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Der Bergdoktor - Folge 1064

Herz am Scheideweg

Elfies Liebe erfuhr eine harte Prüfung

Von Andreas Kufsteiner

Es ist ein gutes Leben, das die Menschen auf dem Steinkogler-Hof führen. Irma und Wendelin sind auch nach fast dreißig Jahren Ehe immer noch glücklich miteinander, ihre beiden Töchter sind wohlgeraten. Hanna, die ältere, hat ihnen bereits zwei prächtige Enkelkinder geschenkt, und Elfie, die zweitgeborene, wird im Sommer ihre Jugendliebe heiraten. Alles, was sich die Steinkoglers wünschen, ist dies: dass es immer so bleiben möge.

Ein Wunsch, der sich nicht erfüllt. Als Elfie an einem strahlenden Frühlingstag von der Arbeit auf dem Feld heimkehrt, sitzen ihre Eltern völlig gebrochen in der abgedunkelten Stube. Vor ihnen auf dem Tisch brennt die Totenkerze …

Dr. Martin Burger, der Landarzt von St. Christoph, war unterwegs zu einem Hausbesuch auf dem Steinkogler-Hof. Die Altbäuerin hatte sich das Knie verrenkt und durfte eine Weile das Bein nicht belasten, aber das Ärgste war vorbei. Die Zerrung des Kreuzbandes heilte gut, den Gips hatte er schon entfernen können, doch er sah lieber noch einmal nach, bevor er leichte Belastung erlaubte.

Elfie Steinkogler, die vor einem Jahr den elterlichen Hof übernommen hatte, begrüßte den Bergdoktor herzlich wie immer. Sie war eine hübsche, junge Frau mit dichtem, blondem Haar, das sie meist zu einem Zopf geflochten trug. Ihre grauen Augen lachten Dr. Burger an, als sie ihm die Hand schüttelte.

»Bittschön, erlauben Sie der Mutter, dass sie ein bisserl rumgehen darf«, bat sie, und in ihren Wangen erschienen reizende Grübchen. »Sie ist fast nimmer zu bändigen, weil sie’s einfach net gewöhnt ist, gar nix zu tun!«

Martin Burger lachte. »Ich muss sie noch ein bisserl zurückhalten, Elfie! Wenn ich ihr sage, dass alles gut verheilt ist, übertreibt sie doch gleich wieder, und das könnte schon noch gefährlich werden.«

Elfie nickte. »Also ganz vorsichtig von der Leine lassen«, meinte sie schelmisch.

»Ich sehe schon, du hast verstanden«, erwiderte Dr. Burger und folgte ihr in die Stube.

Irma Steinkogler saß in einem weich gepolsterten Lehnstuhl, das ausgestreckte Bein auf einen Schemel gebettet. Sie wandte den Kopf, als Dr. Burger und Elfie eintraten.

»Doktor! Wie lange muss ich noch so nutzlos rumsitzen! Es ist Frühling, und draußen ist viel zu tun. Darf ich denn wenigstens kochen? Die Elfie kann ja net alles machen!«

Dr. Burger drückte ihr die Hand und untersuchte das Knie sehr sorgfältig.

»Kochen darfst du«, erlaubte er endlich. »Aber, bittschön, nur kochen. Die Bandage bleibt noch, damit du das Knie net zu viel und zu schnell abbiegen kannst. Wenn du rausgehen willst, nimm noch eine Krücke, zur Sicherheit. Aber ich kann dir sagen, in zwei Wochen wird dir nix mehr wehtun.«

»Mir tut aber jetzt schon nix mehr weh«, wandte die Altbäuerin ungeduldig ein.

