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Der Bergdoktor - Folge 1748

Sie kam nicht von ihm los

Wenn das große Glück zum Albtraum wird

Von Andreas Kufsteiner

Viele haben Lea davor gewarnt, sich mit Jörg Poldner einzulassen. Der Bursch sei krankhaft eifersüchtig und unberechenbar! Doch Lea hat alle Warnungen ignoriert und ist zu ihrem Jörg auf den einsam gelegenen Berghof gezogen.

Wie sehr sie diesen Schritt inzwischen bereut! Längst hat sie begriffen, dass Jörg unter gefährlichen Wahnvorstellungen leidet. Er kontrolliert jeden ihrer Schritte, und wehe, sie kehrt fünf Minuten zu spät vom Einkauf im Dorf zurück.

Lea sieht keinen anderen Weg mehr, als die Konsequenzen zu ziehen und den Berghof zu verlassen. Doch sie weiß, dass sie ihre Flucht sehr gründlich planen muss. Sonst passiert eine Katastrophe …

Es war ein klarer und kalter Wintermorgen. Die Sonne ging eben auf und vertrieb den frostigen Dunst, der noch zwischen den hohen, schlanken Föhren und den mächtigen Kiefern im Krähenwald hing. Eine dünne Schneeschicht hatte über Nacht alles zugedeckt, konnte aber den kraftvollen Strahlen der Sonne nicht lange standhalten.

Mitten im Krähenwald, verborgen zwischen Felsen und oberirdisch wachsenden Baumwurzeln, entsprang der Krähenbach, an dessen leise murmelndem Bett Bergfelden lag. Der kleine Weiler befand sich, etwa drei Kilometer von St. Christoph entfernt, im schönen Zillertal.

An diesem Morgen bedeckte eine Eisschicht den Bach, unter der aber noch ein schwaches Fließen zu erkennen war. Der Winter hatte gerade begonnen im Zillertal, die ersten Frostnächte waren da. Die strenge Kälte und die großen Schneemassen, die stets die kalte Jahreszeit in Tirol kennzeichneten, würden allerdings noch kommen.

Lea Lechner war an diesem Morgen etwas zeitiger aufgestanden. Die bildhübsche Hoftochter war Anfang zwanzig und ausgebildete Hauswirtschafterin. Die Arbeit machte ihr Spaß, und sie nahm ihrer Mutter vieles im Haushalt ab, wofür diese dankbar war.

Trude Lechner litt nämlich seit einer Weile an Hypertonie, die behandlungsbedürftig war. Sie musste Medikamente nehmen und kürzertreten. Das war ihr zunächst, nachdem Dr. Burger, ihr Hausarzt, die Diagnose gestellt hatte, nicht leichtgefallen. Die Bäuerin war eine fleißige, tüchtige Person, die Wert darauf legte, immer alles im Griff zu haben.

Inzwischen wusste sie den Haushalt bei Lea in guten Händen, und sie hatte gelernt, es ruhiger anzugehen.

Trude musste regelmäßig zur Untersuchung, so auch an diesem Morgen. Wegen der Medikamente durfte sie nicht selbst Auto fahren, weshalb Lea die Mutter nach St. Christoph in die Praxis des Bergdoktors brachte, wie er liebevoll und anerkennend von den Menschen im Tal genannt wurde.

Lea machte das gern, denn bei dieser Gelegenheit konnte sie stets ein kurzes Schwätzchen mit Bärbel Tannauer, der Sprechstundenhilfe im Doktorhaus, halten. Die beiden Madeln waren zusammen zur Schule gegangen und auch jetzt noch befreundet. Lea mochte auch Bärbels Verlobten Felix, es kam öfter vor, dass die drei zusammen etwas unternahmen.

Als die Mutter nun in die Küche kam, hatte Lea bereits das Frühstück gerichtet und erste Vorbereitungen fürs Mittagsmahl getroffen. So kam sie zeitlich nicht in Verzug, wenn sie aus St. Christoph zurück waren.

»Guten Morgen, Mama. Gut geschlafen?«, fragte das Madel. »Setz dich nur, wir können gleich frühstücken. Ich hab mir gedacht, heut Mittag mach ich Blutwurst mit Stampfkartoffeln und Birnenkompott. Das ist net so viel Arbeit und recht herzhaft. Wo die Mannsbilder jetzt noch im Forst arbeiten, passt sich das schon, gelt?«

Trude Lechner maß ihre Tochter mit einem liebevoll anerkennenden Blick. Betrachtete man die Bäuerin, wusste man gleich, woher Lea ihre Anmut hatte. Auch die Mutter war blond und blauäugig, schlank und außergewöhnlich hübsch.

