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Der Bergdoktor - Folge 1747

Rufmord und Bauernstolz

Dr. Burger und ein falsches Geständnis

Von Andreas Kufsteiner

Es ist wirklich unglaublich, was sich auf den beiden Höfen am Schwender-Moos abspielt. Auf dem einen Hof lebt seit vielen Generationen die Familie Kernbacher, den anderen Hof bewirtschaften die Wallbergers. Doch von nachbarschaftlichem Frieden kann zwischen den Familien nicht im Entferntesten die Rede sein. Jeder sagt dem anderen Boshaftigkeit, Sturheit und Rufmord nach.

Natürlich haben beide Familien darauf geachtet, dass auch ihre Kinder – die Kernbachers haben eine bildhübsche Tochter, die Wallbergers einen höchst attraktiven Sohn – einen großen Bogen umeinander machen. Doch seltsam – immer, wenn Saskia sich neuerdings auf den Weg ins Dorf macht, muss auch Leon »zufällig« etwas besorgen.

Und plötzlich macht ein neues Gerücht im Dorf die Runde …

Saskia merkte genau, dass sich Leon Kernbacher am Hoftor zu schaffen machte. Sie spürte auch, dass er sie unverhohlen musterte. Das tat er meistens, wenn sie vorüberging.

Es machte ihm Spaß, sie mit seinen gezielten Blicken zu ärgern. Er schien ganz genau zu wissen, wie sehr sie sich darüber aufregte. Und auch heute ging seine Rechnung auf.

Obwohl es sehr kalt war und der Wind von Nordost wehte, wurde es Saskia inwendig ganz heiß vor Zorn. Sie stolperte und wäre fast in den Schnee gefallen, aber in letzter Sekunde fand sie die Balance wieder.

Sein triumphierendes Grinsen verstärkte sich, als sie wütend zu ihm hinüberschaute. Zwar nur ganz kurz, aber genau das hatte er gewollt.

Rasch zog Saskia ihre Mütze so tief ins Gesicht, dass der Strickrand fast ihre Augen bedeckte. So konnte sie ihn wenigstens nur noch schemenhaft erkennen, als sie durch den Schnee weiterstapfte.

Frech und unverschämt, dieser Bursche! Ein Angeber, der sich wer weiß was darauf einbildete, dass er Diplom-Agrarwirt war. Das hatten andere auch geschafft, vielleicht sogar mit einem besseren Abschluss als er.

Saskia war, zum Beispiel, mächtig stolz auf ihren Bruder Lukas, der eine Ausbildung zum Bio-Agrarwirt hinter sich hatte und trotz seiner erst neunundzwanzig Jahren bereits mehrere landwirtschaftliche Praktikanten ausgebildet hatte.

Das Tor zum Kernbacher-Hof stand weit offen und gab den Blick auf das große Bauernhaus mit den geschnitzten Balkonen frei. Im Sommer blühten hier prächtige, feuerrote Geranien. Jetzt zierten verschneite Latschenkiefernzweige die Blumenkästen.

Rechts und links am Eingang standen zwei große, kugelrund zurechtgestutzte Buchsbaumsträucher, die Schnee und Frost bereits seit Jahren trotzten. Jedes Jahr im Frühling tauchten sie unbeschadet und herrlich grün wieder unter ihren Schneehauben hervor.

Eins musste man den Leuten vom Kernbacher-Hof lassen: Sie konnten gut mit Pflanzen aller Art umgehen, seien es nun die unzähligen Sommerblumen oder die verschiedenen Stauden und Obstbäume.

Mit dem Obst hatten es die Kernbachers ganz besonders. Auf ihrem alljährlichen Hoffest im Herbst verkauften sie Äpfel, Beeren und Zwetschgen so günstig, dass sogar Kunden aus Innsbruck vorbeikamen und bei dieser Gelegenheit einen richtig schönen, goldenen Herbsttag in St. Christoph verbrachten.

Aber nun regierte der Januar, und die Kälte kroch all denen unters Dach, die nicht schon in der Früh kräftig einheizten. Wer einen Kachelofen besaß, durfte sich freuen, denn die wohlige Wärme verbreitete sich gleichmäßig bis zum späten Abend.

