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Der Bergdoktor - Folge 1761

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Da stand sie vor verschlossener Tür
  4. Vorschau

Da stand sie vor verschlossener Tür

Dr. Burger und ein verstoßenes Madel

Von Andreas Kufsteiner

Dass sich Johannes Oberwirth nach dem Tod seiner Frau noch einmal verlieben könnte, das hätte niemand geglaubt. Doch eines Tages taucht plötzlich ein Umzugswagen auf dem Hof auf, und eine aufgetakelte Blondine zieht in sein Haus und sein Schlafzimmer. Sofort übernimmt Heidi Schuck das Regiment auf dem traditionsreichen Hof, und wer nicht pariert, der fliegt.

Der Bauer steht völlig unter dem Einfluss seiner über zwanzig Jahre jüngeren Geliebten und erfüllt ihr jeden Wunsch. Der einstige Vorzeigehof verlottert immer mehr.

Sandra, seine erwachsene Tochter, mit der er immer ein gutes Verhältnis hatte, macht sich große Sorgen um den plötzlich so unsoliden Lebenswandel des Vaters. Doch ausrichten kann sie nichts mehr, denn eines Tages steht sie fassungslos vor der verschlossenen Tür ihres Zuhauses …

»Guten Morgen, Frau Doktor! Ein herrliches Wetter, gelt?« Bärbel Tannauer, die patente Sprechstundenhilfe im Doktorhaus von St. Christoph, kam gerade auf die Haustür zu, als Sabine Burger nach draußen trat.

Es war ein sonniger und schon angenehm warmer Aprilmorgen, der Himmel spannte sich in makellosem Blau über das Zillertal, und in der klaren, würzigen Bergluft klang das vergnügte Zwitschern von Amsel, Meise und Bergfink wie eine Ode an den Frühling. Nach dem langen Winter atmeten Mensch und Tier auf, seit sich ein zarter Grünschimmer über das malerische Tal von St. Christoph gelegt hatte und die Natur zu neuem Leben erwachte.

Auch Bärbel war gut aufgelegt. Sie hatte das Wochenende mit ihrem Liebsten verbracht. Gemeinsam hatten sie eine lange Bergwanderung unternommen und das schöne Frühlingswetter genossen.

Nun trat Bärbel neben Sabine Burger, die das Nesthäkchen der Familie, die kleine Laura, auf dem Arm hielt. Mit wachen Augen bestaunte die Zweijährige den sonnenhellen Tag und jauchzte fröhlich, als eine dicke, pelzige Hummel direkt neben Mamas Arm ihre Flugbahn zog.

Die bildhübsche Mittdreißigerin stellte fest: »Du hast aber gute Laune, Bärbel. War dein Wochenende schön?«

»Sehr.« Bärbel, blond, blauäugig und sportlich frisch, lächelte versonnen. »Ich hab den Felix zu einem gemeinsamen Ausflug überredet. In letzter Zeit hat er nämlich ständig nur mit seinen Bergkameraden zusammengesteckt.«

»Sicher planen sie die Bergtouren, die Saison hat ja nun wieder angefangen«, meine Sabine Burger verständnisvoll.

Martin, ihr Mann, war auch ein passionierter Kletterer und machte mit Anfang fünfzig manch Jüngerem noch etwas vor. Sabine ließ ihm sein Vergnügen, auch wenn sie sich stets sorgte. War Martin allerdings mit seinem guten Freund Dominikus Salt, dem Leiter der hiesigen Bergwacht, unterwegs, war Sabine beruhigt. Die beiden waren ein eingespieltes Team und konnten sich am Berg blind aufeinander verlassen.

»Das schon«, gestand Bärbel der Arztfrau zu und herzte Laura, die Gefallen an ihren Ohrringen gefunden hatte. »Aber ich finde, wenn man verlobt ist, sollte man doch auch Zeit miteinander verbringen.«

Sabine lachte. »Warte nur ab, bis ihr verheiratet seid«, riet sie dem Madel vielsagend.

Noch ehe Bärbel aber nachfragen konnte, was denn damit gemeint sei, erschien Toni Angerer, der Bürgermeister von St. Christoph. Er war an diesem Morgen der erste Patient, und sein Auftauchen erinnerte Bärbel an ihre Pflichten.

»Grüß Gott, die Damen«, rief er charmant und machte dabei einen angedeuteten Diener. Das sah bei dem stämmigen Mannsbild recht ulkig aus. Und dieser Eindruck verstärkte sich noch, als er sich mit leicht gerötetem Gesicht wieder aufrichtete, die Rechte ins Kreuz stemmte und gequält seufzte: »Für Spaßletten bin ich momentan net gemacht. Jetzt spür ich wieder recht deutlich, warum ich hier bin.«

»Geh nur eini, Angerer, die Sprechstunde fängt gleich an, und du bist der Erste«, erklärte Bärbel praktisch.

