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Der Bergdoktor - Folge 1744

Wer hat dir das angetan?

Eine dramatische Rettungsaktion im Bergwald

Von Andreas Kufsteiner

Es ist November, früh senkt sich die Dunkelheit über die Landschaft und hüllt alles in tiefste Finsternis. Vor allem im Wald sieht man die eigene Hand vor Augen nicht, doch Karina macht das nichts aus. Sie kennt den Weg ja in- und auswendig. Jeden Tag zur gleichen Zeit geht sie ihn, um sich mit ihrem Schatz, dem jungen Forstingenieur Alwin Marbacher, in einer kleinen Blockhütte zu treffen.

Furchtlos huscht das Madel zwischen den Tannen entlang, das weiche Moos dämpft jeden Schritt. Jetzt muss sie sich rechts halten, wenn sie nicht zu nah an die Klamm geraten will. Da! Es knackt im Unterholz. Karina spürt, dass irgendetwas anders ist als sonst. »Alwin, Liebster, bist du es?«, flüstert sie ängstlich, als eine schwarz gekleidete Gestalt auf sie zukommt und packt. Sie schreit – aber ihre Schreie hört niemand …

Karina liebte den Herbst, ganz besonders den Oktober. Obwohl es manchmal kalt und windig sein konnte – zuweilen fiel um diese Jahreszeit droben auf den Berggipfeln schon der erste Schnee – waren die goldenen Tage noch in der Überzahl.

Im Tal leuchtete das Weinlaub tiefrot an den Hausmauern, und noch immer blühten die Geranien in den Balkonkästen. Aber hin und wieder fiel schon das Wort »Winter«, wenn die Leute sich über die nächsten Wochen und Monate unterhielten.

Der heitere Sommer hatte sich verabschiedet, der September mit seinen milden Tagen, den prächtigen Dahlien und den Sonnenblumen war auch nur noch Erinnerung. Doch die letzten, warmen Föhntage im Oktober gaukelten den Menschen im Hochtal rund um St. Christoph vor, dass die ganze Pracht unvergänglich war.

Er war wirklich ein Gaukler, der Föhn. Ein stürmischer, heiterer Geselle, der über die Nordwände des Gebirges herabfegte und südliche Wärme mitbrachte. Man konnte ihn auch einen großartigen Zauberer nennen, dem man mitten im Herbst einen tiefblauen, klaren Himmel und wunderbare Ausblicke verdankte.

Im Bergwald duftete es nach Harz und Moos, die Sonne schimmerte durch die Baumwipfel und malte mit ihren Strahlenfingern helle Kreise auf den Weg. Zwischen den Tannen leuchtete es rot und goldgelb. Die Bäume – mächtige Buchen und Bergahorn – trugen noch ihr buntes Laub.

Karina freute sich über den herrlichen Tag. Nirgendwo wäre sie jetzt lieber gewesen als hier im Wald. Sie kannte den Pfad, der vom Urbanshof – ihrem Zuhause – durch den Forst bis hinunter ins Dorf führte, wie ihre Westentasche.

Wie oft sie ihn schon gegangen war, ließ sich gar nicht mehr zählen. Nichts war so schön wie der Weg über das weiche Moos, mitten durch die Farne und vorbei am rauschenden Wildbach. Es war hier und da ein bisschen steil, und an der Klamm ging es schroff in die gewaltig tosende Tiefe hinab. Unten im sogenannten »Wildkessel«, schäumte der Bach mächtig auf. Er brach sich an den Felsbrocken, die in längst vergangenen Zeiten aus dem Gebirge zu Tal gestürzt waren, als habe sie ein Riese hinabgeworfen.

Freilich hätte Karina auch die Fahrstraße benutzen können, wenn sie ins Dorf wollte. Wie ein graues, glattes Band schlängelte sich das Sträßchen vom Weiler Hochbrunn abwärts, vorbei an der Gemarkung Höhenwald, in der sich der Urbanshof breit und behäbig wie eine Schutzburg an einen Wiesenhang schmiegte.

