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Der Bergdoktor - Folge 1758

Zwischen Enzian und Edelweiß

Ein Traum wird wahr in St. Christoph

Von Andreas Kufsteiner

Auf einem idyllischen Bauernhof in den Bergen zu leben, das war schon immer Ines’ größter Wunsch. Und als sie von ihrer Großmutter eine größere Geldsumme erbt, ist sie fest entschlossen, aus der Stadt wegzuziehen und ihren Traum wahrwerden zu lassen.

Armin, ihr Verlobter, ist zwar nicht begeistert von ihren Plänen, doch um Ines nicht zu verlieren, gibt er scheinbar nach. Insgeheim hofft er, dass Ines’ Suche erfolglos bleibt und sie letztlich ihre Pläne aufgibt.

Doch er täuscht sich. Schon wenige Wochen später präsentiert Ines ihm »ihr Paradies«. Sie hat das Moosgrund-Gütl in St. Christoph gekauft. Einsamer und spartanischer geht es wirklich nicht …

Ines Seeberg schlüpfte aus dem schwarzen Mantel und hängte ihn auf einen Bügel. Dann entledigte sie sich der schwarzen, hochhackigen Schuhe und ging auf Strümpfen ins Wohnzimmer. Die Füße brannten, denn die neuen Schuhe waren zu eng. Oder hatte sie zu lange gestanden?

Ines kam von der Beerdigung ihrer Großmutter. Halb Villach hatte sich zu dieser Beisetzung eingefunden, denn Agnes Seeberg hatte zur »besseren Gesellschaft« von Villach gehört. Sie und ihr Mann Günther hatten eine Firma aufgebaut, die hohe Erträge lieferte und viele Arbeitsplätze geschaffen hatte.

Sohn Hannes hatte nach dem frühen Tod des Vaters die Firma übernommen und sie zusammen mit seiner Mutter erfolgreich weitergeführt. Seine Frau Maria konnte sich ganz und gar der Betreuung ihrer Tochter widmen, und so war die kleine Ines in Wohlstand und liebevoller Geborgenheit aufgewachsen.

Dann kam der schreckliche Tag, an dem Hannes und Maria Seeberg einen Autounfall hatten. Für die beiden kam jede Hilfe zu spät, und die damals zwölfjährige Ines hatte nur noch ihre Großmutter Agnes.

Es folgte eine lange Zeit der Trauer, in der sich Agnes an ihrer Verantwortung und Liebe für Ines aufrichtete und Ines sich immer enger an die Großmutter anschloss. Das Kind hatte sonst keine Verwandten mehr. Die Mutter war als Waise aufgewachsen, und der Vater war ein Einzelkind gewesen.

Agnes Seeberg hatte nach und nach die Leitung der Firma an einen Geschäftsführer übertragen und war nur noch ein paar Stunden am Tag in der Firma zugegen gewesen.

Da Ines keinerlei Anzeichen gezeigt hatte, die Firma einmal übernehmen zu wollen, hatte Agnes sie verkauft, als sie das Rentenalter erreicht hatte.

Ines hatte eine Ausbildung als Keramikerin gemacht. Es machte ihr Freude, etwas mit den Händen zu schaffen. Sie war auch eine talentierte Malerin, und so bemalte sie ihre Kreationen selber und wurde sehr schnell erfolgreich.

Großmutter Agnes hatte das noch miterleben dürfen, doch ihr angegriffenes Herz hatte plötzlich nicht mehr mitgemacht. Und nun war Ines, die gerade fünfundzwanzig Jahre alt geworden war, ganz allein.

Bei diesem Gedanken schreckte sie auf. Sie war nicht allein! Sie war seit drei Jahren verlobt!

Ines erhob sich und ging in die Küche. Im Kühlschrank stand eine Flasche Weißwein, und sie hatte jetzt Lust auf ein Glas. Sie hatte die Flasche kalt gestellt, weil sie ihren Verlobten noch erwartete, doch plötzlich wollte sie nicht mehr warten.

Armin Vogt hatte sie zur Beerdigung nicht begleiten können. Er hatte einen wichtigen Termin mit einem Galeristen und wollte dann später noch zu ihr kommen.