»Belaste erst mal das Bein, aber vorsichtig!«, warnte Dr. Burger. »Dann wirst du schon merken, was ich meine. Alsdann, Irma, in zwei Wochen kommst du in die Praxis, dann kriegst du eine leichtere Bandage. Bis dahin musst du aber vorsichtig sein. Versprichst du mir das?«

Irma Steinkogler seufzte ergeben auf. »Was bleibt mir denn anderes übrig? Ich bin ja froh, dass ich wenigstens wieder kochen kann. Ehrlich, Herr Doktor, bei der vielen Arbeit auf den Feldern kann doch die Elfie net auch noch die Küche machen!«

»Das muss sie ja jetzt nimmer«, gab Dr. Burger beruhigend zurück. »Und du hörst auf dein Knie, ja? Wenn’s wehtut, hinsetzen und Bein hochlagern.«

»Mach ich. Ich stelle mir einen Stuhl samt Schemel neben den Herd«, versprach Irma hoch und heilig. »Wenn ich bloß wieder was tun kann!«

Sie verabschiedete sich von Martin Burger, der mit Elfie die Stube verließ.

Irma Steinkogler lehnte sich zurück. Eine Weile hatte sie noch Zeit, bevor sie das Mittagessen kochen musste. Eine Weile, in der sie über ihr Leben nachdachte.

Es war ein gutes Leben, das sie mit ihrem Mann Wendelin führte. Sie hatten aus Liebe geheiratet, obwohl manch böse Zunge in St. Christoph behauptet hatte, dass Irma mehr auf den Hoferben als auf den schmucken Wendelin aus gewesen war.

Das stimmte nicht, die Ehe war von Anfang an glücklich gewesen. Sie hatten zwei Töchter bekommen, die sie von Herzen liebten.

Eigentlich hätte die erstgeborene Hanna den Hof übernehmen sollen. Aber das Madel hatte sich vor nunmehr neun Jahren in den Neuhauser-Gustl verliebt, der in der Likörfabrik des Barons von Brauneck in Jenbach arbeitete. Nach der Hochzeit war sie zu ihm nach Jenbach gezogen.

Inzwischen hatten die beiden zwei Kinder, die siebenjährige Rosmarie, die von allen nur Romy genannt wurde, und den vierjährigen Georg. Wenn ihre Enkelkinder zu Besuch kamen, war das für Irma immer ein Feiertag. Sie hatte gern ihre Lieben um sich, und auch Wendelin war glücklich. Der kleine Georg durfte mit ihm auf dem Traktor fahren, und Romy hatte zu ihrem sechsten Geburtstag von ihm ein Pony bekommen, das sie Paula getauft hatten. Das Pony musste allerdings auf dem Hof bleiben, denn in Jenbach konnte man es nicht unterbringen.

Den Hof hatten Irma und Wendelin vor einem Jahr ihrer jüngeren Tochter Elfie überschrieben, als sie fünfundzwanzig geworden war. Am selben Tag hatte sie sich mit dem Kreuzmeier-Helmut verlobt, einem Bauernsohn aus St. Christoph, dessen älterer Bruder Laurent den Hof übernehmen sollte.

Im Juni würden die beiden heiraten.

Irma war mit sich und der Welt zufrieden. Hanna und Gustl führten eine glückliche Ehe, die Kinder waren wohlgeraten. Elfie war mit einem feschen, tüchtigen Bauern verlobt. Der Bestand des Hofes war gesichert, denn Helmut wollte möglichst viele Kinder haben.

Ob da Elfie auch mitziehen würde, bezweifelte Irma im Stillen. Aber zwei Kinder würde ihre Tochter wohl nicht ablehnen.

Irma sah auf die große Wanduhr, die in einer Ecke der Stube stand. Es wurde Zeit, dass sie in die Küche ging, um das Mittagessen zu machen.

Vorsichtig stand sie auf, belastete das kranke Bein und stellte fest, dass das Knie gar nicht mehr wehtat. Langsam ging sie in die Küche und machte sich an die Arbeit. Sie konnte wieder etwas tun, und das erleichterte sie sehr. Es war wirklich ein gutes Leben, das sie auf dem Steinkogler-Hof führte. Wendelin und sie liebten einander immer noch von Herzen, und ihre Kinder waren glücklich.