Sie ging aber lieber zu Fuß und ließ den Wagen stehen. Nur, wenn sie es sehr eilig hatte, setzte sie sich ins Auto. Natürlich auch im Winter, wenn der Schnee in ihrem geliebten Bergwald zu hoch lag. Aber wirklich nur dann, denn »so ein bisserl Schnee«, wie sie sich ausdrückte, machte ihr gar nichts aus.

Gern besuchte Karina die Futterstellen, an denen sich das Rotwild versammelte. Meist hatte sie dann auch etwas für die Tiere dabei, zum Beispiel ein paar Tüten mit gepressten Haferpellets. Sie waren leicht zu tragen und stellten für Rehe und Hirsche einen Leckerbissen dar.

Frische Nüsse für die Eichkatzerln trug Karina schon heute in der Tasche. Es gab ein paar vorwitzige Gesellen mit Büschelohren und pechschwarzen Äuglein, die das hübsche Madel inzwischen gut kannten und wohlweislich genau dort herumturnten, wo Karina vorbeikam.

Heute, an diesem blaugoldenen Föhntag, wollte Karina unten im Dorf den Lahner-Bert besuchen. Sie war ihm den Besuch längst schuldig, denn er hatte sie schon im September zu einem privaten Erntedankfest daheim eingeladen, und sie war nicht hingegangen.

Bert war der Erbe des »Kirchwiesen-Anwesens«. Der große Hof trug seinen Namen zu Recht, denn von den umliegenden Wiesen aus schaute man geradewegs auf die Pfarrkirche mit dem glänzenden Zwiebelturm.

Im Dorf war man längst dazu übergegangen, vom »Kirchbauern«, zu sprechen, wenn man den Altbauern Veit Lahner meinte. Seine Frau Burgl war die Kirchbäuerin und Bert – ganz logisch – der »Kirch-Berti«. Dass die Familie mit Nachnamen »Lahner«, und nicht »Kirch«, hieß, mussten sich daher einige Leut’ erst wieder ins Gedächtnis rufen.

Bert war ein sehr fescher, gescheiter junger Mann, dreißig Jahre alt und sehr daran interessiert, den stattlichen Hof noch heuer mit Brief und Siegel zu übernehmen. Dann war er der »Kirchbauer«, und seine Eltern würden ins Austragshäusl nebenan ziehen.

»Er wird mich wieder fragen, ob ich ihn heiraten will«, sagte Karina, die heute nicht allein durch den Wald streifte. »In letzter Zeit redet er ja dauernd davon. Aber ich hab keine Ahnung, was ich ihm antworten soll. Im Grunde genommen neige ich dazu, ihn von dieser überflüssigen Heiratsidee abzubringen. Mir ist es lieber, wenn Bert mein guter Freund ist und bleibt. Wie denkst du darüber, Burschi?«

Ihr Begleiter ließ ein etwas gequältes Hecheln hören.

»Burschi«, hieß eigentlich Samson und war ein besonders großer Berner Sennhund mit dichtem Fell. Er zählte acht Jahre, sodass man ihn nicht mehr als Springinsfeld bezeichnen konnte. Ihm war es recht, wenn alles gemächlich angegangen wurde. Als kleines Fellknäuel von acht Wochen war er zur Familie Stocker gekommen. Karina hatte ihm damals den Kosenamen »Burschi«, gegeben, den sie meistens gebrauchte.

Samson hielt nicht allzu viel von Waldspaziergängen, obwohl die verschiedenen Gerüche und Fährten (Füchse? Dachse? Kaninchen?) aus schnüffeltechnischer Sicht nicht zu verachten waren.

Aber wirklich interessiert war er nicht daran. Nein, keineswegs. Es war sogar unter seiner Würde, wegen irgendwelcher Gerüche durch die Wälder zu hetzen.

Ihm stand nicht der Sinn danach, auch nur ein einziges der verhuschten Waldviecherl in die Enge zu treiben. Dies und anderes überließ er den Jagdhunden, die offenbar daran Gefallen fanden, ihre Nase in alles zu stecken.

