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Der Bergdoktor - Folge 1750

Die Rose, die keiner pflückte

Wenn ein Mädchen von der Liebe träumt

Von Andreas Kufsteiner

Die meisten Männer »fliegen« auf denselben Mädchentyp: Hübsch und gefällig soll das Madel sein und immer bereit, alles mitzumachen. Je unbekümmerter, desto besser, frei nach dem Motto: Heute ist heute – und was morgen sein wird, das sehen wir dann schon.

Die junge Lisa vom Stettner-Hof jedoch ist anders. Sie ist zu ernst, zu schüchtern – zu langweilig! Und so wird sie wohl ein vergessenes Mauerblümchen bleiben, ein Röserl, das niemand pflückt …

Die ersten Märztage waren im Hochtal rund um St. Christoph noch winterlich kalt gewesen, aber Mitte des Monats setzten die stürmischen, warmen Tauwinde dem Schnee ordentlich zu.

In den tieferen Lagen gab es nun schon keinen Zweifel mehr daran, dass der Frühling auf dem Vormarsch war. Weiter droben in den Bergen sah es zwar noch anders aus, aber auch hier hatte der Frost stark nachgelassen.

An manchen Stellen taute der Schnee bei Sonnenschein in der obersten Schicht auf, er wurde nass und schwer, sodass er über die Hänge abrutschte.

Es bestand Lawinengefahr, die Bergwacht rief alle Skifahrer zu größter Vorsicht auf. Nur die ausgeschilderten Pisten durften noch befahren werden. Absolute Sicherheit bot bis ins späte Frühjahr das Skigebiet auf dem Feldkopf, der mit seinem Gletscher der höchste Gipfel im Hochtal war.

Im Wald hörte man schon die kecken Rufe der Eichelhäher und Elstern. Auch die kleinen Bergfinken spürten, dass sich der Winter verabschiedete. An geschützten Stellen saßen gleich mehrere nebeneinander auf dem Ast und zwitscherten, was die Kehle hergab.

Drunten im Dorf ging es noch viel munterer zu. Die Spatzen pfiffen es von den Dächern, dass schon bald Gras und Blumen wieder sprießen würden, zuerst freilich noch zaghaft. Aber wenn der Anfang erst einmal gemacht war, ging es stetig vorwärts.

Lisa Stettner vom Grünbach-Hof konnte den Frühling kaum erwarten und damit die langen, lichten Tage. Sie war nun mal ein »Sommerkind«, geboren im Juni zur Rosenzeit.

Sobald im Blumengarten die ersten Rosen aufblühten, war Lisa in ihrem Element.

Die Eltern hatten ihrem naturbegeisterten Madel zum zwölften Geburtstag ein eigenes, ansehnliches Stückerl Gartengrund geschenkt mit dem Vermerk: »Du kannst säen und pflanzen, was du möchtest – aber hegen und pflegen musst du deinen eigenen Garten regelmäßig, damit alles wächst und gedeiht.«

Längst war ein herrliches, duftendes Paradies aus dem Wiesengrundstück geworden, ein bezaubernder Blumengarten, in dem sommers die Rosen dufteten.

Die letzte Rose verblühte erst, wenn es frostig wurde, und die erste Rose öffnete schon im Mai ihre Knospen. Lisa war inzwischen eine Expertin geworden, was die »Königin der Blumen« anging. Besonders stolz war sie auf ihr Beet mit der edlen »Rosa centifolia«, der hundertblättrigen Rose, deren Duft ganze Scharen von Schmetterlingen anlockte.

Jetzt – an diesem frischen, klaren Märztag, einem Sonnabend – schaute Lisa vom Fenster aus in ihren Garten, der langsam aus dem Winterschlaf erwachte. Ihr Bruder Pirmin leistete seiner Schwester Gesellschaft. Ab und zu sah er allerdings auf die Uhr. Nachher hatte er eine Verabredung, und Pünktlichkeit war für ihn eine Selbstverständlichkeit.

