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Der Bergdoktor - Folge 1762

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Ulla - das Mädchen aus dem Rehwinkel
  4. Vorschau

Ulla – das Mädchen aus dem Rehwinkel

Dr. Burger ist der Einzige, dem sie noch vertraut

Von Andreas Kufsteiner

Seit sie denken kann, sind für Ulla vom Rehwinkel-Hof die scheuen Tiere aus dem Wald die besten Freunde. Ihnen vertraut sie ihren Kummer an, zu ihnen flüchtet sie sich, wenn die Kälte und Lieblosigkeit im Elternhaus wieder einmal unerträglich werden. Im Dorf nennt man Ulla deswegen »Waldfee«.

Doch eines Tages stürzt das Madel schreckensbleich und am ganzen Körper zitternd in die Praxis des Bergdoktors. »Meine Eltern …«, stammelt sie. »Sie haben etwas ganz Furchtbares getan! Das verzeihe ich ihnen nie!«

Juni in St. Christoph, das bedeutete nicht nur Sonne, blühende Wiesen und eine herrliche Aussicht auf die Zillertaler Berge, sondern auch gleichzeitig ein ganz anderes Lebensgefühl.

Abends blieb es jetzt – nach dem offiziellen Sommeranfang – so lange hell, dass einige Leute die Nacht gern zum Tage gemacht hätten. Denn wer ging schon gern zu Bett, wenn man mit guten Freunden im Freien sitzen oder auf einer der vielen Hütten ein uriges Fest feiern konnte?

Freilich gab es auch viel Arbeit. Die Bergbauern konnten ein Lied davon singen. Ab Juni begann die Haupt-Erntezeit für das gute Bergheu, dessen würziger Duft durch das ganze Hochtal zog. Zwischendurch duftete es nach Wald und Nadelhölzern, nach Moos und Wiesenkräutern, die jetzt genauso Hochsaison hatten wie die Hollersträucher und Alpenrosen.

Wenn es im Winter manchmal lange Zeit eisig war und der Nordostwind scharf über die tief verschneiten Gipfel brauste, dachte so mancher sehnsuchtsvoll an die herrliche Frühsommerzeit mit all der Blütenpracht ringsum.

Dann konnte man sich einfach nicht vorstellen, dass Licht und Wärme über die Kälte, die Dunkelheit und das Eis siegen würden. Die Wintertage im Januar und Februar konnten mit glitzerndem Schnee und eisblauem Himmel prächtig sein, aber oft war der Himmel auch verhangen, grau und düster. Dann erinnerte jeder Schneesturm die Älpler unerbittlich daran, dass mit Väterchen Frost nicht zu spaßen war – und man versank in den Schneebergen.

Aber das Wunder geschah immer wieder.

Auf den Tauwind war Verlass. Aus der Kälte und dem erstarrten Boden wagten sich nach und nach die ersten Hälmchen und Pflanzen hervor, die ganz zart waren. Man hätte glauben können, dass sie nicht mehr als ein, zwei Tage durchhalten würden, weil sie so empfindlich aussahen, als hätte sie der Wind rein zufällig auf die Erde geweht.

Aber ausgerechnet diese kleinen »Frühchen« ließen sich nicht unterkriegen. Sie wuchsen und wuchsen, und falls es noch einmal kalt wurde, dann machten sie sich nichts daraus.

So kam es, dass nach einem eisigen, schneereichen Winter das Hochtal rund um St. Christoph auch heuer wieder in voller Pracht erstrahlte. Besonders die Rosen in den Gärten blühten so herrlich, als seien sie von der Sonne ganz besonders verwöhnt worden.

Nichts konnte um diese Jahreszeit schöner sein als ein Rosengruß, vor allem dann nicht, wenn es dabei um die Liebe ging. Liebe und Glück in diesen sonnigen Tagen – wer wünschte sich das nicht?

Auch im Garten der Familie Burger in der Kirchgasse standen die Rosenbeete in voller Blüte. Und nicht nur die Rosen gediehen prächtig. Alles andere war ebenfalls mächtig »ins Kraut« geschossen, wie die Bachhuber-Zenzi meinte.