Irma Steinkogler wünschte sich nur eines: dass es immer so bleiben möge.

***

Helmut Kreuzmeier war auf dem Weg zum Steinkogler-Hof. Jetzt im Frühling gab es viel Arbeit auf den Feldern, und er half als künftiger Schwiegersohn schon fleißig mit. Zu Hause hatte er nicht so viel zu tun, da sein Vater und sein Bruder mit der Arbeit gut zurechtkamen.

Helmut war ein fescher Kerl. Groß und sportlich, mit blondem Haar, das im Sommer fast weiß wurde, und einem feschen Oberlippenbärtchen. Die Mädchen schauten ihm sehnsüchtig hinterher und bedauerten, dass dieser schmucke Bursche schon vergeben war.

Im Gegensatz zu seinem flotten Aussehen war Helmut ein Familienmensch. Er konnte es kaum erwarten, seine Elfie endlich zu heiraten und mit ihr eine eigene Familie zu gründen. Eine möglichst große sollte es werden!

Elfie lachte nur zu den Plänen ihres Verlobten, wenn von einer ganzen Fußballmannschaft die Rede war. Sie liebte ihren Helmut von Herzen und ließ ihn einfach träumen. Bei der Familienplanung gedachte sie allerdings, rechtzeitig die Bremse zu ziehen!

Helmut fand Elfie auf dem Kartoffelacker, wo sie mit einer speziellen Vorrichtung am Traktor Setzkartoffel einlegte. Sie summte einen Schlager vor sich hin, doch das konnte man wegen des Traktorlärms nicht hören. Sie hörte aber das Hupen vom Feldweg her und stellte den Traktor ab.

»Helmut!«, rief sie winkend und sprang von der schweren Maschine.

»Elfie, mein Schatzerl!«, rief er lachend zurück und stapfte ihr über den frisch gepflügten Acker entgegen. »Ich soll dich ablösen, die Mutter braucht dich im Haus!«

»Ich weiß.« Sie nickte, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm ein herzhaftes Busserl. Er fasste sie um die Taille, hob sie hoch und schwenkte sie einmal im Kreis.

»Loslassen, du Lümmel«, schimpfte sie, doch ihre schönen, grauen Augen blitzten vor Vergnügen.

Auch Helmuts helle Augen funkelten, als er seine Liebste wieder auf den weichen Ackerboden stellte. »Was habt ihr Weibsbilder denn so Wichtiges zu tun?«

Elfie lächelte verschmitzt. »Das geht bloß die Braut und ihre Mutter etwas an. Na gut«, gab sie dann nach, als Helmut sie so gar nicht loslassen wollte. »Die Kerner-Marie kommt in einer Stunde, um Maß zu nehmen. Und Stoffmuster bringt sie auch mit. Mehr verrate ich jetzt aber nimmer. Lass dir ja net einfallen, schlampig zu arbeiten, weil du spionieren willst!«

»Warum sollte ich?«, fragte Helmut in einem Tonfall, als wäre er über jede Neugierde erhaben.

»Na, ich warne dich bloß«, erwiderte Elfie nachdrücklich. »Es bringt nämlich Unglück, wenn der Bräutigam das Brautkleid schon vor der Hochzeit sieht!«

»Ah ja.« Helmut nickte gespielt ernsthaft und gab ihr ein Busserl. Dann sah er sich um. »Du warst ganz schön fleißig! Wie lange muss ich denn schaffen?«

Elfie lachte. »Wenn es sich noch ausgeht, fang halt auf dem Rübenacker an. Setzlinge hab ich auf dem Anhänger, der steht da drüben. Den nimm, bittschön, wieder mit zum Hof. Ich kann doch dein Auto nehmen?«

»Du kannst alles«, versicherte Helmut verliebt. »Für die Mutter meiner zahlreichen Kinder tu ich alles!«

»Träumer!« Elfie winkte lächelnd ab. »Spätestens nach dem dritten wirst du die Nase voll haben.«

»Nie!«, behauptete Helmut und drückte sie noch mal an sich. »Mei, ich freu’ mich schon so auf unsere Hochzeit.«

»Ich auch«, erwiderte sie weich und schob ihn von sich. »Marsch, an die Arbeit, sonst geschieht auf dem Feld gar nix mehr, und ich komme zu spät heim!«

»Zu Befehl, meine Bäuerin!« Helmut salutierte übertrieben stramm und marschierte dann im Militärschritt zum Traktor.

