Logo weiterlesen.de
Der Bergdoktor - Folge 1752

Du bist nicht mehr unser Sohn

Kann der Bergdoktor eine Familientragödie verhindern?

Von Andreas Kufsteiner

Sechs Jahre sind inzwischen vergangen, seit zwei junge Burschen kurz vor St. Christoph auf dem Motorrad verunglückt sind. Lars, der Fahrer, hat überlebt, Thomas, sein Freund, starb. Was dann kam, war eine Tragödie – für beide Familien. Die Mosers waren wie versteinert in ihrer Trauer um den toten Sohn, die Tränkles wurden im Dorf geächtet, denn jeder gab Lars die Schuld an dem Unglück. Schließlich packten sie ihre Sachen und verließen die Heimat.

Bis heute hat man nichts mehr von ihnen gehört. Auch über den Unfall spricht man kaum noch. Nur ein Holzkreuz am Straßenrand erinnert noch an das Drama …

Da taucht plötzlich Sina Tränkle, Lars jüngere Schwester, in St. Christoph auf. Ihr erster Weg führt die blasse junge Frau in die Praxis des Bergdoktors, ihr zweiter Weg auf den Hof der Mosers …

»Wie geht es ihm?« Sina Moser eilte mit langen Schritten den Klinikflur hinunter und blieb vor ihrem Freund stehen. Fabian war aschfahl, und seine zerzausten Haare verrieten, dass ihn die schlechten Nachrichten ebenso aus dem Schlaf gerissen hatten wie sie selbst. »Nun sag schon!«, bat sie atemlos. »Wie geht es deinem Bruder?«

»Thomas ist noch im OP.« Fabians Stimme klang schleppend, als müsste er sich erst auf die richtigen Worte besinnen. Oder als wäre er in Gedanken weit weg.

»Hast du noch nichts Neues gehört?«

»Woher denn? Mir sagt hier niemand etwas. Ständig verschwinden Ärzte und Krankenschwestern hinter der Tür dort drüben, aber niemand kommt wieder heraus.« Fabian deutete zu einer Schwingtür mit der Aufschrift: Zutritt nur für Personal.

»Und was ist mit deinen Eltern?«

»Mein Vater begleitet meine Mutter gerade nach unten und sucht ein Taxi für sie. Er hat sie überredet, nach Hause zu fahren und sich ein paar Stunden auszuruhen. Für ihr krankes Herz ist diese Aufregung pures Gift.«

Sina verstand. Der Schock saß ihr noch in allen Knochen. Sie konnte nicht aufhören zu zittern. Als der Anruf gekommen war, hatte sie bereits geschlafen. Eine Mitarbeiterin aus der Notaufnahme hatte sie darüber informiert, dass ihr Bruder und sein bester Freund mit dem Motorrad verunglückt waren. Auf dem Rückweg von einem Konzert ihrer Lieblingsband in Mayrhofen war irgendetwas passiert. Was genau, wusste sie noch nicht. Nur, dass es nichts Gutes war.

Sina war gerade bei ihrem Bruder in der Ambulanz gewesen, wo er noch behandelt wurde. Lars war bei dem Unfall in ein Weizenfeld geschleudert und zum Glück nur leicht verletzt worden. Sein Helm hatte das Schlimmste verhindert. Mit etwas Glück würde er in ein paar Stunden nach Hause dürfen. Sinas Eltern waren zurzeit verreist. Sie würde ihnen morgen früh schonend beibringen müssen, dass Lars verletzt worden war.

Fabians Bruder war bei dem Unglück gegen einen Baum geschleudert und schlimmer verletzt worden. Er musste operiert werden. Noch war es offen, wie es um Thomas stand und wie lange er im Krankenhaus bleiben musste.

Fabian verschränkte die Arme vor der Brust und funkelte Sina an.

»Warum konnte dein Bruder net auf mich hören? Ich habe ihm immer wieder gesagt, dass er net so rasen soll. Ein Motorrad ist schließlich kein Flugzeug. Aber hat er auf mich gehört? Nein!«

»Wir wissen noch net, was geschehen ist und ob er wirklich zu schnell unterwegs war«, begütigte Sina. »Lars kann sich net daran erinnern, was kurz vor dem Unfall passiert ist.«

»Wie praktisch«, schnaubte ihr Freund. »Er hat Mist gebaut. Das ist passiert!«

»Womöglich ist ihm ein Wildschwein vors Motorrad gelaufen und er musste ausweichen. Oder ein Reh. In der Dunkelheit könnte er es zu spät gesehen haben.«

»Verteidige ihn bloß net auch noch, Sina.«

»Was ist denn los mit dir?«

»Was los ist? Ich habe das Gefühl, vor einem Abgrund zu stehen, und ganz egal, wohin ich meinen Fuß als Nächstes setze, stürze ich ab.«