»In den vierzig Jahren, die ich da heroben bin, hab ich das noch net erlebt«, meinte sie kopfschüttelnd. »Jeder Salatkopf ist so groß wie ein Suppenteller. Und das schon jetzt! Wie wird das erst in ein paar Wochen ausschauen, wenn die Setzlinge für den Eichblattsalat noch dazukommen? Ich hab sie erst neulich drüben neben die Kräuter gepflanzt. Wir müssen mehr Salat essen. Oder ich seh mich schon irgendwo auf dem Markt stehen und das Grünzeug verkaufen.«

»Es ist jedes Jahr viel zu viel von dem Kraut da«, ließ sich Dr. Pankraz Burger vernehmen. »Ich hab ja schon immer gesagt, dass Salat eine Plage sein kann. Net deshalb, weil unter jedem Blatt eine Schnecke sitzt. Sondern weil jetzt wieder dieser Salatwahn ausbricht. Mittags eine Schüssel voll, abends noch eine und vielleicht auch noch zum Frühstück grüne Blätter auf die Semmel …«

Die achtjährige Tessa, ihr drei Jahre jüngerer Bruder Filli und Klein-Laura, das Nesthäkchen, kicherten vergnügt.

Opas Humor war unschlagbar. Salatblätter zum Frühstück als Semmelbelag, so etwas fiel wirklich nur ihm ein!

Das Laura-Mauserl verstand zwar nicht so ganz, was der Opa meinte, aber wenn ihre Geschwister lachten, dann stimmte die Kleine natürlich mit ein.

»Salat is Drünzeug«, plapperte sie und rupfte ein paar Blättchen ab, die sie Dackel Poldi vor seine misstrauisch schnüffelnde, feuchte Hundenase hielt. »Iss das! Smeckt dut.«

Poldi war anderer Meinung. Zwar war Klein-Laura seine herzige, kleine Freundin, für die er (fast) alles tat. Er tollte mit ihr herum, holte freiwillig ihre Sandförmchen unter den Büschen hervor, wohin er sie gelegentlich aus Übermut verschleppte, und ließ sich von ihr gutmütig durchs Fell zausen.

Aber Salatblätter vertilgen? Da hörte der Spaß auf!

Geschwind verkroch er sich hinter dem Gartenhäuschen. Dort hatte er vor ein paar Tagen zwei Feinschmecker-Stangen der Marke »Hundeglück« vergraben, die der Senior ihm aus Schwaz mitgebracht hatte.

Die Stangen dufteten herrlich nach Speck und schmeckten umso köstlicher, wenn sie ein Weilchen in der frischen Gartenerde »durchgezogen« waren.

Um nicht zu riskieren, dass die Familie diese Delikatesse am Ende gegen die entsetzlichen Salatblätter austauschte, grub Poldi seinen Besitz rasch aus. Eine Stange verschlang er sofort, die andere schleppte er unbemerkt in die gute Stube. Hinter einem der zahlreichen Sofakissen suchte und fand er ein passendes Versteck für sein Eigentum.

Derweil ging draußen die Gartenbesichtigung weiter.

»Wir haben im vergangenen Herbst gut vorgesorgt, sonst würde es jetzt nicht so üppig blühen«, meinte Dr. Sabine Burger. »Schau mal, Martin, unser Weißdornbusch! So etwas Schönes! Vor lauter Blüten sieht man die Äste nicht mehr. Und dann die blauen Glockenblumen, die roten Mohnblumen und die weißen Margeriten. Das ist doch ein herrliches Farbenspiel! Es war eine gute Idee, dass wir die bunten Stauden direkt nebeneinandergesetzt haben.«

»Ich finde die kleinen, gelben Teddy-Sonnenblumen am schönsten«, erwiderte Dr. Burger. »Sie blühen jetzt schon, nicht erst im August, und sie machen ihrem Namen alle Ehre. Diese wuscheligen, weichen Blütenköpfchen machen mir richtig Spaß.«

»Ich bin mehr fürs Romantische.« Sabine deutete auf die hellblauen und rosa Hortensien. »Wie Elfenkugeln sehen sie aus.«

»Wir Mannsleut sind eher für das Originelle«, dröhnte der Senior. »Du hast schon recht, Martin, die Zwergsonnenblumen machen gute Laune. Aber ich freu mich schon auf den August, wenn die ganz großen Sonnenblumen am Zaun stehen und unsere gefiederten Gäste sich später die Kerne herauspicken.«

»Wozu wegfahren, wenn man so einen tollen Garten hat?«, wandte sich Martin Burger an seine Frau. »In Hawaii ist’s auch net schöner, um ein Beispiel zu nennen. Na ja, die Palmen und das Meer … aber sonst? Kein Vergleich zu unserem eigenen Südseeparadies!«

Er lachte. Natürlich wusste Sabine, dass er einen Scherz gemacht hatte.

Aber leider fand sie das momentan gar nicht witzig. Denn erst vor wenigen Tagen hatte es sich herauskristallisiert, dass aus dem geplanten Sommerurlaub mangels Vertretung mal wieder nichts werden würde. Mit anderen Worten, es gab keine zwei- oder gar dreiwöchige Ferienreise, obwohl Sabine so sehr darauf gehofft hatte, mit Martin und den Kindern mal für längere Zeit »davonzuflattern«.

Vielleicht war ab und zu ein verlängertes Wochenende machbar, entweder im nahen Südtirol, am Gardasee oder vielleicht sogar in Jesolo, wo man ja wenigstens ein bisschen Adriagefühl tanken konnte. Vermutlich kamen aber wieder Notdienste und wichtige Fälle dazwischen, sodass der Sommer vorbei war, ehe man es sich versah.

Ein Jammer, dass sich daran einfach nichts ändern ließ.

Aber wer wollte auch in einer lebhaften Praxis mit der angeschlossenen Mini-Klinik zur Sommerszeit die medizinische Vertretung übernehmen, wenn es kaum Aussicht auf Freizeit gab? Bis jetzt hatte sich trotz aller Bemühungen niemand gefunden. Sabine war deswegen ziemlich enttäuscht.

Und dann musste Martin jetzt alberne Witze über das »Südseeparadies im Garten der Familie Burger« machen! So schön, wie es hier auch war, einen Urlaub ersetzte das hiesige Paradies nun doch nicht.

Dinge, die man nicht ändern kann, muss man hinnehmen, das ist eine alte Weisheit.

Sabine nahm sich daher zusammen und lächelte, anstatt ihrer Enttäuschung Luft zu machen. Die Situation war ihr ja nicht neu. Obendrein hatte sie gewusst, worauf sie sich einließ, als sie Martin vor sieben Jahren geheiratet hatte.

Er war absolut ehrlich zu ihr gewesen und hatte ihr erklärt, dass man als Landarzt und »Bergdoktor« von St. Christoph so etwas wie eine feste Institution war.

Die Patienten sahen es gar nicht gern, wenn »ihr« Doktor das Dorf verließ, und sei es auch nur für kurze Zeit.

Natürlich wussten sie, dass er auch mal Ferien machen und sich Zeit für seine Familie nehmen wollte. Man hatte im Prinzip ja auch Verständnis dafür.

Dennoch benahmen sich überraschend viele Patienten wie aufgescheuchte Hühner, wenn Dr. Burger wirklich einmal nicht erreichbar war. Ratlos liefen sie umher, klingelten oder klopften an der Praxistür und fühlten sich entsetzlich krank.

Erst, wenn der Doktor wieder vor Ort war, verflüchtigten sich die Symptome oft ganz von selbst, denn nun wusste man ja, dass einem jederzeit so schnell wie möglich geholfen wurde. Allein diese Gewissheit genügte, um so manches Wehwehchen wie von Zauberhand verschwinden zu lassen …

***

Martin Burger wusste mit seinen Patienten umzugehen und konnte gelegentlich recht energisch werden, wenn es sein musste.

Seine Frau Sabine, die aus Wien stammte, hatte sich daran gewöhnt, dass die Leute in St. Christoph völlig anders waren als die Menschen in ihrer Heimatstadt. Sie kannte den berühmten »Schmäh« von Kindheit an und kam blendend damit zurecht.

Die Zillertaler »Sturschädeligkeit«, verbunden mit einer sehr bodenständigen Ausdrucksweise, war ihr jedoch anfangs ein bisschen auf die Nerven gegangen.

Inzwischen wusste sie, dass ein Tiroler niemals ein »Tasserl Mokka« oder einen »Wiener Einspänner« trinken würde, sondern ein »Haferl Kaffee«, und ein Mann sagte hier im Café auch nicht so ganz nebenbei: »Schauen S’, gnädige Frau, küss die Hand, aber wenn Sie ein bisserl nach rechts rücken, dann hätt’ ich am Tisch auch noch neben Ihnen Platz.« Auf tirolerisch würde es heißen: »Ruck mer beide a bisserl näher z’samm, dann passt’s scho.«

Dass Sabine sich Hals über Kopf in Martin verliebt und ihn ein Jahr später geheiratet hatte, lag daran, dass die Liebe seit Menschengedenken ihre eigenen Wege ging.

Obwohl die Vernunft ihr gesagt hatte, dass Martin im Zillertal daheim war und lieber einen Nachmittag in den Bergen verbrachte als in einem feinen Caféhaus, hätte sie ihn immer wieder geheiratet.

Dazu muss der Wahrheit halber aber hinzugefügt werden, dass ihr geliebter Martin, den sie im Haus ihrer Tante Rika kennengelernt hatte, durchaus einen gewissen Charme besaß, gepaart mit Humor und Einfühlungsvermögen.

Auch seine Durchsetzungskraft war beeindruckend. Die fesche, fünfunddreißig Jahre alte Fachärztin für Anästhesie erwartete von einem gestandenen Mann, dass er seine Prinzipien hatte und nicht ständig seine Meinung änderte. Wer immer nur sein Fähnlein nach dem Wind hing, um jedem Problem aus dem Wege zu gehen, hatte bei Sabine keine Chance.

Martin war Sabines Traummann. Daran ließ sich nicht rütteln.

Auf der einen Seite wusste er genau, was er wollte, auf der anderen Seite ließ er sich von ihrer Liebe und Zärtlichkeit verzaubern.

Auch seine Qualitäten als Vater hatte er bereits zur Genüge unter Beweis gestellt. Seine Kinder bescheinigten ihm, dass er »der tollste Papa der Welt« war, und Klein-Laura plapperte in ihrem lustigen Kauderwelsch: »Lauri hat Papa so lieb! Süßer Papa!«

Damit war alles gesagt. Auch, dass Sabine auf Urlaubsfreuden außerhalb von St. Christoph verzichtete, um bei dem Mann ihres Herzens zu sein und zu bleiben.

Ab und zu hatte Martin schon vorgeschlagen: »Schatz, fahr doch mit den Kindern allein weg, vielleicht kann ich ja später nachkommen.« Begeistert hatte er bei diesen Worten freilich nicht ausgeschaut. Und Sabine auch nicht.

Ohne Martin verreisen? Kam nicht infrage. Die Kinder hätten eh heftig dagegen protestiert. Sie blieben außerdem gern daheim.

Außerdem wäre Papa ja vielleicht doch traurig gewesen ohne seine Rasselbande. Es genügte den Kindern, wenn Tante Rika auf ein paar Tage die »Ferientante« für sie spielte, auch wenn sie bloß eine halbe Stunde weit weg wohnte. Sie hatte immer lustige Ideen, und in ihrem Keller stand eine riesige Gefriertruhe mit Eis am Stiel.

Im Sommer war im Dorf eh immer jede Menge los.

St. Christoph war zwar ein kleiner Ort, aber man lebte hier keineswegs hinter dem Mond.

Tessa, Filli und ihr Schwesterchen hatten genug Abwechslung. Für die drei gab es jeden Tag eine Überraschung, auch wenn es etwas ganz Kleines, Putziges war wie die kürzlich zur Welt gekommenen Haselmaus-Babys im Gartenhäuschen. Sogar die Zenzi, die es ansonsten nicht mit Nagetieren hatte, fand die Winzlinge so niedlich, dass sie heimlich mehrmals am Tag nach ihnen schaute.

Und übrigens – was konnte schöner sein, als bei Sonnenuntergang von einer urigen Almhütte aus den Heimweg durch die Wiesen anzutreten und unterwegs die frisch gebackenen Schmalznudeln zu verzehren, die man von der Sennerin bekommen hatte?

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