»Es lässt sich gut an mit dem Wetter«, sagte Lisa. »Ich freue mich so auf den Frühling! Schau mal, Pirmin, die Rosenstöcke stehen kerzengerade da. Gut, dass ich sie über den Winter eingebunden hab. Es war sehr frostig. Aber sie haben die Kälte gut weggesteckt. Gestern hab ich die Schutzhüllen entfernt.«

»Was du net sagst«, witzelte Pirmin. »Ich hätte es gar net gemerkt! Wie auch … Schutzhüllen in Rot und Gelb, so was fällt einem doch gar net auf!«

»Sehr witzig«, erwiderte sie. »Du willst mich wieder mal auf die Schippe nehmen. Von mir aus. Ich habe dafür einen Wunsch bei dir frei. Du weißt ja, dass diese Abmachung immer noch gilt. Ärgern deinerseits bedeutet meinerseits einen Wunsch.«

»Es darf nur ein sehr kleiner Wunsch sein. Ein größerer ist teurer. Ich dürfte dich dann mehrmals ärgern.«

Sie lachten beide. Die Sache mit dem Ärgern und dem Wunsch stammte noch aus ihrer Kinderzeit.

Lisa blickte weiter durchs Fenster und malte mit dem Finger ein unsichtbares Herz auf die blanke Glasscheibe. Und dann noch eins und noch eins. Ein Herz für ihren Garten, eins und für die schöne Zeit, die noch kommen würde, und ein Herz für ihre geheimen Träume.

Auch wenn es draußen noch kahl aussah, lohnte sich das Hinausschauen.

Zwischen den Beeten und Rondellen wuchsen Buchsbaumsträucher, die Lisa im Herbst eigenhändig in Form geschnitten hatte. Rund, spitz, pyramidenförmig, auch zwei Tierfiguren waren dabei.

Sie stellten Murrli dar, den schwarzen Kater mit den grünen Augen, und natürlich den quirligen Hofhund Bazi, einen braunen Foxterrier, der das Leben sogar bei Sturm und Regen großartig fand. Spielen, toben, lustig sein, das stand bei ihm täglich auf dem Plan.

Selbstverständlich kam er aber auch seinen Pflichten nach, zu denen unter anderem die »fachgerechte« Kontrolle über das Federvieh (gedämpftes Knurren, gelegentliches Verscheuchen der weißen Hausenten und der vorwitzigen Hühner, die sich wirklich jede Frechheit erlaubten) und das Melden von Besuchern (nachdrückliches, unüberhörbares Bellen) gehörten.

Bazi mochte den grünen Busch, der ihm gewidmet war. Wenn es im Sommer sehr heiß wurde, verkroch er sich in den grünen Zweigen und genoss dort den angenehmen Schatten.

Lisas Bruder Pirmin hatte im vergangenen Jahr eigenhändig einen weißen Pavillon zusammengebaut und ihr das Prachtstück zum Geburtstag geschenkt.

Zwar neckte er seine Schwester, die er gern »Rosenresli« nannte, nur allzu gern. Aber im Grunde bewunderte er ihr gärtnerisches Geschick. Überhaupt gedieh alles, was sie in die Hand nahm. Wenn sie etwas tat, dann war sie ganz bei der Sache.

Sie werkelte viel umeinander, kümmerte sich um Haus und Hof und war obendrein neben der Zeitler-Emmi als Dorfhelferin im Einsatz. Die Emmi benötigte Unterstützung, weil sie in ihrer eigenen Familie sehr gefordert wurde. Da kam es ihr gerade recht, dass Lisa vor zwei Jahren die Prüfung zur Dorfhelferin mit besten Ergebnissen bestanden hatte.

Für Pirmin war seine zwei Jahre jüngere Schwester einfach »spitze« und ein ganz besonderes Mädchen. Nur schien das leider kein einziger Bursch im Dorf zu bemerken. Oder deutlicher gesagt: Es wagte sich keiner an sie heran, weil sie eben so anders war als die übrigen Madeln.

Die meisten jungen Männer »flogen« auf denselben Mädchentyp: Hübsch und gefällig sollte das Madel sein und immer bereit, alles mitzumachen. Je unbekümmerter, desto besser, frei nach dem Motto: Heute ist heute – und was morgen sein wird, das sehen wir dann schon.

Beliebt waren vor allem jene Mädchen, die immer nur lachten und keinen Gedanken daran verschwendeten, dass im Leben die Sonne auch mal hinter dichten Wolken verschwand. Nachdenken, grübeln, am Ende sogar Probleme wälzen – wozu?

Genau diese »Spatzerln«, von denen Pirmin gar nichts hielt, waren jedoch am schnellsten unter der Haube.

Unverständlich, wenn man bedachte, wie zickig und albern diese »Gänse« teilweise waren.