Wenn Samson die menschliche Sprache beherrscht hätte, wäre seinerseits jetzt folgende Erklärung fällig gewesen: »Liebes Frauchen! Ein Sennhund ist nun mal kein Jäger und Sammler, sondern – wie der Name schon sagt – ein getreuer Begleiter auf Wiesen und Almen, ein Wächter für Kühe und Menschen, für Haus und Hof. Sennhunde sind gehorsam und gehen natürlich auch brav mit in den Wald, wenn Herrchen oder Frauchen das wünschen. Aber tun sie das gern? Nein. Bitte, nicht mehr so weit laufen! Ich hab Tannennadeln im Fell. Und mir ist fast so warm wie im Sommer.«

Weil Samson aber nicht reden konnte, bellte er tief und eindrucksvoll. Das tat er nur kurz, denn auch sinnloses Bellen war einem reinrassigen Sennhund zuwider.

Karina lachte. »Burschi, ich weiß Bescheid! Du bist müd. Aber es schadet dir net, dass du ein bisserl neben mit herläufst. Bewegung ist gut für dich. Du hast hier und da Speck angesetzt. Das liegt daran, dass die Eltern und Paul dich zu sehr verwöhnen. Na ja, ich auch. Aber ich hab dir wenigstens schon die Hälfte der Leckerlis gestrichen. In deinem vorgerückten Alter müssen wir an die Gesundheit denken. Eine kleine Pause sollst du freilich haben.«

Pause! Das klang wie Musik in Samsons Ohren. Er sank auf ein Moospolster und drückte es mit seinem Gewicht so platt, dass es fast im Erdboden verschwand. Derweil redete sein Frauchen munter weiter: »Dir ist die Sache mit Bert egal, ganz klar. Aber du magst ihn, das hab ich bereits mehrmals festgestellt. Wie steht es mit dem hübschen jungen Forstwirt, der derzeit hier im Wald nach dem Rechten sieht? Er unterstützt Förster Reckwitz. Es geht um den Baumbestand. Wir hatten zum Teil sehr wechselhaftes Wetter im Sommer, mal sehr heiß, mal aber auch zu nass. Alwin sagt, dass die Bäume darunter gelitten haben und dass einige dringend gefällt werden müssen.«

Alwin – diesen Namen hatte der Vierbeiner nun schon viel zu oft aus Karinas Mund gehört.

Sie schwärmte davon, dass er wirklich ein toller Mann war, fast genauso wie der Märchenprinz, den man sich als Frau wünschte. Und so nett obendrein! Nicht so ein Büffel wie manch andere, die nicht wussten, wie sie mit einem Madel umzugehen hatten und denen jedes Feingefühl fehlte.

Es ließ sich nicht leugnen, dass Karina seit einiger Zeit noch lieber durch den Wald ging als zuvor. Denn der fesche Märchenprinz Alwin arbeitete derzeit mit ein paar gestandenen Mannsbildern, früher Holzknechte genannt und heutzutage »Angestellte im Forstdienst«, an der Lichtung zwischen dem Urbanshof und der Klamm.

Die Lichtung hatte einen klangvollen Namen, sie hieß von jeher »Himmelsgrund«. Es war wirklich schön dort, wahrscheinlich fast so friedlich und paradiesisch wie im Himmel. Irgendwo musste der Name ja herkommen. Kleinen Kindern wurde oft erzählt, dass auf der Himmelsgrund-Wiese am Abend Elfen und gute Feen tanzten, die für die Erfüllung von sehnlichen Wünschen zuständig waren. Angeblich waren dereinst auch Zwerge dort gesehen worden.

Aber was wusste ein Hund von diesen Dingen? Gar nichts.

Für Samson war der Himmelsgrund eine Wiese wie jede andere. Elfen und Zwerge kümmerten ihn nicht, ob es sie nun gab oder nicht. Und auch sonst brachte ihn so schnell nichts aus der Ruhe. Er nahm jeden Tag so, wie es gerade kam.

Märchenhafte Geschichten waren eh nicht nach seinem Geschmack, er hielt sich lieber an Greifbares wie einen gefüllten Napf und einen ordentlichen Kauknochen. Geschwind kniff er die Augen zusammen und machte ein Nickerchen.

»Schlaf nicht, Faulpelz«, seufzte Karina.