»Mei, Madel, du machst es schon recht. Ich überlass das ganz dir«, erklärte sie zufrieden und setzte sich an die Eckbank. »Als der Dr. Burger mir seinerzeit eröffnet hat, dass ich mich in Zukunft schonen muss, mit net einmal fünfzig Jahren, da war ich schon recht verzweifelt. Nutzlos hab ich mich gefühlt, auch wenn dein Vater und du euch große Mühe gegeben habt, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Mittlerweile hab ich mich damit abgefunden. Und ich bin dem Schicksal dankbar, dass ich eine so tüchtige Tochter hab.« Sie lächelte verschmitzt. »Du machst einem das Faulenzen so richtig leicht, Lea.«

»Schmarrn, du bist doch net faul, Mama. Du schaffst immer noch dein Quantum. Stell nur dein Lichterl net unter den Scheffel.« Lea goss der Mutter Kaffee ein, dann stemmte sie ein großes Tablett und versprach: »Ich bin gleich wieder da. Wenn ich drüben fürs Frühstück gedeckt hab, leiste ich dir Gesellschaft.«

»Lass dir nur Zeit. Ich leid es gar net, dass du meinetwegen noch mehr und schneller schaffen musst.«

»Das macht nix. Außerdem fahr ich gern nach St. Christoph und red ein bisserl mit der Bärbel. Am Wochenende wollen wir nämlich zusammen ausgehen. Im Gästehaus am Krähenbach ist Tanz.«

Lea ging hinüber ins Esszimmer, um den großen Tisch für den Vater und das Gesinde zu decken. Als alles fertig war, kehrte sie in die Küche zurück. Trude trank gerade Kaffee und wollte wissen: »Kommt der Bernhard auch mit zum Tanz?«

»Freilich, zusammen mit der Evi. Die arbeitet doch dort. Aber an dem Abend hat sie frei.«

Das Madel setzte sich zur Mutter und schnitt eine Semmel auf. Trude betrachtete ihre Tochter nachdenklich, bis diese wissen wollte, was ihr denn durch den Sinn ging.

»Lea, du darfst mir net bös sein, wenn ich das sag, aber dass der Bernhard eine andere heiraten will, das gefällt mir net.«

»Mei, Mama, darüber haben wir doch schon so oft geredet«, hielt das Madel ihr leicht entnervt entgegen. »Der Berni und ich, wir sind nur Freunde. Das war schon immer so. Wenn man sich von klein auf kennt, ändert sich das nimmer.«

»Ach, Unsinn, ihr zwei passt wunderbar zusammen. Und diese Bedienung vom Nusslinger, das ist doch keine Bäuerin. Die Eltern vom Bernhard sich auch net unbedingt begeistert. Die Evi mag ja ein liebes Madel sein, aber die rechte Frau für ihren Sohn sehen sie auch eher in dir.«

»Da wird der Berni ihnen was anderes erzählen.« Lea blickte auf, als draußen Schritte laut wurden.

Der Bauer und das Gesinde kamen zum Frühstück. Sepp Lechner hatte in der Nacht bei einer Kuh gewacht, die zum ersten Mal kalben sollte, und gähnte herzhaft, als er einen Blick in die Küche warf.

»Geh nur ins Esszimmer, Vater, das Frühstück steht schon auf dem Tisch«, ließ Lea ihn wissen.

»Braves Madel! Fahrt ihr dann nach St. Christoph?«

Trude nickte. »Gegen Mittag sind wir zurück, vielleicht schon etwas früher, wenn der Dr. Burger mit meinem Zustand zufrieden ist. Ich fühl mich recht gut.«

»Das will nix heißen, denk dran, was der Bergdoktor gesagt hat. Der Bluthochdruck ist ein stiller Mörder. Und weil man nix merkt, ist er gar so gefährlich.«

»Geh, Sepp, übertreib es net. Ich nehme ja meine Medikamente nach Vorschrift. So schnell wirst du mich gewiss net los.«

Der Bauer lachte und drückte seiner Frau und herzhaftes Busserl auf den Mund.

»Das will ich auch net hoffen. Hm, mein Schatzerl, du schmeckst nach Himbeergelee, köstlich!«

Lea musste lachen. »Mei, Vater, du bist ja ein Feinschmecker.«

»Freilich«, scherzte der. »Sonst hätte ich deine Mama ja auch net zu der Meinen gemacht.«

»Nun ist es aber gut mit den lockeren Reden«, tuschte Trude ihre bessere Hälfte nachsichtig nieder. »Komm, Lea, wir müssen uns auf den Weg machen.«

»Ist schon recht, Mama. Ich bin startklar.« Lea gab der Küchenmagd Heidi noch ein paar Anweisungen und folgte der Mutter dann in die Diele, wo diese bereits ihren Mantel überzog.

