Logo weiterlesen.de
Der Bergdoktor - Folge 1763

Sprich nicht vom Abschied

Warum ihr Liebesglück nur von kurzer Dauer war

Von Andreas Kufsteiner

Für die Liebe ist kein Platz in Lisa Körberls Leben. Die Journalistin lebt für ihren Beruf und geht seit einer großen Enttäuschung jeder neuen Beziehung aus dem Weg. Mit Arbeit verdrängt sie die Leere in ihrem Dasein. Ihr körperliches Unwohlsein und das seltsame Zittern in ihren Händen schiebt sie auf den Stress. Nun ist sie auf dem Weg ins Zillertal, um dort einen jungen Hofbesitzer zu interviewen, der auf der Suche nach der großen Liebe ist.

Es wird eine schicksalhafte Begegnung – die damit endet, dass Lisa und Jannes sich ineinander verlieben. Doch von einem Glück träumen dürfen sie nicht, denn plötzlich wird Lisa wieder von einem der unheimlichen Zitteranfälle heimgesucht. Erschüttert bringt Jannes sie zu Dr. Burger …

»Was machst du denn noch hier, Lisa?« Rupert Hofer trat in die offene Bürotür und zog seine buschigen Augenbrauen bis an den Ansatz seiner dunklen Haare hoch. »Sag bloß, du bist noch bei der Arbeit? Hat Anne heute net Spätdienst?«

»Doch, hat sie.« Lisa Körberl blickte flüchtig von ihrem Computer hoch. »Ich recherchiere nur für einen Artikel. Genau genommen bin ich gar nimmer hier.«

»Das solltest du auch nimmer sein. Es ist schon nach zwanzig Uhr. Dein Dienst war vor zwei Stunden zu Ende.«

»Ach, du kennst mich doch, Rupp. Ich hab keine Ruhe, solange noch Arbeit unerledigt ist.«

»Für welches Thema sammelst du Informationen? Vielleicht kann ich dir helfen. Ich hab eine Menge Recherchematerial auf meinem Computer. Das könnte ich dir rüberschicken. So sparst du Zeit.«

»Es geht um meine neue Serie: ›Bauer sucht die große Liebe‹.« Lisa schob ihre Tastatur von sich.

»Für die Wochenendbeilage?« Ihr Kollege verzog das Gesicht, als müsste er gleich zu einer Wurzelbehandlung auf den Zahnarztstuhl. »Sei mir net böse, aber ich bin mir net sicher, dass diese Idee funktionieren wird.«

»Warum denn net? Wir stellen im Lauf der nächsten Wochen zehn Bäuerinnen und Bauern vor, die ihren Traumpartner noch net gefunden haben. Unsere Leser können über uns Kontakt zu ihnen aufnehmen, und wir begleiten ihr Kennenlernen mit Artikeln und Fotos. Wer weiß, vielleicht können wir sogar irgendwann über eine Hochzeit berichten.«

»Das hört sich spannend an. Das Problem ist nur, dass sich das alles über Monate hinziehen wird. Glaubst du, du kannst das Interesse der Leser so lange aufrechterhalten?«

»Das hoffe ich schon. Immerhin werden wir jede Woche etwas zu berichten haben.«

»Ich drücke dir die Daumen, dass es klappt. Ein interessantes Projekt ist es auf jeden Fall.« Rupert rieb sich das bärtige Kinn. Er war fünf Jahre länger in der Redaktion der »Innsbrucker Tagesnachrichten« als Lisa und wesentlich gelassener. Während Lisa nie auf die Uhr schaute, solange noch etwas zu schreiben war, schaltete ihr Kollege pünktlich zum Feierabend seinen Computer aus. Es war ungewöhnlich, dass er so spät am Abend noch in der Redaktion war. Vor den Fenstern wurde es bereits ruhiger, der Betrieb auf der Maria-Theresien-Straße nahm spürbar ab.

»Hattest du noch einen Termin, Rupp?«

»Ja, ich war auf der Stadtratssitzung. Dort wurden heute die Pläne für eine neue Umgehungsstraße vorgestellt. Da musste ich hin. Jetzt mache ich aber Schluss für heute.« Rupert musterte den leeren Kaffeebecher, die Tüte Studentenfutter und die Schachtel mit Ibuprofen auf Lisas Schreibtisch. »Sag mal, war das etwa dein Abendessen?«

»Sozusagen«, murmelte sie.