Zu spät. Samson schnarchte wie ein alter Braunbär. Er merkte nicht einmal, dass sie ihn streichelte und ein bisserl hinter den Ohren zauste.

»Gutes, altes Bürscherl«, flüsterte Karina. »Eine Viertelstunde haben wir noch Zeit, dann müssen wir weiter.«

Sie nutzte die fünfzehn stillen Minuten, um nachzudenken. Was fühlte sie? Wie würde die Zukunft aussehen? Wollte sie, dass sich etwas änderte? Sie wusste es selbst nicht genau.

Es ging ihr gut, sie wohnte auf dem elterlichen Hof, den ihr Bruder Franz Urban erben würde.

Der Franzl war vierundzwanzig, exakt zwei Jahre jünger als sie. Der Hof stellte das Wichtigste für ihn dar, jedenfalls behauptete er das. Ein Madel, das seine Bäuerin hätte werden können, war ihm noch nicht begegnet.

Hinzu kam, dass der Franz wählerisch war und längst nicht jede nahm. Er bekannte sich mit Stolz dazu, ein echter Zillertaler Bursch zu sein – und Bergbauer mit Leib und Seele.

Bei der alt eingesessenen Bauernfamilie Stocker hießen die Buben immer Urban mit dem zweiten Vornamen, und zwar wegen der Erinnerung an den Urahn, der vor langer Zeit den Berghof erworben und zu einem schönen, großen Alpenhof ausgebaut hatte.

Urban Ambrosius Stocker sollte nicht vergessen werden. Im Flur des Hauses hing seit Jahr und Tag ein leicht vergilbtes Ölgemälde, das ihn und seine sanftmütige, aber stets treusorgende und unermüdliche Ehefrau Maria in den besten Jahren darstellte.

Er war ein stattlicher und ehrbarer Tiroler gewesen, fleißig, zupackend, hilfsbereit und von Kindheit an der Heimat eng verbunden. All das ging aus einem alten Buch, der »Urbanshof-Chronik«, hervor, die auf dem Hof wie ein Augapfel gehütet wurde und in die der Bauer auch heute noch alles einschrieb, was ihm wichtig und bedeutsam erschien. Ein schöner Brauch war es, so eine eigene Chronik zu führen.

Karina hatte eine Ausbildung zur staatlich geprüften Hauswirtschaftsmeisterin hinter sich und konnte daher, wenn sie es wollte, Praktikantinnen für diesen Beruf ausbilden.

Nachdem sie einige Zeit lang in einer Innsbrucker Reha-Klinik im hauswirtschaftlichen Bereich gearbeitet hatte, war sie jetzt ausschließlich daheim tätig. Sie kannte sich obendrein so gut in der Buchhaltung aus, dass sie auf dem Urbanshof fast den ganzen »Papier-und Finanzkram« (Originalton von Vater Stocker) erledigte.

Es gab für sie daheim also genug zu tun. Zeit für sich selbst hatte sie jedoch auch noch. Karinas Hobby war es, Kleider zu entwerfen und zu nähen. Ihr rotes Dirndl, das sie heute mit einem passenden Jackerl trug, hatte sie selbst geschneidert.

Langweilig wurde es nie. Sie hatte Freundinnen, mit denen sie sich gern traf, entweder nur auf ein Stündl zum »Ratschen«, oder auch zum Bummeln in Schwaz oder Innsbruck. Und dann gab es ja auch noch die Burschen, denen sie den Kopf verdrehte, ohne dass sie es wollte. Sie hatte manchmal wirklich Mühe, den einen oder anderen energisch abzuschütteln.

Karina war so hübsch und liebenswert, dass einfach jeder von ihr begeistert war. Aber sie benahm sich mindestens so wählerisch wie ihr Bruder Franz. Ehe sie ihr Herz verschenkte, und zwar ohne Wenn und Aber, musste sie ganz sicher sein, dass derjenige ihre Liebe ehrlich erwiderte und nicht mit ihren Gefühlen spielte.

Die Männer! Zweifellos ein Kapitel für sich. Als Frau hatte man wirklich Probleme mit ihnen.

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