Pirmin nervte das alberne Gegacker, er störte ihn auch gewaltig, wenn ein Mädchen aufdringlich war und sich an seine Fersen heftete.

Zum Glück hatte er Annika aus dem Nachbardorf Mautz kennengelernt, die weder lästig noch verzickt war, sondern frisch, natürlich und ohne irgendwelche Allüren. Ein Hauptgewinn für Pirmin, der seiner Schwester wünschte, dass sie auch irgendwann den Richtigen finden würde.

»Ich muss jetzt weg«, sagte er. »Annika wartet. Und du, Lisa?«

»Wie, und ich?« Sie seufzte. »Ich mach mir einen gemütlichen Abend daheim. Bazi ist da, Murrli ist da und unsere Eltern auch.«

»Nein. Sie werden heute Abend net daheim sein«, unterbrach Pirmin seine Schwester. »Ein paar entspannte Stunden bei Wein und lustigen Gesprächen. Pfarrgemeinde-Versammlung, so nennt sich das. Der Achleitner-Peter spielt auf der Zither, und ich wette, dass es spät wird.«

»Ich hab nix dagegen«, meinte Lisa. »Wenn’s mir zu fad wird, geh ich zum Koni nebenan ins Salettl. Er kann endlos lange Geschichten aus seiner Jugend erzählen. Als ich noch ein Bub war und droben auf der Schachen-Alm die Ziegen gehütet hab … das ist immer die Einleitung. Aber es wird dann richtig spannend oder sogar gruselig. Von Waldweiberln und Kräuterhexen nuschelt er dann etwas daher, von Feen und Geistern …«

»Du kannst dir doch net dauernd diese spinnerten Märchen anhören«, wandte Pirmin ein. »Nix gegen den Koni, er ist uns eine große Hilfe auf dem Hof. Aber ich begreif net, warum er seit Jahr und Tag diesen Schmarren von sich gibt. Damals, als er herkam, vor zwanzig Jahren, war er so alt, wie ich heut, nämlich achtundzwanzig. Und da hat er auch schon diesen Hang zum Fabulieren gehabt. Er könnte Märchenerzähler werden, damit würde er gutes Geld verdienen.«

»Eine tolle Idee«, überlegte Lisa. »Wir könnten Kindernachmittage organisieren. Natürlich kostenlos. Koni erzählt seine Geschichten, unsere Mutter bäckt Kipferln, Vater spannt die Haflinger ein, und nach der Märchenstunde gibt’s eine Kutschfahrt. Ja, das machen wir, wenn’s warm genug ist. Ich könnte mir übrigens vorstellen, dass auch alte Leut gern zuhören, wenn der Koni redet. Er hat eine deutliche, gut verständliche Stimme, und die älteren Herrschaften würden jedes Wort verstehen. Die meisten hören ja etwas schwer, wenn sie in die Jahre kommen.«

»Du liebe Zeit, Resli, musst du denn dauernd etwas für andere tun?«, rief Pirmin. »Wir haben doch genug um die Ohren!«

»Nenn mich net Resli«, wehrte sie sich. »Ich mag das net.«

»Doch, klar magst du es. Seitdem du deinen Rosengarten hast, bist du das Resli. Und nun muss ich weg. Willst du vielleicht mitkommen? Annika und ich, wir wollen irgendwo eine Kleinigkeit essen und dann schauen, ob drunten in Mayrhofen etwas geboten ist.«

»Viel Spaß. Ich werd natürlich net mitkommen, Pirmin. Die Schwester als Aufpasserin, das würde deiner Annika sicherlich net gefallen! Grüß sie von mir. Ich mag sie wirklich gern. Eine anderes Madel würde net zu dir passen, Brüderchen.«

»Wundert’s dich? Wo ich doch ein echtes Rosenresli zur Schwester hab?«

»Jetzt reicht’s aber! Verschwinde!«

Wenig später saß Lisa allein in der großen, gemütlichen Stube mit den Zillertaler Bauernmöbeln und der schönen, alten Uhr, die zu jeder Stunde einen feierlichen Dreiklang schlug. Dann öffnete sich außerdem ein Türchen, und es kam nicht etwa der übliche Kuckuck heraus, sondern ein fein gekleidetes Tiroler Paar, das sich einmal um sich selbst drehte, um dann wieder hinter der kleinen Pforte zu verschwinden.

