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Der Bergdoktor - Folge 1742

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Die Menschen sprachen von einem Wunder
  4. Vorschau

Die Menschen sprachen von einem Wunder

Herzergreifender Weihnachtsroman aus dem Doktorhaus

Von Andreas Kufsteiner

Über zwanzig Jahre sind vergangen, seit Sebastian Kreissler nach einem heftigen Streit von zu Hause weggegangen ist. Damals hat niemand an ihn und sein Talent geglaubt, nicht seine Eltern und nicht das Madel, das er geliebt hat. Ob sie wissen, dass er als Geiger eine große Karriere gemacht hat?

Eigentlich wollte Sebastian nie mehr nach St. Christoph zurückkehren, zu groß war seine Verbitterung. Doch seit er schwer krank ist und nicht mehr Geige spielen kann, denkt er immer öfters an die Heimat, und sein Heimweh wird beinahe übermächtig.

Als die Schmerzen in seinem Körper besonders schlimm sind, zögert Sebastian nicht länger und macht sich auf den Weg. Schon als er den prächtigen Christbaum auf dem Dorfplatz sieht, spürt er einen tiefen Frieden im Herzen. Ich bin daheim!, denkt er – und bricht zusammen …

Schloss Ambras, in der Nähe von Innsbruck gelegen, erstrahlte in festlichem Glanz. Die Laternen, die den Weg zum Schlossportal beleuchteten, trugen weiße Schneehauben. Die vielen Lichter des großen Christbaumes, der seitlich vom Portal aufgestellt worden war, spiegelten sich in den hohen Fenstern der herrlichen Fassade des Schlosses.

»Es ist immer wieder ein Erlebnis, hierher zu kommen«, schwärmte Dr. Martin Burger, der Landarzt von St. Christoph.

Sabine, seine Frau, nickte. »Ganz besonders im Winter. Schau nur, der ganze Park ringsum schaut schon richtig weihnachtlich aus!«

»Gottlob haben sie den Weg vom Parkplatz herauf zum Schloss gut freigeschaufelt«, stöhnte Dr. Pankraz Burger, Martins betagter Vater. »Jetzt schaut euch das einmal an! Wie machen das all die schönen Damen der Gesellschaft, mit so hohen Absätzen auf dem Schnee auch nur einen Meter weiter zu kommen?«

Sabine lachte und schob einen Arm unter den seinen.

»Die schönen Damen werden auch sehr fürsorglich von ihren charmanten Herren geführt.«

»Ah ja, und du drehst das Ganze jetzt um und führst als schöne Dame mit hohen Absätzen einen charmanten Herrn, dessen Schuhsohlen ein griffiges Profil haben«, brummte Pankraz und zwinkerte seiner Schwiegertochter zu.

»Da unterschätzt du meine Schuhe aber gewaltig, Vater«, widersprach Sabine. »Erstens sind meine Absätze nicht so hoch und sehr stabil, zweitens haben auch meine schönen Schuhe ein Profil, das greift. Man sieht’s halt net so deutlich wie bei den deinen.«

Martin hörte dem Geplänkel amüsiert zu. Sein Vater sah in Sabine die Tochter, die er nie gehabt hatte, und Sabine mochte den raubeinigen alten Landarzt von Herzen. Das freute Martin Burger, denn Harmonie in der Familie war ihm sehr wichtig.

»Sabine, hast du die Eintrittskarten?«, fragte er, als sie das mächtige Portal erreicht hatten.

Sie blieb stehen, ließ den Schwiegervater los und kramte in ihrer Abendtasche.

»Ja, hier sind sie. Erste Reihe? Das hab ich noch gar net gesehen! Wie hast du denn das geschafft?«

Martin lächelte geheimnisvoll. »Auch meine reizende Ehefrau muss net alles wissen.«

»Du …«

»Friede!«, gebot Vater Pankraz. »Martin hat dem Dirigenten vorgestern nach einem Skiunfall das Kreuz behandelt, sonst könnte er heute gar net dirigieren. So, jetzt ist auch geklärt, woher die Karten in der ersten Reihe kommen.«

»Schuft!«, zischte Sabine leise, doch in ihren braunen Augen, die in so reizendem Gegensatz zu ihrem blonden Haar standen, tanzten goldene Pünktchen.