»Es fehlen nur noch der Rum und die Rheumapillen, dann würdest du dich ernähren wie mein Großvater.«

»Bring mich bloß net auf Ideen.« Ein verschmitztes Lächeln huschte über Lisas Gesicht.

»Hör zu: Du brauchst etwas Richtiges zwischen die Zähne. Bist alleweil zu dünn. Lass uns in die Pizzeria an der Ecke gehen. Ich hab auch noch net gegessen und lade dich ein.«

»Ich kann net, Rupert.«

»Aber du musst etwas essen. Mal ehrlich, du bist ein verflixt hübsches Madel, aber in letzter Zeit siehst du richtig elend aus. Das ist den anderen auch schon aufgefallen. Selbst Erik aus der Sportredaktion hat neulich nach dir gefragt, weil du so blass warst. Dabei hat er sonst für nix Augen, das net mindestens ein Sportdress trägt und einen Ball unter dem Arm hat. Was ist denn los, Lisa? Geht es dir net gut?«

Lisa verschränkte ihre Hände ineinander, damit ihr Kollege nicht sah, dass sie zitterten. Schon wieder! Das kam in letzter Zeit häufiger vor. Manchmal färbten sich ihre Finger ohne Vorwarnung dunkelrot, dann wieder verloren sie alle Farbe. Es gab Tage, an denen sie sich kaum konzentrieren konnte und es ihr schwerfiel, einen Artikel auszuformulieren. Vermutlich kam das vom Stress. Sie wusste selbst, dass sie kürzertreten müsste, aber das sollte sich auf keinen Fall in der Redaktion herumsprechen. Es würde sie angreifbar und verletzlich machen, und sie war schon einmal zu oft verletzt worden …

»Mir geht es gut«, wehrte sie ab.

»So siehst du aber net aus.« In den Augen ihres Kollegen blinkte Sorge. »Du arbeitest zehn, manchmal zwölf Stunden am Tag. Wenn du mich fragst, solltest du schleunigst einen Gang runterschalten, ehe dein Körper den Dienst verweigert und dich zwingt, eine Auszeit zu nehmen. Komm doch mit zum Essen.«

»Ich kann net, Rupp. Ich hab noch zu tun.«

»Schade.« Rupert hob die Schultern und ließ sie resignierend wieder sinken. »Dann sehen wir uns morgen.«

»Ja, das machen wir. Gute Nacht, Rupert.«

»Dir auch.« Ihr Kollege warf ihr noch einen Blick zu, ehe er ging. Kurz darauf fiel die Tür der Redaktion hinter ihm zu.

Lisa stieß unhörbar den Atem aus. Rupert war ein netter Mann. Nicht sehr ehrgeizig, aber verlässlich. Er machte keinen Hehl daraus, dass er sich gern einmal mit ihr verabreden würde, aber das kam für sie nicht infrage. Sie würde auf keinen Fall etwas mit einem Kollegen anfangen – ganz egal, wie nett er auch war. Sollte es nicht funktionieren, würde ihre Zusammenarbeit unerträglich werden.

Außerdem empfand Lisa in Ruperts Nähe nicht das kleinste bisschen Sehnsucht. Auch bei keinem anderen Mann. Nicht seit der Enttäuschung mit Ben …

Manchmal hatte sie Angst, dass sein Betrug alle wärmeren Gefühle in ihr vernichtet hatte und dass sie sich nie wieder verlieben würde. Doch sie verdrängte diese Furcht und konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Im Journalismus kannte sie sich aus. Für einen gelungenen Artikel gab es Richtlinien. Es war wesentlich einfacher, einen Beitrag die Zeitung zu verfassen, als sich im Beziehungsdschungel zurechtzufinden!

Ein Klingelton verkündete den Empfang einer neuen E-Mail auf ihrem Computer. Lisa rief die Nachricht auf. Der Absender war Jannes Steinbach – einer der zehn Kandidaten ihrer Artikelserie. Was mochte er so spät noch schreiben? Hoffentlich hatte er es sich nicht anders überlegt und sagte seine Teilnahme ab!

Besorgt richtete sich Lisa auf und las den kurzen Text:

»Sehr geehrte Frau Körberl, gern bestätige ich unseren Termin morgen Nachmittag um sechzehn Uhr. Ich erwarte Sie auf meinem Hof. Eine Anfahrtsbeschreibung füge ich im Anhang bei. Mit freundlichem Gruß, Jannes Steinbach«

Lisa stieß erleichtert den Atem aus. Alles war gut. Der Bauer wirkte sympathisch und aufgeschlossen. Sie würde zu ihm fahren und ihn interviewen. Drei Stunden sollten dafür ausreichen. Wenn alles gut ging, hatte sie abends alle nötigen Informationen im Block und konnte den Beitrag schreiben. Dann konnte die Serie wie geplant am Wochenende starten.