Die Uhr musste wirklich ein hervorragendes Werk haben, denn Lisas Vater hatte sie in jungen Jahren von seinem Großonkel geerbt – eine echte Rarität!

Am schönsten waren die auf den Uhrenkasten gepinselten, goldfarbenen Bauernrosen. Das gute Stück wirkte dadurch richtig kostbar.

Pirmin und Lisa, die Stettner-Kinder vom Grünbach-Hof, waren mit dieser Uhr aufgewachsen. Zu gern hätten sie das Trachtenpärchen einmal angefasst und es daran gehindert, sich zu drehen. Aber die Eltern hatten es ihnen strengstens verboten.

»Wenn ihr dran rührt, dann läuft’s net mehr, das Uhrwerk!«

Jetzt schlug die Uhr sieben Mal. Als der letzte Ton verstummte, rasselte sie ein wenig, als sei sie müde geworden. Aber das stimmte nicht. Sofort begann das gemächliche Ticken wieder, zuverlässig wie seit vielen, vielen Jahren.

Es war ein schönes Leben in dem gepflegten Haus. Der ganze Grünbach-Hof mit allem, was dazu gehörte, schien eine Welt für sich zu sein, in der man geborgen und behütet war.

Und trotzdem …

Es fehlte etwas.

Lisas Augen wurden traurig, und ihr Herz tat weh.

Sie wunderte sich manchmal, was so ein Herz alles aushielt: Schmerz, Enttäuschungen und Sehnsucht. Ihr Herz musste es, zum Beispiel, ertragen, dass sie sich nach der großen Liebe und nach Zweisamkeit sehnte – jedoch ohne Hoffnung auf die Erfüllung ihrer Träume.

Mich will ja keiner, dachte sie.

Im Juni wurde sie sechsundzwanzig Jahre alt, und noch nie hatte ihr ein Mann gesagt: »Lisa, ich hab dich lieb.« Flüchtige Bekanntschaften waren rasch wieder zu Ende gegangen, sie hatte sich immer gefühlt wie das fünfte Rad am Wagen.

Musste sie sich schämen, weil sie allein war? Die anderen Mädchen verliebten sich ständig, und wenn es mit dem einen nicht klappte, dann kam garantiert bald der Richtige. Lisa war auch schon verliebt gewesen, mehrmals sogar, aber immer war es folgendermaßen zu Ende gegangen: »Madel, du bist wirklich süß, aber um ehrlich zu sein, wir passen net zueinander. Nimm’s net persönlich …«

Nein, sie hatte bisher keinem Mann wirklich gefallen. Dass sie ein Mauerblümchen war, mochte sie nicht glauben. Sie war hübsch und gescheit, man konnte mit ihr über alles reden. Und dennoch kam eine Beziehung einfach nicht zustande.

Warum das so war, blieb ein Rätsel. Lisa wurde behandelt, als sei sie eine Porzellanfigur, die man am besten nicht anfasste, weil sie ja zerbrechlich war.

»Aber ich bin lebendig und net aus Porzellan«, flüsterte sie vor sich hin.

Als ihre Mutter in die Stube kam, wischte Lisa sich rasch ein paar Tränen aus den Augen.

Sie schämte sich, weil sie inzwischen schon glaubte, dass irgendetwas an ihr die Männer abstieß. Daher passierte es ab und zu, dass sie die Tränen nicht zurückhalten konnte.

Freilich ahnte ihre Mutter, was in Lisa vorging. Mütter fühlen, was ihren Kindern auf der Seele liegt. Und zwar auch dann noch, wenn sie längst erwachsen sind. Lisa musste also gar nichts sagen.

Das wollte sie auch gar nicht. Denn welches Mädchen gibt schon gern zu, dass jeder Mann achtlos vorbeigeht oder sich nach zwei, drei Verabredungen verabschiedet, um sich mit einer anderen zu amüsieren?

***

»Wir müssen gleich weg, der Vater und ich«, wandte sich die Stettner-Josefa an ihre Tochter. »Hast du ein halbes Stünderl Zeit? Ich hab einen großen Mohnzopf gebacken, den ich der Gundel bringen wollte. Aber die Zeit reicht net mehr. Wenn ich jetzt auf dem Rieslinger-Hof aufkreuze, lässt sie mich net aus und redet mich in Grund und Boden.

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