Ines nahm einen Schluck aus ihrem Glas. Was konnte wichtiger sein, als Großmutters Beerdigung? Doch dann lenkte sie in Gedanken sofort ein. Armin war dabei, sich eine Existenz als Kunstmaler aufzubauen, und ein Galerist aus Klagenfurt hatte sich bereit erklärt, einige seiner Bilder auszustellen. Dieser Galerist war aber nur an diesem Tag in Villach, und Armin konnte es sich nicht leisten, gerade da abzusagen.

Eine leise Stimme in ihrem Inneren flüsterte ihr zu, dass Armin ja auch nach Klagenfurt fahren könnte, um den Galeristen an einem anderen Tag zu treffen. Aber sie brachte diese Stimme sofort zum Schweigen.

Ja, sie hatte ganz allein auf dem Friedhof am Grab ihrer Großmutter gestanden. Nein, Herr Wolfert, der ehemalige Geschäftsführer der Firma, hatte sich zu ihr gestellt und ihr Beistand geleistet. Dafür war sie dem alten Herrn sehr dankbar, und er war auch im Restaurant beim Essen bei ihr geblieben. Doch sie hatte deutlich die mokierten Blicke der anderen wahrgenommen, weil Armin nicht erschienen war.

Wieder wollte Ines der Ärger über das Verhalten ihres Verlobten überkommen, doch wieder fand sie Entschuldigungen dafür. Sie klammerte sich an Armin und verzieh ihm alles, denn sie hatte jetzt nur noch ihn!

Das Weinglas war leer. Ines erhob sich von der Couch, auf der sie mit angezogenen Beinen gekauert hatte, und ging ins Bad. Sie wollte die schwarze Kleidung, die sie noch trauriger machte, ablegen. In ihrem weißen, mollig warmen Bademantel fühlte sie sich wohler, und sie schenkte sich ein zweites Glas Wein ein. Gerade als sie damit ins Wohnzimmer ging, hörte sie einen Wagen vorfahren.

Erleichterung überkam sie. So schwungvoll und direkt vor den Eingang der Villa fuhr nur einer. Armin! Sie setzte sich auf die Couch und trank einen Schluck. Armin hatte einen Schlüssel, sie musste ihm nicht aufmachen.

»Hallo, Schatz!«, rief Armin schon in der Diele, bevor er ins Wohnzimmer trat. »Stell dir vor, der Wegener stellt ein paar Bilder von mir aus! Hast du Wein kalt gestellt? Das müssen wir feiern!«

In diesem Augenblick zerbrach etwas in Ines. Hatte Armin denn vergessen, was heute für ein Tag war? Sie saß da, das Weinglas in der Hand und starrte auf ihren Verlobten, der mit einem strahlenden Lächeln ins Wohnzimmer trat.

»Schatz, was ist denn?«, fragte Armin verstört. »Du siehst aus, als ob du geweint hättest!«

»Hab ich auch«, stieß Ines verletzt hervor. »Immerhin hab ich heute meine Großmutter beerdigt.«

»Mein Gott, bitte entschuldige!« Armin kam auf sie zu, sank vor ihr auf die Knie und sah schuldbewusst zu ihr auf. »Es tut mir so leid, dass ich nicht bei dir sein konnte.«

»Schon gut, steh bitte auf, du machst dich lächerlich«, erwiderte sie bitter.

Er erhob sich sofort und setzte sich neben sie.

»Liebling, es tut mir wirklich sehr leid. Komm, sei nicht so traurig, jetzt bin ich ja bei dir.« Er nahm sie in den Arm und hielt sie fest.

Ines konnte nicht anders. Sie schlang die Arme um seinen Nacken, presste das Gesicht an seine Schulter und weinte. Es war das erste Mal seit dem Tod ihrer Großmutter, dass sie ihren Gefühlen freien Lauf ließ.

Armin war erschüttert. Er hatte nicht gewusst, wie sehr Ines der Verlust ihrer Oma getroffen hatte. Er selbst nahm das Leben leicht, und Ines war ein Glücksfall für ihn. Natürlich war er verliebt in sie, aber zu tieferen Gefühlen war Armin Vogt nicht geschaffen. Trotzdem berührte ihn dieser Ausbruch in einer Art, wie er es noch nie empfunden hatte.

