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Der Bergdoktor - Folge 1760

Das Glück mit Emilia

Wie ein kleines Mädchen nach großem Leid das Lachen zurückbrachte

Von Andreas Kufsteiner

Das Schicksal meint es nicht gut mit Valerie Brandl. Wenige Monate vor der Geburt ihres ersten Kindes kommt ihr Mann ums Leben. Er wird sein Baby niemals kennenlernen.

Die junge Bäuerin ist wie gelähmt vor Trauer. Der Bergdoktor tut alles, um ihr beizustehen, aber Valerie vermisst ihren Mann schmerzlich. Hinzu kommt, dass sie allein den Hof nicht halten kann. Aber wo soll sie mit ihrem Baby leben?

Als sie keinen Ausweg mehr sieht, steigt sie in die Berge. Immer höher und höher, bis sie den Felsvorsprung erreicht und in die gähnende Tiefe starrt. Der Wind pfeift, es beginnt zu regnen, und die Tropfen vermischen sich mit Valeries Tränen. Jetzt ist es nur noch ein winzig kleiner Schritt bis zur Erlösung. Da spürt sie plötzlich zwei starke Arme, die sie von hinten umfassen und zurückreißen …

»Dehnen, meine Damen! Dehnen!« Die Hebamme saß auf ihrer Matte. Sie hatte ein Bein ausgestreckt und das andere angewinkelt. Nun beugte sie sich zur Seite und brachte ihr linkes Ohr nah an ihr linkes Knie.

»Wie macht sie das nur?«, flüsterte Nannei Hofer. »Ich komme nicht mal in die Nähe meines Knies. Sind ihre Knochen etwa aus Gummi?«

»Gut möglich«, schmunzelte Valerie Brandl ebenfalls mit gesenkter Stimme.

Die beiden Freundinnen saßen auf ihren Yogamatten in der Praxis der Hebamme. Gemeinsam mit drei anderen Frauen übten sie Entspannungspositionen und Übungen, die das Becken weiten und den Rücken entlasten sollten.

»Tief atmen«, mahnte die Hebamme. »Dehnt euch drei Atemzüge lang und wechselt dann die Seite. Nannei, dehnst du oder ruhst du dich aus?«

»Ein bisserl von beidem«, gestand die Bäuerin und neigte sich zur Seite. Unter ihrem weißen Top wölbte sich ein runder Babybauch. »Heute hab ich zum ersten Mal seit Tagen keine Rückenschmerzen. Das ist ein ganz neues Lebensgefühl.«

»Ich weiß genau, was du meinst.« Valerie strich über ihren sanft gerundeten Bauch.

Während ihre Freundin bereits im sechsten Monat war, war sie im fünften. Die ersten Wochen ihrer Schwangerschaft waren hart gewesen. Ihr war ständig übel gewesen. Sie hatte sogar eine Weile im Krankenhaus liegen müssen, weil sie dehydriert gewesen war. Seitdem das Unwohlsein nachgelassen hatte, fühlte sie sich wie ein neuer Mensch.

»Mein Mann möchte am liebsten drei Kinder haben«, murmelte Nannei, »aber ich weiß net, ob ich mir das noch einmal antue. Mein Körper fühlt sich gar nimmer an wie meiner. Es ist, als wäre er von einem fremden Wesen übernommen worden. Meine Füße sind so geschwollen, dass ich am liebsten nur noch Hausschuhe tragen würde. Mein Ehering passt mir schon seit Wochen nimmer. Und mein Bauch wächst und wächst. Kaum zu glauben, dass er noch drei Monate weiterwachsen soll. Das zweite Baby wird mein Schatz wohl selbst kriegen müssen.«

»Hast du ihm das schon vorgeschlagen?«

»Noch net, aber er ist so lieb und besorgt um mich, dass er vielleicht nichts dagegen hätte«, schmunzelte Nannei.

»Wie süß.« Valerie nickte bedächtig.

Ihre Nachbarin bewirtschaftete mit ihrem Mann ebenfalls einen Bauernhof. Sie verstanden sich gut und waren Freunde geworden, als Valerie mit ihrem Mann nach St. Christoph gezogen war. Oft aßen sie zusammen zu Abend und tauschten sich über Neuigkeiten und Probleme aus. Die beiden Männer gingen hin und wieder zusammen in die Berge zum Klettern, während Valerie und Nannei lieber zum Bummeln in die Stadt fuhren.

Die Hebamme beendete die Yogastunde und erinnerte sie daran, in einer Woche wiederzukommen. Die Schwangeren rollten ihre Matten ein und vertauschten ihre Sportkleidung mit warmen Wintersachen.

