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Der Bergdoktor - Folge 1756

Die Schwesternburg

Kein Bursch hat Zutritt auf dem Walser-Hof

Von Andreas Kufsteiner

Bis vor einem Jahr waren die Schwestern vom Walser-Hof ganz normale, fröhliche junge Frauen. Doch dann muss irgendetwas Schlimmes passiert sein, und seitdem schotten Eva und Nina sich regelrecht ab.

Der Einzige, der regelmäßig Einlass in die Schwesternburg findet, ist Dr. Martin Burger. Sonst hat niemand Zutritt!

Im Dorf haben die Burschen längst akzeptiert, dass die schönen Schwestern anders sind. Benno Paltinger jedoch, der erst vor wenigen Wochen nach St. Christoph gezogen ist, macht sich ahnungslos auf den Weg zur Schwesternburg …

Die Bergwacht-Feste in St. Christoph galten als absolute Höhepunkte im Jahr, besonders das sommerliche Almfest und das Herbstfest. Längst waren auch die Faschingsbälle und die Ski-Wettbewerbe der Bergwachtler zu Ereignissen geworden, die sich aus dem Jahresablauf nicht mehr wegdenken ließen.

Hätte man jedoch im Dorf eine Umfrage gestartet, dann wäre das legendäre Mai-Frühlingsfest auf dem ersten Platz der Beliebtheitsskala gelandet.

Zusammen mit ihrem Leiter und Vorstand Dominikus Salt hatten die Bergwachtler auch heuer wieder dafür gesorgt, dass die Stimmung schon zu Beginn des Maifestes großartig war. In der idyllisch gelegenen Grundlbach-Hütte konnten alle, die sich der Bergwacht verbunden fühlten, nach Sonnenuntergang bis in die Nacht den Alltag vergessen.

Musik und Tanz, dazu spannende Geschichten aus den Bergen und Auftritte verschiedener Künstler, heimische Schmankerln und ein zünftiges Lagerfeuer ließen die Zeit wie im Fluge verstreichen.

Die Grundlbach-Hütte lag unterhalb vom Achenkegel und war vom Dorf aus in kurzer Zeit auf einer gut ausgebauten Fahrstraße zu erreichen.

Die Bezeichnung »Hütte« war irreführend, denn es handelte sich um ein geräumiges Haus mit großen Räumen, das dank seiner unverwüstlichen Bauweise – Felsgranit und doppelte Holzbohlen mit einer Dämmschicht aus Klinkern – jeder Witterung trotzte.

Das breite, feste Schutzdach hielt jedem Sturm stand. Dieses robuste Haus hatte einst dem Bergführer und Höhlenforscher Sebald Hornunger gehört, einem »eisernen« Junggesellen, der sich sein Leben lang für die Sicherheit im Gebirge und somit auch für die Bergwacht eingesetzt hatte.

Daher war es ihm ein Anliegen gewesen, sein Haus noch zu seinen Lebzeiten der Tiroler Bergwacht zu überschreiben. Die entsprechenden Papiere – allesamt ordnungsgemäß notariell ausgestellt und unterzeichnet – hatte er kurz vor seinem Dahinscheiden dem damaligen Bürgermeister überreicht. Denn beim Sebald hatte alles seine Ordnung gehabt.

Ein großes, gerahmtes Foto erinnerte im Flur des Hauses an den wackeren Älpler, der vor vierzig Jahren im gesegneten Alter von neunzig Jahren verstorben war. Er hatte sich übrigens gewünscht, dass im Erdgeschoss mehrere Räume zu einem urgemütlichen Saal zusammengelegt werden sollten. Denn stimmungsvolle Feste, regelmäßige Treffen und gemeinsame Stunden stärkten den Zusammenhalt. Das hatte Sebald Hornunger nicht nur in der Theorie gewusst, denn er war gern und oft mit seinen Bergkameraden beisammen gewesen.

Heute, an einem wunderschönen Sonnabend Mitte Mai, wurde das Frühlingsfest von Dominikus Salt mit einer Ansprache eröffnet, in der er an den »hoch geschätzten Ehrenbürger unseres Dorfes Sebald Hornunger« erinnerte.