»Ich bin bei dir«, flüsterte er unbeholfen und streichelte ihr blondes, üppiges Haar. »Ich bin ja da, mein Liebes.«

Langsam beruhigte sich Ines. Die Last der vergangenen Tage, die anstrengende Beerdigung, alles fiel plötzlich von ihr ab. Sie fühlte sich ausgelaugt und sehr müde.

»Danke«, flüsterte sie und löste sich aus seinen Armen. »Sei net böse, aber ich möchte jetzt allein sein.«

Armin nickte erleichtert. Diese Situation überforderte ihn. Er wusste nicht, wie er mit diesem neuen Gefühl umgehen sollte, und das verunsicherte ihn vollends.

»Ich komme morgen bei dir vorbei«, versprach er leise.

»Ja, tu das«, erwiderte Ines müde. Sie wollte jetzt nur noch allein sein, schlafen und wieder klare Gedanken fassen können.

***

Die folgenden Tage verbrachte Ines mit der Beantwortung der Kondolenzkarten. Es waren viele, und bei den meisten schrieb sie zu den schon vorgedruckten Dankesworten noch ein paar persönliche Zeilen dazu.

Es kam ihr alles wie ein Abschied vor, ein Abschied von allen alten Bekannten und ihrem bisherigen Leben.

Regina Holl, ihre beste Freundin, half ihr bei den Billetts. Sie war die Einzige, die Ines in diesen Tagen um sich duldete. Selbst Armin, der sich ohnedies nur selten sehen ließ, wimmelte sie unter einem Vorwand ab. Sie konnte und wollte jetzt nicht mit ihm reden. Der Verlust ihrer Großmutter schmerzte noch zu sehr, um Armins hilflose Tröstungsversuche zu ertragen.

Regina versuchte gar nicht, Ines zu trösten, sie war einfach da und half. Das tat sie in einer unaufdringlichen Art, doch es wurde viel mehr erledigt, als Ines alleine geschafft hätte.

»Ich danke dir, Regina!« Ines sah auf den Stapel Post, der säuberlich aufgeschichtet auf dem Schreibtisch lag.

Regina Holl lächelte. »Wofür? Ich hab doch gar net viel getan.«

»Doch, du hast sehr viel getan«, widersprach Ines ernst. Sie fühlte sich besser, stärker, und das hatte sie Reginas stiller Anwesenheit und Hilfe zu verdanken. »Du bist einfach für mich da gewesen.«

Regina ging zur Sitzgruppe und setzte sich auf die Couch.

»Hättest du zur Belohnung vielleicht ein kleines Schluckerl von deinem herrlichen Weißwein im Kühlschrank?«

Ines musste schmunzeln. Regina hatte eine Art, Situationen eine Wendung zu geben, die einmalig war.

»Hab ich«, versicherte Ines und fühlte sich längst nicht mehr so bedrückt.

»Sag mal, was wirst du jetzt tun?«, fragte Regina, als Ines zwei Gläser und die Flasche Wein in einem Kühlbehälter auf den Tisch stellte.

Ines schenkte die Gläser ein und sah ihre Freundin sinnend an.

»Ich weiß es noch nicht. Es ist alles noch ein bisserl wirr in meinem Kopf. Irgendwie graut mir davor, ganz allein in der großen Villa zu wohnen.«

»Was ist mit Armin? Ihr könntet doch endlich heiraten, dann könnte er hier ein Atelier ausbauen und arbeiten. Deine Töpferwerkstatt ist sowieso schon hier im Erdgeschoss. Bessere Verhältnisse könnt ihr doch nirgendwo haben.«

Ines nahm einen Schluck. »Da ist was dran, die Villa gehört jetzt mir«, bestätigte sie. »Aber ich weiß net, ob ich hierbleiben will.«

Regina horchte auf. »Sag bloß, du hast immer noch den Traum von einem Bauernhof auf dem Land?«

»Mehr denn je.« Ines nickte und füllte die Gläser nach. »Ich hab mich schon vor Großmutters Tod umgesehen, aber leider nichts Passendes gefunden.«

Regina lehnte sich zurück. »Sag mal, muss der Hof, den du suchst, unbedingt bei uns in Kärnten sein?«

»Nein, aber Berge brauche ich unbedingt. Wenn’s geht, noch ein bisserl höhere als unsere!«

Regina sah ihrer Freundin in die Augen. Das erste Mal seit dem Tod ihrer Großmutter hatten Ines’ herrliche, blaue Augen wieder den Glanz, den Regina so gut kannte. Das ganze, schmale Gesicht schien sich zu beleben, und Regina nahm erst mal einen Schluck Wein aus ihrem Glas.

