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Der Bergdoktor - Folge 1757

Der einsame Sieger

Ein Mann bereut – wird man ihm vergeben?

Von Andreas Kufsteiner

Rupert Baumgartner und seine Frau können es kaum erwarten. In wenigen Tagen wird Simon, ihr Einziger, endlich nach St. Christoph zurückkehren, um seine Jugendliebe zu heiraten und den Hof zu übernehmen.

In den letzten Jahren war Simon nur selten daheim, denn er hat sein Leben ganz dem Skisport gewidmet und im Abfahrtslauf fast alles gewonnen, was zu gewinnen ist. Doch nun hat er mit achtundzwanzig Jahren offiziell seine Sportkarriere beendet.

Seine Eltern sind natürlich sehr stolz auf ihren erfolgreichen Sohn und geben ihm zu Ehren ein großes Willkommensfest, zu dem sie das ganze Dorf einladen. Doch als Simon endlich eintrifft, erschallt kein Jubelruf. Betroffenes Schweigen breitet sich aus, als der Heimkehrer schnurstracks im Haus verschwindet …

Es ging auf halb fünf in der Früh zu, als die nächtliche Stille, die über St. Christoph lag, durch ein gleichmäßiges Brummen unterbrochen wurde. Noch flimmerten die Sterne am Firmament, auch wenn der Mond schon längst untergegangen war. Doch jetzt, Mitte März, stieg die Sonne erst in ein paar Stunden über den Horizont.

Die sechs Berge, die den idyllischen Flecken im Tiroler Zillertal wie steinerne Wächter umgaben, hatten sich mit reinweißen Schneemützen geschmückt. Und auch wenn die Märzsonne über Tag bereits einige Kraft entwickelte, so sank das Quecksilber in der Nacht doch noch deutlich unter den Gefrierpunkt. Der Winter, der derbe Geselle, mochte sein Regiment nicht so ohne weiteres an den Frühling abtreten.

Das Brummen verstärkte sich nun, als ein Scheinwerferpaar hinter der letzten Biegung vor dem Ortseingang auftauchte.

In der Nacht lag über St. Christoph ein stiller Friede, der erst gegen sechs mit dem Auftauchen des Milchwagens der Molkerei endete. Selten fuhr so früh ein Auto und wenn, dann war es meist der Landrover von Dr. Martin Burger, dem Bergdoktor, wie ihn seine Mitmenschen ebenso anerkennend wie respektvoll nannten.

Das war auch in dieser Nacht der Fall. Kurz nach elf am Vorabend war Dr. Burger auf den Berghof der Familie Krummbacher gerufen worden. Die Bäuerin lag in den Wehen.

Elsa Krummbacher war neununddreißig und hatte schon fünf Kinder. Der Älteste schaffte als Jungbauer bereits was weg, er war seinem Vater eine große Hilfe. Matti Krummbacher hatte nämlich seit einer Weile verstärkt das Reißen im Kreuz. Die schweren Arbeiten überließ er deshalb gerne Julius, der mit seinen zwanzig Jahren ein Kreuz wie ein Preisboxer hatte und für drei schuften konnte.

Der Hof der Familie lag versteckt in einem etwas abgelegenen Hochtal zwischen St. Christoph und Hochbrunn.

Eigentlich war bei den Krummbachers die Familienplanung bereits abgeschlossen gewesen. Die sechste Schwangerschaft im fortgeschrittenen Alter hatte der Bäuerin auf Anhieb gar nicht geschmeckt. Die hübsche, aber resolute Elsa hatte ihrem Matti zunächst mal eine gepfefferte Watschen verpasst, weil er »nie aufpassen kann, der Depp, der damische!«, wie sie es ausdrückte.

Nachdem Dr. Burger aber festgestellt hatte, dass alles in bester Ordnung war und der kleine Erdenbürger sich ohne Probleme entwickelte, hatte Elsa mit sich und dem neuen Leben, das unter ihrem Herzen wuchs, Frieden geschlossen und zusammen mit Matti einen Namen ausgesucht.

Die Eheleute wussten, dass es wieder ein Bub werden würde – der dritte übrigens – und hatten sich für Martin entschieden. Freilich war das ein kleiner Dank an den Bergdoktor, der bei jedem Wetter und zu jeder Uhrzeit für seine Patienten da war und auch schon die anderen fünf Krummbachers auf die Welt geholt hatte.

Als Dr. Burger den Hof erreicht hatte, war die Hebamme bereits anwesend gewesen. Trotzdem hatte es noch gut zwei Stunden gedauert, bis die Geburt endlich »in Schwung kam«, wie der Bauer das ausgedrückt hatte. Mit einer Flasche Enzian im Anschlag war er vor der ehelichen Schlafkammer Patrouille gelaufen und hatte sich keinen Augenblick fort gewagt.

Auch wenn die sechste Geburt eine gewisse Routine mit sich brachte, war Matti Krummbacher doch liebevoll besorgt und hätte seiner Frau während der Geburt gern die Hand gehalten, wenn sie es nur erlaubt hätte. Doch das wollte sie nicht, und so waren ihm bloß der Gang und sein Selbstgebrannter geblieben.

Kurz nach vier hatte dann ein strammer kleiner Bub seinen ersten Schrei getan. Mit einem Mal war das ganze Haus auf den Beinen, neben dem Bauern rannten die fünf Geschwister durcheinander, und jeder wollte als Erster einen Blick auf das Kinderl werfen. Dr. Burger und die Hebamme wurden zum Enzian genötigt. Und als der Bergdoktor den Hof endlich verlassen konnte, war der Großteil der Nacht schon vorbei.

Nun bog Martin Burger in die Kirchgasse ein, an deren Ende das Doktorhaus stand. Zenzi hatte die Lampe neben der Haustür brennen lassen, als kleines Willkommen für den späten Heimkehrer.

Martin stoppte nun und stieg aus, wobei er bemüht war, leise zu sein, denn er wollte niemanden vor der Zeit wecken.

Im Doktorhaus rührte sich noch nichts. Vor etwa fünfzig Jahren hatte Dr. Pankraz Burger, Martins Vater, es im schlichten Gebirgsstil errichten lassen. Durch einen Anbau, in dem sich nun die Praxis befand, hatte sein Sohn viel Platz geschaffen für ein Labor, OP, Röntgenraum sowie zwei Krankenzimmer. In St. Christoph hieß diese Einrichtung die »Miniklinik«.

Während Dr. Burger zur Haustür ging, gähnte er herzhaft. Nun spürte er die Müdigkeit einer durchwachten Nacht und freute sich auf ein paar Stunden erholsamen Schlaf im warmen Bett.

Er hatte eben die Haustür geöffnet, da stimmte ein Rotschwanz als Erster im Reigen der morgendlichen Sänger sein kratziges Lied an. Noch verhalten klang es und erfüllte doch das Herz des Bergdoktors mit einem warmen Gefühl des Heimkommens. Er drehte sich noch einmal um und ließ seinen Blick schweifen.

Tatsächlich, der neue Tag war nicht mehr fern. Ganz schwach und kaum wahrnehmbar schob sich ein erster Widerschein von dunklem Lila im Osten über den Horizont.

Auch wenn der naturverbundene Bergdoktor, der ein leidenschaftlicher Kraxler war, dem Lied der Natur gerne noch gelauscht hätte – denn nichts war nun einmal mit dem neuen Morgen, der alles neu machte zu vergleichen – drängte es ihn nun doch noch mehr, endlich ins Bett zu kommen.

Nachdem er die Haustür hinter sich geschlossen hatte, stieg er leise die Treppe hinauf. Im Erdgeschoss, direkt neben der guten Stube, hatte sein Vater sein Kabinettl. Pankraz Burger verfügte über einen guten Schlaf und würde sich gewiss von einem Geräusch nicht stören lassen.

Zenzi Bachhuber hingegen, die ebenfalls im Erdgeschoss wohnte, litt zeitweise unter Rückenschmerzen. Die Hauserin schlief dann schlecht und wachte auch des Öfteren mal auf. In dieser Nacht schien sie allerdings ruhig zu schlummern, denn Martin hörte kein Geräusch aus ihrer Kammer.

Im ersten Stock lagen die Schlafkammer der Burgers und daneben die Kinderzimmer. Die kleine Laura, die Jüngste im Bunde, schlief direkt neben den Eltern. Sie war erst zwei und wurde schon mal mit Bauchweh oder einem Albtraum wach. Dann musste die Mama schnell zur Stelle sein, sonst weckte Laura das ganze Haus …

Tessa, die acht Jahre alt war, gab schon etwas auf ihre Privatsphäre. Sie bezeichnete ihren jüngeren Bruder Philipp als Baby und kam sich bereits sehr erwachsen vor. Philipp war fünf und sollte bald zur Schule kommen.

Der lustige Bub, der sich selbst Filli nannte, brannte darauf, alles zu lernen, womit Tessa nun bereits renommierte, um ihn dumm und klein aussehen zu lassen. Ja, wenn er erst den Ranzen schultern konnte, dann würde da vieles anders werden!

Zum Glück schliefen die Kinder noch, ein ungewohnter Friede lag über dem Doktorhaus, in dem es sonst sehr lebendig zuging.

Vorsichtig schlüpfte Dr. Burger ins Schlafzimmer und zog sich leise aus. Als er unter die warme Decke glitt, drehte Sabine sich im Schlaf zu ihm um und kuschelte sich an ihn.

Er lächelte. Wenn das keine schöne Begrüßung war! Sacht küsste er ihre schlafwarme Stirn und hielt sie behutsam am Schlag seines Herzens.

Sabine war Martins große Liebe. Nach dem Tod seiner ersten Frau hatte Sabine wieder Licht und Glück in sein Leben gebracht und ein helles Kerzerl in seinem Herzen angezündet, das bis heute Wärme und Zufriedenheit spendete.

Mit Sabine und den drei Kindern war aus dem trauernden Witwer wieder ein glücklicher Mann geworden.

Es dauerte nur ein paar Augenblicke, dann glitt Dr. Burger sanft in Morpheus’ Arme. Er hörte nicht mehr, wie sich Amsel, Meise und Bergfink in das Konzert vor dem Fenster einreihten, wie die Natur allmählich zu neuem Leben erwachte, in dem hoffnungsvollen Ahnen, dass der Frühling nicht mehr fern war nach der dunklen, kalten Winterzeit.

Und er sah auch nicht, wie die Sonne ihre ersten goldenen Strahlen über den Feldkopf schickte und den Himmel in einer Sinfonie aus Purpur und Bronze schimmern ließ. Es würde ein schöner, sonniger Tag werden, doch mit dem Aufwachen hatte es für Martin Burger noch etwas Zeit. Zufrieden schlummerte er und hielt noch im Schlaf sein ganzes Glück im Arm.

***

Drei Stunden später ging es im Doktorhaus von St. Christoph bereits recht lebhaft zu. Sabine hatte sich sehr leise aus der Schlafkammer geschlichen, um Martin nicht zu wecken. Nun war die hübsche Mittdreißigerin mit dem glänzenden Blondhaar und den klaren, rehbraunen Augen damit beschäftigt, die kleine Laura zu füttern und dafür zu sorgen, dass die beiden Größeren beim Frühstück nicht zu sehr trödelten.

Tessa saß wie meist adrett am Tisch, die schwarzen Locken zu zwei akkuraten Zöpfen geflochten und die Nase bereits in einem Buch, während ihr Bruder in seinen Cornflakes herumrührte und in einem fort gähnte.

Pankraz Burger musterte seinen Enkel irritiert.

Der gut erhaltene Mittsiebziger, Heimatforscher aus Passion, mit einer Vorliebe für gutes Essen, liebte das Familienleben im Doktorhaus. Für ihn wäre es ein Graus gewesen, als Ruheständler abgeschoben und isoliert zu sein, wie das leider bei vielen Menschen seines Alters der Fall war. Er rechnete es Sabine und seinem Sohn hoch an, dass sie ihn aktiv am Familienleben teilhaben ließen und auch noch etwas auf seine fachliche Meinung gaben.

Sabine war ebenfalls Ärztin, und es kam nicht selten vor, dass man zu dritt ein angeregtes Fachgespräch führte. Das hielt den Senior im Doktorhaus geistig rege und sorgte dafür, dass er sich wohl fühlte und wusste, dass er noch gebraucht wurde.

»Was ist denn los, Filli?«, fragte er seinen Enkel nun. »Hast du heut Nacht net schlafen können? Ganz blass bist, schaust aus, als würden dir gleich die Augen zufallen.«

»Nix ist, Opa«, behauptete der Bub, gähnte aber schon wieder ausgiebig. »Müd sein kann doch ein jeder mal, oder?«

»Wenn man die ganze Nacht diesen Schmarrn macht, ist das kein Wunder«, merkte Tessa an, ohne von ihrem Buch aufzuschauen.

»Was für einen Schmarrn denn?«, wollte ihre Mutter wissen.

Die kleine Laura nutzte Sabines kurze Unaufmerksamkeit und beförderte einen Löffel Brei in Fillis Cornflakes, der sich darüber lautstark beschwerte und behauptete: »Das kann ich jetzt nimmer essen, es ist verseucht!«

»Red keinen Unsinn und gib deiner Mama Antwort«, mahnte Pankraz. »Also, was für einen Schmarrn meint deine Schwester?«

»Woher soll denn ich das wissen?« Der Bub schob zuerst seinen Teller von sich und dann die Unterlippe vor.

Tessa richtete nun ihre großen, dunklen Augen streng auf den Bruder. Sie war ein außergewöhnlich hübsches Kind von südländischem Temperament. Die Burgers hatten die Kleine mit drei Jahren auf ihrer Türschwelle gefunden. Sie hatte bereits Schlimmes erlebt und im Doktorhaus liebevolle Aufnahme gefunden. Dass sie adoptiert war, verriet nur ihr Aussehen. Die Eltern sahen in ihr ebenso ihr Kind wie in den beiden leiblichen Geschwistern.

»Wenn du es net weißt, dann muss ich deinem Gedächtnis wohl nachhelfen«, erklärte sie hoheitsvoll, griff in den Rucksack des Bruders und förderte ein handliches Elektronikspiel hervor.

Sabine Burger stutzte. »Wo kommt denn das her?«

»Es gehört dem Gustl, er hat’s mir geliehen.« Filli starrte seine Schwester kurz an, als wolle er sie erwürgen, worauf sie allerdings nur mit einem abschätzigen Lächeln reagierte.

»Und damit hast du die ganze Nacht gespielt?« Die junge Ärztin krauste die Stirn.

»Ich muss es ihm heut zurückgeben und wollte ein höheres Level als er erreichen«, berichtete der Bub eifrig.

»Du wolltest deinen Freund beeindrucken, das ist legitim«, urteilte Pankraz. »Aber net, wenn es auf Kosten des Nachtschlafes geht. Oder magst du den vielleicht im Kindergarten nachholen? Ich glaub, das wird schlecht gehen. Aber wart nur ab, es dauert eine Weile, dann bist du so müd, dass es weh tut. Und dann wirst du deine nächtliche Spielwut bereuen.«

»Der Opa hat recht.« Sabine gab ihrem Sohn das Spiel zurück. »In der Nacht sollte man schlafen, net spielen.«

»Der Gustl kriegt’s heut wieder, dann ist die Sache erledigt, gelt?«, versuchte Filli, sich aus der Affäre zu ziehen.

»Dein Vater hat da auch noch ein Wörterl mitzureden. Aber das hat Zeit, wir unterhalten uns beim Abendessen«, entschied seine Mutter. »Jetzt müsst ihr zwei so langsam los.«

Pankraz erhob sich und beschloss: »Ich bring euch. Die Sonne scheint, und es liegt schon ein bisserl Frühling in der Luft, das muss ich ausnutzen. Ich nehme den Poldi mit und drehe noch eine Runde, einverstanden?«

»Ich hab nix dagegen«, versicherte seine Schwiegertochter.

»Übernimmst du die Sprechstunde? Der Martin schläft doch gewiss noch, oder?«

»Ich nehme es an. Um acht geh ich rüber in die Praxis. Keine Ahnung, wann er heut Nacht heimgekommen ist, ich hab schon geschlafen. Die Geburt auf dem Krummbacher-Hof scheint sich ziemlich hingezogen zu haben.«

»Hauptsache, alle sind gesund«, meinte der Senior und verließ hinter den Kindern die gute Stube.

Sabine wandte sich wieder Klein-Laura zu und verdrehte die Augen.

»Was hast du denn gemacht? Ach, Spatzerl …«

»Patzerl!«, krähte die Kleine fröhlich und schien sich sehr wohl zu fühlen in einer Umgebung, die nur aus Brei bestand.

Die junge Ärztin lief rasch in die Küche, besorgte einen Lappen und beseitigte den Schaden. Zenzi rührte einen neuen Brei an, und diesmal achtete Sabine genau darauf, dass dieser auch dort landete, wo er hingehörte, nämlich im Mund der kleinen Laura und nicht auf ihrem Hochstuhl, dem Tisch, dem Boden und, und, und …

Das jüngste Mitglied der Familie Burger war eben fertig gefüttert, als Martin die gute Stube betrat. Sabine war erstaunt.

»Bist du schon munter? Wie viele Stunden hast du denn geschlafen? Eine oder sogar zwei?«

Er grinste, schenkte ihr ein zärtliches Busserl und meinte, während er sich am Frühstückstisch niederließ: »Ich war ganz verschwenderisch: drei!«

Sabine musste lachen. Sie nahm Laura auf den Schoß und setzte sich, um ihrem Mann noch etwas Gesellschaft zu leisten.

Sah man die beiden zusammen, konnte man den Eindruck gewinnen, dass sie ein frisch verliebtes Paar waren. Blicke und Gesten verrieten ebenso Vertrautheit wie tiefe Zuneigung.

Dass Sabine sechzehn Jahre jünger war als ihr Mann, fiel nicht gleich ins Auge. Martin Burger war für Anfang fünfzig erstaunlich jugendlich.

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