Ihr Chef war begeistert von ihrem Vorschlag gewesen. Themen wie die Liebe, das Landleben und die Bergwelt waren beliebt bei den Lesern, und die neue Serie würde all das vereinen. Lisa hoffte, dass sich zahlreiche Leser an der Aktion beteiligen würden. Vielleicht fand einer der zehn Kandidaten am Ende wirklich sein Glück …

»Was machst du denn noch hier?« Ihre Kollegin Anne erschien in der Tür und verschränkte die Arme vor der Brust.

Lisa verdrehte die Augen. »Warum fragen mich das alle?«

»Ich wundere mich nur. Rupert wollte dich doch auf eine Pizza einladen. Hat er sich etwa net getraut zu fragen?«

»Doch, aber ich habe abgesagt.«

»Warum denn das?«

»Das würde nur zu Verwicklungen führen. Ich glaube, er wäre auch gern privat mit mir zusammen, aber wir würden uns irgendwann nur noch auf die Nerven gehen und streiten. Er würde fremdgehen und mich mit einer Geschlechtskrankheit infizieren. Dann würde er versuchen, es zu vertuschen, indem er mir heimlich Antibiotika ins Essen mischt und Ausreden erfindet, wenn ich mich über den bitteren Geschmack meines abendlichen Kräutertees wundere.« Lisas Wangen begannen zu brennen. Sie hatte sich in Fahrt geredet und mehr gesagt, als sie gewollt hatte.

Ihre Kollegin riss die Augen auf. »Mannomann! Du hast ja eine Fantasie! Das klingt wie aus einem schlechten Film.«

»Schön wär’s.« Lisa biss sich auf die Unterlippe. Was da gerade aus ihr geplatzt war, war keine Fantasie, sondern die Erfahrungen aus ihrer letzten Beziehung. Vier Jahre war es her, dass ihre Liebe zu Ben in die Brüche gegangen war, und von diesem Schlag hatte sie sich noch nicht erholt. Sie lebte allein, aber das war in Ordnung, solange sie nur ihre Arbeit und ihre Freunde hatte. »Mir geht es gut. Ehrlich.«

»Wem willst du das weismachen?«, wandte ihre Kollegin ein. »Mir? Oder dir selbst?«

»Was meinst du damit?«

»Ich habe den Eindruck, dass du die Leere in deinem Leben mit Arbeit betäubst, aber das wird auf Dauer net funktionieren. Glaub mir. Ich hab es selbst schon versucht.«

»Mir fehlt nichts«, beteuerte Lisa und knetete ihre Hände, um das Zittern zu verbergen. Verflixt! Vielleicht sollte sie doch Schluss für heute machen. Ihr Körper verlangte eindeutig nach einer Pause, aber bei dem Gedanken an ihre einsame Wohnung zog sich etwas in ihr zusammen.

Nein, sie würde lieber noch eine Weile weiterarbeiten und später daheim ein langes Bad nehmen. Das musste als Erholung genügen. Und morgen würde sie ins Zillertal fahren und Jannes Steinbach interviewen. Den ersten Heiratskandidaten. Er wohnte in einem Dorf irgendwo am Ende der Welt. Wie hieß es noch gleich?

***

Bin ich hier wirklich richtig? Lisa beugte sich über das Lenkrad und spähte durch die Windschutzscheibe. Ihr Ziel war St. Christoph. Das Bergdorf musste so klein sein, dass nicht einmal das Navigationsgerät es kannte. Lisa musste sich also auf die Wegweiser am Straßenrand verlassen. Das Problem war nur: Es gab keinen, auf dem St. Christoph stand.

Jannes Steinbach hatte ihr geschrieben, dass sie in Mayrhofen auf die Serpentinenstraße abbiegen und immer weiter bergauf fahren sollte, bis sie nach St. Christoph kam. Er hatte jedoch nicht erwähnt, welche Straße sie nehmen musste.

Lisa war ratlos. Sie kurvte schon seit einer Dreiviertelstunde durch Mayrhofen und kam gerade zum dritten Mal am Polizeiposten vorbei. Den Beamten würde das bald verdächtig vorkommen. Ob sie aussteigen und nach dem Weg fragen sollte?