Das Madel bewunderte die liebevolle Art und Weise, wie die Eltern miteinander umgingen. Sie waren für Lea auch in dieser Beziehung ein echtes Vorbild.

Wenn ich mal verheiratet bin, dachte sie, dann soll es bei uns auch so sein. Wir wollen immer verliebt bleiben, bis zur Goldenen Hochzeit. Aber ob ihr das gelingen konnte, das stand leider in den Sternen, denn den Rechten hatte Lea ja noch nicht gefunden. Ihr Herz war nach wie vor frei.

***

Im Doktorhaus von St. Christoph war an diesem Morgen so allerlei los. Die Familie kam nicht mal dazu, in Ruhe zu frühstücken, und saß nie wirklich vollzählig um den Tisch herum.

Das lag zum einen daran, dass Dr. Martin Burger in der Nacht zu einem Notfall gerufen worden war. Einer seiner Patienten, der alte Wimmerl Gschwand, ein ehemaliger Holzarbeiter des Barons von Brauneck, hatte eine Gallenkolik erlitten. Der alte Wimmerl hatte es schon länger mit der Galle, er war auch in Behandlung, doch der Bergdoktor hegte den finsteren Verdacht, dass er seine Medikamente nicht einnahm, sondern aufhob.

»Die sind viel zu schad’ für einen alten Schranzen wie mich«, hatte er mal gesagt.

Dr. Burger hatte mit Engelszungen auf ihn eingeredet und ihm die wenig angenehmen Folgen seines Verhaltens dramatisch vor Augen geführt. Daraufhin hatte Wimmerl behauptet, die »teuren bunten Pillerln« regelmäßig geschluckt zu haben.

Offenbar war das aber nicht der Fall. Ein saftiges Stück Schweinsbraten mit Speckkruste, Blaukraut und Knödeln hatte ihm dann den Rest gegeben. Die halbe Nacht hatte Wimmerl die Mutter Maria und alle Heiligen angerufen und darum gebeten, ihn von seinem Leid zu erlösen. Dr. Burger hatte ihn erst allein gelassen, als seine Behandlung Wirkung zeigte und der Patient sich entspannte.

Allerdings hatte der Landarzt dafür gesorgt, dass Wimmerl nach Mayrhofen ins Spital gebracht wurde, denn um eine Entfernung der Gallenblase kam er nun nicht mehr herum.

Erst gegen halb sechs war Dr. Burger heimgekommen. Seine Frau Sabine hatte ihn schlafen lassen, als sie leise aufgestanden war, damit die Kinder rechtzeitig in Schule und Kindergarten kamen. Sie wollte die ersten Patienten in der Sprechstunde übernehmen, sobald Tessa und Filli gefrühstückt hatten.

Pankraz Burger, der Senior im Doktorhaus, war nicht daheim. Er besuchte für ein paar Tage einen alten Freund in Wien.

Ausgerechnet am Vortag hatte Poldi, der Rauhaardackel der Burgers, sich an einem Rosendorn übel gerissen. Der Tierarzt hatte die Wunde nähen müssen. Und nun trug Poldi, damit er sich nicht vorzeitig selbst die Fäden zog, einen Trichter um den Hals, den er gar nicht ausstehen konnte.

Sein dackeltypischer Eigensinn hatte sich in einen ausgewachsenen Grant gesteigert, sodass er zunächst einmal jeden anknurrte, der in seine Nähe kam.

Pankraz Burger, der am besten mit dem Vierbeiner umgehen konnte, war ja nun nicht greifbar. Und so nutzte Poldi diesen Umstand, um seiner schlechten Laune freien Lauf zu lassen. Da halfen auch die Leckerlis nichts, mit denen man versuchte, ihn zu bestechen. Er nahm sie zwar, aber seine Laune besserte sich dadurch nicht …

Tessa und Filli zankten sich, als Sabine mit Nesthäkchen Laura das Esszimmer betrat. Die langjährige Hauserin Zenzi hatte an diesem Morgen eine besondere Köstlichkeit serviert: ihre berühmten Zimtschnecken.

Die Geschwister schienen sich über deren gerechte Aufteilung allerdings nicht einigen zu können. Tessa beschimpfte ihren kleinen Bruder als »Fresssack«, während er die letzte Zimtschnecke fest an sich gepresst hielt, wobei ihre süße Glasur seinem Pulli einen speckigen Fleck verpasste.

Sabine seufzte, setzte die zweijährige Laura, die als Einzige an diesem Morgen unbeschwert und fröhlich zu sein schien, in ihren Hochstuhl und nahm ihrem Sohn die Zimtschnecke ab.