Der Dreikönigstag am sechsten Januar war – wie stets – mit den üblichen festlichen Bräuchen auf sehr traditionelle Weise verstrichen.

Nun nahm der Winter seinen Lauf. Wald und Wiesen präsentierten sich schon seit den Adventstagen in glitzerndem Weiß. Pünktlich zum Jahreswechsel hatte es Neuschnee gegeben, wunderbar weichen, leichten Pulverschnee. Und es sollte noch mehr schneien, das verhieß jedenfalls der Wetterbericht.

Die Wintersportler jubelten, während die Bergbauern aus den entfernten Weilern, die es durch den Schnee nur mühsam ins Tal hinunterschafften, die Tage bis zum Frühjahr zählten.

Freilich hatten sie noch eine ganze Zeit lang zu zählen, denn der Winter ließ sich auf keine Kompromisse ein und blieb so lange, wie es ihm gefiel. Bis Mitte März musste man sich darauf gefasst machen, dass jeder noch so milde Tauwind vom frostigen Hauch abgeschmettert wurde. Die warmen Jacken hatten noch lange Saison.

Aber war der Winter nicht auch ein Meister, der glitzernde Kunstwerke schuf? Majestätisch grüßten die Berge in ihrer frostigen Pracht ins Tal hinab, allen voran der Feldkopf, der auf seinem Gletscher eine zusätzliche, eisige Schneemütze trug.

Der idyllische Fußweg vom Schwender-Moos hinunter ins Dorf führte nah am Hof der Familie Kernbacher vorbei.

Saskia reckte den Kopf in die Höhe und versuchte so zu tun, als sei Leon gar nicht da. Sie hörte, dass er sich räusperte. Dann pfiff er ein Lied. Auch damit wollte er sie natürlich auf die Palme bringen. Er redete fast nie mit ihr und sie nicht mit ihm. Oder allenfalls ein paar Worte, wenn es gar nicht anders ging.

Saskia hasste Leon Kernbacher. Vergangenes Jahr hatte sie gehört, wie er sie im Dorf beim Maifest eine »zickige Gans« genannt hatte. Und weiter: »Man muss ihr mal zeigen, wo’s langgeht. Dieses Trutscherl braucht mal einen richtigen Kerl. Nicht so ein Weichei wie dieses Hotelbürscherl aus Mayrhofen.«

Um diese bodenlose Frechheit nicht im Raum stehen zu lassen, hatte Saskia später ihrerseits Rache geübt und gegenüber ihren Freunden und Bekannten Leons »unfassbaren Verschleiß an Frauen« angeprangert, und zwar so deutlich, dass es ihm sofort zu Ohren gekommen war.

Abfällig und scheinbar gleichgültig hatte er Saskia daraufhin von oben bis unten betrachtet, als sei sie nicht mehr wert als ein nutzloses Unkraut am Wegesrand.

Aber ihr war klar gewesen, dass er inwendig vor Wut geschäumt hatte. Denn irgendwie hatte es höchst merkwürdig um seinen Mund gezuckt. Wie nach einem Stromschlag, hatte sie gedacht und dabei echte Schadenfreude empfunden.

Der größte Teil des Weges gehörte bis zur Biegung kurz vor den Kirchwiesen zum Wallberger-Hof, auf dem Saskia zu Hause war. Nach der Biegung wurde der Weg zum gemeindlichen Eigentum.

Kernbachers hatten lediglich ein Durchgangsrecht erstritten, obwohl sie darauf aus gewesen waren, das Stück Weg vor ihrem Hof zu kaufen.

Es war eine zähe, rechtliche Angelegenheit gewesen, in der sie den Kürzeren gezogen hatte, zur Freude von Saskias Eltern. Sie taten stets alles, um sich die Nachbarn vom Halse zu halten und ihnen zu zeigen, dass sie die gesamte Familie Kernbacher samt Hof auf den Mond wünschten. Umgekehrt verhielt es sich genauso.

Seitdem Saskia denken konnte, hatten sich ihre Eltern mit den Kernbachers in den Haaren gelegen. Und all das nur, weil sich die jeweiligen Vorfahren wegen zwei Almen und ein paar Bergwiesen unversöhnlich überworfen hatten.

Die Feindschaft zwischen den Familien war sozusagen vererbt worden. Man konnte sich absolut nicht ausstehen, auch friedfertige Worte von Pfarrer Roseder und anderen gütigen Menschen hatten bislang nichts ausgerichtet.

Es genügten Kleinigkeiten, um die ungute Atmosphäre zwischen den Wallbergers und den Kernbachers immer wieder zum Brodeln zu bringen. Jeder sagte dem anderen Feindseligkeiten, Sturheit und Rufmord nach – und obendrein einen »lächerlichen« Stolz auf Haus und Hof. Dabei war dieser Bauernstolz noch das Beste, denn auf ihren Besitz und die sorgsam gehüteten Tiroler Traditionen konnten die »Streithähne« tatsächlich stolz sein.

Die inzwischen fünfundzwanzigjährige Saskia war mit der elterlichen Weisung aufgewachsen, dass sie und ihr Bruder Lukas den Kernbachers aus dem Weg gehen mussten.

Wenn man sich freilich zufällig im Dorf oder in der Kirche sah, biss man in den sauren Apfel und schenkte sich gegenseitig ein kurzes Kopfnicken – freilich nur der Leute wegen.

Längst wusste ganz St. Christoph, dass von einem nachbarlichen Miteinander bei den Kernbachers und Wallbergers nicht im Entferntesten die Rede sein konnte, obwohl die großen Höfe nah beisammen lagen. Viel zu nah, wenn man das angespannte Verhältnis der beiden Bauernfamilien in Betracht zog.

Aber man konnte nun mal nicht Haus und Hof nehmen, einpacken und woanders wieder hinstellen wie bei einem Bauklötzchenspiel.

In ihren Schneestiefeln kam Saskia nicht so schnell vorwärts, wie sie wollte. Aber immerhin hatte sie nun den Kernbacher-Hof und damit auch Leon, diesen Widerling, hinter sich gelassen. Vielleicht war es besser, demnächst die Fahrstraße zu benutzten, dann konnte er sie nicht so unmittelbar beobachten. Aber andererseits liebte das Mädchen den Fußweg durch die Wiesen.

Saskia seufzte vor sich hin.

Wie schaffte Leon es nur immer wieder, sich ein Madel nach dem anderen zu angeln? Was fanden die Mädchen an diesem Kerl?

Wahrscheinlich fielen sie auf sein Äußeres herein. Er sah gut aus, das musste man ihm lassen. Wahrscheinlich war er sogar eitel wie ein Auerhahn in der Balz, denn g’schlampert kam er nie daher. Aber es gab einige junge Männer im Dorf, die sich ebenfalls sehen lassen konnten und die nicht so großkopfert herumstolzierten wie Leon Kernbacher!

Nun ja, es spielte sicher auch eine Rolle, und zwar eine sehr maßgebende, dass er wohlhabend war. Geld hatten die Kernbachers schon immer gehabt, ohne freilich damit zu prahlen, aber jeder im Dorf wusste es.

Ob die Mädchen glaubten, dass Leon sie mit Geschenken überschütten würde? Er gönnte sich gern selbst etwas. Aber anderen? Und noch dazu seinen »Gespielinnen?« Nix da!

Ein bisschen schämte sich Saskia nun doch, weil ihre Gedanken immer giftiger wurden. Sie hatte keine Ahnung, ob Leon wirklich nur an sich selbst dachte und ansonsten herumgeizte.

Ist mir auch egal, dachte sie trotzig. Soll er doch machen, was er will! Hauptsache, ich muss ihn net mehr sehen!

Der scharfe Wind fauchte über die tief verschneite Kirchwiese und zwickte sie in die Wangen. Da nützte es auch nichts, dass sie den dicken Schal bis zur Nasenspitze hochzog.

Unter dem Schal murmelte sie empört vor sich hin: »Wenn Leon net damit aufhört, mich anzugaffen und auszulachen, werd ich allen sagen, wie er wirklich über uns Frauen denkt. Ja, das tu ich, denn Leon hat’s net anders verdient. Die Madeln sind für ihn nur Mittel zum Zweck. Eine nach der anderen greift er sich, um festzustellen, ob sie die Richtige ist. Nämlich die geeignete Mutter für den künftigen Hoferben. Nix anderes will er, dieser eingebildete Lackl! Ganz rasch muss ein Sohn her, ein Thronerbe für den Kernbacher-Hof, auf den er so stolz ist. Im Mittelalter wär’s net anders gewesen!«

Saskia verschluckte sich fast an ein paar Wollfusseln, die aus ihrem Schal hingen. Das war unangenehm, weil sie jetzt husten musste. Es kratzte und kribbelte im Hals wie nicht recht gescheit.

Saskia hatte nämlich seit zehn Tagen einen sehr lästigen Husten, dem sie anfangs gar keine Bedeutung beigemessen hatte. Die Familie Wallberger griff gern zu Hausmitteln. Man war nicht zimperlich auf dem Berghof. Weil eine gute Vorsorge aber dennoch wichtig war, suchten die Wallbergers in regelmäßigen Abständen Dr. Burger auf.

Husten war jedenfalls nichts Beunruhigendes. Wohltuend wirkten auf alle Fälle Tee mit Honig und Einreibungen mit Latschenkiefern-Salbe. Das Beste war freilich, nach Meinung der gesamten Familie Wallberger, die heilsame Bergluft, besonders, wenn sie so klar und kalt war wie derzeit.

Die sauerstoffreiche Winterluft vertrieb garantiert alle Viren und Bakterien und würgte den Husten ab. Dennoch war Saskia auf dem Weg zu Dr. Burgers Praxis in der Kirchgasse, denn ganz ohne ein Medikament ging es nun doch nicht mehr.

Der quälende Hustenreiz hielt sie nämlich nachts vom Schlafen ab, tagsüber fielen ihr dann vor Müdigkeit fast die Augen zu. Das durfte nicht sein, denn auf dem elterlichen Hof hatte sie ihre eigenen, festen Aufgaben, die sie täglich gewissenhaft erfüllte. Von der Buchhaltung bis hin zu hauswirtschaftlichen Tätigkeiten war alles dabei.

Eigentlich hatte Saskia eine Ausbildung zur Hotelfachfrau gemacht, aber daheim wurde sie dringend gebraucht.

Außerdem arbeitete sie gern auf dem Hof, solange das überhaupt noch möglich war. Denn es zeichnete sich ab, dass Saskia und der junge Hotelmanager Sebastian Gabler aus Mayrhofen irgendwann in der nächsten Zeit heiraten würden.

Sebastian, kurz »Bastian« oder »Basti«, war im Romantik-Hotel »Brunnenhof« am Ortsrand von Mayrhofen tätig. Der Eigentümer, Geheimrat Walderhoff aus Wien, besaß noch mehrere andere Hotels in ganz Österreich und hielt sich meistens im Burgenland auf. Sebastian war sein Neffe.

Es war die Rede davon, dass Bastian in absehbarer Zeit den »Brunnenhof« verlassen und das elegante Seehotel »Nixenbad« in Villach übernehmen sollte.

Dass er Saskia an seiner Seite haben wollte, war kein Wunder. Sie war mit dem Hotelfach vertraut und entsprach obendrein seinen Vorstellungen von einer perfekten, liebevollen Ehefrau. Obendrein sah sie bildhübsch aus mit ihrem blonden Haar und den klaren Augen, in denen sich das Blau des Tiroler Himmels widerspiegelte.

Auf alle Fälle würde die Heirat mit Bastian das Leben der hübschen Hoftochter grundlegend verändern. Er selbst sprach bei jeder Gelegenheit von einem »wichtigen Schritt in eine tolle Zukunft« und von der Karriere, die sich ihm – und auch Saskia – schon jetzt bot. Man brauchte ja nur die Koffer zu packen und sich hernach in Kärnten heimisch einzurichten.

Auch das war kein Problem für Bastian: Geheimrat Walderhoff nannte in Villach ein Haus sein eigen, in dem ...

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