»Als er von uns ging, war ich ein Bub von knapp vierzehn Jahren«, sagte der Bergwachtleiter. »Ich hab ihn in meiner Kindheit oft hier in seinem Haus besucht, weil er so wunderbar aus einem bewegten Leben erzählen konnte. Durch den Sebald bin ich darauf gekommen, dass ich später unsere Bergwacht in St. Christoph noch ein Stückl weiter vorwärts bringen wollte. Es ist mir geglückt. Aber nur, weil ich so viele mutige und sachkundige Kameraden an meiner Seite hab.«

Er machte eine kurze Pause, um seine Worte wirken zu lassen. Dann sprach er weiter: »Wir können stolz auf uns sein, denn wir sind auf einem sehr guten Weg. Erst kürzlich haben wir die Verdienstmedaille der Tiroler Bergwachtvereinigung erhalten, was eine große Ehre für uns bedeutet. Ein aufrichtiges Vergelt’s Gott euch allen, liebe Freunde! Besonders auch dir, Martin. Deine medizinische Hilfe und dein selbstloser Einsatz bei unseren Rettungsaktionen hat so manchem Verunglückten das Leben gerettet. Seit vielen Jahren bist du unser Bergwacht-Arzt, und obendrein schulst du unseren Nachwuchs in Erster Hilfe. All das tust du, obwohl du in deiner Praxis wirklich mehr als genug um die Ohren hast.«

Dafür gab es einen kräftigen Applaus.

»Ein herzlicher Dank geht auch an unsere Frauen, die schon oft um uns gezittert haben und doch immer bereit waren, uns zu unterstützen. Ohne unsere treuen Ehefrauen, Verlobten, Freundinnen und Mütter wären wir nicht dort, wo wir heute sind. Deshalb bitte ich jetzt unseren Bürgermeister, jeder Dame eine rote Rose zu geben. Toni, geh her, walte deines Amtes!«

»Das mach ich natürlich gern!«, dröhnte Bürgermeister Angerer. »Was gibt es Schöneres, als einer Frau ein rotes Röserl zu überreichen? Und da die Meinige neben mir sitzt, kriegt sie gleich das erste Blümerl. Dann kann ich mir für die anderen Herzdamen umso mehr Zeit nehmen!«

Gelächter ringsum, während die Frau Bürgermeisterin ein bisschen säuerlich lächelte. Zwar kannte sie die Scherze ihres Angetrauten nur allzu gut, aber begeistert war sie nicht davon.

Gelegentlich sagte sie ihm das auch. Freilich nützte es nichts, denn im Laufe von dreißig Ehejahren war ihr klar geworden, dass ihr Toni kein Herzensbrecher, sondern ein Zillertaler Urgestein war. Ihre kleinen Rachefeldzüge bestanden darin, dass sie sich bei passender Gelegenheit in seine Amtsgeschäfte einmischte. Das mochte er nämlich gar nicht.

Während der Bürgermeister die Rosen verteilte, spielten die »Hexensteiner« das bekannte Lied »Schenkt man sich Rosen in Tirol«.

Nelli und Hanni, die beiden Kellnerinnen aus dem Gasthof »Zum Ochsen« im Dorf, servierten Sekt für alle und Extra-Pralinen für die Damen.

Heute hatte der »Ochsen« geschlossen: Ruhetag, wenn auch außerplanmäßig. Es waren ja eh alle hier oben, sogar der Wirt selbst. Er hatte übrigens für die Grillwürstl und den riesigen Kessel mit hausgemachter Gulaschsuppe gesorgt. Alle anderen Schmankerln waren vom Berghotel »Am Sonnenhang« geliefert worden, und zwar völlig gratis. Denn Hotelier Kastler, seine Frau Hedi und die gesamte Belegschaft galten als Freunde und Gönner der Bergwacht.

»Ich bin platt«, sagte Benno Paltinger zu seinem Freund Hans Luckner. »Du hättest mir sagen sollen, dass es nicht einfach nur irgendein Fest ist. Ich find’s großartig!«

Benno war erst seit kurzer Zeit wieder in St. Christoph. An die ersten sechs Jahre seines Lebens, die er im Zillertal verbracht hatte, erinnerte er sich nur noch lückenhaft.

Die Zeit mit Hans war ihm jedoch glasklar im Gedächtnis geblieben. Denn die beiden Buben hatten ihre Kinderfreundschaft nie begraben, obwohl sie sich in den vergangen fünfundzwanzig Jahren nur selten und sehr kurz gesehen hatten.

Hans in St. Christoph, Benno im Südtiroler Weinbaugebiet am Kalterer See, wo sich seine Eltern niedergelassen hatten – weiß Gott keine meilenweite Weltreise, aber irgendwie hatte es nie so recht geklappt mit einem längeren Wiedersehen. Obendrein war Benno auch noch eine Weile in Rom gewesen, weil er sich in eine temperamentvolle Italienerin verliebt hatte.

Nun, das war Schnee von gestern – aus und vorbei. Hans freute sich jedenfalls, dass sein Freund nun in St. Christoph bleiben wollte.

Benno hatte beschlossen, den Wunsch seines schwerkranken Patenonkels Veit Grießer zu erfüllen und auf dessen Hof das Ruder in die Hand zu nehmen.

»Ich bin froh, dass ich mich sofort bei eurer Bergwacht als neues Mitglied angemeldet hab, als ich hergekommen bin«, fuhr Benno jetzt fort. »Als ich in Rom war, wurde mir ganz klar, wie sehr mir die große Freiheit in den Bergen fehlte. Wie konnte ich nur so hirnlos sein und mich auf ein Mädchen einlassen, das mich jeden Tag fast aufgefressen hat!«

Hans lachte. »Wie ist das möglich? Das klingt boshaft. Dabei hatte sie doch so einen harmlosen Namen. Hieß sie nicht Angelina? Zu Deutsch also Engelchen?«

»Richtig. Aber der Name war Schall und Rauch. Wenn alle Engel so sind wie sie, verzichte ich auf die ewige Seligkeit im Himmel«, seufzte Benno und verdrehte die Augen.

»Wieso hat sie dich aufgefressen? Du machst mich neugierig. Erzähl mal!« Hans spitzte die Ohren. Er selbst fand temperamentvolle Frauen interessant. Warum sollte man(n) sich nicht ein bisschen mitreißen lassen?

***

»Italienische Mädchen sind sehr eifersüchtig«, berichtete Benno. »Oder sagen wir mal, die meisten. Angelina war in puncto Eifersucht die Nummer eins. Sie ließ mich nicht aus den Augen, ständig wollte sie wissen, wohin ich ging und was ich tat. Sie hing wie eine Klette an mir und organisierte jeden Abend irgendeine Party, damit sie allen zeigen konnte, dass ich ihr gehörte. Ihr Vater, Franco de Rossi, der vermögende Besitzer einer Autofirma, zahlte alles, vom Büffet bis zum Champagner. Und natürlich auch die Kleider seines Töchterchens.«

Benno schnaubte. Er redete sich regelrecht in Rage. »Signora de Rossi, die Dame des Hauses, war oft unterwegs, um sich mit Freundinnen zu treffen. Außerdem hielt sie sich regelmäßig in Schönheitstempeln auf und ließ sich jedes noch so kleine Fältchen wegspritzen. Ich hatte nichts anderes zu tun, als mich überall als Angelinas Zukünftiger vorzustellen. Nach der Hochzeit sollte ich, nach dem Willen der Familie, in die Firma einsteigen und ansonsten dafür sorgen, dass Angelina ihr Vergnügen hat.«

»Grauslich«, fand Hans. Er schüttelte sich. »Und das hast du zwei Jahre lang ausgehalten – ein Leben als Playboy zwischen durchgeknallten Superreichen? Du und la dolce vita, das passt doch gar net zusammen.«

»Natürlich net. Ich konnte das alles nur ein dreiviertel Jahr ertragen. Dann hab ich mich von dem sogenannten Engelchen getrennt«, erwiderte Benno seufzend. »Es gab ein Riesentheater, sie flippte völlig aus, und ihre Eltern setzten mich postwendend vor die Tür. Mir war’s recht. Ich blieb noch ein Weilchen in Rom und atmete auf, denn nun war ich frei und fühlte mich wie neugeboren. Endlich konnte ich in Ruhe die Sehenswürdigkeiten besichtigen. Hernach arbeitete ich noch ein halbes Jahr auf einem Weingut in der Toskana. In dieser Zeit stand für mich fest, was ich wirklich wollte: Zurück in die Berge, entweder nach Südtirol oder ins Zillertal, wo ich das Licht der Welt erblickt hatte. Das Angebot meines Paten kam mir daher wie gerufen. Und nun bin ich seit drei Wochen hier in St. Christoph auf dem Birkwalder-Hof.«

»Du hast es genau richtig gemacht«, meinte Hans. »Nichts geht über die persönliche Freiheit. Hier kannst du tun und lassen, was du willst. Klar, es gibt viel Arbeit auf dem Hof vom Grießer-Veit. Aber wenn ich mich net irre, beschäftigt er derzeit noch zwei Knechte und eine Hauserin.«

»Ja, den Schorsch und den Paul und außerdem noch einen landwirtschaftlichen Praktikanten«, ergänzte Benno. »Ich kann mir also durchaus eine geregelte Freizeit erlauben. Friedel, die Hauserin, verwöhnt mich mit gutem Essen. Sie kocht wie ein Profi. Leider hat mein armer Onkel nix mehr von ihren Kochkünsten. Er nimmt nur noch Schonkost wie Hafersüppchen und Milchpudding zu sich und ab und zu mal ein Stückerl Brot mit Almbutter.«

»Geht es ihm denn so schlecht?«, fragte Hans betroffen. »Man erfährt wenig über ihn. Wir wissen nur, dass er nach einem langen Krankenhausaufenthalt wieder daheim ist.«

Benno seufzte. »Er will net über sein schweres Leiden reden. So ist er nun mal. Ich hab noch nie gehört, dass er gejammert oder sich beklagt hat. Onkel Veit war früher regelmäßig bei uns in Südtirol zu Besuch, sogar dann noch, als er schon krank war. Man hat es ihm zwar angemerkt, aber er wollte net darüber reden. Er hat sich einige Male aufgerappelt, drei Chemotherapien liegen inzwischen hinter ihm. Aber jetzt ist er mit seinen Kräften am Ende. Sag’s niemandem weiter, Hans. Onkel Veit möchte das nicht.«

»Ich schweige. Du kannst dich auf mich verlassen.«

»Heut ging es ihm den ganzen Tag ziemlich schlecht«, fuhr Benno fort. »Er war sehr schwach. Aber er bestand darauf, dass ich abends auf dem Bergwachtfest dabei bin. Onkel Veit ist nicht der Mensch, der sich bedauern lässt oder dem man die Hand halten muss. Ich pack das schon noch, Bub, hat er zu mir gesagt, geh und mach dir einen kurzweiligen Abend.’ Natürlich bin ich in Sorge. Aber die Friedel ist ja bei ihm, sie kümmert sich rührend um ihn.«

»Hast du schon mit Dr. Burger über deinen Onkel gesprochen?«, erkundigte sich Hans.

»Ja, aber nicht ausführlich genug. Dr. Burger hat mich auf Montag in die Praxis bestellt«, erwiderte Benno. »Ich muss mehr wissen. Onkel Veit äußert sich ja nicht, auf meine Fragen hin murmelt er immer nur: Bub, frag den Doktor, ich hab ihn ermächtigt, dir Auskünfte zu geben.’«

Der Luckner-Hans wirkte bestürzt. »Das hört sich net gut an. Man kann wohl nicht damit rechnen, dass er wieder auf die Beine kommt.«

»Ich mache mir nichts vor«, bestätigte Benno leise. Er wirkte bedrückt. »Obwohl ich Onkel Veit net so oft gesehen hab, hänge ich sehr an ihm. Ich hab ihn immer für seine Geradlinigkeit bewundert. Er hätte gern eigene Kinder gehabt, aber sein Wunsch hat sich nicht erfüllt. Seine Frau hat ihn ja schon nach ein paar Ehejahren verlassen, sie bestand auf der Scheidung. Angeblich hat sie es net geschafft, sich hier den Bergen heimisch zu fühlen, sie stammte aus Linz an der Donau. Es gab keinen Kontakt mehr zwischen den beiden, obwohl er sie immer noch liebte. Die Sache mit der Scheidung war wie ein Riss quer durch sein Leben. Hernach wollte er allein bleiben. Aber er ist nie verbittert oder zornig gewesen. In ihm steckt auch heute noch ein tiefer Glaube an das Gute.«

»Hoffen wir, dass er trotz seiner Krankheit noch schöne Tage erleben kann«, meinte der gutmütige Hans.

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