»Lass uns abwarten, bis wir mehr wissen, ehe wir jemandem die Schuld an dem Unglück geben. Ich glaube net, dass Lars zu schnell gefahren ist.«

»Ach nein? Dein Bruder liebt es, voll aufzudrehen. Das weißt du genauso gut wie ich. Im Grunde ist es ein Wunder, dass net schon früher etwas passiert ist. Aber warum musste er meinen Bruder mit hineinziehen?«

»Das war doch keine Absicht von ihm.«

»Das ändert leider nix. Weißt du, was passiert, wenn mein Bruder wochen- oder gar monatelang nimmer arbeitsfähig ist? Dann kann ich meine Malerei an den Nagel hängen. Mein Vater wird verlangen, dass ich daheim für Thomas einspringe und tagein, tagaus Mist schaufele, mich um kranke Kühe kümmere und um alles, was sonst noch auf dem Hof anfällt. Das wäre der Horror für mich. Der pure Horror.«

»So weit wird es sicherlich net kommen.«

»Und wenn doch? Auf dem Weg hierher habe ich das Motorrad gesehen. Als die Polizei die Unfallstelle geräumt hat.« Fabian wurde noch eine Spur grauer im Gesicht. »Die Maschine war völlig zerstört. Eingebeult, als wäre sie von einer riesigen Faust zerquetscht worden. Sie muss mit ungeheurer Wucht gegen den Baum geprallt sein.«

Sina sank das Herz. Als sie daheim losgefahren war, hatte man das Unglücksfahrzeug bereits abtransportiert gehabt. Nun konnte sie sich jedoch vorstellen, wie es ausgesehen haben musste. Sie erschauerte.

»Dein Bruder hatte einen Helm auf und seine Ledermontur an. Das wird ihn geschützt haben …«

»Ja, so gut, wie ein Blatt Papier vor Regen schützt.« Fabian lachte bitter auf. Sina erkannte ihn kaum wieder.

Ihre Familien wohnten in St. Christoph, einem kleinen Dorf im Zillertal. Ihre Bauernhöfe lagen nebeneinander, und so waren die Geschwister zusammen aufgewachsen. Während Lars und Thomas beste Freunde geworden waren, hatten sich Sina und Fabian ineinander verliebt und planten eine gemeinsame Zukunft.

Sina hatte geglaubt, ihren Schatz zu kennen, nun jedoch bemerkte sie eine Bitterkeit an ihm, die ihr fremd war.

»Nimm net gleich das Schlimmste an«, bat sie ihn.

»Ich muss vorbereitet sein. Aber das Eine sage ich dir: Wenn dein Bruder meinem Bruder einen dauerhaften Schaden zugefügt hat, werde ich ihm das nie verzeihen. Falls Thomas net wieder gesund wird …«

Fabian brachte den Satz nicht zu Ende. Stattdessen ballte er die Hände zu Fäusten und starrte finster vor sich hin.

»Sag das net, Fabian! Lars wollte deinem Bruder nichts antun. Es war ein Unfall.«

»Ein Unfall, den er leichtsinnig herbeigeführt hat.«

»Das kannst du net wissen.«

»Du aber auch net. Die beiden hätten heute gar net auf dieses Konzert fahren sollen. Mitten in der Woche. Sie müssen beide arbeiten und morgens zeitig raus, aber dein Bruder hat Thomas überredet, mitzukommen.«

»Hör auf, ständig auf Lars herumzureiten! Glaubst du net, er macht sich schon genug Vorwürfe? Ihm tut das alles furchtbar leid, aber manche Dinge geschehen einfach.«

»Der Unfall hätte net sein müssen. Lars war leichtfertig, und das werde ich ihm net vergessen. Dass du ihn auch noch verteidigst …«

»Er ist mein Bruder.« Sina stieß einen tiefen Atemzug aus. »Lass uns net streiten. Das macht alles noch schlimmer. Möchtest du einen Kaffee? Ich habe auf dem Weg hierher einen Automaten gesehen und könnte uns einen Becher holen.«

»Ich will keinen Kaffee. Ich will nur, dass alles wieder so wird, wie es war.«

»So kann es auch wieder werden. Hab etwas Geduld.« Sina legte ihrem Freund eine Hand an die Wange und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm ein Busserl zu geben, aber er drehte den Kopf weg, sodass ihre Lippen in die Luft zielten. Es gab ihr einen Stich. »Ich kann nichts dafür, Fabian.«

»Ich auch net, aber ich werde darunter zu leiden haben«, prophezeite er. »Meine Ausstellung in zwei Monaten kann ich schon mal vergessen. Vorher habe ich noch Unmengen an Arbeit vor mir, aber so schnell wird mein Bruder net wieder einsatzfähig sein. Ich werde ihn auf dem Hof vertreten müssen.«

»Wir sollten jetzt net an uns selbst denken.«

»Ach nein? Meine ganze Zukunft steht hier auf dem Spiel. Verstehst du das denn net?«

»Wohl eher die Zukunft deines Bruders. Er kämpft gerade im OP um sein Leben.«

»Glaubst du etwa, das weiß ich net? Und wessen Schuld ist das, hm?« Fabian funkelte sie grimmig an, und ein harter Zug grub sich um seinen Mund ein.