Draußen fauchte ein bitterkalter Wind von Norden über die Berge heran, und graue Wolken kündigten weitere Schneefälle an. Der Winter hielt das Zillertal fest im Griff. Gewaltige Eiszapfen glitzerten an den Dachrinnen. Und hinter so manchem Zaun winkte ein Schneemann hervor.

Valerie und Nannei schlenderten die Dorfstraße hinauf – warm eingehüllt in dicke Mäntel, Mützen und Stiefel.

Nachdem sich Nannei vor ihrem Hof verabschiedet hatte, setzte Valerie ihren Weg allein fort. Sie musste noch ein Stück weiter bergauf laufen. Der Bauernhof, den Korbinian und sie gekauft hatten und nun nach und nach renovierten, lag am Rand von St. Christoph.

Die Dächer von Stall, Scheune und Bauernhaus waren ebenso tief verschneit wie der Garten, in dem Valerie im Sommer Gemüse für ihre Küche zog. Rauch ringelte sich aus dem Kamin in den Winterhimmel. Bei dem Anblick wurde ihr Herz warm. Sie liebte ihr Zuhause und hätte nirgendwo anders leben wollen, auch wenn die Arbeit hart und sie oft von früh bis spät auf den Beinen war. Bald würde ihr Baby hier einziehen. Bei diesem Gedanken machte Valeries Herz einen Satz vor Glück.

Sie schloss die Haustür auf und wunderte sich, weil abgeschlossen war. Anscheinend war ihr Mann noch nicht daheim. Merkwürdig. Korbinian hatte mittags einen Termin in der Stadt gehabt. Er wollte bei der Bank um einen Kredit bitten, mit dem sie den Stall erweitern konnten. Eigentlich hätte er längst zurück sein müssen.

Valerie warf einen Blick über ihre Schulter. Nein, der Unterstand war leer. Das Auto ihres Mannes stand nicht da. Offenbar war er unterwegs aufgehalten worden.

Sie schlug die Haustür hinter sich zu und atmete auf, als die Kälte draußen zurückblieb. In der Diele stellte sie ihre Tasche ab, zog ihren Mantel aus und hängte ihn an einen Haken. Dann strich sie ihren Umstandspullover glatt und ging in die Küche. Sie setzte den Wasserkocher in Gang, um sich einen Kräutertee aufzubrühen. Seitdem sie schwanger war, hatte sie ständig Durst. Ganz zu schweigen von ihrem Appetit auf frisches Obst!

Auf dem Tisch lag noch der Poststapel, der an diesem Tag gekommen war. Vor ihrem Aufbruch war Valerie nicht mehr dazugekommen, die Briefe durchzusehen, weil Nannei sie zum Yogakurs abgeholt hatte. Das war vermutlich besser gewesen, denn als die Bäuerin die Post nun durchblätterte, sank ihr das Herz. Nichts als Rechnungen und Mahnungen. Das Geld flog ihnen schneller davon, als sie es einnehmen konnten.

Korbinian und sie hatten den Hof vor zwei Jahren gekauft. Es war immer ihr Traum gewesen, eines Tages einen eigenen Betrieb bewirtschaften zu können, und den hatten sie sich erfüllt. Manchmal drohte er allerdings zu einem Albtraum zu werden, denn die Preise in der Milchwirtschaft sanken ständig. Die ausbleibenden Einkünfte machten ihren Mann reizbar und aufbrausend. Erst an diesem Morgen hatte er Valerie angefahren, weil sie nachts auf dem Rückweg von der Toilette das Licht im Flur angelassen hatte. Es hatte stundenlang umsonst gebrannt.

»Glaubst du vielleicht, der Strom bezahlt sich von allein?«, hatte er geschimpft und sein Frühstück schweigend eingenommen.

Bei dem Gedanken daran krampfte sich etwas in ihr zusammen. Es wird leichter, sobald der Hof besser dasteht, tröstete sie sich. Mit dem Kredit können wir den Stall erweitern und mehr Tiere halten. Dann erzielen wir auch bessere Einkünfte. Allerdings haben wir dann auch mehr Arbeit.

Entschlossen legte Valerie drei Stapel für die Post an: Ein Teil der Briefe musste gleich bezahlt werden, ein Teil sollte bald bezahlt werden, und der dritte Teil musste noch warten. Stromrechnung und Wasser sollten unverzüglich bezahlt werden. Die Futtermittelrechnung kam schweren Herzens auf den dritten Stapel.