»Vielleicht kann ich dir helfen«, sagte sie dann und stellte das Glas zurück auf den Tisch. »Du weißt doch, dass ich im Dezember in Tirol zum Skifahren war.«

»Hm, weiß ich.« Ines nickte. »Du warst regelrecht begeistert und wolltest wieder hinfahren. Wie hat das Dorf geheißen, wo du gewohnt hast?«

»St. Christoph«, erklärte Regina lebhaft. »Ich hab mich selten so wohlgefühlt wie dort, ehrlich!«

Ines lächelte. »Du hast mir genug davon vorgeschwärmt. Aber das hat eher das tolle Hotel betroffen, oder?«

Regina lachte. »Das Berghotel Am Sonnenhang, ja! Das war wirklich toll. Aber ich meine jetzt den Kontakt mit den Einheimischen, der war auch net ohne!«

»Fesche Bauernburschen?«, neckte Ines. »Wie hat denn dein Oliver deine Schwärmerei aufgenommen?«

»Oliver war doch dabei, und ich meine net die feschen Bauernburschen«, wehrte Regina ab. »Die gibt’s dort auch, aber das ist net das Thema.«

»Was dann?«, wollte Ines neugierig wissen.

»In St. Christoph steht ein Bauernhof zum Verkauf. Net zu weit weg vom Dorf, aber doch ein bisserl abgelegen. Die Besitzer sind verstorben, es gibt keine Erben, also ist der Hof der Gemeinde zugefallen. Die hat ziemlich viel Grund vom Hof an den Nachbarn verkauft, aber das Haus mit ungefähr zwei Hektar Grund will die Gemeinde auch loswerden.«

»Sag mal, woher weißt du das alles?«, staunte Ines.

»Na ja, Oliver und ich reden halt mit den Leuten«, meinte Regina lakonisch.

»Hast du den Hof am Ende auch gesehen?«

»Nein! Ich hab das alles nur aus Erzählungen. Ich konnte doch im Dezember nicht wissen, dass deine Großmutter im Februar stirbt und du ernsthaft von einem Bauernhof träumst!«

»Ja, natürlich«, murmelte Ines ernüchtert. Doch der Gedanke an so einen Hof, wie Regina ihn beschrieben hatte, ließ sie nicht mehr los. »Ob der Hof noch zu haben ist?«, überlegte sie.

»Das weiß ich net«, erwiderte Regina und füllte nun selbst ihr Weinglas noch mal nach. »Bevor du dich aber in diesen Gedanken verrennst, überlege genau, was Armin dazu sagen würde!«

Ines strich sich eine Locke aus der Stirn. »Ich denke, er würde mit mir gehen. Aber mit meinem Einkommen kann ich mir so einen Traum gar nicht erfüllen.«

Regina lachte. »Weißt du, was deine Villa wert ist? Wenn du die verkaufst, kannst du dir zwei mittlere Bauernhöfe im Zillertal leisten.«

Ines schrak zusammen. »Großmutters Villa verkaufen? Nie! Das kommt gar net infrage!«

Regina lächelte. »Ich würd’s an deiner Stelle auch net tun. Bleibt also bloß die Variante, dass du Armin hier ein Atelier einrichtest und hoffst, dass er doch noch erfolgreich wird.«

»Man kann net alles haben«, murmelte Ines, doch dann lächelte sie. »Aber ich hab einen Traum, den ich endlos weiterträumen kann!«

***

Zwei Wochen später saß Ines mit Armin beim Notar, der mit dem Nachlass von Agnes Seeberg betraut war. Dr.&

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