gebirge das Licht ausgelöscht hatte.

»Woran denkst du?«, fragte Marius in diesem Moment.

Vreni zuckte kurz zusammen, als sei ein Blitz neben ihr in den Boden gefahren. Neuerdings kam es ihr so vor, als sei sie viel schreckhafter geworden. Schon bei ganz alltäglichen Dingen bekam sie manchmal Angst.

Wenn sie in der Früh wach wurde, fühlte sie sich wie gerädert, denn jede Nacht wurde sie von gespenstischen Träumen heimgesucht.

Sie träumte oft von Katrin, die in einem weißen Kleid auf sie zukam und ihr etwas Unverständliches ins Ohr flüsterte. Es war wirklich ein unheimlicher Traum, denn das Kleid wurde nach und nach schwarz, bis Katrin ganz darin verschwand wie in einer dunklen Wolke.

Vreni wollte mit Marius, den sie über alles liebte, nicht darüber sprechen. Er hatte selbst genug Sorgen. Sie konnte ihm unmöglich auch noch zumuten, sich mit ihren Albträumen abzugeben.

»Du grübelst zu viel umeinander«, meinte er jetzt unwillig. »Das hilft uns nicht weiter.«

»Ich hab an Katrin gedacht, und ob ich sie wirklich so gut kannte, wie ich immer gedacht hab«, flüsterte Vreni.

»Ihr wart Freundinnen. Sie hat dir sicher nichts verschwiegen. Was auch?« Marius wirkte gereizt. »Wieso denkst du dauernd darüber nach, ob sie irgendwelche Geheimnisse hatte?«

»Ich denke nicht dauernd daran. Nur ab und zu«, entgegnete Vreni bekümmert. »Das hat auch nichts mit dem Unglück zu tun. Es tut mir leid, dass ich manchmal keine Zeit für sie hatte, wenn sie mit mir reden wollte. Ich hab eine wunderschöne Kindheit und Jugend gehabt – und sie nicht. Warum wollte ich mir net anhören, was sie auf dem Herzen hatte? Ach, Marius! Mir tut vieles unendlich leid. Dr. Burger sagt, wenn jemand gestorben ist, der einem nahe stand, fühlt man sich schuldig. Man glaubt dann, dass man demjenigen zu Lebzeiten nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt hat.«

»Mag sein. Das ist eben so. Aber dieses ständige Sinnieren ist der falsche Weg, man wird dadurch ganz nervös und zerfahren. Schatzl, wir beide müssen wieder mehr an uns denken. Es darf net sein, dass wir uns voneinander entfernen. Im Moment sieht es manchmal danach aus.«

Marius starrte vor sich hin. Zwar bemängelte er Vrenis Grübelei, aber er selbst war nicht viel besser. Wenn er nicht arbeitete, hing er ständig seinen Gedanken nach. Was in ihm vorging, behielt er für sich.

»Wir haben schwere Wochen hinter uns«, ergänzte er. »Deshalb müssen wir so schnell wie möglich zur Ruhe kommen. Weder mein Bruder noch Katrin werden wieder lebendig, wenn wir uns das Gehirn zermartern. Wir müssen zusammenhalten, Schatzl, mehr denn je.«

»Das ist mir klar.«

»Gut, Vreneli. Dann tu mit den Gefallen und such net dauernd nach irgendwelchen Hintergründen. Katrin und Paul sind tödlich verunglückt, das ist die Realität. Es klingt hart und bitter, und man zerbricht fast daran. Aber es gibt keine Gründe für dieses Unglück, außer, dass sie wahrscheinlich abgelenkt und unkonzentriert waren.«

»Ja«, sagte das Mädchen und blickte in den blauen Himmel hinauf. »So muss es gewesen sein. Sie waren nicht bei der Sache. Du hast recht. Übrigens, du brauchst nicht so gescheit daherzureden wie ein Psychologe.«

»Tu ich das?«

»Freilich, und zwar dauernd!«, rief Vreni. »Ich soll net darüber nachdenken, wie es zu diesem Unglück kommen konnte. Und was machst du? Ich seh dir an, dass die Gedanken in deinem Kopf pausenlos umeinander schwirren. Du willst noch genauer als ich wissen, warum die beiden sterben mussten. Aber du wirst es net herausfinden, auch wenn du ins Gebirge hinaufsteigst. Wir werden niemals erfahren, wie Katrins und Pauls letzte drei Tage wirklich ausgesehen haben!«

***

»Vielleicht doch.« Marius runzelte die Stirn. »Paul und ich, wir waren fast wie Zwillingsbrüder. Ich hab meistens gewusst, was in ihm vorging und umgekehrt. Ich glaube, er würde es wollen, dass ich auf seinen Spuren nach einer Antwort auf meine Fragen suche.«

»Welche Fragen sind das?«

»Nun, zum Beispiel, warum sie diese Wanderung unbedingt machen wollten«, erwiderte Marius. »Das hast du ja selbst vorhin auch schon erwähnt. Weshalb sie glaubten, dass sie dort oben in den Felsentälern zwei Monate vor ihrer Hochzeit ganz nah beisammen und besonders glücklich sein würden.«

»Es geht dich eigentlich nichts an«, überlegte Vreni. »Und mich auch net.

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