Sie hatte den Fuß schon über dem Bremspedal, als ihr Blick auf einen grünen Wanderwegweiser fiel. Darauf stand: Feldkopf, Gehzeit: 4 h. Soweit sie wusste, war der Feldkopf der Hausberg von St. Christoph. Diese Richtung konnte also nicht falsch sein!

Entschlossen bog die Journalistin in die nächste Straße ein, die parallel zu dem Wanderweg verlief, und hoffte, dass sie sich nicht vollends verfuhr.

Die Straße führte in steilen Kurven bergauf. Sie kam durch dichten Kiefernwald, der lichter wurde, je höher sie kam. Bald wichen die Bäume grünen Bergwiesen, auf denen Kühe weideten.

Einsam war es hier oben. Nur wenige andere Fahrzeuge waren zu sehen. Noch weiter oben wurde die Landschaft felsiger und schroffer. Die Wolken schienen zum Greifen nah zu sein. Der Himmel färbte sich von Norden her in einem unheilvollen schmutzigen Lila, das ein aufziehendes Unwetter ankündigte. Der Wind rüttelte Lisas Kleinwagen, sodass sie das Lenkrad unwillkürlich ein wenig fester hielt.

Hinter einer Kuppe öffnete sich ein stilles Seitental vor ihr. Der Anblick entlockte Lisa einen begeisterten Ausruf. St. Christoph wirkte wie geschaffen für ein idyllisches Postkartenmotiv! Um die weiße Kirche in der Ortsmitte scharten sich gepflegte Bauernhöfe. Vor einem Gemischtwarenladen sammelte eine Frau mit in einem grünen Dirndl eilig Körbe mit Erdbeeren ein. Der Sturm zerrte an ihrer Schürze. Offenbar wollte sie die Früchte vor dem Unwetter in Sicherheit bringen.

»Entschuldigen Sie bitte.« Lisa stoppte am Straßenrand und ließ die Seitenscheibe herunter. »Können Sie mir sagen, wie ich zum Hof von Jannes Steinbach komme?«

»Da bist fast doa, Madel«, sagte die Gebirglerin lächelnd und streckte den Arm aus. »Nur noch ein Stückerl die Straße hinauf. Es ist der letzte Hof auf der linken Seite.«

»Vielen Dank.« Lisa kurbelte das Fenster wieder hoch und setzte ihre Fahrt fort.

Nach wenigen Minuten erreichte sie einen Bauernhof. Das Haus stand auf einer Anhöhe und wurde gerade renoviert. Vor dem Balkon gab es kein Geländer, dafür aber ein Baugerüst. An das Haus schlossen sich ein Stall und eine Scheune an. Der Garten wirkte verwildert. Von der nahen Weide wurde Lisa vom Läuten von Kuhglocken begrüßt, als sie aus dem Auto stieg und auf das Haus zulief.

Steinbach, stand über dem Klingelknopf. Lisa presste den Daumen darauf und wartete. Kurz darauf öffnete ihr ein Mann in Jeans, Gummistiefeln und einem karierten Hemd die Tür. Er hatte dichte braune Haare, und seine gebräunte Haut verriet, dass er sich häufig an der frischen Luft aufhielt. Der Landwirt war über eins neunzig groß und verströmte pure Energie. Es schien nichts zu geben, was er nicht bewältigen konnte. Sein Blick war offen und freundlich.

Als er Lisa anlächelte, gruben sich sympathische Lachfältchen um seine Augen ein.

»Grüß Gott«, sagte er. »Du musst Lisa sein.« Seine Stimme war warm und ein wenig rau und erinnerte Lisa an dunkle Schokolade mit Kakaosplittern. Sie sandte Hitze durch ihren Körper und brachte Lisas Herz dazu, schneller zu schlagen.

Wow, ging es ihr durch den Kopf. Ist dieser Mann wirklich noch Single und auf der Suche? Haben die Frauen hier im Tal keine Augen im Kopf? Oder hat er verborgene Macken? Ein Mann, der so gut aussieht, kann unmöglich noch alleine sein, oder?

»Lisa?«, hakte der Landwirt nach, als sie schwieg.

»Was? Oh, ja, das bin ich.« Lisa presste ihre Schreibmappe fester an sich. Sie musste sich konzentrieren, um ihren Auftrag nicht zu verpatzen. Sie war hier, um Jannes Steinbach zu interviewen, und genau das würde sie tun. Es irritierte sie, dass er sie duzte, als hätten sie schon ein Scheffel Salz zusammen verzehrt. »Sind Sie Jannes Steinbach?«

»J

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der Bergdoktor - Folge 1763" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen