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Der Bergdoktor - Folge 1753

Jedes Unrecht kommt ans Licht

In seinem Herzen barg der Bauer ein Geheimnis

Von Andreas Kufsteiner

»Lass mich, Arno!«, fleht die junge Hauswirtschafterin, und sie versucht, die Hand des Bauern abzuschütteln. Doch Arno Brendlinger ist nicht mehr Herr seiner Sinne und zieht Kathi in seine Schlafstube. »Nur das eine Mal noch«, flüstert er heiser. »Bald wirst du meinen Bruder heiraten, aber heut gehörst du mir!«

Kathi stöhnt auf, als er sie an sich zieht. Sie weiß, dass es ein Unrecht ist, was sie tut, doch Arnos glühende Küsse machen sie willenlos.

Flüstern, Raunen, Seufzen – sonst ist es still in dem großen Bauernhaus. Bis plötzlich polternde Schritte auf der Treppe zu hören sind. Arno und Kathi fahren entsetzt auseinander, doch da öffnet sich schon die Tür …

Es waren mindestens zwei Dutzend Dohlen, die über den Hubertushof hinwegflogen.

Kathi Lembacher lehnte draußen an der Remise, die schrillen Rufe der Vögel hallten in ihren Ohren wider.

»Lass mich, Arno«, sagte sie, obwohl sie wusste, dass die Worte an ihm abprallten. Kathi versuchte, die Hand des Bauern abzuschütteln, der ganz dicht neben ihr stand. Sie spürte seinen heißen Atem und nahm sich vor, so zu tun, als sei er gar nicht da.

Aber es gelang ihr nicht. Seine Hand wanderte über ihren Arm, teils zärtlich, teils fordernd.

Wieder blickte die junge Hauswirtschafterin zu den Vögeln hinauf. Für einen Moment hatte sie den Wunsch, sich ebenfalls in die Lüfte zu schwingen und mit ihnen davonzufliegen.

Der Schwarm war unterwegs zum Feldkopf. Dort bettelten die schwarzen Vögel, deren Markenzeichen der gelbe Schnabel und die orangefarbenen Beinchen waren, alle Touristen um Brot und andere Leckerbissen an.

Auch der Hüttenwirt auf der Feldkopf-Schutzhütte ließ die hungrigen Bergdohlen nicht im Stich. Es war schwer für die Tiere, in dieser Jahreszeit Futter zu finden.

Der große Alpenhof am Achenwald mit seinem breiten Dach wirkte wie ein sicherer Hort in der Schneelandschaft. Und das war er auch. Innen verbreiteten neben der modernen Heizung die zwei grünen Kachelöfen, zwei Holzöfen und der Kamin eine wohlige Wärme.

Von außen hielten die mächtigen Mauern des alten, ehrwürdigen Bauernhauses die Kälte ab und sorgten im Sommer, wenn es zu heiß wurde, drinnen für eine angenehme Kühle.

»Kathi, bitte. Nur noch das eine Mal.« Arno Brendlingers Arme umschlossen sie immer fester. »Ich brauch dich.«

»Nein, Arno, geh. Du weißt, dass es ein Unrecht ist.«

»Du wirst bald meinen Bruder heiraten. Komm noch ein einziges Mal zu mir, mein Mädchen.«

Kathi schwieg. Dann überließ sie sich den Küssen des Mannes, der sie so sehr begehrte, dass sie ihm immer wieder nachgab.

Flüstern, Raunen, Seufzen und leise Schritte in dem stillen Bauernhaus. Eine Tür klappte. Das Haus mit seinen rundum verlaufenden Balkonen war so groß, dass zwei Familien bequem darin Platz finden konnten.

Daneben gab es einen Anbau für das Gesinde, wie man vormals die Angestellten auf einem Hof genannt hatte.

Es war kalt in diesem Tag im Februar, aber wunderschön. Der Himmel stand hoch und eisig blau über dem verschneiten Gebirge. Es leuchtete blendend weiß ins Tal hinunter, die Sonnenstrahlen malten goldene Reflexe auf die Hauswände.

Von den Dächern hingen die Eiszapfen. Alles schimmerte und funkelte wie Kristall.

Das Schlössl des Barons von Brauneck auf dem Hügel über dem Dorf sah so märchenhaft aus, als sei es für einen Tag aus einer längst vergangenen Zeit wieder aufgetaucht. Der Zauber des Lichts verwandelte das verschneite Hochtal in eine ganz andere Welt.

Heute war der 2. Februar, Lichtmesstag. Er machte seinem Namen alle Ehre. Von nun an blieb es länger hell, und die Zeit der dunklen Winterabende würde sich schon bald dem Ende zuneigen.

Im Dorf läuteten die Kirchenglocken, zur Mittagszeit hatte Pfarrer Roseder eine Messe abgehalten. Nach altem Brauch wurden zu Lichtmess weiße Kerzen am Altar geweiht, die man hernach bei besonderen Gelegenheiten entzündete oder als »Schutzkerzen« in Gewitternächten hervorholte.

In seiner Schlafstube zog Arno die junge, blonde Frau so eng an sich, dass sie aufstöhnte. Seine glühenden Küsse machten sie willenlos. Eigentlich wollte sie fort, weg aus diesem Zimmer, aber dann verdrängte sie den Gedanken an ihren Verlobten Niklas, Arnos Bruder.

Niklas arbeitete als Forst- und Jagdaufseher, wenn er nicht auf dem Hof mithalf. Er war mit Förster Reckwitz im Wald bei der Wildfütterung. Vor fünf Uhr nachmittags würde er nicht wieder daheim sein.

Auch die beiden Knechte Jockl und Berti befanden sich zurzeit im hofeigenen Wald, um frisches Brennholz zu holen, denn die Vorräte in der Scheune gingen langsam zu Ende. Das Holz musste hernach gespaltet werden, das dauerte ein Weilchen. Mit der Rückkehr der Knechte war also nicht so bald zu rechnen.

Arno und Kathi fühlten sich unbeobachtet, obwohl in den zwei großen, hellen Stuben neben dem Wintergarten noch jemand war: Anna Brendlinger, die Altbäuerin.

Seit ein paar Jahren war sie infolge einer Netzhautablösung auf einem Auge und einer Sehschwäche des anderen Auges behindert und daher stark eingeschränkt, sodass sie kaum noch das Haus verließ, schon gar nicht ohne Begleitung.

In letzter Zeit schlief sie sehr viel, ansonsten hörte sie gern Musik und Hörspiele im Radio. Oder sie schaltete den Fernseher ein und lauschte auf das, was gesprochen wurde. Die Bilder dazu stellte sie sich vor, denn sie sah nur noch ein Flimmern oder einen Umriss.

Der Altbauer Wilhelm Brendlinger war schon vor fünf Jahren im Alter von zweiundsiebzig Jahren verstorben.

Im Dorf hatte man getuschelt, er sei im Lauf der Ehe gern »aushäusig« gewesen und habe sich keinerlei Beschränkungen auferlegt.

Seine Frau hatte sich zu diesen Gerüchten nie geäußert, genauso wenig wie die beiden Söhne. Überhaupt hatte man auf dem Hubertushof stets darauf geachtet, nicht zu viel Privates verlauten zu lassen.

Arno war ganz sicher, dass seine Mutter von seiner verbotenen Leidenschaft zu Kathi nichts wusste. Niemand ahnte etwas, sein Bruder schon gar nicht, denn Niklas vertraute seiner Liebsten.

Er hatte übrigens vor, einige Zeit nach der Hochzeit mit Kathi den Hof zu verlassen und im Dorf oder ganz in der Nähe ein eigenes Anwesen zu pachten oder zu kaufen. Nach dem Tod des Vaters war er ausbezahlt worden.

Der Hubertushof gehörte Arno, der drei Jahre älter war als Niklas, knapp vierunddreißig. Niklas hingegen konnte mit dem Geld tun und lassen, was er wollte. Ein Wohnrecht auf dem elterlichen Hof war ihm zusätzlich notariell verbrieft worden.

Vater Brendlinger mochte in mancherlei Hinsicht ein Bruder Leichtfuß gewesen sein, nicht aber hinsichtlich des Testaments und gewisser Formalitäten. Außerdem waren ihm seine beiden Söhne und seine Frau viel wichtiger gewesen, als er es im Alltag gezeigt hatte.

Wenn man es so wollte, waren all diese Dinge wie ein Rahmen, der sich um den Hof und seine Bewohner spannte. Kathi aus Kufstein am Inn war erst vor anderthalb Jahren dazu gekommen, um die Haushaltsführung zu übernehmen.

Warum sich sowohl Niklas als auch sein Bruder Arno gleichzeitig in das fesche junge Madel verliebt hatten, ließ sich nicht sagen. Von Anfang an war Kathi freilich auf Niklas »geflogen«, es hatte sich rasch herausgestellt, dass die beiden füreinander geschaffen waren und daher als Paar zusammenbleiben wollten.

Es war Arno nichts anderes übrig geblieben, als seine Gefühle zu unterdrücken und so zu tun, als sei ihm Kathi zwar sympathisch und als künftige Schwägerin willkommen, mehr aber nicht.

Man schnappt seinem Bruder nicht die Liebste fort, die er heiraten will, schon gar nicht, wenn man weiß, dass besagter Bruder echte, tiefe Liebe für seine Zukünftige empfindet. X-mal hatte Arno sich das vor Augen gehalten.

Aber dann, kurz nach dem Neujahrsfest, war das Fass übergelaufen. Irgendetwas hatte Arno in Kathis Blick entdeckt, jedenfalls glaubte er das auch jetzt noch. Ein Funken, ein Locken und Lächeln, ein »Ja« zu dem Kuss, nach dem er sich die ganze Zeit über unsäglich gesehnt hatte.

Nun, vielleicht hatte Kathi dem Kuss wirklich zugestimmt, ohne sich etwas dabei zu denken und ohne die Folgen abzuwägen.

Es ist keine Sünde, seinem künftigen Schwager, der obendrein ein attraktiver Mann ist, einen hingehauchten Kuss zu gewähren – und dann reicht es aber auch schon. Waren ihre diese Gedanken durch den Kopf gegangen?

Aus dem einen harmlosen Kuss hatte sich jedoch längst eine Tragödie entwickelt. Denn Arno konnte nicht mehr von Kathi lassen.

Wenn er sie sah, loderte das Begehren in ihm auf. Und obwohl sie nach wie vor ihren Niklas über alles liebte und seine Frau werden wollte, niemals die Frau eines anderen Mannes, konnte sich Kathi gegen Arnos heißes Verlangen nicht wehren …

Jetzt lag sie weinend in seinen Armen, erschöpft von seinen Küssen und seiner Leidenschaft.

»Ich hab’s wieder getan«, schluchzte sie. »Dabei will ich es nicht mehr! Ich hab’s nie gewollt! Du musst mich in Ruhe lassen, Arno, sonst nimmt diese Heimlichkeit ein furchtbares Ende. Wie soll ich Niklas noch in die Augen sehen? Ich kann aber nicht ohne ihn leben. Er ist mein Ein und Alles!«

»Du liebst mich doch auch«, brachte Arno hervor. »Wir müssen es Niklas sagen.«

»Niemals!«, stammelte Kathi. »Halt dich aus seinem und meinem Leben heraus, Arno, mach es net noch schlimmer! Niklas vertraut mir, er würde niemals annehmen, dass ich ihn mit seinem eigenen Bruder betrüge. Das ist so scheußlich! Ich schäme mich unendlich, und ich weiß weder ein noch aus.«

»Aber du liebst mich auch«, wiederholte Arno gequält. »Sonst würdest du nicht immer wieder mit mir …«

»Ich liebe dich nicht!«, schrie sie. »Nein, ganz und gar nicht! Aber wenn du mich in die Arme nimmst und mich küsst, dann reißt in mir irgendetwas entzwei, und ich kann mich nicht wehren. Das weißt du ganz genau, und du machst dir meine Schwäche zunutze. Ich komm ja eh net gegen dich an. Wie auch? Ich will dich nicht, ganz gewiss net! Fass mich net mehr an, Arno, vielleicht wird dann wieder alles gut.«

»Du begehrst mich doch auch, Kathi!« Arno gab nicht auf. »Es ist so, du kannst es net leugnen.«

»Nein, nein, das stimmt net. Aber was soll ich gegen deine Leidenschaft tun?« Sie verbarg ihr Gesicht in den Händen. »Ich geb mich dir hin, damit du eine Weile ruhig bist und mich net immer so verlangend anschaust, wenn wir mal zufällig allein sind. Neuerdings legst du dir keinen Zwang mehr auf, dauernd siehst du mich an. Was ist, wenn Niklas merkt, dass du ganz narrisch nach mir bist? Er darf net drauf kommen, sonst verlässt er mich, und ich werd sterben ohne ihn!«

»Werd net kindisch, Kathi.«

»Ohne Niklas will ich net mehr leben«, wimmerte sie. »Arno, wenn du ein bisserl Feingefühl und Verständnis im Leib hast, dann halt dich von mir fern, hörst du?«

»Ja, ja. Ich lass dich. Das sag ich dir immer, und dann kommt es doch wieder über mich.«

»Sei still, sag nix mehr!« Die Tränen rannen ihr übers Gesicht. Sie suchte nach ihren Kleidungsstücken. »Ich will unter die Dusche, damit ich das, was ich hier mit dir getan hab, abwaschen kann.«

»Bleib noch einen Augenblick. Komm, ich halt dich fest. Du kannst dich bei mir ausweinen.«

Kathi schluchzte. Arno konnte sehr zärtlich sein. Aber Niklas war noch zärtlicher, er berührte sie ganz tief im Herzen, und sie sehnte sich ständig nach seiner Nähe.

Während Arno versuchte, die Verlobte seines Bruders zu trösten, indem er Entschuldigungen murmelte und sie beruhigend streichelte, erklang unten im Flur Gepolter.

Ein Hund bellte. Es war Kantus, der Labrador, den Niklas gern mit in den Wald nahm, wenn er dort zu tun hatte.

Kathi wurde totenblass.

»Niklas ist schon zurück«, wisperte sie entsetzt. »Himmel, nein! Er darf net merken, dass ich hier bin. Arno, tu etwas!«

»Schnell, geh ins Bad, und sei ganz still.«

»Hallo, niemand da?«, kam es von unten. »Arno? Bist du droben? Weißt du, wo Kathi ist?«

»Keine Ahnung!«, rief Arno, nachdem er die Tür einen Spalt geöffnet hatte. »Ich hab mich einen Moment hingelegt. Anscheinend hab ich mir eine Zerrung am Arm eingehandelt. Es geht gleich wieder.«

Kantus raste die Treppe hinauf und umkreiste Arno, der sich blitzgeschwind angezogen hatte, mit lautem Kläffen.

»Gegen eine Zerrung hilft Arnika-Salbe. Warte, ich schau mir das mal an, Arno. Ich komme hoch zu dir.«

Niklas war immer hilfsbereit. Zu hilfsbereit. Ehe Arno irgendetwas verhindern konnte, stand sein Bruder schon im Zimmer.

»Welcher Arm?«, fragte er. »Der linke? Zeig mal her!«

»Net der Rede wert. Mach dir keine Mühe.«

Kantus wedelte erfreut und nahm ganz vorsichtig ein blaues Jackerl vom Boden auf, das er in der Schnauze zu den beiden Brüdern trug und dann fallen ließ.

Genauso verfuhr er mit einem weißen Trägerhemdchen, das am Ausschnitt mit Spitze besetzt war.

Zu spät. Es ist aus, dachte Arno.

Alles brach über ihm zusammen, und im Bruchteil einer Sekunde erkannte er überdeutlich, was er angerichtet hatte.

Niklas starrte die beiden Kleidungsstücke an, vor allem das Hemdchen. Er kannte es sehr gut.

»Wo ist Kathi?«, sagte er so scharf, dass man sich an seinen Worten wund gerieben hätte. »Ich hab dich etwas gefragt, Arno. Antworte mir! Wo ist meine Verlobte? Weshalb liegt ihr Hemdchen hier, das sie sonst direkt auf der Haut trägt? Und das Jäckchen hat sie heute in der Früh angezogen. Also?«

»Niklas, es ist net so, wie du denkst. Kathi liebt dich«, brachte Arno hervor. »Sie liebt dich über alles, das weißt du.«

»Halt den Mund! Wo ist sie?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, stürmte Niklas ins Bad, das neben dem Schlafzimmer lag. Kathi hockte auf dem Rand der Badewanne.

Sie trug ein T-Shirt und eine Jeans.

»Wo hast du denn dein Jäckchen?«, fragte Niklas. »Ist dir nicht kalt in dem dünnen Shirt? Trägst du nix darunter?«

Sie brach in Tränen aus, schüttelte den Kopf und schwieg.

»Wie lang geht das schon so mit euch beiden, Katharina?« Seine Stimme klang schneidend.

Schulterzucken. Kathi war zu nichts mehr imstande. Katharina hatte er sie genannt! Und sonst war sie sein Herzerl gewesen …

»Geht diese Sache mit meinem Bruder seit Wochen so? Oder noch länger?

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