Martin liebte diese Pünktchen. Rasch gab er Sabine ein Busserl auf ihre kalte Wange, bevor er die Karten beim Eingang vorzeigte.

Die Atmosphäre in der Eingangshalle des Schlosses nahm jeden sofort gefangen. Der hohe Raum war weihnachtlich geschmückt, an einer langen Theke gab es wärmenden Punsch, der dankend angenommen wurde. Der Weg vom Parkplatz bis zum Schloss war zwar nicht sehr lang, aber es war ein klirrend kalter Abend, und der scharfe Wind kündigte wieder Schneegestöber an.

Pankraz Burger studierte das Programm, das passend zum Beginn des Advents gehalten war. Es spielte das Orchester des Landestheaters Innsbruck, die Gesangssolisten gehörten ebenfalls alle dem Ensemble dieses sehr guten Theaters an, doch der Solist auf der Geige war ein Gast.

Sebastian Kreissler – Violine

Pankraz war, als würde er diesen Namen kennen, doch er konnte ihn nicht zuordnen.

Kreissler – Kreissler …

»Vater, es ist Zeit, wir müssen rein«, mahnte Martin.

Pankraz Burger fuhr aus seinen Gedanken auf.

»Ja, ja, lass uns reingehen«, murmelte er und folgte Sohn und Schwiegertochter.

»Du bist so nachdenklich«, stellte Martin fest, als sie ihre Plätze eingenommen hatten.

»Ich glaube, ich kenne den Namen des Geigensolisten«, murmelte Pankraz. »Aber ich komme net drauf, woher.«

Martin konnte nicht mehr antworten, denn der Schlossherr begrüßte jetzt persönlich das zahlreich erschienene Publikum.

»Es ist mir außerdem eine große Freude, einen Landsmann von uns begrüßen zu können. Sebastian Kreissler, der Solist des heutigen Abends, stammt aus St. Christoph. Mittlerweile hat er mit seiner Geige die Welt erobert. Das ist nicht übertrieben, meine Damen und Herren, das werden Sie im Laufe des Abends selbst feststellen können. Wir sind sehr stolz, dass wir ihn für dieses Konzert gewinnen konnten. Ich wünsche Ihnen einen unvergesslichen Abend!«

Schon im ersten Stück gab es ein Geigensolo. Sebastian Kreissler spielte diese Melodie so ergreifend, dass man in dem großen Saal eine Stecknadel hätte fallen hören können.

Er spielte mit höchster Konzentration und entlockte seiner Geige Töne, die wirklich himmlisch klangen.

Pankraz Burger sah die Haltung des Kopfes, das Profil des Gesichtes, die ganz leicht nach unten gebogene Nase und die schmalen Lippen.

Der Kreissler!, schoss es ihm durch den Kopf. Der alte, bereits verstorbene Bauer vom Kreissler-Hof hatte genau so ausgesehen. War Sebastian der Sohn, der vor dreißig Jahren den Hof wegen seiner Leidenschaft zur Musik verlassen hatte?

Pankraz musterte den Künstler, als er sich nun verbeugte und die Bühne verließ. Auch die Haltung erinnerte ihn an den alten Kreissler, der Kopf und Rücken immer gerade gehalten hatte. Selbst dann noch, als sein ältester Sohn ihn verlassen hatte, um Musik zu studieren.

Langsam stellte sich die Erinnerung wieder ein. Dr. Pankraz Burger folgte dem Konzert nur noch mit halben Sinnen. Seine Aufmerksamkeit wurde immer nur dann erweckt, wenn Sebastian Kreissler eine Solopartie auf der Geige spielte. Und jedes Mal wurde er sicherer, dass es sich um den Sohn von Johann Kreissler handelte.

Aber Pankraz sah auch die Finger des Künstlers. Er sah die Verdickung in den Gelenken, und er sah, dass der wirklich begnadete Künstler nur mit äußerster Anstrengung die Gelenke der Finger so weit gerade halten konnte, um die Griffe zu schaffen.

Pankraz stieß Martin mit dem Ellbogen leicht an.

»Siehst du das?«, flüsterte er ihm zu.

Martin nickte. Sein geschultes Auge hatte die Arthrose in den Fingern des Geigers ebenso bemerkt wie sein Vater.

Das Konzert war ein sensationeller Erfolg. Trotz der vielen Rufe gab Sebastian keine Zugabe und überließ es den Sängern, das Publikum zufriedenzustellen.

Pankraz sah, dass der Mann völlig fertig war.

»Martin wartet in der Halle beim Büffet auf mich, ich muss mich um ihn kümmern.«

»Ist gut, Vater«, gab Martin zurück, und der Senior verließ den Saal, um sich auf die Suche nach Sebastian Kreisslers Garderobe zu machen.

***

Müde und ausgelaugt legte Sebastian in der Garderobe seine Geige in den Kasten. Mit einer beinahe zärtlichen Bewegung strich er über das glänzende Holz des kostbaren Instruments und schloss plötzlich mit einem heftigen Ruck den Deckel.

Aus, vorbei! Das war das letzte Konzert, das er gespielt hatte. Es ging nicht mehr, die Anstrengung war zu groß. Er konnte seine Finger fast nicht mehr ausstrecken, und die Schmerzmittel beeinträchtigten seine Konzentration erheblich.

Er zog das Jackett des Smokings aus und öffnete mühsam den steifen Hemdkragen. Dann sank er auf den Stuhl vor dem Schminktisch und starrte in den Spiegel.

Fünfzig Jahre war Sebastian Kreissler alt, doch jetzt wirkte er wie ein Greis. Es war einige Jahre her, seit sich die Krankheit zum ersten Mal bemerkbar gemacht hatte. Mit Schmerzen in den Fingergelenken, doch dagegen gab es Medikamente. Später hatten sich dann die Knötchen an den Gelenken gebildet, und die Schmerzen waren immer schlimmer geworden.

Sebastian hatte viele Untersuchungen bei einigen Fachärzten der Spitzenklasse über sich ergehen lassen. Die Diagnose war überall gleich.

Rheumatoide Arthritis. Die von allen Musikern so gefürchtete Krallenhand. Es gab keine Heilung, das hatte Sebastian hinnehmen müssen, und er hatte sich damit abgefunden. Sein letztes Konzert spielte er nicht durch Zufall in der Nähe von St. Christoph. Er wollte nach Hause zu seiner Familie, um endlich Frieden zu schließen.

Sebastian hörte das Klopfen an der Tür wie durch Watte. Als es ein zweites Mal klopfte, stand er auf, ging zur Tür und öffnete sie einen Spalt.

»Seit wann bist du so schüchtern, Alberich?«

Es kam keine Antwort, und als Sebastian die Tür weiter öffnete, stand nicht sein Manager und Freund Albert Ferstl davor.

Dr. Pankraz Burger verbeugte sich leicht und lächelte. »Haben Sie einen Zwerg erwartet?«

Sebastian trat überrascht zurück. Es war ihm, als würde er diesen etwas fülligen Herrn mit den vollen, weißen Haaren kennen.

»Einen Zwerg?«, fragte er zurück und lachte. »Nein, so klein ist Albert Ferstl, mein guter Freund und Manager, auch wieder nicht. Ich nenne ihn nur seit Jahrzehnten so. Was kann ich für Sie tun?«

Pankraz sah sein Gegenüber forschend an. »Sie stammen aus St. Christoph, oder?«

Sebastian nickte, äußerte sich aber nicht weiter zu dieser Frage.

»Sind Sie der jüngere Sohn vom Kreissler-Hof?«, fragte Pankraz nun direkt.

»Kommen Sie bitte rein«, bat Sebastian und ließ Arzt eintreten. »Sie kommen mir irgendwie bekannt vor, aber ich erinnere mich nicht.«

»Pankraz Burger. Dr. Pankraz Burger. Ich habe auch eine Weile gebraucht, um mich zu erinnern. Es war Ihr Name auf dem Programm, der mich zum Nachdenken gebracht hat.«

Sebastian bot dem älteren Herren Platz an und setzte sich rittlings auf den Stuhl vor dem Schminktisch, um seinem Besucher nicht den Rücken zu zeigen. Er legte seine kranken Hände übereinander auf die Rückenlehne und lächelte.

»Ich erinnere mich jetzt. Sie führen die Arztpraxis in St. Christoph.«

Pankraz machte eine abwehrende Handbewegung. »Schon lang nimmer. Inzwischen hat mein Sohn Martin die Praxis übernommen. Sag mal, seid ihr zwei net miteinander in die Schule gegangen?«

»Martin Burger? Ja, der war eine Klasse über mir. Er ist dann weg aufs Gymnasium. Ist er wirklich Arzt geworden?« Sebastians Gesicht belebte sich, und plötzlich sah er sehr viel jünger aus.

»Ja, Martin ist Arzt geworden«, bestätigte Pankraz stolz. »Und du hast es auch weit gebracht. Sologeiger bei weltberühmten Orchestern! Deine Eltern wären stolz auf dich gewesen.«

»Was heißt wären?«, fragte Sebastian hellhörig.

Pankraz sah ihn verblüfft an. »Sag bloß, du weißt net, dass …« Er brach ab, als er das betroffene Gesicht des Geigers sah.

»Ich habe all die Jahre keinen Kontakt zu meiner Familie gehabt«, murmelte Sebastian. »Es war besser so, das hat mir der Vater damals sehr deutlich gesagt. Wenn ich mich für die Musik entscheide, dann bin ich nicht mehr sein Sohn und soll mich von der Familie fernhalten.«

»Mei, das war hart«, meinte Pankraz mitfühlend. »Aber wenn einem die Musik so im Blut liegt und man eine Geige derart meisterhaft spielen kann, dann bleibt einem wohl nix anderes übrig, als dieser Berufung zu folgen.«

»Da war meine Familie anderer Meinung«, erwiderte Sebastian bitter. »Aber was haben Sie vorhin gemeint? Was weiß ich net?«

»Deine Eltern sind tot, Sebastian. Sie sind vor zehn Jahren bei einem Lawinenabgang auf der Bergstraße nach Mayrhofen verschüttet worden. Es hat Tage gedauert, bis man das total zusammengedrückte Auto gefunden hat.«

Sebastian starrte ins Leere, und Dr. Pankraz Burger gab ihm Zeit, das Gehörte auch zu verarbeiten. Nach einer Weile wandte Sebastian seinen Blick dem Doktor zu.

»Hat August den Hof übernommen?«

»Ja, dein Bruder ist jetzt der Bauer auf dem Kreissler-Hof. Er hat die Dorner-Johanna geheiratet, und die zwei haben einen Sohn, den Florian. Der ist inzwischen auch schon Mitte zwanzig.«

»Geht’s ihnen gut?«, fragte Sebastian leise.

»Ich denk schon! Wenn was wäre, würde es zumindest unsere gute Zenzi wissen!«

Sebastian lächelte. »Die Zenzi! Die ist immer noch bei euch? Hoffentlich ist sie nimmer so streng mit dem Martin wie damals, als wir noch Schulbuben waren!«

»Na ja, viel hat sich net geändert, was die Zenzi betrifft.« Pankraz lachte auf. »Aber jetzt was ganz anderes. Seit wann hast du diese Arthritis?«

»Lang genug, um nicht mehr spielen zu können.« Sebastian seufzte bitter. »Das war heute mein letztes Konzert. Ich hab jetzt nur mehr einen Gedanken, ich möchte mich mit dem August versöhnen, und ich möchte in meiner Heimat bleiben.«

»Das ist ein guter Vorsatz, Sebastian. Aber versprich mir, dass du in den nächsten Tagen zu uns kommst. Dass dein Leiden net heilbar ist, weißt du ja schon längst. Aber Martin hat gute Erfolge mit Medikamenten und einer speziellen Therapie erzielen können.«

»Ich komme sicher«, versprach Sebastian und drückte Pankraz leicht die Hand.

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