»Na, wenigstens muss ich dann net warten, hab daheim noch eine ganze Menge Arbeit.«

Als reichster Bauer im Tal hatte der Angerer seine Finger überall drin, er hörte sozusagen das Gras wachsen, wenn es um ein gutes Geschäft ging. Trotzdem war er bei seinen Mitmenschen beliebt und als Ortsvorsteher wohlgelitten, denn er besaß eine umgängliche Art und hatte das Herz auf dem rechten Fleck.

Da er aber auch gerne schlemmte, war er im Laufe der Jahre ein wenig in die Breite gegangen, worauf sein Kreuz mit regelmäßigen Schmerzattacken reagierte. Trotzdem konnte er sich mit den Diätvorschlägen Dr. Burgers nicht recht anfreunden. Dafür kochte seine Paula einfach viel zu gut.

Während der Angerer sich im Wartezimmer niederließ, schaltete Bärbel ihren Computer an und kümmerte sich um die anderen Patienten, die nun nach und nach eintrafen.

Drüben im Sprechzimmer war auch schon etwas zu hören. Dr. Martin Burger, den die Menschen in St. Christoph voller Respekt und Bewunderung den Bergdoktor nannten, hatte bereits den weißen Kittel übergezogen und erwartete den ersten Patienten. Er begrüßte Bärbel aufgeräumt und freundlich wie immer und wollte wissen, wer an diesem Morgen seine Hilfe brauchte.

Bärbel nannte rasch alle Namen. Dr. Burger ließ sich hinter seinem Schreibtisch nieder und rief das Krankenblatt von Toni Angerer auf. Dabei seufzte er leise und murmelte: »All die Massagen und Salben werden auf die Dauer nix nützen, wenn der Toni net endlich ein bisserl was abspeckt.«

»Da können Sie lang warten, Chef«, meinte Bärbel überzeugt. »Dafür ist er ein viel zu guter Esser. Und auf seinen Schweinsbraten am Sonntag will er gewiss ebenso wenig verzichten wie auf die Sachertorte zum Kaffee.«

Martin Burger lächelte schmal. »Klingt verlockend. Aber net, wenn man dafür Schmerzen leiden muss, oder? Ich werde ihm noch mal ins Gewissen reden. Dann herein mit ihm!«

Die Sprechstundenhilfe nickte und verließ den Raum.

Gleich darauf erschien Toni Angerer. Er drückte dem Mediziner, der ihn um einiges überragte, herzhaft die Hand.

Dr. Burger war fast ein Meter neunzig groß und sportlich, mit breiten Schultern und schmalen Hüften. So machte er einen beinahe athletischen Eindruck. In dem gut geschnittenen Gesicht dominierten die klugen, hellbraunen Augen. Ein paar Lachfältchen und die ersten silbernen Fäden an den Schläfen sprachen von Lebenserfahrung und Reife, die für den Umgang mit seinen Patienten von unschätzbarem Wert waren. Mit dem dunklen Haar und dem stets leicht gebräunten Teint vermittelte er den Eindruck eines Menschen, in dem sich Jugend und Alter zu einer zeitlosen Einheit verbanden.

Martin Burger war Arzt mit Leib und Seele, neben der Ausbildung zum Allgemeinmediziner hatte er auch eine Qualifikation als Unfallchirurg. Und die um OP, Röntgenraum und Labor erweiterte Praxis, in der sich sogar zwei Krankenzimmer befanden, bot den Menschen in St. Christoph eine optimale medizinische Versorgung. So war ihr Bergdoktor in seiner »Miniklinik«, wie diese Einrichtung im Dorf scherzhaft genannt wurde, auf beinahe jeden nur denkbaren Notfall eingerichtet.

Martin Burger erwiderte nun den freundlichen Gruß seines Patienten und bat ihn, den Oberkörper freizumachen. Nachdem er sich erkundigt hatte, wo genau der Schmerz saß, war schnell festgestellt, dass es wieder einmal die Bandscheiben waren, die seinem Patienten das Leben sauer machten.