Valerie sank das Herz, während sie weiter sortierte, und der dritte Stapel wuchs und wuchs. Hoffentlich hatten die Lieferanten Verständnis für ihre Sorgen …

Sprudelnd beendete der Wasserkocher seine Arbeit. Valerie goss den Tee auf. Während das Getränk zog, eilte sie noch einmal hinaus. Sie angelte ihren Mantel vom Haken und ging über den Hof zur Scheune. Hier stand eine große Voliere, in der jedoch keine Vögel lebten, sondern zwei Eichhörnchen. Das jüngste hatte sie bei einem Waldspaziergang gefunden. Es war am Bein verletzt und halb verhungert gewesen. Sie hatte es mitgenommen und pflegte es gesund.

Die Voliere war mit Tannenzweigen, Ästen und Blättern ausgestattet. Dazu kamen ein Wasserbecken und ein Futternapf. Unter der Wärmelampe konnten sich die Tiere aufwärmen. Kugeln aus Bast boten Versteckmöglichkeiten.

Kurz nach ihrem Umzug ins Zillertal hatte Valerie das erste verletzte Eichhörnchen gefunden und aufgezogen. Danach hatte die eigens gekaufte Voliere eine Weile leer gestanden, deshalb hatte sich Valerie kurzerhand in eine Liste für Pflegestationen für Eichhörnchen aufnehmen lassen. Seither brachte man ihr hin und wieder kranke oder verwaiste Eichhörnchen, damit sie sie gesundpflegte.

Valerie liebte die flinken Tiere. Es war ihr Ziel, ihre Schützlinge wieder auszuwildern, damit sie in ihre angestammte Heimat im Wald zurückkehren konnten.

Eichhörnchen hielten keinen Winterschlaf, nur eine Winterruhe, deshalb waren sie sogar jetzt, im Winter, aktiv.

In einer Thermoskanne stand Fencheltee bereit. Valerie hatte ihn an diesem Mittag gekocht. Sie hatte Traubenzucker und eine Prise Salz zugegeben. Der Tee war noch lauwarm. Gerade richtig.

Valerie zog etwas von der Flüssigkeit in eine Pipette auf. Ihr Schützling kuschelte sich in ein altes Handtuch unter die Wärmelampe. Die Bäuerin öffnete die Voliere und hob das Eichhörnchen vorsichtig hoch. Dann träufelte sie etwas Tee in die Backentasche des Tieres. Es reckte den Kopf und trank durstig. Das war ein Fortschritt. Kurz nach seiner Ankunft war es nach jedem Schluck vor Entkräftung eingeschlafen.

Eichhörnchen waren tagaktive Einzelgänger. Mit ihrem buschigen Schwanz hielten sie nicht nur die Balance, sondern steuerten auch ihre waghalsigen Sprünge von Baum zu Baum. Ihre Sprunggelenke erlaubten ihnen, die Füße um hundertachtzig Grad nach hinten zu drehen, dadurch konnten sie überall sicher abwärts klettern.

Das verletzte Bein des Eichhörnchens hatte Valerie mit einer antiseptischen Salbe versorgt und verbunden. Die Wunde heilte gut. Bald würde der Waldbewohner wieder munter springen können.

Als das Eichhörnchen satt war, setzte Valerie es wieder aufs Handtuch zurück. Das zweite Tier spähte aus dem Kobel zwischen den Tannenzweigen und schaute sie aus runden Knopfaugen aufmerksam an. Es ahnte wohl schon, dass es gleich Futter geben würde.

Valerie füllte den Futternapf mit einer Mischung aus Haselnüssen, Apfelspalten und Möhrenscheiben. Eicheln mochten die Tiere nicht. Das hatte Valerie anfangs gewundert, bis sie herausgefunden hatte, dass der Name Eichhörnchen nicht vom Ausdruck ›Eiche‹ kam, sondern von ›aig‹, einem altdeutschen Wort für flink.

Nachdem Valerie Wasser in der Schale aufgefüllt hatte, ließ sie die Tiere wieder allein und kehrte ins Haus zurück. Sie wusch ihre Hände und bereitete das Abendessen vor. Zunächst putzte sie Brokkoli und schichtete die Röschen abwechselnd mit einer Lage aus Kartoffelspalten in einer Auflaufform. Anschließend goss sie eine Mischung aus Sahne, geraspeltem Käse und Gewürzen darüber.

Zum Nachtisch mache ich Bratäpfel. Die isst Korbinian so gern, beschloss sie und wollte gerade nach der Schale mit dem Obst greifen, als sie die Türklingel hörte. Verwundert hob sie den Kopf. Nanu? Besuch? Um diese Zeit? Ob Nannei etwas vergessen hatte?