»Geh und zieh einen anderen Pulli an, Filli, aber beeil dich«, forderte sie ihn auf. Und als er seine Mutter nur fragend ansah, fügte sie hinzu: »Einen, der net klebt.«

Tessa schüttelte den Kopf. »So was Kindisches!«

»Und du hast fleißig mitgehalten, Schneckerl.« Sabine fütterte Laura, die dabei ausgelassen krähte.

»Wo ist denn der Papa? Er hat viel mehr Verständnis für uns ältere Kinder«, monierte Tessa hoheitsvoll.

»Er schläft noch, war die halbe Nacht bei einem Notfall. Und wenn du dich jetzt net ein bisserl beeilst, kommst du zu spät in die Schule.« Sie deutete auf die Zimtschnecke. »Schneid sie in der Mitte durch, dann habt ihr beide was davon.«

»Mit all den Wollfusseln dran? Na, dank schön!«, kam es angewidert von dem Madel mit den schwarzen Locken, die ihr den Spitznamen »Schneckerl« eingebracht hatten. »Pfüat di, Mama, bis heut Mittag!«

Wenig später waren die Geschwister aus dem Haus, und Sabine kam dazu, endlich in Ruhe eine Tasse Kaffee zu trinken. Sie musste sich sputen, denn die Sprechstunde fing gleich an.

Als Zenzi den Tisch abräumen wollte, bat sie: »Wart noch ein bisserl, der Martin muss ja auch noch etwas essen.«

»Das besorge ich jetzt und nehme mir einen Teller mit in die Praxis«, ließ der Bergdoktor sich da von der Tür her vernehmen.

»Du bist schon wach? Mei, Martin, es wäre vernünftiger gewesen, wenn du dich ausgeschlafen hättest.«

»Es geht schon.« Der hochgewachsene, sportliche Mediziner setzte sich neben seine Frau und begrüßte sie mit einem zärtlichen Busserl. Auch nach jahrelanger Ehe wirkten die beiden auf einen Außenstehenden noch so verliebt wie am Anfang. Und das hatte seinen besonderen Grund.

Sabine war nämlich Martin Burgers zweite Frau. Seine erste Liebe Christel war nach sehr kurzer Ehe im Kindbett gestorben. Der sensible Mann hatte den schweren Verlust kaum ertragen können. Einzig sein Beruf hatte ihm damals Halt gegeben.

Von der Liebe hatte er nichts mehr wissen wollen, bis ihm die bezaubernde Sabine Rodenwald über den Weg gelaufen war. Sie hatte wieder Freude und Licht in sein Leben gebracht und die Flamme der innigen Liebe in seinem Herzen angezündet. Seither waren der passionierte Allgemeinmediziner und Chirurg und die blonde Anästhesistin ein Herz und eine Seele.

Drei Kinder krönten diese außergewöhnliche Liebe, die bislang allen Stürmen des Lebens getrotzt hatte und ihnen beiden sehr viel Kraft gab, um ihren oft turbulenten Alltag zu meistern.

»Ich hab eben im Spital in Mayrhofen angerufen«, ließ Martin seine Frau wissen. »Der Wimmerl ist gut untergebracht und kommt morgen unters Messer. Der Baron wird erleichtert sein, du weißt ja, er hängt an dem alten Kauz.«

»Der Wimmerl ist ein Original.« Sabine musste lachen, als ihr Mann herzhaft in die Zimtschnecke biss und sich dann eine lange Wollfussel aus dem Mund zog. »Was ist denn das? So was hat die Zenzi bislang ja noch nie zustande gebracht«, wunderte er sich.

»Die stammt ja auch von Fillis Pulli. Er wollte das Teil vor seiner Schwester in Sicherheit bringen«, ließ sie ihn schmunzelnd wissen. »Aber jetzt entschuldige mich, ich geh rüber und übernehme die ersten Patienten, damit du in Ruhe frühstücken kannst.« Sie stutzte. »Das ist dir doch recht, oder?«

Martin hatte sich zwei Semmeln geschmiert und griff nun nach einem Haferl Kaffee.

»Kommt net infrage, ich bin einsatzbereit«, widersprach er ihr und erhob sich.

»Und warum, wenn ich fragen darf? Ich hätte Zeit …«

»Bist du sicher? Unser Laura-Mauserl hat so einen bestimmten Gesichtsausdruck, den kenne ich nur zu gut. Wenn du mich fragst, ist da eine neue Windel fällig.«

Wie zur Bestätigung verdunkelte sich nun das eben noch lachende Kindergesichtchen und gleich darauf kullerten dicke Tränen über die runden Wangen, begleitet von einem durchdringenden Klagelaut.

»Die Windel ist voll, tatsächlich.« Sabine bedachte ihren Mann mit einem vielsagenden Blick. »Hellseher!«

»D

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