Nach der gründlichen Untersuchung sowie der Anfertigung eines aktuellen Röntgenbildes bot Dr. Burger dem Angerer Platz vor seinem Schreibtisch an und erläuterte: »Es ist die alte Geschichte, Angerer. Wir haben hier einen Prolaps des gallertartigen Kerns der Bandscheibe auf Höhe der Brustwirbelsäule und damit einhergehend eine Interkostalneuralgie. Das heißt, dass es sich um einen Zwischenrippen-Nervenschmerz handelt.«

»Mei, das klingt ernst«, seufzte der Angerer bekümmert. »Ich werde doch hoffentlich net unters Messer müssen. Also, in dem Fall lasse ich sogar über eine Diät mit mir reden. Nur net schneiden, davor hab ich einen Horror.« Er machte ein Gesicht, als habe er gerade sein eigenes Todesurteil erhalten.

Dr. Burger schüttelte leicht den Kopf. »Keine Sorge, davon reden wir fei noch net.«

»Was heißt denn da noch, wenn ich fragen darf?«

»Nun, zunächst einmal gibt es andere Optionen. Das Abnehmen wäre ein guter, erster Schritt. Hinzu kommen wieder Massagen, und ich schreibe dir eine pflanzliche Salbe auf, die die Schmerzen lindert. Außerdem empfehle ich eine Behandlung durch einen guten Chiropraktiker. In Schwaz gib es den Peter Hollinger, der hat sozusagen ein goldenes Händchen und schon manch einen Patienten schmerzfrei gemacht.«

»Hm, bedeutet das, ich muss mich von dem verrenken lassen?«

»Im Gegenteil, er renkt ein, was sozusagen ausgerenkt ist. Da schau, Angerer.« Martin Burger ließ ihn einen Blick auf den Computermonitor werfen, wo sein Röntgenbild zu sehen war. Er deutete auf eine Stelle und erklärte: »Hier befindet sich der Prolaps. Deine Knochen sind gesund, deshalb ist eine solche mechanische Therapie Erfolg versprechend. Wenn du einverstanden bist, spreche ich mit dem Hollinger und melde dich bei ihm an.«

Der Bürgermeister war noch immer skeptisch. So ganz behagte ihm die Vorstellung, dass da einer auf seiner Wirbelsäule Klavier spielen sollte, nicht. Doch er vertraute Dr. Burger und stimmte schließlich zu.

»Wirst sehen, das hilft«, versprach dieser.

»Ich dank Ihnen schön, Herr Doktor.« Toni Angerer nahm sein Rezept in Empfang und meinte dann: »Haben Sie eigentlich schon gehört, dass der Oberwerth-Hof verkauft wird? Ich hab das Angebot gestern zufällig im Internet entdeckt. Seltsam, net wahr? Dass der Johannes einen Hof aufgibt, der an die hundert Jahre im Familienbesitz gewesen ist. Mei, nach dem Schlag wird er ja selber nimmer Bauer sein können. Und gewirtschaftet worden ist dort draußen sicher schon mehr als ein Jahr net. Aber es hat mich doch überrascht, dass er verkauft, muss ich sagen.«

Dr. Burger stutzte. Johannes Oberwerth war einer seiner Patienten. Er litt seit einer Weile unter erhöhtem Blutdruck, der behandlungsbedürftig war. Nach dem Tod seiner Frau hatte der Bauer zudem Depressionen gehabt. Seine Tochter Sandra, die als ausgebildete Krankenschwester im Spital von Schwaz angestellt war, hatte sich liebevoll um den Vater gekümmert.

Dann, vor etwa zwei Jahren, hatte der Bauer eine Frau kennengelernt, die sein Leben sozusagen auf den Kopf gestellt hatte. Heidi Schuck, eine lebenslustige junge Münchnerin um die dreißig, war wie ein Wirbelwind in Johannes’ Leben gefegt. Und die Wirkung, die sie dort entfaltet hatte, war ganz ähnlich einem Sturm gewesen.

Unter ihrem Einfluss hatte der Bauer die Landwirtschaft aufgegeben und sein Leben mit Reisen, Sterne-Restaurants und schicken Autos verbracht. Er hatte sich mit seiner Tochter zerstritten, das Gesinde entlassen und nur noch für sein Vergnügen mit seiner anspruchsvollen Freundin gelebt. Die ärztliche Behandlung seiner Hypertonie hatte er ebenfalls vernachlässigt, und das mit fatalen Folgen.

Vor ein paar Wochen hatte Johannes Oberwerth einen schweren Schlaganfall erlitten und lag seither im Spital von Schwaz. Seine Tochter kümmerte sich geduldig um ihn, und seine Freundin wollte die häusliche Pflege übernehmen, sobald der Bauer das Spital verlassen konnte. Dann sollte auch Dr. Burger informiert werden. Da dies noch nicht geschehen war, nahm er an, dass sein Patient sich nach wie vor in Schwaz aufhielt. Dem widersprach nun aber Toni Angerer, denn der wusste es besser.

»Der Johannes ist doch vor ein paar Tagen heimgebracht worden. Ich hab den Krankenwagen zu seinem Hof fahren gesehen. Aber jetzt schaut alles verlassen aus. Diese Münchnerin ist nirgends zu sehen und auch sonst keiner. Ein bisserl komisch, gelt?«

Dr. Burger schüttelte leicht den Kopf. »Mehr als nur ein bisserl, würde ich sagen. Da stimmt doch etwas net!«

***

Als Dr. Burger die Gegensprechanlage drückte, meinte Bärbel, sie solle den nächsten Patienten ins Sprechzimmer schicken. Sie wunderte sich ein wenig, als ihr Chef sie stattdessen bat, hereinzukommen und die Tür zu schließen.

»Bärbel, du kennst doch die Sandra Oberwerth, gelt?«, fragte er sie ohne lange Erklärung.

»Ja, freilich, wir sind zusammen zur Schule gegangen. Warum?«

»Und du weißt auch über ihren Vater Bescheid. Ist da was gekommen, das du mir net weitergegeben hast? Vom Spital in Schwaz, meine ich. Der Johannes scheint nämlich bereits entlassen worden zu sein.«

»Was? Das kann net sein!«, widersprach Bärbel spontan. »Die wollten uns doch die Unterlagen schicken. Und es ist bisher nix angekommen.«

»Hat die Sandra sich vielleicht bei dir gemeldet?«

»In den letzten Tagen net. Wir haben nur noch einen recht lockeren Kontakt, hauptsächlich wegen ihres Vaters. Soll ich mal nachhören, ob im Spital alles seine Ordnung hat?«

»Nein, dank schön, das mache ich selbst. Sitzt draußen ein dringender Fall? Wenn net, müssen die Leut’ sich gedulden.«

»Eigentlich keiner, nur Routinesachen.« Bärbel musterte ihren Chef fragend. »Kann ich noch was helfen?«

»Im Moment net.« Martin Burger griff nach dem Telefon. Toni Angerer rührte sich nicht von seinem Platz. Sein Termin hatte sich ganz anders entwickelt als erwartet, und er wollte nun auch wissen, was da auf dem Oberwerth-Hof los war.

Der Bergdoktor hatte mittlerweile das Spital in Schwaz an der Strippe und verlangte Schwester Sandra. Er wusste, dass sie auf der Inneren arbeitete. Wenn ihr Vater tatsächlich bereits entlassen worden war, musste sie darüber Bescheid wissen. Es dauerte nicht lange, bis das Madel am Apparat war.

»Dr. Burger, das ist eine Überraschung. Hoffentlich keine böse«, sagte sie, nachdem er sich gemeldet hatte. »Geht es meinem Vater denn schlechter?«

»Das wollte ich dich eigentlich fragen, Sandra. Ich war nämlich der Meinung, dass dein Vater noch im Spital ist. Nun höre ich, er wäre bereits heimgekommen.«

»Ja, er ist vor zwei Tagen entlassen worden. Aber …« Sandra zögerte kurz, dann fragte sie leise: »Hat die Frau Schuck denn die Unterlagen net bei Ihnen abgegeben? Sie hat es versprochen.«

»Tut mir leid, aber ich verstehe überhaupt nichts mehr. Bitte erzähle mir doch von Anfang an, wie das zugegangen ist.«

Das Madel schwieg kurz und ordnete seine Gedanken, dann berichtete es: »Der Zustand vom Vater ist seit Montag stabil gewesen, deshalb hatte Dr. Maier nichts gegen seine Entlassung, zumal die Pflege daheim ja sichergestellt war. Das wollte die Frau Schuck machen. Und sie hat sich auch erboten, gleich die Krankenakten mitzunehmen und bei Ihnen im Doktorhaus abzugeben. Ich verstehe net, was da los ist. Wie geht es meinem Vater?«

Ehrliche Besorgnis sprach aus den Worten der jungen Krankenschwester. Martin Burger kannte Sandra gut und wusste, dass diese Regung echt war. Sie war ein liebes, herzliches Madel ohne Falsch. Er fragte sich, wie ihr Vater sich seinerzeit so sehr mit ihr hatte zerstreiten können, dass er ihr einfach die Tür gewiesen hatte.

»Das kann ich dir im Moment leider net sagen, Sandra. Ich habe ihn noch nicht besucht, weil ich ja nix von seiner Heimkehr gewusst habe. Aber ich werde das sofort nachholen.«

»Rufen Sie mich bitte an, wenn Sie bei ihm waren«, bat Sandra ihn noch eindringlich. »Dann bin ich beruhigt.«

Dr. Burger versprach es und beendete das Gespräch.

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