Sina sah ihn bestürzt an. So kannte sie ihn gar nicht. Er ist außer sich vor Sorge und net er selbst, dachte sie. Bestimmt vergeht er fast vor Angst um seinen Bruder. Das lässt ihn Dinge sagen, die er net so meint. Sobald es Thomas besser geht, wird er sich auch wieder beruhigen.

Ihr wurde plötzlich flau, und ein saurer Geschmack stieg in ihrer Kehle hoch.

In diesem Augenblick wurden Schritte hinter ihnen laut. Ein hagerer Mann in einem weißen Kittel kam zu ihnen. Das Namensschild wies ihn als Dr. Hartung aus.

»Und?« Fabian straffte sich und sah den weiß gekleideten Arzt angespannt an. »Wie geht es meinem Bruder, Herr Doktor? Wann kann er wieder nach Hause kommen?«

Der Arzt schwieg sekundenlang, dann schüttelte er kaum merklich den Kopf.

»Es tut mir sehr leid, Herr Tränkle, aber Ihr Bruder hat es leider net geschafft. Seine Verletzungen waren zu schwer. Er ist vor wenigen Minuten im OP gestorben.«

Seinen Worten folgte eine Stille, die in den Ohren dröhnte.

Sina sah ihren Freund entsetzt an. Das konnte nicht wahr sein! Sein Bruder war tot? Wie war das möglich? Thomas war nur fünf Jahre älter sie. Er hatte so viele Pläne für die Zukunft. Und so viele Träume …

Um Sina begann sich plötzlich alles zu drehen.

»Mei, Fabian, es tut mir so leid«, flüsterte sie. Sie wollte ihn umarmen, aber er stieß sie von sich und funkelte sie so finster an, dass sie zurückprallte.

»Lass mich in Frieden, Sina! Dein Bruder hat mir alles genommen.« Seine Stimme brach. »Lass mich in Frieden! Ich will jetzt keinen von euch sehen, verstehst du? Keinen!«

***

Sechs Jahre später

Der Frühling vertrieb allmählich den Winter aus den Bergen. Überall regte sich das erste zarte Grün, und die Flüsse schwollen an. Das Schmelzwasser aus den Bergen verwandelte sie in reißende Sturzbäche.

In St. Christoph ließen die ersten Bauern ihre Kühe auf die Wiesen. Die frische Luft und die Bewegung taten den Tieren nach den Monaten im Stall gut. Hier und da war emsiges Klopfen zu hören. Landwirte reparierten umgestürzte Weidezäune und kaputte Dächer.

Der Winter war lang und schneereich gewesen. Er hatte den Gehöften stärker zugesetzt als in anderen Jahren.

Auch der Tränkle-Hof hatte unter den Schneemassen gelitten. Das Stalldach musste an etlichen Stellen ausgebessert werden, weil sich Schindeln gelockert hatten oder gleich ganz fehlten. Fabian nutzte das sonnige Wetter für die Reparatur. Er hockte auf dem Dach, klopfte und hämmerte und schwitzte dabei aus allen Poren.

Sein Blick fiel auf den Nachbarhof und verdunkelte sich, als hätte sich plötzlich eine Unwetterwolke vor die Sonne geschoben.

Vor sechs Jahren hatte der Hof noch Sinas Familie gehört, aber die Mosers waren nach dem Unfall fortgezogen. Seitdem hatte niemand mehr etwas von ihnen gehört.

Das Anwesen war inzwischen von einem Künstler gekauft worden. Der Mann mit den graumelierten Haaren saß in der Sonne und malte. Er war so in das Bild auf seiner Staffelei vertieft, dass er nichts um sich herum wahrzunehmen schien.

Es gab Fabian einen Stich, ihm bei der Arbeit zuzusehen.

So hatte sein Leben aussehen sollen. Es war alles geplant gewesen: Sein Bruder wollte den Hof übernehmen, und er selbst wollte seiner Malerei nachgehen. Doch der Unfall hatte alles verändert.

