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Der Bergdoktor - Folge 1739

Herbstjagd in St. Christoph

Ein Mann im Bann einer unseligen Leidenschaft

Von Andreas Kufsteiner

Was für ein tragisches Ende der traditionellen Herbstjagd, zu der Baron von Brauneck eingeladen hat! Florian von Stetten, ein angesehener Anwalt, ist angeschossen worden.

Hätte Johann Werlberger ihn nicht gerade noch rechtzeitig gefunden, wäre er wohl verblutet.

Zunächst feiern die anderen Jäger Johann als mutigen Lebensretter, doch dann äußert plötzlich jemand leise den Verdacht, dass ausgerechnet Johann als Einziger ein Motiv hätte, auf den Anwalt zu schießen. Schließlich haben die beiden Männer sich noch kurz vor der Jagd heftig um die schöne Carolin gestritten …

Die Vorspeise war eine echte Herausforderung: Sechs Schneckenhäuser lagen auf einem Salatbett. Im Inneren waren sie mit Kräutern angemacht und schimmerten grünlich.

Sollte das ein Scherz der Gastgeber sein?

Carolin Ehammer schaute verstohlen nach rechts und links. Ihre Tischnachbarn waren bereits dabei, jeweils ein Häuschen mit einer speziellen Zange vom Teller aufzunehmen und mit einer Gabel auszulöffeln. Ein hagerer Mann hob seine Schnecke sogar an die Lippen und schlürfte die Butter daraus.

Carolin schüttelte sich innerlich. Das würde sie nie im Leben über sich bringen! Nicht in einer Million Jahren!

Was mache ich denn jetzt nur? Das kann ich unmöglich essen …

Sie fing einen Blick der Gastgeberin auf, die sie erwartungsvoll ansah.

»Ich hoffe, die Escargot schmecken Ihnen, Carolin. Ich habe sie extra für heute Abend aus Frankreich kommen lassen.«

Mehrere Gäste wandten den Blick zu Carolin und nickten beifällig. Offenbar wollten sie ihr zu verstehen geben, wie köstlich die Vorspeise war.

O nein. Carolin spürte, wie es sauer in ihrer Kehle aufstieg. Wie sollte sie etwas essen, das eine Schleimspur hinter sich herzog? Jetzt bloß net übergeben, ermahnte sie sich. Das hier ist eine vornehme Tischgesellschaft. Lauter Anwälte, Richter und was weiß ich noch alles für Würdenträger. Ich darf mich auf keinen Fall übergeben! Das wäre das Ende.

Neben ihr räusperte sich ihr Freund. Florian hatte sie zum Erntedankfest seiner Kanzlei mitgenommen und ihr seine Kollegen und Vorgesetzten vorgestellt. Er hoffte darauf, im nächsten Jahr zum Teilhaber aufzusteigen, deshalb wollte Carolin ihn auf keinen Fall blamieren. Aber … Schnecken? Mal ehrlich!

»Nun koste endlich.« Florian beugte sich zu ihr und senkte die Stimme. »Es ist unhöflich, etwas auf dem Teller liegen zu lassen. Vor allem, wenn es den Gastgeber ein kleines Vermögen gekostet hat. Ich bitte dich, nimm einen Bissen!«

»Ich kann net«, wisperte sie.

»So schlimm ist es wirklich net. Versuch es wenigstens! Stell dir vor, es wäre Rührei mit Kräutern.«

»Also schön.« Carolin holte tief Luft, tauchte ihre Gabel in eines der Schneckenhäuser und kostete.

Das Schneckenfleisch schmeckte nach Knoblauch und hatte die Konsistenz von überlagertem Tapetenkleister. Sie verschluckte sich und musste husten. Hastig griff sie nach ihrer Serviette, um zu verhindern, dass ihr der Bissen geradewegs wieder aus dem Mund flutschte.

Plötzlich schwankte die Vase mit den Orchideen auf dem Tisch bedrohlich. Als ihr Teller auf sie zu rutschte, wurde Carolin klar, dass sie nicht an der Serviette, sondern am Tischtuch zog. Doch da war es bereits zu spät. Wusch! Die Blumenvase fiel klirrend um, und das Wasser ergoss sich auf das Dekolleté der Gastgeberin. Ihr spitzer Aufschrei ließ sämtliche Gäste konsterniert aufblicken.

Heiße Röte flutete in Carolins Wangen. Am liebsten wäre sie im Boden versunken. Zu allem Überfluss musste sie immer noch husten.

Ein Kellner eilte herbei, um den Schaden zu beheben und die Vase fortzuräumen. Carolins Wangen glühten vor Verlegenheit. Die Gastgeberin verließ den Tisch, um sich im Badezimmer abzutrocknen. Vorher warf sie noch einen missbilligenden Blick quer über den Tisch.

Carolin schrumpfte auf ihrem Stuhl.

»Kommst du bitte kurz mit nach nebenan, Liebes?« Florian lächelte entschuldigend in die Runde. »Wir sind gleich wieder da.«

Widerstrebend folgte Carolin ihm in die Bibliothek. Die deckenhohen Regale waren mit zahlreichen Büchern bestückt. Ihre Gastgeber hatten Werke aus der ganzen Welt zusammengetragen, aber die Bäuerin bekam keine Gelegenheit, sich näher damit zu befassen, denn ihr Freund funkelte sie vorwurfsvoll an.

»Was sollte das eben, Carolin?«

»Das war keine Absicht. Ehrlich net.«

»Musstest du mich vor meinen Kollegen blamieren?«

»Das wollte ich wirklich net.«

»Ach, nein? Und was war am vergangenen Wochenende, als du meinem Chef auf dem Herbstball so kräftig auf die Füße getreten bist, dass er noch zwei Tage später humpeln musste?«

Carolin biss sich auf die Unterlippe. Dieses Ereignis hätte sie am liebsten verdrängt. Jemand hatte sie von hinten angestoßen, aber das machte ihren Fehltritt nicht besser.

Florian funkelte sie an. »Manchmal glaube ich, du legst es absichtlich darauf an, mich lächerlich zu machen.«

»So ist das net. Du hast damit nichts zu tun. Wenn ich jemanden blamiert habe, dann nur mich.«

»Eben net. Wir sind ein Paar, Carolin. Was du tust, fällt auf mich zurück. Was glaubst du, was ich mir schon für Neckereien von den Kollegen anhören musste? Einer hat mir eine gute Lebensversicherung ans Herz gelegt. Ein anderer will mir zum nächsten Geburtstag einen Helm schenken, weil er meint, dass ich ihn in deiner Nähe brauchen kann.«

Carolin schluckte. »Das ist bestimmt net böse gemeint.«

»Aber das ist net das Bild, das ich anderen Menschen von mir geben will. Ich bin Anwalt, Himmel noch mal! In meinem Beruf sind gesellschaftliche Kontakte ausgesprochen wichtig. Was glaubst du, wo ich gut gestellte Mandanten finde? Net über Inserate in der Zeitung, sondern auf gesellschaftlichen Anlässen wie diesem. Ich brauche eine Begleiterin, die mich unterstützt und net blamiert.«

»Das hatte ich auch bestimmt net vor. Ich versuche wirklich, so zu sein, wie du mich haben willst.«

»Leider mit mäßigem Erfolg.« Er nahm ein silbriges Etui aus seiner Anzugtasche, holte eine Zigarette heraus und zündete sie an. Schweigend inhalierte er den Rauch und blies ihn wieder aus.

Mit seinen zweiunddreißig Jahren hatte Florian von Stetten viel erreicht. Er hatte sein Jurastudium in Rekordzeit absolviert und war auf dem besten Weg, einer der erfolgreichsten Anwälte Innsbrucks zu werden. Er hatte sich auf Erbschaftsstreitigkeiten spezialisiert.

Sein dunkler Anzug saß tadellos und verriet, dass er maßgeschneidert war. Florian überließ nie etwas dem Zufall. Er plante stets alles sorgfältig – ob es nun um seinen Tagesablauf oder um seine Karriere ging. Jeden Morgen joggte er eine Stunde am Inn, um sich fit zu halten, und das sah man seiner gestählten Statur auch an.

Carolin trat näher zu ihm. »Hör zu, ich werde mich bei unserer Gastgeberin entschuldigen. So etwas wird net noch einmal vorkommen.«

»Das hoffe ich sehr.« Der angespannte Ausdruck wich aus Florians Gesicht, und er atmete hörbar aus. »Mit dir ist es jedenfalls nie langweilig, mein Schatz.«

»Na ja, so kann man es auch sehen. Du, weil wir gerade ein bisserl Zeit für uns haben, wollte ich dich an die Geburtstagsfeier meines Großvaters erinnern.«

»Ach herrje! Wann findet sie noch mal statt?«

»Am kommenden Samstag. Die ganze Familie ist eingeladen. Dazu noch einige Freunde meines Großvaters.«

»Am Samstag? Tut mir leid, aber da kann ich net. Ich habe Unmengen zu tun.«

»Am Wochenende?«

»Leider ja. Ich muss mich auf eine schwierige Verhandlung vorbereiten. Außerdem sind Familientreffen nix für mich.«

»Kannst du dich net wenigstens für ein paar Stunden freimachen? Mein Großvater würde sich freuen, dich zu sehen.«

»Das bezweifle ich. Er ist ziemlich enttäuscht, dass ich mich mit Gesetzen befasse, anstatt mit Kuhmist und Hühnerfutter. Tut mir leid, aber es geht wirklich net.«

»Schade.« Carolin konnte ihre Enttäuschung nicht verbergen. Bedrückt kehrte sie wenig später mit ihrem Freund zur Tischgesellschaft zurück.

Inzwischen hatte sich auch ihre Gastgeberin wieder eingefunden. Sie schien Carolin das Missgeschick nicht nachzutragen und plauderte lebhaft mit ihren Gästen. Carolin und Florian schwiegen jedoch für den Rest des Essens.

Auch die Rückfahrt nach St. Christoph verlief einsilbig. Florian schien immer noch ärgerlich zu sein. Carolin versuchte mehrmals, ein Gespräch in Gang zu bringen, gab es aber auf, als sie nur knappe Antworten erhielt.

Vor dem Hof ihres Großvaters hielt Florian seinen Wagen an. Es war inzwischen dunkel geworden. Der Herbstwind trieb Laub über die Straße, die feucht vom Regen glänzte. Eine Katze huschte über den Asphalt und verschwand in der Hecke neben der Kirche.

Carolin wandte sich ihrem Freund zu. »Ist alles in Ordnung?«

»Sicher.« Er lächelte zerstreut. »Ich habe nur den Kopf mit Arbeit voll.«

»Möchtest du noch mit reinkommen und eine Tasse Kaffee trinken?«

»Ein anderes Mal gern. Heute kann ich net. Ich möchte vor dem Schlafengehen noch einmal in meine Unterlagen schauen und mich auf meine Verhandlung morgen vorbereiten.« Er beugte sich vor und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Ich rufe dich morgen an, ja?«

»Ist gut.« Carolin stieg aus und wartete, als er davonfuhr, bis sich die orangeroten Rücklichter seines Wagens in der Dunkelheit verloren.

Ein dumpfes Gefühl breitete sich in ihr aus, und ihre Augen begannen zu brennen. Ich habe ihn enttäuscht, dachte sie. Heute Abend hat er sich meinetwegen geschämt. Das hätte net passieren dürfen. Warum muss ich immer so ungeschickt sein, wenn es darauf ankommt?

Seufzend wandte sie sich zum Haus ihres Großvaters um.

Der Bauernhof stand am Waldrand auf einer Anhöhe. Von hier aus hatte man bei schönem Wetter einen herrlichen Ausblick auf die Zillertaler Berge. An diesem Abend reichte der Blick in der Dunkelheit nur bis zum nahen Forst.

Im Zimmer ihres Großvaters brannte noch Licht. Josef las abends gern vor dem Schlafengehen noch eine Weile. Vermutlich schmökerte er in dem Krimi, den er sich vor Kurzem in Mayrhofen gekauft hatte.

Carolin schloss die Haustür auf. Im Flur schlüpfte sie aus ihren Pumps und stieß erleichtert den Atem aus. Ihre Füße brannten wie Feuer. Die hochhackigen Schuhe waren eine Tortur gewesen. Während der Arbeit im Stall trug sie meistens Gummistiefel.

»Da bist du ja, Liebes.« Ihr Großvater kam aus seinem Zimmer und schaute verwundert auf seine Armbanduhr. »Du bist früh dran. Ich hab dich net vor Mitternacht erwartet.«

»Ja, weißt du, der Abend ist net sehr gut verlaufen. Ich fürchte, Florian war froh, als er mich absetzen konnte.«

»Dann ist er ein Dummkopf. Welcher Mann lässt das Madel, das er liebt, vor der Zeit nach Hause gehen?« Josef Ehammer schüttelte bedächtig den Kopf. Er war ein stattlicher Mann mit dichten weißen Haaren, dem man seine Jahre nicht ansah. Er hielt sich stets aufrecht und verströmte eine Energie, um die ihn so mancher jüngere Mann beneidete. »Also war der Abend ein Reinfall?«

Carolin nickte seufzend. »Ich fürchte, ich habe Florian den Abend verdorben.«

»Was hast du denn angestellt?«

»Ich mochte die Vorspeise net. Es gab Schnecken. Ich habe versucht, sie zu essen, das habe ich wirklich, aber dabei gab es eine Panne mit dem Tischtuch und der Blumenvase.« Carolin berichtete von dem Desaster.

Ihr Großvater brach in schallendes Gelächter aus.

»Das Gesicht der Gastgeberin hätte ich gern gesehen, als sie plötzlich die Orchideen samt Blumenwasser im Ausschnitt hatte. Das war bestimmt ein Bild für die Götter. Aber mach dir nichts daraus. So etwas kann jedem passieren.«

»Es ist aber leider mir passiert. Ich habe Florian blamiert.«

»Schmarrn! Ich hätte auch net mitessen können. Schnecken gehören in den Garten und net auf den Teller.«

»Es war halt gehobene Küche.«

»Wohl eher abgehoben. Und Florian mag so etwas? Unglaublich. Was findest du nur an ihm?«

»An Florian? Das ist leicht. Er ist warmherzig und klug. Ich bin gern mit ihm zusammen.« Carolin musste nicht überlegen, um das zu erwidern.

Nach ihrer letzten Trennung war sie unendlich einsam gewesen und lange allein geblieben, weil sie es nicht gewagt hatte, noch einmal jemandem zu vertrauen. Doch dann war sie Florian begegnet. Beim Skifahren war das gewesen. Sie hatte ihn versehentlich umgefahren, als sie einem Kind auf einem Rodelschlitten ausgewichen war. Sie waren zusammen in den Schnee gestürzt, aber Florian hatte nur gelacht und Carolin auf ein Glas Glühwein eingeladen. Damals hatten sie stundenlang geredet und sich Hals über Kopf ineinander verliebt.

»Warum magst du ihn net, Großvater?«

»Ich versuche es ja, aber er scheint in einer anderen Welt als wir zu leben.«

»So unterschiedlich sind wir gar net. Versuch es bitte, es würde vieles leichter machen.«

»Na gut. Ich werde auf meiner Geburtstagsfeier mit ihm reden.«

»Daraus wird leider nichts. Florian kommt leider net. Er muss arbeiten.«

»An einem Samstag?« Ihr Großvater runzelte die Stirn, sagte aber nichts weiter, und Carolin war ihm dankbar dafür, denn sie war selbst enttäuscht, dass ihr Freund abgesagt hatte.

»Die Liebe ist manchmal ziemlich kompliziert, was?« Ihr Großvater umarmt sie tröstend. »Aber das wird schon. Das Herz findet immer einen Weg, selbst wenn wir ihn noch net sehen.«

***

In den nächsten Tagen war Carolin von früh bis spät auf den Beinen, um den Ehrentag ihres Großvaters vorzubereiten.

Ihre Eltern waren bei einem Lawinenunglück ums Leben gekommen, als sie gerade acht Jahre alt gewesen war. Damals hatte ihr Großvater sie bei sich aufgenommen und alles getan, um das verzweifelte Kind, das sie gewesen war, zu trösten. Nun sollte er wenigstens einen schönen Geburtstag haben.

Sein Ehrentag sollte im Pavillon des Schlössls gefeiert werden. Der Stammsitz der Familie von Brauneck war ein gelber Barockbau, der auf einer Anhöhe im Westen des Dorfes stand. Baron von Brauneck war ein langjähriger Freund von Carolins Großvater. Er hatte gern zugestimmt, die Feier auf seinem Grund auszurichten. Der Pavillon bot Platz für die Festtafel und war überdacht, sodass die Gäste vor Wind und Wetter geschützt sein würden. Gegen die herbstliche Kälte wurden Wärmestrahler aufgestellt.

Carolin hatte eine lange Liste mit Erledigungen notiert, von denen die meisten inzwischen abgehakt waren. Es wurden fünfundzwanzig Gäste erwartet, darunter auch der Bergdoktor mit seiner Familie, Verwandte und Freunde ihres Großvaters. Carolin plante eine dreistöckige Schokoladentorte zu backen, die sie mit siebzig Kerzen verzieren wollte.

Am Nachmittag vor der großen Feier schmückte Carolin den Pavillon mit Blumen und bunten Blättern. Als sie sich umsah, wurde ihr das Herz weit, denn der Herbst tauchte das Tal in die herrlichsten Farben. Die Luft war angenehm mild, und es duftete nach Pilzen und frisch geschlagenem Holz. Die Berge zeichneten sich gestochen scharf vor dem blassblauen Himmel ab. Die Sonne neigte sich früh dem Horizont zu und verriet, dass der Winter nicht mehr fern war.

Hoffentlich ist das Wetter morgen auch so schön, sann Carolin. Dann können wir …

Ihr Blick fiel auf einen Mann, der über die Wiese auf sie zukam und einen Apfelschimmel am Zügel führte. Die junge Bäuerin keuchte leise auf. Johann!, hämmerte es hinter ihrer Stirn. Seit wann ist er denn wieder da?

Sie hatten einander fünf Jahre nicht gesehen, aber alles an ihm war ihr noch unendlich vertraut: ...

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