Elfie musste lachen, als sie ihm nachsah. Als er in den Traktor kletterte, winkte sie ihm noch einmal zu und stieg in sein Auto.

Ein reizendes Lächeln lag auf ihren Lippen, als sie zum Hof fuhr. Sie war glücklich mit Helmut und würde es auch bleiben. Seinen übertriebenen Kinderwunsch nahm sie nicht ernst, denn auch sie wollte Kinder haben. Die Anzahl würde sich schon ganz von selbst normalisieren, da war sie ganz sicher.

Sie dachte an die Hochzeit, die im Juni stattfinden sollte. Etwas über zwei Monate noch, dann war sie die Ehefrau von Helmut! Ein schönes Gefühl, das mit so vielen Erwartungen verknüpft war!

Elfie hatte keine Angst vor der Ehe, im Gegenteil. Ihre Eltern waren ihr immer ein Beispiel gewesen und waren es heute noch. Auch ihre ältere Schwester Hanna war mit ihrem Gustl sehr glücklich geworden, und die beiden Kinder wuchsen in einem intakten Elternhaus auf. Sie hatten Liebe und Geborgenheit, und das spürte man auch.

»Ja, Hannerl«, murmelte Elfie, als sie in die Zufahrt zum Hof einbog. »Wir haben es halt selbst net anders gekannt. Ich hoffe bloß, dass der Helmut und ich auch so gute Eltern werden wie die unseren.«

Zum ersten Mal fühlte Elfie die Verantwortung, die man als Eltern hatte. Das seichte Geblödel von Helmut kam ihr plötzlich dumm vor, aber sie verwarf diesen Gedanken sofort wieder. Was sagte man nicht alles, wenn man verliebt war! Nein, Helmut würde nie über die Stränge schlagen, da war sie ganz sicher.

Das Auto der Schneiderin parkte nicht vor der Haustür. Elfie sah auf ihre Armbanduhr, sie war fast eine Viertelstunde zu spät dran. Seltsam, die Kerner-Marie hatte doch Stoffmuster mitgebracht. Für Mutters Dirndl hätten sie ja inzwischen einen Stoff aussuchen können. Oder war die Marie am Ende auch zu spät dran?

Elfie hatte plötzlich ein beklommenes Gefühl. Sie trat in den Flur, doch sie hörte keine Stimmen. War denn gar niemand da? Sie stieß die Tür zur Stube auf, und ihr Fuß stockte an der Schwelle.

Mutter und Vater saßen schweigend am Stubentisch, und auf dem Tisch brannte eine dicke Kerze. Die Eltern hatten die Hände gefaltet und sahen Elfie an. Ihre Blicke waren schmerzerfüllt, und Elfie war, als legte sich ein eiserner Ring um ihre Brust.

»Was ist … was ist denn?«, fragte sie, und ihr Mund war auf einmal wie ausgetrocknet.

»Komm her, Kind«, bat die Mutter mit brüchiger Stimme, und Elfie bewegte sich wie eine Marionette zum Tisch. Sie blieb stehen und sah ihre Eltern beunruhigt an.

»Mutterl, Vaterl, was ist denn?«

»Setz dich!« Auch der Vater sprach, als würde ihm jeden Augenblick die Stimme versagen.

Elfie packte die Angst. »Sagt doch endlich, was los ist!«, rief sie verstört.

»Hanna und Gustl«, flüsterte der Vater. »Sie haben einen Unfall gehabt.«

...

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