Sie wischte ihre Hände an einem Küchentuch ab, ging zur Haustür und öffnete. Draußen stand jedoch nicht ihre Nachbarin, sondern Ludwig Sirch. Der Gendarm war ein kräftiger Mann mit einem buschigen schwarzen Schnurrbart und grauen Augen, denen kein Detail zu entgehen schien. Er sorgte seit vielen Jahren für die Sicherheit im Dorf. Auch er brachte von Zeit zu Zeit hilfebedürftige Eichhörnchen zu ihr.

»Guten Abend, Ludwig.« Valerie nickte dem Besucher zu. »Kann ich etwas für dich tun?«

»Ich muss mit dir reden, Valerie.« Der Gendarm nahm seinen Hut ab und schien nicht recht zu wissen, wo er hinschauen sollte. Sein Blick irrlichterte umher, ehe ein Ruck durch ihn ging und er Valerie direkt ansah. »Es tut mir sehr leid, Valerie. Es ist etwas passiert. Etwas Schlimmes.«

Mit einem Mal schien eine eisige Faust nach ihrem Herzen zu greifen. Die junge Bäuerin legte eine Hand auf ihren runden Bauch, als müsste sie das ungeborene Leben darin beschützen.

»Was …« Ihre Stimme versagte, deshalb räusperte sie sich, ehe sie einen neuen Anfang machte. »Was ist denn geschehen?«

***

Drei Monate später

Dr. Martin Burger machte sich Sorgen.

Er kümmerte sich seit vielen Jahren um das Wohl der Menschen in seinem Heimatdorf und tat, was in seiner Macht stand, um ihnen zu helfen. Auch Nannei Hofer zählte zu seinen Patientinnen. Die junge Bäuerin hatte vor wenigen Tagen entbunden, aber ihr Zustand hatte sich seitdem verschlechtert.

Sie saß im Schaukelstuhl neben der Wiege ihres Sohnes und wagte kaum, sich zu rühren. Jede Bewegung verursachte ihr Schmerzen, das war ihr deutlich anzusehen. Trotzdem weigerte sie sich beharrlich, sich ins Bett zu legen.

»Ich hab so viel zu tun, ich kann mich net ausruhen«, wehrte sie ab, wenn ihr Mann sie ermahnte, sich hinzulegen.

Martin Burger untersuchte sie sorgfältig. Nannei hatte über vierzig Grad Fieber. Ihre rechte Brust war im äußeren Bereich geschwollen, gerötet und extrem druckempfindlich. Außerdem erschauerte sie unter Fieberwellen. Das waren keine guten Zeichen. Ganz und gar nicht.

»Du hast eine Mastitis, Nannei«, stellte er fest und richtete sich wieder auf. »Das ist eine bakterielle Entzündung der Milchgänge.«

»Das hatte ich befürchtet. Jedes Stillen ist eine Qual. Wenn ich den Kleinen anlege, könnte ich vor Schmerzen schreien.«

»Das glaube ich dir. Du musst abstillen, Nannei.«

»Was? Ich darf nimmer stillen? Aber das muss ich. Meine Großmutter schwört darauf. Angeblich schützt nichts ein Baby besser als Muttermilch. Bitte, Herr Doktor, mein Bub soll den besten Start ins Leben bekommen, den ich ihm geben kann. Es macht mir nix aus, wenn es wehtut. Ich halte es schon aus.«

»Darum geht es net. Dein Baby könnte die Bakterien über deine Milch aufnehmen. Sie können ihm schaden. Die Entzündung ist schon zu weit fortgeschritten.«

»Ich hab es zuerst mit Hausmitteln versucht. Mit Honig und Kohlblättern als Einlage.« Nannei wischte sich eine verschwitzte Haarsträhne aus der Stirn. »Aber es wurde immer schlimmer.«

»Du bekommst ein Antibiotikum.« Martin Burger schrieb ein Rezept über Flucloacillin aus. »Dein Mann sollte das Mittel gleich noch aus der Apotheke holen, damit du sofort mit der Einnahme anfangen kannst.«

»In Ordnung«, wisperte sie niedergeschlagen.

»Kalte Umschläge werden deine Beschwerden lindern. Außerdem kann es helfen, die betroffene Brust hochzubinden. Ich komme morgen Nachmittag wieder her und schaue, ob die Behandlung anschlägt.«

»Gibt es denn wirklich keinen anderen Weg, Herr Doktor?« Unglücklich blickte die Bäuerin auf. »Muss ich abstillen?«

»Das ist in diesem Stadium leider unumgänglich, aber du kannst deinem Sohn trotzdem all die Nähe und Zuwendung geben, die er braucht. Es gibt ausgezeichnete Milchprodukte im Handel. Damit wird er gut zurechtkommen, du wirst sehen.«

»Na gut. Wenn es net anders geht, machen wir es so.«

Dr. Burger nickte und beugte sich über die Wiege, um nach dem Baby zu sehen.

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