Fabian starrte seine Hände an, die in den vergangenen Jahren rau und schwielig geworden waren. Es waren keine Künstlerhände mehr, sondern die groben Hände eines Bauern.

Ein bitterer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. Früher hatte er sich eingeredet, nebenbei immer noch malen zu können und den Durchbruch trotz allem zu schaffen. Doch wenn er morgens halb fünf aufstand und an die Arbeit ging, war er abends zu erschöpft, um einen Pinsel in die Hand zu nehmen.

Seit Monaten hatte er keinen einzigen Strich mehr gemalt. Er war von früh bis spät auf den Beinen, fütterte und molk die Kühe, fuhr mit dem Traktor aufs Feld oder erledigte eine von den tausend anderen Arbeiten, die Tag für Tag auf dem Hof seiner Eltern anfielen.

Ein Hamsterrad, aus dem es kein Entkommen gab.

Wie ein Schatten lag die Vergangenheit über seiner Familie. Seitdem sein älterer Bruder vor sechs Jahren sein Leben verloren hatte, war nichts mehr so, wie es einmal gewesen war. Die Schuld daran trug der Freund seines Bruders. Es hatte sich herausgestellt, dass Lars Moser an jenem Abend Alkohol im Blut gehabt hatte. Er war betrunken Motorrad gefahren. Dafür hatte er sich verantworten müssen, aber das brachte Thomas nicht zurück …

»Grüß dich, Fabian!« Der Postbote stoppte sein gelbes Auto am Gartenzaun, stieg aus und brachte einen Stapel Briefe zum Haus. Germo Niederstetter trug seit vielen Jahren die Post aus und kam bei Wind und Wetter zum Tränkle-Hof herauf.

Fabian erwiderte den Gruß des Briefträgers, kletterte über die Leiter vom Dach und nahm die Post an sich.

»Was für ein Wetter, was, Fabian? So könnte es das ganze Jahr über sein. Net zu heiß und net zu kalt. Herrlich.«

»Mit der Zeit würde das auch langweilig werden.«

»Mag sein, aber es wäre mir lieber als die Kapriolen, die das Wetter bei uns oft schlägt. Am Wochenende könnte es sogar noch mal einen Schneeeinbruch geben.«

»Das braucht es nun wirklich net.«

»Sag ich doch.« Der Postbote tippte sich an die Mütze. »Ich muss weiter. Richte deiner Mutter einen schönen Gruß von mir aus. Und meinen Dank. Ihr selbst gemachter Hustensirup hat mir gute Dienste geleistet.«

»Darüber wird sie sich freuen.«

Fabian blätterte den Poststapel durch. Das meiste waren Rechnungen und Werbesendungen. Bei einem Schreiben stockte er. Die weiche, runde Handschrift war ihm so vertraut wie seine eigene. Etwas in ihm krampfte sich zusammen. Er bemerkte nicht, dass der Briefträger wieder in sein Auto stieg und davonbrauste.

Grimmig starrte Fabian auf den Umschlag, der Sina Moser als Absender trug. Was mochte sie von ihm wollen?

Nach all den Jahren?

Bis zu dem furchtbaren Unfall waren sie ein Paar gewesen, hatten sich dann aber getrennt. Schuld und Vorwürfe hatten sie auseinandergebracht.

Fabian hatte ihrem Bruder den Unfall nicht verzeihen können, während Sina weiter zu Lars gehalten hatte. Darüber hatten sie sich nicht einigen können. Fabian hatte Schluss mit ihr gemacht, weil es zu bitter gewesen war, sie zu sehen und zu wissen, was ihr Bruder ihm genommen hatte: seinen Bruder und seine Zukunft als Maler.

Der Brief war dünn, wog jedoch schwer in seiner Hand.

Sina hatte schon mehrmals bei ihm daheim angerufen, aber er hatte sie nie ausreden lassen, sondern aufgelegt, sobald er ihre Stimme erkannt hatte. Er wollte nicht mit ihr reden, sie nicht sehen und nicht wissen, was sie von ihm wollte.

Nun versuchte sie es also auf dem Postweg.

Fabian überlegte nicht lange, sondern zerriss den Brief ungelesen. Empörung trieb sich wie eine glühende Nadel in sein Herz. Warum konnte sie ihn nicht in Ruhe lassen? Warum musste sie die alte Wunde wieder aufreißen, die seit sechs Jahren unter einer dünnen Schicht Schorf schlummerte?

Sein Leben war sogar noch schlimmer geworden, als er befürchtet hatte: Seine Mutter war krank vor Kummer. Ihr Herz war schwach und wenig belastbar. Sie litt oft unter Atemnot und Brustschmerzen. Sein Vater sprach kaum mehr das Nötigste und vergrub sich in seinem Groll.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der Bergdoktor - Folge 1752" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen